Mythos meets Talmi

1. Februar 2012


Lana del Rey: Umgang mit Unerklärbarem

Wie entstehen Mythen? Darüber haben über Jahrhunderte hinweg Religionswissenschaftler, Psychologen und Philosophen theoretisiert. Heute folgen wir gerne dem Mythos-Verständnis von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann. Jürgen Habermas definiert Mythos – hier arg verkürzt – als ein archaisches Wissen, das über jahrhundertelange Tradition und Überlieferung unsere  Handlungsnormen der Gegenwart beeinflusst. Entstanden sind Mythen für ihn aus der Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt. Für Niklas Luhmann – auch arg vereinfacht – sind Mythen das Ergebnis einer frühzeitlichen tradierten Selbstbeschreibung. Sie definieren das gesellschaftliche Verhältnis zum Unvertrauten. Der Mythos ist so eine vor-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren.

Lana del Rey

Es ist bezeichnend, dass wir uns heute mit Mythen in dem beschriebenen Sinne so schwer tun. Allem Möglichen (und Unmöglichen) wird zwar die Bezeichnung „Mythos“ aufgestempelt. Aber meist ist das nichts anderes als ein schaler Versuch einer unspezifischen, para-religiösen Vermarktung. Man mache mal kurz die Probe aufs Exempel und sehe sich die Bilder-Ergebnisse einer Google-Suche ein.  Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Turnschuhe, Fahrradhelme, Autos, Motorräder, Bier, ja sogar das Weserstadion etc. tauchen auf, wenn man sich erst einmal durch Fotos zum Computerspiel „Mythos“ durchgearbeitet hat. Na ja, was soll Google auch machen, wenn es nach Unwägbarem gefragt wird. Hier endet das digitale Allwissen in schrabbeliger Banalität. (Nach „Mythos“ auf Twitter gesucht, bringt ein weit intelligenteres und differenziertes Ergebnis – wenn auch niederschmetternd rationalistisch…)

Des Mythos neue Kleider

Mythos und Unwägbares, gar tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingelagerte Überlebenserfahrungen aus vor-rationaler Zeit (s. o.), das mag so gar nicht zum unendlichen Info-Panoptikum der digitalen Welt passen. Und es ist in seiner diffusen, unterbewussten Qualität diametral zur Offenheit des Internet und zur allgegenwärtigen Skepsis und Prüfsucht der Webgemeinde. Ein schöner Gedanke dazu wird in der vielleicht intelligentesten Kritik zum Debut-Album „Born To Die“ von Lana del Rey von John Calveri formuliert und ist im Online-Musikmagazin „The Quietus“ erschienen. Neben einer vernünftigen – recht positiven – Einschätzung des Albums denkt Calveri über das Problem nach, in Zeiten des Internet und dessen rabiater Art der allgegenwärtigen Dekuvrierung, seiner Sucht nach Transparenz und Authentizität noch Mythen bilden zu können, geschweige denn sie zu zelebrieren.

Er bewundert die Fülle an Zitaten aus der Glamour-Kultur Hollywoods der 50er- bis 70er-Jahre, die in dem Album versammelt ist – und dabei zugleich die Gegenwart in all ihrem Talmi und ihrer Referenz- und Vintage-Sucht treffend beschreibt. Denn gerade dadurch kommt man heute einem Abziehbild von Mythos am einfachsten nah – meint man wohl. Und Lana del Rey konterkariert diese Rent-a-Myth-Mentalität durch ihre exzessive Nutzung. Zitat Calveri: „It’s tempting to interpret Born To Die as the culmination of over 70-odd years of pop industry progress, in terms of the dark art of myth-making. It’s now as if life is imitating art in real time, worse, in digital time, with both tiers – life and art – forward-planned to coincide.“ Das genau sind die digitalen Zeiten: die willkürliche Vermischung aus Zitat und Wirklichkeit, aus Kunst und Leben, Banalität und Mythos.

