Wir schaffen das?

10. Januar 2016


Die Welt wird ganz, ganz schlimm – oder eben nicht.

Jahreswechsel. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, mal inne zu halten und ohne Ressentiment und Angst in die Zukunft zu blicken. Was wird die nächsten Jahre auf uns zu kommen? – Wir wissen darüber so viel wie schon lange nicht mehr. Es wird sich nämlich so ziemlich alles ändern. Alles. Wir stehen vor so vielen und drastischen Disruptionen wie kaum je zuvor.

constWir wissen nur nicht, was sich und wann genau es sich ändern wird. Und wie es sich ändern wird, ist noch offen. Und wohin es dabei geht, wissen wir auch nicht. Aber da könnten wir versuchen, ein wenig mit zu steuern. Oder anders formuliert: Wenn wir jetzt nicht anfangen uns darum zu kümmern, kann es wirklich sehr schlimm werden. Dann wüsste ich nicht, was ich den schlimmsten Dystopien der Pessimistologen entgegen setzen sollte.

Also kurz mal aufgelistet, was auf uns sicher zukommt. Zwei interessante Artikel dazu ist die technikgläubige Zukunftsprognose von Zukunftsoptimist Peter Diamandis und das Interview mit Klaus Schwab, Gründer und Chef des World Economic Forum in Davos, der sehr illusionslos die kommenden Veränderungen benennt.

Das absehbare Zukunfts-Szenario

Also, was wird auf uns zukommen? – Die Weltbevölkerung wird unweigerlich wachsen. Wenn es gut geht, auf 10 Milliarden Menschen. Aber es können auch 12 oder 15 Milliarden werden. Wir wissen längst, dass Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung die einzigen wirksamen „Verhütungsmittel“ sind. Also: Wohlstand, Bildung und Gleichberechtigung gerade für die Dritte Welt.

In unserer Welt wird es sehr voll werden. Und es wird sehr eng werden. Denn die meisten Menschen werden in Mega-Citys leben. Jeder weiß, wie viel Aggressionspotential in solch einer Situation steckt. Einziges Gegenmittel ist viel Empathie und Rücksichtnahme. Oder viel, sehr viel Kontrolle.

Wir stehen vor dem nächsten großen Sprung in die Digitalität. Wir und alle Dinge um uns herum werden unaufhörlich Daten generieren, die kontinuierlich gesammelt und ausgewertet werden. Die Algorithmen, die das tun, kennen wir nicht und verstehen sie auch nicht. Und wir sind nicht in der Lage, deren Ergebnisse zu kontrollieren, geschweige denn zu korrigieren. – Das müsste schleunigst geändert werden; Geschäftsgeheimnisse hin oder her.

Entwicklungen sind nicht aufzuhalten

Wir werden unweigerlich den gläsernen Menschen bekommen. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten – wie so viele andere ebenso. Das ist die unabwendbare Folge der Digitalisierung und der damit verbundenen Datensammlerei – und unserem Bedürfnis nach immer bequemeren Services. Der Deal, Bezahlung von Services durch Daten, ist längst heimlich fix. Wir müssen nur noch klären, wie wir diese Tatsache verwalten und die nötigen Kontrollen effektiv gestalten. Wir werden alle Little Brothers – und entscheiden selbst, ob George Orwells Ängste Wirklichkeit werden.

Die Computer werden weiter immer schneller rechnen können. Immer schwerer wird es für uns, alle Folgen einer immer weiter um sich greifenden Digitalität zu verstehen und da irgendwie mitzuhalten. Eine Gesellschaft, die nur noch Spielball ist, hat verloren. Sie wird kapitulieren und sich nicht mehr als Gesellschaft verstehen und als Gesellschaft handeln.

Das Horror-Szenario: Eine Welt ohne Arbeit

Wir werden eine Welt voller Roboter bekommen. Nur Roboter garantieren die heute als unablässig erachtete Steigerung von Produktivität. 80 Prozent der Jobs, mit denen wir heute unser Geld verdienen, wird es in den nächsten 25 Jahren nicht mehr geben. Es werden Millionen von Menschen ohne (bezahlte) Arbeit da stehen. Dafür muss unser komplettes Lohn-, Steuer- und Rentensystem von Grund auf geändert werden. Nur eines von vielen Stichworten dazu: bedingungsloses Grundeinkommen.

