Verlust der Deutungs-Hoheit

2. November 2010


Die Zeitungen in Deutschland sterben 2030?

Jetzt wissen wir es endlich genau. Der amerikanische – selbsternannte – Futurist und Strategieberater Ross Dawson hat es in seinem Blog gewagt, das Ableben der Zeitungen in ihrer gedruckten Form (engl. „newspaper„) weltweit exakt zu terminieren. Das geht 2017 in den USA los, 2019 folgt Großbritannien, 2020 Kanada und Norwegen. Deutschland hat seiner Meinung nach noch eine Galgenfrist bis ins Jahr 2030. Ganz am Ende der Entwicklung stehen die Mongolei (2038), Argentinien (2039) und das komplette Afrika (2040+). (Die komplette Weltkarte dazu ist beigefügt.)

Wäre man zynisch, dann könnte man solch eine Prognose als smartes Akquisetool und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme werten. Denn die Reaktion auf das exakt datierte Zeitungs-Dahinscheiden ist weltweit schon beträchtlich und diese Aufmerksamkeit und die Chuzpe, genaue Jahreszahlen zu prognostizieren, garantiert Einladungen zu Vorträgen, Symposien und Kongressen.

Self Fulfilling Death

Solch exakte Terminierungen sind natürlich, trotz aller Rationalisierungen, ein Unsinn. Aber sie können durchaus zu einer Selffulfilling Prophecy werden, je nachdem, wie hysterisch die Reaktion vor allem der Betroffenen ausfallen wird. Denn bei allen wirtschaftlichen und technischen Imponderabilien, die Ross Dawson aufzählt, werden vor allem Faktoren, die er in seiner Analyse nicht bedacht hat, über das Fortleben von Zeitungen in gedruckter Form entscheiden. In digitaler Form, auf Lesegeräten und Foliendisplays wird es Nachrichten- und Feature-Inhalte sowieso weiter geben. Gratis höchstwahrscheinlich oder teilweise mit verdeckter Finanzierung durch Nutznießer von stets aktuellen Inhalten – und das werden in dem zur Debatte stehenden Zeitraum kaum mehr Werbetreibende im heutigen Verständnis sein.

Papierlogistik mit angeschlossener Intelligenzia

Das Problem ist also nicht, dass wir nach einem wann immer zu datierenden Zeitungssterben ohne Nachrichten und Meinungen auskommen müssen. Das Problem ist einzig und alleine, dass bislang zu diesem Zweck Unmengen von Papier bedruckt und zu den weit verstreuten Lesern transportiert werden müssen. Die Medienhäuser heute sind eben eher Papier- und Drucklogistiker mit angeschlossener Verwaltung und – im besten Fall – mit einer kleinen angeschlossenen schreibenden Intelligenzia.  Um das Ende dieser Medienhäuser und ihres Businessmodells geht es letztendlich. Und klar ist, dass hier Länder, in denen die Logistik des Zeitungsverteilens besonders aufwändig ist, weil die Entfernungen zu den immer verstreuter werdenden Lesern weit sind, als erste vom Zeitungssterben heimgesucht werden könnten. Also etwa die USA.

Einfluss-Faktoren und blinde Flecke

Ross Dawson hat seiner Prognose eine Menge Faktoren zugrunde gelegt, die durchaus in der Bewertung der Zukunftsperspektiven von Zeitungen Sinn machen. Global gesehen: Verbreitung und Kosten von Smartphones, ePads, Bildschirmfolien, Entwicklung des Anzeigenmärkte, der Druckkosten und der Vermarktungsmöglichkeiten digitaler Inhalte. Regional haben die demographische Entwicklung, technologische Besonderheiten (Bandbreiten), Branchenbesonderheiten (z. B. öffentlich rechtliche Medien), die Besitzverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, Gesetzgebung und das Kundenverhalten Einfluss auf die Lebenserwartung von auf Papier gedruckten Medien. (Alle Faktoren – auf Englisch – hier.)

Das ist alles soweit richtig, lässt aber ganz wesentliche Faktoren außer acht oder wertet sie nicht richtig. Das sind wirtschaftliche, personelle, inhaltliche und strukturelle Faktoren. Wie schnell und unbarmherzig der Umbruch von analogen auf digitale Medien gehen kann, das hat die Fotoindustrie bereits exemplarisch vorgelebt. Hier hat sich der Markt innerhalb eines halben Jahrzehnts komplett gedreht.

