Warm Turkey

30. Juni 2015


Wenn Medien-Entzug zum Vergnügen wird

Ich bin auf Entzug. Multiplem Entzug. Nur bedingt freiwillig. Inzwischen aber gutwillig – und mit guter Laune. Los ging’s mit dem – nur teilweise freiwilligen – Entzug der Tageszeitung, in diesem Fall der Süddeutschen Zeitung. Teils war der streikbedingt, teilweise langen Absenzen von zu Hause geschuldet. Meine Abenteuer rund um mein Abo der Süddeutschen Zeitung habe ich hier in diesem Blog ausführlich beschrieben – samt erhellenden Kommentaren vom Digitalchef der Süddeutschen, Stefan Plöchinger.

Inzwischen bin ich Abonnent der Digitalausgabe der Süddeutschen. Nun gut, jeden zweiten Tag vergisst die Site mein Login, aber mit einem Klick kann  ich dann meist wieder weiterlesen. Nur noch freitags und samstags kommt die Printausgabe ins Haus. (Das klappt nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch.) Kein gutes Geschäft für die Süddeutsche, denn diese Kombi kommt billiger als das Voll-Abo. Der Effekt des Schwenks zur digitalen Ausgabe: Ich lese weniger. Dafür kann die Süddeutsche nichts, vor allem die Wochenendausgabe ist wirklich klasse.

Aber so weit ich vom Digital Native altersbedingt entfernt bin, die vielen Jahre Onlinekommunikation – 20 werden es dieses Jahr! – haben ihre Wirkung hinterlassen. Meine Medienrituale – oder wie der britische Digital-Anthropologe Daniel Miller es nennt: meine Mediatisierung – hat sich spürbar verändert. Zu ungunsten der überkommenen Medien.

Jede Kommunikation ist mediatisiert

Ein Artikel in der Zeit über Daniel Miller und seine weltweite qualitative Sozialforschung zu Facebook, Twitter, WhatsApp Instagram & Co. hat diesen Wandel sehr gut beschrieben: „Jedes persönliche und direkte Gespräch ist mediatisiert, es folgt impliziten Regeln und Konventionen.“Das ist im digitalen Umfeld nicht anders: „Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert.“ Sein wissenschaftlich untermauertes Resumé zu den Digital Natives: „Technik macht sie glücklich.“ – Ja, tut es – mehr oder weniger – auch bei mir.

Der Vorteil der Zeitung, ob digital oder nicht, ist, dass man selbst bestimmen kann, wann man sie lesen will. Das aber ist beim TV nicht der Fall. Entsprechend ist mein TV-Konsum ausgedünnt. Er geht in championsleague-freien Zeiten inzwischen gegen Null. Obwohl, die letzten Partien habe ich mir sowieso per Streaming angesehen. Das Ende von festgelegten Präsenzzeiten vor dem TV erlebe ich nicht als Entzug, sondern als Befreiung. Krimis langweilen mich, Talkshows lösen Panikattacken bei mir aus…, Was mich interessiert – ein paar Dokus oder die „Anstalt“ vielleicht – sehe ich mir an, wann ich will. In der Mediathek.

Leapfrogging in Realtime

Das Internet bietet einfach zu viele Attraktionen per Video. Grandiose Musikvideos, Vorträge (nicht nur bei TED), Fortbildungskurse, Dokumentationen gibt es en masse bei YouTube & Co. Hinzu kommen Serien bei Amazon Prime (Bosch, The Man in the High Castle) und Netflix. Und für die guten Tipps, was anzusehen lohnt und was angesehen  werden muss, sorgt die Medienkompetenz meiner Freunde bei Facebook und Twitter – allesamt medienaffine Menschen mit erfrischend kontroversen Interessen und breiter politischer Ausrichtung. (Zugegeben, politisch rechts ist gewollt eine breite Lücke.)

Bei meiner Reise zuletzt nach China war ich gezwungenerweise auch Facebook- und Twitter-abstinent. Beides ist ja in China zusammen mit allen Google-Diensten gesperrt. Auch hier, keine großen gefühlten Defizite. In China vermisst im Alltag ja sowieso keiner diese Dienste, weil es adäquate, oft bessere, passendere – und staatlich kontrollierte Angebote in China gibt. Den Effekt konnte ich gut live miterleben. Das Leben ist dort schon weit selbstverständlich digitaler als bei uns. Und das nicht nur bei jungen Menschen. Leapfrogging in Realtime. – Und ich bin kein Frosch und hüpfe mit.

Die Lehre der Leere

Zurück in Deutschland hat mein kontinuierlicher Entzug herkömmlicher Medienzufuhr durch den Streik der Briefträger weiter an Dynamik gewonnen. Seit drei Wochen ist nun unser Briefkasten schon konsequent leer. Und das ist gut so. Zum einen, weil ich als langjähriger Briefträger (zu Schul- und Unizeiten) deren Ausstand nur gut heißen kann. Zum anderen, weil man so erlebt, dass man es so auch gut ohne den gedruckten Spiegel aushalten kann. Gut für mein Zeitmanagement, schlecht für das Print-Business, dem ich schließlich die ersten zwei Jahrzehnte meiner Berufskarriere zu verdanken habe.

