Mutti hin, Mutti her

7. Juli 2013


Wofür steht Angela Merkel?

Kommt man im Ausland auf Angela Merkel zu sprechen, reibt man sich oft danach die Augen. Egal ob in den USA, in Frankreich, England oder Italien erlebt man – wohlgemerkt jenseits des Pressepöbels, der sie gerne in Naziuniformen steckt – viel Hochachtung für unsere Kanzlerin. Eine Frau, eine Physikerin, eine Ostdeutsche gar führt eine der wichtigsten Wirtschaftsnationen in dieser Welt. Boah ejjh! Da können sie anderswo mit ihren Juristen, Berufspolitikern und Karrierehengsten nicht mithalten. Also eine Hochachtung mit einem leisen Hauch von Neid.

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Die Unterschrift von Angela Merkel. Was wohl Graphologen daraus schließen mögen?

Also hält man inne und lässt sich das alles mal auf der Zunge zergehen. Stimmt ja. Eine Frau hat es geschafft, all die Wulffs, Stoibers, Schäubles oder Kochs auflaufen oder ins Leere laufen zu lassen. Von den ehrenwerten bis windigen Herren der SPD mal ganz zu schweigen. Eine Frau! – Aber was haben die Frauen davon??? – Es ist dann doch nicht so ganz falsch, wenn Kabarettisten Angela Merkel längst salopp zur „Mutti“ abgestempelt haben. Sie hat sich jenseits aller Geschlechter-Rollenmuster in eine Art Transgender-Kümmer-Rolle zurückgezogen.

Respekt und Neid für Merkel

Wir haben eine Kanzlerin, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Die den ganzen Wahnsinn des Kontrollstaates und der Planwirtschaft am eigenen Leib erlebt hat. Diese Vergangenheit ist dann auch einige nette Anekdoten wert, wie sie sich durch das System damals gemogelt hat. Und was hat Ostdeutschland davon? – Eher nichts. – Und was das Engagement für einen Staat angeht, der für informelle Selbstbestimmung und eine  starke Demokratie steht, da erlebt man gerade eine Wurstigkeit bei Angela Merkel, die nahezu gespenstisch ist.

Ja, und wir haben eine Kanzlerin, die promovierte Physikerin ist. Davon merkt man jenseits ihrer Fähigkeit, ihr missliebige politische Kräfte so auszutarieren, dass sie im Vakuum der Machtlosigkeit zerfallen, wenig. Weder stärkt sie den Wissenschafts-Standort Deutschland. Im Gegenteil, der scheint ihr ziemlich wurscht. Und für Bildung hat sie jenseits braver Sonntagsreden auch noch nie was getan. Geht sie nichts an, ist Ländersache. Und die Energiewende? Der Atomausstieg? Da hatte man mal kurz den Eindruck, einen Hauch von genuinem Interesse zu entdecken. Aber längst ist darüber wieder grauer Alltag eingekehrt.

Das Erschrecken vor der Alternativlosigkeit

Wofür, bitte steht dann Angela Merkel? Für wirtschaftliche Kompetenz sicher eher kaum. So käseweiß und sichtlich tief geschockt, wie sie an den Tagen nach dem Lehman-Debakel vor den Fernsehkameras ebenso brav wie krampfhaft versuchte, jeden Ansatz von Panik im Keim zu ersticken, durfte man annehmen, dass sie gerade einen Crash-Kurs (im Sinne des Wortes) in Sachen Finanzwelt (und seine tiefen Abgründe) durchmachte. Passend dazu ihr Mantra, das sie seitdem – sehr Physiker-untypisch – intoniert: ihre (Finanz-)Politik sei „alternativlos“.

Für Europa steht Angela Merkel auch nicht. Da scheint ihre Vergangenheit in der DDR-Diaspora besonders schwer durchzuschlagen. Man erlebt keinerlei Begeisterung für Europa, für seine Vielfalt, für seine kulturelle Kraft. Im Gegenteil, das scheint ihr eher zuwider, denn es macht ja nur Probleme. Und sie versteht, so scheint es, diese komischen Völkchen da unten im Süden auch nicht. Ihre notorischen Urlaube im Süden – ausgerechnet im kreuzspießigen Ischia – haben da leider keinerlei positive Effekte erzielt. Sie versteht die so andersartigen politischen, sozialen – und gar religösen – Kulturen, die dort noch herrschen, nicht. Sie versteht nicht Stolz und Lässigkeit und Lässlichkeit. Das ist nun aber auch wirklich der völlige Gegenentwurf zu einem mecklenburg-pommerschen Wesen.