Projektions-Phantasien der Journaille

Die mythische Verhüllung eines hübschen, ein wenig ungelenken Twens ist auf sehr bemerkenswerte Weise gelungen. Initiiert als viral funktionierende Video-Collage zu „Video Games“, die zig-millionenfach angeklickt wurde, hat sie mit ihren homöopathisch dosierten kryptischen Bezügen und biografischen Widersprüchen äußerst erfolgreich die Phantasie der (Musik-)Journaille beflügelt. Sind ihre Lippen aufgespritzt? Ist sie Millionärs-Töchterchen oder Trailerpark-Girl? Hat sie das Video wirklich auf dem iPad produziert? Die Projektionen der non-digitalen (!) Presse entführten Lana del Rey erfolgreich aus jeder Wirklichkeit, aus dem alltäglichen Banalitäts-Referenz-System. Noch einmal Zitat Calveri: „A lost art in the internet age, it’s precisely that distance, that sense of untouchability, which renders Del Rey mysterious; a comfortably numb semi-goddess imprisoned in the isolation of stardom, both on Born To Die and, since her rise to ubiquity, in real life as well. Suffice to say, it’s brain-twistingly meta.“

Die undurchschaubare Mischung aus Traum und Wirklichkeit, die so entsteht, ist die derzeit wohl einzig noch funktionierende Methode, sich der inquisitorischen Recherche-Wut der Netzgemeinde und der all-profanisierenden Medien zur Wehr zu setzen und noch einen Hauch von Geheimnis zu retten. Dieses Spiel aus Realität und Überhöhung zieht sich bis ins kleinste musikalische Detail. Schwülstige Streicher-Arrangements sind mit kalten, verschleppten Trip Hop-Rhythmen unterlegt. Hymnische Melodien, Harfen und Glockenklang sind konsequent mit dokumentarischen Tondokumenten in UKW-Qualität, Rap, Kindergeschrei, Computer- und Modem-Funktionsklängen, Feuerwerk, Vinylplattenknistern, Atemgeräuschen oder Radar-Pings hinterlegt. Mit ähnlichen Brüchen zwischen Traum und Wirklichkeit, Liebe und Gewalt arbeiten auch die Texte von Lana del Rey.

Marketing alá Fellini

Nicht umsonst zitiert John Calveri denn auch den Großmeister der Assemblage von Traum und Wirklichkeit Frederico Fellini („8 1/2“): „In the end, (Lana del Reys) debut is essentially a lattice of Fellini-esque postmodernism. (…)  The difference is, Fellini never had the internet. Blurring the line between dreams and reality gets a whole lot more complicated when you have a fourth dimension to play with.“ Die vierte Dimension, das ist in Zeiten des Internets die Virtualität. In dieser Welt wird der Künstler/die Künstlerin im Idealfall einer gelungenen Mythenbildung und Mystifizierung zum Spielball der Phantasien und Projektionen der Hörer und Zuschauer.

Und um diesen Sim-Effekt der Projektion im virtuellen Raum zum Funktionieren zu bringen, muss ein wirklich umfangreiches Arsenal an Zeichen, Zitaten, Bezügen, urbanen Legenden – und an Klängen, Melodien und Bildern angeboten werden, aus dem sich dann jeder nach seinem Gusto und seiner Phantasiebegabung bedienen darf. Und dazu sollte das Angebot stimmig sein, es darf aber zugleich nicht zu homogen sein. Authentisch kann nur wirken, was auch bis zu einem bestimmten Grad widersprüchlich ist. So entsteht dann tatsächlich Mythos im Habermasschen Sinn als Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt – jetzt einer hyperkomplex gewordenen Welt. Bzw. entsteht Neo-Mythos a lá Luhmann als eine para-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren der Populärkultur.

Der Backfire-Effekt

So etwas funktioniert nicht nur bei der Mythisierung einer Pop-Sängerin. Lana del Rey als Medienphänomen kann auch als eine Blaupause für Markenbildung und Markenführung dienen. Es mag vermessen klingen: Wer immer seine Marke zum Mythos machen will, oder wenigstens mythisch in Zeiten digitaler Omnipräsenz aufladen will, der sollte sich das Phänomen Lana del Rey genau ansehen. Die Musik Dauerschleife hören, die Videos genau ansehen – und seine Lehren daraus ziehen.

Ist aber erst einmal ein Mythos stabil aufgebaut, dann hilft ausgerechnet die Informationsflut und die Diversität der Meinungen im Internet, um Mythen zu stabilisieren, ja zu zementieren. Wissenschaftler an der Universität Michigan haben sich mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass jeder Versuch, Mythenbildung durch Informationen und Argumente zu konterkarieren, unweigerlich scheitern müssen, weil in jeder Gegenargumentation selbst eine existierende Meinung (und sei sie grundfalsch) wieder erwähnt werden muss und sie sich so nur noch tiefer ins Gedächtnis eingräbt. Tiefer als jedes Gegenargument. Die Wissenschaftler nennen dies den „Backfire-Effekt“ denn je vertrauter Menschen eine Sache ist, desto eher schenken sie dieser Glauben. (So berichtet die SZ in ihrer Print-Ausgabe am 1.2.12 im Wissenteil unter der – etwas irreführenden – Überschrift „Wie man Starrköpfe überzeugt“. – Leider ist der Artikel – wieder einmal – nicht online gestellt.)

