Trends 2015 – Ideen, Fakten Perspektiven

Manchmal überrascht der digitale Wandel selbst mich. Irgendwann vor ein paar Monaten erreichte mich eine Email vom Fischer Verlag, in der nachgefragt wurde, ob ich einem Reprint des Buches „Trends 2015“ zustimmen würde. Einzige Bedingung, drei Exemplare der damaligen Ausgabe zum digitalen Einlesen zur Verfügung stellen. Die Email kam von Fischer Digital, die das Buch, das Gerd Gerken und ich 1995 veröffentlicht haben, als eBook und als Reprint (on demand?) in Taschenbuchform neu auflegen wollten.

Trends 2015Und siehe da, heute wurden tatsächlich zwei gedruckte Belegexemplare geliefert. Das Buch ist als Ebook und als Taschenbuch bei den üblichen Verdächtigen (Amazon, Libri etc.) zu erwerben. Das freut mich wirklich. Ich denke aber, das Buch braucht eine kleine Bedienungsanleitung, um es zu verstehen – und gegebenenfalls wertzuschätzen. Die Kritiken zum Buch – teilweise noch im Netz – waren damals recht gut. Nur wenige Rezensenten lebten ihre generelle Aversion gegen Trendforschung und Zukunftsprognosen aus.

Die Zukunft der Zukunft

Ach ja, damals. Das Buch wurde in den Jahren 1991 bis 1994 geschrieben. Es entstand aus einer Artikelreihe in der Zeitschrift WIENER – Zeitschrift für Zeitgeist. Dort behandelten wir der Reihe nach Zukunftsszenarien für die unterschiedlichsten Themen. Von Zukunft der Liebe, Zukunft des Sex bis Zukunft des Sport oder Zukunft der Demokratie etc. Das Buch war dann eine Sammlung von überarbeiteten Versionen der Zeitschriftenartikel, um einige Themen und einen Einleitungs- und einen Schlussartikel – Die Zukunft der Zukunft – ergänzt.

1995 erschien das Buch als Paperback im Schweizer Scherz Verlag und verkaufte sich so gut, dass es 1998 von dtv als Taschenbuch herausgebracht wurde. Als Titel hatten Gerd Gerken und ich „Trends 2025“ gewählt. Das war dem Scherz Verlag zeitlich viel zu weit weg. Zitat: Keinen interessiert, was in 30 Jahren passieren wird. Also wurde der Titel zu „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“ verjüngt. – So gesehen kommt der Reprint zeitlich richtig, nur eigentlich müsste er jetzt – endlich richtig – „Trends 2025“ heißen. Denn die Entwicklungen, die wir in dem Buch beschreiben, sind deutlich noch nicht abgeschlossen, sondern werden teilweise gerade im Moment erst virulent.

Multimedia statt Internet

Ich freue mich, dass das Buch jetzt wieder auf dem Markt ist. Für die Inhalte und Prognosen müssen wir uns nicht schämen. Im Gegenteil. Man muss das Buch nicht aus einer historischen Perspektive lesen – es bietet genug Polarisierungen und Provokationen, um auch noch heute lesenswert zu sein. Vor allem, weil wir mit einigen Prognosen ziemlich richtig lagen. Das lässt hoffen, dass wir auch beim Rest nicht so schlecht liegen – bei der Vorausschau bis in das Jahr 2025 – und darüber hinaus. Vor allem funktioniert das Buch besonders gut als Erklärung und Beschreibung  unserer Jetztzeit und der Gründe, warum es so gekommen ist – oder kommen musste.

Dabei weist das Buch eine große Kuriosität auf. Kein einziges Mal taucht im Buch der Begriff „Internet“ auf. Dieser Terminus war zu Redaktionsschluss Ende 1994 einfach noch nicht verbreitet und adaptiert. Wir haben uns im Buch bei der Beschreibung des „digitalen Zeitalters“ (Zitat!) mit Begriffen wie „digitale Kommunikationskanäle“, „Cyber“, „Virtualität“ und vor allem „Multimedia“ beholfen. Letzteres haben wir als interaktiv und immersiv definiert und als Ersatz für alle bisher existierenden Medien. Auch, dass dieses neue Hypermedium unser Sozialleben grundlegend ändern wird, haben wir prognostiziert. So gesehen haben wir das Internet und viele seiner Auswirkungen vorausgesehen – nur der Terminus war naturgegeben in den Jahren 1992 bis 1994 hierzulande noch nicht geläufig genug.

Auch bei einigen anderen Themen und Begriffen passiert das in dem Buch. So gut Zukunftsprognosen auch inhaltlich sein mögen. der Begriff, der sich dann letztlich durchsetzen wird, ist beim besten Willen nicht erahnbar. So hat das Buch an der einen oder anderen Stelle ein wenig – sprachliches – Patina angesetzt. Mich stört das nicht, im Gegenteil, es gibt dem Reprint fast ein wenig nostalgische Eleganz. Und es zeigt, wie schnell unsere Sprache auf die Veränderungen der Welt reagiert. Und trotzdem gibt es einige Begriffe, die bis heute auf eine schlüssige Benennung warten. Wir haben dazu einige brauchbare Vorschläge geliefert.

24 Kapitel über die Zukunft

Folgende 24 Themen behandeln wir in dem Buch :

  1. Schöne neue Welt – Einleitung für die Zukunft
  2. Die telematische Gesellschaft – Die Zukunft der Trends
  3. New Edge – Zukunft des Denkens
  4. Die Hyperrealisten kommen – Zukunft des Minds
  5. Die Generation von morgen – Zukunft der Generation X
  6. Die Liebe auf Probe – Zukunft der Liebe
  7. Cybersex und Sexpeace – Zukunft des Sex
  8. Das große Nagual – Zukunft der Freizeit
  9. Media goes Multimedia – Zukunft der Medien
  10. Bewusstsein durch Cyber – Zukunft der Kunst
  11. Die Bodyshow – Zukunft des Sports
  12. Spaß muss sein – Zukunft der Arbeit
  13. Family Business – Zukunft der Firmen
  14. Interfusion – Zukunft des Marketing
  15. Ode an den Code – Zukunft der Werbung
  16. Der Stoff, aus dem Gefühle sind – Zukunft der Mode
  17. Faster times, faster food? – Zukunft der Ernährung
  18. Der Fetisch der Mobilität – Zukunft des Autos
  19. Der Mythos des Homunculus – Zukunft der Gentechnologie
  20. Schluss mit Bambi – Zukunft der Ökologie
  21. Die freie Spiritualität – Zukunft der Religionen
  22. Das Ideal und der Ekel – Zukunft der Demokratie
  23. Neuentwürfe einer Ideologie – Zukunft der Ideologien
  24. Wir werden Schamanen, die träumen – Zukunft der Zukunft

Wie man sieht, sind wir keinem inhaltlichen Risiko aus dem Weg gegangen damals. Das ist vor allem das Verdienst von Gerd Gerken, der sich nie gescheut hat, auch kontroverse Themen sehr kontrovers, mutig und provokativ anzugehen. Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er mich zwang, aus meiner ideellen und mentalen Komfortzone herauszukommen. Die ersten „gemeinsamen“ Kapitel waren noch ein Mitschreiben von meiner Seite mit dem Bemühen, Gerd Gerkens sehr eigene Sprache und Terminologie allgemein verständlich umzusetzen.

