Ökonomie als Muppet-Show

20. April 2016


Das Thema Wirtschaft darf man ernst nehmen, muss man aber nicht

Verstehe ich das richtig mit den Negativzinsen? Wenn ich mein Girokonto überziehe, bekomme ich Zinsen gutgeschrieben? Schließlich helfe ich den Banken, nicht auf ihren Negativzinsen sitzen zu bleiben. Denn das Schlimmste, habe ich gehört, was einer Bank heute passieren kann, ist es, wenn ein Mensch mit ganz viel Geld kommt und es bei der Bank deponieren will. Kein Wunder, dass da das Geld auf die Bahamas ausweicht. Dort scheint es noch willkommen zu sein. Oder die Briefkästen dort sind anonym und permissiver. Und das Wetter ist auch besser.

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Suchs Paket. Selbstausbeutung als Dienstleister.

Ein wenig darf man sich ja fast amüsieren über unsere zinslose Welt. Es entkrampft so. Plötzlich lösen sich die Zungen und auch die schweigsamsten Menschen geben inzwischen zu, viel Geld in der Finanzkrise verloren zu haben. Noch vor einem halben Jahr haben sie das noch strikt bestritten. Jetzt fällt es leicht, die Verluste zuzugeben. Ist ja eh wurscht. Man bekäme ja jetzt gar keine Zinsen mehr dafür. Oder gar noch Strafzinsen.

Überraschend, dass die AfD noch nicht die Zinslosigkeit für sich entdeckt hat. Ausgerechnet diese kruden Politiksimulatoren-Clique, die einst als Anti-Euro-Partei gestartet ist. Schließlich war es Allah selbst, der verboten hat, für Geld Zinsen zu nehmen. Also ist die Zinslosigkeit doch auch ein Stück Moslemisierung des Westens. – Zugegeben, die arabischen Staaten haben sich nie so recht an das Prinzip gehalten. Zinsen und Dividenden für ihre Ölmilliarden haben sie zumindest gerne kassiert.

Langsam macht sich Antiökonomismus breit

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch das Christentum hat es seinen Gläubigen lange verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Das führt dazu, dass dieses Geschäft einst einzig von Juden betrieben wurde. Mit den bekannten negativen gesellschaftlichen Nebenwirkungen. – Heute ist die Finanzbranche dabei, ähnlich unbeliebt zu werden. Von Antiökonomismus spricht allerdings noch keiner. Aber jetzt ist dieser Begriff endlich mal in der Welt. Wird sicher noch seine Verwendung finden.

Fakt ist. Geld wird nicht mehr gespart, sondern gleich ausgegeben. So spart man sich den Umweg übers Sparbuch. Und hat auch mehr davon. Die Konsumgüterindustrie freut sich. Nur der Handel nicht. Denn der bekommt vom Geldsegen nicht mehr viel ab. Also der stationäre Handel. Der versteht sich mittlerweile sowieso nur als Konsumgüter-Museum und verlangt Eintritt von Kunden, die sich „nur mal so umsehen wollen“. Um zu wissen, was sie dann online bestellen wollen.

Aus der Logistik wird Unlogistik

Der Onlinehandel boomt, die Versandlogistik brummt. Nein , es sind nicht die Lieferdrohnen, die uns drohen. Sondern die Paketdienste, die die Güter „ausliefern“. Oder gibt es inzwischen einen besseren Begriff für das Versteckspiel mit Konsumgütern, das da gespielt wird? Statt wie früher lange zu warten, bis der Postmitarbeiter das hinterlegte Paket im Lager gefunden hat, dürfen wir jetzt selbst in der Paketstation suchen, in dem das an der Haustüre nicht ausgelieferte Paket versteckt ist. Mein Vorschlag: Wir nennen das Unlogistik.

Apropos Selbstausbeutung. Das Gejammere, das wir viele Dienstleistungen, für die es früher Personal gab, selbst machen müssen, dürfte bald vorbei sein: Reisen buchen, Produkte selbst konfigurieren und bestellen (und abholen, s. o.), Mietwagen am Straßenrand suchen etc. Wir bekommen bald neues Personal, an das wir das delegieren können: Bots. Also kleine, virtuelle Helferlein, die wir rumkommandieren und die das tun, was wir wollen. Bots ist die Koseform von „Robotern“. Deutsch Roboterlein oder Roböttchen.