Verzweiflung über die Konkurrenz

Was im Himmel treibt die Frau an? So vergnüglich ist ihr Leben als Kanzlerin nun wirklich nicht. Ist es Pflichterfüllung, Solidität? Ist es doch die Lust an Macht – gerne offiziell als Möglichkeit, politisch gestalten zu können, kaschiert. Oder ist es die schiere Verzweiflung darüber, dass wirklich jeder ihrer eitlen – männlichen – politischen Konkurrenten – ob in der eigenen Partei, beim Koalitionspartner oder bei roter oder grüner Opposition – so viel unbegabter, trottliger oder ich-verliebt ist, das sie nicht in einem Land leben will, dass von solchen Macht-Amateuren geführt wird.

Solch eine Verzweiflung ist gut nachzuvollziehen. Ist es ja die verbreitete Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung. Lieber eine Mutti, die für nichts steht außer, dass man zu wissen vermeint, wofür sie steht, als jeder andere Kandidat. Trittin? Steinbrück? Gabriel? – Ja es geht immer noch ein bisschen schlimmer. Wie der Einäugige gut und gerne der König der Blinden sein mag, so scheint Angela Merkel in der deutschen Politik „alternativlos“. Und so etwas nennt sich dann Bundestagswahl.

Allergie gegen Mutti-Attitüde

Auf der anderen Seite, was kann es Angenehmeres und Bequemeres geben, gegen solche Gegner in solch einem Themenvakuum so genannten Wahlkampf zu machen. Da muss Angela Merkel nur sorgfältig darauf achten, dass bei allen politischen Themen, die vielleicht ein wenig Sprengkraft entwickeln könnten, die Zündschnur sorgfältig feucht gehalten wird. Das ist nicht schwer, dafür reichen ein fulminantes Schweigen und notorisch nach unten gezogene Mundwinkel. Und im übrigen kann sie sich darauf verlassen, dass die Gegner sich gegenseitig selbst Beine stellen.

Mein Problem ist, dass ich mich mit solch einem Zombie von politischer Wirklichkeit nicht abfinden will. Ich gebe zu, dass, bei aller Liebe zu meiner Mutter Ursula Konitzer selig, ich seit meiner Kindheit eine ausgeprägte Allergie gegen jede Art von „Mutti-tum“ habe. Ich liebte die lustige und aktive Uschi in meiner Mutter. Ich genoss ihre Liebe als Mutter. Ich bewundere sie bis heute für ihre Reiselust und ihren Mut (Italien, Spanien und Marokko in den 50er-Jahren!). Und ich liebte besonders meine weiche, altersweise Mutter. Aber was ich nie verputzen konnte, war die lange Zeit ihrer Mutti-Attitüde. Damit verbinde ich Assoziationen an Kontrolle, Macht um der Macht willen und Besserwisserei. Und das alles unter dem Deckmäntelchen des Kümmerns, der Religion – und der Sorge um Wohl und Zukunft des Sprösslings.

Sorge als Selbstzweck

In Wahrheit war diese Sorge eher Selbstzweck. Sorge, dass man nach außen nicht gut dasteht. Dass man seine „Hausaufgaben“ nicht gemacht hat. Dass der eigene Garten möglichst ordentlicher ist als der des Nachbarn. Sorge als uneingestandene Angst vor Versagen und als Reaktion auf eine große ideelle Leere. Was man auch tat, war falsch, da man sich nie entschieden hatte, was man richtig finden sollte. Es gab keine Haltung, nur Vorhaltungen. Es gab kein Ziel, nur jederzeit änderbare Absichten. Und natürlich gab es zu alledem keinerlei Alternative. Denn Muttis haben eine transrationale Legitimation. Und sie sind selbstreferentiell. Sie haben recht, weil sie es so sagen. Ihr Wertesystem ist das Maß aller Dinge. – Selbstzentriertheit als ganz besonders Spielart des Egoismus.