Raus aus der Komfortzone

Im Prozess der Arbeit an immer mehr Themen konnte ich mich dann mehr und mehr einbringen. Ich hatte immer besser gelernt. selbst kontrovers und „rücksichtslos“ zu denken – und zu schreiben. Am Ende der Entwicklung stand nicht nur dieses Buch, bei dem ich in Eigenregie das Einleitungskapitel schrieb – und Gerd Gerken standesgemäß das Schlusskapitel. Am Ende der Entwicklung stand auch meine Kündigung beim WIENER. Man muss nur das Kapitel „Zukunft der Medien“ lesen, dann versteht man, warum. Ich wechselte damals 1993 zur Werbeagentur „Scholz & Friends“ nach Hamburg, um dort deren Abteilung „Trend Research“ aufzubauen.

Und wie es das Schicksal so wollte, kam dann ein großer Trend auf, den man in Deutschland damals nicht ernst nehmen wollte (oder konnte): das Internet. Ich hatte so meine Probleme, meine Kunden von diesem Trend und seinen Implikationen zu überzeugen. Also arbeitete ich mich tiefer und tiefer in die Materie ein – und war dann plötzlich einer der wenigen „Experten“ fürs Internet in Deutschland – und wurde als Chefredakteur von Europe Online nach München abgeworben. Das war 1995, vor 20 Jahren. (Dazu bald mehr – hier an dieser Stelle.)

Gerd Gerken – der Urvater der deutschen Trendforschung

Ach ja, es wird heute dann doch Menschen geben, die Gerd Gerken nicht kennen. Ende der 80er- Jahre und in den 90er-Jahren war er ein gesuchter Coach (damals war der Begriff noch nicht so herabgewirtschaftet wie heute) und ein erfolgreicher Buchautor mit mehr als einem Dutzend Büchern über neues Marketing, Business, Firmenführung – und er war der erste ernst zu nehmende Trendforscher Deutschlands. Von ihm haben alle Trendexperten hierzulande gelernt. Nicht nur ich, auch Matthias Horx und etliche andere.

Gerd Gerken und ich arbeiten bis heute in unterschiedlichsten Projekten zusammen. Nicht mehr publizistisch, das ist nun mein Part. Aber wir versuchen, in immer neuen Projekten die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation möglichst weit auszureizen. So gesehen war das Buch das Beste, was mir passieren konnte. Schön, dass es es jetzt wieder gibt. – Ich lese mich gerade wieder in ihm fest…


Die Wucht der Bezahlschranke

Vor einer Woche habe ich die Süddeutsche Zeitung in einer Lesermail gebeten, mir einen guten Grund zu geben, warum ich als Abonnent neuerdings zusätzlich Geld dafür zahlen soll, dass ich SZ.de lesen kann. Thema Bezahlschranke. Eine Antwort habe ich bis heute nicht bekommen. Scheint eine schwierige Frage gewesen zu sein. Aber man sollte meinen, es könnte eine Antwort auf so eine Frage bereit stehen, wenn man anfängt, für sein Internetangebot Geld verlangen zu wollen. Verkehrsschild im Schnee

Mal kurz die Fakten. Ein Zeitungsabo der Süddeutschen Zeitung kostet 54,40 Euro im Monat (innerhalb Bayerns). Eine Menge Geld, für das man eine Menge Papier frei Haus erhält, das man mehrheitlich nicht (mehr) liest. Aber der Deal ist o. k., eine Zeitung ist was wert. Mir ist es das seit über 40 Jahren wert. Und schließlich kann man als Ehepaar das Abo zu zweit nutzen.

Digital kommt teuer

Jetzt soll man dafür, dass man viele Artikel online liest (die man dann am nächsten Tag gedruckt nicht mehr lesen will), 7,50 Euro monatlich zusätzlich zahlen. Damit nicht genug. Der Ehepartner, da nicht Abonnent, muss für das Onlineangebot 29,99 Euro zusätzlich zahlen. (Die ganzen verbilligten Angebotswochen mal beiseite gelassen, denn die sind schnell vorbei.) Macht summa summarum 91,89 Euro. Das sind 37,49 Euro mehr, knapp 70 Prozent Verteuerung.

Oder will der Verlag, dass man auf das gedruckte Produkt verzichtet. Dann wäre man mit 59,98 Euro dabei, also nur ca. 10 Prozent Kostensteigerung. (Größere Haushalte mit Kindern oder Großeltern mal beiseite gelassen.) Egal: Hier hätte man doch schon gerne wenigstens ein gutes Argument. Denn so viel besser ist die Süddeutsche zuletzt nun auch nicht geworden.

Die Gratis-Kultur des Internet

Das zentrale Argument kenne ich ja sowieso: Das altherkömmliche Businessmodell funktioniert nicht mehr. Die Werbung bricht weg. Die Klein-, Auto-, Stellen- und Immobilienanzeigen sind schon lange den Bach runter. Die Verkäufe werden weniger, die Abonnenten auch. Und Onlinewerbung funktioniert auch nur sehr bedingt, mit hohem Risiko, dass sie mit zunehmend mobiler Nutzung auch massiv einbricht. Und wer ist schuld? Nicht zuletzt ich, der immer die Gratis-Kultur des Internets propagiert habe. Seit 1995. Schon damals hat mir das keine Freunde gebracht.

Das ist natürlich Quatsch, das mit der Gratis-Kultur, aber es argumentiert sich so bequem damit. Ich habe immer dafür plädiert, dass man neue Wege der Finanzierung von Content finden muss. Auch ich habe mich mit der einen oder anderen Einschätzung geirrt. Aber die Idee, sich lieber selbst zu kannibalisieren als die Klein-, Auto-, Kontakt-, Stellen- und Immobilienanzeigen verlagsfernen Firmen zur Eroberung auf dem Präsentierteller anzubieten, wollte nie jemand akzeptieren – bis es zu spät dafür war.

