HC = horroris causa/humoris causa


Die Geschichte hinter dem Video

Ich kenne HC Strache nicht. Ich kenne nur seine Medienauftritte und seine rechtspopulistischen Sprüche (samt adäquater Politik). Aber ich habe ihn jetzt sehr privat kennengelernt. Vier Stunden lang im Urlaub auf Ibiza. Oder was Menschen vom Schlage eines HC Strache halt als Urlaub verstehen. Da gibt es keine Pause von der Gier nach Macht.

Heinz-Christian Strache (FPÖ)
HC Strache (Foto: Wikipedia)

Oder ist das Urlaub, wenn man noch wurstiger als sonst schon über die Spielregeln der Demokratie hinweggeht? Urlaub ist auf alle Fälle der (noch?) maßlosere Konsum von Alkohol, Red Bull, Zigaretten, eigenen Fingernägeln und weiß sonst noch was. Geile Mischung: Sedativum gemischt mit Aufputschmitteln. Klar, dass dann der Hormonhaushalt durcheinander gerät und das Denkvermögen leidet. Bleibt nur der pure Instinkt und der allgegenwärtige innere psychische Motor eines von Kindheit an gefühlt Zu-kurz-Gekommenen (nein, kein Wortspiel!).

Kann Authentizität „dumm“ sein?

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ attestiert dem zurückgetretenen FPÖ-Obmann (Parteivorsitzenden) eine „atemberaubende Dummheit“. Ich finde, diese Diagnose ist viel zu harmlos. Abgesehen davon, dass man weiß, dass HC Strache per se nicht „dumm“ ist. Aber die Situation und das Verhalten der Protagonisten ist viel abgefeimter, als dass es „dumm“ genannt werden könnte. Denn hier kommt der Strache ans Tageslicht, wie er nun mal ist. Authentizität live in action. In Red Bull veritas, sozusagen. Und das vor zwei Menschen, die er das erste Mal in seinem Leben sieht. Wie mag er sich aufführen, wenn man „unter sich“ ist? Daher hier auch keine klammheimlich Freude, sondern das Gegenteil. (Was ist das Gegenteil von klammheimlich?)

Ich habe seinerzeit meine eigenen Erfahrungen gemacht damit, wie Menschen sich ideologisch entblößen, wenn sie von ihrer eigenen Wichtigkeit besoffen sind und in einem Gegenüber die geeignete, vielleicht dringend gewünschte Projektionsfläche für ihre sonst sorgsam verhüllten politische Ansichten finden. Wo sie doch sonst immer so aufpassen müssen, nicht mit ihren Ansichten anzuecken oder gar das eigene Geschäft zu schädigen.

Vergangenheit als investigativer Reporter

Ich war ja beim WIENER selbst jahrelang als investigativer Reporter unterwegs und war immer eher entsetzt als erfreut, wenn ich im Sinne der Story erfolgreich war, und sich Menschen in ihrer politischen Verstocktheit oder ihrer Gier entblößt haben. Sei es, wenn sie ein KZ für AIDS-Opfer bauen wollten, samt Stacheldraht und bewaffneter Wache; oder wenn sie einen dubiosen rechten politischen Verein zu finanzieren bereit waren, ähnlich wie es HC Strache der Oligarchen-Nichte vorschlug, um die Finanzierungsgesetze der politischen Parteien in Österreich zu umgehen; oder wenn sie sich nicht zu fein waren, Schleichwerbung im TV zu machen etc.

Ich hatte mich damals nach jedem meiner „Erfolge“ oft selbstkritisch gefragt, ob ich meine Gegenüber zu sehr gelockt habe, sie also verführt habe. Gott sei Dank hatte ich immer einen Zeugen oder mein (verborgenes) Aufnahmegerät dabei, damit ich mich später beruhigen konnte, dass sich meine „Opfer“ schon selbst um Kopf und Kragen geredet haben. Ich hatte nur die geeignete Situation dafür geschaffen, sozusagen die Plattform für ihre Selbstentblößung.

Das Budget der Inszenierung

Genau dasselbe habe ich im Strache-Video entdeckt. Auch hier war gekonnt die Situation inszeniert. Das fing sicher schon im Vorfeld, in Gesprächen mit Gudenus, dem Initiator des Treffens, an. Dann am Abend selbst wurde mit viel Aufwand und Kosten gearbeitet. Das hat die Süddeutsche Zeitung sehr gut in ihrer Dokumentation „In der Falle“ dokumentiert.

Es wurden Tausende Euros für die Anmietung des Anwesens auf Ibiza ausgegeben, hinzu kamen Kosten für das Catering, die vielen Stimulanzien und wohl auch für die Anmietung protziger Autos (Maybach, BMW Z4) und etliche Bodyguards als passendes Ambiente. Letztere wären sicher sehr hilfreich gewesen, falls der Prank, wie man heute bösartige Streiche nennt, schief gegangen wäre. Und bei den Kosten nicht zu vergessen: das technische Equipment mit einer kleinen Armada an versteckten Kameras und Mikrophonen in verschiedenen Zimmern und draußen auf der Veranda samt deren Aufnahmegeräte.

Die Jagd auf die Initiatoren

Und last not least mussten auch noch die beiden Protagonisten, die Darstellerin der russischen Oligarchen-Nichte und deren Begleiter gefunden – und schätzungsweise – bezahlt werden. Was für ein Aufwand. Unterschätze keiner, was das für eine massive Organisations-Arbeit ist. Und insgesamt dürfte da locker ein Budget von 25.000 bis 40.000 ofder mehr Euros zusammengekommen sein. Viel zu viel Geld für einen investigativen Scherz, zu viel auch für eine Aktion von Medien. Eher ein Budget, das einen professionellen Hintergrund und ein veritables Interesse vermuten lässt. Die Jagd auf die Initiatoren dieses Spektakels wird die nächsten Wochen spannend zu beobachten sein.

Aber zurück, was auf den Videos zu erleben ist. Da ist weit mehr jenseits der eifrig kolportierten dubiosen Angebote, der möglichen Durchstechereien, der verdeckten Spenden und skizzierten Einschränkungen demokratischer Rechte und Institutionen zu entdecken. Man muss sich einmal komplett auf die völlig absurde Situation in der Villa auf Ibiza einlassen.

