Gänsehaut-Feeling

4. Oktober 2010


Warum nur haben wir das Staunen verlernt?

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich bei Microsoft in Deutschland anfing. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Alles war so anders, so großzügiger, so arbeitnehmerfreundlich. So hatte ich es in den vielen Jahren bei Medien nie kennengelernt. Nur die Mittagskantine bei Scholz & Friends in Hamburg war stylischer und das Essensangebot noch ein bisschen besser. Aber hier: eine Kantine mit allem, was das Herz (nein, der Magen) begehrt. Von ungesund und fettig (Pommes) bis zu Bio-Gemüse und Gesund-Qualität war alles geboten. Und dazu schöne Cafeterias und Kaffeeküchen mit einem breiten Angebot an Gratisgetränken – und ein breites Angebot an Sportmöglichkeiten.

Wir alle, die neu zu Microsoft gekommen waren, um Sidewalk in Deutschland zu launchen (na ja, war dann nix), waren beeindruckt und begeistert. Aber kam man ins Gespräch mit Alteingesessenen, dann wurde nur genörgelt und geschimpft. Haupt-Tenor: Früher war alles besser! Es ist faszinierend, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt und aus der Gewöhnung heraus dann auch kontinuierlich abwertet. Die Gewöhnung ist der Feind jeder Begeisterung, jeden Staunens. Wir sind wirklich gut darin, uns flugs an ein hohes Niveau zu gewöhnen und dies ab sofort als neuen Normalfall zu eichen. Und ab da an kann es fast nur noch bergab gehe…

Unsere Unfähigkeit, über schöne Dinge zu Staunen und sich darüber von Herzen zu freuen, hat der amerikanische Autor und Comedian Louis C.K. (bürgerlich: Szeleey) in seinem Interview bei der Late Night Show perfekt analysiert. Er bringt den Saal vor Lachen zum Kochen (und schaffte bislang über 2 Millionen Abrufe bei YouTube), indem er daran erinnert, was früher der Normalfall war, und welchen Komfort man heute – nörgelnd – für selbstverständlich hält. Beispiel Flugzeug. Tatsache ist: „You’re sitting in a chair, flying!“ Wer schafft es noch, so zu denken. So real – und staunend wie ein Kind?

Positive Verdrängung

Unsere segensreiche Fähigkeit, unangenehme Dinge möglichst schnell verdrängen zu können und zugunsten schönerer Erinnerungen auszutauschen, funktioniert leider auch  recht gut, um auch schöne und spektakuläre Dinge der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Diese Verdrängungsleistung lässt uns immer neue Höhen technischen Fortschritts und hilfreicher Dienstbarkeiten erklimmen – aber ohne positive Wirkung auf unser Seelenkostüm.

Um noch über Selbstverständliches staunen zu können, muss man sich gut in die Vergangenheit und deren Banalitäten zurückerinnern können. Man muss zugleich sensibel für die Alltagswunder sein, die uns eine technische Wunderwelt seit Jahrzehnten zur Verfügung stellt. Weil wir uns aber – natürlich auf ganz hohem Niveau – im täglichen Klein-Klein verheddern und über so viele kleine und große Unzulänglichkeiten aufregen können, geht uns das Staunen über die großen Schritte verloren. Fazit von Louis C.K.: „Everything is amazing and nobody is happy!“

Arsenal des Staunens

Was gibt es nicht alles, worüber wir eigentlich noch immer staunen müssten? Ich freue mich noch immer über den grünen Klee, wenn ich an den alten Grenzstationen – etwa Kiefersfelden und am Brenner – einfach vorbei fahre. Wieviel Zeit ist mir da im Stau gestohlen worden. Oder auf der Fahrt nach Berlin: Da überkommt mich an den Orten, wo einst die Grenzkontrollen standen, noch immer eine Gänsehaut. Dieser Psychoterror, der da zuverlässig geliefert wurde – von Menschen, die heute meine Mitbürger sind.