Google ist an allem schuld

Wie wenig – im Ganzen gesehen – Online-Werbung funktionieren kann, habe ich nicht abgesehen. Zu sehr habe ich Werbung als selbstverständliche Finanzierungsmethode von redaktionellen Inhalten gesehen. Ein wohl unvermeidlicher blinder Fleck der beruflichen Selbstwahrnehmung, wenn man über Jahrzehnte im Magazin-Business (vor dem Internet) davon – gut – gelebt hat.

Nun ist also – neben der Gratis-Kultur des Internet, versteht sich – die Digitalisierung daran schuld, dass das Anzeigenbusiness nicht mehr funktionieren will. Genauer gesagt ist Google dran schuld. Das behaupten zumindest die Großverleger und ihre Verbände. (Zur selben Zeit, arbeiten diese aber munter und sehr bereitwillig bei der Vermarktung ihrer Inhalte mit Google zusammen. Darüber wird aber brav still geschwiegen.)

Der Geburtsfehler der Qualitätsmedien

Die Wahrheit ist eine andere: Es war der Geburtsfehler der Zeitungshäuser schlechthin, dass von Anfang an die Werbung die teuren Herren und Frauen Journalisten und die von ihnen (mal teuer, mal weniger teuer) produzierten Inhalte quer subventioniert haben. Ein verständlicher Fehler. Schließlich sind viele Publikationen einst von Druckereien gegründet worden, die ihre Maschinen ausgelastet sehen wollten. Und wenn es informative und qualitätsvolle Inhalte brauchte, zwischen die man werbliche Inhalte platzieren konnte, dann war man sogar bereit, für Inhalte Geld in die Hand zu nehmen.

Dabei waren es genau diese qualitativen Inhalte, die Meldungen, die Features, die Reportagen, die Meinungen, die Reflexionen und auch die Provokationen, die unsere Gesellschaften, die unsere Demokratien erst möglich machten – und so lange prägten, dass sie uns heute – fälschlicherweise – selbstverständlich erscheinen. Ohne eine freie Presse, ohne die Vielfalt an gedruckten Meinungen wäre unsere pluralistische Gesellschaft nicht möglich.

Die Bezahl-Kultur durch Werbung

Blöd nur, dass ausgerechnet alles das dank der Finanzierung durch Werbung möglich wurde. Sozusagen haben wir nun schon seit ca. 150 Jahren eine fatale Nicht-Bezahl-Kultur von Inhalten durch Anzeigen und kommerzielle Angebote. 150 Jahre Bezahl-Kultur durch Werbung. Und genau die droht jetzt durch die Digitalisierung, vulgo GoogleFacebookTwitterWhatsAppPinterest&Co kaputt zu gehen. Aber ausbaden soll das nun der Käufer und Abonnent von Inhalten, weil der schuld ist an der Gratis-Kultur des Internet? Oder so.

Was mich daran so ärgert, ist die Business-Ignoranz der Verlage. Mit ihren Bezahlschranken sorgen sie sehr effektiv dafür, dass sie sich einerseits komplett und offenen Auges von jungem Lesepublikum verabschieden. Und zum zweiten nehmen sie sich aus dem öffentlichen Diskurs heraus, der heute nun mal in sozialen und mobilen Medien stattfindet. Und das alles nur, damit der Tod auf Raten ein wenig länger dauert und die Raten ein weniger billiger werden, weil von zahlendem Publikum ein wenig gegenfinanziert. Lange genug, damit die heute verantwortlichen Redakteure und Manager vermeintlich heil in Rente sind.

Die Hybris der hybriden Medien

Dafür überlassen sie das Feld den Content-Produzenten, die nur auf Klick-Millionen und -Milliarden aus sind, wie es etwa Jonah Peretti, Gründer von Buzzfeed, vor Kurzem auf der SXSW in Austin in seinem Vortrag deutlich gemacht hat. Dabei ist ihm völlig egal, welcher Plattform er sich dabei bedient. Eine eigene braucht er fast gar nicht, nur mehr für solche Medien-Dinosauriere, die mit ihren Laptops Homepages ansteuern. Also für Non-Digitals, die auch bereit sind, Bezahlschranken zu akzeptieren.

Wie fatal so eine Haltung ist, die alle neuen Content-Produzenten pflegen, die ihr Geld mit Native Advertising und anderen – vornehm gesagt – hybriden Finanzierungsmodellen machen, hat in einem bemerkenswerten Artikel in iMEDIA „How advertising ruined publishing“ Sean X. beschrieben: Wenn es keine klare und nachvollziehbare Trennung von kommerziellen und nicht-kommerziellen (vulgo: qualitativen) Inhalten gibt, bricht das komplette System des Publishing, wie wir es kennen und wie es unsere Gesellschaft geprägt hat, zusammen.

Ein möglicher Ausweg: Content-Streamingdienste

Sean X. ist VicePresident des Acquisition Marketing von creditera, einem Online-Business-Kredit-Anbieter. Sein Ausweg aus dem Finanzierungsdilemma von Qualitätsinhalten durch Werbung ist Micropayment, also das problemlose Zahlen von Artikeln ohne Abogebühren etc. (siehe oben); also sozusagen Bezahlschränkchen, so klein, dass sie niemand stören. Ich halte diesen Weg für nicht sehr gelungen und durchsetzbar – schon mangels funktionierenden und akzeptierten Micropaymentsystemen.

Ich halte eine andere Lösung für viel einfacher – und ich praktiziere sie seit geraumer Zeit täglich bzw. monatlich. Wie es gut funktionierende Musik-Streamingdienste wie Spotify oder Deezer gibt, die binnen kürzester Zeit auf Konsumentenseite akzeptiert worden sind, müsste es schleunigst wirklich gute Content-Streaminganbieter geben. Versuche in diese Richtung gab es schon, etwa Online-Kioske von Google (ausgerechnet!) oder von deutschen Verlegern (ausgerechnet!). Nur haben die nicht funktioniert, waren nicht ausgereift oder sind vor Bekanntwerden schon dem Vergessen anheim gefallen.

Mal sehen, wer groß und entschlossen genug ist, so etwas durchzusetzen. Weltweit, unkompliziert, bezahlbar und mit wirklich optimalen Inhalten. Dagegen würden sich Buzzfeed, Huffington Post, Vice und wie die Klick-Schleppnetzfischer alle heißen, schwer tun. Und Content-Produzenten sollten dann genug Geld bekommen, um wirklich qualitative Inhalte produzieren zu können, weil sie dann auf gesellschaftliche Relevanz gepolt sein können und nicht auf Klick-Gier. Das würde den Online-Inhalten generell mehr als gut tun.