Machogehabe vs. gute Nerven

Man stelle sich es nur vor: Hier sitzen neben Strache auch noch Johann Gudenus, der Fraktionsvorsitzende der FPÖ, und vor allem seine Ehefrau über vier Stunden herum. Und es hat spürbar keinen Einfluss, dass neben der vermeintlich reichen Russin noch eine zweite Frau in der Runde sitzt. Da wird trotzdem ungeniert gebalzt und geprahlt. Es scheint sogar, dass diese Anwesenheit zur Ungezügeltheit und Ungehobeltheit eher angestachelt hat. Machogehabe at its extreme.

Mich interessieren in der Situation besonders die beiden Protagonisten, die im Video nicht zu sehen sind. Aus gutem Grund wahrscheinlich, zu ihrem eigenen Schutz. Die Darstellerin der geldigen Russin und ihr Begleiter, ein Deutscher (?) mit guten Russischkenntnissen. Dieses Meeting mit all seinen absurden Wendungen und dem Konsum von stimulierenden Substanzen über vier Stunden lang ausgehalten zu haben und immer wieder leise und gekonnt nachgehakt zu haben, ohne je zu übertreiben, das setzt wahnsinnig gute Nerven, eine ähnliche Abgefeimtheit – nennen wir es hier mal „mentale Stärke“ – wie die des Gegenübers und hohe Motivation voraus.

Spannung, Spannung, Spannung…

Das Faszinosum des per Video dokumentierten Treffens ist neben seiner Dauer vor allem seine Fülle an Themen und Absurditäten und der Einblick in ein virtuoses Panoptikum menschlicher Abgründe. Und es ist immer spannend: Wann, bitte, fliegt der Prank endlich auf?

Einmal ist es ganz nah dran. „Dös is a Falle!“, raunt Strache. Er hat Verdacht geschöpft, weil die reiche russische Milliardärs-Nichte dreckige Fußnägel hat. Das muss aber nicht wirklich störend gewesen sein, denn sein Jagdinstinkt ist längst geweckt: „Bist du deppert, die ist schoarf!“, meint er zu Gudenus. Da glaubt Strache seinem Adlatus Gudenus gerne, als der ihn beruhigt: „Des is kaa Falle!“

Die Unwirklichkeit des HC Strache

Kein Wunder, dass „Joschi“, wie Strache Johann Gudenus nennt, kein Interesse hat, dass das Treffen im Fiasko endet. Schließlich hat er es eingefädelt und ist mit seinen  Russischkenntnissen – er hat in Moskau studiert – unabkömmlich als Dolmetscher und Stichwortgeber. Wenn der in Aussicht gestellte Geldregen mit schwarzem russischen Geld wirklich kommt, wird er der große Held in der FPÖ sein.

Die Wahrheit ist aber eine andere. Es gab, so heißt es, im Nachgang zu der „Party“ auf Ibiza noch ein paar Kontakte zwischen Gudenus und dem Vermittler. Aber irgendwann muss der Kontakt ja abgebrochen sein. Vor allem aber wurde nichts von dem, was besprochen wurde, je Wirklichkeit. Es floss kein Geld aus Russland, es kamen keine Spenden herein und auch die Kronen-Zeitung wurde nicht gekauft und im Sinne der FPÖ umgemodelt.

Viel Spaß im neuen Leben

Irgendwann nach der Wahl 2017 muss Strache und Gudenus klar geworden sein, dass sie einem Fake aufgesessen sind. Die Ansprechpartner waren nicht mehr zu erreichen. Alles war wie im Rausch verflogen. Vielleicht sieht die Wirklichkeit bei der FPÖ so aus, dass alles jenseits der Realität geschieht? Aber Strache muss sich doch bewusst gewesen sein, dass er sich mit dem Meeting erpressbar gemacht hat. Aber auch das scheint in der österreichischen Politik der Normalfall zu sein, wie es Strache im Video in seinen Andeutungen über die Homosexualität und Sexualeskapaden österreichischer Politiker angedeutet hat.

Spätestens seit Mittwoch vor dem Erscheinungstermin der Story in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel am Freitag, als er von den beiden um Stellungnahme gebeten wurde, muss Strache bewusst geworden sein, dass diese Nacht auf Ibiza sehr verhängnisvoll für ihn werden sollte. Dann spätestens dürfte ihm auch klar geworden sein, dass das komplette Fiasko auch noch gefilmt und aufgezeichnet worden war. Interessant, dass er sich nicht bemüßigt fühlte, umgehend seinen Chef, Kanzler Sebastian Kurz, darüber zu informieren. Und irritierend, dass er bei seinem Rücktritt am Samstag so konsterniert und geschockt aussah, als hätte er alles gerade erst erfahren. Er muss bis zuletzt gedacht haben, irgendwie damit davonzukommen.

Irrtum. Wie formulierte der österreichische Kabarettist Michael Niawarani so schön: „Sehr geehrter Herr Strache. – Viel Spaß im neuen Leben!“

P.S.: Das alles hat übrigens in einem Land stattgefunden, dass berühmt ist für mediale Späße. Ich erinnere mich heute noch mit Vergnügen daran, als Ottfried Fischer für den WIENER im Ductus von Franz Josef Strauß den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim angerufen hat und ihn auf die Wiesn eingeladen hat.

 

 

Die Zukunft holt mich ein


Trends 2015 – Ideen, Fakten Perspektiven

Manchmal überrascht der digitale Wandel selbst mich. Irgendwann vor ein paar Monaten erreichte mich eine Email vom Fischer Verlag, in der nachgefragt wurde, ob ich einem Reprint des Buches „Trends 2015“ zustimmen würde. Einzige Bedingung, drei Exemplare der damaligen Ausgabe zum digitalen Einlesen zur Verfügung stellen. Die Email kam von Fischer Digital, die das Buch, das Gerd Gerken und ich 1995 veröffentlicht haben, als eBook und als Reprint (on demand?) in Taschenbuchform neu auflegen wollten.

Trends 2015Und siehe da, heute wurden tatsächlich zwei gedruckte Belegexemplare geliefert. Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei den üblichen Verdächtigen (Amazon, Libri etc.) zu erwerben. Das freut mich wirklich. Ich denke aber, das Buch braucht eine kleine Bedienungsanleitung, um es zu verstehen – und gegebenenfalls wertzuschätzen. Die Kritiken zum Buch – teilweise noch im Netz – waren damals recht gut. Nur wenige Rezensenten lebten ihre generelle Aversion gegen Trendforschung und Zukunftsprognosen aus.