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Storytelling & Mythen

23. Juli 2010


Was ist Journalismus heute? Und was Storytelling?

Jeff Jarvis, Medien-Vordenker, -Quertreiber und Kongress-Talisman, hat in seinem (stets lesenswerten) Blog BuzzMachine.com den Journalismus neu zu definieren versucht. Anders als das Gros der Journalisten sieht er in gutem Journalismus nicht nur ein perfektes Storytelling, sondern eine Unmenge neuer Aufgabenfelder. Das geht bei ihm über das intelligente Sammeln und Aufbereiten von Daten über Herstellen und Betreuung von Kommunikationsplattformen und Organisation von Crowdsourcing und Betreuung von Wissen (Wikipedia) bis hin zur Erstellung von sinnvollen Algorithmen, die Informationen aufbereiten und einordnen etc.

Diese Liste ließe sich noch sinnvoll erweitern, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt. Journalismus bedeutet künftig auch das Erstellen von Story-Drehbüchern, also die multimediale, mal pädagogische und/oder spannende Inszenierung einer Information oder Geschichte. Will man in einer iPad-Version Mehrwert erzeugen, ist das unabdingbar! Auch die Organisation und Betreuung eines Hyperlocal-Services, einem Lokaljournalismus aus Eigeninitiative und die Kuratierung von Texten von User-Content werden in Zukunft Journalismus sein. Alles nicht so glamourös, wie es gerne in Journalistenschulen verkauft wird. Aber damit wird in Zukunft durchaus Geld verdient werden können, sollte man es nicht soweit schaffen, als Edelfeder zu einer eigenen, starken Autoren-Marke zu werden/werden zu wollen.

Storytelling als Ego-Trip

Das Storytelling, das Verdichten einer Geschichte zu einer Geschichte, sieht Jeff Jarvis als nur eine mögliche Aufgabe des Journalisten, und er sieht sie relativ kritisch. Zitat – frei übersetzt: „Als Erzähler einer Geschichte stellt sich der Erzähler in den Mittelpunkt, er reißt die Geschichte an sich. Das ist meine Story! Und ich entscheide, wie sie geht und erzähle sie auf meine Weise. Der Erzähler einer Geschichte übt über sie Kontrolle aus. Und es herrscht die Einbahnstraße vom Produzenten zum Rezipienten.“

So ganz falsch liegt Jarvis mit seiner Einschätzung nicht, vor allem wenn man die Selbstreflexionen der Journalisten – vor allem in der Auseinandersetzung mit dem bösen Konkurrenten Internet und speziell der Blogger-Gemeinde – sieht. Aber bei aller sinnvollen Kritik daran übersieht er ein wichtiges und vielleicht das älteste Merkmal des Storytelling, deutsch: des  Geschichtenerzählens, altdeutsch: der Moritat.

Empathie und Mythos

Wirklich gute, und gut erzählte Geschichten bringen Situationen, Stimmungen, Bedürfnisse, Emotionen, ja auch Zeitgeist so gut auf den Punkt, dass sie ihnen den Grauschleier des Unbewussten entreißen und es so wirksam machen. Sie wecken Emotionen und Erkenntnis und/oder machen sie bewusst. So entsteht dieses Wundern über einen selbst – oder die Gesellschaft oder bestimmte Phänomene, die einen berühren, ja bis zur Gänsehaut (positiv oder negativ) führen. So entsteht Empathie, so entstehen aber auch Wut und Trauer, was oft die wesentlichen Ingredienzien sind, will man etwas (einen Missstand o. ä.) ändern.

Einzug ins Ur-Gedächtnis

Wirklich gut erzählte, extraordinäre Geschichten sind im besten Fall so weit verdichtet, dass sie sich in unserem Bewusstsein festsetzen. Sie sind sozusagen das Gleitmittel, das es ermöglicht, dass Erkenntnis oder Gefühl in den begrenzten Raum unseres Langzeitgedächtnisses und unseres innersten Meme-Reservoires schaffen. So entstehen im besten Fall positive Pendants zu all den Traumata, die das Leben für uns bereit hält. So entstehen Mythen, die es bis in unser allerinnerstes Gedächtnis, das Ur-Gehirn, schaffen.

