Wir sind die Europäer!


Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: „Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!“ geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: „Die macht mir mein Europa kaputt!“ Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: „Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.“ Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt „Wir sind das Volk!“ muss es dann halt heißen: „Wir sind die Europäer!“ – Ich bin’s.

Reise nach Analogien


Inseln des analogen Business

Es ist gar nicht so weit nach Mittelitalien. Zwei Stunden mit dem Flugzeug, acht mit dem Auto, elf mit dem Zug. Und doch kommt man in einem ganz anderen Land an, einem, in dem noch die analoge Kultur herrscht, in dem Business noch mündlich verhandelt und auf Papier dokumentiert wird. Der Effekt: eine Zeitreise zehn bis 15 Jahre in die Vergangenheit. Eine Reise ins Analoge, nach Analogien, wenn man so will. Man staunt und ist auch irgendwie amüsiert, wenn man zusieht, wie hier viel, viel (geduldiges?) Papier traktiert wird – und massenhaft Zeit verbrannt wird.

Das schönste Beispiel sind die Banken. Bei der Eröffnung unseres Kontos in Italien waren drei Termine, geschätzte drei Stunden Zeit und viele, viele Diskussionen nötig. Es sind unendlich viele Formulare auszufüllen – mit immer wieder denselben Inhalten. Alle Vornamen, auch die der Eltern, werden erfasst und natürlich werden alle nötigen Ausweise, Nachweise etc. sorgfältig kopiert, oft auch mehrmals. Am Ende solch eines länglichen Prozesses kommt ein ansehnliches Aktenbündel zusammen. Ein Computer kommt bei dem Prozess nicht ins Spiel, irgendwer scheint die Angaben später einzugeben.

Computer als Teufelswerk

Das erinnert schwer an die Zeit, als auch in Deutschland noch der Computer als Teufelswerk angesehen wurde, das ausnahmslos dazu erfunden wurde, um Arbeitsplätze zu vernichten. So wurde mir einst glaubhaft versichert, dass in der Redaktion der „Zeit“ alle Artikel, die durchaus an Computern entstanden, konsequent ausgedruckt wurden und dann noch einmal neu ins Redaktionssystem eingegeben wurden, um die Setzer nicht arbeitslos zu machen.

Schecks werden in Italien auf dem Lande auch nicht etwa von Computerdruckern erstellt, sondern mit urtümlich aussehenden Druckmaschinen, bei denen mit viel Kraftaufwand Namen und Kontonummer händisch eingestellt werden müssen und dann mechanisch eingestanzt werden. Das schaut super aus, aber es dauert. Aber weit mehr Zeit verschlingt der Umstand, dass jede noch so kleine Entscheidung, und sei es eine Auszahlung von 100 Euro, nie von einem Bankangestellten alleine erledigt werden kann. Eigentlich ist in jeden Geschäftsvorgang jeder der auch in der kleinen Filiale zahlreich vertretenen Bankangestellten involviert. Mindestens abnicken oder zur Kenntnis nehmen muss jeder im Raum.

Kein Wunder, dass die Bankgebühren in Italien am höchsten sind – und verständlich, dass man bei der einstigen HypoVereinsbank immer wieder hinter vorgehaltener Hand laut jammert, dass hierzulande durch immer neue Sparmaßnahmen der aufgeblähte Personalapparat der italienischen Konzernmutter UniCredit finanziert werden muss.

