20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.

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Mein Digitales Tagebuch auf Europe Online Ende 1995. Startend am 345. Tag des Jahres.

Europe_Online

Die Magazine

mak@muc 345.95.23:44

36 Tage nach dem Start auf der neuen Netscape-Plattform sind die ersten beiden Online-Magazine von Europe Online fertig und auf den Server geschickt: MovieMag und Business Magazin. Das macht auch ein bißchen stolz.

In 36 Tagen eine neue Software beherrschen lernen, die entsprechenden Templates etc. bauen, ein völlig neues Online-Konzept entwickeln, das Internet-kompatibel ist, und dann die entsprechenden Inhalte (samt Fotos) kreieren – wer die Online-Welt kennt und weiß, wie wenig Tools es bisher für Netscape 2.0 gibt, wird Respekt nicht verweigern können.

Das Redaktionsteam, die Produktentwicklung und die Technik haben viele kleine (und große) Wunder vollbracht.

Aber ohne die stilsichere Arbeit, den Mega-Einsatz – und die unverwüstliche Geduld von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine in New York hätte auch das nicht gereicht. Sie haben die Optik und den Outlook von Europe Online in Rekordzeit perfekt entwickelt und technisch umgesetzt.

Und noch eine Lehre für heute: Man kann nie zuviel loben!

Hans im Klick

mak@muc.346.95.18:59

Ich habe die Zukunft von (Europe!) Online gesehen. Blender, das CD-Magazin, hat auf seiner Teaser-Site ein wahres Feuerwerk an optischen Gags, Sounds und bewegten Optiken vorgelegt. Die Beta-Version von Shockwave von Macromedia machte es möglich.

Wenn am Freitag Europe Online Deutschland (EOD) im Netz ist und die üblichen und absehbaren Bugs gebändigt sind, werden wir sofort damit anfangen, diesem bisher so stummen, statischen Medium schleunigst Töne beizubringen und Beine zu machen.

Wer liebt ihn nicht: Hans im Klick?

No Rosegarden

mak@muc.347.95.22:34

Unser Motto der letzten Wochen hat sich ein weiteres Mal bewahrheitet: No one promised you a rosegarden!

Klar, Frusttoleranzen sind das A & O, startet man einen neuen Service – und das auch noch mit einer neuen Technologie und neuer Soft- und Hardware. Aber manchmal kommt es einfach zu dicke!

Die geplanten Foren und Chats von Europe Online werden bestenfalls im späten Januar funktionieren. Wie haben einfach zuviel in zu kurzer Zeit gewollt.

Der Trost: Immerhin haben wir tolle Contents. Gerade sind die knapp 100 Seiten FreizeitPark auf den Server (der funktioniert wenigstens!) gegangen. Ein echtes Vergnügen, die Seiten anzuschauen oder sich im Labyrinth der Geschenkmaschine zu verirren. Trost! Merke: Auch abseits des Rosengartens blühen schöne, faszinierende Blüten!

Erster Zieleinlauf

mak@muc.348.95.23.04

Die letzten Seiten sind auf den Server geschickt. Compute, das Computermagazin, ist in absoluter Rekordzeit produziert worden. Es ist nicht nur inhaltlich gut und optisch klasse, es ist auch endlich ein (Online-)Computermagazin, das für Normaluser und Anfänger taugt (also auch für mich). Es ist allgemeinverständlich gehalten, gibt wirklich nützliche Tips und vernachlässigt trotzdem nicht die Bedrfnisse der High-End-User. Karsten und sein Team haben hier wirklich erstklassige Arbeit geleistet.

Auch „News“ sowie das gesamte Backing-Material „Tips für Einsteiger“, „Inhalt“ und „Impressum“ sind fertig. Harald Taglinger hat hier nicht nur Wunder vollbracht, sondern Stunden platinener Konzentration gezeigt und dabei eine dermaßen gute Laune an den Tag gelegt, daß man ihm fast nicht weniger Arbeit geben will.

Der Prosecco zum ersten Zieleinlauf auf einer langen Strecke ist wohlverdient – Morgen warten auf uns die fertigen Seiten. Spannung, welche Bugs uns überraschen werden, welche Seiten funktionieren und welche Links haken …

Das schöne an der digitalen Welt ist, daß man sich nicht mehr so orgasmisch (nur) einmal (analog) über einen Redaktions- oder Produktionsschluß freuen kann, sondern daß es morgen ganz normal weitergeht, daß jeder Tag seine eigenen Belohnungen, seine eigenen Höhepunkte und seine eigenen Überraschungen bereit hlt.

Tiefes Durchatmen, daß endlich Europe Online real zu existieren anfngt. Eine Idee, eine Vision (nicht zuletzt von Dr. Hubert Burda) ist Wirklichkeit geworden. Herzlich willkommen, User!!!

Startschuss

mak@muc.349.95.15.08

Endlich der große Tag: Startschuß für Europe Online! Die Spannung am Morgen ist immens! Hat es geklappt, alle unsere Inhalte über Nacht vom Pre-Production-Server auf den Public-Server zu bringen?

Bravo & Jubel! Die Technik in Luxemburg hat es geschafft. Herzlichsten Dank und tiefste Komplimente: Paul Moody und sein Team haben nicht nur Computer und Server operabel gemacht, sie mußten unsere Inhalte, die wir leider erst spät nachts fertig hatten, die Datenmengen bis zum Morgengrauen live bringen. Schade, daß wir diesen Leuten nicht persönlich, sondern immer nur per Telefon danken können.

Natürlich gibt es noch reichlich Bugs in unserem Dienst. Ein falscher Großbuchstabe im Code, eine fehlende Steuerdatei, ein Versehen hier, ein Mißverstndnis dort. Schuldfragen sind müßig. Es wäre ja fast unnatürlich, wäre so ein Mammutwerk ohne Bugs abgegangen. Die nächsten Tage werden wir viel Arbeit haben, Bugs zu fixen, nötige Programmreparaturen zu machen und vor allem einen unstressigeren Workflow zu entwickeln.