Quelle: GfK

Die Verkaufszahlen (der GFK) zeigen das eindrucksvoll. (Grafik anbei.) Solche Entwicklungen haben eine exponentiale Dynamik – und sind unumkehrbar. Und je schneller die Kosten für Papier, Transport und Verteilung steigen, desto schneller versagt das Businessmodell und der Punkt ist erreicht, an dem es sich nicht mehr rechnet, Zeitungen zu drucken. Der wesentliche Faktor, der diese Entwicklung beeinflusst (und beschleunigt), ist der Mensch – und zwar gleichermaßen auf der Verbraucher- als auch auf der Produzentenseite.

Zeitungen von gestern

Je nachdem in welcher Geschwindigkeit Menschen Zeitungen nicht mehr attraktiv finden und sie für verzichtbar halten, desto schneller werden Werbekunden nicht mehr Anzeigenseiten buchen – und desto weniger rentabel wird der Vertrieb.

Auslöser, warum Menschen Zeitungen für verzichtbar halten, sind auch technische Entwicklungen. Wenn man wie heute ganze Sektionen der Zeitungen am Morgen überblättern kann, wenn man aktiv News in Online-Medien verfolgt, weil man alles schon weiß und tags zuvor gelesen hat, dann lässt das so manchen überlegen, eine Zeitung nicht mehr zu kaufen oder sein Abonnement aufzugeben.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Qualität der Zeitungen kaum mehr mit denen der Online-Medien mithält, weil die Redaktionen kaputt gespart wurden. Bestes Beispiel ist hierfür Berlin. Wer dort die Tageszeitungen durchschaut, erlebt quer durch alle Tageszeitungen kaum mehr irgendwelchen Mehrwert gegenüber den Online-Medien.

Verlust der Bedeutungshoheit

Das viel gravierendere Problem aber ist, dass die Print-Medien drohen, die Bedeutungs-Relevanz und jede Zeitgeist-Kompetenz zu verlieren. Christian Jakubetz, Journalist und Journalismus-Dozent hat das in seinem JakBlog in 10 Thesen zur Zukunft der Zeitungen perfekt auf den Punkt gebracht: „Die Tageszeitungen vergreisen in ihren Redaktionen“.

Fakt ist: Junge Journalisten zieht es nicht mehr in Zeitungs-Redaktionen, und dort wären für sie auch gar keine Plätze frei, weil Personal abgebaut wird. So organisieren dann ältere Redakteure, die der Kündigungsschutz geschont hat, Inhalte für ihresgleichen.

Jeder Versuch, imaginäre jüngere Zielgruppen zu erreichen, muss fast notwendigerweise scheitern. Das System des Print-Journalismus ist schon lange nicht mehr für neue Ideen und neue Themen durchlässig. Dazu ist es seit langem wirtschaftlich wie ideologisch unter Druck. Hinzu kommen Standesdünkel, Selbstgenügsamkeit und Besitzstandswahrung.

Als Verleger Arno Hess und ich als Chefredakteur 1979 die „Münchner Stadtzeitung“ gründeten, waren wir damals auch Nutznießer solch einer Verkrustung der journalistischen Strukturen. Das war damals der Zeitpunkt, als durch das Aufkommen neuer Produktionsmethoden (Kugelkopfschreibmaschine, Offset-Druck) die Produktion neuer, billiger produzierter Zeitungs-Medien technisch und wirtschaftlich möglich war. Und eine neue Generation von Schreibern und Fotografen, teilweise von den Journalistenschulen, teilweise Autodidakten wie ich selbst, konnte sich hier ausprobieren. Sie konnten einen neuen, jüngeren Schreibstil entwickeln, neue Themen entwickeln, kritischer zupacken, neue optische Sichtweisen ausprobieren und nicht zuletzt eine neue Art von Service-Journalismus kreieren.

Bluttransfusion für die Zeitungen

Der wirtschaftliche und inhaltliche Erfolg der Stadtzeitungen – und in ihrer unmittelbaren Folge die Zeitgeistmagazine Tempo und WIENER – waren eine (nötige!) Bluttransfusion für einen sich damals relativ selbst genügenden Journalismus. Fast alle Autoren von damals schreiben heute in den großen Zeitungen und Zeitschriften: Spiegel, Focus, SZ, AZ, Zeit, taz, FAZ, sind im TV- und Filmbusiness oder haben eigene Verlage und Redaktionsbüros aufgemacht.