Eine Welt ohne Arbeit ist eine völlig andere Welt. Eine Gesellschaft ohne Arbeit ist eine völlig andere Gesellschaft. Der Mittelstand löst sich auf. Er hat schlicht nichts mehr zu tun. Was aber dann? Werden die Menschen sich zu beschäftigen wissen? Wie sieht dann Wohlstand aus? Und wie lässt sich der Abgrund zwischen vielen Menschen mit wenig Geld und ganz wenigen mit ganz viel Reichtum erträglich gestalten? Es drohen sonst ungeheure soziale Spannungen.

Alle unsere gesellschaftlichen Institutionen und Errungenschaften stehen dann zur Disposition. Die wenigsten werden überleben. Und das nur, wenn sie sich an die neue Wirklichkeit anpassen. Ein digitalisiertes Gesundheitssystem wird zwar wirkliche Wunder bewirken können. Aber wie werden diese bezahlbar bleiben: personalisierte, intelligente Medikamente, Gentherapie, Zelltherapie, Krebstherapien, Immuntherapien, Psychobehandlung, personalisiertes Gesundheitscoaching, Funktionsmonitoring etc.?

Politik kann nicht (mehr) verändern

Wie soll unsere Politik solch krasse Veränderungen bewältigen? Politiker sind dafür weder geeicht noch ist unser politisches System auf Veränderung angelegt. Ganz im Gegenteil. Wie aber soll eine Gesellschaft im rapiden, disruptiven Wandel gemanagt werden? Wie soll eine Gesetzgebung aussehen, die diese Veränderungen bewältigt? Klaus Schulz etwa verlangt eine agile Gesetzgebung, also gleichsam sich automatisch anpassende Gesetze.

Und es werden viele Gesetze und Regelungen kontinuierlich geändert werden müssen. Das Finanzsystem muss gebändigt werden, das Steuersystem an die disruptiven Änderungen angepasst werden müssen – Stichworte: Produktivitätssteuer, Robotersteuer, Datensteuer, Prosperitätssteuer… Unser Sozialsystem muss nicht nur agil, sondern fluid auf die absehbaren Veränderungen reagieren: Überalterung, Arbeitsverluste, Zuwanderung, Grundeinkommen…

Vor allem aber wird die große Mehrheit der Menschen von den Veränderungen überfordert sein. Sie tut sich heute schon so schwer. Und heute erleben wir nur den ersten Hauch kommender Disruptionen. Wir erleben schon jetzt, wie Menschen ihre Unfähigkeit und ihr Unwillen, Änderungen zu akzeptieren und anzugehen, in Aggression und Verweigerung treibt – und in die Arme von Rechtspopulisten, die unverantwortlicherweise einfache Lösungen versprechen.

Wir brauchen ein Change-Management für unsere Gesellschaft

Wie soll das Change-Management für eine komplette Gesellschaft, für ein komplettes Staatssystem oder gar für hypernationale Systeme wie die Europäische Union aussehen, oder gar für eine Weltregierung? Wie muss dafür ein geeignetes Bildungssystem aussehen? Und eine Fortbildung für die Pädagogen, die Menschen (nicht nur Jugendliche) für solch ein System fähig machen sollen?

Und was tun mit all den Menschen, die noch nicht einmal in der Moderne oder unserer digitalen Wirklichkeit angekommen sind? Was ist mit der Zweiten und der Dritten Welt – und den Menschen die vor dort zu uns fliehen?

Es gibt keine einfachen Lösungen, das ist sicher. Aber man kann sich relativ gut auf die am meisten unterschätzten Fähigkeiten des Menschen verlassen: seine Ingenuität und seine Anpassungsfähigkeit. Aber beide dürfen nicht dauernd überstrapaziert werden. Wir lernen nicht am besten, wenn wir andauernd ins kalte Wasser geschmissen werden oder im Panikmodus handeln müssen.

