Ich war nicht da, aber mein Handy

Die mit Sicherheit bislang effektivste Erfindung, um Zeit zu vernichten, ist das Smartphone. Und mit jeder neuen Gerätegeneration erweitert sich das Arsenal an Optionen. Den frappierenden Beweis für diese These trat jetzt ein etabliertes New Yorker Restaurant an, dokumentiert auf Craiglist. Das Restaurant wollte wissen, warum die Beschwerden und negativen Rezensionen im Internet kontinuierlich zunahmen. Beklagt wurde vor allem der langsame Service des Hauses. Und das, obwohl das Restaurant nach den ersten Beschwerden das Personal aufgestockt hatte. Ein Berater, der das Problem klären wollte, kam auf die Idee, den Serviceablauf anhand der Aufnahmen der Überwachungskameras im Restaurant gegenüber früher zu analysieren.

HandyMit Glück wurde noch ein Band gefunden, das in einem zehn Jahre ausrangierten System vergessen worden war. Das Ergebnis des Vergleichs der Aufnahmen aus dem Jahr 2004 mit dem von 2014 war eindeutig. 2004 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in dem Restaurant eine gute Stunde. In der Zeit waren die Bestellung aufgenommen, die Getränke und das Essen serviert – und es war abkassiert. (In den USA ist es ja üblich, möglichst schnell aus einem Restaurant heraus komplimentiert zu werden.) Und wichtig: Es gab nur ganz wenige Reklamationen.

Die digitale Enteffizientier-Maschine

Ganz anders im Jahr 2014. Jetzt dauerte derselbe Prozess fast zwei Stunden. Und schuld waren vor allem iPhone & Co. Das ging schon los beim Bestellen. Bis die Speisekarte überhaupt in die Hand genommen wurde, dauerte es ewig lange. Zu viel war zuvor am Handy zu erledigen. Und natürlich musste das Personal helfen, wie man ins hauseigene WLAN hinein kam. Erst nach mehrmaligem Mahnen wurde die Speisekarte zur Hand genommen, und natürlich wurde sie gerne auch mit dem Handy abfotografiert.

Wenn das Essen endlich auf den Tisch kam, wurde es ausführlich fotografiert, per Facebook etc. versendet – und auch gegenseitig wurden munter Menschen mit ihrem Essen fotografiert. . Dieser Prozess dauerte oft so lang, dass das Essen kalt geworden war – und Reklamation! – zum Aufwärmen zurück in die Küche gehen musste. Als besonders zeitraubend erwies sich zudem die weit verbreitete Gewohnheit, sich vom Servicepersonal gemeinsam beim Essen fotografieren zu lassen. Natürlich nicht nur einmal, denn oft ist das schönste Bild erst das dritte.

Little brother ist immer dabei

Und auch das Essen selbst dauerte länger, weil auch da immer wieder Wichtiges dazwischen kam, was per Smartphone zu erledigen war. Ebenso langsam ging es mit dem Abkassieren voran, weil immer wieder von unaufschiebbarer Handykommunikation unterbrochen. Selbst beim Verlassen des Restaurants waren iPhone & Co. hinderlich. Immer wieder rannten Gäste in andere Menschen, auch in Essen servierende Kellner, weil sie auf ihre Minibildschirme starrten und darüber die Welt um sich herum vergaßen.

Mich irritiert seit Jahren die um sich greifende Manie, überall und jedes per Handy aufzuzeichnen – und im besten Fall mit seinen Freunden zu teilen. Das führt längst dazu, dass bei Konzerten kaum mehr jemand registriert, was auf der Bühne passiert, weil jeder sein Handy hoch hält und vollauf damit beschäftigt ist ein brauchbares, nicht allzu verwackeltes Bild aufzunehmen. Längst sieht man keine Zuseher und Zuhörer mehr, sondern nur ein Meer bunt flimmernder Smartphone-Bildschirme. „Little brother“, wie die freiwillige Selbstüberwachung von Menschen durch Seinesgleichen gerne ironisch definiert wird, sieht alles – und ist immer und überall dabei.

Ällabätsch-Effekt & Minimal-Empathie

Was treibt die Menschen an, Restaurant-Essen oder Konzerterlebnisse manisch als Foto oder Video festzuhalten? Weil das die Ausnahmesituationen in ihrem Leben sind. Das sind Live-Erlebnisse, die – endlich – einmal nicht aus der Retorte digitaler Speicher oder abgestandener TV-Bilder stammen, sondern leibhaftig und unique sind. Und weil solche Momente in einem schick durchgetakteten Leben so selten (geworden) sind, werden sie unbeirrbar mit anderen digital geteilt. Das ist im optimalen Fall nett und schön, bisweilen kommt dabei aber auch ein deutlicher Ällabätsch-Appeal mit rüber. „Schade, dass du da nicht dabei sein kannst!“

Die Dokumentitis per Smartphone-Kamera aber hat meiner Meinung nach vor allem andere Gründe, die in unserer Gehirnfunktionsweise begründet sind. Ein schön drapiertes und im besten Fall schmackhaftes Essen ist sicher ein Vergnügen, mal die geeigneten Geschmacksknospen im Mund vorausgesetzt – und deren Training. Das Gehirn belohnt solchen Genuss im besten Fall auch durch Ausschüttung von Glückshormonen. Aber dieses Erlebnis ist einmalig, nur sehr kurzlebig und vor allem sehr privat. Wenn man aber Bilder von dem Essen, vom Event und dem Drumherum in Social Media postet, kann man dieses Erlebnis um den Faktor X steigern. (X = Zahl der zu Minimal-Empathie befähigten Freunde.)