Vor allem aber lehrt der leere Briefkasten, wie sehr sich mein Kommunikationsfeld ins Digitale verschoben hat. Das Leben geht auch ganz gut ohne Post weiter. Herrlich, drei Wochen ohne Postwurfsendungen, ohne Werbung, ohne sonstigen Schmarrn. Gut, ein paar Steuerunterlagen sind verschollen, auch Auftragsbestätigungen. Das kann noch ärgerlich werden. Mal sehen, ob das Finanzamt auch höhere Gewalt (= Streik) anerkennen wird. – Und gespannt bin ich, wann der riesige Berg an Post, der in irgendwelchen Postlagern rumgammelt, angeliefert wird. Und wie? Per LKW?

Begleitete Verflachung und Verdummung

Wie geht es jetzt eigentlich Amazon? Ich bestelle dort nun gar nichts mehr. Dies auch aus erziehungstaktischen Gründen. Entweder wird aus Amazon eine verantwortungsvolle Firma mit Steuerzahlungen, adäquaten Löhnen – oder die Geschäfte in meinem Umfeld werden weiter von meiner Amazon-Abstinenz profitieren. Ich spüre auch hier fast keinerlei Mangelerscheinungen. Das ist Entzug auf die bequemste und irgendwie angenehme Art. Warm turkey statt cold turkey.

So verläuft meine Entwicklung zum Digital Adaptive in Riesensprüngen vorwärts. Den Einflüssen von Old School-Ritualen wie Streik sei dank. Und auch, weil die Medienlandschaft so spürbar und rapide verflacht. Welch Irrtum, im Digitalen nur in krampfhaft erzeugten Klick-Fantastilliarden zu denken. Man kann Clicks auch durch Leistung und Haltung erzielen. VOX, Mic, Vice, Mashable und andere in den USA machen es vor. Jürgen Habermas hat nicht so unrecht, wenn er wie zuletzt in der Süddeutschen schreibt: „Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.” Begleitete Verflachung und Verdummung, sozusagen. – Schön, dass ich da nicht mehr mittun muss. Warm turkey.


Die Wucht der Bezahlschranke

Vor einer Woche habe ich die Süddeutsche Zeitung in einer Lesermail gebeten, mir einen guten Grund zu geben, warum ich als Abonnent neuerdings zusätzlich Geld dafür zahlen soll, dass ich SZ.de lesen kann. Thema Bezahlschranke. Eine Antwort habe ich bis heute nicht bekommen. Scheint eine schwierige Frage gewesen zu sein. Aber man sollte meinen, es könnte eine Antwort auf so eine Frage bereit stehen, wenn man anfängt, für sein Internetangebot Geld verlangen zu wollen. Verkehrsschild im Schnee

Mal kurz die Fakten. Ein Zeitungsabo der Süddeutschen Zeitung kostet 54,40 Euro im Monat (innerhalb Bayerns). Eine Menge Geld, für das man eine Menge Papier frei Haus erhält, das man mehrheitlich nicht (mehr) liest. Aber der Deal ist o. k., eine Zeitung ist was wert. Mir ist es das seit über 40 Jahren wert. Und schließlich kann man als Ehepaar das Abo zu zweit nutzen.

Digital kommt teuer

Jetzt soll man dafür, dass man viele Artikel online liest (die man dann am nächsten Tag gedruckt nicht mehr lesen will), 7,50 Euro monatlich zusätzlich zahlen. Damit nicht genug. Der Ehepartner, da nicht Abonnent, muss für das Onlineangebot 29,99 Euro zusätzlich zahlen. (Die ganzen verbilligten Angebotswochen mal beiseite gelassen, denn die sind schnell vorbei.) Macht summa summarum 91,89 Euro. Das sind 37,49 Euro mehr, knapp 70 Prozent Verteuerung.

Oder will der Verlag, dass man auf das gedruckte Produkt verzichtet. Dann wäre man mit 59,98 Euro dabei, also nur ca. 10 Prozent Kostensteigerung. (Größere Haushalte mit Kindern oder Großeltern mal beiseite gelassen.) Egal: Hier hätte man doch schon gerne wenigstens ein gutes Argument. Denn so viel besser ist die Süddeutsche zuletzt nun auch nicht geworden.

Die Gratis-Kultur des Internet

Das zentrale Argument kenne ich ja sowieso: Das altherkömmliche Businessmodell funktioniert nicht mehr. Die Werbung bricht weg. Die Klein-, Auto-, Stellen- und Immobilienanzeigen sind schon lange den Bach runter. Die Verkäufe werden weniger, die Abonnenten auch. Und Onlinewerbung funktioniert auch nur sehr bedingt, mit hohem Risiko, dass sie mit zunehmend mobiler Nutzung auch massiv einbricht. Und wer ist schuld? Nicht zuletzt ich, der immer die Gratis-Kultur des Internets propagiert habe. Seit 1995. Schon damals hat mir das keine Freunde gebracht.

Das ist natürlich Quatsch, das mit der Gratis-Kultur, aber es argumentiert sich so bequem damit. Ich habe immer dafür plädiert, dass man neue Wege der Finanzierung von Content finden muss. Auch ich habe mich mit der einen oder anderen Einschätzung geirrt. Aber die Idee, sich lieber selbst zu kannibalisieren als die Klein-, Auto-, Kontakt-, Stellen- und Immobilienanzeigen verlagsfernen Firmen zur Eroberung auf dem Präsentierteller anzubieten, wollte nie jemand akzeptieren – bis es zu spät dafür war.