Um 11.00 Uhr dann der erste Anruf eines Users. Dicke Komplimente für die einfache einfache Installations-Möglichkeit und die Qualität der Inhalte. Riesige Freude darüber.

Offizieller Start

mak@muc.350.95.19:22

Am gestrigen Nachmittag der offizielle Start von Europe Online Deutschland durch Verleger Dr. Hubert Burda. Sogar ein (virtueller!) roter Start-Knopf wurde installiert. Um 17.00 Uhr ist es soweit: Europe Online Deutschland ist nun offiziell online.

Die Präsentation der Inhalte klappt bestens. Komplimente, Anerkennung, Händedrücken. Wichtigste Anmerkung in der Rede von Geschäftsführer Andreas Struck: Nur als Team, nur durch das enge Zusammenrücken aller Abteilungen, wurde der rekordverdächtig schnelle Aufbau von EOD und die Masse an Inhalten (ca. 450 Seiten in 6 Wochen!) möglich.

(Online-)Verleger Dr. Hubert Burda ließ pointiert die kurze, sehr abwechslungsreiche Geschichte von Europe Online seit der ersten Idee 1993 bis zum Platformwechsel sechs Wochen vor dem Start Revue passieren. Europe Online ist so gesehen auch ein Stück Mediengeschichte.

Dr. Burda bekräftigte noch einmal die Entscheidung, statt in einem proprietären System mit Abogebühren frei und gratis im Internet zugänglich zu sein. Dr. Burda: „Content is free! Ich kann mir nicht vorstellen, Maut dafür zu verlangen, wenn man in die Maximilianstraße (Münchens erste Einkaufsadresse) will.“

Wie wenig proprietäre Systeme und ihre „Eintrittsgebühren“ für den Massenmarkt taugen, sehe man, so Dr. Burda, an der für Anfang Januar geplanten Bestreikung von AOL, den die über die Preisgestaltung von AOL entsetzte Feldtester in den Newsgroups ausgerufen haben…

Die Feier endet für mich früh, denn sowohl morgen Samstag, als auch der Sonntag sind ganz normale Arbeitstage – schließlich gibt´s bei Europe Online täglich frische News.

Europe Online, der Onlinedienst mit t&aluml;glich aktuellen, redaktionell aufbereiteten, optisch attraktiven Inhalten!

Komplimente und Kritik

mak@muc.351.95.14:14

Die ersten Mails von Kollegen sind eingetroffen. Komplimente und Kritik an der (zugegeben datenreichen) optischen Aufbereitung. Zitat: „Endlich ein Internet-Inhalt, der nicht nur auf der obersten Ebene hübsch ausschaut, sondern bis in die letzte Ebene gut durchgestaltet ist.“ Ein anderes Kompliment lautet: „Schön und endlich nicht so doof verspielt wie andere Online-Angebote, sondern klar und modern.“

Natürlich gibt es auch Kritik: Am nötigen Datendurchsatz, an etlichen Bugs und der noch nicht optimalen Userfreundlichkeit – wir arbeiten daran!

Wie hunderttausende andere Internet-User maile ich noch schnell dem amerikanischen Senat zu deren Zensurideen. Eine weitere Mail geht an Bill Clinton. Ich denke, er wird den Zensurentwurf nicht unterschreiben. Sein Plan für seine Wiederwahl 1996 ist klar: So wie er 1992 erfolgreich auf die MTV-Generation als neue Wähler setzte, so will er dieses Jahr die amerikanische Internet-Community auf seine Seite ziehen.

So, genug online: Ich freue mich definitiv auf einen Abend „offline“.

Der bessere Mensch

mak@muc.352.95.11:43

Die amerikanische Zeitschrift Time wählt dieses Jahr Newt Gingrich zum Mann des Jahres. Der Sprecher der im US-Kongreß mehrheitlichen Republikaner schwang sich dieses Jahr zum mächtigen Widersacher von Präsident Clinton auf und provozierte zum Jahresende gleich zweimal die Zahlungsunfähigkeit der US-Behörden.

Furore machte Newt Gingrich dieses Jahr in den USA aber vor allem mit seiner neuen Politik-Ideologie, man könnte es einen Future-Konservatismus, Cyber-Liberalismus oder auch HighTech-Deregulierung nennen. Gingrich, der schon seit langen Jahren mit dem Futurologen Alvin Toeffler zusammenarbeitet, propagierte in Interviews, u.a. in „Wired“ die Idee einer global vernetzten Welt mit freiem Datenaustausch und parallel dazu einem Staat, der auf jeden Einfluß auf die Bürger verzichtet.

Gingrich schuf so einen ideologischen Mix, der auf den ersten Blick sehr attraktiv wirkt. Er verspricht weniger staatliche Kontrolle, weniger Steuern, globale Kommunikation und globale Wirtschaft, fordert dafür mehr Flexibilität, mehr Technologie und vor allem mehr Eigenverantwortung. Kein Wunder, daß Gingrich mit diesem Bild selbst dem Protagonisten des Information-Highway, Al Gore, 1995 den Rang ablief. Schade nur, daß sich Gingrich’s Vision in der Realität als sehr wenig sozial und sozialverträglich herausstellt.

An der Forderung nach mehr Eigenverantwortung und mehr freiwilliger zwischenmenschlicher Initiative sind schon andere Ideologien gescheitert. Den „besseren Menschen“ wird es so schnell nicht geben. Nicht einmal im Cyberspace.

Schneller, schneller

mak@muc.353.95.10:30

Ein dreifaches Hurra: Die Performance von Europe Online hat sich über Nacht mindestens um den Faktor 10 beschleunigt. Den Technik-Wizards in Luxemburg um Paul Moody ist der nächste Coup gelungen. Damit können wir alle Kritik am langsamen Aufbau unserer Webpages locker abfedern.