Kritik am Internet – unter allem Niveau

Das hat das Internet nicht verdient. Wirklich nicht. Es hat einfach miserable Kritiker. Und sie werden immer schlechter. Aber das niedrige Niveau der Kritik am Internet hilft beiden interessierten Seiten. Den Digitalphobikern, weil sie es sich weiter in ihrer Modernitäts-Allergie und Technologie-Angst gemütlich machen können. Und es kommt zugleich den Internet-Technologen und -Magnaten zupass, weil sie dank solch zahnloser, nur Vorurteile wiederkäuende Kritik völlig ungestört weitermachen können und so gut wie nie kompetent (!) hinterfragt werden. Eine reverse Win-Win-Situation…

Andrew Keen

Andrew Keen

Zu Beginn des Internets, in den 90er-Jahren, war in den deutschen Medien immerhin noch ein Joseph Weizenbaum der bevorzugte Kritiker des Internet. Sein eigentlicher Gegner waren der Computer an sich und die künstliche Intelligenz. Und hier waren seine warnenden Worte nicht so falsch. Aber da Internet-Kritik höher nachgefragt war, bediente Weizenbaum auch diesen Markt. Er nannte also das Internet einen „Schrotthaufen“ mit nur 10 Prozent „Perlen und Goldgruben“. Den Term „Schrotthaufen“ hörte die non-digitale Intelligenzia hierzulande nur allzu gerne. Dass 10 Prozent Perlen bei der Unmenge der Inhalte im Netz ein ungeheurer Fundus ist, wurde geflissentlich übersehen.

Vom Paulus zum Saulus

Den nächsten Heroen der Internet-Kritik gab dann Jaron Lanier. Er wurde umso mehr geliebt, weil er einst Internet-Wunderkind war und erst zum Kritiker mutierte. Aussagen von ihm wie: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“, gehen hierzulande runter wie geschmolzene Platinen. Was dabei aber übersehen wird, ist die Tatsache, dass Lanier nicht das Internet an sich kritisiert, sondern speziell seine derzeitige (hyper-)kapitalistische Ausgestaltung.

Fachlich waren bzw. sind Weizenbaum und Lanier unbestritten. In ihren Thesen waren sie nie um Deftigkeit und Knalligkeit verlegen, aber all ihre Kritik hatte noch irgendwie Hand und Fuß. Es war eher die Rezeption, speziell in Deutschland, die ihre Kritik problematisch machte. Ihre Argumente wurden stets auf Plattitüden verkürzt, wo sie doch eher als Anstöße für eine fruchtbare Diskussion geeignet waren. Vor allem aber hatten beide intellektuellen Esprit.

Wer verkauft Daten

Die kann man Andrew Keen keineswegs attestieren. Der füllt zur Zeit die kurzzeitig vakante Position des Internet-Bashers in Deutschland aus. Seine Kompetenz ist der Start eines obskuren, längst gescheiterten Internet-Start up. Seitdem lebt er von seinen Büchern, die er eifrig auf Vortragstourneen zu vermarkten weiß. Zuerst nahm er in „The Cult of the amateur“ („Die Stunde der Stümper“) Wikipedia aufs Korn, jetzt ist es in „The Internet is not the answer“ das Internet selbst, speziell aber Social Media, an dem er sich abarbeitet. Mit arg unzulänglichen Mitteln. Wie billig und auch falsch seine Kritik ist, zeigt ein Interview mit ihm in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Februar 2015. (Natürlich nicht online.)

1. Zitat Keen: „Firmen wie Google und Facebook verkaufen unsere Daten im Netz.“ – Das stimmt doch so nicht. Es gibt genug Firmen, die Daten verkaufen. Adresshändler, Datenaggregatoren und natürlich auch alle unsere Medienhäuser. Und die verkaufen Daten seit ewigen Zeiten und auch schon vor der Internet-Zeit: Etwa frei zugängliche statistische und persönliche Informationen, Kreditkartendaten etc. Richtig ist, dass Google, Facebook – und auch Apple – mit Daten Geld verdienen. Aber nicht indem sie Daten verkaufen, sondern personalisierte Werbung in Auktionen zu Geld machen. Das kann man in Frage stellen. Aber wer behauptet: Google & Co. verkaufen Daten, macht es sich zu leicht, bedient tumbe Ressentiments – und verdummt seine Leser.

Der Job-Vernichter Internet

2. Zitat Keen: „Das Internet zerstört alte Berufe, ohne dass es neue schafft. Die Internetökonomie zerstört nur.“ Das stimmt so nicht. Das Internet schafft unglaublich viele neue Einkommensmöglichkeiten, auch viele neue Berufe. Vor allem verwechselt Andrew Keen die Digitalwirtschaft mit der Internetökonomie. Das zeigt sein gern genutztes Beispiel des Filmherstellers Kodak, bei dem 134.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Daran war nicht Instagram schuld, wie er behauptet, sondern die Digitalisierung der Fotografie. Warum behauptet Keen solchen Unfug? Instagram hilft nur, die sowieso digital geschossenen Fotos netzwerktauglich zu verbreiten.

3. Oder Keen über Twitter: „Dieser permanente Schwall an 140-Zeichen-Nachrichten, voll von selbstreferenziellem Narzissmus. Jeder spricht dort immerzu mit sich selbst.“ Dieser Vorwurf würde bei vielen Facebook-Accounts sicher stimmen, aber nicht bei Twitter. Genau deswegen hat Twitter auch nicht ansatzweise dieselbe Verbreitung wie Facebook. Twitter ist ein hervorragendes Micro-Distributions-Tool, ideal für Recherche, ideal für inhaltlich wertvolle Updates. Und jeder kann sich ganz leicht gegen Dampfplauderer wehren: einfach entfolgen. – Hat Keen Twitter nicht verstanden, oder warum behauptet er solchen Unsinn?

Blanke Banalitäten 

4. Zitat Keen: „Demokratie und Internet sind ein Widerspruch in sich. Man sagt ja immer, das Netz gäbe auch Milieus eine Stimme, die vorher keine hatten. Das ist ein sehr herablassender Gedanke. Die Menschen in Demokratien hatten immer eine Stimme.“ – Fragt sich, wie Keen zu so etwas kommt? Einzelne Stimmen wurden vor dem Internet wirklich nicht gehört. Und es wurde die Stimme auch gar nicht erst erhoben, weil man Ohnmacht spürte. Man ahnte ja nicht, wie viele Menschen etwa ähnlich dachten und fühlten. Heute ist das dank des Internets möglich. Dass das auch unsinnigen und politisch unliebsamen Protest möglich macht, ist die Kehrseite einer aber generell sehr ehrenwerten Medaille.