Oder wie einfach es geht, einen Artikel wie diesen öffentlich zu machen. Ganz ohne jedes Problem. Ohne Chefredakteur, ohne Produktioner, ohne Drucker, ohne Auslieferung – und gratis!  (Nur eine Schlussredakteurin gibt es – sehr zum Wohle meiner Rechtschreibung: Heidi Rauch.) Und ebenso einfach ist es, solch einen Artikel zu lesen – und überhaupt zu finden. Wenn man liest, mit welchen Stichworten Leser zu diesem Blog finden: wirklich phänomenal. Oder das Internet mit allen seinen Ausformungen nach nur 15 Jahren. Was für ein Wunder! Ich staune wirklich immer wieder ganz real, was sich da entwickelt hat. Inklusive wohligem Schauer.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ – Ich kann nicht nur staunen, ich empfinde auch echt und wirklich Glück, über all die Veränderungen, die ich in meiner Lebensspanne erleben durfte: Inzwischen 65 Jahre Frieden in Europa. 55 Jahre Wohlstand in Deutschland und rundherum. Permanent steigende Lebenserwartungen. Ein entsprechend hoher Gesundheitszustand inklusive wahrer Wundertaten der Medizin. Und was wir heute alles genießen dürfen, kulturell, kulinarisch, musikalisch, intellektuell, einfach so, nach jedem Gusto und meist frei Haus!

Die Kraft der positiven Veränderung

Das alles ist kein Grund, nicht die negativen Effekte zu sehen. Es ist kein Grund, Missstände nicht laut anklagen zu dürfen. Und keine Frage, es gibt noch mehr als genug, was dringend geändert und verbessert gehört. Aber ich habe den schweren Verdacht, diese nötigen Veränderungen sind leichter anzugehen und zu meistern, wenn man sich bewusst macht, was möglich ist und was schon alles geschafft worden ist. Und ich vermute, mit dem Glücksgefühl, was schon alles geschafft worden ist, lassen sich die anstehenden Aufgaben besser angehen – und der Spirit der Innovation nährt sich besser aus Erfolgen als aus Mutlosigkeit und Depression.

„Everything is amazing and nobody is happy!“ Glücklich zu sein, einfach so, das ist uns in unseren Breiten- & Längengraden hochgradig verdächtig. Glück will sauer verdient sein. Glück muss vorzugsweise mit einem gerüttelt Maß Ärger, Frust und am besten auch noch Depression erarbeitet werden. Sich einfach so zu freuen über all das, was schon erreicht ist, was unseren Alltag einfacher und schöner macht, was für eine irritierende Vorstellung…

Facebook auf Rezept

18. März 2010


Social Networks machen glücklich und kreativ

Und einmal mehr gefährdet das Internet den Fortbestand des Abendlandes. Diesmal sind Facebook, Twitter und all die anderen Social Networks schuld. Schweizer Banken sperren für ihre Mitarbeiter Facebook, weil es von der Arbeit ablenkt und Phishing Attacken möglich macht. (Daten nach Deutschland?) Die italienische Post hat den Facebook-Konsum ihrer Mitarbeiter auf eine Stunde pro Arbeitstag rationiert, aufgeteilt in sechs Etappen à 10 Minuten.  In der Hälfte der US-amerikanischen Firmen sind Twitter und Facebook komplett tabu, weil angeblich arbeitseffektivitätshinderlich, 1,5 Prozent der wirtschaftlichen Produktivität der USA soll Facebook allein vernichten. In Großbritannien soll die Wirtschaft jährlich um 1,83 Milliarden £ durch Social Media geschädigt werden.

Tony Hsieh

Oh Herr, lass digitales Verständnis auf die Ungläubigen regnen! Oder vielleicht tun es auch folgende drei authentischen Exempel neuer digitaler Kultur:

A) Facebook & Co. schädigen die Wirtschaft nicht, sondern sie feuern sie an. Gerade durch die kurzen Social-Snacks, die sich die User an den Bürocomputern gönnen. WIRED weist in seiner aktuellen Ausgabe nach, wie wichtig solch kleine Pausen bei der Arbeit für das menschliche Gehirn sind. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, kontinuierlich wie am Fließband zu arbeiten, schon gar nicht bei kreativer Arbeit. Der menschliche Geist braucht Ablenkung, um ein Problem oder eine Arbeit immer wieder neu und/oder von einem anderen Blickwinkel anzugehen. Das weisen die Autoren des Buches „Creativity and the Mind“ (Perseus Books) nach.