Es macht von Tag zu Tag mehr Spaß, die Seiten zu produzieren – und anzuschauen. Die Bugs werden weniger und weniger, die Contents mehr und mehr. Heute geht unser Gesundheits-Magazin Leben erstmals aufs Netz. Rechtzeitig zum gesundheitsstressenden Weihnachtsfest sind dann hilfreiche Tips zur Besserung der eigenen Physis geboten. Geboten sind Gesundheitsthemen, Gesundheitstips und viele Hilfen für Notfälle in der „Hausapotheke“.

Vielleicht sollte man 1996 die eine oder andere Empfehlung selbst beherzigen.

Cyber-Reisen

mak@muc.354.95.13:10

Web-Reisen machen Spaß. Allein das Gefühl, mit einem Server im hintersten Amerika, in Japan oder sonstwo in der Welt und dort mit mit völlig fremden Menschen verbunden zu sein, macht Spaß und heilt das schlimmste Fernweh. Am wirkungsvollsten gegen Fernweh ist aber der optische Besuch in den verschiedensten Regionen dieser Welt – per Web-Kamera.

Zum Beispiel kann ich so am hellichten Mittag in Tromsø in Norwegen live mitbekommen, daß um diese Zeit dort tiefdunkle Nacht ist. Brrrr! Auf Cape Hatteras kann man sich die Idee, heute Windsurfen zu gehen, auf jeden Fall abschminken. Es regnet heftig. Der Blick vom Empire State Building [auch da gab es einst eine Webcam!] in New York verheißt auch nichts Gutes. Einziger Trost gibt wenigstens der Sonnenuntergang in Maui auf Hawaii oder der Sonnenaufgang in Los Angeles.

Was ist eigentlich interessanter: der Blick auf leere Chefredakteurs-Sessel oder ein reales Landschaftsbild?

Wort de Jahres: Multimedia

mak@muc.355.95.10:59

„Multimedia“ ist das Wort des Jahres 1995. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beschlossen. Das Wort repräsentiere die Idee einer „schönen, neuen Medienwelt“, heißt es in der Begründung.

Die Nachricht führte in der Redaktionskonferenz zu genervtem Aufstöhnen. Keiner hält das Wort mehr aus. Zu oft ist es für billige CD-Produktionen, uninspirierte Mixturen aus Wort, Bild und Ton oder dumpfe Spielereien mißbraucht worden. Firmen, die in ihrem Namen das Signum Multimedia verewigt haben, wirken fast schon antiquiert. (siehe z.B.: http://www.multimedia.de!) [Stimmt kurioserweise bis heute!]

Heute wählt, wer auf sich hält, lieber die etwas weniger verbrauchten Begriffe „New Media“ oder „Interactive Media“. Vor allem Letzterer bringt das Definitionsproblem auf den Punkt. Die schlichte Mixtur aus den verschiedenen Medien (Multimedia) muß noch lange nicht interessant und interaktiv sein. Bilderbücher mit Ton sind eben auch schon multimedial.

Den wahren Kick, die wahre Medienrevolution bringt eher der interaktive Gebrauch von Medien. Den können die heutigen CD-ROMs mit ihrer beschränkten Speicherkapazität nur simulieren. Man kann dort nur in einem begenzten Raum interaktiv sein. Mich erinnert das an die Beschränktheit des Sandkastens. Dort spielen zu sollen, hat mich schon damals fürchterlich genervt. Ich wollte überall aktiv sein, im Garten, im Park, auf den Feldern (gab’s einstmals noch in München!).

Interaktivität ohne Grenzen garantiert auf Dauer nur der unbegrenzte Raum des Internet. Noch sind hier die multimedialen Möglichkeiten begrenzt. Aber sicher nicht mehr lange. Das Jahr 1996 wird das Jahr sein, in dem das Internet multimedial wird, in dem es (Realtime-)Töne lernt, in dem Slideshows, Morphing- und Frame-Sequenzen durch Applets möglich werden, vielleicht sogar Realtime-Video.

Und das Wort des Jahres 1996? Ich denke, es könnte der Begriff „Internet“ werden.

Stimmrecht in der UNO

mak@muc.356.95.23:55

Das Internet war bis Anfang dieses Jahres eine relativ unberührter Freiraum. Dafür sorgten nicht zuletzt hakelige Browser und grottenlangsame Modems. Die Community war klein, man war unter sich und genoß stolz eine Art Außenseiter- und „Gesetzlosen-„Appeal. In der medialen Windstille als Nischenmedium keimte in der Community die Hoffnung, in diesem neuen, elektronischen „Cyber-„Raum eine bessere, endlich heile Welt schaffen zu können. Oder doch zumindest die böse, harte, kommerzielle und laute, „normale“ Welt ganz weit außen vor lassen zu können.

Das Jahr 1995 änderte dann alles. Die ganze Welt entdeckte das Internet, oder um korrekt zu sein: das WWW. Millionen von neuen Usern eroberten das Netz, sehr zur Frustration der ursprünglichen Community. Das ganz normale Leben, samt Normalität, Massen von neuen Usern, von Abgründe (Verbrechen, Porno) und des von Ihnen so verhaßten Kommerz hatte sie wieder.

Um so verbiesterter ist speziell in Deutschland die Reaktion eines Teils der ursprünglichen Community auf die Ausweitung – und damit die Demokratisierung des WWW. Auf der „Interfiction“, einem Treffen früher Internet-User in Kassel, kursierten in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen doch tatsächlich Forderungen nach Kontrolle, Zensur und netweiter Abstimmung über Datenübertragungsprotokolle, Netiquette, Netzmanagement.

Im Gegensatz zu den USA, wo man das Netz gerade deswegen liebt, weil es so offen für das unendliche Spiel unterschiedlichster Kräfte ist, will mancher hierzulande die „gute alte Internet-Zeit“ oder die Utopie einer Idylle mit Gesetzen und Regeln ereichen.