Ich war 27, als ich die Münchner Stadtzeitung gründete. Und ich war einer der ältesten der Redaktionsriege. Beim WIENER war Wolfgang Maier auch noch keine 30, als er die Chefredaktion übernahm, gleiches gilt für Markus Peichl (Tempo). Das schuf Chancen für junge Schreiber und Talente, wie sie heute undenkbar sind.

Ohne Kontakt zum Neuen

Das garantierte, dass sich die junge Generation in Stil und Inhalten wiederfand. Das war das Erfolgsrezept der Stadtzeitungen quer durch die Republik, allen voran TIP und Zitty in Berlin. Heute findet diese Generation ihre Themen und Ideen bestenfalls in Online-Medien, vor allem aber in den Sozialen Netzwerken. Sie sind für das Zeitungsbusiness ein für allemal verloren.

Wer aber die jungen Menschen als Publikum verliert, der kann keine (neuen) Themen mehr setzen, der kann nicht authentisch den Zeitgeist prägen – oder wenigstens repräsentieren. Der kann nicht wirklich Neues leisten, weder inhaltlich, noch optisch, weder rational, noch emotional. Dann hat sich ein (Massen-)Medium überlebt. Dann bleibt nur die Nische – und für die gelten völlig andere wirtschaftliche Bedingungen.

Ich halte daher die Einschätzung von Ross Dawson, dass in Deutschland 2030 die Zeitungen sterben werden, eher für zu vorsichtig. Ich stimme der Meinung von Christian Jakubetz zu: „Das Zeitungssterben kommt schneller als angenommen.“

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Storytelling & Mythen

23. Juli 2010


Was ist Journalismus heute? Und was Storytelling?

Jeff Jarvis, Medien-Vordenker, -Quertreiber und Kongress-Talisman, hat in seinem (stets lesenswerten) Blog BuzzMachine.com den Journalismus neu zu definieren versucht. Anders als das Gros der Journalisten sieht er in gutem Journalismus nicht nur ein perfektes Storytelling, sondern eine Unmenge neuer Aufgabenfelder. Das geht bei ihm über das intelligente Sammeln und Aufbereiten von Daten über Herstellen und Betreuung von Kommunikationsplattformen und Organisation von Crowdsourcing und Betreuung von Wissen (Wikipedia) bis hin zur Erstellung von sinnvollen Algorithmen, die Informationen aufbereiten und einordnen etc.

Diese Liste ließe sich noch sinnvoll erweitern, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt. Journalismus bedeutet künftig auch das Erstellen von Story-Drehbüchern, also die multimediale, mal pädagogische und/oder spannende Inszenierung einer Information oder Geschichte. Will man in einer iPad-Version Mehrwert erzeugen, ist das unabdingbar! Auch die Organisation und Betreuung eines Hyperlocal-Services, einem Lokaljournalismus aus Eigeninitiative und die Kuratierung von Texten von User-Content werden in Zukunft Journalismus sein. Alles nicht so glamourös, wie es gerne in Journalistenschulen verkauft wird. Aber damit wird in Zukunft durchaus Geld verdient werden können, sollte man es nicht soweit schaffen, als Edelfeder zu einer eigenen, starken Autoren-Marke zu werden/werden zu wollen.

Storytelling als Ego-Trip

Das Storytelling, das Verdichten einer Geschichte zu einer Geschichte, sieht Jeff Jarvis als nur eine mögliche Aufgabe des Journalisten, und er sieht sie relativ kritisch. Zitat – frei übersetzt: „Als Erzähler einer Geschichte stellt sich der Erzähler in den Mittelpunkt, er reißt die Geschichte an sich. Das ist meine Story! Und ich entscheide, wie sie geht und erzähle sie auf meine Weise. Der Erzähler einer Geschichte übt über sie Kontrolle aus. Und es herrscht die Einbahnstraße vom Produzenten zum Rezipienten.“

So ganz falsch liegt Jarvis mit seiner Einschätzung nicht, vor allem wenn man die Selbstreflexionen der Journalisten – vor allem in der Auseinandersetzung mit dem bösen Konkurrenten Internet und speziell der Blogger-Gemeinde – sieht. Aber bei aller sinnvollen Kritik daran übersieht er ein wichtiges und vielleicht das älteste Merkmal des Storytelling, deutsch: des  Geschichtenerzählens, altdeutsch: der Moritat.