Facebook macht glücklich

B) Besuche bei Facebook, Twitter und Konsorten sind dabei mental sehr ereignisreiche Erholungspausen. Der amerikanische Neurowissenschaftler Dr. Gary Small hat bei seinen Untersuchungen der Gehirnaktivitäten von Usern der Social Networks festgestellt, wie er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtet, dass bei Facebook-Newbies dieselbe Gehirnaktivität wie beim Lesen eines Buches festzustellen ist. Bei erfahrenen Nutzern aber war die sie mehr als doppelt so hoch. Hier explodiert das Gehirn nahezu. So gesehen dürfte die Arbeit nach solch einem Gehirntuning ja deutlich besser von der Hand gehen.

Außerdem sind Facebook-User glückliche Menschen. Dr. Small ängstigt sich, dass Facebook-User dopamin-abhängig werden, weil sie dank der Vernetzung mit ihren Freunden so viel des Glückshormons ausstoßen, dass es eine „nüchterne Verwendung solcher Dienste sehr schwierig macht“. (Wer will das auch schon.)

C) Das beeindruckendste Bekenntnis für Social Media und hier speziell für Twitter hat in einem ausführlichen Blogeintrag der CEO von Zappos, Tony Hsieh, formuliert, der seinen Online-Schuhhandel unter anderem mit seiner Social Media-Strategie extrem erfolgreich gemacht hat (und inzwischen teuer an Amazon verkauft hat). Unter der Headline „How Twitter Can Make You A Better (and Happier) Person“ führt er detailliert aus, wie ihn sein Blog und vor allem sein Twitteraccount glücklicher werden ließ und zu einem besseren Menschen gemacht hat. Eine überzeugend argumentierende Huldigung.

Twitter macht einen besseren Menschen

Vier wesentliche Benefits schildert er an schönen, oft witzigen Beispielen:
1. „Twitter macht mir immer wieder bewusst, wer ich und meine Firma sein wollen.“
Es lässt ihn bewusster Leben, so als sei permanent eine Kamera auf ihn gerichtet. Seitdem ist er freundlicher zu seinem Umfeld und offener und positiver in der Bewertung fremder Menschen.
2. „Twitter lässt mich den Alltag in witzigerer und positiverer Weise sehen.“
Hsieh kann inzwischen in nervigen Situationen die komischen Elemente entdecken und per Twitter als wahre Komödien inszenieren, etwa als er sich auf dem Balkon seines Hotels aussperrt und per Twitter Hilfe holt.
3. „Twitter lässt mich immer wieder darüber nachdenken, wie ich das Leben anderer besser machen kann.“
Statt narzisstischer Selbstbespiegelung will Hsieh in jedem seiner Tweets etwas Positives bewirken. Es machte ihn daher weniger Ich-bezogen und sensibler für die Probleme oder Anliegen anderer.
4. „Twitter lässt mich die kleinen Dinge im Leben bewusst wahrnehmen.“
Da Hsieh sich vorgenommen hatte, jeden Tag zu tweeten nahm er seine Umwelt viel aufmerksamer wahr und entdeckte so kuriose Szenen und Bilder, die er beschreibt oder fotografiert.

Merke: Facebook und Twitter machen glücklich – und noch dazu bessere Menschen aus uns. Nur falls mal der Chef Probleme macht, wenn man im Büro auf Facebook aktiv ist!

Emotionen in Bits & Bytes 2

25. Februar 2010


Gefühle in Social Media

Eine der schönsten Erfindungen in Facebook finde ich den „Like“-Button. Er ist so vielseitig nutzbar. Er kann alle Facetten von positiver Zustimmung ausdrücken. Von „Ich-habe-es-gelesen“ über „Jawoll!“ über „Ganz-meine-Meinung“ bis zu „Applaus-Applaus-Applaus“. Wäre Facebook eine Erfindung deutscher Medienmacher, wäre der „Like“-Button nie erfunden worden, sondern wohl eher ein „Finde-ich-doof“-Button. Dabei ist in komplexen, chaotischen Zeiten mit genug Kränkungen und Niederlagen im Alltag nichts wichtiger als solch schönes virtuelles Schulterklopfen.