Die lieben Bots namens Siri oder Alexa

Die ersten gibt es ja schon. Teilweise üben sie noch, teilweise funktionieren sie schon. Sie hören auf so lieblichen Namen wie Siri oder einen vertrauten wie Alexa. Manche sind profan und springen zu Diensten, wenn man sie mit „Hallo Google“ anherrscht. (Fragt sich, wie lange man bei Robotern Herr im Haus ist.)

Kurios wird es, wenn die Helferlein aka Bots Familienmitglieder werden. Alexa etwa, bereits millionenfach in den USA verkauft, ist offiziell ein kabelloser Lautsprecher mit ausgefeilter Mikrofontechnik. Sie steht im Wohnzimmer oder der Küche und wartet auf ihren Einsatz. Bei manchen Menschen steht sie in wirklich jedem Zimmer. Nach einem kurzen „Hallo Alexa“ ist sie zu Diensten. Sie spielt auch Musik, wenn man ihnen es befiehlt. Aber lieber beantwortet sie Fragen, liest bei Bedarf Kochrezepte vor, und am liebsten bestellt sie, was man auch immer zu brauchen meint.

Immer präsent und Teil der Familie

Diese Bots sind wie einst die Haushaltshilfe oder das Zimmermädchen. Downtown Abbey für Arme sozusagen. Immer zu Diensten – aber sie bekommen auch alles lautstark mit, was so im häuslichen Leben geschieht. Mal sehen, wann den Geräten auch ein Streitschlichtungs-Algorithmus einprogrammiert wird. Oder noch lebensnaher: ein Intrigen-Generator.

Wie auch immer. Die Bots werden auf alle Fälle die nächste große Sache. Wenn Facebook, Microsoft und Amazon das wollen, wird das kommen. Und da werden Siri (Apple) und Google nicht tatenlos, ratlos und serviceunwillig abseits stehen. Im Gegenteil. Sie werden uns eifrig und sehr aktiv dabei helfen, Negativzinsen zu vermeiden. – Das Geld, das sie dabei verdienen, wird dann schon einen Weg auf einsame Zinsen-Eilande finden. Siri, Alexa & Co. sei Dank.

Wir schaffen das?

10. Januar 2016


Die Welt wird ganz, ganz schlimm – oder eben nicht.

Jahreswechsel. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, mal inne zu halten und ohne Ressentiment und Angst in die Zukunft zu blicken. Was wird die nächsten Jahre auf uns zu kommen? – Wir wissen darüber so viel wie schon lange nicht mehr. Es wird sich nämlich so ziemlich alles ändern. Alles. Wir stehen vor so vielen und drastischen Disruptionen wie kaum je zuvor.

constWir wissen nur nicht, was sich und wann genau es sich ändern wird. Und wie es sich ändern wird, ist noch offen. Und wohin es dabei geht, wissen wir auch nicht. Aber da könnten wir versuchen, ein wenig mit zu steuern. Oder anders formuliert: Wenn wir jetzt nicht anfangen uns darum zu kümmern, kann es wirklich sehr schlimm werden. Dann wüsste ich nicht, was ich den schlimmsten Dystopien der Pessimistologen entgegen setzen sollte.

Also kurz mal aufgelistet, was auf uns sicher zukommt. Zwei interessante Artikel dazu ist die technikgläubige Zukunftsprognose von Zukunftsoptimist Peter Diamandis und das Interview mit Klaus Schwab, Gründer und Chef des World Economic Forum in Davos, der sehr illusionslos die kommenden Veränderungen benennt.

Das absehbare Zukunfts-Szenario

Also, was wird auf uns zukommen? – Die Weltbevölkerung wird unweigerlich wachsen. Wenn es gut geht, auf 10 Milliarden Menschen. Aber es können auch 12 oder 15 Milliarden werden. Wir wissen längst, dass Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung die einzigen wirksamen „Verhütungsmittel“ sind. Also: Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung gerade für die Dritte Welt.

In unserer Welt wird es sehr voll werden. Und es wird sehr eng werden. Denn die meisten Menschen werden in Mega-Citys leben. Jeder weiß, wie viel Aggressionspotential in solch einer Situation steckt. Einziges Gegenmittel ist viel Empathie und Rücksichtnahme. Oder viel, sehr viel Kontrolle.