Aber so etwas passt natürlich nicht in das sehr einfach gezimmerte digitale Weltbild eines Andrew Keen. Schade drum. Durch seinen Hang zu simplen Ressentiments nimmt er vielen Themen, die es verdienten diskutiert zu werden, jede Chance. Keen geht es nicht darum, das Internet besser zu machen, sondern nur darum, seine Bücher zu verkaufen. Das ist legitim. Aber noch lang kein Grund, ihm zuhören zu müssen. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die etablierten Medien es dennoch so gerne tun.

Tim O’Reilly, Internet- und Social 2.0-Vordenker – und Kongress-Veranstalter, hat das Phänomen Andrew Keens gut auf den Punkt gebracht: „Nach meiner Einschätzung geht es ihm einfach nur darum, einen Dreh zu finden, irgendeine Kontroverse loszutreten, um dazu ein Buch zu verkaufen. Seiner Kritik geht stets jede Substanz ab.“

Freiheit & Raum

2. November 2013


Stets auf der Suche nach Freiräumen

Wenn man meiner beruflichen Karriere irgendeine Logik geben will, dann am ehesten die, dass ich immer Freiräume gesucht habe. Das ging in der Uni los, Meine Mutter war eine der seltenen Male sprachlos, als ich statt brav auf Lehramt zu studieren mich in Theater- und Kommunikationswissenschaften (plus Germanistik) eingeschrieben hatte. Texte schreiben und inszenieren war eine traumhafte Spielwiese – und dabei konnte man gut austesten, wieweit die Toleranz der Institutsverantwortlichen bei provokativen Inszenierungen ging. Und mit Rezeptionsforschung (samt Computerauswertung mit Lochkarten!) konnte ich die Wirkungsweise solcher Arbeit gut abzuschätzen lernen.

opengateDer nächste logische Schritt war es, Theater- und später auch Filmkritiken zu schreiben – und erste Reportagen im Kulturumfeld. Auch hier viel Freiraum. Den konnte ich dann extrem erweitern, als ich die Münchner Stadtzeitung mit Arno Hess gründete und redaktionell leitete. Hier gab es wirklich keine thematische Begrenzung. Wir nutzten das ausgiebig, um die Grenzen unseres Könnens und mit unseren investigativen Recherchen die Grenzen der rechtlichen Möglichkeiten auszuloten. (Siehe hierzu auch: Humor & Justitia.)

Verrückte Ideen Wirklichkeit werden lassen

Der nächste Schritt, neue Freiräume im Journalismus auszuleben war mein Wechsel zum WIENER. Als Chefreporter und später als stellvertretender Chefredakteur durfte ich lernen, wie mühsam und zugleich höchst befriedigend es sein kann, verrückte Ideen zu spinnen und sie dann doch in funktionierende Geschichten umzusetzen. Und die publizistische Wirkung von investigativen Geschichten wie etwa über das AIDS-KZ oder Alois Müller (Müller Milch) war ungleich höher – und brisanter.

Next Stop Trendforschung. Bei Scholz & Friends war ich im weiten Feld der sich stetig verändernden Szenen, technologischen und soziologischen Entwicklungen und der unendlichen Kreativität von Konsumenten-Bedürfnissen und -Ideen unterwegs. Eine der interessantesten neuen Entwicklungen, die die Firmen damals noch kaum wahr-, geschweige denn ernst nehmen wollten war das Internet. Meine Schilderungen über die unendlichen neuen Möglichkeiten, die hier entstehen könnten, wurden bestenfalls belächelt.  (Ausnahme: „West“ von Reemtsma.)

Aufbruch in The New Frontier

Na dann eben lieber selbst mitten hinein ins reale Geschehen, statt nur beratend am Rande zu stehen. Auf ins Internet, in The New Frontier, wie das Internet damals charakterisiert wurde: die neuen Gebiete, in die die Siedler Amerikas einst zogen, in die „the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled dreams“, wie es John F. Kennedy in seiner Inaugurationsrede als Präsident beschrieb: „Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.“ Neue Freiräume, jetzt im neuen, weiten, leeren digitalen Raum.

Zuerst Europe Online, dann später MSN (Microsoft Network), dann eine eigene Firma und nun Beratungstätigkeit, zur großen Freude immer zusammen mit etlichen Mitentdeckern der neuen Freiräume – oder wenigstens in stetem Kontakt (etwa per Facebook). Es war anfangs sehr anstrengend, diese neuen Möglichkeiten real werden zu lassen. Aber immer hat es Spaß gemacht, sehr viel Spaß, immer neue Optionen zu entdecken und zu nutzen und zu verstehen. Immer ging es weiter in immer neue zu entdeckende (Frei-)Räume.

Das Beharrungsvermögen des großen Geldes

Sie waren nicht zuletzt deshalb frei, weil die großen Unfrei-Macher entweder diese digitale Welt nicht verstanden, sie unterschätzten und nicht für voll nahmen oder nicht mit ihnen umgehen konnten – und wollten: die (politischen) Institutionen und die Wirtschafts-Giganten. Gerade das große Geld wollte sich zunächst nicht auf das Internet einlassen, weil zu viele Risiken zu drohen schienen – und weil die bewährten Businessmodelle gut, allzu gut funktionierten. Das schuf die wirtschaftlichen Freiräume, die Google, Amazon oder Facebook so unendlich groß werden ließen.

Wir wundern uns, wie unsere Freiräume im Internet kontinuierlich – und ziemlich rabiat – immer mehr genommen werden. Kein Wunder. Ex-Google-Chef Eric Schmidt hatte das schon vor fünf Jahren kommen sehen. Er warnte damals in Aspen vor dem Beharrungsvermögen des großen Geldes und der politischen Institutionen, die kontinuierlich die Freiräume des Internets beschneiden wollen. Das tun sie seitdem in immer intensiverem Maß. Das große Geld, weil die überkommenen Businessmodelle immer schlechter funktionieren und die wirtschaftlichen Optionen des Internets immer deutlicher sichtbar sind (siehe Google, Amazon, Facebook & Co.).

Gemeinsame Interessen der Wirtschaft und der Politik

Das große Geld scheut das Risiko. Deshalb ist es so lange dem Internet fern geblieben. Nun sind die Risiken kleiner geworden – oder haben sich als kleiner als gedacht herausgestellt. Also gehen die großen Wirtschaftskräfte jetzt ins Internet. Das aber zu ihren Bedingungen: das Risiko soll noch kleiner werden, die Rendite dafür um so größer. Das heißt automatisch, dass die Freiräume kleiner werden. Denn Freiräume bedeuten in diesem tristen Spiel nur unliebsame Risiken und gebremste Renditen.