Die Zukunft der Zukunft

Ach ja, damals. Das Buch wurde in den Jahren 1991 bis 1994 geschrieben. Es entstand aus einer Artikelreihe in der Zeitschrift WIENER – Zeitschrift für Zeitgeist. Dort behandelten wir der Reihe nach Zukunftsszenarien für die unterschiedlichsten Themen. Von Zukunft der Liebe, Zukunft des Sex bis Zukunft des Sport oder Zukunft der Demokratie etc. Das Buch war dann eine Sammlung von überarbeiteten Versionen der Zeitschriftenartikel, um einige Themen und einen Einleitungs- und einen Schlussartikel – Die Zukunft der Zukunft – ergänzt.

1995 erschien das Buch als Paperback im Schweizer Scherz Verlag und verkaufte sich so gut, dass es 1998 von dtv als Taschenbuch herausgebracht wurde. Als Titel hatten Gerd Gerken und ich „Trends 2025“ gewählt. Das war dem Scherz Verlag zeitlich viel zu weit weg. Zitat: Keinen interessiert, was in 30 Jahren passieren wird. Also wurde der Titel zu „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“ verjüngt. – So gesehen kommt der Reprint zeitlich richtig, nur eigentlich müsste er jetzt – endlich richtig – „Trends 2025“ heißen. Denn die Entwicklungen, die wir in dem Buch beschreiben, sind deutlich noch nicht abgeschlossen, sondern werden teilweise gerade im Moment erst virulent.

Multimedia statt Internet

Ich freue mich, dass das Buch jetzt wieder auf dem Markt ist. Für die Inhalte und Prognosen müssen wir uns nicht schämen. Im Gegenteil. Man muss das Buch nicht aus einer historischen Perspektive lesen – es bietet genug Polarisierungen und Provokationen, um auch noch heute lesenswert zu sein. Vor allem, weil wir mit einigen Prognosen ziemlich richtig lagen. Das lässt hoffen, dass wir auch beim Rest nicht so schlecht liegen – bei der Vorausschau bis in das Jahr 2025 – und darüber hinaus. Vor allem funktioniert das Buch besonders gut als Erklärung und Beschreibung  unserer Jetztzeit und der Gründe, warum es so gekommen ist – oder kommen musste.

Dabei weist das Buch eine große Kuriosität auf. Kein einziges Mal taucht im Buch der Begriff „Internet“ auf. Dieser Terminus war zu Redaktionsschluss Ende 1994 einfach noch nicht verbreitet und adaptiert. Wir haben uns im Buch bei der Beschreibung des „digitalen Zeitalters“ (Zitat!) mit Begriffen wie „digitale Kommunikationskanäle“, „Cyber“, „Virtualität“ und vor allem „Multimedia“ beholfen. Letzteres haben wir als interaktiv und immersiv definiert und als Ersatz für alle bisher existierenden Medien. Auch, dass dieses neue Hypermedium unser Sozialleben grundlegend ändern wird, haben wir prognostiziert. So gesehen haben wir das Internet und viele seiner Auswirkungen vorausgesehen – nur der Terminus war naturgegeben in den Jahren 1992 bis 1994 hierzulande noch nicht geläufig genug.

Auch bei einigen anderen Themen und Begriffen passiert das in dem Buch. So gut Zukunftsprognosen auch inhaltlich sein mögen. der Begriff, der sich dann letztlich durchsetzen wird, ist beim besten Willen nicht erahnbar. So hat das Buch an der einen oder anderen Stelle ein wenig – sprachliches – Patina angesetzt. Mich stört das nicht, im Gegenteil, es gibt dem Reprint fast ein wenig nostalgische Eleganz. Und es zeigt, wie schnell unsere Sprache auf die Veränderungen der Welt reagiert. Und trotzdem gibt es einige Begriffe, die bis heute auf eine schlüssige Benennung warten. Wir haben dazu einige brauchbare Vorschläge geliefert.

24 Kapitel über die Zukunft

Folgende 24 Themen behandeln wir in dem Buch :

  1. Schöne neue Welt – Einleitung für die Zukunft
  2. Die telematische Gesellschaft – Die Zukunft der Trends
  3. New Edge – Zukunft des Denkens
  4. Die Hyperrealisten kommen – Zukunft des Minds
  5. Die Generation von morgen – Zukunft der Generation X
  6. Die Liebe auf Probe – Zukunft der Liebe
  7. Cybersex und Sexpeace – Zukunft des Sex
  8. Das große Nagual – Zukunft der Freizeit
  9. Media goes Multimedia – Zukunft der Medien
  10. Bewusstsein durch Cyber – Zukunft der Kunst
  11. Die Bodyshow – Zukunft des Sports
  12. Spaß muss sein – Zukunft der Arbeit
  13. Family Business – Zukunft der Firmen
  14. Interfusion – Zukunft des Marketing
  15. Ode an den Code – Zukunft der Werbung
  16. Der Stoff, aus dem Gefühle sind – Zukunft der Mode
  17. Faster times, faster food? – Zukunft der Ernährung
  18. Der Fetisch der Mobilität – Zukunft des Autos
  19. Der Mythos des Homunculus – Zukunft der Gentechnologie
  20. Schluss mit Bambi – Zukunft der Ökologie
  21. Die freie Spiritualität – Zukunft der Religionen
  22. Das Ideal und der Ekel – Zukunft der Demokratie
  23. Neuentwürfe einer Ideologie – Zukunft der Ideologien
  24. Wir werden Schamanen, die träumen – Zukunft der Zukunft

Wie man sieht, sind wir keinem inhaltlichen Risiko aus dem Weg gegangen damals. Das ist vor allem das Verdienst von Gerd Gerken, der sich nie gescheut hat, auch kontroverse Themen sehr kontrovers, mutig und provokativ anzugehen. Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er mich zwang, aus meiner ideellen und mentalen Komfortzone herauszukommen. Die ersten „gemeinsamen“ Kapitel waren noch ein Mitschreiben von meiner Seite mit dem Bemühen, Gerd Gerkens sehr eigene Sprache und Terminologie allgemein verständlich umzusetzen.