Schade. Mit solchen Forderungen desavouirt man auf solchen Veranstaltungen so manch anderen, guten, konstruktiven Vorschlag: zum Beispiel der vollen Mitgliedschaft des Cyberspace als eigener Staat und mit vollem Stimmrecht in der UNO.

Eine wirklich witzige Idee – und ein Schritt zur Demokratisierung dieser kaputtinstitutionalisierten Behörde.

Cyber-X-mas

mak@muc.357.95.15:22

Ein Vormittag im Weihnachts-Einkauf-Trubel. Ein allzutiefes Eintauchen in die analoge Welt. Jetzt nachmittags die Umsetzung von Weihnachten im digitalen Online-Medium. Ist da Weihnachten anders? Moderner, hipper, ausgeflippter, moderner?

Die Idee eines Cyber-X-mas – gräßlich. Schon viel zu viele schöne Dinge sind seelenlos vercybert worden und kaputt-modernisiert worden. Wir haben uns entschieden, einen eigenen Beitrag, zu einer friedvollen Weihnacht (online) zu liefern und volkskundlich und psychologisch fundierte Tips zu geben, wie man Weihnachten im Kreise der Familie feiern kann – ohne den obligatorischen Krach.

Kurzum: Wir wünschen allen Usern eine wirklich friedvolle und harmonische Weihnacht!

Homeshopping?

mak@muc.358.95.07:12

Warum funktioniert das Homeshopping hierzulande noch nicht? So hätte ich diesen Tag frei, hätte ausschlafen können und Heilig Abend in gebührender Ruhe (und Coolness) entgegensehen können. Stattdessen geht es Hals über Kopf in die Geschäfte, um die letzten Geschenke und die nötigen (Über-)Lebensmittel einzukaufen.

Spätestens nächstes Weihnachten muß unser Service-Bereich meinen Weihnachtsstreß erheblich lindern können…

Reality Check an Heiligabend

mak@muc.359.95.18:12

Heiligabend macht erst richtig klar, wie weit in der medialen Zukunft Online-User bereits sind. Keiner in der großen, bunt gewürfelten Runde der Weihnachtsfeier kann mit dem Begriff Online etwas anfangen. Hier ist noch viel Aufklärungsbedarf. Und das nach einem Jahr, in dem „Internet“; in Magazinen und Zeitungen eines der häufigst gebrauchtesten Begriffe war!

Immerhin konnte einer der Gäste mit dem Begriff Modem etwas anfangen, ein Arzt. Er hat Computer und Modem seit Monaten, um seine Abrechnungs-Daten zur Buchhaltungsfirma durchzugeben. Daß man Modems auch für andere Zwecke nutzen kann, daß man gar Browser damit fahren kann, das ist ihm völlig neu. So neu wie der Begriff „Browser“;.

Solch „analoge“ Tage wie Weihnachten sind heilsam. Sie geben einem das Gefühl für die Wirklichkeit der (nondigitalen) Normalität zurück.

Weihnachtsruhe

mak@muc.360.95.15:38

Nach zwei Tagen Weihnachtsruhe geht es in der Redaktion weiter. Die Erde steht an Feiertagen nicht still. Aber sie scheint sich zu verlangsamen. Viel weniger News kommen über die Ticker. Liegt es daran, daß die Verursacher von Nachrichten in Urlaub sind, oder weil die Nachrichtenagenturen dünner besetzt sind?

Ich denke, auch hier gilt das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Und der (Nachrichten-)Konsument verlangt eben an solchen Tagen nach weniger News…

Aufbruch in neue Gefilde

mak@muc.361.95.09:09

Wie sehr hat Online unser Leben verändert? Das der Redaktion und aller Mitarbeiter eine ganze Menge. Und damit sind nicht die vielen Feiertags-Schichten gemeint, die jetzt zu leisten sind. Es ist zum einen die Mischung aus täglicher News-Arbeit und längerfristiger (Online-)Magazin-Produktion, aus Kommunikation (demnächst) und Service, die eine völlig neue journalistische Herausforderung schafft.

Die digitale Welt verändert zudem die tägliche Arbeit spürbar. Jeder der Journalisten, die in unserer Redaktion arbeiten, hat den Wechsel ins Online-Medium als eine Art „Befreiung“ erlebt. Es ist ein Aufbruch in eine neue, offenere, zugegeben auch ungewissere Medienwelt. Das schafft Freiräume – aber auch ganz neue Arten und ganz andere Qualitäten von Streß. Digitalen Streß eben.

Wie sehr die Online-Welt das Leben vieler Menschen verändert hat, will ein sehr ehrgeiziges Projekt dokumentieren: „24 Hours in Cyberspace“. 100 Topfotografen sollen am 8. Februar 1996 weltweit in Bildern das Leben in der Online-Welt dokumentieren.

Die Ergebnisse des Projektes sollen ab März in einer kontinuierlich aktualisierten Website und in einem Bildband mit CD-ROM zu sehen sein.

Eine andere, gute Möglichkeit, die Veränderung der Online-Welt – noch dazu live – mitzuerleben: Europe Online.

Jahresrückblick

mak@muc.362.95.08:42

Man merkt überdeutlich, daß das Jahr zu Ende geht. Untrügliches Zeichen: In der Redaktion ist das Was-war-1995-noch-so-los-Fieber ausgebrochen. Eifrig wird debattiert, wer nun Absteiger des Jahres war und wer Aufsteiger– Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind ab sofort in dem Extra: Jahresrückblick in der News-Sektion zu sehen – und zu debattieren.

Ein interessantes Phänomen ist dabei zu beobachten. Zunächst wächst kontinuierlich die Menge der „unverzichtbaren“ Namen, Events und Informationen, nur ungenügend von der Frage eingedämmt: war das ‘95 oder doch noch ‘94? Nach jeder neuen Diskussionsrunde schwindet dieses Überangebot aber rapide. Es gibt, bei näherem Hinsehen und Nachfragen doch nicht allzuviele wirklich wichtige und einschneidende Ereignisse in einem Jahr.