Bei sich selbst anfangen

Besser wäre es, wenn wir all diesen Veränderungen ins Auge sehen. Wissend und mit Mut. Vielleicht sogar manchmal mit Vorfreude. Besser wäre es, wenn wir von Veränderungen nicht stets auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn wir agieren und nicht nur reagieren. Nur so hätten wir eine echte Chance, in etwa mitbestimmen zu können, wohin unser Weg geht.

Der derzeitige Modus des „alternativlosen“ Dahinwurstelns ist sicher falsch. Genauso das konsequente Wegsehen vor den kommenden Entwicklungen. Es wäre toll, eine Kanzlerin, meinetwegen auch einen Kanzler zu haben, der die Probleme der Zukunft klar benennt, der Ideen und Vorschläge für deren Bewältigung hat und dann wirkungsvoll Zuversicht ausstrahlt: „Wir schaffen das!“

Hilfe statt Hysterie

Aber nur auf die Politik hoffen, ist sicher allzu blauäugig. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Ich habe mir angewöhnt, auf alle Änderungen und die begleitenden hysterischen Untergangsszenarien (der Medien u.a.) relaxt, emotionslos, gleich-gültig und neugierig zu reagieren. Klappt nicht immer, aber immer besser. Ich habe mir den analytischen Blick eines Insektenforschers angewöhnt, der die in seinem Schmetterlingsnetz gefangenen seltsamen und manchmal nicht hübschen Exemplare mit großem Interesse begutachtet.

Be-gut-achtet. Was ist gut? Was schlecht? Ich versuche anderen zu helfen, das Gute auch zu sehen und Ängste abzubauen. Mache Mut und helfe Schwellenängste abzubauen. Und bei Schlechtem versuche ich dagegen aktiv zu werden. Immer und überall. Aber ganz unhysterisch. Mit Argumenten und Perspektiven. Ist anstrengend – und funktioniert nicht immer. Aber nur so schaffen wir es, die neue Welt annehmbar, vielleicht sogar positiv zu gestalten.

Sächsische Stimmungen

16. Januar 2015


Pegida und die Folgen: Entrüstung und Ratlosigkeit

Jeden Montag protestieren mehr Menschen in Dresden gegen die Islamisierung Deutschlands. Ebenso absurd wie verwerflich, sich dabei mit den schmutzigen Randgestalten des rechten Sumpfs gemein (in des Wortes Bedeutung) zu machen. Die Entrüstung darüber ist ebenso richtig wie angebracht. Ebenso die Gegendemonstrationen, die glaubwürdig zeigen, dass die große Mehrheit der politisch aktiven Deutschen anders denkt.

CSUnixAber damit ist es nicht getan. Denn Pegida ist mehr. An der sonderlichen Thematik der vermeintlichen Islamisierung hat sich ein generelles Unwohlsein von unpolitischen Menschen herauskristallisiert. Man muss sich nur die ebenso konfusen wie diffusen Slogans der Protestplakate ansehen und die Aussagen der mehrheitlich brav bürgerlichen Demonstranten anhören, um zu ahnen, dass es hier um eine krude Mischung aus Frust, Ohnmacht, Selbstmitleid und missverstandener Politik handelt.

Der Protest der Nichtwähler

Mal die kleine Gruppe der Pegida-Trittbrettfahrer, der NPDler, dem anderen rechten Gesocks, der AfDler und anderer Weltverschwörungs-Dilettanten außer acht gelassen. Mich treibt die breite Masse der Demonstranten um, die jeden Montag die Zahl der Teilnehmer um weitere Tausende vergrößert. Das sieht mir in seiner Ungelenkheit und Verstocktheit wie die erste große (Polit-)Demo non Nichtwählern aus. Sie sehen in der Pegida – endlich – die Möglichkeit, ihrem Frust und ihren Ängsten öffentlichkeitswirksam Ausdruck zu geben. Sie wollen auch mal samt ihren unbeholfenen bis kruden Meinungen wahrgenommen werden. Und dafür nehmen sie sogar den unsinnigen Themenrahmen der Islamisierung in Kauf.