Empathie und Mythos

Wirklich gute, und gut erzählte Geschichten bringen Situationen, Stimmungen, Bedürfnisse, Emotionen, ja auch Zeitgeist so gut auf den Punkt, dass sie ihnen den Grauschleier des Unbewussten entreißen und es so wirksam machen. Sie wecken Emotionen und Erkenntnis und/oder machen sie bewusst. So entsteht dieses Wundern über einen selbst – oder die Gesellschaft oder bestimmte Phänomene, die einen berühren, ja bis zur Gänsehaut (positiv oder negativ) führen. So entsteht Empathie, so entstehen aber auch Wut und Trauer, was oft die wesentlichen Ingredienzien sind, will man etwas (einen Missstand o. ä.) ändern.

Einzug ins Ur-Gedächtnis

Wirklich gut erzählte, extraordinäre Geschichten sind im besten Fall so weit verdichtet, dass sie sich in unserem Bewusstsein festsetzen. Sie sind sozusagen das Gleitmittel, das es ermöglicht, dass Erkenntnis oder Gefühl in den begrenzten Raum unseres Langzeitgedächtnisses und unseres innersten Meme-Reservoires schaffen. So entstehen im besten Fall positive Pendants zu all den Traumata, die das Leben für uns bereit hält. So entstehen Mythen, die es bis in unser allerinnerstes Gedächtnis, das Ur-Gehirn, schaffen.

Ich bin noch heute meinem Vater so dankbar, dass er mir als Kind am Bett zum Einschlafen nicht Märchen oder Kindergeschichten vorlas, nein er erzählte mir frei aus seiner Erinnerung heraus die wilden Geschichten des Odysseus, die er auf seiner ewig langen Fahrt von Troja nach Hause zu seiner ihn liebenden Frau erlebte. Die Sirenen, die Nymphe Kalypso, den Riesen Polyphem, Skylla und Charybdis etc. Diese Geschichten sind mir bis heute lebendig vor Augen. Wahrscheinlich habe ich sie nach dem Einschlafen auch noch weitergeträumt.

Die Moritat von der Geschicht‘

Unser Bewusstsein ist voll von Mythen. Es ist die Essenz von unzähligen Geschichten, die sich die Menschheit über Jahrtausende immer weiter erzählt hat. Von Naturkatastrophen (Arche Noah), von Kriegen und Not, von Liebe und Lust, von Entdeckung von Unbekanntemn (Odyssee), von Hoffnungen und Siegen, von Dämonen und bösen Kräften (Herr der Ringe). Wir wissen heute, dass Großteile unseres Verhaltens letztendlich von diesem mythischen Innersten bestimmt werden. Um so wichtiger ist es, unser mythisches Gedächtnis von den schlimmsten und finstersten Relikten zu reinigen, etwa der Urangst und all den Dämonen einer naturreligiösen Zeit. Das geht aber nur, indem wir neue, zeitgemäße und – wenn es geht – positive Mythen hier einpflanzen.

Das ist aber nur mit wirklich neuen Geschichten möglich, die uns im Innersten anrühren. Das funktioniert nur mit perfekt erzählten Geschichten. Und dabei helfen kein iPad, kein Algorithmus und keine Datenbank weiter. Da hilft nur bestes Storytelling. Und gute Storyteller. Jarvis hat recht, wenn er bemerkt, dass Geschichtenerzähler Geschichten an sich reißen, aber dafür steckt dann auch ihr Herzblut drin. Die Moritat von der Geschicht‘: wir brauchen mehr Moritaten – und Moritatensänger. – Gerade auch im Internet.


