Saure Milch

31. Oktober 2014


Aus Redakteuren werden Melk-Facharbeiter

Drei Strategien verfolgen die klassischen Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage beim Wandel zum Digitalen. Der amerikanische Ex-Journalist und Medienberater Alan D. Mutter hat sie in seinem Blog „Reflections of a Newsosaur“ folgendermaßen definiert:

  • Milk it – Man hat längst aufgegeben, investiert nichts mehr, spart wo es geht und holt nur noch so viel Geld aus dem Unternehmen wie möglich.
  • Farm it – Man hat letztlich auch aufgegeben – aber investiert gerade so viel, dass vielleicht der Zeitpunkt der Unrentabilität nach hinten verschoben wird.
  • Feed it – Man investiert heftig und mit viel Mut zum Risiko und erfindet sich in der digitalen Welt neu.

Danke an Wolfgang Blau, einst Chefredakteur von Zeit Online und heute Direktor Digitalstrategie und Mitglied der Geschäftsführung des Guardian. Er zitiert diese Definition in einem mehr als hörenswerten Vortrag beim DJV über die Trennung von Print- und Online-Journalismus.

Wolfgang Blau sieht in Deutschland eigentlich nur einen Verlag, der der dritten Kategorie zugehört, der wirklich Neues wagt und dafür richtig Geld in die Hand nimmt. Und das ist der Springer Verlag. Alle anderen wählen die beiden anderen Wege:  Mehr oder weniger sehenden Auges steuern sie dem Ende ihrer Existenz entgegen.

Die Rente ist sicher

In dem Zusammenhang bekommt die Ankündigung von Gruner & Jahr, alle schreibenden Redakteure bei der „Brigitte“ und den Großteil bei „Geo“ rauszuschmeißen, eine ganz andere Dimension. Die neue Chefin Julia Jäckel scheint die Strategie von „Farm it“ auf „Milk it“ umgestellt zu haben. Oder profaner gesagt: Für das Führungspersonal – das auch noch kurioserweise aufgestockt wird, reicht es vielleicht noch bis zur Rente. Für den Rest der Mannschaft aber nicht.

Das mag jetzt zynisch klingen. Aber wahrer Zynismus ist es, wenn die Kündigung der Redaktion und der Wechsel zu freien Mitarbeitern mit den Worten begleitet wird: „Zukünftig werden die Titel derBrigitte-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert. Durch diese Strukturumstellung holt Brigitte mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein.“ Das heißt, die eigene Redaktion bestand aus Schnarchnasen und Einfaltspinseln. Warum muss man noch nachtreten und warum so gemein?

Die Melker schlagen zu

Berufsbedingt kenne ich viele der freien Journalisten, die für solch redaktionsautorenlose Magazine schreiben. Ich weiß um deren Vielfalt und Potential. Und ich erlebe mit, wie ihnen die Arbeit Monat um Monat schwerer gemacht wird, bei ständig sinkendem Erlös. Recherchen werden nicht bezahlt, Reisebudgets gibt es nicht mehr. Also fahren die Autoren (wegen Vielfalt und Potential) auf eigene Kosten los, weil sie sonst keine Qualität liefern können, die natürlich von den Redaktionsoberen („die Rente ist sicher!“) gefordert wird. Dann wird bemi Honorar geknausert. Statt Seitenpreise gibt es nur noch Textmengen-Bezahlung – und Zeilen und Fotohonorare werden kontinuierlich heruntergefahren. Es ist wie es ist: Milk it. Aus Redakteuren werden Melk-Facharbeiter.

Der Zynismus in den Meldungen über immer neue Kündigungen und Einsparungen lässt sich nur daraus erklären, dass die Melk-Facharbeiter ihrer Lebenslüge, Journalisten und Redakteure zu sein, eisern nachhängen. Und statt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, werden lieber weiter muntere Branchen-Rituale wie das Absägen von Chefredakteuren und die Abwehr vor einschneidenden Veränderungen betrieben. Das aber sehr erfolgreich. Denn da ist man richtig gut drin. Und deshalb haben Strategien wie „Farm it“ oder gar „Feed it“ in großen deutschen Verlagshäusern keinerlei Chance.

Zukunft im Exil

Ich bin froh, dass ich diesem Gewerbe vor fast 25 Jahren den Rücken gekehrt habe. Der Online-Journalismus ist so spannend wie nie zuvor. Dank Buzzfeed, Vice oder auch der Huffington Post (mit Abstrichen) – und all den anderen online-only Publikationen im englischsprachigen Bereich: Upworthy, Gizmodo, Gawker oder eben auch dem neuen Guardian. Die Zukunft der Medien findet anderswo statt, nicht in Deutschland.

Es ist kein Zufall, dass Wolfgang Blau in seinem Vortrag (siehe oben) jungen Journalisten empfiehlt, ihr Heil im Ausland zu suchen. Dort wird viel gewagt, und es wird investiert. Vielleicht können sie ja zurück kommen, wenn die Herren leitenden Redakteure ihre Rente sicher haben. Und vielleicht gibt es bis dahin Medienprojekte, die die „Feed it“-Strategie fahren. Mal ganz zu schweigen von den Medien, die wir sowieso und unweigerlich bezahlen: die Öffentlich-rechtlichen. Die haben eine vierte Variante gewählt: Sie haben sich aus der Gegenwart in irgendeine Vergangenheit gebeamt und schauen von dort staunend der Gegenwart zu. Ihre Strategie: „Freez it“.

 

 

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