Wir stehen vor dem nächsten großen Sprung in die Digitalität. Wir und alle Dinge um uns herum werden unaufhörlich Daten generieren, die kontinuierlich gesammelt und ausgewertet werden. Die Algorithmen, die das tun, kennen wir nicht und verstehen sie auch nicht. Und wir sind nicht in der Lage, deren Ergebnisse zu kontrollieren, geschweige denn zu korrigieren. – Das müsste schleunigst geändert werden; Geschäftsgeheimnisse hin oder her.

Entwicklungen sind nicht aufzuhalten

Wir werden unweigerlich den gläsernen Menschen bekommen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten – wie so viele andere ebenso. Das ist die unabwendbare Folge der Digitalisierung und der damit verbundenen Datensammlerei – und unserem Bedürfnis nach immer bequemeren Services. Der Deal, Bezahlung von Services durch Daten, ist längst heimlich fix. Wir müssen nur noch klären, wie wir diese Tatsache verwalten und die nötigen Kontrollen effektiv gestalten. Wir werden alle Little Brothers – und entscheiden selbst, ob George Orwells Ängste Wirklichkeit werden.

Die Computer werden weiter immer schneller rechnen können. Immer schwerer wird es für uns, alle Folgen einer immer weiter um sich greifenden Digitalität zu verstehen und da irgendwie mitzuhalten. Eine Gesellschaft, die nur noch Spielball ist, hat verloren. Sie wird kapitulieren und sich nicht mehr als Gesellschaft verstehen und als Gesellschaft handeln.

Das Horror-Szenario: Eine Welt ohne Arbeit

Wir werden eine Welt voller Roboter bekommen. Nur Roboter garantieren die heute als unablässig erachtete Steigerung von Produktivität. 80 Prozent der Jobs, mit denen wir heute unser Geld verdienen, wird es in den nächsten 25 Jahren nicht mehr geben. Es werden Millionen von Menschen ohne (bezahlte) Arbeit da stehen. Dafür muss unser komplettes Lohn-, Steuer- und Rentensystem von Grund auf geändert werden. Nur eines von vielen Stichworten dazu: bedingungsloses Grundeinkommen.

Eine Welt ohne Arbeit ist eine völlig andere Welt. Eine Gesellschaft ohne Arbeit ist eine völlig andere Gesellschaft. Der Mittelstand löst sich auf. Er hat schlicht nichts mehr zu tun. Was aber dann? Werden die Menschen sich zu beschäftigen wissen? Wie sieht dann Wohlstand aus? Und wie lässt sich der Abgrund zwischen vielen Menschen mit wenig Geld und ganz wenigen mit ganz viel Reichtum erträglich gestalten? Es drohen sonst ungeheure soziale Spannungen.

Alle unsere gesellschaftlichen Institutionen und Errungenschaften stehen dann zur Disposition. Die wenigsten werden überleben. Und das nur, wenn sie sich an die neue Wirklichkeit anpassen. Ein digitalisiertes Gesundheitssystem wird zwar wirkliche Wunder bewirken können. Aber wie werden diese bezahlbar bleiben: personalisierte, intelligente Medikamente, Gentherapie, Zelltherapie, Krebstherapien, Immuntherapien, Psychobehandlung, personalisiertes Gesundheitscoaching, Funktionsmonitoring etc.?

Politik kann nicht (mehr) verändern

Wie soll unsere Politik solch krasse Veränderungen bewältigen? Politiker sind dafür weder geeicht noch ist unser politisches System auf Veränderung angelegt. Ganz im Gegenteil. Wie aber soll eine Gesellschaft im rapiden, disruptiven Wandel gemanagt werden? Wie soll eine Gesetzgebung aussehen, die diese Veränderungen bewältigt? Klaus Schulz etwa verlangt eine agile Gesetzgebung, also gleichsam sich automatisch anpassende Gesetze.