Die Interessen des großen Geldes korrelieren dabei optimal mit den Interessen der großen Institutionen, speziell der Politik. Die Macht der Politik droht durch die Beschleunigung und der Partizipation, die das Internet brachte, zu bröseln. Und die Risiken, die dabei entstanden, waren der Politik sowieso stets suspekt. Politik scheut Risiken, sie scheut und hasst sie. Politik ist schließlich im besten Fall dazu da, Interessen auszugleichen. Im nicht so optimalen Fall ist sie dazu da, Spezial-Interessen (der Wirtschaft, anderer Institutionen etc.) durchzusetzen. Also auch hier das essentielle Interesse, Freiräume zu beschneiden. Notfalls auch unter dem Deckmäntelchen, Freiräume beschützen zu wollen oder Arbeitsplätze oder alte, lieb gewonnene Rituale.

Wir Freiraum-Bewahrer

Was also tun? Wie können wir diese Freiräume bewahren? Durch Regulationen, durch Limitationen und Vereinbarungen mit Politik & Konsorten? Uups, das stößt sauer auf. Der alternative politische Widerstand ist mit dem Scheitern der Piraten an ihrem störrisch Nicht-Politisch-sein-Wollen und der charakterlichen Beschränktheit vieler ihrer Protagonisten krachend gescheitert. Bisher jedenfalls. Also Rückzug ins Private und dessen Surrogat an Pseudo-Freiräumen? – Disclosure in eigener Sache: Ich schreibe diesen Blogpost während der Olivenernte im schönsten Italien. Aber daher weiß ich: das ist definitiv keine Lösung.

Also Aufbruch zur Suche nach neuen Freiräumen jenseits der heute bekannten? Sollen wir alle programmieren lernen, um Freiräume in der Welt der Algorithmen zu schaffen? Oder gibt es Freiräume in anderen Bereichen, die wir gar nicht recht erahnen können? In den Wissenschaften? Oder in anderen Teilen der Welt? In China? Was ich davon höre, ist es dort einerseits schlimmer als bei uns, aber mit immer wieder überraschenden Optionen. In einem neuen Wirtschafts- und/oder Politiksystem? Angesichts der sichtlichen Erschöpfung jedes Faszinosums des kapitalistischen Systems und seiner politischen Ableger vielleicht gar keine so schlechte Idee. Oder in einer Welt ohne existenzielle Angst – mit Grundrente und sozialer Absicherung und neuen, endlosen kreativen Möglichkeiten?

Eines ist sicher: Ich bin weiter auf der Suche nach Freiräumen für mich, für meine Welt – und die Welt an sich… Wenn ich was gelernt habe aus meiner Biografie: Freiräume sind dazu da, ausgelebt zu werden und dabei an die Grenzen zu gehen.

Der Pirat des Südens

13. Februar 2013


Beppe Grillo und sein „Tsunami“

Wollen wir es mal vorsichtig formulieren: Die Piraten hatten in Deutschland ihr großes Coming Out in den Medien. Und sie sind darin in kürzester Zeit untergegangen. Marina Weisband hat das in ihrem Blog oft sehr gut als direkt Betroffene beschrieben und analysiert. Die Medien sind viel zu sehr Teil des bestehenden politischen Systems, als dass sie den Piraten je wirklich publizistisch eine Chance gegeben hätten. Zunächst haben sie sie konsequent missachtet. Erst als es nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht mehr anders ging, hat man sich ihrer angenommen.. Und wie. Extrem intensiv und mit aller Brutalität, Konvention, Häme und als Sympathie getarntem Zynismus, zu dem die etablierten Medien nur fähig sind. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Beppe Grillo

Beppe Grillo

Wie es ganz anders gehen kann, ist bei unserem winterlichen Besuch in Italien zu besichtigen. Hier mischt ein politischer Outsider die italienische Politlandschaft mit ähnlichen Inhalten, einer ähnlichen Attitüde und ebenso internetaffin auf wie dereinst die Piraten in Deutschland: Beppe Grillo. Die Prognosen zur Wahl in Italien Ende Februar sehen ihn bei 13 bis 16 Prozent – mit guten Zuwachsperspektiven. Mit ein bisschen Glück könnte seine politische Bewegung „Movimento 5 Stelle“ (Fünf Sterne Bewegung) bei der Wahl zweitstärkste Kraft, mindestens aber drittstärkste Fraktion werden.

Der Anti-Pirat

Zugegeben, die politische Situation ist in Italien verfahrener und schlimmer als in Deutschland. Das Parteiensystem ist weit desaströser und die Politikerkaste eine Katastrophe. Zur Wahl stehen ein mehrfach verurteilter Medienmogul, der das Land fast in den Ruin getrieben hat. Ein vom Schlaganfall schwer mitgenommener Rechtsaußen. Ein unglaublich dröger sozialistischer Parteisoldat und ein Wirtschaftprofessor von Banken und Goldman Sachs‘ Gnaden. Alle natürlich altersmäßig weit jenseits der Pensionsgrenze. Und dann eben Beppe Grillo. Einst Kabarettist, Komiker und Fernsehstar. Auch er – nach einem Autounfall – wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft.

Beppe Grillo steht konzeptionell ganz nah bei den Piraten. Seine Kandidaten zur Wahl sind alle per Internet-Votum gewählt worden. Inhaltlich wird Vieles per Internet diskutiert und beschlossen. Und vor allem die Aktivierung der Wähler und Wahlhelfer geschieht über das Internet und Foren auf Beppe Grillos Website beppegrillo.it (inkl. englischer Version). Auch inhaltlich gibt es viele Berührungspunkte zu den Piraten. Netzpolitisch sowieso, aber ebenso ökologisch und ökonomisch und in der teilweise abenteuerlichen Melange aus linken und eher konservativen Positionen, wie sie auch die Piraten in Deutschland bisweilen haben. In Italien ist das Teil des Erfolgsrezeptes. Beppe Grillo gilt als der einzige „Politiker“, der Berlusconi rechts von der Mitte Wähler abspenstig machen kann.

Der bekennende Populist

Grillo kann Berlusconi Stimmen abgraben, weil er ein Bühnenberserker ist – und ein Populist von Gottes Gnaden. Dafür wird er von allen Seiten gescholten. Er macht sich einen Spaß daraus und lässt auf seinen stets bestens besuchten Großauftritten die Menge skandieren: Po-pu-lista! – An dem Beispiel beginnt man zu ahnen, dass Beppe Grillo vielleicht inhaltlich den Piraten nahe steht, aber sonst in allen Belangen das völlige Gegenbild ist. Er macht alles anders als die Piraten in Deutschland – und ist schätzungsweise gerade dadurch so erfolgreich.