Bürokratie als Peep-Show

Selbst wenn ein Konto per Computer eröffnet wird, dauert das in Mittelitalien geschlagene 75 Minuten. So erlebt in einer Filiale der Postsparkasse. Denn auch hier müssen unendlich viele Formulare ausgefüllt werden. Das passiert zwar am Computer, aber dann wird alles zur Unterschrift ausgedruckt. Auch hier kommt so ein dickes Aktenkonvolut zusammen. Und es dauert, auch weil der Computer gerne streikt und dann neu gestartet werden muss. In der Zwischenzeit ruhte für die 75 Minuten der gesamte Geschäftsverkehr in der (kleinen) Postfiliale und jeder der (geduldig wartenden) Postkunden bekam den Vorgang in seinem ganzen Ausmaß live mit. Bürokratie als soziale Peep-Show sozusagen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Zeit in Italien mit Warterei verbrannt wird. Das wird geduldig ertragen, ist halt längst erlernt. Man wird sogar als Deutscher geduldig, angesteckt von der Hingabe ans Warten. Aber wer solch eine sinnlose Zeitverschwendung als wohltuende Langsamkeit und langsamere Taktung des Lebens verklären will, der liegt falsch. Wenn man das erste Mal solch ausufernde Warterei erlebt, staunt man noch über die ausgefeilte Zeitvernichtung und amüsiert sich sogar ein wenig darüber, weil es oft kabarettistische Qualität hat. Etwa wenn die Mitarbeiter streiten, welches denn nun das richtige Formular ist. Der Kompromiss: beide werden ausgefüllt. Aber bei jedem weiteren Mal langen Wartens realisiert man immer mehr, wie viel Zeit so vielen Menschen gestohlen wird, die um einen herum stoisch warten.

Organisierte Zeitvernichtung

Und irgendwann realisiert man, dass das bei uns einst ähnlich war. Vielleicht nicht ganz so exzessiv wie in Italien, wo man schließlich auch die Bürokratie – und später das Bankwesen mit all seinen (Dys-)Funktionalitäten einst erfunden hat. Das scheint zu verpflichten. Aber auch uns hier wurde einst so viel Zeit gestohlen. Die digitale Technik hat sie uns zurückgegeben. Fragt sich, wofür wir sie nutzen? Vernünftig und produktiv? Oder ist das Warten am Bankschalter nur die ehrliche Variante von Zeitvernichtung?

Apropos. Natürlich gibt es auch in Italien Online-Banking. Um das zu aktivieren braucht es natürlich einen eigenen Antrags- und Genehmigungsprozess mit weiteren Formularen. Nach einigem Hin und Her und neuerlichen Besuchen in der Bank funktionierte das auch kurz. Aber nur so lange, bis man es mit dem Computer zu Hause in Deutschland probiert. Dann verfällt sofort das Sicherheitszertifikat und die Funktion ist gesperrt. Merke: Online-Banking funktioniert nur von einem dezidierten Computer – und der muss in Italien stehen. Inzwischen bekommen wir einmal im Vierteljahr einen Kontoauszug. Per Email, die ein Bankangestellter händisch erstellt. Das immerhin haben wir nach mehreren Besuchen, Terminen und Email-Nachfragen (!) dann doch geschafft.

Es wäre zu billig, sich über diese Auswüchse analoger Prozesse lustig zu machen. Es ist vielmehr eine willkommene Bewusstwerdung, wie sehr sich die Zeiten schon im digitalen Zeitalter verändert haben. Und das ist nur der Anfang. Wo das hinführt, ist heute erst schemenhaft zu erahnen.

Bleibt zu erraten, wann man solch eine Glosse über die Antiquiertheit eines über Jahrhunderte entwickelten Prozesses schreibt, der uns heute noch selbstverständlich erscheint, wie den Italienern ihr Bankensystem. Etwa die Nachrichtenübermittlung mittels bedruckten Papiers, das die Nachrichten vom Vortag als Neuigkeit verkauft, und das per Bote nach Hause gebracht wird, um dort kaum gelesen im Recycling-Container zu landen? – Oder das Thema Steuererklärung…

Offline in Italien


 

Service-Paradies Italien

Eine Woche digitaler Entzug. Sieben Tage offline im schönen Italien. Die italienische Telekom meint, kein Geld von uns bekommen zu haben und dreht den Internetanschluss zu unserem Haus ab. Über die Hotline lässt sich der Irrtum sehr schnell klären. Schon am selben Tag soll der Anschluss wieder gehen.