Raus aus der Komfortzone

Im Prozess der Arbeit an immer mehr Themen konnte ich mich dann mehr und mehr einbringen. Ich hatte immer besser gelernt. selbst kontrovers und „rücksichtslos“ zu denken – und zu schreiben. Am Ende der Entwicklung stand nicht nur dieses Buch, bei dem ich in Eigenregie das Einleitungskapitel schrieb – und Gerd Gerken standesgemäß das Schlusskapitel. Am Ende der Entwicklung stand auch meine Kündigung beim WIENER. Man muss nur das Kapitel „Zukunft der Medien“ lesen, dann versteht man, warum. Ich wechselte damals 1993 zur Werbeagentur „Scholz & Friends“ nach Hamburg, um dort deren Abteilung „Trend Research“ aufzubauen.

Und wie es das Schicksal so wollte, kam dann ein großer Trend auf, den man in Deutschland damals nicht ernst nehmen wollte (oder konnte): das Internet. Ich hatte so meine Probleme, meine Kunden von diesem Trend und seinen Implikationen zu überzeugen. Also arbeitete ich mich tiefer und tiefer in die Materie ein – und war dann plötzlich einer der wenigen „Experten“ fürs Internet in Deutschland – und wurde als Chefredakteur von Europe Online nach München abgeworben. Das war 1995, vor 20 Jahren. (Dazu bald mehr – hier an dieser Stelle.)

Gerd Gerken – der Urvater der deutschen Trendforschung

Ach ja, es wird heute dann doch Menschen geben, die Gerd Gerken nicht kennen. Ende der 80er- Jahre und in den 90er-Jahren war er ein gesuchter Coach (damals war der Begriff noch nicht so herabgewirtschaftet wie heute) und ein erfolgreicher Buchautor mit mehr als einem Dutzend Büchern über neues Marketing, Business, Firmenführung – und er war der erste ernst zu nehmende Trendforscher Deutschlands. Von ihm haben alle Trendexperten hierzulande gelernt. Nicht nur ich, auch Matthias Horx und etliche andere.

Gerd Gerken und ich arbeiten bis heute in unterschiedlichsten Projekten zusammen. Nicht mehr publizistisch, das ist nun mein Part. Aber wir versuchen, in immer neuen Projekten die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation möglichst weit auszureizen. So gesehen war das Buch das Beste, was mir passieren konnte. Schön, dass es es jetzt wieder gibt. – Ich lese mich gerade wieder in ihm fest…

Digital native products


Indianer von links, Indianer von rechts…

Es gibt Texte, da wird man als Journalist blass um die Nase, wenn man sie liest. Blass vor Neid, weil sie so gut sind. Ein Text, der sich mir in fast traumatischer Manier ins Gedächtnis eingefräst hat, erschien in der vierten Ausgabe des deutschen WIENER (August 1986). Dort beschrieb auf drei Druckseiten die österreichische Motor-Journalisten-Legende Herbert Völker in unnachahmlicher Art die Überführungsfahrt eines Ferrari GTO von Italien nach Salzburg. Am Steuer Niki Lauda, der neue Besitzer dieses GTO, den er für seine Verdienste für den italienischen Rennstall damals geschenkt bekommen hatte.

Eine Passage aus dem Artikel kann ich fast auswendig. Völker beschreibt die Geräuschkulisse des Ferrari bei Tempo 280. Zitat: „Als Schreiber ist man an dieser Stelle zu einem Wortbild verpflichtet, das Ihnen alle Urgewalt, Dröhnkraft, Nuancierung und Musikalität eines 400-PS-Ferrari nahe bringt. Wegen der beiden Turbos ist die Sache kompliziert. Man muss sich das so vorstellen: Indianer von links, Indianer von rechts, dazwischen siebentausend fliehende Büffel, hintendran sechzehn Coyoten, die hecheln und pfeifen. Der Rest geht im Lärm unter.“

Mit 421 PS in die Zukunft

Es hat dann genau 28 Jahre gedauert, bis ich selbst am Steuer eines Autos gesessen bin, das 400 PS hat, genauer gesagt 421 PS (310 kW). Und es beschleunigt in 4,4, Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ein in des Wortes Bedeutung „atemberaubendes“ Erlebnis, wenn ein Auto so rücksichtslos mit der Körpersensorik umgeht wie dieses und einen bei Vollgas unbarmherzig in die Sitze presst. Und leicht traumatisch, wenn es auch jenseits der 100 km/h damit nicht aufhört.

Der große Unterschied dabei: die Lärmkulisse. Keine Indianer, keine Büffel und keine Coyoten, nix. Nur das Atmen der Mitfahrer ist hörbar. Und damit auch die Beschleunigung der Atemfrequenz der Wageninsassen mit zunehmender Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn die 421 PS entstanden hier nicht in acht oder zwölf hektisch explodierenden Verbrennungskammern, sondern sie kamen aus vier Elektromotoren, je einer für jeden Reifen. Denn ich hatte das Vergnügen einen Tesla S fahren zu dürfen. (Danke, Muck!)

Der Genuss des elektrischen Fahrens

Man kann sehr ins Schwärmen kommen, wenn man das Fahren mit einem Tesla beschreibt. Vorausgesetzt, man ist nicht motorgeräusch-abhängig. Ich habe jedenfalls reichlich Kontra bekommen, als ich meinen auto-affinen Freunden vom Tesla vorgeschwärmt habe. Diese Liebhaber von Porsches, schnellen Mercedes und Audi waren gleich mit heftiger Kritik und haufenweise Gegenargumenten unterwegs, warum man Tesla kein vollwertiges Auto ist. Die Reaktion erinnert mich an das starrsinnige Festhalten vieler meiner Generationsgenossen und Freunde an der Vorstellung, dass nur vollwertige Medien sind, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder per Funksignal auf dem TV erscheinen.

Ein Auto ohne Krach, Gestank und Ölverbrauch ist für viele Menschen – noch? – nicht vorstellbar. Mich befiel nach knapp 10 Minuten Probefahrt mit dem Tesla das Gefühl – nein, ich war mir sicher, das in spätestens zehn Jahren das Fahren mit Benzin verbrauchenden, lärmenden und Kohlenwasserstoff und Gifte ausstoßenden Vehikeln ebenso verpönt, bäh und unkorrekt sein wird, wie heute im Auto eines Nichtrauchers eine Zigarre anzuzünden – oder im Kreise von Veganern ein blutiges Steak zu verzehren. Und man wird sich wundern, warum die Menschheit so lange gebraucht hat drauf zu kommen, dass es viel sinnvollere und nötigere Verwendungszwecke von Öl und Benzin gibt, als das man diesen Stoff verbrennt, um von A nach B zu kommen. Vor allem, weil es so viel angenehmer, smarter und bequemer ist, elektrisch zu fahren.