Ich bin noch heute meinem Vater so dankbar, dass er mir als Kind am Bett zum Einschlafen nicht Märchen oder Kindergeschichten vorlas, nein er erzählte mir frei aus seiner Erinnerung heraus die wilden Geschichten des Odysseus, die er auf seiner ewig langen Fahrt von Troja nach Hause zu seiner ihn liebenden Frau erlebte. Die Sirenen, die Nymphe Kalypso, den Riesen Polyphem, Skylla und Charybdis etc. Diese Geschichten sind mir bis heute lebendig vor Augen. Wahrscheinlich habe ich sie nach dem Einschlafen auch noch weitergeträumt.

Die Moritat von der Geschicht‘

Unser Bewusstsein ist voll von Mythen. Es ist die Essenz von unzähligen Geschichten, die sich die Menschheit über Jahrtausende immer weiter erzählt hat. Von Naturkatastrophen (Arche Noah), von Kriegen und Not, von Liebe und Lust, von Entdeckung von Unbekanntemn (Odyssee), von Hoffnungen und Siegen, von Dämonen und bösen Kräften (Herr der Ringe). Wir wissen heute, dass Großteile unseres Verhaltens letztendlich von diesem mythischen Innersten bestimmt werden. Um so wichtiger ist es, unser mythisches Gedächtnis von den schlimmsten und finstersten Relikten zu reinigen, etwa der Urangst und all den Dämonen einer naturreligiösen Zeit. Das geht aber nur, indem wir neue, zeitgemäße und – wenn es geht – positive Mythen hier einpflanzen.

Das ist aber nur mit wirklich neuen Geschichten möglich, die uns im Innersten anrühren. Das funktioniert nur mit perfekt erzählten Geschichten. Und dabei helfen kein iPad, kein Algorithmus und keine Datenbank weiter. Da hilft nur bestes Storytelling. Und gute Storyteller. Jarvis hat recht, wenn er bemerkt, dass Geschichtenerzähler Geschichten an sich reißen, aber dafür steckt dann auch ihr Herzblut drin. Die Moritat von der Geschicht‘: wir brauchen mehr Moritaten – und Moritatensänger. – Gerade auch im Internet.


Döntjes auf 10.000 Meter

Ein kleines Seitenthema in „Up in the Air“ (Buch & Regie: Jason Reitman) mit dem wunderbaren George Clooney in der Hauptrolle (mehr zum Film in „Up in the Air 1“) sind die Bekanntschaften und Freundschaften auf (ganz kurze) Zeit, die man vor allem auf Langstreckenflügen mit Sitznachbarn schließt. In „Up in the Air“ erkennen sich Clooney und sein Flugkamerad vom Vortag am nächsten Morgen beim Einchecken nicht einmal mehr.

Zwei solcher Gespräche in der intimen Nähe einer Sitzreihe sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. – Auf dem Flug von Seattle zurück saß vor Jahren ein gemütlicher, vollbärtiger Mann neben mir. Vielleicht Anfang 60, Typ sympathischer Pappi. Angenehm unaufdringlich, aber wir kamen trotzdem ins Gespräch. Anlass war seine Bemerkung, mit der er mich von meinem Gangplatz aufscheuchte, er müsse jetzt hinten im Flugzeug nach seinen Norwegern sehen, die er gestern gefeuert habe und die deshalb heute nach Hause fliegen. – So ein Satz macht neugierig.

Käpt’n Iglo erzählt

Der nette Pappi stellte sich als Chef der Fischfangflotte eines großen Nahrungsmittelherstellers heraus. Er war also der Herr der Fischstäbchen. Gruselig die Schilderung der Arbeitswirklichkeit auf den Fangschiffen und speziell auf den Fabrikschiffen, auf denen der frisch gefangene Fisch gleichg erzählt vor Ort ausgenommen, portioniert, gefroren und paniert wird.

An den Fließbändern arbeiten – so erzählte es jedenfalls Käpt’n Gefrierfisch – fast nur russische Frauen, vorzugsweise Akademikerinnen. Nur sie hätten die psychischen Voraussetzungen, solch schlimme Arbeit in brutalster Kälte und Nässe bei schwankendem Schiff durchzuhalten. Sechs Monate am Stück, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden täglich. Dann vier Monate Pause und Familienleben, die Ehemänner kümmern sich derweil um Haushalt und Kinder.