Wir Dopamin-Addicts

Denn mit jedem „Like“, das unser Posting von Essen, Speisekarte und Restaurant erntet, erfolgt eine neuerliche Ausschüttung von Dopamin. Das ist wissenschaftlich mehrfach nachgewiesen. Die Dosis an Dopamin ist dabei jeweils gering, aber die andauernde Beflutung unserer Gehirnregionen bei allen Glücksmomenten (und seien es winzige empathische Erlebnisse wie ein „Like“) hat uns längst zu Dopaminsüchtigen gemacht. Wir tun alles, um nur die nächste Dosis sicher zustellen. Daher posten wir notorisch, was nur irgendeine Chance birgt, „Likes“ zu ernten.

Eine sehr gute Wahrscheinlichkeit, „Likes“ zu ernten besteht, wenn wir von einmaligen, nicht wiederkehrenden Events berichten. Also von Events, Konzerten, Sportereignissen – oder auch Restaurantbesuchen. Deswegen ist da die Nutzung von Handys zur Dokumentation so hoch. – Vielleicht gibt es aber auch einen zweiten Grund. In flüchtigen Zeiten wie diesen (s.a. Liquid Modernity: „Das Ende der Zukunft“ hier im Blog vom April 2013), in denen jede Gewissheit, jede Substanzialität immer wieder in Sekundenschnelle zerstäubt, will man womöglich Dinge auf digitale Weise festhalten. Für alle Fälle. Dem eigenen Gedächtnis vertraut man da anscheinend immer weniger. Dabei schönt letzteres Ereignisse im Nachhinein, die digitalen Speicher jedoch banalisieren sie. Darum schaut auch niemand die Aufzeichnungen noch oft an.

Die Rationalisierung von Emotionen

Aber schließlich will nicht nur unser Reptiliengehirn, das in Glücksmomenten Dopamin ausschüttet, bedient werden. Auch unsere Ratio, das offizielle Rechtfertigungsorgan, will gepampert werden. Dieses ist, wie die Neurowissenschaft herausgefunden hat, vor allem damit beschäftigt, die Entscheidungen unseres Reaktionsgehirns im Nachhinein zu legitimieren und „vernünftig“ erscheinen zu lassen. Und dieser Ratio-Teil ist natürlich voll besänftigt, wenn wir reale Nachweise solcher Events mit nach Hause tragen.

Aus dem einstigen Ich-denke-also-bin-ich  ist nun ein profanes Ich-habe-es-gefilmt-also-hat-es-stattgefunden geworden. Die logische Konsequenz dazu habe ich auf einer Bahnfahrt durch das Postkartenidyll der Schweiz erlebt. Neben mir eine asiatische Familie mit Sohn Bibi, etwa vier Jahre alt. Er langweilte sich und stresste ausgiebig seine Eltern. Er sah nie aus dem Fenster, egal wie schön sich die Schweiz präsentierte. Reality sucks. Aber alle halbe Stunden sah er sich mit Interesse die Aufnahmen an, die seine Mutter während der Fahrt aus dem Fenster mit ihrem Handy geschossen hat: die Schweiz als digitales Abbild. Das war dann interessant. Die neue digitale Wirklichkeit.

 

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Mobile Zigaretten

29. April 2010


Sind unsere Mobiltelefone die neuen Zigaretten?  

So kann man eine Überschrift auch missverstehen. Kreativ sozusagen. Ich fand den Link auf den Artikel im Newser gleich interessant: „Cell Phones Are the New Cigarettes“. (Danke Andrian!) Der Artikel geht darum, dass es warnende Stimmen von Wissenschaftlern gibt, die die Unbekümmertheit gegenüber der Strahlenbelastung von Mobiltelefonen mit der Wurstigkeit gegenüber der Schädlichkeit von Zigaretten, wie sie in den 60er-Jahren herrschte, vergleicht.  

Franz Josef Strauß - mit Zigarre - im Interview mit Günter Gaus

 

Meine erste Assoziation zu dieser These: Die Erinnerung an Einladungen bei uns zuhause im Münchner Vorort-Reihenhaus, in dem das kleine Wohnzimmer nach dem Essen binnen Minuten in dichten Dampf aus Zigaretten und Zigarren vernebelt war. Und natürlich die Erinnerung an die von meinem Vater sorgsam und mythisch aufgeladene zelebrierte Genuss-Inszenierung, wenn er abends seine geliebte Zigarre an seinem Platz unter der Stehlampe anzündete. Wohlgemerkt rauchte er strikt nur eine Zigarette (orientalisch, ohne Filter) und eine Zigarre am Tag, die Karwoche ausgenommen. Am Abend des Karsamstags folgte dann die intensivste Genuss-Feier.  