Google kümmert sich um Journalismus

Nun bekommt meine Reihe doch noch – unerwartet – eine vierte Folge. Die Frage , wie man mit journalistischen Inhalten noch Geld verdienen kann, treibt viele Menschen um, und nicht nur in Print-Redaktionen. Zwei Artikel verdienen zu dem Thema Aufmerksamkeit. Da ist zum einen der Artikel von Wolfgang Blau, dem Chefredakteur von Zeit Online, in der Süddeutschen Zeitung, der das Dilemma der deutschen Medienhäuser perfekt auf den Punkt bringt: „Dem Journalismus geht es erstaunlich gut. Ja, die wirtschaftliche Zukunft vieler Zeitungshäuser ist ungewiss. Ja, auch die meisten online-journalistischen Angebote arbeiten noch nicht einmal kostendeckend und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches journalistische Geschäftsmodell in Zukunft tragfähig sein wird. Dennoch erlebt der Journalismus gerade seinen größten Entwicklungssprung seit Erfindung des Rundfunks.“

Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online

Blau prangert – zu Recht – die Wehleidigkeit der (Print-)Redaktionen an und deren Unwillen, sich mit Social Media und der Masse der Blogger und deren eben in großer Breite auch professionellem Journalismus auseinanderzusetzen: „Es ist schon ein erstaunliches Paradoxon, dass viele von uns die Fähigkeit zur Analyse und zur Kommunikation für Kernkompetenzen ihrer Profession halten, gleichzeitig aber bei der Analyse ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit und bei der direkten Kommunikation mit ihren Lesern so große Defizite zeigen.“

Erfrischend ist der fundamentale Zukunftsoptimismus von Blau: „Man muss kein Idealist sein, um dem Journalismus ein goldenes Zeitalter vorauszusagen.“ In seinem lesenswerten Essay, in dem er u. a. den Guardian oder die BBC als Vorbilder erwähnt und auf die unglaublichen Potentiale im öffentlich-rechtlichen System Deutschlands hinweist, bleibt er allein einen tragfähigen Ansatz schuldig, wie Journalismus nötiges Geld verdienen könnte.

How to Save the News

Dieses Versäumnis holt dafür in einer ebenso ausführlichen wie eindrucksvollen Art das renommierte amerikanische Magazin „The Atlantic“ in seiner Online-Ausgabe nach. „How to Save the News“ beschäftigt sich hauptsächlich mit den Bemühungen von Google, den Qualitäts-Journalismus am Leben zu erhalten.

Das Interesse von Google an guten News, an fundierten Stories und einer funktionierenden Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht ist nicht irgendwelcher philantropischer Natur. Nein, dahinter stecken veritable wirtschaftliche Interessen. Google und seine Suche – und seine News-Sektion iGoogle – sind immer nur so gut, wie es genügend gute, professionelle und interessante Artikel gibt, auf die Google linken kann. Deshalb beschäftigt sich eine ganze Abteilung bei Google – und auch Googles CEO Eric Schmidt – mit der Frage, wie man gute journalistische Qualität monetarisieren kann.

Eric Schmidt, CEO Google

Eric Schmidt wird in dem Artikel mit der prägnanten Erkenntnis zitiert: „Ich sehe, wie parallel zu sinkenden Zeitungsauflagen die Online-Leserschaft dramatisch wächst. (…) Die Zeitungen haben nicht das Problem mangelnder Nachfrage. Ihr Problem ist ihr Business-Modell.“ Wie recht er hat. Die entsprechenden Fakten für diese Behauptung liefert „The Atlantic“ in einer unglaublich umfangreichen Zahlendokumentation, die dem Artikel beigefügt ist. Nur 15 % der Kosten der Medienhäuser werden für den Journalismus selbst investiert. (Und das ist vielleicht noch nicht einmal alles höchste Qualität, was da produziert wird?) Wenn man noch nötige Verwaltung und Marketing dazu zählt, sind es höchstens ein Drittel der Kosten, die für den Journalismus selbst aufgewendet werden.

News waren nie rentabel

Der größte Teil der Kosten geht bei Zeitungen für Papier, Druck und Distributionskosten drauf. Der Artikel schildert sehr eindrucksvoll, wie absurd die Idee in einer Zeit kompletter digitaler Komplettvernetzung ist, eine krude Mischung unterschiedlichster Inhalte plus Werbung auf gedrucktem Papier auszuliefern. Das Business-Problem aber ist, dass sich News und Qualitätsjournalismus nie per se gerechnet haben. Sie waren nur die Attraktionen, die Menschen dazu bewegt haben, eine dicke Masse an bedrucktem Papier zu kaufen. (Wer erinnert sich noch an die Kilo Papier einer Wochenendausgabe vor zehn Jahren?)