Und je mehr Zulauf Pegida hat, umso mehr wird das zu einem Kameradschaftstreffen der besonderen Art. Man fühlt sich in der Masse wohl. Man fühlt sich in seinem Unwohlsein nicht mehr allein, sondern aufgehoben in einer riesigen, angenehm diffusen Wolke des Dagegenseins. In ihr wird Selbstmitleid zur stolzen Haltung. Wird Ohnmacht zu Macht. Wird Frust zum Triumph des kleinen Mannes. Und jeder Gegendemonstrant, jede hämische Kritik in der Presse, jedes Widerwort stärkt den eigenen verstockten Stolz.

Die APO des 21. Jahrhunderts

Wer erinnert sich heute noch wirklich an die – heute so glorifizierten – 60er-Jahre und ihre Studentenproteste? Und wer ist heute ehrlich genug zuzugeben, dass ein Teil des Erfolges dieser Demos auch eine ähnliche Verschworenheit des Dagegenseins war? Ich erinnere mich, dass ich mich immer sehr wunderte, wer da alles irgendwann auf den Demos mitlief. Kommilitonen, von denen man noch nie eine politische Äußerung gehört hatte. Schulfreunde, die eher politisch wurstig waren, demonstrieren aber geil und schick fanden. (Auch wegen der Mädels.)

Der große Unterschied war, dass damals das große Ziel die Demokratisierung der Bundesrepublik war – und das Ende der verschwörerischen Macht der alten braunen Seilschaften. – Ich könnte mir vorzustellen, dass sich die Pegida-Kohorte auch stolz als Speerspitze gegen Seilschaften fühlt, seien sie rote, grüne, pinke oder regenbogenfarbene Seilschaften. Nur fehlt ihnen jedes seriöse und nachvollziehbar politische Ziel. Das lässt einen so ratlos vor diesem Phänomen – und macht so wütend.

Die Vorhut einer großen Unwohlsein-Bewegung

Ich denke nicht, dass Pegida & Co. eine große Zukunft haben. Zu eindeutig beziehen vernünftige Menschen dagegen Stellung. Aber ich habe die Befürchtung, dass das nur die Vorhut ist. Es gibt einfach zu viele Menschen, die angesichts einer sich unbarmherzig beschleunigenden Welt und einer immer weiter diffundierenden Gesellschaft eine tiefe Ratlosigkeit, Perspektivlosigkeit und Desorientierung spüren. Was ist, wenn es bei denen zu einer Art politischen Übersprungshandlung kommt?

Ich denke da an die Väter, die die Kränkung des Autoritätsverlustes verdauen müssen, wenn sie sich von ihren Kindern das Handy konfigurieren lassen zu müssen. Ich denke an die überbetreuenden Mütter, die bald an der lauthalsen Undankbarkeit ihrer Kinder werden knabbern müssen. Ich denke an die vielen Menschen, die schon heute im Zuge von Digitalisierung und Rentabilität Angst um ihren vermeintlich sicheren Job haben. Ich denke an die vielen Jugendlichen, die ihre übergroßen, unrealistischen Träume von Ruhm, Geld und Anerkennung schmerzhaft verlieren werden. Ich denke an die vielen älteren Menschen, die beim Rentenkollaps unversehens Armut  erleben werden, und wenn es nur eine gefühlte Armut ist.

Ein unendliches Arsenal an Frustbewegten

Das Arsenal an möglichen Frustbewegten ist ebenso absehbar wie riesengroß. Denken wir an die Opfer unserer narzisstischen Gesellschaft, die jedes eigene Versagen auf alle Fälle der bösen Gesellschaft und/oder der Politik in die Schuhe schieben werden. Denken wir an die Menschen, die nach dem Verlust aller Orientierungspunkte, die die Gesellschaft uns bisher gab: Familie, Werte, Regeln, Religionen, Autoritäten – in einer diffusen, sich kontinuierlich selbst verstärkenden Leere herumirren. Denken wir an die schwer verbitterten Opfer von Depressionen, die keine Hilfe und kein Verständnis erleben. – Die Liste ließe sich beliebig verlängern…