Der zeitliche und emotionale Abstand hilft aufgebauschte Wichtigkeiten auf das richtige Maß schrumpfen und eigentlich leise Langzeitentwicklungen wichtiger erscheinen.

Ich glaube, es war Karl Kraus, der den Satz prägte, es sei so schmerzlich, wenn ein Traum zur Wirklichkeit schrumpft. Wenn das Hypes passiert, ist das eher angenehm.

24 Stunden im 21. Jahrhundert

mak@muc.363.95.10:28

Die Städte sind leer, die Nächte lang, die Anrufe im Büro seltener. Typisch für die Zeit zwischen den Jahren. Endlich, nach all dem Start-Streß von Europe Online bleibt etwas Zeit, wenigstens die Bücher zu lesen, die unter die Rubrik – unbedingt lesen! – fallen. Ganz oben lag Peter Glasers „24 Stunden im 21. Jahrhundert – Onlinesein. Zu Besuch in der neuesten Welt“ (Zweitausendeins).

Erster Eindruck: Das kompetenteste und beste Buch über die Online- und Internet-Welt in deutscher Sprache. – Kein Wunder: Peter Glaser ist ein erstklassiger Autor, dazu Mailbox- und Internet-User der ersten Stunde sowie der erste Journalist in Deutschland, der über diese Welt kompetent zu schreiben wußte – und sie intelligent reflektierte.

Ein Buch, das jedem Online-Freak ein paar News und Kuriosa, vor allem aber eine Menge neuer net-philosophischer Überlegungen und Gedanken bringt.

Das Buch ist natürlich auch für Online-Anfänger gedacht. Es bringt alle wichtigen Grundinformationen und eine Menge Tips und URLs. Trotzdem könnte das Buch gerade Neueinsteiger in die Internet-Welt leise verunsichern. Glaser ist so lange und so tief in der Materie, seine Begeisterung für die Online-Welt ist so abgeklärt, daß seine Erzählhaltung für Newcomer fast altklug und distanziert wirkt.

Auch bei ihm schwingt ein bißchen Wehmut mit, daß 1995 aus der kleinen, verschworenen Online-Gemeinde ein Massenphänomen wurde, daß aus einer Nische ein Boom wurde. – Klar: Trendsetter leiden immer, wenn sie ihrer wissend-wohligen Nestwärme und ihrer innovativen Exklusivität verlustig gehen.

Ein immer wiederkehrendes Kulturphänomen. Demokratisierungsprozesse kränken unausweichlich die Initiatoren von wirklich neuen und innovativen Prozessen. Früher hieß der Spruch dazu: Die Revolution frißt ihre Kinder. Das Pendant dazu heute könnte heißen: Trends fressen ihre Setter.

Freudiges Ereignis

mak@muc.364.95.14:55

Minuten vorher hatte sich Kay Bieler, News- und Wirtschaftsreakteur von Europe Online, noch eine Menge Arbeit in der morgendlichen Themenkonferenz aufgeladen, plötzlich stand er in der Tür, deutlich mitgenommen. Gerade hatte seine Frau angerufen und ihm mitgeteilt, sie sei schon auf dem Weg ins Krankenhaus zur Entbindung ihres dritten Kindes. Das freudige Ereignis war eigentlich erst eine Woche später erwartet worden.

Kay war zwar in blitzschnell aus der Tür, trotzdem kam er 10 Minuten zu spät zur Geburt seiner Tochter Hannah: sieben Pfund schwer und kerngesund.

Wir beglückwünschen auf diesem Wege Kay und seine Frau allerherzlichst. Und der kleinen Hannah wünschen wir alles Gute für ihr junges Leben.

Es fällt in solch einem Moment auf, wie unabsehbar die Lebensnormalität eines Erdenbürgers ist, der im Jahr 1995 geboren wird, digital hin oder her. Aber das ging unseren Eltern zu analogen Zeiten auch nicht viel besser.

Sendepause

mak@muc.365.95.11:07

Jahresendstreß. Endlich, dank Feiertag, habe ich genug Zeit, meinen Umzug in die eigene Wohnung in Minimalumfang durchzuziehen. Da muß das Tagebuch zurückstehen.

Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 1-1996.


Der dritte und letzte Teil meines Digitalen Tagebuchs auf Europe Online von 1996.

Europe_OnlineColors

mak@muc060.96.12:32

Heute ist offiziell der Start des neuesten Magazins auf Europe Online terminlich festgelegt worden. Rechtzeitig zur CeBit wird am 14. März die Online-Ausgabe von „Colors“, dem Kultmagazin von Benetton online gehen.

Colors online ist eine Konzeption von Europe Online und wird von Christian Mießner (mee-z‘) in engster Kooperation mit der Redaktion von „Colors“ in Paris erstellt. (mee-z‘ wird so zum Weltenbummler zwischen Paris, Treviso und München!)

Die erste Ausgabe wird in Englisch und Deutsch erscheinen und ist ein Schnellschuß. Die zweite, ausgefeiltere Ausgabe startet im Mai und wird dann in den fünf Sprachen ins Netz gehen, in denen auch das Print-Magazin erscheint: englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch.

Hilarys Hair

mak@muc061.96.16:05

Eine haarige Angelegenheit. Da die amerikanische First Lady alle Nase lang ihren Haarschnitt ändert, kam dem Online-Manager Mike Miller (Vanguard Technology Group) die Idee, dazu eine eigene Web-Site zu kreieren. Dort sind sämtliche verfügbaren Frisuren von Hilary Rodham Clinton dokumentiert und man kann über die jeweils beste und schlechteste Haartracht abstimmen.