Aus genau dem Grund finde ich die Facebook-Initiative, einen „Dislike“-Button einzuführen, völlig deplatziert. Abqualifikation ist so viel leichter als eine Affirmation. Speziell in Deutschland stellt man sich durch eine explizite Unterstützung einer Sache viel eher ins Abseits als durch eine knackige Abqualifizierung. Auffällig ist ja, wenn man die Nutzung deutscher User der Social Media ansieht, dass das aktive Posten von Inhalten im internationalen Vergleich eher unterentwickelt ist. Wo wir Deutschen gut im Social Net sind, das ist beim Kritisieren und Bewerten. Da sind wir im Vergleich weltführend.

Warum das so ist? Das mögen Psychologen herausfinden. Mir geht es, wenn es um Psychologie geht, um andere Dinge. Da bin ich Mihaly Csikszentmihalyi, dem populären Psychologen und Autoren von „Flow – The Psychology of Optimal Experience“, ewig für eine Neujustierung meines Denkens dankbar. (Anderen natürlich noch viel mehr!)

Ich hatte einst das Glück, als Chefredakteur von „Europe Online“ beim Publishers Dinner von Hubert Burda am Tisch gegenüber von Csikszentmihalyi platziert zu werden. Seine sympathisch brummelige Stimme erklärte mir seine Wandlung als Psychologe ganz einfach: „Irgendwann interessierte es mich nicht mehr, immer nur die schwierigen und gestörten Aspekte der menschlichen Psyche zu analysieren. Die menschliche Psyche hat doch so viele positive Aspekte. Irgendwann habe ich für mich beschlossen, mich nur noch diesen zu widmen.“ Diesem Paradigmenwechsel haben wir seine Bücher zum Glück und zur Kreativität zu verdanken.

Komplexe Gefühle per Mouseclick

Und genau darum sollte es auch bei erfolgreichen Social Media Networks gehen. Das ist das Feld gegenseitiger menschlicher Ermunterung, nicht der Ort, sich gegenseitig herunter zu ziehen. Daher meine Freude über den „Like“-Button. – Aber eigentlich ist das nicht genug.

Letzthin musste ich realisieren, dass einer meiner Freunde allzu oft seinen Heimatort – und seine Eltern besuchte. Da ging sichtlich ein Leben zu Ende, ein großer Abschied stand an. Eine Situation, in dem der „Like“-Button absolut fehl am Platz war. Aber allzu gerne wäre ich in dieser Situation mit einer kleinen Gest zur Seite gestanden. Ich weiß noch zu gut, wie hilfreich jedes noch so kleine Signal von  Unterstützung für mich war, als ich meine Mutter auf ihrem letzten Weg begleiten musste/durfte. Schön wäre ein „Ich-bin-bei-Dir“-, ein „Ich-denk-an-Dich“-Button. Oder wie sonst kann man so etwas ausdrücken? Die Standard-Tastatur unserer PCs versagt da mit geeigneten Symbolen. Und die eher kindischen Emoticons verbieten sich hier genauso. (Das einzige, was mir bislang dazu eingefallen wäre, ist: „[ ! ]“ im Kommentarfeld.)

Wie man kreativ die Statusmeldungen für andere als Ego-Zwecke „miss-„brauchen kann, zeigte die BH-Kampagne für Brustkrebsopfer. Nur war die Idee, lapidar die Farbe des aktuell getragenen BHs zu posten, dann doch etwas allzu intim und missverständlich. Ich freue mich auf alle Fälle auf alle kreativen Ideen, um in Statusmeldungen komplexere (positive!) Emotionen oder auch Solidar-Gesten geben zu können. Ob man kondolieren will oder trösten oder ermuntern. Oder man will Solidarität ausdrücken oder ein Charity-Projekt bewerben. Nicht immer trifft man da den richtigen Ton im SMS-Modus. Da gilt es, neue Ideen zu entwickeln, wie das mit kürzeren Signatur-Gesten möglich wäre.

Just press: Euphoric!

Mein größter Traum jedoch ist es, im Web auch immer wieder mal meiner Euphorie Ausdruck geben zu können, Euphorie mit anderen zu teilen – und mit ihr vielleicht auch andere anzustecken. Das kann mit begeisternden Texten, mit gelungenen kleinen Geschichten, mit einer persönlichen Botschaft per Video gelingen. Vielleicht aber auch ganz anders. – Wer den ersten funktionierenden Glücks- oder Euphorie-Server  im Internet gründet, der hat definitiv schon gewonnen. – Just press here: „Euphoric!“

%d Bloggern gefällt das: