Das Ende des Produktivitätszeitalters

Will die Arbeit heute nicht recht von der Hand gehen? Zu viel Zeit bei Facebook verplempert? Waren irgendwelche Sites im weiten, weltweiten Netz wieder mal so viel interessanter als die Aufgaben direkt vor der eigenen Nase? War heute wieder mal so ein Tag, wo die Muse anderswo tätig war – und sie nicht zu Besuch in den eigenen vier Wänden gekommen ist? Kurz: Heute wieder nichts zum Bruttosozialprodukt beigetragen? – Kein Problem: Kevin Kelly, Gegenwartsanalytiker und talentierter Zukunfts-Spürhund (und Ex-Chefredakteur von „WIRED“) hat gerade  auf seiner Website „The Technium“ das Ende des Produktivitäts-Zeitalters ausgerufen.

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Alexei Gregorjewitsch Stachanow, der russische Held der Arbeitsproduktivität. Übererfüllte sein Arbeitssoll als Bergmann 1935 um 1.457 %.

Die Herleitung dieser ebenso mutigen wie inspirierenden These ist ein wenig gewagt: Warum wählen Menschen in Armutsregionen, vor die Wahl gestellt, ob sie lieber eine Toilette mit Wasserspülung oder ein Handy wollen, stets lieber das Mobil-Telefon mit seinen Möglichkeiten der Vernetzung zu seinen Nächsten und dem Internet. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass eine Toilette ohne zugehöriger Kanalisation wenig Sinn macht. – Aber dieses Fakt mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Ein Kommunikationsnetzwerk macht erst mal sicher mehr Sinn als ein Netzwerk von Abwasserrohren. Die Nutzungsoptionen und das Momentum sind so viel größer, ebenso die Nutzungsdauer…

„Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen“

Erfrischend ist die These allemal als Gegenpol zum Sofortvollzugs-Mantra, das mir meine Mutter jedenfalls von frühesten Jahren an mit auf den Weg gab: „Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen!“ Wie wacklig dieses Arbeitsbewältigungs-Prinzip ist, erlebt jeder, wenn er erst mal längere Zeit am Stück in Urlaub gewesen ist. So viele Anfragen, Projekte und Probleme erledigen sich von selbst, geht erst ein wenig Zeit ins Land. Gerade die dringlichst formulierten Dinge scheinen die geringste Halbwertszeit zu haben. Ein „Das-kann-warten“ ist nicht die schlechteste Art, Prioritäten zu setzen.

Prokrastination nennt man heutzutage gerne das planmäßige Verschieben von Arbeit. Wie jedes chronische Leiden hat es seinen Wortursprung im Lateinischen. „Pro“ = für und „cras“ = morgen. So gesehen ist Prokrastination also eine (krankhafte?) Vermorgentlichung, auch „Verschieberitis“ genannt. Ich selbst war in meinen Studentenzeiten sehr gut darin, diese Malaise zu pflegen und zu hegen. Vor allem in der sich mit Betriebsamkeit tarnenden Variante, immer unwichtigere, angenehmere Dinge in der Prioritätenliste nach vorne zu schieben und die unangenehmeren – oder weniger lukrativeren Jobs, wenn es ums Geld verdienen ging, hintan zu stellen.

Selbstmitleid mit (Liebes-)Entzugserscheinungen

Ich habe diese Krankheit zunächst recht wirksam damit geheilt, dass ich mir derart stressige Jobs mit solch unverrückbaren Deadlines gesetzt habe, dass ich gar keine Zeit – und Gelegenheit – mehr hatte, der Prokrastination zu frönen. Aber natürlich war sie stets latent präsent, stets bereit bei geeigneter (seltener!) Gelegenheit wieder auszubrechen. Wie schlapp und mies man sich nach einem massiven Ausbruch dieser Krankheit mit den sich häufenden Unerledigungen fühlt, kennt jeder, der sich je auf der faulen Haut wund gelegen hat, um hier mal den berühmten Müßiggang-Analytiker „Dr.“ Mehmet Scholl zu zitieren.

Ich wurde von dieser seit Jahrzehnten immer weiter grassierenden Volkskrankheit recht schnell und nachhaltig geheilt, als mir klar gemacht wurde, dass die Ansteckungsherde der Prokrastination Selbstmitleid und absurde Liebessehnsucht nach dem Kuss der Muse sind. Beides kann man ganz schnell in den Griff bekommen: Bei Selbstmitleid hilft sehr gut ein Blick in den Spiegel. Selbstmitleid ist zum Kotzen – und wer will das schon im Angesicht des eigenen Angesichts. Gegen Liebessehnsucht nach Küssen der Muse helfen vor allem zwei Dinge: 1. Recherche – und 2. einfach anfangen und der Kraft und dem Überraschungseffekt des Schreibprozesses als solchem vertrauen. (Wie man auch an diesem Beispiel hier sehen kann.)

Was ist produktiv in der Netzwerkgesellschaft?

Aber zurück zu Kevin Kelly und seiner These von der Ende des Produktivitäts-Prinzips in der Wirtschaft (der Zukunft). Für ihn ist Produktivität das Elementar-Element der ersten und zweiten industriellen Revolution. (1. Revolution = Dampfkraft und Eisenbahnen; 2. Revolution = Chemie, Elektrizität & Motorkraft.) Die dritte industrielle Revolution, deren Beginn Kevin Kelly mit der Vernetzung der Computer (ca. 1990) datiert, ist dagegen der Beginn der Netzwerk-Ökonomie. In ihr spielt Produktivität nicht mehr die zentrale Rolle bei der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Denn von nun an wird die Produktivität durch automatisierte Arbeit, durch Roboter und Bots gesteigert, nicht mehr durch uns (arbeitende) Menschen.

Wir sind, so argumentiert Kelly, in der Netzwerk-Ökonomie dafür zuständig, wieder Arbeit zu erfinden, und zwar jenseits industrieller Arbeit, in solch „unproduktivitäten“ Sphären wie Herumspielen, Kreativität und Forschung. Hier wird der Mehrwert der Zukunft geschaffen, nicht in der Optimierung vorhandener Produktionsmethoden (und Ausbeutung knapp werdender Ressourcen). Denn die wesentliche Errungenschaft der 3. Industrialisierung ist die Vernetzung von Dingen, von verschiedener Intelligenz und aller unserer Gehirne. Ihr Kerneffekt ist nicht Produktivität, sondern es sind Erfindergeist und Sinnverfeinerung (Kelly erfindet dafür die Begriffe „consumptity“ und „generativity“.)

Die Evolution der Evolution 

Ein einleuchtendes Argument, dass die Fixierung auf Produktivität in der Wirtschaftswelt der Zukunft keine vorrangige Rolle spielen wird, ist deren Linearität. Produktivität wird weiter Gültigkeit haben, sie wird wachsen, schön linear, aber das wird eben an Maschinenintelligenz delegiert. Um aber Wachstum auf Dauer zu erzeugen, reicht ein Mehr, Größer, Schneller nicht mehr aus. Damit wird man die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können. Kelly zählt hierzu auf:

  • Immer höhere Komplexität
  • Zunehmende Interdependenzen (Globalisierung!)
  • Steigende Allgegenwart der Finanzwirtschaft und des Geldwesens
  • Die schwindende Bedeutung von Besitz (Sharing-Projekte etc.)
  • u v a.

Diesen – und all den noch (unerkannt?) ins Haus stehenden – Problemen der Zukunft, die eine Netzwerkökonomie entwickeln wird, wenn sie immer reifer wird, werden wir mit linearen Mitteln nicht Herr werden. So Kevin Kelly. Dazu müssen wir uns und unsere Wirtschaft evolutionär entwickeln. Immer weiter zunehmende Komplexität, exponentiell wachsende Interaktion aller mit allen, das Verstehen  dynamischer Netzwerkeffekte und ihre Beherrschung kann sicher nicht mit alten (linearen) Methoden funktionieren. Dafür müssen wir neue Ideen, neue Konzepte entwickeln. Es braucht Visionen – und den Mut, vielerlei auszuprobieren. Und in solchen Phasen verbietet sich (zumindest erst einmal) jede Fixierung auf Produktivität.

Die Welt nach der Produktivität

Das Ende der Produktivität ist dann eben doch keine gute Nachricht für alle Slacker und Prokrastinatoren. Wenn auch das alte Mantra manischer Effektivität kaputt geht, so braucht die Zukunft (des Business) keine Däumchendreher. Es sei denn, sie träumen beim Drehen ihrer Daumen von neuen evolutionären Ideen, sie netzwerken und interagieren dabei miteinander, um die Herausforderungen der Zukunft kreativ anzugehen. – Bis dahin werden Kinect & Co. auch drehende Daumen als Info-Input zu deuten wissen…

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Ich bin nun mal so…

4. Juni 2010


Wie der Präsident, so das Land

Es schmerzt wirklich nicht wenig, erkennen zu müssen, von einer beleidigten Leberwurst als Staats-Präsidenten repräsentiert worden zu sein. Aber beim zweiten Nachdenken keimt ein viel schlimmerer Verdacht auf. Der Präsident in seiner Wehleidigkeit war vielleicht ein adäquater Repräsentant unseres Landes.

Dieser Eindruck entsteht, wenn man wieder einmal des Volkes Stimme unaufgefordert aufgedrängt bekommt. In der S-Bahn etwa. Im Abteil gegenüber sitzt ein Rentner-Ehepaar. Beide reden ungerührt aufeinander ein, jeder in seinem eigenen Klage-Monolog über den Lauf der Welt, vor allem aber über die unermesslichen Unbillen, die er bzw. sie täglich zu erleiden haben. Das geht von den schrecklichen Nachbarn über die missratenen Nichten und Neffen bis – natürlich – zu den unfähigen Politikern. Wie da zwei Menschen längst verlernt haben, einander zuzuhören und stattdessen ganze S-Bahn-Abteile ungerührt mit negativer Energie und ewigem Wehklagen zumüllen, lässt einen schaudern.

