Trolle trollen sich nicht


Es gibt ein Leben jenseits des Bösen

Ich habe mir vor einiger Zeit die Rede von Richard Gutjahr auf der TED-Konferenz in Marrakesh angehört. Er beschreibt da, wie er zum Ziel schlimmster Shitstorms, Beleidigungen, Verunglimpfungen und sogar Morddrohungen geworden ist, bloß weil er zufällig beim Terroranschlag in Nizza vor Ort war (Urlaub) und kurz darauf beim Amoklauf in München (seiner Heimatstadt). Beide Male hat er – er ist schließlich Journalist – mit seinem Handy mitgefilmt und gleich darauf auf Facebook berichtet.

Richerd Gutjahr

Da Trolle und Verschwörungstheoretiker Zufälle ausschließen, war Gutjahr für sie ein Agent, Mossad-Mitarbeiter und was sonst noch. Er wurde auf allen Kanälen mit Verleumdungen gegen ihn und seine Frau (sie ist Israelin) bombardiert, auf Facebook, Twitter und besonders heftig auf YouTube. Es lohnt sich, diesen Wahnsinn, dem Richard Gutjahr ausgesetzt war, mal „anzutun“ (in des Wortes Bedeutung). Man kann es in seinem Blog nachlesen oder sich das Video der TED Konferenz ansehen.

Die Hölle im Shitstorm

Danach versteht jeder, wie verzweifelt, verstört und fertig man nach solch einem Shitstorm bzw. einer solchen Verleumdungskampagne ist – und wie viel Kraft (und Geld) es braucht, sich dagegen zu wehren. Und wie viele Rückschläge es dabei gibt. Danach versteht man, warum es Sinn macht, wenn man Rechtsstaatsprinzipien auch im Netz durchsetzen muss. Auch wenn das dem Liberalismus der Netzapologeten und Silicon Valley Investoren gegen den Strich geht.

Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich das Image der Deutschen und Europäer und ihr Umgang mit Datenschutz und Schutz der Privatsphäre (privacy) in den USA gewandelt hat. Früher hat man uns bestenfalls belächelt, normalerweise herbe kritisiert für den Versuch, das Internet zu regulieren. Heute werden wir immer mehr zum Vorbild erklärt. Immer mehr Menschen verstehen, dass man das Netz nicht ungeschützt lassen darf vor Trollen und Firmen, die Daten missbrauchen.

Die Abgefeimtheit der Verlorenen

Nach solch einer Schilderung wie von Richard Gutjahr mag man an der Menschheit verzweifeln. Das Gute im Menschen? In derartigen Fällen versteckt es sich zu gut. Und stattdessen werden Abgründe sichtbar, die man eigentlich in einer angeblich zivilisierten Welt nicht für möglich halten mag. So viel blinder Hass, so schwarze Aggression, so viel Abgefeimtheit, so viel in Bösheit umgeschlagene Verzweiflung. Anders mag man sich nicht vorstellen, dass Menschen so weit kommen können.

Aber ehe man in solchen Momenten zum Menschenverachter werden mag; ehe man seine Zuversicht in eine Entwicklung der Menschheit zum Besseren, zu Vernunft, Zuversicht und Liebe verlieren mag: Stopp! Es ist nicht so, dass das Internet die Menschen schlechter macht. Es hat sie sichtbarer und so viel lauter gemacht. Es hat sie sicher in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit (und schwarzer Macht) „mutiger“, böser, negativ kreativer gemacht. Und die Aufmerksamkeit, die sie so generieren, lässt sie immer weiter machen, immer schwärzer, immer gnadenloser.

Transparenz der menschlichen Abgründe

Aber daran ist nicht das Internet schuld. Zumindest nicht direkt. Es hat nur transparenter gemacht, welch Abgründe es im Menschen gibt. Es macht nur sichtbar, wie „verrückt“, wie der Normalität entrückt Menschen heute sind. Solche Menschen gab es immer. Sie hat nur keiner beachtet. Die Gesellschaft hat immer Räume geschaffen, in denen sich solch verzweifelt negative Menschen austoben konnten. Brot und Spiele, Alkohol und Fußball, Gewalt und Krieg.

In unserer anonymen Gesellschaft sind solche gefährlichen, gefährdeten Menschen nicht mehr wenigstens rudimentär in einen sozialen Kontext gebunden, sei es so etwas wie eine Dorfgemeinschaft, eine Hausgemeinschaft, eine Religionsgemeinschaft, Vereine oder sogar eine Familie. Einsamkeit macht depressiv, das ist längst nachgewiesen. Es macht aggressiv und wenn sozial ungebremst, böse und destruktiv.