Die News wurden damals von Erlösen aus Rubrikenanzeigen (Kfz, Immobilien, Jobanzeigen etc.) und von anderen Anzeigen subventioniert. Seit die Medienhäuser all das ans Internet verloren haben (aus eigener Schuld!), haben sie 30 bis 50 % des Umsatzes verloren. Da liegt das Kernproblem: In Internet funktioniert das Bundling nicht mehr. Jede einzelne Nachricht, jeder Artikel muss sozusagen in Eigenregie sein Geld verdienen. Es kann nicht mehr quersubventioniert werden. Und die Nutzer sind nicht bereit, für Dinge zu bezahlen (wenn überhaupt), die sie gar nicht nutzen und nicht wollen. Zur gleichen Zeit zahlen die deutschen Mediennutzer aber klaglos jährlich 7,4 Milliarden Euro, wie Wolfgang Blau sehr richtig hinweist, als GEZ-Gebühren für offentlich-rechtliche Medien!

Intelligente Zahlmodelle

Google versucht nun, in seinen Laboratorien Konzepte zu entwickeln, wie ein Bezahlmodell in Zukunft aussehen könnte. Erste Prämisse wäre natürlich, die Druckkosten einzusparen. Dafür sind wir nur noch ganz wenige Entwicklungszyklen von elektronischen Lesegeräten entfernt. (Nein der iPad ist auch noch nicht die Lösung!) Aber in fünf, spätestens zehn Jahren könnte es soweit sein, dass News und Stories auf digitalen Geräten nicht nur lesbar sind, sondern sogar mehr Lesespaß bereiten als heute Papierversionen. (Da wird das iPad den Weg dafür bereiten!)

Das allein löst aber nicht das Problem. Der Ansatz von Google geht da weiter. Eine Richtung ist, Werbung intelligenter zu machen und neue Plattformen zu schaffen, die gute Inhalte mit passenden Anzeigen kommerziell ertragreicher machen. AdSense ist hier nur ein erster Schritt. Man stelle sich nur anstatt von Fünfzeilern wie bei AdSense Videos, optische Explorationsabenteuer oder AudioFiles etc. vor, die Firmen inhaltsadäquat zu Geschichten platzieren und die die Story besser und vielschichtiger machen. Dazu müssten sich aber das gängigen Werbebusiness komplett umstellen und Werbung vor allem anders vermarktet werden. Google ist da schon dran.

Eine andere Option wären Micropayment-Systeme, die Artikel – oder Abonnements (etwa von intelligenten Angebotsplattformen – Glam.com ist da nur ein erster Schritt) fair, einfach und kostentransparent funktionieren ließen. Auch in diese Richtung denkt Google.

Google muss es richten

Traurig eigentlich, dass Medienhäusern von außen geholfen werden muss. Aber diese haben in den letzten 15 Jahren ja eindrucksvoll bewiesen, wie wenig sie mit digitaler Intelligenz umgehen können. Ihr Versäumnis haben erst Multis wie Yahoo, Google, Facebook oder Twitter möglich gemacht. Alles eigentlich einfache Konzepte, die hätte man nur mutig finanzieren müssen in Zeiten, als noch super verdient wurde. Aber da hat man das Geld lieber für TV-Experimente und dicke Dividenden ausgegeben (manchmal auch für saftige Honorare). Und jetzt muss es Google richten…

Berufskrankheit Zynismus

2. März 2010


Die „Bunte“ und ihre Politikerüberwachung

Der Journalismus fördert allzu oft eine schlimme Gemütskrankheit: den Zynismus. Definieren wir diese Berufskrankheit hier einmal als fatale Wirkungskette einer
●  rabiaten Entwertung aller Werte
●  diebischen Freude über die daraus entstehende Freiheit
●  Missbrauch dieser zur Gewinnung skandalöser bis komisch-absurder Situationen
●   und das ohne jeden Versuch eines irgendwie gearteten neuen Werteüberbaus. – Es sei denn, man will eine Auflagenzahl oder damit verbundenes Renommee oder Gehalt als Wert missverstehen.

Ich tue mir leicht, über Zynismus zu schreiben. Ich war auch schon schwer von dieser Mismundialität angekränkelt. Ein verständlicher Kollateralschaden in einem Berufsstand, der sein seelisches Gleichgewicht zwischen Urzweifel (das leere Blatt) und Hybris und Narzissmus (das gefüllte Blatt) zu finden hatte. Und in einer vor-Digitalen Zeit, als man noch Texte linear per Stift oder Schreibmaschine zu Blatt zu bringen hatte, war der Triumph eines gelungenen Textes immens. Und er wurde nie von irgendwelchen Nutzungszahlen, Bewertungen oder gar User-Kommentaren geschmälert. (Das ist erst heute der Fall und ein massives Problem für alle Berufs-Zyniker.)