Beppe Grillo verweigert sich nämlich komplett und konsequent allen etablierten Medien. Dem italienischen Fernsehen (das ihn einst groß gemacht hat) sowieso, weil es entweder in der Hand von Berlusconi ist oder von ihm, wie im Fall des öffentlichen RAI, zu einstigen Regierungszeiten mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden ist. Eine Kandidatin, die bei einer Talkshow zugesagt hatte, hat Grillo sehr diktatorisch eingebremst. Aber auch mit der italienischen Presse will 5-Sterne-Grillo nichts zu tun haben, auch abseits von Berlusconis Mediaset. Für ihn sind die etablierten Medien samt und sonders Teil der überkommenen politischen Kaste, die ihm niemals nützen werden, sondern ihn immer zu verhindern suchen werden. (Auffällig ist, dass die Medien in Deutschland dem Phänomen Beppe Grillo auch bislang fast völlig mit Missachtung begegnen. Die Ausnahme ist der Tagesspiegel.)

Tsunami, die Polit-Tour

Seine Stimmen, seinen Erfolg und seine politische Wirkung erzielt Beppe Grillo allein durch Multiplikation im Internet, vor allem aber durch seine überaus erfolgreiche Tour über alle großen Stadtplätze quer durch Italien. Er nennt die Tour „Tsunami“. Er ist der einzige Wahlkämpfer Italiens, der sich im winterkalten, nassen Italien auf die Bühne stellt und hier seine – ja, populistische – Bühnenshow mit Politikerbeschimpfungen, Witzen, massenhaft Fakten zur italienischen Politik und ihrer Korruptheit und mit seinen politischen Ideen abzieht. Eine Show, die überall Tausende von Zuhörern auf die zugigen Plätze holt und extrem gut ankommt. Höhepunkt soll ein Auftritt in Rom zwei Tage vor der Wahl vor über 100.000 Zuhörern werden. (Darüber dürfen dann mit Grillos Segen auch die etablierten Medien berichten – möglichst live.)

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die konkrete politische Arbeit, die die Abgeordneten des „Movimento 5 Stelle“ dort leisten, wo sie schon Mehrheiten erzielt haben. Etwa in Parma oder in Sizilien. Sie lassen sich von ihren – in Italien üblicherweise üppigen – Abgeordnetengehältern nur etwa 3.000 Euro auszahlen. Den größeren Teil zahlen sie in einen Fonds ein, aus dem Microdarlehen vergeben werden, mit denen vor allem Arbeitsplätze für arbeitslose Jugendliche geschaffen werden sollen. Das funktioniert und macht das Movimento extrem angesehen in Italien. Die Botschaft davon wird viral weiter getragen und macht Eindruck bei den Benachteiligten und in den ärmeren Schichten. Aber auch den Intellektuellen, die sonst wenig mit Grillos hemdsärmeliger Art anfangen können, macht solch authentisches Arbeiten Eindruck.

Der Lackmus-Test

Spannend wird es nach der Wahl. Beppe Grillo hat angekündigt, mit keiner der etablierten Parteien koalieren zu wollen. Schon aus Ablehnung des etablierten Systems. Das wird, je nach Erflog des „Movimento 5 Stelle“, die Bildung einer handlungsfähigen Koalition – vor allem ohne Berlusconi – schwer machen. Das wird der Lackmus-Test dieser Bewegung. Schon wird geunkt, dass ausgerechnet Grillo, der Intimfeind von Silvio Berlusconi, zum Steigbügelhalter dieses anderen großen Populisten werden könnte. Kaum vorstellbar, dass Grillo das zulässt. Aber fast ebenso schwer lässt sich eine Koalition mit dem trockenen Professor Monti oder dem drögen Sozialisten Bersani denken.

So speziell die Probleme Italiens sind, so karikaturenhaft das politische Personal samt Beppe Grillo, die Situation hier könnte eine Art Zukunftsszenario auch für Zentraleuropa werden. Das Spektrum akzeptabler und ernsthafter Politiker wir auch hier immer schmaler und geht bisweilen gegen Null. Die Sehnsucht nach einer politischen Kraft jenseits der etablierten Politidk ist immens. Das haben die Piraten eindrucksvoll bewiesen. Die Situation unser globalen Welt wird nicht einfacher zu managen werden, im Gegenteil. Das öffnet das Feld für Populisten jedweder Couleur. Es wird sehr spannend werden, mit ihnen real funktionierende Politik zu machen und vielleicht wichtige strukturelle Änderungen durchzuziehen (etwa Kontrolle/Entmachtung der Banken). Dafür ist Beppe Grillo der Prototyp. – Es mag von Deutschland anders ausschauen. Aber manchmal ist Italien der Zeit voraus…

Zeitreise ins eigene Ich

31. Oktober 2012


Wir sind Gewohnheitstiere

Das geht schon gut los. Ich will einen neuen Artikel in meinem Blog schreiben und WordPress bietet mir gleich mal ein neues Interface zur Eingabe an. Nicht mehr das übliche, an das ich mich gewöhnt habe… – Was soll denn das?…

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und das ist gut so. Denn wir würden viel zu oft unsere Synapsen sinnlos anheizen, wenn wir den Alltag stets so angehen würden, als wäre alles neu und ungewohnt. Wir wären ohne unsere Muster, unsere Gewohnheiten, unsere Rituale schlicht mit uns und der Welt permanent überfordert. Sind wir ja so schon, weil sowieso kontinuierlich neue Ideen, neue Anforderungen, Ungewohntes, Ungewolltes auf uns einprasseln.

Die Welt einfrieren

Kann es denn nicht mal so bleiben, wie es ist? Das hat sich sicher jeder schon mal in Momenten gefragt, wo alles im Lot zu sein schien und das Leben uns einmal die angenehmeren Seite zugewandt hat. Und nie ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Immer kam wieder etwas dazwischen, immer wieder hat sich alles geändert. Neue Widrigkeiten, neue Herausforderungen, neue Wendungen – und die Schicksalsschläge, die das Leben immer wieder bereit hält, sind da noch gar nicht mit gezählt…

Zugegeben, so habe ich auch mal gedacht. Als Jugendlicher und dann auch noch mal vor allem in der ersten großen Beziehungskatastrophe, die mich ereilte. Wenn alles in Ordnung war, wollte ich die Welt gleichsam einfrieren, damit sie so bleibt wie sie gerade ist. Es kommt ja nichts Besseres nach…

Ich habe recht lange gebraucht zu kapieren, dass es nicht reicht, verlässlich und funktionabel zu sein. Nichts ist langweiliger als das. Ich habe mir vergleichsweise lange Zeit gelassen einzusehen, dass es gerade die Veränderung, die kontinuierliche Entwicklung, der permanente Wandel ist, der das Leben – oder im speziellen Fall die eigene Persönlichkeit – attraktiv macht.