Und es werden viele Gesetze und Regelungen kontinuierlich geändert werden müssen. Das Finanzsystem muss gebändigt werden, das Steuersystem an die disruptiven Änderungen angepasst werden müssen – Stichworte: Produktivitätssteuer, Robotersteuer, Datensteuer, Prosperitätssteuer… Unser Sozialsystem muss nicht nur agil, sondern fluid auf die absehbaren Veränderungen reagieren: Überalterung, Arbeitsverluste, Zuwanderung, Grundeinkommen…

Vor allem aber wird die große Mehrheit der Menschen von den Veränderungen überfordert sein. Sie tut sich heute schon so schwer. Und heute erleben wir nur den ersten Hauch kommender Disruptionen. Wir erleben schon jetzt, wie Menschen ihre Unfähigkeit und ihr Unwillen, Änderungen zu akzeptieren und anzugehen, in Aggression und Verweigerung treibt – und in die Arme von Rechtspopulisten, die unverantwortlicherweise einfache Lösungen versprechen.

Wir brauchen ein Change-Management für unsere Gesellschaft

Wie soll das Change-Management für eine komplette Gesellschaft, für ein komplettes Staatssystem oder gar für hypernationale Systeme wie die Europäische Union aussehen, oder gar für eine Weltregierung? Wie muss dafür ein geeignetes Bildungssystem aussehen? Und eine Fortbildung für die Pädagogen, die Menschen (nicht nur Jugendliche) für solch ein System fähig machen sollen?

Und was tun mit all den Menschen, die noch nicht einmal in der Moderne oder unserer digitalen Wirklichkeit angekommen sind? Was ist mit der Zweiten und der Dritten Welt – und den Menschen die vor dort zu uns fliehen?

Es gibt keine einfachen Lösungen, das ist sicher. Aber man kann sich relativ gut auf die am meisten unterschätzten Fähigkeiten des Menschen verlassen: seine Ingenuität und seine Anpassungsfähigkeit. Aber beide dürfen nicht dauernd überstrapaziert werden. Wir lernen nicht am besten, wenn wir andauernd ins kalte Wasser geschmissen werden oder im Panikmodus handeln müssen.

Bei sich selbst anfangen

Besser wäre es, wenn wir all diesen Veränderungen ins Auge sehen. Wissend und mit Mut. Vielleicht sogar manchmal mit Vorfreude. Besser wäre es, wenn wir von Veränderungen nicht stets auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn wir agieren und nicht nur reagieren. Nur so hätten wir eine echte Chance, in etwa mitbestimmen zu können, wohin unser Weg geht.

Der derzeitige Modus des „alternativlosen“ Dahinwurstelns ist sicher falsch. Genauso das konsequente Wegsehen vor den kommenden Entwicklungen. Es wäre toll, eine Kanzlerin, meinetwegen auch einen Kanzler zu haben, der die Probleme der Zukunft klar benennt, der Ideen und Vorschläge für deren Bewältigung hat und dann wirkungsvoll Zuversicht ausstrahlt: „Wir schaffen das!“

Hilfe statt Hysterie

Aber nur auf die Politik hoffen, ist sicher allzu blauäugig. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Ich habe mir angewöhnt, auf alle Änderungen und die begleitenden hysterischen Untergangsszenarien (der Medien u.a.) relaxt, emotionslos, gleich-gültig und neugierig zu reagieren. Klappt nicht immer, aber immer besser. Ich habe mir den analytischen Blick eines Insektenforschers angewöhnt, der die in seinem Schmetterlingsnetz gefangenen seltsamen und manchmal nicht hübschen Exemplare mit großem Interesse begutachtet.

Be-gut-achtet. Was ist gut? Was schlecht? Ich versuche anderen zu helfen, das Gute auch zu sehen und Ängste abzubauen. Mache Mut und helfe Schwellenängste abzubauen. Und bei Schlechtem versuche ich dagegen aktiv zu werden. Immer und überall. Aber ganz unhysterisch. Mit Argumenten und Perspektiven. Ist anstrengend – und funktioniert nicht immer. Aber nur so schaffen wir es, die neue Welt annehmbar, vielleicht sogar positiv zu gestalten.