Der zweite große Auslöser von Zynismus ist die tiefe Enttäuschung und die herbe Frustration, dass man als Journalist so oft mehr weiß als man schreiben darf oder kann. Weil politischer Druck entgegen steht, persönliches Desinteresse eines Vorgesetzten, die Recherchelage zu dünn ist – oder schlicht das Publikum (angeblich) nicht daran interessiert ist. Daran geht schnell einmal der glühendste Idealist – buchstäblich – vor die Hunde. (Zynismus leitet sich vom altgriechischen κυνισμός ab und meint „Hündischkeit“ – oder etwas charmanter „Bissigkeit“.)

Ich habe recht – und du bist doof

Das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen diese Gemütsverkümmerung ist die Recherche. Je besser und je erfolgreicher sie ist, desto besser kann man Fakten sprechen lassen und um so weniger muss man Meinungshuberei betreiben. Auffallend ist, dass die besten und fleißigsten Rechercheure selten Zyniker werden. Wer es mit der Recherche nicht so hat, dem bleibt dann nur die gepflegte Hybris und dessen häßliche Schwester Zynismus.

Kurt Kister, der Großmeister des reflektierten Zynismus, hat so unrecht nicht, wenn er, wie jetzt in der SZ am Wochenende, sich selbst zitiert: „Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, „Politik“ komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie „ich habe recht“, wohingegen „Feuilleton“ aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt „ich habe recht und du bist doof“ heiße.“ – Leider trifft letzteres beileibe nicht nur auf Feuilleton-Journalisten zu, sondern auf eine valide Grundmenge, vor allem der Edelfedern.

Die hohe Schule der Recherche und ein besonders geeignetes Gegenmittel zum Zynismus ist der investigative Journalismus. Auch den habe ich ja lange Jahre betrieben und nicht nur für hehre, schwere  Themen, sondern bisweilen auch zum Amüsement aller Beteiligten, Journalisten und Leser. Aber immer steckte bei diesen Recherchen unter Einsatz der eigenen Person wenigstens ein Mehr an aufklärerischem Ehrgeiz als zynischem Vergnügen. Vor allem aber war damals – in den 80-ern und 90-ern – die Tabuzone klar definiert: die Privatsphäre der Recherche-„Opfer“. Nur was wirklich gesellschaftlich – oder nennen wir es „politisch“ – relevant war, wurde auch geschrieben, alles andere (und das war viel!) blieb unter Verschluss.

Politik mit A-Politischem

Aus dieser Position entsetzt die Recherchepraxis der „Bunten“. Da wird ganz gezielt nur im Privatleben recherchiert – und das dann auch noch an Detektive outgesourct. Die können ja gar nicht irgendwelche inhaltliche, sprich journalistische Relevanz einschätzen. Sollten sie wohl auch nie. Es ging nur um Bettgeschichten und deren vermeintliche Leserattraktion.

Wir wissen, wie gerne und erfolgreich mit Bettgeschichten Politik gemacht wird. Ein seriöser Politiker wie Theo Waigel wird so ganz berechnend abgeschossen, ein nicht so seriöser wie Horst Seehofer zumindest angeschossen. Willy Brandt ist der Jagdmeute nur durch Rücktritt entkommen. Andere haben ganz kregel überlebt: Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder auch Christian Wulff.

Darum geht es der „Bunten“ aber wohl kaum. Hier werden viel mehr die schon fast pubertären Erotik-Phantasien verklemmter Medienmacher ausgelebt. Wer sich mal ein paar Tage im Kreis verdienter Journalismus-Kollegen bewegt, bekommt massenhaft Tatsachen und Fakten erzählt, die bei Licht besehen nur Tratsch und Gerüchte sind. Der treibt es mit der, diese mit jenem. Der ist schwul und diese Lesbe. Diese Ehe ist im Eimer, jener ist jener hörig. Und alles ist so belanglos, und wenn es denn stimmen würde, dann nur reinste Privatsache der Beteiligten.