Südliche Marken

Die Hotline ist um Längen komfortabler und intelligenter als in Deutschland. Man gibt gleich zu Anfang die Anschlussnummer mit ein und erfährt gleich, wie viele Minuten man warten muss (durchschnittlich zwei!), und die Prognose stimmt. Voraussetzung ist nur, dass man gut italienisch spricht, sonst hat man ein Problem. Die Mitarbeiter(innen) sind freundlich, kompetent und versprechen stets schnelle Hilfe. Das aber jeden Tag, denn die versprochene Hilfe trifft nicht ein, der Anschluss bleibt tot.

Nach genau einer Woche endlich der Durchbruch. Das Problem lag angeblich in der Zentrale. Was immer das heißt. Aber nun wird die Leitung innerhalb von Minuten frei geschaltet. – Bis zum nächsten Missverständnis zwischen Bank und Telecom Italia.

Apropos Banken. So weit vorne die Telecom Italia ist, so weit hinten sind die Banken auf dem Weg in die Digitalität. Zwei Beispiele: Wir haben hier längst gelernt, dass man bei administrativen Angelegenheiten viel Zeit mitbringen muss. Manchmal gelingt es uns schon ganz gut, nicht zu deutsch zu sein, sprich ungeduldig. Bei der Bezahlung einer Gebühr in der Post ist nur ein Kunde vor uns auf der Wartebank. Aber eine schick aufgemaschelte ältere Dame wird von der einzigen Angestellten im Mini-Postamt intensiv bedient.

Vor-digitale Zeit

Es geht darum, ein neues Konto bei der Postbank in Italien zu eröffnen. Exakt eine Stunde später, nach einem Computerabsturz und gefühlten 35 ausgedruckten und unterschriebenen Formularen geht die Dame nach Hause. Ohne Konto, aber mit dem Versprechen, dass in den nächsten Tagen ein Brief kommt, mit dem sie dann wiederkommen darf – und dann sei alles ok.

Bei der Eröffnung eines eigenen Kontos in einer Genossenschaftsbank auf dem Lande vergeht mehr als eine Stunde. Die Papierflut ist unendlich, und alle Bankdokumente werden noch in alten, mühsam bedienbaren Druckern handgestanzt.

Aber es gibt Online-Banking. Das aber funktioniert nur, wenn es immer vom selben Computer getätigt wird. Sonst sperrt sich das Konto automatisch. Um dafür eine Lösung zu finden gehen wir in die Bank. Zum Büro fürs Electronic Banking geht es durch einen alten barocken Saal im ersten Stock mit wertvollen Gobelins und altem Ziegelboden. Dafür ist der Mitarbeiter charmant, intelligent und kompetent. Rasch wird eine Lösung gefunden – und die funktioniert tatsächlich nach ein paar Tagen.

Eine Woche ohne Internet

Und wie solch eine Woche ganz ohne Internet war? Wunderbar eigentlich, so über die Osterfeiertage. Die Welt dreht sich wider Erwarten weiter. Viele unwichtige Nachrichten haben wir verpasst. Die Wichtigen sind per Twitter und Facebook und Email nachvollziehbar.

Statt meiner „Familie“ auf Facebook haben wir unsere nette Großfamilie hier im Süden genossen. Die Nachbarn kamen einfach so vorbei – unser Telefon ging ja nicht. Und bei Bedarf gab es ja auch noch das Mobiltelefon. (Wurde aber kaum strapaziert.)

Man bekam eine Ahnung, wie ein Digital Divide aussehen könnte. Wie sehr leben wir Digerati in unserer eigenen Themen-Cloud, vielleicht sogar im -Kokon. Wie weit sind die Offliner und Verlegenheits-User von dieser Welt entfernt. Mit allen Nachteilen – und allen Vorteilen. Das analoge Leben hat definitiv auch seine sehr schönen Seiten, vor allem hier im mediterranen Süden.

Aber wir sind sehr froh, wieder „back home“ in der digitalen Welt zu sein. Der unfreiwillige Test hat enthüllt: Wir sind angekommen in einer digitalen Selbstverständlichkeit – können aber auch anders . Das nennt man gemeinhin wohl auch „Freiheit“.