HC = horroris causa/humoris causa


Die Geschichte hinter dem Video

Ich kenne HC Strache nicht. Ich kenne nur seine Medienauftritte und seine rechtspopulistischen Sprüche (samt adäquater Politik). Aber ich habe ihn jetzt sehr privat kennengelernt. Vier Stunden lang im Urlaub auf Ibiza. Oder was Menschen vom Schlage eines HC Strache halt als Urlaub verstehen. Da gibt es keine Pause von der Gier nach Macht.

Heinz-Christian Strache (FPÖ)
HC Strache (Foto: Wikipedia)

Oder ist das Urlaub, wenn man noch wurstiger als sonst schon über die Spielregeln der Demokratie hinweggeht? Urlaub ist auf alle Fälle der (noch?) maßlosere Konsum von Alkohol, Red Bull, Zigaretten, eigenen Fingernägeln und weiß sonst noch was. Geile Mischung: Sedativum gemischt mit Aufputschmitteln. Klar, dass dann der Hormonhaushalt durcheinander gerät und das Denkvermögen leidet. Bleibt nur der pure Instinkt und der allgegenwärtige innere psychische Motor eines von Kindheit an gefühlt Zu-kurz-Gekommenen (nein, kein Wortspiel!).

Kann Authentizität „dumm“ sein?

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ attestiert dem zurückgetretenen FPÖ-Obmann (Parteivorsitzenden) eine „atemberaubende Dummheit“. Ich finde, diese Diagnose ist viel zu harmlos. Abgesehen davon, dass man weiß, dass HC Strache per se nicht „dumm“ ist. Aber die Situation und das Verhalten der Protagonisten ist viel abgefeimter, als dass es „dumm“ genannt werden könnte. Denn hier kommt der Strache ans Tageslicht, wie er nun mal ist. Authentizität live in action. In Red Bull veritas, sozusagen. Und das vor zwei Menschen, die er das erste Mal in seinem Leben sieht. Wie mag er sich aufführen, wenn man „unter sich“ ist? Daher hier auch keine klammheimlich Freude, sondern das Gegenteil. (Was ist das Gegenteil von klammheimlich?)

Ich habe seinerzeit meine eigenen Erfahrungen gemacht damit, wie Menschen sich ideologisch entblößen, wenn sie von ihrer eigenen Wichtigkeit besoffen sind und in einem Gegenüber die geeignete, vielleicht dringend gewünschte Projektionsfläche für ihre sonst sorgsam verhüllten politische Ansichten finden. Wo sie doch sonst immer so aufpassen müssen, nicht mit ihren Ansichten anzuecken oder gar das eigene Geschäft zu schädigen.

Vergangenheit als investigativer Reporter

Ich war ja beim WIENER selbst jahrelang als investigativer Reporter unterwegs und war immer eher entsetzt als erfreut, wenn ich im Sinne der Story erfolgreich war, und sich Menschen in ihrer politischen Verstocktheit oder ihrer Gier entblößt haben. Sei es, wenn sie ein KZ für AIDS-Opfer bauen wollten, samt Stacheldraht und bewaffneter Wache; oder wenn sie einen dubiosen rechten politischen Verein zu finanzieren bereit waren, ähnlich wie es HC Strache der Oligarchen-Nichte vorschlug, um die Finanzierungsgesetze der politischen Parteien in Österreich zu umgehen; oder wenn sie sich nicht zu fein waren, Schleichwerbung im TV zu machen etc.

Ich hatte mich damals nach jedem meiner „Erfolge“ oft selbstkritisch gefragt, ob ich meine Gegenüber zu sehr gelockt habe, sie also verführt habe. Gott sei Dank hatte ich immer einen Zeugen oder mein (verborgenes) Aufnahmegerät dabei, damit ich mich später beruhigen konnte, dass sich meine „Opfer“ schon selbst um Kopf und Kragen geredet haben. Ich hatte nur die geeignete Situation dafür geschaffen, sozusagen die Plattform für ihre Selbstentblößung.

Das Budget der Inszenierung

Genau dasselbe habe ich im Strache-Video entdeckt. Auch hier war gekonnt die Situation inszeniert. Das fing sicher schon im Vorfeld, in Gesprächen mit Gudenus, dem Initiator des Treffens, an. Dann am Abend selbst wurde mit viel Aufwand und Kosten gearbeitet. Das hat die Süddeutsche Zeitung sehr gut in ihrer Dokumentation „In der Falle“ dokumentiert.

Es wurden Tausende Euros für die Anmietung des Anwesens auf Ibiza ausgegeben, hinzu kamen Kosten für das Catering, die vielen Stimulanzien und wohl auch für die Anmietung protziger Autos (Maybach, BMW Z4) und etliche Bodyguards als passendes Ambiente. Letztere wären sicher sehr hilfreich gewesen, falls der Prank, wie man heute bösartige Streiche nennt, schief gegangen wäre. Und bei den Kosten nicht zu vergessen: das technische Equipment mit einer kleinen Armada an versteckten Kameras und Mikrophonen in verschiedenen Zimmern und draußen auf der Veranda samt deren Aufnahmegeräte.

Die Jagd auf die Initiatoren

Und last not least mussten auch noch die beiden Protagonisten, die Darstellerin der russischen Oligarchen-Nichte und deren Begleiter gefunden – und schätzungsweise – bezahlt werden. Was für ein Aufwand. Unterschätze keiner, was das für eine massive Organisations-Arbeit ist. Und insgesamt dürfte da locker ein Budget von 25.000 bis 40.000 ofder mehr Euros zusammengekommen sein. Viel zu viel Geld für einen investigativen Scherz, zu viel auch für eine Aktion von Medien. Eher ein Budget, das einen professionellen Hintergrund und ein veritables Interesse vermuten lässt. Die Jagd auf die Initiatoren dieses Spektakels wird die nächsten Wochen spannend zu beobachten sein.

Aber zurück, was auf den Videos zu erleben ist. Da ist weit mehr jenseits der eifrig kolportierten dubiosen Angebote, der möglichen Durchstechereien, der verdeckten Spenden und skizzierten Einschränkungen demokratischer Rechte und Institutionen zu entdecken. Man muss sich einmal komplett auf die völlig absurde Situation in der Villa auf Ibiza einlassen.

Machogehabe vs. gute Nerven

Man stelle sich es nur vor: Hier sitzen neben Strache auch noch Johann Gudenus, der Fraktionsvorsitzende der FPÖ, und vor allem seine Ehefrau über vier Stunden herum. Und es hat spürbar keinen Einfluss, dass neben der vermeintlich reichen Russin noch eine zweite Frau in der Runde sitzt. Da wird trotzdem ungeniert gebalzt und geprahlt. Es scheint sogar, dass diese Anwesenheit zur Ungezügeltheit und Ungehobeltheit eher angestachelt hat. Machogehabe at its extreme.

Mich interessieren in der Situation besonders die beiden Protagonisten, die im Video nicht zu sehen sind. Aus gutem Grund wahrscheinlich, zu ihrem eigenen Schutz. Die Darstellerin der geldigen Russin und ihr Begleiter, ein Deutscher (?) mit guten Russischkenntnissen. Dieses Meeting mit all seinen absurden Wendungen und dem Konsum von stimulierenden Substanzen über vier Stunden lang ausgehalten zu haben und immer wieder leise und gekonnt nachgehakt zu haben, ohne je zu übertreiben, das setzt wahnsinnig gute Nerven, eine ähnliche Abgefeimtheit – nennen wir es hier mal „mentale Stärke“ – wie die des Gegenübers und hohe Motivation voraus.

Spannung, Spannung, Spannung…

Das Faszinosum des per Video dokumentierten Treffens ist neben seiner Dauer vor allem seine Fülle an Themen und Absurditäten und der Einblick in ein virtuoses Panoptikum menschlicher Abgründe. Und es ist immer spannend: Wann, bitte, fliegt der Prank endlich auf?

Einmal ist es ganz nah dran. „Dös is a Falle!“, raunt Strache. Er hat Verdacht geschöpft, weil die reiche russische Milliardärs-Nichte dreckige Fußnägel hat. Das muss aber nicht wirklich störend gewesen sein, denn sein Jagdinstinkt ist längst geweckt: „Bist du deppert, die ist schoarf!“, meint er zu Gudenus. Da glaubt Strache seinem Adlatus Gudenus gerne, als der ihn beruhigt: „Des is kaa Falle!“

Die Unwirklichkeit des HC Strache

Kein Wunder, dass „Joschi“, wie Strache Johann Gudenus nennt, kein Interesse hat, dass das Treffen im Fiasko endet. Schließlich hat er es eingefädelt und ist mit seinen  Russischkenntnissen – er hat in Moskau studiert – unabkömmlich als Dolmetscher und Stichwortgeber. Wenn der in Aussicht gestellte Geldregen mit schwarzem russischen Geld wirklich kommt, wird er der große Held in der FPÖ sein.