Kein Grund zum Menschenhass

Wir müssen eigentlich froh sein, dass uns das Internet dieses Fakt immer wieder klar vor Augen führt. Schlimm nur für die, die darunter real leiden müssen. Und nicht jeder ist so stark und mutig wie Richard Gutjahr. (Und selbst der war nahe daran zu zerbrechen.) Aber wir müssen als Gesellschaft versuchen, eine Zivilgesellschaft, eine zivilisierte Gesellschaft am Leben zu erhalten. Und genauso wie das Internet die Option zum Bösen verstärkt, so stärkt sie auch den Zusammenhalt der anderen. Der Menschen, die andere Menschen mögen, die das Leben lieben, die Liebe leben, die darum kämpfen, dass das Leben besser wird. Nicht nur für ein paar Menschen, sondern für viele, für immer mehr.

Es gibt genug schöne Dinge, genug Fortschritte, genug Errungenschaften und genug positive Ereignisse, die uns die Existenz von Trollen & Co. aushaltbar machen sollten. Die Medien helfen da kaum weiter, sie berichten nur, wenn was passiert. Und nur schlimme und schlechte Dinge passieren. Gutes zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es passiert, es geschieht und existiert – unberichtet, zu oft unbemerkt und kaum mal kommentiert. Was helfen gesunkene Kriminalitätsraten, wenn der tägliche Alarmismus eine konträre Geschichte erzählt?

Aber auch hier hilft das Internet ein wenig. Es gibt schön gemachte Sites, die sich der positiven Seite der Macht stellen und gute Nachrichten verbreiten. Schöne Beispiele sind Sites wie Human Progress oder sogar intelligente Statistik-Analysen wie bei Our World in Data. Beide Sites sind in Englisch. Fehlten nur noch ein paar deutsche Pendants – und User, die bereit sind, positive Nachrichten zu verdauen – anstatt sich immer wieder versichern zu lassen, wie schlimm die Welt – und vor allem die Menschen auf ihr sind.

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Asymmetrie des Wissens


Sokrates hat recht – teilweise zumindest

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – Es ist doch manchmal ein Vorteil, auf einem Humanistischen Gymnasium gewesen zu sein. So hat man die wesentliche Erkenntnis von Sokrates früh vermittelt bekommen – und auch noch inhaltlich richtig im Sinne: „Ich weiß als Nicht-Wissender.“ Dieses Prinzip sollte der Ausgangspunkt eines lebenslangen (In-)Fragestellens sein – und der Reflexion – auch über sich selbst.

Heute wissen sehr viele Datenbanken sehr viel über mich – davon darf man ausgehen.Vorgeblich können damit Profile über mich erstellt werden, die meine innersten, vielleicht auch geheimsten Wünsche entlarven. Es heißt sogar, die Algorithmen der Datenbankeigner durchschauen mich irgendwann besser als ich mich selbst. „Ich kenne dich besser als du selbst!“ Diesen Satz habe ich einst aus dem Mund meiner Mutter gehört, als ich ernst machte mit der Abnabelung von zuhause. Und ich wusste damals nur allzu gut, dass sie nicht recht hatte. (!!!)

Manipulation statt Anamnese

Ähnlich geht es mir mit den Datenbankprofilen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Komplexität, die Sensibilität und Intelligenz von Maschinen und die sie steuernden Algorithmen so lange mehr als beschränkt sein müssen, solange sie von Menschen programmiert werden. Vor allem auch so lange, als der erwünschte Erkenntnisgewinn von psychologisch eher schlicht gestrickten Marketing- und Vertriebsmanagern bestimmt wird. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag: Der Gläserne Mensch.)

Eine tiefenpsychologische Anamnese eines Kunden, wie sie mit einem umfangreichen Arsenal von im Internet und Konsumenten-Datenbanken gesammelten Daten im Idealfall möglich sein könnte, ist nur hilfreich, wenn dabei wirklich verborgene Wünsche zu Tage kämen, die den Menschen individuell weiterbringen – und die dazu noch real finanzierbar wären. Meine Befürchtung aber ist, dass es Marketing und Vertrieb immer noch viel zu gerne darauf anlegen, Konsumenten zu manipulieren, um ihnen statt individuell gewünschter (und finanzierbarer) Wunschprodukte lieber irgendwelche Produkte aufzuschwätzen, die sie nicht brauchen, die sie sich nicht leisten können. Das alles nur der lieben Rendite und womöglich der Bonifikation der jeweiligen Manager zuliebe.

Wissen ist Macht

So lange das hierarchische Prinzip der alten Produktions- und Vermarktungsweise von oben nach unten weiter beibehalten wird und die Haltung praktiziert wird, dass man selbst (oben) am besten weiß, was die Kunden wollen, kann eine Analyse oder Interpretation von Kunden anhand von Daten nicht funktionieren. Solange nicht sichtbar und real erlebbar wird, dass Kundendaten zugunsten der Kunden, gerne auch in einer Win-Win-Situation, ausgewertet werden, sondern zur Erhöhung von Umsätzen und Renditen, vulgo zur Belohnung der Einfallslosigkeit von Produktentwicklern und Vermarktern, muss man bei allem Verständnis für eine offene Datenwelt der Zukunft erst einmal noch Vorsicht walten lassen, sprich die Privatsphäre des Einzelnen mittels Datenschutz berücksichtigen. Das kann man restriktiv tun, wie es in Europa und speziell in Deutschland allzu gerne betrieben wird, es ginge aber auch anders.