Ich gebe zu, ich habe sehr persönliche Gründe, nicht von einer Mutti als Kanzlerin regiert werden zu wollen. Aber ich habe schwer das Gefühl, dass es einer Menge Menschen in Deutschland genauso geht. Mutti hin oder Mutti her. – Und danke der Nachfrage: Nein, Onkel Peer und Vetter Sigmar sind zur Familienfeier im Herbst gar nicht erst eingeladen…

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Das digitale Fremdbild

26. August 2012


Fremdbild vs. Selbstbild

Jeder kennt einen Menschen, der stylemäßig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie stylen sich und ziehen Klamotten an, wie sie Jahrzehnte zuvor mal hip gewesen sein mögen. Als ich in jungen Jahren mit Freunden lange Zeit eine Hütte (ohne Strom, das fließende Wasser war der Brunnen vor der Tür) in der Kelchsau hatte, kehrten wir verlässlich auf dem Weg nach Hause in der „Traube“ in Hopfgarten zur Jause ein. Nicht weil das Essen dort so überragend war. Im Gegenteil, es war sehr holländerkompatibel mit viel Fritten und einem halben Dosenpfirsich als Beilage bei so ziemlich jedem Fleischgericht.

WIENER 12/90 – Foto: Uwe Arens

Nein, die Attraktion war über Jahrzehnte hinweg die Bedienung. (Hieß sie Christine?) Sie war lustig und freundlich. Vor allem trug sie stets eine grandios aufgetürmte Toupetfrisur, wie sie später die Mädels von B52 ironisch zitierten – oder noch später Amy Winehouse. Christine aber trug den Toupet-Turm nicht als ironisches Zitat, sondern weil sie es irgendwie für chic hielt. Irritierend, wie sie dieses Selbstbild liebte, während sich die Welt längst drum herum weiter entwickelt hatte und solch eine (aufwändige) Haarinstallation eher kurios fand. Selbstbild und Fremdbild klafften epochenweit auseinander. (Ein ähnliches, typisches – prominentes – Beispiel für solch ein Time- und Persönlichkeits-Gap ist das Ehepaar Thomas und Thea Gottschalk.)

Schmerzhafte Divergenz

Das Phänomen der Divergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild kennt jeder Journalist, der Menschen beschreibt. Jedes Porträt, jede Reportage über Menschen ist nichts anderes, als jeweils dem Betreffenden einen Spiegel vorzuhalten. Einen sehr subjektiven, selbstverständlich. Und oft kollidiert das mit dem Selbstbild des Porträtierten. Je größer die Divergenz, desto heftiger ist die Reaktion. Und das ist nicht immer die Schuld des Journalisten, der eine Geschichte aufzumotzen versucht.

Mir sind solche Selbst-/Fremdbild-Konflikte zwei Mal besonders krass begegnet. Einmal in den Frühzeiten des WIENER, als ich über mehrere Tage hinweg die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, interviewt hatte. Sie erkannte sich in dem Interview – obwohl stets wörtlich zitiert – nicht wieder und protestierte vehement dagegen, wie sie und ihr Sohn in dem Interview rüber kamen. Ähnlich heftig war die Reaktion auf eine Reportage kurz nach der Wende 1990 unter Kindern in Halle und Dresden. Wir zitierten dort Texte, die sie in Aufsätzen zum Thema „Meine Hoffnungen und Ängste für meine Zukunft im vereinigten Deutschland“ geschrieben hatten und setzten eindrucksvolle Fotos der Kinder in Schwarzweiß von Uwe Arens dazu. Das kam bei den Eltern und den Lehrern der Kinder sehr schlecht an und wir wurden mit Protestbriefen überschüttet.

Narzisstische Kränkung

Zur Erinnerung: Narzisst ist der stolze Jüngling, der sich aus Rache der Nymphe „Echo“ (!) immer wieder in sein Spiegelbild verlieben musste. Das macht deutlich, wie schmerzhaft es in einer weithin durch-narzisstisierten Gesellschaft sein muss, in seinem Spiegelbild etwas sehen zu müssen, was einem gar nicht gefällt. Etwas, was so gar nicht der eigenen Vorstellung, dem eigenen Anspruch entspricht. Diese narzisstischen Kränkungen (nicht im Freud’schen Sinne, bitte!) prägen das Leben heute. Je ausgeprägter und idealer das Selbstbild ist – und das braucht es in unserer hoch-individualisierten Welt heute – desto häufiger und herber sind diese Kränkungen. Sie prägen unseren Alltag und wohl dem, der gelernt hat, damit klug und aggressionsfrei umzugehen.

Wer heute häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt unweigerlich das Gejammere zu hören und die Aggressionen zu spüren, die narzisstische Kränkungen in Menschen auslösen. Jede Verspätung der S-Bahn ist ein Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Jeder schiefe Satz eines Kollegen ist ein Drama. Jeder Tropfen Regen eine persönliche Beleidigung und jede Hitzeperiode jenseits von drei Stunden ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Eigenartigerweise werden die wirklich schwerwiegenden Kränkungen des fragilen Selbstwertgefühls, die von Chefs, Instanzen, Behörden oder gar der Politik ausgeübt werden, da nicht thematisiert. Je gravierender und Identität gefährdender die Angriffe sind, desto stiller werden sie ertragen. Sie zu beklagen wäre zu entblößend, zu blamabel.

Das finanzielle Eigenschämen

Die am meisten verschwiegene Kränkung der Gegenwart sind die Geldverluste, die Menschen in den sich gegenseitig hetzenden Krisen ereilen. Sie sind das absolute Tabu-Thema, bei dem man sich oft nicht einmal bei allerengsten Freunden seelische Erleichterung holen mag. Es wird spannend, wann dieses Tabu einmal gebrochen wird. (Vielleicht in einer Stern-Aktion: 100 Prominente bekennen, wir haben uns verspekuliert?) Zeit wird es, denn gerade die Banken und Finanzinstitutionen profitieren am meisten von der Omerta der geprellten Gierigen und der breiten Front teilenteigneter Finanz-Amateure.

Dabei ist die Bandbreite der narzisstischen Kränkungen, die Banken heute für ihre Kunden auf Lager haben, nahezu unendlich. Jahrzehntelang treuen Kunden wird im ersten Moment einer Krise (etwa Arbeitslosigkeit) sofort und unangekündigt der Dispo gekündigt samt Einzug der EC-Karte. Selbst erfolgreiche Firmen bekommen vereinbarte Kreditlinien nicht mehr verlängert, weil irgendein anonymer Controller in der Zentrale neue Richtlinien erlassen hat. Und wenn man älter als 55 Jahre ist, hat man sowieso kaum mehr Chancen auf Hypotheken oder Kredite, nicht mal wenn man massenhaft Immobilien als Sicherheit bieten kann. – Das alles ist so im näheren Bekanntenkreis aktuell passiert.

Der anonyme Algorithmus 

Und es wird noch schlimmer. Längst sind die Finanzinstitute und eigene, von ihnen beauftragte Datenanalytiker dabei, ganz klandestin ein zusätzliches, digitales Fremdbild von jedem von uns zu malen. Mit der Abermenge von digitalen Finanz-Transaktions-Daten, kommerziellen Datenbanken (Adressen, Schufa & Co.) und den im Internet in Abundanz verfügbaren Daten (inkl. Social Media) zeichnen sie ihr eigenes, sehr granulares und konkretes Bild vom Konsumverhalten, von Kreditwürdigkeit und finanziellen Perspektiven jedes Einzelnen von uns.

Ein sehr eindrucksvolles Bild, wie das e-score genannte Solvenz-Profil eines jeden von uns aussieht, hat die New York Times gezeigt. Ein erschreckendes Bild vor allem, weil es vor dem, den es angeht, stets verborgen bleibt. Es wird nur in den Kränkungen, die von diesem klandestinen Datenprofil, dem dritten – digitalen – Ich verursacht werden, erlebbar sein: wenn man keinen Kredit bekommt – oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen. Wenn man teurere Preise zahlen soll (wie etwa Apple-User). Wenn man keine Verlängerung einer Hypothek bekommt und die Spareinlagen unter dem Inflationswert verzinst werden usw.

Und wer sich ein wenig auskennt, wie Algorithmen entstehen, wie sie funktionieren und weiß, wie sie oft falsch eingesetzt werden, der kann erahnen, wie oft von Algorithmen errechnete (Finanz-)Persönlichkeitsprofile falsch liegen können. Die Banken & Co. sind ja schon froh, wenn halbwegs die Pareto-Regel gilt. Für uns Kunden hieße das, dass ein Fehlerquotient von 20 Prozent gilt und mindestens jedes fünfte digitale Profil falsch ist. Und es ist unkorrigierbar, da nicht öffentlich kontrolliert und nicht individuell einsehbar. Eine wahrhaft kafkaeske Situation solange nicht Hacker eine e-score-Leaks-Initiative starten.

Auf die Politiker darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre und Monate wohl nicht hoffen, dass sie sich in diesem Punkt gegen das Finanzsystem zugunsten ihrer Wähler durchsetzen. Vielleicht auch, weil sie ganz privat Angst haben, von dieser Seite herbe narzisstische Kränkungen zu erfahren…

Müllmänner der Politik

9. November 2011


Exekutive der Fachleute

Ein kurioses Konzept boomt dieser Tage in Europa – und die Journaille goutiert und applaudiert. In Griechenland und in Italien soll statt einer gewählten Exekutive, eine sogenannte „technische Regierung“ die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Missstände wieder richten, die über Jahrzehnte entstanden sind. Kein Wunder, dass die Idee des „governo tecnico“ eine italienische Erfindung ist. Wer in 65 Jahren 60 Regierungen verschleißt, hat eben Erfahrung damit, was man tun muss, wenn das Kind ins Bade fällt.

Eine „technische Regierung“, auch genannt „Kabinett der Fachleute“, wird vom (italienischen) Staatspräsidenten eingesetzt und soll dann die Dinge richten, die die gewählten Volksvertreter verbockt haben. Ein sehr eigenartiges, wenn auch von viel Realismus geprägtes Demokratrieverständnis, das sich hinter diesem Konzept verbirgt. Es wird einfach davon ausgegangen, dass in ein Parlament entweder keine Fachleute hinein gewählt werden – oder diese, sofern es sie gibt, nichts zu sagen haben. Sie werden von Fach-Dilettanten, die aber wohl hochqualifizierte Experten in Sachen Wahltaktik, Lobbyismus und Schlimmerem sind, erfolgreich still gestellt.

Die Buhmänner der Politik

Wenn dann durch teure Wahlversprechen und unsolides Wirtschaften der Haushalt ruiniert ist, dürfen „Fachleute“ ran, die das alles wieder in Ordnung bringen sollen. Das sind sozusagen die Müllmänner der Politik, die Unschönes entsorgen müssen und vor allem unpopuläre Dinge wie Sparmaßnahmen, Abbau von Rechten, Kündigungen, Rentenkürzungen etc. durchführen dürfen. Vor allem müssen sie aber Vorgaben von hypernationalen Organisationen exekutieren, von der Europäischen Union, vom IWF, der Weltbank und wer noch alles hier das Sagen hat.

Diese „technischen Politiker“ sind so gesehen die Insolvenzverwalter von heruntergewirtschafteten Staaten. Mit dem großen Nachteil, dass sie sich im Unterschied zu echten Insolvenzverwaltern, keine goldene Nase verdienen Im Gegenteil, sie werden im eigenen Land tief verhasst und verachtet sein, weil sie ausschließlich unpopuläre Maßnahmen durchführen müssen, die noch dazu fast ausnahmslos von außen oktruiert werden. So werden nach den Bad Banks auch noch Bad Boys erfunden, die als Buhmänner alle negativen Reaktionen auf sich ziehen dürfen. Und wenn Maßnahmen dann doch erfolgreich sein sollten, werden bis dahin längst wieder ganz schnell Politiker bereit stehen, um die Lorbeeren entgegen zu nehmen.

Die Kandidaten der Medien

Es ist verwunderlich, dass solche undemokratischen Vorgänge, solche als Übergangsregierungen oder „technische Regierungen“ schön geredete politische Vollzugsinstitutionen in den Medien eher positiv aufgenommen werden, als quasi Wunderheiler, die ganz schnell die richtigen Kaninchen aus dem Hut zaubern werden. Kaum eine kritische Stimme, die sich wundert, wie hier mal kurz alle Demokratie ausgehebelt wird. Das Prinzip ist frappant: Demokratie ist nur so lange o.k., solange sie lautlos funktioniert – und sei es auf Kosten der Staatsbilanzen. Wenn es dann zum Schwur kommt, müssen es halt Bad Boys richten.

Die Ernennung dieser „Fachleute“ erfolgt immer sehr nebulös. Die Medien haben stets auf die Schnelle geeignete Kandidaten zur Hand, die die Sache schon wuppen können. Gibt es geheime Reservoirs, wo solche Leute für den Ernstfall bereit gehalten werden? In Institutionen, Stiftungen, hypernationalen Behörden? Und woher wissen die in Frage kommenden Medien immer so schnell, wer für den jeweiligen Posten geeignet und verfügbar ist? Und warum sollen diese Menschen Lust auf solch einen Loser-Job haben? Gibt es da geheime Entlohnungssysteme? Existieren obskure Fonds, die politisch verbrannten Akteuren im Nachhinein noch ein angenehmes Auskommen ermöglichen? Wie etwa finanzieren sich Gorbatschow oder Schewardnadse, die in ihrem Heimatland Unpersonen sind? Von Vorträgen und Interviews in ZDF-History-Dokus von Guido Knopp werden sie vielleicht nicht auskömmlich genug leben können…

Die Klientel schlägt zurück

Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Idee von „technischen Regierungen“ oder „Übergangsregierungen“ die Medien begeistern können. Sicher treffen sie auch zielgenau das ademokratische Sentiment des verängstigten Krisenbürgers. Aber letztlich kommen solche externen Regierungskonstruktionen dann doch nicht zustande. Dafür sorgen die „gewählten“ Politiker, die um ihren Einfluss und die Pfründe ihrer Klientel fürchten. Zu essentielle Interessen, zu grundsätzliche Machtkonstruktionen stehen hier auf dem Spiel – und schätzungsweise hat man viel zu viele Leichen im Keller, um hier Amtsfremde samt deren Medienkontakten zu viel Einblick gewähren zu wollen.

Da lassen sich Politiker lieber die Maßnahmen von Finanzmärkten, Staatsbanken, Währungsunionen etc. diktieren. Es gibt da ja immer ein paar Köpfe, die keine Karriere mehr machen wollen/können. Die sind in solchen Fällen wunderbar geeignet, hier ihren Dienst am Volk leisten zu dürfen. Und wenn die Sache schief läuft und die Bürger gegen die „Rettungspolitik“ auf die Straße gehen, kann man ja immer jederzeit eine Dolchstoßlegende zimmern. Das hat noch immer funktioniert. Und sollte es doch gut gehen, dann darf man sich selbst mit den Erfolgen schmücken. Auch nicht schlecht.

Das Risiko Wutbürger

Bleibt die Frage: Macht der Bürger das Spiel mit? Lässt er sich die Maßnahmen gefallen, die ihm Wohlstand und Wohlergehen schmälern werden, wenn nicht gar rauben? Er, der Bürger, ist zwar an allem schuld, weil er die Politiker gewählt hat, die ihm mit geliehenem Geld das Leben versüßt haben. Aber das wird der Bürger nicht so sehen wollen. Und er hat recht damit. Denn so übel die Hochverschuldung ist, so absurd ist es, dass man harte Maßnahmen ergreift, um die – anonymen – Finanzmärkte, die gegen die verschuldeten Staaten und ihre Schuldpapiere wetten, zu beruhigen.

Denn damit löst man das Problem nicht. Angenommen, es wird nicht mehr gegen griechische oder italienische Schuldverschreibungen gewettet, wie soll dann die dicke Kohle mit frei flottierendem Kapital gemacht werden? Dann muss eben gegen andere Werte und Güter gewettet werden, etwa gegen Preise von Nahrungsmitteln, gegen Rohstoffpreise oder dergleichen. Und das wird ebenso verheerende Folgen haben. Vielleicht nicht gleich für uns, sondern zuerst für die Dritte Welt.