Die Wahrheit ist aber eine andere. Es gab, so heißt es, im Nachgang zu der „Party“ auf Ibiza noch ein paar Kontakte zwischen Gudenus und dem Vermittler. Aber irgendwann muss der Kontakt ja abgebrochen sein. Vor allem aber wurde nichts von dem, was besprochen wurde, je Wirklichkeit. Es floss kein Geld aus Russland, es kamen keine Spenden herein und auch die Kronen-Zeitung wurde nicht gekauft und im Sinne der FPÖ umgemodelt.

Viel Spaß im neuen Leben

Irgendwann nach der Wahl 2017 muss Strache und Gudenus klar geworden sein, dass sie einem Fake aufgesessen sind. Die Ansprechpartner waren nicht mehr zu erreichen. Alles war wie im Rausch verflogen. Vielleicht sieht die Wirklichkeit bei der FPÖ so aus, dass alles jenseits der Realität geschieht? Aber Strache muss sich doch bewusst gewesen sein, dass er sich mit dem Meeting erpressbar gemacht hat. Aber auch das scheint in der österreichischen Politik der Normalfall zu sein, wie es Strache im Video in seinen Andeutungen über die Homosexualität und Sexualeskapaden österreichischer Politiker angedeutet hat.

Spätestens seit Mittwoch vor dem Erscheinungstermin der Story in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel am Freitag, als er von den beiden um Stellungnahme gebeten wurde, muss Strache bewusst geworden sein, dass diese Nacht auf Ibiza sehr verhängnisvoll für ihn werden sollte. Dann spätestens dürfte ihm auch klar geworden sein, dass das komplette Fiasko auch noch gefilmt und aufgezeichnet worden war. Interessant, dass er sich nicht bemüßigt fühlte, umgehend seinen Chef, Kanzler Sebastian Kurz, darüber zu informieren. Und irritierend, dass er bei seinem Rücktritt am Samstag so konsterniert und geschockt aussah, als hätte er alles gerade erst erfahren. Er muss bis zuletzt gedacht haben, irgendwie damit davonzukommen.

Irrtum. Wie formulierte der österreichische Kabarettist Michael Niawarani so schön: „Sehr geehrter Herr Strache. – Viel Spaß im neuen Leben!“

P.S.: Das alles hat übrigens in einem Land stattgefunden, dass berühmt ist für mediale Späße. Ich erinnere mich heute noch mit Vergnügen daran, als Ottfried Fischer für den WIENER im Ductus von Franz Josef Strauß den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim angerufen hat und ihn auf die Wiesn eingeladen hat.

 

 

Berufskrankheit Zynismus


Die „Bunte“ und ihre Politikerüberwachung

Der Journalismus fördert allzu oft eine schlimme Gemütskrankheit: den Zynismus. Definieren wir diese Berufskrankheit hier einmal als fatale Wirkungskette einer
●  rabiaten Entwertung aller Werte
●  diebischen Freude über die daraus entstehende Freiheit
●  Missbrauch dieser zur Gewinnung skandalöser bis komisch-absurder Situationen
●   und das ohne jeden Versuch eines irgendwie gearteten neuen Werteüberbaus. – Es sei denn, man will eine Auflagenzahl oder damit verbundenes Renommee oder Gehalt als Wert missverstehen.

Ich tue mir leicht, über Zynismus zu schreiben. Ich war auch schon schwer von dieser Mismundialität angekränkelt. Ein verständlicher Kollateralschaden in einem Berufsstand, der sein seelisches Gleichgewicht zwischen Urzweifel (das leere Blatt) und Hybris und Narzissmus (das gefüllte Blatt) zu finden hatte. Und in einer vor-Digitalen Zeit, als man noch Texte linear per Stift oder Schreibmaschine zu Blatt zu bringen hatte, war der Triumph eines gelungenen Textes immens. Und er wurde nie von irgendwelchen Nutzungszahlen, Bewertungen oder gar User-Kommentaren geschmälert. (Das ist erst heute der Fall und ein massives Problem für alle Berufs-Zyniker.)