Google ist an allem schuld

Wie wenig – im Ganzen gesehen – Online-Werbung funktionieren kann, habe ich nicht abgesehen. Zu sehr habe ich Werbung als selbstverständliche Finanzierungsmethode von redaktionellen Inhalten gesehen. Ein wohl unvermeidlicher blinder Fleck der beruflichen Selbstwahrnehmung, wenn man über Jahrzehnte im Magazin-Business (vor dem Internet) davon – gut – gelebt hat.

Nun ist also – neben der Gratis-Kultur des Internet, versteht sich – die Digitalisierung daran schuld, dass das Anzeigenbusiness nicht mehr funktionieren will. Genauer gesagt ist Google dran schuld. Das behaupten zumindest die Großverleger und ihre Verbände. (Zur selben Zeit, arbeiten diese aber munter und sehr bereitwillig bei der Vermarktung ihrer Inhalte mit Google zusammen. Darüber wird aber brav still geschwiegen.)

Der Geburtsfehler der Qualitätsmedien

Die Wahrheit ist eine andere: Es war der Geburtsfehler der Zeitungshäuser schlechthin, dass von Anfang an die Werbung die teuren Herren und Frauen Journalisten und die von ihnen (mal teuer, mal weniger teuer) produzierten Inhalte quer subventioniert haben. Ein verständlicher Fehler. Schließlich sind viele Publikationen einst von Druckereien gegründet worden, die ihre Maschinen ausgelastet sehen wollten. Und wenn es informative und qualitätsvolle Inhalte brauchte, zwischen die man werbliche Inhalte platzieren konnte, dann war man sogar bereit, für Inhalte Geld in die Hand zu nehmen.

Dabei waren es genau diese qualitativen Inhalte, die Meldungen, die Features, die Reportagen, die Meinungen, die Reflexionen und auch die Provokationen, die unsere Gesellschaften, die unsere Demokratien erst möglich machten – und so lange prägten, dass sie uns heute – fälschlicherweise – selbstverständlich erscheinen. Ohne eine freie Presse, ohne die Vielfalt an gedruckten Meinungen wäre unsere pluralistische Gesellschaft nicht möglich.

Die Bezahl-Kultur durch Werbung

Blöd nur, dass ausgerechnet alles das dank der Finanzierung durch Werbung möglich wurde. Sozusagen haben wir nun schon seit ca. 150 Jahren eine fatale Nicht-Bezahl-Kultur von Inhalten durch Anzeigen und kommerzielle Angebote. 150 Jahre Bezahl-Kultur durch Werbung. Und genau die droht jetzt durch die Digitalisierung, vulgo GoogleFacebookTwitterWhatsAppPinterest&Co kaputt zu gehen. Aber ausbaden soll das nun der Käufer und Abonnent von Inhalten, weil der schuld ist an der Gratis-Kultur des Internet? Oder so.

Was mich daran so ärgert, ist die Business-Ignoranz der Verlage. Mit ihren Bezahlschranken sorgen sie sehr effektiv dafür, dass sie sich einerseits komplett und offenen Auges von jungem Lesepublikum verabschieden. Und zum zweiten nehmen sie sich aus dem öffentlichen Diskurs heraus, der heute nun mal in sozialen und mobilen Medien stattfindet. Und das alles nur, damit der Tod auf Raten ein wenig länger dauert und die Raten ein weniger billiger werden, weil von zahlendem Publikum ein wenig gegenfinanziert. Lange genug, damit die heute verantwortlichen Redakteure und Manager vermeintlich heil in Rente sind.

Die Hybris der hybriden Medien

Dafür überlassen sie das Feld den Content-Produzenten, die nur auf Klick-Millionen und -Milliarden aus sind, wie es etwa Jonah Peretti, Gründer von Buzzfeed, vor Kurzem auf der SXSW in Austin in seinem Vortrag deutlich gemacht hat. Dabei ist ihm völlig egal, welcher Plattform er sich dabei bedient. Eine eigene braucht er fast gar nicht, nur mehr für solche Medien-Dinosauriere, die mit ihren Laptops Homepages ansteuern. Also für Non-Digitals, die auch bereit sind, Bezahlschranken zu akzeptieren.

Wie fatal so eine Haltung ist, die alle neuen Content-Produzenten pflegen, die ihr Geld mit Native Advertising und anderen – vornehm gesagt – hybriden Finanzierungsmodellen machen, hat in einem bemerkenswerten Artikel in iMEDIA „How advertising ruined publishing“ Sean X. beschrieben: Wenn es keine klare und nachvollziehbare Trennung von kommerziellen und nicht-kommerziellen (vulgo: qualitativen) Inhalten gibt, bricht das komplette System des Publishing, wie wir es kennen und wie es unsere Gesellschaft geprägt hat, zusammen.