Diese unangenehme Vision lässt mich unbehaglich werden, wenn ich auf den Gegendemonstrationen gegen Pegida Ansätze von Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit entdecke. Wenn ich in den sozialen Netzwerken starke Meinungskraft aber wenig Nachdenklichkeit erlebe. Wenn ich erlebe, dass man das Frustproblem anderer mit seiner eigenen stolzen Haltung zu widerlegen glaubt. Es ist zu einfach, sich über die Einfaltigkeit und ja, auch Dummheit der Pegida-Demonstranten zu entrüsten – oder sogar darüber abzulachen. Es geht keinesfalls darum, Verständnis zu zeigen für deren schmollende Entrüstung und deren unsensiblen Umgang mit rechtem Gedankengut und rechten Parolen. Aber die Problemlage wird dadurch nicht entschärft.

Politik ist mehr als schicke Veranstaltungen

Politik ist mehr als nur mal auf eine Demo zu gehen. Es geht darum, die Ursachen für die absehbare Frustration breiter Teile der Gesellschaft abzustellen. Bei einigen Themen wäre das vergleichsweise einfach. Aber welche Partei bietet – bitteschön – ein Rentenkonzept, das den demographischen Realitäten der Zukunft wirklich Rechnung (in des Wortes Bedeutung) trägt. Wo sind die Konzepte, den Jugendlichen faire Chancen für einen Weg in eine Berufswelt zu geben, die sowieso sehr lange dauern wird und unendlich viele Wendungen erfahren wird. (Und wie sieht eine Schulbildung dafür aus?)

Wo ist ein sinnvolles Konzept, unsere Gesellschaft fit zu machen für die Disruptionen unserer digitalen Welt? Wie sieht eine sinnvolle Agenda gegen die neue Volkskrankheit „Depression“ aus? Wo sind die Menschen, es müssen ja keine Politiker sein, die Orientierung und einen Wertekanon glaubhaft vorleben? Ein Gauck alleine reicht da nicht. – Und warum werden so sinnvolle Ideen wie eine Grundrente, die viele der Probleme der Existenzangst, der sozialen Kränkung und der Behördenwillkür lindern könnten, einfach negiert?

Wir brauchen Politiker, die wirklich effektiv handeln. Bürgerzentriert und lobbyimmun. Wir brauchen den Mut zu neuen Konzepten statt der üblichen Rücksichtnahme auf vermeintliche Wählerwünsche. Denn so wird das Gros der Nichtwähler immer größer – und zurecht. Und wehe wenn diese die Mehrheit haben. Da ist Pegida nur der Vorgeschmack. In Liliput-Format.

Und wir brauchen eine Medienlandschaft, die auch mal Mut gibt. Die nicht nur Panik schürt und Hysterien befeuert. So dumm wie der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist. Wäre da Panik-Presse oder Hysterie-Medien auf den Protestplakaten gestanden, wer hätte da dagegen argumentieren können?

Und wir brauchen eine stolze Gelassenheit. Nur so können wir entspannt und konzentriert Probleme angehen. Wie dies aussehen könnte, habe ich ja erst vor Kurzem beschrieben in meinem Artikel zur „Adriatischen Stimmung“.

Positives Trauma

19. März 2012


Synthetische Illusion in Realtime

Eine bleibende Erinnerung aus meinen Kindheitstagen waren die Feste im Familienkreis, der gerne mit Gästen aus der „Heimat“, wie das hieß, ergänzt wurde. „Heimat“, das waren in diesem Fall die Gebiete, aus denen meine Familie nach den Weltkriegen vertrieben worden war. Mein Vater wurde 1918 nach dem Ersten Weltkrieg aus Ostpreußen zwangsumgesiedelt. Die Familie fand dann in Herne eine neue Heimat, mein Vater später in Berlin. Meine Mutter wurde im Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben, das nach dem Krieg dann Polen wurde.