Der zweite große Auslöser von Zynismus ist die tiefe Enttäuschung und die herbe Frustration, dass man als Journalist so oft mehr weiß als man schreiben darf oder kann. Weil politischer Druck entgegen steht, persönliches Desinteresse eines Vorgesetzten, die Recherchelage zu dünn ist – oder schlicht das Publikum (angeblich) nicht daran interessiert ist. Daran geht schnell einmal der glühendste Idealist – buchstäblich – vor die Hunde. (Zynismus leitet sich vom altgriechischen κυνισμός ab und meint „Hündischkeit“ – oder etwas charmanter „Bissigkeit“.)

Ich habe recht – und du bist doof

Das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen diese Gemütsverkümmerung ist die Recherche. Je besser und je erfolgreicher sie ist, desto besser kann man Fakten sprechen lassen und um so weniger muss man Meinungshuberei betreiben. Auffallend ist, dass die besten und fleißigsten Rechercheure selten Zyniker werden. Wer es mit der Recherche nicht so hat, dem bleibt dann nur die gepflegte Hybris und dessen häßliche Schwester Zynismus.

Kurt Kister, der Großmeister des reflektierten Zynismus, hat so unrecht nicht, wenn er, wie jetzt in der SZ am Wochenende, sich selbst zitiert: „Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, „Politik“ komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie „ich habe recht“, wohingegen „Feuilleton“ aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt „ich habe recht und du bist doof“ heiße.“ – Leider trifft letzteres beileibe nicht nur auf Feuilleton-Journalisten zu, sondern auf eine valide Grundmenge, vor allem der Edelfedern.

Die hohe Schule der Recherche und ein besonders geeignetes Gegenmittel zum Zynismus ist der investigative Journalismus. Auch den habe ich ja lange Jahre betrieben und nicht nur für hehre, schwere  Themen, sondern bisweilen auch zum Amüsement aller Beteiligten, Journalisten und Leser. Aber immer steckte bei diesen Recherchen unter Einsatz der eigenen Person wenigstens ein Mehr an aufklärerischem Ehrgeiz als zynischem Vergnügen. Vor allem aber war damals – in den 80-ern und 90-ern – die Tabuzone klar definiert: die Privatsphäre der Recherche-„Opfer“. Nur was wirklich gesellschaftlich – oder nennen wir es „politisch“ – relevant war, wurde auch geschrieben, alles andere (und das war viel!) blieb unter Verschluss.

Politik mit A-Politischem

Aus dieser Position entsetzt die Recherchepraxis der „Bunten“. Da wird ganz gezielt nur im Privatleben recherchiert – und das dann auch noch an Detektive outgesourct. Die können ja gar nicht irgendwelche inhaltliche, sprich journalistische Relevanz einschätzen. Sollten sie wohl auch nie. Es ging nur um Bettgeschichten und deren vermeintliche Leserattraktion.

Wir wissen, wie gerne und erfolgreich mit Bettgeschichten Politik gemacht wird. Ein seriöser Politiker wie Theo Waigel wird so ganz berechnend abgeschossen, ein nicht so seriöser wie Horst Seehofer zumindest angeschossen. Willy Brandt ist der Jagdmeute nur durch Rücktritt entkommen. Andere haben ganz kregel überlebt: Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder auch Christian Wulff.

Darum geht es der „Bunten“ aber wohl kaum. Hier werden viel mehr die schon fast pubertären Erotik-Phantasien verklemmter Medienmacher ausgelebt. Wer sich mal ein paar Tage im Kreis verdienter Journalismus-Kollegen bewegt, bekommt massenhaft Tatsachen und Fakten erzählt, die bei Licht besehen nur Tratsch und Gerüchte sind. Der treibt es mit der, diese mit jenem. Der ist schwul und diese Lesbe. Diese Ehe ist im Eimer, jener ist jener hörig. Und alles ist so belanglos, und wenn es denn stimmen würde, dann nur reinste Privatsache der Beteiligten.