Ein möglicher Ausweg: Content-Streamingdienste

Sean X. ist VicePresident des Acquisition Marketing von creditera, einem Online-Business-Kredit-Anbieter. Sein Ausweg aus dem Finanzierungsdilemma von Qualitätsinhalten durch Werbung ist Micropayment, also das problemlose Zahlen von Artikeln ohne Abogebühren etc. (siehe oben); also sozusagen Bezahlschränkchen, so klein, dass sie niemand stören. Ich halte diesen Weg für nicht sehr gelungen und durchsetzbar – schon mangels funktionierenden und akzeptierten Micropaymentsystemen.

Ich halte eine andere Lösung für viel einfacher – und ich praktiziere sie seit geraumer Zeit täglich bzw. monatlich. Wie es gut funktionierende Musik-Streamingdienste wie Spotify oder Deezer gibt, die binnen kürzester Zeit auf Konsumentenseite akzeptiert worden sind, müsste es schleunigst wirklich gute Content-Streaminganbieter geben. Versuche in diese Richtung gab es schon, etwa Online-Kioske von Google (ausgerechnet!) oder von deutschen Verlegern (ausgerechnet!). Nur haben die nicht funktioniert, waren nicht ausgereift oder sind vor Bekanntwerden schon dem Vergessen anheim gefallen.

Mal sehen, wer groß und entschlossen genug ist, so etwas durchzusetzen. Weltweit, unkompliziert, bezahlbar und mit wirklich optimalen Inhalten. Dagegen würden sich Buzzfeed, Huffington Post, Vice und wie die Klick-Schleppnetzfischer alle heißen, schwer tun. Und Content-Produzenten sollten dann genug Geld bekommen, um wirklich qualitative Inhalte produzieren zu können, weil sie dann auf gesellschaftliche Relevanz gepolt sein können und nicht auf Klick-Gier. Das würde den Online-Inhalten generell mehr als gut tun.

Druckmaschinen zu Pflugscharen

18. November 2012


Das Ende der Frankfurter Rundschau

Groß war das Entsetzen, als die Frankfurter Rundschau Insolvenz anmeldete. Und bei aller reflexhaften Schuldzuweisung an die Gratiskultur des Internet, die wackeren Zeitungsjournalisten das Brot wegnimmt, war dann sogar auch ein wenig sachliche Kritik zu lesen, dass die Frankfurter Rundschau auch viel falsch gemacht hat. Als da wären: die lokale Berichterstattung vernachlässigt, zu wenig ideologische Aufgeschlossenheit, unausgegorene Digitalstrategie, das familienfeindliche Tabloid-Format u.a.m.

Um so mehr provozierte dann die vom (in Richtung „The Guardian“) scheidenden Chefredakteur von Zeit Online, Wolfgang Blau, eher en passant in einem Facebookkommentar formulierte Generalkritik, dass sich das Geschäftsmodell der Tageszeitung wohl überholt habe neu überdacht werden muss. [Korrektur, sie Kommentar unten.] Er hat so recht. Schlicht weil sich unsere Medienlandschaft längst massiv verändert hat – richtig wegen des Internets – aber nicht wegen dessen „Gratiskultur“.

Aktuelle Medien-Wirklichkeit

Wie sehr sich die Tageszeitung überlebt hat, erlebe ich ja selbst ganz real jeden Tag. Mal so, mal so. – Ich bin, seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, Abonnement der Süddeutschen Zeitung. Ihre Lektüre war jeden Morgen die allererste Handlung. Bis vor ein paar Wochen ein Tablet (Nexus) ins Haus kam. Jetzt ist das mein Gegenwarts- und Realitätsassistent.

Aber noch immer verbringe ich am Morgen Zeit mit meiner Süddeutschen. Früher waren das jeden Tag 30 Minuten und mehr. Heute sind das nur noch knapp 10 Minuten. Mehr Neues oder Interessantes hat die Zeitung in gedruckter Form nicht mehr zu bieten. Und ich habe längst erfahren, dass es auch ganz leicht ohne die morgendliche Zeitung geht. Immer wenn wir uns mal wieder nach Italien verabschieden, bestellen wir die SZ ab. Ein Hybrid-Abo, zu Hause in Papier und unterwegs als ePaper bietet der Süddeutsche Verlag natürlich nicht an. Und siehe da: Es geht wunderbar ohne morgendliche Zeitung. Ganz ohne Entzugserscheinungen. Und ohne ein Jota Verlust an Informiertheit und Medieninput. Dank des Internets.

Primär-, Sekundär und Tertiärmedium

Wichtige Aspekte der Medienwirklichkeit werden in der Diskussion um die Medien leider vergessen: Welche Rolle im Medienalltag spielt das jeweilige Produkt und der jeweilige Kanal? Was ist das Primärmedium, die erste Anlaufstation, mit der ich mich aktuell auf dem Laufenden halte? Was ist das Sekundärmedium, wo ich mir Analysen und Hintergrundinformationen hole? Was ist das Tertiärmedium, in dem ich aktuelle Themen in der Breite vertiefe? Und dann gibt es noch Quartiärmedien, bei denen ich blanke Unterhaltung suche.

Einst hat die Tageszeitung alle vier Bereiche bedient. Es gab wirklich neue Nachrichten, selbst wenn man eifrig Nachrichten in TV und Radio verfolgt hat. Es gab die Analysen und Berichte, die Nachrichten in Beziehungssysteme setzten. Im Feuilleton, in (Wochenend-)Beilagen und Magazinen wurde Aktuelles mit Interviews und Reportagen unterfüttert. Und sogar der Quartiärbereich, das Entertainment,  wurde beliefert mit Vermischtem, Rätseln, Witzen und Fortsetzungsromanen.