Die Innovations-Reaktionäre

Die erste Ahnung davon, dass Veränderung positiv sein kann, habe ich bei meiner Arbeit bei der Münchner Stadtzeitung bekommen. Ein faszinierendes Phänomen brachte mich darauf. Man schreibt eine Platten- oder eine Konzertkritik zu einem Künstler oder einer Band, die noch sehr unbekannt ist, aber vielversprechend. Dafür wird man von den Fans geliebt. Es flattern dankbare Leserbriefe in die Redaktion. – Aber wehe, wenn dieser Act ein Jahr später den Durchbruch geschafft hat und etwa in einer größeren Halle auftritt. Dann kommen die bösen Briefe, von wegen dass alles verkommerzialisiert ist – und man als Musikjournalist schuld daran war, weil man so positiv darüber geschrieben hat…

Ein eigenartiges Phänomen. Künstler gehören den Fans der ersten Stunde – und wehe sie entwickeln sich, dann erleben diese Fans eine veritable Veränderungsfrustration. Alles muss so bleiben, wie es ist, und wehe es ändert sich etwas. Selbst positive Entwicklungen, wie etwa Erfolg sind dann von Übel. Aus einst glühenden Fans werden dann – so habe ich es oft erlebt – erbitterte Stilreaktionäre, die jede neue Entwicklung verteufeln. Sie hassen jeden Stilwandel – und zerfließen in Seligkeit , wenn für Momente die gute alte Zeit irgendwie wieder zurückgekehrt zu sein scheint. Sehr gut zu beobachten heutzutage bei Revival-Konzerten wiedervereinigter Altrocker. Bestes Beispiel sind die Rolling Stones. Die sind eigentlich seit den 7oer-Jahren ihre eigene Coverband – und damit ungeheuerlich erfolgreich. Eingefroren in einem Stil und eine Attitüde.

Trends als Motor 

Musik war mein allererstes Vehikel, Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Ich war immer begierig darauf, neue Sounds, neue Bands und neue Stile zu entdecken. Wie viele Nachmittage habe ich in Plattenläden verbracht und immer neue Platten ausprobiert. Später bei der Münchner Stadtzeitung kamen die Platten frei Haus und ich hatte das große Privileg, mich in immer neue Konzepte reinhören zu dürfen. Manchmal dauerte es etwas länger, bis sich meine Synapsen an neue Muster und neue Temperamente gewöhnt hatten. Etwa bei Techno und Rave. Da passierte mein Erweckungserlebnis ausgerechnet an einem Heiligen Abend, als ich zur Erholung von familiärer Weihnachtsidylle spätnachts noch ins Münchner Parkcafé flüchtete und da gerade eine Rave-Party abging.

Das wahre Erweckungserlebnis in Sachen permanente Veränderung – und wie ich sie lernte zu lieben – war meine Arbeit mit Gerd Gerken, damals Deutschlands führender Trendanalytiker und Wegbereiter für alle folgenden Trendforscher wie Matthias Horx & Co.  Ich arbeitete mit ihm beim WIENER zusammen und schrieb 1993 bis 1995 mit ihm das Buch „Trends 2015 – Ideen, Fakten, Perspektiven“, in dem wir versuchten, ein Zukunftsszenario bis zum Jahr 2025 zu skizzieren. Der Verlag verkürzte die Zeitspanne dann auf 2015, weil er befürchtete, zu wenige Leser könnten hoffen, dieses Jahr noch selbst zu erleben.

Die Welt der Zukunft

Spannend war damals nicht nur, sich in eine Welt voran zu denken, die absehbar digital zu sein versprach – obwohl das Internet damals in seiner Verbreitung noch nicht konkret präsent war. Mit jedem neuen Thema, das wir in dem Buch behandelten: Arbeitswelt, Entertainment, Sport, Wirtschaft – und auch Sex – war klar, dass die Welt, in der wir uns zu der Zeit damals befanden, schon nur allzu bald völlig anders aussehen würde. Und für unsere Ideen und Perspektiven, die wir damals aufzeichneten, müssen wir uns bis heute nicht schämen.

Parallel zu den möglichen Szenarien einer Welt der Zukunft machte mir Gerd Gerken Mut, auch mich selbst einmal in meine eigene Zukunft hinein zu denken. Das war damals für mich eine der essentiellsten Erfahrungen. Sollte jeder mal für sich versuchen: Wie sieht man selbst, mein Leben und meine Arbeit zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre oder mehr in die Zukunft hinein aus? Was ist da denkbar? Was will man dann tun? Was traut man sich zu? Was will man auf gar keinen Fall, was unbedingt?

Zeitreise in die eigene Zukunft

Das war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, diese Zeitreise in mein eigenes Ich. Ganz klar war sehr schnell, dass mein Leben auf keinen Fall so bleiben sollte wie es war. Nicht weil es damals schlecht oder frustrierend war. Aber die Vorstellung, zehn Jahre später noch dasselbe tun oder denken zu sollen, wie damals, das war wirklich eine sehr grässliche Vorstellung. Viel schöner und spannender war es, sich in immer neue Zukunftswelten hinein denken zu können/dürfen. Erst so wurde mir deutlich, welche Perspektiven, welche Optionen mein Leben vielleicht für mich noch bereit halten könnte.

Klar war, dass Veränderung der Schlüssel zu einer begehrenswerten Zukunft war. Dass Ziele und Visionen, Ideen und Perspektiven nötig waren, um in dieser Zeitreise in die eigene Zukunft und das Ich, das ich einmal sein wollen könnte, wirklich erlebenswert zu machen. Und erstrebenswert. Und lebenswert.

Mein Leben hat das damals nicht sofort verändert. Um so mehr aber langfristig. Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich heute bin; ich würde nicht das Leben leben, das ich heute lebe, wenn ich damals nicht diese Reise in meine eigene Zukunft gewagt hätte. Und ich würde vielleicht nicht das Glück empfinden und erleben, das ich heute so oft genieße. Und ich wäre wohl nicht so entspannt und zukunftsfreudig. Und einiges Positive mehr…

Digitales Denken

5. Juli 2010


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

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