Die Site hat tolle Hits: Pro Woche zählt sie 10.000 und mehr Hits. – Und jetzt werden es wahrscheinlich noch mehr werden. Denn jeder geneigte Leser dieser Kolumne wird doch nun schnellstens auf http://www.hillaryshair.com linken. – Tschüß!

Internet-Muffel

mak@muc062.96.17:18

„Die Woche“ folgert aus der Verbreitung von Internet-Usern und der jeweiligen Bevölkerungsdichte, daß das Internet nur etwas für Kontaktarme ist. Die größte Verbreitung pro Einwohner hat das Net nämlich in Finnland (42 User pro tausend Einwohner), gefolgt von den USA, Norwegen, Australien, Schweden, Neuseeland und Kanada.

In Industriestaaten mit höchster Bevölkerungsdichte wie etwa Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Japan ist die Verbreitung weit geringer: 10 Anschlüsse pro 1000 Einwohner.

„Die Woche“, bekannt für ihre Internet-Allergie, schließt daraus, daß urbane Länder genug Alternativen für Live-Kontakte und Live-Unterhaltung bieten und so das Internet nicht brauchen (und lieben). Nur vereinsamte, weit voneinander wohnende Seelen wertschätzen demnach das Net.

Wie Statistiken immer wieder täuschen können: Ein Blick auf die Telefon-Technik und vor allem auf die -Tarife in den entsprechenden Ländern hätte schnell erklärt, warum in den verschiedenen Ländern verschiedene User-Dichte existiert.

Und wie erklären sich die Abertausende von Internet-Usern und Internet-Freaks an den wohl urbansten Stellen der westlichen Welt, wo unendlich viele Kontaktmöglichkeiten bestehen: in New York etwa, oder in Los Angeles etc.?

Hardware-Effekt

mak@muc063.96.22:42

Letzter Ausläufer des Umzugsstresses vom Anfang des Jahres. Endlich ist das Bücherregal geliefert und ist jetzt über das Wochenende mit der über die Jahre gesammelten Hardware bestückt worden. Der Muskelkater ist unausweichlich.

Immer wieder, bei jedem neuen Buch, jedem neuen Magazin, jedem neuen Paper, das peu a peu seinen Platz findet, beschleicht einen das Gefühl von Verstaubtheit. Und damit ist nicht der Staub gemeint, der die Bücher ziert…

Schon bald wird man sich über Hardware-Ansammlungen wie Bücherregale (und deren ökologische Bedenklichkeit) nur noch wundern, wo man sich doch genauso gut die Werke, wenn man sie nachlesen will, online als Hypertext ins Haus holen kann. Und nur so kann man mit entwickelten Search-Tools wirklich effektiv nach bestimmten Textstellen suchen. Heute gehen dazu noch ganze Sonntag-Nachmittage drauf.

Konzeption

mak@dus064.96.12:02

Und weiter geht die Präsentations-Tour von Europe Online. In Düsseldorf erwartet uns ein besonders interessiertes, technologisch wie kaufmännisch sehr versiertes Publikum. Vor allem aus den Werbeagenturen kommen sehr kompetente Werbefachleute, die zu unserem neuen (Online-)Medium eine Menge Fragen stellen. Es macht Spaß, den Dienst und das eigene Konzept auch gegen harte Fragen gut und locker verteidigen zu können.

So wenig Zeit wir Ende letzten Jahres hatten, das deutsche Internet-Konzept von Europe Online zu entwickeln, so sehr stellt es sich jetzt als Vorteil heraus, damals keine Zeit für jedwelche Verkomplizierung zu haben. Die Konzentration auf die vier wesentlichen Vorzüge der Online-Kommunikation als Basis-Säulen von Europe Online Deutschland bewährt sich:

1. Services Hier wird in nicht allzu ferner Zukunft viel Dienstleistungs-Convenience geboten sein. Online-Banking, -Shopping, -Transaction, Home-Ticketing, Home-Brokering, Home-Booking von Reisen etc. werden dann möglich sein. So interessant das klingt wird aber wahrscheinlich die Chance, bürokratische und verwaltungstechnische Unsäglichkeiten wie Formularbestellungen, Ummeldungen, Bestellungen, Terminvereinbarung etc. per Modem die ganz große Killerapplikation der Online-Services.

2. Kommunikation Online ist das erste Medium, das sein Publikum aus der Passivität des Medienkonsums entläßt und die Möglichkeit bietet, in Chats und Foren selbst aktiv zu werden. Das ist auch der Grund, warum Online-User so wenig fernsehen – aber viel lesen. Lesen ist stets ein aktiver Vorgang, der mindestens die Investition der eigenen Phantasie bedarf. Fernsehen dagegen ist unweigerlich Passivität. Die Fernbedienung simuliert nur Pseudoaktivität, denn per Zapping kann man nur zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Passivität wählen.

3. Aktualität Die dritte besondere Qualität der Online-Kommunikation ist die Aktualität. Die überdurchschnittlichen Zuwachsraten der Hitraten in der News-Sektion beweist, daß die Nachrichten-Aktualität einen ganz besonderen Reiz für viele User ausmacht. Online ist heute in der Aktualität Radio und Fernsehen zwar noch knapp unterlegen, aber dafür hat man die freie Wahl des Moments der Aktualität, man muß nicht auf bestimmte Nachrichten-Zeitpunkte warten, sondern bekommt minutenaktuelle Aktualität in dem Moment geliefert, in der man selbst online geht. (Reload z.B. bei unserem News-Ticker nicht vergessen, sonst drohen im Cache abgelegte – überholte – alte Nachrichten!)

4. Magazine Die Entertainment-Qualität der Online-Welt gilt es hierzulande noch zu entdecken – da ist man in den USA schon viel weiter. Das Konzept, auch online auf Magazine zu setzen, bewährt sich. Die Vertrautheit eines im Print wie im TV gleich erfolgreichen Formats macht den Usern den Zugang leicht. Seit dem Umbau der Magazin-Homepage und dem Teasen des jeweils aktuellen Magazins steigen auch hier die Hitzahlen exponentiell. – Später einmal wird man zu Magazinen vielleicht Websites sagen. Vielleicht wird es aber auch anders herum sein.

Direct Marketing

mak@bon065.96.15:05

Heute macht die „Roadshow“, die Präsentations-Show von Europe Online, Traxxx und Uni-Online Stop in Bonn. Das Interesse der ansässigen Behörden hält sich in frustrierend engen Grenzen.

Immer mal wieder werden Zweifel an unserem Preismodell von Online-Werbung auf. Dabei sind wir selbst im Vergleich mit den im Print üblichen Kontakt-Tausender-Preisen absolut günstig. Zudem sind die Kontakte per Userprotokolle konkret nachweisbar und jeder Kontakt ist freiwillig, d.h. der User steuert seine Seiten selbst aktiv an – und geht nicht raus zum Bierholen, wenn Werbung kommt.

Online-Werbung gleich in seiner Art dem Direct-Marketing. Entsprechend auch die Preis-Struktur. Jeder User hat die Möglichkeit, sich per Hyperlink zu Inhalten des Kunden weiter zu klicken, wo Image, Marke und Produkte optimal dargestellt werden können

Zugegeben: noch linken nicht sehr viele User direkt auf die Inhalte der Online-Werbetreibenden. Das liegt aber in erster Linie an der bislang üblichen, wenig attraktiven Werbung in Online-Diensten. Meist fehlt es schon an der Qualität der Grafik. Es fehlt an intelligenten, kreativen Werbekonzepten (und -Inhalten). Meist wird sogar vergessen, die Werbung möglichst oft grafisch zu wechseln, um wenigstens so Aufmerksamkeit zu erzeugen. – Hier gibt es noch viel zu tun…

Go sports

mak@muc066.96.14:37

Endlich ist in den Wirren der letzten Tage auch unser neues Sport-Magazin online gegangen: „Go Sports“. Tanja Leuschner, unsere Sportredakteurin hat ein wirklich attraktives Start-Angebot an Informationen und Gimmicks zu den Themen Fußball, Tennis, Formel 1 und US-Sports geschaffen.

Web-Designer Harald Taglinger, der für Konzeption, Programmierung und Grafik verantwortlich zeichnet, hat in Go Sports erste, witzige Hot Java-Applikationen implementiert. Schade, daß bisher nur User von Windows 95 in den Genuß der neuen Programmiertechnik kommen. Alle anderen sehen nur die statischen Elemente ausgesperrt.

ISDN (1)

mak@muc067.96.21:54

Man glaubt es kaum. Nach über sechs Wochen Wartezeit (angekündigt waren „höchstens 10 Tage!“) schafft es die Telekom, endlich einen ISDN-Anschluß in meine neue Wohnung zu legen. Aber deswegen kann ich noch lange nicht telefonieren – oder gar online gehen. Es ist kein Telefon mitgeliefert. Der Techniker staunt nicht schlecht, als er auf seinen Papieren die Notiz findet, daß er das Gerät eigentlich selbst hätte mitbringen müssen.

Es wäre auch allzu überraschend gewesen, wenn bei der Telekom mal gleich beim ersten Mal etwas einwandfrei geklappt hätte.

Übrigens: Nett war er, der Techniker von der Telekom, immerhin!

ISDN (2)

mak@muc068.96.19:56

Zwei Stunden sei er quer durch die Stadt geirrt, bis er ein ISDN-Telefon aufgetrieben habe, berichtet der Telekom-Techniker stolz, als er mittags endlich ein Telefon bringt. Es ist natürlich nicht das Gerät, das bestellt ist: ohne Funkeinheit und Anrufbeantworter, aber man kann nun wenigsten wieder telefonieren. Die Zeit der Überraschungsbesuche ist vorbei, wo unsere Freunde schlicht wie in alten Zeiten vorbeikommen mußten, wenn sie uns treffen wollten.

Am Abend stellen wir dann fest, daß nur einer der gewünschten ISDN-Buchsen wirklich funktioniert. In der zweiten Buchse hängen die Kabel wirr herum. – Telekom-Service wie man ihn kennt und fürchtet.

ISDN (3)

mak@muc069.96.17:46

Am Abend werden wir stutzig. Endlich ist das Telefon da, alle Freunde sind angerufen und über die neue Telefon-Nummer informiert – aber keiner ruft uns an. Das macht vor allem am Wochenende stutzig, wenn Zeit für die sozialen Kontakte am Hörer sind. Wir bitten schließlich Freunde, mal eben schnell zurückzurufen, um die Funktionalität des Apparats zu testen. – Sie erleben nur ein Besetztzeichen, sonst nichts. – Tiefster Frust.

Nach intensiver Lektüre der Bedienungsanleitung findet sich am Ende der Broschüre nach der wortreichen Anpreisung der verschiedenster Features der Hinweis, daß man seinem ISDN-Gerät erst einmal die neue Telefon-Nummer einprogrammieren muß, bevor das Gerät funktioniert.

Ich bin nun wirklich kein Freund von Nostalgie. Aber bisher war ich es gewohnt, daß der installierende Telefon-Techniker nach der Montage des Anschlusses einen Kollegen in der Zentrale anruft und sich von ihm zurückrufen läßt, um die Funktionalität von Gerät und Verbindung zu testen. Das scheint heute nicht mehr üblich zu sein. Von wegen Dienstleistungsoffensive der Telekom!

Dr. Faustroll

mak@tzg070.96.22:07

Von Aufarbeiten alter Zeitungsausgaben lese ich vom Tode von Jan Biczycki. Er starb 64-jährig an Krebs.

Jan Biczycki war nicht wirklich berühmt. Er hat etliche tolle (Neben-)Rollen in Filmen gespielt und einige hervorragende Inszenierungen (Theater, Operette) hingelegt. Der ganz große Durchbruch ist ihm, dem Schwager von Roman Polanski leider nie gelungen.

