Die hermetische Gesellschaft

1. November 2015


Wir müssen entscheiden, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen

Ich frage mich, wie soll unsere Welt aussehen, wenn wir überall von Zäunen und Mauern umgeben sind? Wie stellen sich Politiker unseren Alltag vor, wenn sie uns -. oder sich? – gegen Flüchtlingsströme abschotten wollen? Wie soll unsere Gesellschaft funktionieren, wenn es wieder bewachte und kontrollierte Grenzen gibt? Mit graust bei der Vorstellung solch einer sich hermetisch nach außen abschließenden Gesellschaft.

Broken Glass Security

Der erste Denkfehler ist doch hier, dass irgendwann die Flüchtlingsströme abreißen werden und wieder „Normalität“ einkehren wird. Das wird sie nicht. Das weiß jeder halbwegs intelligente Politiker. Wir haben alles dafür getan, dass wir ein Jahrhundert, wenn nicht ein Jahrtausend der Migration erleben werden. Wir haben Konflikte geschürt und Waffen geliefert. Wir haben unseren Wohlstand auf Kosten der Dritten Welt (und auch der Zweiten Welt) angesammelt. Wir haben politische Dummheiten zugelassen – und wirtschaftliche Desaster dazu.

Vertreibung durch Krieg und Klima

Das Ergebnis sind Menschen, die vor Kriegen, Stammesfehden und/oder religiöser oder ethnischer Verfolgung fliehen. Aus Syrien, aus Afrika, aus dem Nahen Osten. Wir haben Personal in Afghanistan angeheuert, das heute vor der tödlichen Rache der Taliban zu uns flüchten. Wir haben es versäumt, schwachen Wirtschaften ausreichend Chancen zum Wachstum zu geben. Kein Wunder, dass diese Menschen bei uns Sicherheit und Prosperität suchen.

Und wir haben nicht genug Druck ausgeübt, dass endlich wirksam der Klimawandel eingebremst wird. Absehbar ist, dass bald aus all den dicht bevölkerten meeresnahen Landstrichen, die nicht reich genug sind, wirksame Deiche zu bauen, bei steigendem Meeresspiegel die Menschen fliehen werden müssen. Weite Teile von Afrika und des Nahen Ostens werden absehbar bald zu heiß für menschliches Leben abseits von Klimaanlagen sein.

Migrationsdruck durch Masse

Und schon jetzt wissen wir, dass in Zentralafrika die Bevölkerung rapide zunehmen wird. Die zusätzlichen 4 Milliarden Menschen, die im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu den bestehenden 7,5 Milliarden hinzukommen, werden in Afrika geboren. Welch massiver Migrationsdruck wird hier schon durch die schiere Masse von Menschen entstehen?

Alle diese Probleme sind real existent. Daran kann man erst mal wenig ändern, kurzfristig und mittelfristig am wenigsten. Aber mit den daraus resultierenden Folgen müssen wir umzugehen lernen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir uns um Flüchtlinge kümmern müssen. Das muss weltweit geschehen, wenn wir nicht wollen, dass sie bald vor unserer Haustüre stehen. Und wenn sie dort stehen, müssen wir Wege und Prozesse finden, damit umzugehen. Fair, vernünftig und effektiv.

Spiel ohne Grenzen

Was für eine Illusion, diese Probleme mit Mauern und Zäunen eindämmen zu wollen. Wie wenig wirksam das funktioniert, kann man ja an der Grenze der USA zu Mexiko beobachten. Und Europa hat unendlich lange Grenzen und unendlich lange Küstenlinien: 66.000 Kilometer. Und wenn es doch versucht würde: Wer will die Verantwortung für die Menschenleben übernehmen, die eine Abschottung mit Grenzwällen und (schießendem?) Grenzpersonal selbstverständlich kosten würde. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die nicht bis ins Mark bei Bildern von toten Kindern erschrickt.