Diese Frauen seien die Einzigen, so der Käpt’n, die bei der Knochenarbeit nicht irgendwann zu saufen beginnen. Deshalb habe er ja auch die Norweger, die die Schiffsmannschaft stellten, rausgeschmissen. – Der Grund für das rigide Vorgehen: Gerade erst wäre ein Fabrikschiff mit etlichen Dutzend Mann Besatzung und zig Fabrikarbeiterinnen im Nordpazifik urplötzlich spurlos verschwunden. Ausgerechnet am Weihnachtsabend. Da sei wohl dann doch, trotz aller Verbote gefeiert worden, nahm er an. So heftig, dass nicht mal mehr ein Notrufsignal abgesetzt wurde.

Nach solch einer Erzählung liebt man seinen eigenen Job wieder von ganzem Herzen. Und so sah das auch mein Sitznachbar, der das alles in seiner norddeutschen, seemännischen Gemütsruhe erzählte, aber deutlich diese Gruselstory mal loswerden wollte. Ausgerechnet an eine Landratte wie mich – und das in 10.000 Metern Höhe.

Kommunistische Indianer in Tripolis

Die zweite kuriose Begegnung fand auf einem Flug von Tripolis (Libyen) nach Paris statt – das ist noch ein bisschen länger her. Ich war dort auf einem einwöchigen Kongress mit amerikanischen, kommunistischen Indianern (!!!). Thema der Veranstaltung: von arabischen Wissenschaftlern wurde versucht nachzuweisen, dass es eine genetische (!!!) Verbindung zwischen Arabern und US-Indianern gibt. Um die Voraussetzungen für diese gewagte These zu schaffen, sollen phönizische Schiffe schon um die Zeit von Christi Geburt Amerika entdeckt haben. Na ja, die Beweise dafür waren dünn, wurden dafür um so emphatischer vorgetragen – und von den Indianern angemessen beklatscht. Besonders schön war das große Solidaritätsfest der „Abrabianer“, so richtig mit Kriegstänzen in vollem Federschmuck.

Meine Anwesenheit dort war ein Missverständnis. Ich war eigentlich für ein Interview mit Gadhafi angereist. Doch das hatte sich von der Botschaft in Bonn (sic!), die das Interview in Aussicht gestellt hatte, nicht bis Tripolis herumgesprochen. So durfte ich die Stadt mit riesigem Schnellstraßenkreisel – stolz: Made in Germany – kennenlernen. (Toll die italienisch angehauchte Altstadt!) Den Zoo durfte ich besuchen, dort hatten die meisten Tiere aber anscheinend gerade Ausgang. Und dann die Begegnung mit arabischem Akademismus. (Vielleicht sollte ich daraus noch mal eine eigene Novelle schreiben – als Hommage an Kafka.)

Da Vinci déjà vu

Nach acht Tagen wurde ich sehr unhöflich wieder aus dem Land heraus komplimentiert. Ohne Interview. – Im Flugzeug saß ich neben dem coolsten der US-Kommie-Indianer. Bert sah wie ein echter Cowboy aus, samt Streichholz zwischen den Zähnen. (So was ging damals noch!) Wir kamen ins Gespräch. Er war gar kein Cowboy, sondern Elektriker, in einem Kraftwerk in Indiana. Und jetzt nutzte er die Gelegenheit und schaute noch schnell in Südfrankreich vorbei. Dort wollte er sich drei Wochen auf die Spuren von Christi Nachwuchs begeben.

Der Mythos, dass Jesus mit Maria (Magdalena) Kinder hatte, die samt Mutter nach seinem Tod nach Gallien – also Frankreich – in Sicherheit gebracht wurden und dort – angeblich mit dem wiederauferstandenen Jesus – ein Familiengeschlecht gründeten, deren Nachfolger noch heute leben, war mir damals neu. Und das als Ministrant! Ich muss die Geschichte auch nicht weiter ausführen, sie ist schließlich der Plot von Dan Browns Bestseller „Da Vinci Code“ (deutsch: „Sakrileg“) und dort samt aller Verschwörungstheorien nachzulesen. Ein echtes déjà vu, als ich das Buch erstmals in Händen hatte.

Solche netten Döntjes bekommt man in 10.000 Metern Höhe zu hören, wenn man Up in the Air ist und ein wenig Glück mit seinen Sitznachbarn hat. Manchmal sollte man sie ein wenig ernster nehmen. Wenn ich an Dan Brown und seine Auflagen denke…

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