Frischere Ideen online

Und heute? Finster sieht es im Primärbereich aus, wenn es um Tageszeitungen geht. Kaum eine News steht heute in den Zeitungen, die ich nicht längst schon erfahren habe – in Onlinemedien, per Facebook, Twitter, Google+  etc. Bezeichnend ist doch, dass der Online-Ableger eines typischen Sekündärmediums, des Spiegel, heute die Marktführerschaft im Bereich der Primärmedien hat und allen Konkurrenten der einstigen Primärmedien (Tageszeitungen) den Rang abgelaufen hat. Und wer ist von der Relevanz her auf Platz Zwei? Zeit Online! Das Sekundär- und Tertiärmedium schlechthin. Das digitale Versagen der Tageszeitungen kann deutlicher nicht sein.

Einzige Ausnahme, wo es in Tageszeitungen noch Primärelemente, sprich wirklich Neues zu erfahren gibt, ist das lokale Umfeld. Hier gibt es noch kaum funktionierende, verlässliche Blogs und wenig Konkurrenz. Aber wie lange noch? Vor allem Facebook macht da schwer Boden gut. In unserer italienischen Zweitheimat, wo es kaum funktionierende Lokalberichterstattung gibt, informiert man sich über sein eigenes Umfeld vorzugsweise per Facebook.

Redaktion der Print-Dosis

Und wie schaut es im Sekundärbereich aus? Da liefern die führenden Tageszeitungen nach wie vor zuverlässig Hintergrundinformationen, sogar investigative Stories und reichlich Analysen. Aber schlimm sieht es am Land und bei den kaputtgesparten Redaktionen aus, wo jenseits der (umgeschriebenen) Agenturmeldungen und der Hausaufgaben an Kommentaren wenig mehr zu finden ist. Bekomme ich etwa in Berlin die Berliner Zeitung in die Hand, ist es erschreckend, wie schnell man das Blatt durch hat, weil man fast nirgends zum Lesen verführt wird.

Und die Konkurrenz im Sekundärbereich ist im Internet heute so hoch wie noch nie. So viele erstklassige Autoren bloggen heute, so viele Blogger liefern erstklassige Artikel, hervorragend geschrieben, mit viel Hintergrundwissen. Wie oft habe ich bessere Analysen und Reflexionen online gelesen als tags darauf in meiner Süddeutschen. Vor allem sind die vielen Qualitäts-Blogger, die heute verlässlich liefern, ideologisch viel unbelasteter, stilistisch frischer und gedanklich innovativer als das Gros der Tageszeitungsautoren. Vielleicht weil sie in einer Wirklichkeit jenseits der Redaktionsstuben oder Newsrooms leben. Vielleicht, weil die interessanten und innovativen Köpfe nie in einer Zeitung sitzen wollen würden. (Und exzellente Blogger für Zeitungen zu engagieren ist scheinbar undenkbar?)

Die mobile Konkurrenz 

Ähnlich groß ist für die Zeitungen die Online-Konkurrenz im Tertiär-Markt. (Vom Quartiärbereich ganz zu schweigen. Hier hat man längst kapituliert.) Immer mehr attraktive Inhalte in Sachen Kulturberichterstattung, vor allem abseits der großen Kulturtempel, finden sich online. Immer mehr Analysen, Reportagen und Features finden sich heute im Netz. Und der Tipp per Twitter oder aus einer funktionierenden Facebook-Community lässt solche Perlen verlässlich finden.

Aber nicht so sehr die Sozialen Netzwerke sind das Problem der Tageszeitungen (die schon auch). Es ist die explosionsartige Vermehrung der Mediennutzung über mobile digitale Geräte, sprich Smartphone und Tablets. Den offensichtlichsten Beweis dafür liefert mir jede morgendliche Fahrt mit der S-Bahn. Noch vor einem guten Jahr las ein Drittel bis die Hälfte der S-Bahn-Pendler in Büchern aber vor allem in Zeitungen. Heute hat sich das völlig geändert. Kein Viererabteil, in dem nicht zwei bis drei Menschen auf ihr Smartphone starren, in ihrem Tablet lesen – oder häufiger: Filme ansehen – oder im eReader schmökern.

Lesevergnügen per Tablet

Mit jedem neu verkauften Smartphone und Tablet entdeckt ein Zeitungsleser mehr, dass es auch ohne Zeitung geht – und wie erfreulich ein individuell nach persönlichen Interessen zusammengestellter Medien- und Informationsmix (inklusive Facebook & Co.) sein kann, den Apps wie Flipboard, Currents oder andere aggregieren. Sie entdecken wie man sich so viel bequemer und vielseitiger, weil aus vielen (Gratis-)Quellen, und nicht weniger aktuell informieren und unterhalten lassen kann als mit einer sperrigen Zeitung (und sei sie im Tabloid-Format).