Digital native Produkte

Der Grund meiner Begeisterung für Tesla ist dabei gar nicht so sehr der ökologische Faktor. Es ist der umfassende Komfort dieses Autos. Das fängt bei der Fahrleistung und der Geräusch-Schonung an und reicht weiter über die Service-Leistungen bis hin zum Bedienungskomfort. Der Tesla ist nämlich in Wahrheit ein wunderschön großes, einfach zu bedienendes Tablet, das die Mittelkonsole dominiert, mit einem Lenkrad zur Linken und vier Rädern unten dran. Zugegeben, eine schön designte und mit vielen intelligenten Features angereicherte Karosserie drumherum.

Der Tesla ist, und das steht im Kern meiner Begeisterung, ein digital natives Produkt. Es stammt aus der digitalen Gegenwart und ist für unsere digitale Zukunft gebaut. All die anderen Autos stammen aus der industriellen Vergangenheit und sind mit Computern und digitalen Assistenzsystemen angereichert. Dafür müssen Keilriemen und Antriebswellen Elektrizität erzeugen und weitere analoge Systeme deren Befehle wieder mechanisch umsetzen. Das hat der Tesla eben nicht nötig. Daher gibt es dort keine störenden Tunnel im Fahrgastraum, daher gibt es keinen Ölwechsel, keine platzenden Kühlwasserschläuche und andere Unsäglichkeiten. Er ist ein Auto, das zu allererst von Programmierern konzipiert und dann ingenieurisch umgesetzt worden ist. Bei den konventionellen Autos ist es umgekehrt, da steht der Ingenieur im Mittelpunkt und Programmierer werden nur notgedrungen geduldet, wenn es denn sein muss.

Digitale Business-Modelle

Das ist der Vorteil aller digital native Produkte. Sie sind originär und zentral für das digitale Zeitalter konzipiert und nicht mühsam und ungenügend und mit viel Kompromissen an die digitale Neuzeit nachgerüstet. Daher funktionieren mit ihnen ganz andere Businessmodelle und daher sind ganz andere Service-Optionen möglich. Das gilt für viele digital native Produkte und Services – und deswegen tun sie allesamt den etablierten Produkten und Services weh, egal wie sehr sie sich um digitales Aufhübschen bemühen. Und deshalb sind die Wächter des Undigitalen, vorneweg die Politik und die Verwaltung immer schnell dabei, den Startvorteil der digital nativen Angebote durch Verbote zu behindern oder zu verunmöglichen.

Chris Dixon, Partner des Hedge Fonds Andreessen Horwitz und Investor in Buzzfeed, bringt die besondere Qualität solcher Firmen in seinem Blog auf den Punkt: „BuzzFeed is a media company in the same sense that Tesla is a car company, Uber is a taxi company, or Netflix is a streaming movie company.“ Sie alle sind es in dem Sinne, dass sie digital native sind und keine Kompromisse mit überkommenen Ideen und Konzepten vornehmen (müssen). Und sie sind es nicht, wenn man sie an den etablierten Erwartungen der jeweiligen Produktkategorien misst. Denn sie bieten so viel mehr als die „analogen“ Vorgänger.

Die Vorteile der Digital Natives

Tesla ist nicht nur ein Tablet auf Rädern, sondern auch ein Netzwerk von Ladestationen, Fahrern und Afficionados. Netflix ist nicht nur ein Streaming Service, sondern die größte Abstimmungsplattform von Filmen mit einer grandiosen Empfehlungsqualität. Buzzfeed ist der wohl radikalste Ansatz eines populären Mediums, zugleich populistisch und anspruchsvoll, das User auf wirksame Weise einbindet und die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion neu definiert. Uber ist ein persönlicher Mobilitätsservice und zugleich ein Bewertungs-Netzwerk von Mobilitäts-Service. (Das sollten mal Taxivereinigungen hinkriegen, dass man die Fahrer und Autos und deren Service bewerten kann!)

Die Liste ließe sich locker fortsetzen. Airbnb ist keine Zimmer-Vermittlung, sondern mit seinem Netzwerk von Empfehlungen und Bewertungen ein echter City- & Fremdheitsintegrator von Reisenden. Wikipedia ist eben kein elektronisches Lexikon, sondern eine Plattform, auf der die verschiedenen Wahrheits- und Wissensvarianten von Themen einvernehmlich integriert werden (oder nicht, wie beim Beispiel Scientology). Facebook ist kein elektronischer Freundeskreis-Organisator, sondern für viele junge Menschen deren vornehmlicher Erfahrungskosmos im Internet. Und Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern der weltgrößte private Datensammler und die größte Keyword-Versteigerungsplattform.

Die Deployment-Phase

Chris Dixon beschreibt ganz richtig die heutige Zeit als die Deployment Phase des Computers, die Zeit der vielfältigen Anwendung, die auf die Installationsphase folgt. Und in dieser Phase gewinnen die Produkte, die originär die Vorteile der digitalen Zeit nutzen, gegenüber denen der industriellen Vorzeit, egal wie sehr sie und wie gut sie digital erweitert sind. Das genau erlebt man sogar rein physisch, wenn man einen Tesla fährt.

Herbert Völker schrieb damals vor fast 30 Jahren, würde nicht der Motor acht Zentimeter hinter seinen Ohren so laut arbeiten (Mittelmotor!), wäre es in dem so genial designten Ferrari so „still wie in einer geräumigen Kathedrale“. Er hat schon vor knapp 30 vorausgeahnt, wie ein Tesla klingt. Dass er ebenso gut fährt, konnte er kaum ahnen.

Die Herausgeber


Der Herausgeber als Mut-Garant

Seit dem Tod von Frank Schirrmacher ist dank der vielen intensiven Nachrufe der Beruf des Herausgebers wieder in den Vordergrund gerückt. An diesem Beispiel wurde ein mal mehr deutlich, wie wichtig ein Herausgeber sein kann, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt und das nötige Format dazu hat.