Jung und Alt klagen um die Wette

Ähnlich wenig erbaulich sind aber auch in der S-Bahn zwangsweise mitgehörte Gespräche junger weiblicher Teens im besten spätpubertären Alter. Wie sie sich gegenseitig über die schlimmsten Zumutungen, die das Leben an sie stellt, beklagen. Von Chefs, die sich erdreisten, (zugegeben: berechtigte!) Kritik zu äußern, über die doofen Kollegen und Freundinnen, die die eigene Genialität nicht anerkennen wollen, bis zu den derzeitigen Freunden, die so gar nicht funktionieren wollen, wie sie es gerne hätten. Eine einzige Lawine von Selbstmitleid und Wehleidigkeit.

Man kann über solch unangenehme, allzu menschliche Unzulänglichkeiten wie Wehleidigkeiten am besten schreiben, wenn man sie selbst durchlebt, durchlitten und – wenigstens etwas – gezähmt hat. Als Einzelkind – mein Schicksal – hat man die ideale Disposition, Wehleidigkeiten zu entwickeln. Keine Schwester, kein Bruder bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man sich auf irgendeine fixe Idee kapriziert, und weil sie nicht funktioniert, dann die Welt und ihre Bösartigkeit dafür verantwortlich macht, wenn man mit ihr scheitert.

Der Weg aus der Wehleidigkeits-Falle

Mich haben später liebende Frauen in nicht immer liebevoller Art von den schlimmsten Auswüchsen von Wehleidigkeit geheilt. Für den nächsten Schritt auf dem Weg zu weniger emotionaler Wichtigtuerei und eitlem Narzissmus haben dann Kinder gesorgt, für die man Verantwortung übernommen hat. Wie sollte man ihnen die schlimmsten Auswüchse an Wehleidigkeit austreiben, wenn man sie selbst hemmungslos auslebt?

Aus der Falle der Wehleidigkeit befreit haben mich dann mehrere Phasen von Coaching. Da wurde die Falle, die man sich durch Wehleidigkeiten stellt, endlich klar: Die irrationale Fixierung auf Bedürfnisse, auf Ideen und Pseudowerte, die meist irgendwo und irgendwie unreflektiert akquiriert, meist sogar oktroyiert worden sind, machen den Lebensweg so schwierig. Sie sind ein riesengroßer Rucksack, an dem man sich abschleppt, ohne darüber nachzudenken, wer ihn gepackt hat – oder gar, ob man ihn überhaupt will.

Großtierherde an Fetischen

Kurioserweise verwechselt man diese Beipacklast mit dem eigentlichen Leben und verteidigt jede einzelne Nichtigkeit daraus: Jede noch so kuriose bis lästige Eigenschaft. Jede neblige Hoffnung und jede noch so schwiemelige Sentimentalität. Jede längst hohl gewordene Werte-Illusion und dazu eine ganze Armada von kitschigen bis dysfunktionalen Fetischen, die man sich über Jahre zugelegt hat wie einst die von Tanten und Omas zwangsbehegte Großtierherde an Plüschtieren.

Das Ganze firmiert dann unter dem Totschlag-Argument: „Ich bin nun mal so!“ Dies ist der Schlachtruf der Reflexionsverweigerung und eines störrischen Innovations- und Evolutions-Boykotts, der immer und wieder gnadenlos ertönt. Unglaublich, welche Paraphernalia und Belanglosigkeiten ins Feld geführt werden, um nur ja nicht einmal einen Deut in seinem Leben ändern zu  „können“.

Eisenkugeln am Fuß

Aber all das, an dem man da so irrational festhält, macht das Leben schwer. Die Wehleidigkeiten sind wie Mühlsteine am Hals, wie Eisenkugeln am Fuß. Sie machen ein flexibles, ein neugieriges, ein lebendiges Leben unmöglich. Und da das Leben keine Rücksicht auf Mühlsteine und Eisenkugeln nimmt und sich einfach munter vor sich hin ändert, entstehen die Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die es so wortreich und lautstark zu beklagen gilt. Das ist die Sprengkraft, aus der sich die Wehleidigkeit so erfolgreich munitioniert.

Wehleidigkeiten sind die Gefängnismauern einer immobilen, einer beharrenden, einer zukunftsstörrischen Gesellschaft. Gefängnismauern, die immer dicker werden, je lauter die Wehklagen dahinter ertönen. Aus ihnen kann man sich nur befreien, wenn man erst erkennt, in welch verfahrene Situation man sich gebracht hat. Und dann gilt es viel zu üben und wirkungsvolle Rituale dagegen zu entwickeln.

Leider bleibt den meisten Menschen, die nicht aus den Fesseln der Wehleidigkeit ausbrechen können, nicht der flinke Ausweg eines Rücktritts mit unmittelbarer Wirkung – bei vollen Pensionsbezügen. Genauso wenig ist das Gesellschaften vergönnt, die sich vor lauter Wehleidigkeit nicht vorwärts entwickeln wollen. Die Welt entwickelt sich weiter, erbarmungslos, ohne auf Wehleidigkeiten auch nur ein Quentchen Rücksicht zu nehmen…

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