Schweißtreibende Zigarren  

Die nächste, nicht mehr so private Erinnerung: die berühmten Interviews von Günter Gaus mit den großen Politikern jener Zeit. In der dunklen, dramatischen Schwarz-Weiß-Atmosphäre damals zogen stets Rauchschwaden Kringel und Kreise und untermalten so die Bedeutungsschwere der Situation.  

Berühmt wurde dann das Interview von Gaus mit Franz Josef Strauß, in dem er – ganz à la Ludwig Erhard – sich an einer Zigarre abarbeitete und darüber – und natürlich durch die inquisitorischen Fragen von Gaus – grandios ins Schwitzen kam. Da erregte sich mein Vater schwer, dass da sein Held Franz Josef so in die Mangel genommen wurde. Er verpaffte da so manche Chance, es als seriöser Politiker vielleicht bis zum Kanzler zu schaffen.  

Die Gestik des Rauchens  

Das Rauchen war hier eine Inszenierung (die im Falle FJS schief ging) und eine wunderbare Möglichkeit, seine eigene Nervosität in den Griff zu bekommen – und auch Momente der Langeweile zu überbrücken. Vielleicht sollte man sich bei der Diskussion über das Suchtverhalten beim Rauchen nicht immer nur auf das  Nikotin und andere Suchtstoffe beschränken, die die Zigarettenindustrie ganz bewusst ihren Mischungen hinzufügte. Auch die Tatsache, in vielen Situationen des Lebens nichts mit unseren Arme und Hände anfangen zu können, haben sicher viele Zigaretten aus schierer Übersprungshandlung zum Glimmen gebracht.  

So steil die These klingen mag, so habe ich dafür eine kuriose „Beweisquelle“. Alexeij Sagerer, einer der mutigsten, querköpfigsten, unkonventionellsten und kreativsten Theatermacher Münchens, war einst einer der gnadenlosesten Kettenraucher, die ich je erlebt habe. Aber von einem Tag auf den anderen war er Nichtraucher. Wie das gehen konnte? Seine Erklärung war eben so simpel wie einleuchtend (und wirksam): „Ich habe das Rauchen aus meiner Gestik herausgenommen.“  

Das nur mal so als Tipp für alle Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Statt Therapien und Nikotinpflaster: vielleicht sollten sie mal einfach ein paar Tage lang das Eigenleben – und das Suchtverhalten – ihrer Hände beobachten, analysieren – und therapieren. Vielleicht gelingt ihnen ja so, das Rauchen aus der Gestik zu streichen – auch wenn sie keine Schauspieler sind und nicht gewöhnt sind, Gestik bewusst einzusetzen.  

Zünden wir uns ein Handy an?  

Nachweislich haben es in den letzten Jahren ganz viele Menschen geschafft, wieder Nichtraucher zu werden. (Ich ja auch.) Und vielleicht auch gar nicht, weil es den Rauchern immer schwerer gemacht wird, ihrem Laster zu frönen, oder weil wir eine Wellness-Gesellschaft samt dem damit verbundenen Gesundheits-Appeal (Appell?) geworden sind. Sondern ganz einfach, weil unsere Hände ein wunderschönes Spielzeug bekommen haben, mit dem sich überflüssige Bewegungsenergie wunderbar kanalisieren lässt: das Handy.  

Ein Blick in die Alltagswelt: Zu den Gelegenheiten, in denen das Aktivitäts-Momentum kurz abreißt, da hat man sich früher eine angezündet. Heute nimmt man in diesen Momenten flugs das Handy zur Hand und telefoniert, simst, checkt Mails, twittert oder fummelt sich von App zu App. So lässt sich lästige Alltagslangeweile „sinnvoll“ überbrücken. Und so lassen sich auch Rekreationspausen und Auszeiten glaubhaft legitimieren, so wie früher mit der kurzen Zigarette zwischendurch.  

Strahlen statt Rauch 

So gesehen hat der Artikel recht: Mobiltelefone sind wirklich unsere neuen Zigaretten. Und statt beißendem Rauch geben sie Strahlen ab. Die aber riechen wenigstens nicht und keiner muss einst wie meine Mutter nach jedem großen Fest mühevoll und mit großem Protestgetöse rauchgeschwängerte Gardinen waschen.  

Und, ach ja, in Bayern steht ja jetzt bald der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz an. Wo alle Rauchgegner für „Ja“, und alle Raucher mit „Nein“ stimmen müssen. (Wie absurd!) Da steht uns ein heißer Sommer mit erbitterten Streitereien bevor. Ein Riss quer durch die Gesellschaft.  (Kein Scherz.) Aber lieber bei solch einem Thema, als bei einem ernsteren! Und um es klar zu machen: Ich bin für einen konsequenten Nichtraucherschutz. – Wir haben ja unsere Handys!

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