Ich bin ja selber Herausgeber – des Multimedia Annuals des Walhalla Verlags. Das ist ein echtes Vergnügen – und auch Arbeit. Themen für die Artikel im Buch wollen gefunden werden und Autoren dazu. Das Konzept will weiter entwickelt werden, Marketingideen müssen immer neu geboren werden. Die Jury gilt es auszuwählen – und dann die Jurysitzung vorzubereiten und zu leiten. Herausgeber eines Buches zu sein, braucht vielleicht ein paar gute Ideen, ein paar Verbindungen und ein inhaltliches Konzept. Das finanzielle Risiko aber trägt in diesem Fall der Verleger (publisher).

Arno Hess - Verleger der Münchner Stadtzeitung  Foto: Dorin Popa
Arno Hess – Verleger der Münchner Stadtzeitung
Foto: Dorin Popa

Dieser Beruf des Herausgebers (publisher!) scheint mir im digitalen Raum viel zu kurz zu kommen. Er ist es, der die Leitlinien eines Mediums bestimmt, der die inhaltliche Ausrichtung mitbestimmt – und vor allem auch finanziell und rechtlich vor dem Verlag bzw. Verleger vertritt. Er ist es, der einer Redaktion vorgibt, wie mutig sie sein darf – oder wie liebedienerisch sie sein muss. Er bestimmt, wie konfrontativ ein Medium sein darf – samt möglichen rechtlichen Auseinandersetzungen – oder wie weichgespült es sein muss. Er justiert die Nähe zu Anzeigenkunden oder definiert die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Geldquellen.

Der renitente Verleger

Meine eigenen Erfahrungen mit Herausgebern sind begrenzt. Bei der Münchner Stadtzeitung hatte ich mich mit meinen Ideen und meinem Budget mit dem Verleger und Gründer Arno Hess auseinanderzusetzen. Er war, ohne sich je so explizit zu nennen, auch Herausgeber. Wurde es mal eng, sei es weil gegen Artikel geklagt wurde oder ein Anzeigenkunde sich nicht fair behandelt sah, kam bei Arno Hess immer ein sehr angenehmer Wesenszug zum Zug: Er war extrem freiheitsliebend, und jeder, der diese Freiheit einengen wollte, hatte bei ihm schlechte Karten. Sehr schlechte Karten.

Egal, was passierte, ich fühlte mich damals bei meiner Arbeit als verantwortlicher Redakteur immer unterstützt, immer sicher. Je schräger und besser die Ideen der Redaktion waren, desto mehr blühte Arno Hess in seiner Rolle als Herausgeber auf. Und wenn es galt, noch ein wenig Geld für schräge Ideen wie Brettspiele auf dem Titel, Rabattaktionen oder Aufkleber etc. zu akquirieren, schickte Verleger Arno Hess den Anzeigenaquisiteur Arno Hess auf die Straße und ans Telefon. Und wenn die Münchner Tagespresse solche Ideen dann per einstweiliger Verfügung zu stoppen versuchte, bereinigte Herausgeber Arno Hess die Situation klaglos – oft auch lautlos.

Rückhalt für Recherchen im Randbereich

Beim WIENER war die Situation brisanter. Viele Recherchen waren investigativ, und  da agierte man als Reporter oft in einem rechtlichen Graubereich. Bei vielen Geschichten wussten wir, dass rechtliche Auseinandersetzungen kommen könnten. Der einzige Schutz dagegen war der Erfolg der Geschichte – bei den Lesern und den Kollegen der anderen Presse. Wurdenwir dort zitiert, wagte kaum einer der Betroffenen, gegen die Geschichte zu klagen. Zu groß wäre das Medienecho gewesen – und zu negativ. (Und tatsächlich wurde ich für eine Geschichte, die nicht funktioniert hatte, verklagt und verurteilt. Wegen übler Nachrede und Gründung einer Scheinfirma, die als Homebase für eine investigative Geschichte dienen sollte.)

Beim WIENER habe ich exemplarisch erlebt, wie ein Herausgeber einem Chefredakteur den Rücken stärkt. In rechtlichen Auseinandersetzungen und in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Das war zuerst Hans Schmidt als Geldgeber und Verleger des Deutschen WIENER, den er aus Verärgerung darüber gegründet hatte, dass der Jahreszeitenverlag, mit dem er den WIENER nach Deutschland bringen wollte, hinter seinem Rücken seinen Chefredakteur Markus Peichl und seinen Artdirektor Lo Breier abgeworben hatte und ohne ihn TEMPO als Zeitgeistmagazin in Deutschland lancierte hatte.

Provokation als Pflicht

Der Herausgeber war hier nie Bremser, sondern im Gegenteil Antreiber. Er ging alle denkbaren Risiken ein, rechtlich und wirtschaftlich. Aber auch als der WIENER vom Bauer Verlag gekauft wurde, wurde der Rückhalt für die Redaktion nicht geringer. Rechtlich war der Verlag durch die lange Tradition der „Quick“ in Rechtsstreitigkeiten erprobt. Man schien sogar geradezu Spaß daran zu haben, immer mal „wider den Stachel zu löcken“.

Solche Erfahrungen prägten mein Bild, wie ein Herausgeber zu sein hat – und was er einer Redaktion geben kann. Ich habe keinen Weltenerklärer wie Helmut Schmidt bei der „Zeit“ erlebt. Keinen Journalistenmythos wie Augstein beim Spiegel. Keinen intellektuellen Antreiber wie Frank Schirrmacher.  Ich habe nur Menschen erlebt, die mir und meinen Kollegen ermöglicht haben, die Grenzen des Journalismus auszuloten und Recherchen zu wagen, die auch mal Neuland betraten. Das gelang bisweilen sehr gut, manchmal sind wir übers Ziel hinausgeschossen und – ganz selten – provozierten wir eher aus Selbstzweck. Da war es gut, eine Instanz zu haben, die nicht ins Tagesgeschäft verwickelt war und von außerhalb des Redaktions-Bubbles Feedback gab.