Ehe jetzt Müllmänner der Politik und Insolvenzverwalter maroder Staatsfinanzen verheizt werden, wäre es doch viel sinnvoller, die Ursachen solcher Entwicklungen abzustellen: Das existierende Finanzsystem muss dringend reformiert werden. Es ist nicht nur zu zynisch darauf zu vertrauen, dass Haie die Hand, die sie füttern, schon nicht fressen werden. Das ist zu naiv. Und Kindern, die drauf und dran sind, ihr Lieblingsspielzeug aus lauter Übermut (aka Gier) kaputt zu machen, nimmt man es besser aus der Hand…

Neue Spielregeln

23. Oktober 2011


Finanzhaie mit Torschlusspanik 

Ich stelle mir das Leben der Finanzjongleure und -spekulanten heute nicht leicht vor. Da haben sie geackert und gebuckelt, Stress ohne Ende, jahrelang, um endlich auch an die Position oben zu kommen, in der man selbst Entscheidungen treffen kann. Vor allem aber, wo man Provisionen bekommt – oder noch besser – über sie entscheiden kann. Kurz: Wo man so richtig absahnen und „nachhaltig“ reich werden kann.

In all den Jahren haben diese Menschen ihre Vorgänger und Vorvorgänger und Vorvorvorgänger mit Millionen und Abermillionen an Provisionen und Abfindungen etc. in das vermeintliche Nirwana des unkaputtbaren Reichtums abwandern sehen. Sie haben aber warten müssen, bis sie selbst dran waren. Und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten, soll das nicht mehr funktionieren? Eine wirklich fatale Situation für eine Kaste, der Gier genetisch eingepflanzt zu sein scheint.  (Warum sonst haben sie diesen Beruf gewählt?) Diese Menschen haben nie auch nur im (Alp-)Traum daran gedacht, vielleicht ein Leben lang zu arbeiten – oder gar bei der Arbeit Glück und Befriedigung erleben zu können oder zu sollen.

Spieler & Dealer

Diese Menschen sind Spieler, und wie jeder Spieler, der zu lange dabei ist, ist er von dem alltäglichen Thrill, den vielen kleinen Siegen (und dem damit verbundenen Reibach) längst trunken. Diese Menschen sind süchtig nach diesem großen Spiel. Deshalb kommen sie auf immer neue Ideen, Geld durch Wetten zu verdienen. Viel Geld! Sie wetten auf Firmen, Märkte, Bodenschätze, auf Lebensmittel, Geld, Währungen und Gold, aber ebenso auf Pleiten, kaputt gehende Märkte und Konkurs gehende Staaten. Und das stets mit geliehenem Geld. Geliehen von Anlegern oder neuerdings gleich vom Staat und seinen Kreditinstituten bis hinauf zu den Zentralbanken. Der Staat drängt den Süchtigen ihren Stoff noch regelrecht auf.

Soll man von solchen Menschen Einsicht erwarten? Darf man da auf die „Selbstheilungskräfte“ eines Marktes hoffen? Soll man nicht! Darf man nicht! Darf man dann den freien Finanzmärkten ihre Freiheit lassen? Darf man auf keinen Fall, weil Freiheit immer nur mit Verantwortung funktioniert. Und Verantwortung kann nicht funktionieren, wenn es darum geht, (viele, viele!) Millionen zu kassieren – und die Zeit drängt, an diese noch herankommen zu können! So edel, rein und korruptionsimmun kann kein Mensch sein. Schon gar nicht einer mit dem Gier-Gen.

Entzugs-Therapie

Fragt sich, ob die Politik die Situation in dieser Weise schon kapiert hat? Es geht nicht mehr darum, ob man diesem Treiben Einhalt gebieten muss. Das muss man ganz dringend! Es geht nur noch darum, ob man sich noch eine Entzugs-Therapie leisten kann – sowohl finanziell, vor allem aber zeitlich. Oder ist es nicht längst so weit, dass nur noch der kalte Entzug funktioniert? Einfach absetzen der Droge – mit all den absehbaren Folgen: Schweißausbrüchen, Torschlusspanik, Aggression, Verzweiflung, Zerstörung – Cold Turkey.