Die Idee, dass Oskar Lafontaine etwas mit Sarah Wagenknecht haben könnte, ist solch ein typischer Wunschtraum permapubertierender Berufszyniker. So sehr Klischee, dass es weh tut: die Linke, ein Sündenpfuhl! Solche Dümmlichkeiten verbietet sich mindestens seit den 60-er Jahren selbst die CDU ! Und selbst wenn es wahr wäre, so what? Wenn einer nie einen Hehl aus seiner Genussfreude gemacht hat, dann Oskar. „Und das ist gut so!“ – um es mal mit Klaus W. auszudrücken.

Aber der Verdacht liegt schon nahe, dass hier die „Bunte“ hunderttausende von Euro für inhaltliche Banalitäten einer Liaison, und sei sie erotisch, ausgegeben hat, damit vielleicht anderswo mit diesen Fakten, Fakten, Fakten Politik zu machen versucht wird. Die Attacke des „Stern“ zielt doch sicher nicht nur auf ein so niedliches journalistisches Schoßhündchen, wie es die „Bunte“ nun mal ist. – Ach ja, apropos Zynismus, das Hündische – ist es nun schon so weit? Dog eat dog!

Die neuen Herausgeber

29. Januar 2010


Bratpfannen zu Content! Oder so…

Keine Frage. Gute journalistische Arbeit ist nur gegen (gutes) Geld zu haben. Gerade im Information Overflow ist man froh für jede Justierung von Tatsachen, für jede schlüssige Erklärung und natürlich besonders, wenn Missstände aufgezeigt werden – etwa durch investigativen Journalismus. Aber die Frage bleibt, wer das finanziert. Das müssen nicht zwangsweise Abonnenten von starken Medien (Zeitungen, Magazinen, TV-Anstalten etc.) sein.

RED BULLetin

Warum können das nicht ganz neue Medienanbieter sein. Zum Beispiel so kleine und wendige Neugründungen wie die Huffington Post. Oder warum nicht große Medien-Distributoren wie Vodaphone, die Deutsche Telekom, Verizon, AT&T etc. Warum nicht starke Konsumenten-Marken, die schon heute mehr und mehr Marketingmittel in eigene Medien stecken wie zum Beispiel Red Bull. Vielleicht ist ja investigativer Journalismus bald solch ein waghalsiger und riskanter Job, dass er zu einer Marke wie Red Bull passt (s.a. Red Bulletin).

Oder mal anders herum argumentiert. Wenn Medienunternehmen wie die Süddeutsche, Focus, The Guardian etc. Geld damit verdient, indem sie Wein verkaufen, DVDs oder auch Bratpfannen, warum sollten dann Produzenten von Bratpfannen (oder besser von anderen hochwertigeren Konsumentenprodukten) nicht umgekehrt in Qualitätsjournalismus investieren?

Warum sie das tun sollten? Alle großen Konsumentenmarken haben das Problem, dass sie die direkten Kundenbeziehungen an Amazon, Google und andere verlieren. Warum sollen sie den Kontakt zu ihren Kunden nicht durch gut gemachte Medien – also Journalismus – zurück zu gewinnen versuchen?

Qualitativer Journalismus kostet Geld. Aber die Frage bleibt offen, wer dafür zahlt. Womöglich in Zukunft nicht mehr (nur) der Leser oder Zuschauer. Hier hilft vielleicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Journalismus. Die meisten Zeitungen und Magazine sind entstanden, weil Besitzer von Druckmaschinen einen Weg gesucht haben, ihre Druckpressen besser auszulasten. Dafür haben sie Magazine und Zeitungen gegründet – und Journalisten angeheuert. Alle großen Medienhäuser haben so angefangen. Und warum soll es heute anders sein. Wenn Produzenten einen Sinn in einem Engagement in Medien sehen…

Im Digitalen Zeitalter kann jeder Herausgeber sein. Jeder kann hochqualitativen Journalismus bieten – per Internet. Hans Mustermann ebenso wie große Marken. Und das müssen eben nicht zwangsweise große Medienmarken sein. Entsprechend absurd ist die Vorstellung von Paid Content als einzige Option einer funktionierenden Medienwelt. Medien haben die letzten Jahrzehnte immer davon gelebt, dass sie Marketingvehikel waren. Warum soll auf einmal einzig der Konsument für die Medien zahlen, bloß weil Marketing glücklicherweise heute das Geld nicht mehr in manipulative und impertinente Werbung investiert…

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