Plattform ohne Sinn & Zweck

Fragt sich, wie heute im Zeichen völlig veränderter Produktionsprozesse in den Medien diese Funktion erfüllt wird. Eine Arianna Huffington tut das bei ihrem Onlineportal. Sie hat ihre Freunde – darunter viele Prominente gebeten – für sie zu schreiben. Unentgeltlich. Als Gegenleistung bot sie in den USA eine Plattform – die Huffington Post -, die andere Zielgruppen im Internet erreichte und die politisch offen und unabhängig war. Keine Selbstverständlichkeit in den USA. So schaffte sie es, die HuffPo zu einer wichtigen liberalen Stimme in den USA zu machen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. (Natürlich auch dank der vielen gratis zuliefernden Autoren.)

Wie man in Deutschland auf die Idee kommen kann, einen Cherno Jobatey zum Herausgeber der deutschen Ausgabe der Huffington Post zu machen, ist dann schon sehr kurios. Man kann von diesem TV-Moderator halten was man will, aber als Kämpfer für redaktionelle, rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit ist er nicht recht vorstellbar. Hier wurde die Position des Herausgebers für PR-Zwecke missbraucht. Und das in einem Verlagshaus, das sehr genau weiß, wie wichtig gute Herausgeber sind: Burda.

Herausgeber für Corporate Content

Wie schwer es ist, qualitative Inhalte zu produzieren ohne die schützende oder fördernde Hand eines Herausgebers, durfte ich ein ums andere Mal bei unterschiedlichsten Firmen erleben. Da werden gerne ambitionierte Content-Projekte entwickelt – und so lange dieses Projekt ganz oben vom Vorstand gut geheißen und vielleicht auch noch inhaltlich begleitet wurde, konnten sogar im kommerziellen Umfeld gute, ja sogar mutige Inhalte umgesetzt werden. Hier fungierte der Vorstand (oder zumindest einer seiner Mitglieder) als Herausgeber. Das motiviert dann auch die damit befassten Manager. Denn so kann man ja Punkte beim Vorstand gut machen.

Aber das ist meist nur eine Optimalsituation auf Zeit. Irgendwann hat der Vorstand ein anderes wichtiges Thema zu verfolgen und gibt die Verantwortung ab, stets mindestens eine Entscheidungsebene weiter nach unten. Hier beginnt dann schon bald eine qualitative Nivellierung. Die Manager der zweiten und dritten Ebene haben nicht das Standing – und auch nicht den Mut -, sich für eine Publikation Probleme einzuhandeln. Hinzu kommt, dass Manager im Mittelmanagement mit der Aufgabe eines „Herausgebers“ völlig überfordert sind. Und sie können in dieser Situation karrieremäßig wenig gewinnen, aber viel verlieren, etwa wenn ein Shitstorm über die Firma niedergeht.

Der CCO – Chief Communication Officer

Also versuchen die Manager, die Verantwortung für schwierige Content-Projekte möglichst schnell weiter zu delegieren. Natürlich wieder ein, zwei Hierarchiestufen nach unten. Und das verschärft das Dilemma nur noch weiter. Kompetenz, Interesse und Mut sind hier noch weniger verbreitet. Spätestens hier regierten dann nur noch Mutlosigkeit und Beliebigkeit. Und schnell ist der Punkt erreicht, wo solche Projekte schließlich mangels Erfolg eingestellt werden. Schuld sind natürlich die verantwortlichen Redaktionen und Agenturen, nie die Firma selbst.

Corporate Content wird für große Firmen aber immer wichtiger. Nur damit wird man sich in einer Daten- und Content-Gesellschaft noch wirkungsvoll profilieren können. Will man aber nicht ein ums andere Mal mit Content-Projekten, ob Blogs, (Web-)Magazinen, Social Media oder anderen (digitalen) Veröffentlichungen, scheitern, muss dafür gesorgt werden, dass die Verantwortung und das aktuelle Handling in die Hand eines Managers gelegt werden, der möglichst hoch in der Hierarchie des Unternehmens angesiedelt ist, möglichst direkt im Vorstand. Dieser „Herausgeber“ – oder nennen wir ihn CCO, Chief Communication Officer, ist die logische Konsequenz einer Wirtschaft, die immer mehr durch die Effekte von Publikationen, von Corporate Content bestimmt ist. Und je besser der CCO, desto besser – und mutiger – die Publikationsqualität und die Wirkung nach außen. Nur so werden große Marken in Zukunft leben – und überleben – können.

 

 

Freiheit & Raum


Stets auf der Suche nach Freiräumen

Wenn man meiner beruflichen Karriere irgendeine Logik geben will, dann am ehesten die, dass ich immer Freiräume gesucht habe. Das ging in der Uni los, Meine Mutter war eine der seltenen Male sprachlos, als ich statt brav auf Lehramt zu studieren mich in Theater- und Kommunikationswissenschaften (plus Germanistik) eingeschrieben hatte. Texte schreiben und inszenieren war eine traumhafte Spielwiese – und dabei konnte man gut austesten, wieweit die Toleranz der Institutsverantwortlichen bei provokativen Inszenierungen ging. Und mit Rezeptionsforschung (samt Computerauswertung mit Lochkarten!) konnte ich die Wirkungsweise solcher Arbeit gut abzuschätzen lernen.

opengateDer nächste logische Schritt war es, Theater- und später auch Filmkritiken zu schreiben – und erste Reportagen im Kulturumfeld. Auch hier viel Freiraum. Den konnte ich dann extrem erweitern, als ich die Münchner Stadtzeitung mit Arno Hess gründete und redaktionell leitete. Hier gab es wirklich keine thematische Begrenzung. Wir nutzten das ausgiebig, um die Grenzen unseres Könnens und mit unseren investigativen Recherchen die Grenzen der rechtlichen Möglichkeiten auszuloten. (Siehe hierzu auch: Humor & Justitia.)

Verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen

Der nächste Schritt, neue Freiräume im Journalismus auszuleben war mein Wechsel zum WIENER. Als Chefreporter und später als stellvertretender Chefredakteur durfte ich lernen, wie mühsam und zugleich höchst befriedigend es sein kann, verrückte Ideen zu spinnen und sie dann doch in funktionierende Geschichten umzusetzen. Und die publizistische Wirkung von investigativen Geschichten wie etwa über das AIDS-KZ oder Alois Müller (Müller Milch) war ungleich höher – und brisanter.