Und mit jedem verlorenen Zeitungsleser wird das Problem der teuren Produktions- und Distributionslogistik der Zeitungen evidenter. Es ist nun einmal teuer auf Papier zu drucken und physikalische Produkte zu vertreiben. Und je weniger Abnehmer es gibt, um so mehr eskalieren die Kosten. Und irgendwann ist es dann einfach zu teuer, Papier zu bedrucken und Zeitungsausträger jeden Morgen loszuschicken.

Eine Gewissensfrage

Hinzu kommt, dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, dass da jemand früh morgens mit dem Auto (!) herumfährt, um mir meine Zeitung an die Türe zu bringen. Und das gesammelte, wenig gelesene Papier bringe ich dann einige Tage später zum Papiercontainer. Ökologisch ist das ja nun nicht. Bur halt eine Gewohnheit, kurios verklärt als Kulturleistung- Wo ich doch die Artikel auch easy digital herunterladen und bequem auf meinem Nexus lesen könnte. – Gerne auch bezahlt.

Und an dieser Stelle meiner Argumentation gebe ich an Richard Gutjahr ab, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag vorbildlich schlüssig die mangelhafte Angebotspolitik der Verlage kritisiert, die ebenso dumm wie effektiv dem absehbaren Zeitungssterben in Deutschland Vorschub leistet. Sein Fazit: „Es geht den Verlagen noch zu gut – oder einfach noch nicht schlecht genug.“ – Aber sicher nicht mehr lange. – Irgendwann heißt es dann: Druckmaschinen zu Pflugscharen.

Stilvoll in die Nische

27. Februar 2010


PrintPlus-Innovation Summit in München

Wenn schon etwas zu Ende gehen muss, dann bitte wenigstens stilvoll. Das war schon das Motto des Salon-Orchesters auf der Titanic. – Nein, mit solch einem Vergleich tut man der Print-Branche und ihrem ersten vollmundig getauften Kongress „Innovation Summit 2010 – PrintPlus – The Future of Publishing“ ein wenig unrecht. Die von der w&v und TrendONE veranstaltete Veranstaltung hatte grundsätzlich den richtigen Ansatz, gute Themen und auch einige gute Vorträge. Nur ob den Teilnehmern aus dem Print-Business  – Druckereien, Softwareanbieter, Agenturen und recht wenige Zeitungs- und Zeitschriftenproduzenten – das so bewusst war, ist nicht ganz klar.

Los ging die Veranstaltung am 25.2. in München mit einem Vortrag von Dr. Mercedes Bunz, die von ihrer Biographie prädestiniert für diese Veranstaltung war. Die Mitgründerin von De:Bug, dem Printmagazin (!) zur Digitalen Kultur, ist inzwischen über die Leitung der Online-Redaktion des Tagesspiegel zum Media Editor des Guardian avanciert. Gut ihr Hinweis, wie schwer sich das von den Verlagen weithin abgeschriebene Print-Business mit Innovationen tut. Hier fehlt Mut, Entschlusskraft – und vor allem Budget, um etwas Neues zu wagen. Was das aber sein könnte, das blieb zunächst eher im Dunklen.

Schade, dass Bunz in ihrer Argumentation für eine Selbstermutigung des Print stets Redaktion, Content und Produkt quasi als Synonyme gebrauchte. Mit solch unscharfer Prämisse muss jeder sinnvolle Ansatz einer Zukunftsvision für Print und dafür tauglicher Business-Modelle scheitern. Dabei deutete ihr Aufruf, auf Papier gedruckte Medien im Premiumbereich anzusiedeln, in die richtige Richtung. Motto: Zeitung als Juwel! Aber Dr. Bunz scheute geflissentlich, unangenehme Wahrheiten zu verbreiten.

Beifall für brutale Wahrheit

Das tat dafür dann um so treffender, kompetenter und dabei noch mit polnisch-englischen Chaos-Charme  umso netter der Zeitungsdesigner Jacek Utko. Sein Vortrag war sowohl optisch, rhetorisch als auch vor allem inhaltlich ein echtes Highlight. (Die Kurzfassung davon kann man als TED Talk genießen, und auch sein Blog ist mehr als lesenswert!) Ganz exzellent ist Utkos Arbeitsansatz beim – erfolgreichen – Redesign von Zeitungen und Magazinen. Erst widmet er sich mindestens sechs Wochen der Leserstruktur, dem Content, dem Businessmodell und vor allem dem Team der Zeitung, bevor er mit ihm zusammen ein neues, wirtschaftlich tragfähiges Produkt schafft, das er erst abschließend neu – und sehr mutig plakativ neu designt.

Ganz am Ende seines perfekten Zehnpunkte-Programms einer erfolgreichen Revitalisierung eines Print-Produktes spricht er die brutale Wahrheit über das Printbusiness explizit aus: „Ich sehe keinen einzigen Grund, warum auf Papier gedruckte Medien noch irgendeine Rolle im Bereich der Massenmedien spielen sollten.“ Aber solch einen schmerzhaften Satz spricht er so verbindlich und charmant aus, dass das Auditorium tatsächlich dafür auch noch herzlich Applaus spendet. – In dem Moment war der Gedanke an das Orchester auf der Titanic unausweichlich…

„Gutes“ Geld vor der Nische

Aber wie recht Utko hat! Print hat seine Zukunft, unbestritten. Aber eben nur in der Nische. Etwa als Fetisch für Bildung, Wissen, politisches Interesse, an Kultur oder Kunst, an Bildern und Fotografie und Sonderinteressen. Meinetwegen auch als Juwel. – Und bis das so weit ist, kann man doch trotzdem gute und schöne Zeitungen und Zeitschriften machen und auch noch ein Zeitlang „gutes Geld“ damit verdienen, wie Peter Würtemberger von Springer nicht müde wurde im Diskussionspanel mit Florian Haller (Serviceplan), Boris Schramm (GroupM) und Joachim Tillessen (Presse Coop, CH) zu betonen. – Fragt sich: wer verdient dann „schlechtes Geld“? Google?