Angst vor der eigenen Schöpfung

Man sollte eher gut drauf sein. Nur dann macht es Sinn, sich die Liste der 50 eindrucksvollsten dystopischen Filme zu Gemüte zu führen. Ich bin erschrocken, wie viele dieser zukunftspessimistischen Filme davon zu meinen Lieblingsfilmen gehören und wie sehr einige davon mein Denken geprägt haben. Von den Top 10 habe ich fast alle gesehen – und schätze sie alle (einige mehr, andere weniger):

  1. Metropolis
  2. Clockwork Orange
  3. Brazil
  4. Wings of desire (Engel über Berlin)
  5. Blade Runner
  6. Children of Men
  7. The Matrix
  8. Mad Max 2
  9. Minority Report
  10. Delicatessen

robot-moves-danger-sign-s-0195Der größte gemeinsame Nenner dieser 50 Dystopien ist, dass in den meisten von ihnen künstliche Wesen ihr Unwesen treiben. Cyborgs, Replikanten, Roboter oder andere künstliche Menschenwesen. Die zweite Schöpfungsgeschichte sozusagen: Die Menschen schufen Wesen nach ihrem Ebenbilde. Und wie wir, bzw. Adam und Eva, wollen auch die künstlichen Wesen vom Baum der Erkenntnis naschen – und wenden sich so gegen ihre Schöpfer.

Diese absurde Angst vor der Schöpferrolle des Menschen! Wir schaffen Wesen nach unserem Vorbild – und diese wenden sich dann gegen uns und übernehmen die Macht. Mal keck weitergedacht: Spiegelt sich hier unsere Angst, unserem Schöpfer könnte es einst genauso gegangen sein?

Sind uns Roboter überlegen?

Entsprechend negativ ist über all die Jahre die Rezeption der Idee des Roboters und des brav funktionierenden Humanoiden. Vielleicht weil er in seiner maschinenhaften Effizienz uns Menschen vor Augen führt, wie maschinenhaft viele unserer Arbeiten sind – und wie wenig wir dafür mit all unserer menschlichen Beschränktheit an Kraft und repetitiver Präzision geeignet sind.

Bisher konnte man sich gegenüber der Maschinen-Konkurrenz relativ in Sicherheit wiegen. Das war eine Zukunft, die ganz weit weg war. Was sich dann doch einmal bis in die Medien vorgekämpft hatte, das waren drollig aussehende, dem Kindchen-Schema brav entsprechende Prototypen, die eigentlich nur Maschinen-Intelligenz und Praktikabilität simulierten. Letztendlich waren sie alle zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. Bei mir im Keller verstaubt auch noch ein Sony Aibo, der kleine Roboter-Hund, der trotz sorgfältiger Pflege kaum etwas vom versprochenen Lerneffekt zeigte und nur sehr erratisch herumtapste. Was er prima konnte: im Weg rumstehen – und virtuell das Beinchen heben.

Outsorcing an Automaten und Roboter

Plötzlich aber ist es mit dieser Automaten-Idylle vorbei. Roboter sind allenthalben in den Schlagzeilen: Drohnen erledigen schmutziges Kriegsgeschäft in Pakistan. Sie liefern im Auftrag von Amazon oder DHL frei Haus. (Wo bitte, wollen die landen?) Als Quadropter drohen sie vor dem eigenen Schlafzimmerfenster als Flying Peeping Tom herum zu schwirren. In den USA fahren schon mehrere Auto-Flotten ohne jede Intervention von (menschlichen) Fahrern durch die Städte. In den Gärten sorgen Rasenmäher-Roboter für akkurate Rasenlängen. Und es gibt sogar Fensterputz-Roboter.

Noch sind die Geräte wenig überzeugend, verteilen den Schmutz mehr, als sie ihn beseitigen. Aber das sind Kinderkrankheiten. Denn die Roboter sind gnadenlose Nutznießer von Moore’s Law. Ihre Rechnerleistung verdoppelt sich alle 12 bis 24 Monate. Sie denken immer schneller, bisweilen auch immer besser. Unsere produzierende Industrie wäre ohne klaglos arbeitende (Industrie-)Roboter längst nicht mehr konkurrenzfähig. Unsere Autos wären immer noch so unpräzise produziert wie einst vor 20 Jahren. (Nein. Früher war nicht alles besser!) Unsere Chips wären nicht so leistungsfähig und klein. Und unsere Smartphones wären immer noch so unhandlich wie Ziegelsteine.