Next Stop Trendforschung. Bei Scholz & Friends war ich im weiten Feld der sich stetig verändernden Szenen, technologischen und soziologischen Entwicklungen und der unendlichen Kreativität von Konsumenten-Bedürfnissen und -Ideen unterwegs. Eine der interessantesten neuen Entwicklungen, die die Firmen damals noch kaum wahr-, geschweige denn ernst nehmen wollten war das Internet. Meine Schilderungen über die unendlichen neuen Möglichkeiten, die hier entstehen könnten, wurden bestenfalls belächelt.  (Ausnahme: „West“ von Reemtsma.)

Aufbruch in The New Frontier

Na dann eben lieber selbst mitten hinein ins reale Geschehen, statt nur beratend am Rande zu stehen. Auf ins Internet, in The New Frontier, wie das Internet damals charakterisiert wurde: die neuen Gebiete, in die die Siedler Amerikas einst zogen, in die „the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled dreams“, wie es John F. Kennedy in seiner Inaugurationsrede als Präsident beschrieb: „Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.“ Neue Freiräume, jetzt im neuen, weiten, leeren digitalen Raum.

Zuerst Europe Online, dann später MSN (Microsoft Network), dann eine eigene Firma und nun Beratungstätigkeit, zur großen Freude immer zusammen mit etlichen Mitentdeckern der neuen Freiräume – oder wenigstens in stetem Kontakt (etwa per Facebook). Es war anfangs sehr anstrengend, diese neuen Möglichkeiten real werden zu lassen. Aber immer hat es Spaß gemacht, sehr viel Spaß, immer neue Optionen zu entdecken und zu nutzen und zu verstehen. Immer ging es weiter in immer neue zu entdeckende (Frei-)Räume.

Das Beharrungsvermögen des großen Geldes

Sie waren nicht zuletzt deshalb frei, weil die großen Unfrei-Macher entweder diese digitale Welt nicht verstanden, sie unterschätzten und nicht für voll nahmen oder nicht mit ihnen umgehen konnten – und wollten: die (politischen) Institutionen und die Wirtschafts-Giganten. Gerade das große Geld wollte sich zunächst nicht auf das Internet einlassen, weil zu viele Risiken zu drohen schienen – und weil die bewährten Businessmodelle gut, allzu gut funktionierten. Das schuf die wirtschaftlichen Freiräume, die Google, Amazon oder Facebook so unendlich groß werden ließen.

Wir wundern uns, wie unsere Freiräume im Internet kontinuierlich – und ziemlich rabiat – immer mehr genommen werden. Kein Wunder. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte das schon vor fünf Jahren kommen sehen. Er warnte damals in Aspen vor dem Beharrungsvermögen des großen Geldes und der politischen Institutionen, die kontinuierlich die Freiräume des Internets beschneiden wollen. Das tun sie seitdem in immer intensiverem Maß. Das große Geld, weil die überkommenen Businessmodelle immer schlechter funktionieren und die wirtschaftlichen Optionen des Internets immer deutlicher sichtbar sind (siehe Google, Amazon, Facebook & Co.).

Gemeinsame Interessen der Wirtschaft und der Politik

Das große Geld scheut das Risiko. Deshalb ist es so lange dem Internet fern geblieben. Nun sind die Risiken kleiner geworden – oder haben sich als kleiner als gedacht herausgestellt. Also gehen die großen Wirtschaftskräfte jetzt ins Internet. Das aber zu ihren Bedingungen: das Risiko soll noch kleiner werden, die Rendite dafür um so größer. Das heißt automatisch, dass die Freiräume kleiner werden. Denn Freiräume bedeuten in diesem tristen Spiel nur unliebsame Risiken und gebremste Renditen.

Die Interessen des großen Geldes korrelieren dabei optimal mit den Interessen der großen Institutionen, speziell der Politik. Die Macht der Politik droht durch die Beschleunigung und der Partizipation, die das Internet brachte, zu bröseln. Und die Risiken, die dabei entstanden, waren der Politik sowieso stets suspekt. Politik scheut Risiken, sie scheut und hasst sie. Politik ist schließlich im besten Fall dazu da, Interessen auszugleichen. Im nicht so optimalen Fall ist sie dazu da, Spezial-Interessen (der Wirtschaft, anderer Institutionen etc.) durchzusetzen. Also auch hier das essentielle Interesse, Freiräume zu beschneiden. Notfalls auch unter dem Deckmäntelchen, Freiräume beschützen zu wollen oder Arbeitsplätze oder alte, lieb gewonnene Rituale.

Wir Freiraum-Bewahrer

Was also tun? Wie können wir diese Freiräume bewahren? Durch Regulationen, durch Limitationen und Vereinbarungen mit Politik & Konsorten? Uups, das stößt sauer auf. Der alternative politische Widerstand ist mit dem Scheitern der Piraten an ihrem störrisch Nicht-Politisch-sein-Wollen und der charakterlichen Beschränktheit vieler ihrer Protagonisten krachend gescheitert. Bisher jedenfalls. Also Rückzug ins Private und dessen Surrogat an Pseudo-Freiräumen? – Disclosure in eigener Sache: Ich schreibe diesen Blogpost während der Olivenernte im schönsten Italien. Aber daher weiß ich: das ist definitiv keine Lösung.

Also Aufbruch zur Suche nach neuen Freiräumen jenseits der heute bekannten? Sollen wir alle programmieren lernen, um Freiräume in der Welt der Algorithmen zu schaffen? Oder gibt es Freiräume in anderen Bereichen, die wir gar nicht recht erahnen können? In den Wissenschaften? Oder in anderen Teilen der Welt? In China? Was ich davon höre, ist es dort einerseits schlimmer als bei uns, aber mit immer wieder überraschenden Optionen. In einem neuen Wirtschafts- und/oder Politiksystem? Angesichts der sichtlichen Erschöpfung jedes Faszinosums des kapitalistischen Systems und seiner politischen Ableger vielleicht gar keine so schlechte Idee. Oder in einer Welt ohne existenzielle Angst – mit Grundrente und sozialer Absicherung und neuen, endlosen kreativen Möglichkeiten?

Eines ist sicher: Ich bin weiter auf der Suche nach Freiräumen für mich, für meine Welt – und die Welt an sich… Wenn ich was gelernt habe aus meiner Biografie: Freiräume sind dazu da, ausgelebt zu werden und dabei an die Grenzen zu gehen.

Zeitreise ins eigene Ich


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…

Das digitale Fremdbild


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…