Auch die Diskussionsrunde war sich implizit einig, dass es mit Print als Massenmedium nicht mehr sehr lange gut gehen wird. Der Weg in die Nische war kaum widersprochen. (Nur die Schweiz und Coop scheinen auf einer „Insel der Seligen“ – Zitat Würtemberger – zu leben.) Interessant aber zu erfahren, wie kompliziert noch immer der Buchungsvorgang von Anzeigen im Printbusiness ist. Ein weiterer Nachteil im „Effizienzdilemma der etablierten Medien“ im Zeichen der „Digitalisierung der Planungsprozesse“ (Schramm).

Wie sich die Printmedien in der Nische künftig aufhübschen können bzw. als Initial- und Steuerungs-Plattform für Digitale Medien reüssieren können (Augmented Print), wurde in eindrucksvollen, wenn auch eher techno-naiven Präsentationen gezeigt. Da irrlichterten (sic!) lustig flockig neue Catchwords durch den Raum: Augmented Reality, 3-D-Druck, 3-D-Animation, Printed Electronics, OLED/AMOLED, 5-Sense-Print, Transactive Print, Illuminated Print, Hybrid Publishing, Mobile Augmented Reality… Motto: Just name it!

Der Leser ist unwichtig?

Eine analytische Einordnung all dieser Phänomene, jedwede soziologische, business- oder bedarfsorientierte Analyse all dieser neuen Zukunftsoptionen schenkte man sich komplett. Auffallend auch, dass den ganzen Tag eine nicht ganz unwichtige Komponente der Zukunftswelt der Medien gar nicht vorkam: der Leser aka User und seine Bedürfnisse. Der scheint in dem Spiel irgendwie völlig unwichtig zu sein. Der darf nur kaufen und zahlen. Aber wie Businessmodelle – ob Nische oder nicht – funktionieren sollen, ohne auch nur die blasseste Ahnung von den Bedürfnissen und den sich derzeit dramatisch ändernden und „partikularisierenden“ Rezeptionsgewohnheiten etwa der Digital Natives zu haben, das bleibt unerklärt.

Ein lustiges Panoptikum an Optionen ohne jede Analyse, ohne jede Bedarfsorientierung, ohne jede gesellschaftliche und soziale Einordnung, das kann auch in der kleinsten Nische nicht funktionieren. Vorschlag für die nächste Folge des Kongresses: Print PLUS Leser, Medien PLUS User!

Es liegt mir auf der Zunge

16. Februar 2010


Zu viel Information – zu wenig Exformation

Wer jammert nicht über die Informationsflut? Zwei Exabytes, das sind zwei Milliarden Gigabytes, kommen jährlich an neuen Informationen beispielsweise allein im Internet hinzu, mindestens. Das Wissen der Welt verdoppelt sich – da streiten die Experten – alle sechs bis zwölf Jahre. Auch das nur ein Annäherungswert.

Der Zuwachs an Wissen und Information könnte objektiv gesehen eine positive Tatsache sein, subjektiv wird sie aber durchweg als unangenehm und stressig empfunden. Kein Wunder, denn die schiere Masse, die Komplexität und Chaotik der Informationsflut verringert rasant die Menge an Exformation.

Exformation ist die Menge an Informationen, die wir unausgesprochen mit dem uns umgebenden Umfeld teilen. Dazu zählt auch das Arsenal an Gesten, Lauten, Mimik, aber auch Scherzen, Dialekt- und Umgangsausdrücken, das sich  im sozialen Umfeld eingebürgert hat. Das alles wird gerne – und treffend – auch „soziales Geräusch“ genannt.

Das berühmteste Beispiel an Exformation ist ein Brief des französischen Autors Victor Hugo an seinen Verleger, in dem er nach den Verkaufszahlen seines neuesten Romans „Les Misérables“ fragte. Hugos Brief lautete schlicht: „?“. Die Antwort seines Verlegers war ebenso kurz: „!“. Und beide wussten was Sache ist. Das Buch verkaufte sich gut.

Das Problem der Informationsflut,  vor allem aber der Diversifikation der Medien ist, dass immer weniger Exformation geschaffen wird. Das Verbindende gemeinsam gelesener Medien, gemeinsam gesehener Filme und Fernsehsendungen etc. wird immer weniger, die gemeinsame soziale Taktung zunehmend reduziert.

Exformation in Social Media

Der Erfolg der Social Media ist genau aus diesem Mangel heraus zu erklären. In Facebook & Co. kommuniziert man besonders gut in einem gemeinsamen sozialen Kontext, stellt Gemeinsamkeiten durch positive Affirmationen via „Like“-Button oder durch kurze Bemerkungen und Scherze immer aufs Neue aktiv her.