Die Idee, dass Oskar Lafontaine etwas mit Sarah Wagenknecht haben könnte, ist solch ein typischer Wunschtraum permapubertierender Berufszyniker. So sehr Klischee, dass es weh tut: die Linke, ein Sündenpfuhl! Solche Dümmlichkeiten verbietet sich mindestens seit den 60-er Jahren selbst die CDU ! Und selbst wenn es wahr wäre, so what? Wenn einer nie einen Hehl aus seiner Genussfreude gemacht hat, dann Oskar. „Und das ist gut so!“ – um es mal mit Klaus W. auszudrücken.

Aber der Verdacht liegt schon nahe, dass hier die „Bunte“ hunderttausende von Euro für inhaltliche Banalitäten einer Liaison, und sei sie erotisch, ausgegeben hat, damit vielleicht anderswo mit diesen Fakten, Fakten, Fakten Politik zu machen versucht wird. Die Attacke des „Stern“ zielt doch sicher nicht nur auf ein so niedliches journalistisches Schoßhündchen, wie es die „Bunte“ nun mal ist. – Ach ja, apropos Zynismus, das Hündische – ist es nun schon so weit? Dog eat dog!

Die neuen Herausgeber


Bratpfannen zu Content! Oder so…

Keine Frage. Gute journalistische Arbeit ist nur gegen (gutes) Geld zu haben. Gerade im Information Overflow ist man froh für jede Justierung von Tatsachen, für jede schlüssige Erklärung und natürlich besonders, wenn Missstände aufgezeigt werden – etwa durch investigativen Journalismus. Aber die Frage bleibt, wer das finanziert. Das müssen nicht zwangsweise Abonnenten von starken Medien (Zeitungen, Magazinen, TV-Anstalten etc.) sein.

RED BULLetin

Warum können das nicht ganz neue Medienanbieter sein. Zum Beispiel so kleine und wendige Neugründungen wie die Huffington Post. Oder warum nicht große Medien-Distributoren wie Vodaphone, die Deutsche Telekom, Verizon, AT&T etc. Warum nicht starke Konsumenten-Marken, die schon heute mehr und mehr Marketingmittel in eigene Medien stecken wie zum Beispiel Red Bull. Vielleicht ist ja investigativer Journalismus bald solch ein waghalsiger und riskanter Job, dass er zu einer Marke wie Red Bull passt (s.a. Red Bulletin).

Oder mal anders herum argumentiert. Wenn Medienunternehmen wie die Süddeutsche, Focus, The Guardian etc. Geld damit verdient, indem sie Wein verkaufen, DVDs oder auch Bratpfannen, warum sollten dann Produzenten von Bratpfannen (oder besser von anderen hochwertigeren Konsumentenprodukten) nicht umgekehrt in Qualitätsjournalismus investieren?

Warum sie das tun sollten? Alle großen Konsumentenmarken haben das Problem, dass sie die direkten Kundenbeziehungen an Amazon, Google und andere verlieren. Warum sollen sie den Kontakt zu ihren Kunden nicht durch gut gemachte Medien – also Journalismus – zurück zu gewinnen versuchen?

Qualitativer Journalismus kostet Geld. Aber die Frage bleibt offen, wer dafür zahlt. Womöglich in Zukunft nicht mehr (nur) der Leser oder Zuschauer. Hier hilft vielleicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Journalismus. Die meisten Zeitungen und Magazine sind entstanden, weil Besitzer von Druckmaschinen einen Weg gesucht haben, ihre Druckpressen besser auszulasten. Dafür haben sie Magazine und Zeitungen gegründet – und Journalisten angeheuert. Alle großen Medienhäuser haben so angefangen. Und warum soll es heute anders sein. Wenn Produzenten einen Sinn in einem Engagement in Medien sehen…

Im Digitalen Zeitalter kann jeder Herausgeber sein. Jeder kann hochqualitativen Journalismus bieten – per Internet. Hans Mustermann ebenso wie große Marken. Und das müssen eben nicht zwangsweise große Medienmarken sein. Entsprechend absurd ist die Vorstellung von Paid Content als einzige Option einer funktionierenden Medienwelt. Medien haben die letzten Jahrzehnte immer davon gelebt, dass sie Marketingvehikel waren. Warum soll auf einmal einzig der Konsument für die Medien zahlen, bloß weil Marketing glücklicherweise heute das Geld nicht mehr in manipulative und impertinente Werbung investiert…