Neuenburg an der Weichsel, Geburtsort meines Vaters.

Meine Eltern waren hierbei eine positive Ausnahme. Sie verherrlichten nie die Vergangenheit, besuchten keine Vertriebenentreffen oder betrieben den üblichen kleinkarierten Revanchismus. In den Erinnerungen etlicher unserer Verwandten jedoch wurde bei diesen speziellen Familientreffen verloren gegangenen Gütern, Schlössern und Großgrundbesitz hinterher gejammert. In alter Junker-Herrlichkeit wurden weniger schöne Landschaften als vielmehr verlorene Macht über Gesinde und polnische Untergebene – die man natürlich immer gut behandelt hat, obwohl sie so dumm und ungeschickt waren – vermisst.

Der patriarchalische Selbstbetrug

Wie trügerisch, und bisweilen auch verlogen solche Erinnerungen waren, erfuhr ich erst, als ich vielleicht 13 Jahre als war. Das schönste Märchen, das mir die Jahre über aus der „Heimat“ erzählt wurde, war die Geschichte der schönsten Schwester meiner Großmutter, Tante „Lenchen“. Sie hatte einen älteren Gutsbesitzer geheiratet und lebte mit Bediensteten im schönsten Teil Pommerns. Meine Mutter durfte einige Male als Kind in den Ferien Tante Lenchen besuchen und die Annehmlichkeiten eines derart privilegierten Lebens genießen. Entsprechend märchenhaft waren ihre Erinnerungen an die schöne, mondäne Tante, die mindestens einmal im Jahr für zwei, drei Wochen lang in die Hauptstadt Berlin fuhr, um sich mit der neuesten schicken Mode auszustatten und das Großstadtleben zu genießen.

Freiwaldau in Schlesien, der Geburtsort meiner Mutter.

So zumindest wurde es stets erzählt. Bis eines Tages ihre jüngste Schwester Lucie aus Berlin zu Besuch in München war. Wieder einmal wurde das verzuckerte Märchen von Tante Lenchen erzählt, die es nach dem Krieg schwer traf, als sie verwitwet in der DDR von einer kargen Rente leben musste. Meine Mutter schwärmte wieder einmal von dem schönen Leben in Pommern und Lenchens Ausflügen ins mondäne Berlin. Da wurde es Lucie zu bunt. Es war das einzige Mal, dass ich sie, eine bescheidene, liebe, zurückhaltene Frau, der Inbegriff von Freundlichkeit, einmal wütend erlebte. Mitten im Märchen fragte sie knapp: „Du weißt schon, warum Lenchen immer nach Berlin kam?“ Meine Mutter wusste es wirklich nicht. Lucie klärte sie über ihre Lieblingstante auf: „Jedesmal kam sie nach Berlin, um ein Kind wegmachen zu lassen!“ So sah damals die Geburtenkontrolle der Reichen aus… – Eine herbe Wahrheit, die mein zutiefst katholisches Elternhaus schwer traf.

Konsens der Erinnerungen

Soweit meine Erinnerung an Erinnerungen an früher. Wie unverlässlich so etwas ist, wird einem klar, wenn man den Artikel „The Forgetting Pill“ in der März-Ausgabe des WIRED (US) liest. Allein der biochemische Akt der Abspeicherung von Erinnerungen in den verschiedenen Gehirnregionen, der dort griffig beschrieben wird (im 2. Teil der Web-Ausgabe,) macht klar, wie fragil solch eine Speichermethode ist. Das gilt vor allem dann, wenn man in emotional aufgewühltem Zustand Erinnerungen abruft. Das ist unausweichlich, wenn man sich an ein traumatisierendes Erlebnis erinnert. So mussten Wissenschaftler feststellen, dass sich die Erinnerungen etwa an den Terroranschlag des 11.September innerhalb eines Jahres bei knapp der Hälfte der befragten Tatzeugen völlig verändert hatte.