Heute nur mal kurz den Namen „Westerwelle“ erwähnt, vielleicht noch durch eine ironische Bemerkung garniert, das garantiert im richtigen sozialen Kontext auf alle Fälle reichlich Affirmation. Dasselbe gilt für andere Reizwörter. Ähnlich wirksam sind Bemerkungen und Kommentare in Blogs, die einen Sachverhalt, einen Missstand oder einen Trend in wenigen Worten treffend auf den Punkt bringen.

Das Problem vieler etablierter Medien, vor allem der, die sich zu sehr auf Zulieferung von Dritt- und Billiganbietern oder austauschbaren Agenturen verlassen, ist der Umstand, dass sie vielleicht reichlich Informationen bieten, aber keine oder viel zu wenig Exformation schaffen. Das führt sehr schnell zu einer Entfremdung zwischen  Zeitung und Leser, TV und Zuschauer, Medium und User. Das passiert eher sublim und schleichend, aber dabei mit verheerenden Auswirkungen. (Das ganz besonders bei jungem Publikum.)

Digitale Exformation hat Zukunft

Nichts ist erfolgreicher, als wenn man etwas liest und sich dann freut, wie durch einen Text ein Stück Common Sense auf den Punkt gebracht ist. Nichts beeindruckt dauerhafter, als wenn ein Mediennutzer das Gefühl hat, als wäre das, was er liest oder sieht, ihm quasi schon auf der Zunge gelegen. Das ist der perfekte Moment, an dem Exformation passiert.

Medien, Content-Provider oder auch Blogs, die im Digitalen Raum Exformation schaffen, haben die besten Perspektiven. Dasselbe gilt für alle Firmen, die dies mit eigenem Content oder perfekter Nutzung/Einbindung von Social Media schaffen. Ihnen gehört die Zukunft – in einer Zeit jenseits manipulativer Werbung – in einer Zukunft der Eigenbegeisterung der Nutzer. Im Exformations-Zeitalter.

Die neuen Herausgeber

29. Januar 2010


Bratpfannen zu Content! Oder so…

Keine Frage. Gute journalistische Arbeit ist nur gegen (gutes) Geld zu haben. Gerade im Information Overflow ist man froh für jede Justierung von Tatsachen, für jede schlüssige Erklärung und natürlich besonders, wenn Missstände aufgezeigt werden – etwa durch investigativen Journalismus. Aber die Frage bleibt, wer das finanziert. Das müssen nicht zwangsweise Abonnenten von starken Medien (Zeitungen, Magazinen, TV-Anstalten etc.) sein.

RED BULLetin

Warum können das nicht ganz neue Medienanbieter sein. Zum Beispiel so kleine und wendige Neugründungen wie die Huffington Post. Oder warum nicht große Medien-Distributoren wie Vodaphone, die Deutsche Telekom, Verizon, AT&T etc. Warum nicht starke Konsumenten-Marken, die schon heute mehr und mehr Marketingmittel in eigene Medien stecken wie zum Beispiel Red Bull. Vielleicht ist ja investigativer Journalismus bald solch ein waghalsiger und riskanter Job, dass er zu einer Marke wie Red Bull passt (s.a. Red Bulletin).

Oder mal anders herum argumentiert. Wenn Medienunternehmen wie die Süddeutsche, Focus, The Guardian etc. Geld damit verdient, indem sie Wein verkaufen, DVDs oder auch Bratpfannen, warum sollten dann Produzenten von Bratpfannen (oder besser von anderen hochwertigeren Konsumentenprodukten) nicht umgekehrt in Qualitätsjournalismus investieren?

Warum sie das tun sollten? Alle großen Konsumentenmarken haben das Problem, dass sie die direkten Kundenbeziehungen an Amazon, Google und andere verlieren. Warum sollen sie den Kontakt zu ihren Kunden nicht durch gut gemachte Medien – also Journalismus – zurück zu gewinnen versuchen?

Qualitativer Journalismus kostet Geld. Aber die Frage bleibt offen, wer dafür zahlt. Womöglich in Zukunft nicht mehr (nur) der Leser oder Zuschauer. Hier hilft vielleicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Journalismus. Die meisten Zeitungen und Magazine sind entstanden, weil Besitzer von Druckmaschinen einen Weg gesucht haben, ihre Druckpressen besser auszulasten. Dafür haben sie Magazine und Zeitungen gegründet – und Journalisten angeheuert. Alle großen Medienhäuser haben so angefangen. Und warum soll es heute anders sein. Wenn Produzenten einen Sinn in einem Engagement in Medien sehen…

Im Digitalen Zeitalter kann jeder Herausgeber sein. Jeder kann hochqualitativen Journalismus bieten – per Internet. Hans Mustermann ebenso wie große Marken. Und das müssen eben nicht zwangsweise große Medienmarken sein. Entsprechend absurd ist die Vorstellung von Paid Content als einzige Option einer funktionierenden Medienwelt. Medien haben die letzten Jahrzehnte immer davon gelebt, dass sie Marketingvehikel waren. Warum soll auf einmal einzig der Konsument für die Medien zahlen, bloß weil Marketing glücklicherweise heute das Geld nicht mehr in manipulative und impertinente Werbung investiert…

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