Zur Zeit ist die Wissensmacht im Internet schmerzhaft asymmetrisch. Die Datensammler wissen so viel über uns, wenn sie die richtigen Daten verknüpfen und intelligent daraus Schlüsse ziehen. Wir dagegen haben keinerlei Ahnung, was genau über uns gespeichert ist, ob die Daten überhaupt zutreffend sind – und am wenigsten ahnen wir, welche Schlüsse die auswertenden Algorithmen über uns ziehen. Was ist da zu unserer Kreditwürdigkeit errechnet worden – und mit welchen Daten? Welche geheimen Bedürfnisse sind über uns ermittelt – und gespeichert? Gelten wir als guter, als schlechter, als renitenter oder als dummdoofer Kunde? Wir haben davon keine Ahnung. Die einen sitzen im Dunkeln – und die anderen wissen – angeblich – alles.

Das Gleichgewicht des Datenschreckens

Diese Asymmetrie ist so nicht akzeptabel. Um wenigstens ein wenig ein Gleichgewicht (des Datenschreckens) herzustellen, müsste für jeden Einzelnen von uns Einsicht auf alle über uns gesammelten Daten gegeben werden – und die Schlüsse, die daraus gezogen werden (können). Und wirklich alle Daten, natürlich nur für jeden einzelnen User. Und natürlich darf dieses Wissen nicht als undurchsichtiger Datenwust präsentiert werden, sondern ganz schick aufbereitet.

Wie so etwas aussehen kann, machen etwa die unterschiedlichen Monitoring-Dienste schon mal vor. Da kann man zu den Social Media Daten, die zu einem Stichwort, einem Firmennamen etc. gesammelt werden, in schön aufbereiteten Tortengrafiken, in Manometer-Skalen, in Statistik-Balken – und natürlich in bunten Farben. Digital Dashboard heißt so etwas, das digitale Armeturenbrett. Dort ließe sich etwa ganz kulinarisch die eigene Kreditwürdigkeit ablesen – samt möglicher Bewegung hin zum roten Bereich. Man könnte seine Obsessionen in bunten Info-Grafiken bewundern, samt ihrer kontinuierlichen Veränderungen. Man kann seine Hitzigkeit im Umgang mit Behörden oder Call Centern an einem Thermometer ablesen. Der Kreativität an Inhalten und grafischer Umsetzung ist hier Tür und Tor offen.

Bequemes Ego-Mirroring

So gerne, wie heute Menschen Ego-Googeling betreiben, so bereitwillig würde solch digitale Ego-Bespiegelung angenommen werden, keine Frage. In einer narzisstoiden Gesellschaft, wie wir es sind, ist solch ein Tool die ultima Ratio. – Ja man könnte sogar vielleicht bestimmte Daten und Auswertungen für die Öffentlichkeit freigeben und könnte damit lustige Vergleiche – und Spiele – starten. So könnte gar das reale Leben zum Spielfeld werden. Und die Partnervermittlungen im Netz könnten sich die albernen Persönlichkeits-Tests sparen – und gleich ihre Parameter für eine gelungene Paarkonstellation mit realen Daten von Usern füttern.

Scherz beiseite. Die Asymmetrie des Datenwissens kann nicht auf Dauer akzeptiert werden. Es baut eine (neue) Hierarchie des Wissens auf, ausgerechnet im Digitalen Raum, der bisher alle bestehenden Hierarchien eingerissen hat. Auf alle Fälle müssen alle wirklich wesentlichen Daten, vor allem persönlichkeitskritische Informationen wie Kreditwürdigkeit, Zahlungsverlässlichkeit, strafrechtliche Erkenntnisse, Einreiseverbote, Bewegungsprotokolle etc. einsehbar sein.

Es gab – und gibt laufend – zu viele Falscheinträge, Verwechslungen und Daten-Irrläufer, die immer wieder zu kritischen Situationen führen. Die Polizei verhaftet Namens-Zwillinge. Ein Tippfehler hat oft dramatische Folgen, wenn es um Job, Geld, Steuern oder andere brisante Themen geht. Und Datenirrläufer werden immer mehr, je mehr Daten gesammelt  und verarbeitet werden. Das ist unausweichlich. Und wenn schon, möchte ich für mein Verhalten „büßen“ – und nicht das eines virtuellen Doppelgängers.

Der gläserne Mensch


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.