Soviel zur Verlässlichkeit von Erinnerungen. Sie sind nichts anderes als eine synthetische Illusion in Realtime, die einem vertraut vorkommt. Manchmal wohl auch zurecht. Aber entsprechend spannend wird es, wenn sich eine Gruppe Menschen erinnert. Dann kommt es darauf an, gemeinschaftlich einen Konsens über die jeweils subjektiven Erinnerungen herzustellen. Das geht in der Familie noch ganz gut, da wird patriarchalisch oder matriarchalisch – je nach den jeweils bestehenden Machtverhältnissen – bestimmt, welche Erinnerung die richtige, bzw. die genehmste ist. Was im Fall von Tante Lenchen damals dann aber in Anbetracht der moralischen Abgründe nicht funktionieren wollte. Meiner Mutter blieb als letzte Rettung ein verzweifeltes: „Das glaube ich nicht!“

Unerwünschte Erinnerungen

Negative, schreckliche Erinnerungen, das sind Traumata. In dem WIRED-Artikel geht es darum, wie man ein Trauma wirkungsvoll bekämpfen kann – und zumindest lindern kann. Der Trick erfolgreicher Trauma-Therapien, ob psychologisch oder pharmakologisch, ist es, das Erlebte in einer neutralen oder positiven emotionalen Stimmung noch einmal aufzuarbeiten. Denn unser Gehirn rekonstruiert die Erinnerung jeweils in Echtzeit und lässt sich dabei von der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Gemütszustand „manipulieren“. Je positiver das Ambiente, desto positiver oder mindestens wertfreier wird die Erinnerung – und so neu bewertet abgespeichert.

Fragt sich, ob das nicht auch für profanere Erinnerungen gilt: je positiver das Ambiente, desto besser und positiver die Erinnerung. Ein sehr überraschendes Beispiel hierfür präsentierte der amerikanische Jongleur und Comedian Chris Bliss in seinem Vortrag auf TED.com: „Comedy is translation“. Er zitiert eine Untersuchung, in der konstatiert wird, dass Zuschauer der Comedy-Show „The Daily Show“ von John Stewart, die das Vorbild unserer „heute-Show“ ist, weitaus besser informiert sind als das Publikum der etablierten Newsmedien. – Das sagt auch etwas über die Qualität der Newsmedien in den USA aus. Vor allem aber scheint es darauf hinzuweisen, dass Inhalte und Informationen besser und nachhaltiger rezipiert und abgespeichert werden, wenn sie in der heiteren, entspannten Atmosphäre einer Comedy-Show konsumiert werden und nicht im Stress eines Krisen- und Katastrophen-Mix einer normalen News-Sendung.

Notorischer Negativ-Hysterismus

Das sagt viel über den in den Newsmedien weit verbreiteten Katastrophismus und notorischen Negativ-Hysterismus aus. Je mehr Negatives an den Haaren herbeigezogen wird und je mehr übertourig und tumb eindimensional  berichtet wird, desto weniger finden die Inhalte Eingang in die Erinnerungs-Sphären des Gehirns. Oder umgekehrt: Je relaxter und amüsierter man sich fühlt, desto eher werden Inhalte dauerhaft abgespeichert – und finden von dort ihren Weg ins Unterbewusste und in die Sphären der Reflexion.

Und damit ist die Aufgabenstellung einer zeitgemäßen Berichterstattung vorgezeichnet, will sie erfolgreich sein. Und dasselbe gilt für das Marketing der Zukunft. Es geht darum, seine Botschaften authentisch und positiv zu gestalten, vor allem dann aber sie in einem positiven, heiteren Umfeld zu lancieren. Das funktioniert nicht im sozial dysfunktionalen Umfeld eines TV-Nachmittags, nicht im negativen Umfeld von Sozial-Pornos, nicht in der Hektik von Action und Totschlag. Das funktioniert aber wunderbar im milde empathischen, leise ironischen Umfeld der Social Media. Das funktioniert prima in der konzentrierten Rezeption von Online-Media. Hier lässt sich das Marketing der Zukunft erfolgreich positiv gestalten: Positive Traumata, die tief in unserer Erinnerung abgespeichert sind und gerne abgerufen werden, müssen geweckt werden.

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