Die Vorstellung, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die sich hinter Mauern und Zäunen vor dem Ansturm von Verfolgten und Wohlstandssuchenden verschanzt, treibt mich am meisten um. Wir können ja beobachten, was der Abschied von der Idee, ein Einwanderungsland zu sein, aus den USA die letzten Jahrzehnte gemacht hat. Wir sehen, wie ein weltoffenes Land wie Israel, das hermetisch von seinen Nachbarn abgeschottet ist und unablässig neue Mauern zu den Palästinensern baut, sich gesellschaftlich verhärtet hat.

Exportgut Offenheit und Kultur

Ich habe dieses Jahr in China erlebt, wie egozentrisch und selbstvergessen ein Land funktioniert, dass so gut wie keine Fremdeinflüsse zulässt. So gern gesehen Ideen von außen sind, so wenig möchte man sein Land Fremden öffnen. Mit der Folge, dass zu wenig eigene Ideen entwickelt werden, dass Innovation, Kultur und Lösungskompetenz von anderswo her importiert wird. Wo man hinsieht, westliche Marken, wo man hinhört, westliche Musik.

Importiert werden Marken, Kultur und Innovation gerade auch aus Europa: diesem Schmelztiegel aus Kulturen, Sprachen, Denkweisen, Trends und Völkern. Dieser Schmelztiegel funktioniert aber nur mit offenen Grenzen und nicht als Gated Community. Austausch funktioniert nur mit einer Kultur des Vertrauens und nicht mit einer der Angst vor allem Fremdem und voller Misstrauen. Wir brauchen aber gerade Zutrauen und Selbstbewusstsein, um wirksam in den Austausch mit anderen Denkweisen und Kulturen gehen zu können, ohne Schaden zu nehmen.

Beschränktheit durch Mauern

Zäune und Mauern schaffen nur eine vermeintliche Sicherheit. Sie produzieren aber verlässlich Begrenztheit, Klaustrophobie, Angst und Beschränktheit. Wer einmal durch eine Stadt in Apulien spaziert ist zwischen lauter mit Flaschenscherben bewehrten hohen Mauern, der kennt die Beklemmung, die solch Bauwerke auslösen. Nach außen wie nach innen. Wie frei, beschwingt und glücklich bewegt man sich in Gegenden mit angedeuteten Zäunchen oder unbewehrten Gärten, in denen ein frei stehendes Gartentor allem Sicherheitswahn Hohn spricht.

Mir wird physisch unwohl, wenn ich mir vorstelle, wie solch eine hermetisch abgeschlossene Gesellschaft aussehen müsste. Was sie aus uns machen würde. Wie man in solch einer von Misstrauen geprägten Alltagswelt miteinander umgehen würde. Es wäre eine ängstliche, „fürchterliche“ Welt, die von einem Gegeneinander statt einem Miteinander geprägt wäre.

Natürlich bekommt man solch eine offene Welt nicht gratis. Sie kostet Mut, sie kostet Selbstvertrauen – und auch Geduld und gute Nerven. Unser Auto ist gerade die Tage in Italien aufgebrochen worden, Papiere, Handy und Geld sind weg. Unangenehm und nervig in der Wiederbeschaffung. Aber kein Grund panisch oder sauer zu werden. Nur vielleicht ein wenig umsichtiger.

Blauäugig und effektiv

Die Diebe, das waren Menschen, die Geld brauchten. Davon werden wir in Zukunft viele erleben, speziell wenn wir unsere Grenzen offen lassen. Ich halte es aber für besser, auch gerade ihnen eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens zu offerieren. Wer eine Gesellschaft der Freiheit, Offenheit und des Vertrauens einmal kennen gelernt und genossen hat, wird vielleicht gerne mithelfen, sie zu verteidigen.

Vertrauenskultur: Nationen mit viel Vertrauen in andere.

Vertrauenskultur: Nationen mit viel Vertrauen in andere.

Das kann man blauäugig nennen. Oder als Gutmenschentum verurteilen. Mit geht es da auch gar nicht um Moral. Ich glaube einfach, dass Offenheit die effektivere Art der Sicherheit ist. Ich denke, dass sie die einzige Option ist, die Welt, die wir lieb gewonnen haben, in großen Zügen zu bewahren. Eine hermetische Gesellschaft, die sich luftdicht von der schlimmen Welt außen herum abdichtet, wird daran schlicht ersticken.

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