Das klingt jetzt vielleicht „brutal“. Aber es geht um eine Wertabschätzung. Auf der einen Seite das Bedürfnis weniger, doch noch auf einen Schlag (schöner Begriff) reich werden zu dürfen. Am besten hyperreich, dass es auch über Krisen und Staatsbankrotte hinüber reicht. Auf der anderen Seite das Bedürfnis der ganz vielen, ihr Leben in vergleichsweise geordneten Bahnen weiter leben zu können und nicht dafür verarscht zu werden, dass sie gespart und Geld beiseite gelegt haben. – Eigentlich müsste der Politik die Entscheidung leicht fallen.

Training für Perma-Instabilität

Und während diejenigen, die wähnen, die Macht zu haben – die Politik, oder doch das Geld – über die Zukunft der Finanzsysteme verhandeln, üben wir Normalbürger uns in Gelassenheit. Ganz nach dem Motto: Es ist Krise, aber keiner geht hin. Oder: Unser Geld geht den Bach runter – aber wir haben schon längst unser Badezeug an. Wie immer, wenn Hiobsbotschaften und Panikmeldungen in Überintensitäten auf uns einprasseln, entwickeln wir nahezu traumwandlerisch (!) eine Sorgen-Imprägnierung, eine Krisenallergie, eine – um im Bild zu bleiben – Krokodillederhaut gegen die täglichen Beängstigungen. Wir wissen, das 21. Jahrhundert ist eines der Transition in die Perma-Instabilität. Und wir üben jetzt schon mal dafür, die richtige Mentalität zu entwickeln. Gelassenheit, Gleichmut, aber mit MUT in Versalien: GleichMUT.

Dafür haben wir schon gut und lange geübt. Ob Nachrüstung, Viren, Lebensmittelgifte, radioaktive Verseuchung oder Untergang des Abendlandes. Wir haben aus der Überdosis von Sorgen und Bedrohungen gelernt, lieber mal ganz ruhig zu bleiben. Manchmal zu ruhig. Das hat dann andere ermutigt, einfach so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Lektionen gelernt: Wir bleiben gelassen und lassen alle Panik an uns vorüber ziehen – aber wir machen nun endlich den Verantwortlichen klar, dass unsere Geduld am Ende ist. Wenn wir lieb sind, zeigen wir das an Wahlurnen und geben Denkzettel ab. Aber wenn wir richtig sauer sind, gehen wir jetzt auch mal auf die Straße – oder per Internet.

Netzwerke der kalten Wut

Eine gute Idee: Wir organisieren uns ausgerechnet da, wo die Mächtigen, seien sie Politiker oder Besitzende, sich am allerwenigsten auskennen: im Internet. Gerade die wirklich Mächtigen haben ihre eigenen Netzwerke. Aber dieses Wissen hilft ihnen nicht weiter im großen Netzwerk des Internet . Deshalb reagieren sie ja so panisch bis peinlich auf alles, was sich da an Kraft und Gegen-Macht entwickelt.

Es ist sehr schwierig, ein System zu ändern, das lange ungestört gelaufen ist und das für einige so eindeutige Vorteile von solch riesigen Dimensionen hat. Das schafft mehr als massive Gegenkräfte. (Das ist jetzt täglich real zu erleben.) Das 20. Jahrhundert mit seinen Millionen von Toten, die aufgrund von (Umsturz-)Ideologien gestorben sind, hat sich an der Idee abgearbeitet, das System mit seinen eigenen Mitteln, also Gewalt, zu ändern.

Im 21. Jahrhundert muss das anders funktionieren. Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, müssten mit einer neuen, digitalen Kompetenz ausgebremst werden. Daher macht es so Sinn mit Instabilitäten umzugehen zu lernen und wie man durch Netzwerk-Intelligenz alerter und schneller wird. Die Idee ist ganz einfach. Man muss „nur“ die Spielregeln ändern, dann gewinnt es sich am leichtesten.

Na ja, ein bisschen Wut wäre auch nicht schlecht. – Kalte Wut. Die wirkt am besten. Weil sie nicht blind macht.

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