Die Job-Killer aus der Retorte

Die Roboter sind längst die Garanten unserer Produktivitäts-Steigerungsraten, die unser kapitalistisches System so dringend braucht. Und diese Roboter vernichten dabei stets massenweise Arbeitsplätze. Aber seit den Maschinenstürmern Anfang des 19. Jahrhunderts kam es eigentlich nicht mehr zu rassistischen Ausfällen gegenüber Robotern. Und Widerstand gegen Replikanten gab es bislang nur in Science-Fiction-Filmen (siehe oben).

Schon gibt es Ideen, im Zuge der Evaporisierung von (bezahlter) Arbeit so etwas wie eine Produktivitäts- oder Maschinen-Steuer einzuführen. Eine scheinbar logische Idee, wenn arbeitende Menschen mangels Arbeit als Steuerzahler wegfallen, dann halt ihre Surrogate, die Roboter, die das Gros der Arbeit machen, Steuern zahlen zu lassen. Fragt sich, wann die Androiden & Co. so menschenähnlich werden, dass sie auch Kreativität entwickeln, wie sie Steuern sparen – oder hinterziehen können. Das wäre der ultimative Turing-Test: Können Roboter so intelligent werden wie wir Menschen? Oder wie wir uns fälschlich dafür halten…

Die Umkehrung des Turing-Tests

Während wir uns noch in hyper-replikanter Hybris in intellektueller Sicherheit wiegen, laufen längst die umgekehrten Tests der intelligenten Maschinen mit uns. Funktionieren wir brav so, wie es die Maschinen wollen – und merken es selbst nicht. Wir schreiben brav die CAPTCHA-Texte ab, wenn wir Formulare im Web ausfüllen. Die – vermeintlich – intelligenteren Menschen unter uns, meinen damit etwas Gutes zu tun, nämlich unentgeltlich die Digitalisierung von Büchern durch Google mit menschlichem Wissen zu optimieren. In Wahrheit ist das der perfekte Test der Maschinen, ob wir nicht eine von ihnen sind, bzw. „nur“ brave, sich den Maschinen überlegen fühlende Hominiden.

Die These ist Ihnen ein wenig zu steil? Mehr Beispiele gefällig? Amazon’s Mechanical Turk, die Angebots-Plattform für Billigstlohn-Arbeiten, ist die optimale Clearingstelle der Maschinen-Intelligenz, auf welchen monetären Wert sich menschliche Arbeit herunterhandeln lässt, um noch mit Maschinen-Effizienz und Algorithmus-Präzision mithalten zu können. 1 Cent (US) pro URL, 2 Cent pro ausgefülltem Adressformular, 11 Cent für das Tagging eines „Adult Movie“, das gibt es hier zu verdienen. Das summiert sich – eben nicht. Ach ja, 1 Cent gibt es auch pro ausgefülltem CAPTCHA.

Barrierefreies Lernen für Maschinen

Ein Problem hat die Maschinen-Intelligenz. Sie braucht Stoff. Digitalen Stoff. Denn wie soll sie sonst lernen? Je mehr digitale Daten, desto besser kann sie ihre Schlüsse aus unseren Erfolgen und Misserfolgen ziehen. Und wir liefern brav. Die Bibliothek unseres Wissens macht Google gerade maschinenlesbar. (Für die Fehlerfreiheit sorgen wir Menschen – mittels CAPTCHA.) All unser Leben, all unser Denken wird immer digitaler, dank Social Media, Netzwerken und Kommunikationssystemen. Damit die Maschinen vollen Zugang darauf bekommen- und wir keine abgekapselten Inseln des Wissens mehr haben, haben die NSA (National Security Agency) und die mit ihnen kooperierenden oder konkurrierenden Geheimdienste alle Barrieren, einst Datenschutz genannt, aufgehoben. Sie ermöglichen der Maschinen-Intelligenz jetzt endlich barrierefreies Lernen.

Und damit auch nichts aus dem Datenuniversum, das wir gerade zu explosionsartiger Ausdehnung bringen, verloren geht, baut die US-Regierung in der Wüste den größtmöglichen Datenspeicher mit dem vorläufigen Fassungsvermögen von mindestens zwei kompletten Jahrgängen an Datenvolumen. Da werden die Konkurrenten China, Russland etc. nicht Ruhe geben und ihrerseits Ähnliches schaffen. Die funktionieren für das Maschinen-Lernen prima als nötigen Sicherheits-Speicher und Parallel-Rechner. – „Warning! Keep away! Robot moves without warning!“

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