Mich erschüttert sein Tod, weil er einer der prägenden Menschen in meinem Leben gewesen ist. Er leitete die Regie-Klasse während meines Theaterwissenschafts-Studiums. Mit ihm schrieben und inszenierten eine Gruppe von 25 Studenten über zweieinhalb Jahre hinweg eine dreistündige Revue über das Fin de siecle. Konzipiert war die Inszenierung als großes Fest samt Essen und Trinken – und das Jahrzehnte vor der Erfindung des Gastro-Theaters ala „Panem & Circenses“. (Das Stück erlebte nur die Generalprobe und die Premiere, wurde dann wegen blasphemischer Anklänge abgesetzt. Am Premieren-Abend damals war zum unpassendsten Moment der Münchner Kardinal Döpfner gestorben.)

Jan Bizcycki hat uns Studenten damals mit unbeugsamer Geduld, wahnsinnig viel Temperament und unendlicher Energie gelehrt an uns selber, unsere Talente zu glauben und er hat unendlich viele, tief verschüttete Talente in uns freigelegt: Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn je zum Autoren geworden wäre. Auf jeden Fall habe ich es ihm zu verdanken, daß ich seitdem keine Scheu habe, öffentlich aufzutreten.

Danke Jan! Und um mit den Worten unseres Lieblingsautors Alfred Jarry zu sprechen: „Schreiße! Bei meinem grünen Kerzenständer!“ Und danke, daß mir ausgerechnet diesen Autor so nahe gebracht hast. Seine Anarchie, sein Chaos und seine hybride Wissenschaftlichkeit haben mich auf alle Fälle fit für diese Welt – und diesen Job – gemacht.

Ich zitiere aus Alfred Jarry „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker.“ (Zweitausendeins): „Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte, wie sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.“ – Man lasse diesen herrlich absurden Sätze auf der Zunge zergehen: Assoziationen zu unserer Welt, seinem Chaos oder auch soziologischen Analysen des Internet drängen sich auf. Geschrieben wurden diese Zeilen vor knapp 100 Jahren, ganz knapp vor dem letzten Jahrhundertwechsel…

Zu Tode informiert

mak@muc071.96.14:29

Der Spiegel titelt heute, passend zur Cebit mit einem Internet-Titel: „D@s Netz“. 42 (Anzeigen-)starke Seiten lang wird das Internet kompetent und für Spiegel-Verhältnisse ideologie- und vorbehalts-arm abgehandelt. (Die Online-Dienste Europe Online, Compuserve oder AOL werden namentlich kaum erwähnt, warum?)

Am Schluß des Sonderteils kommt dann doch der unvermeidliche Bedenkenträger zu Wort. Einmal mehr ist es der 74-jährige Science-Fiction-Papst Stanislaw Lem, der sich neuerdings gerne als Zukunfts- und vor allem als Internet-Pessimist geriert. Ohne je schlüssig in seiner Argumentation zu sein, kommt er zu dem Schluß: „Im 21. Jahrhundert können wir uns zu Tode informieren, und den Hauptverstärker haben wir bereits im Internet entdeckt. Es ist Mamas Liebling für das große Kapital.“

Alle Klischees unsachgemäßer Angstmache und linker Medienallergie in zwei kurzen Sätzen!

Wer hat Angst vor‘m Internet?

mak@han072.96.08:57

Meine Replik auf solch Internet-Angstmache und Online-Allergie habe ich schon vor ein paar Wochen in einem Artikel formuliert, der heute in der Cebit-Beilage der „Frankfurter Allgemeinen“ unter dem Titel „Wer hat Angst vorm Internet?“ erschienen ist:

1995 war das große Jahr es Internet-Booms. Die Steigerungsraten explodierten, die Medien berichteten, alle waren begeistert. – Als Gegentrend unken jetzt in Deutschland die Bedenkenträger. Sie mäkeln am Internet herum und finden seine Bedeutung überschätzt. 1996, das Jahr der Internet-Skepsis, der Internet-Angst? – Sehr zum Nutzen der Online-Welt. Sie wird sich im lebendigen Für und Gegen endgültig als Medium etablieren.

Die Schätzungen gehen auseinander. Die eine Studie errechnet 5,2 Millionen tägliche User des Internet, eine andere 6,5 regelmäßige User. Andere Untersuchungen sprechen von 26 Millionen gelegentlichen oder 45 Millionen möglichen Usern.

Welcher Zahl man letztlich glauben will, der Boom des Internet ist unbestritten. Die Steigerungsraten variieren zwischen 100 und 1000 Prozent. Zudem ist das Internet ein Medienphänomen. Keine Zeitschrift, kein TV-Magazin, das nicht ausführlich darüber berichtet hätte. Das Internet ist der Trend der Jahre 1995/96, vielleicht auch ein Hype.

Wie jeder wirklich starke Trend, der unsere Alltagswirklichkeit (bzw. Medienwirklichkeit) nachhaltig zu verändern droht, ruft er Widerstand auf den Plan. Journalisten, die anscheinend um ihre Jobs fürchten, schreiben ein ums andere Mal Artikel über Ekligkeiten wie Kinderpornos und Rechtsradikale im Netz. Gerade so, als gäbe es das in Magazinen, die auf Papier gedruckt sind, nicht auch. Politiker glauben sich mit Rufen nach Zensur im Internet profilieren zu können. Abgesehen davon, daß sie solch eine Forderung gegenüber der Presse nie wagen würden, wissen sie sicher nicht, wie wenig eine Zensur im Internet funktionieren kann (und soll!!!).

Pädagogen warnen vor Internet-Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Psychologen warnen vor einer drohenden Vereinsamung vor dem Computer-Screen. Sie übersehen dabei, daß Internet-User überdurchschnittlich wenig fernsehen und überdurchschnittlich viel lesen. Und nach einer Untersuchung in den USA (Quelle: USA today) gelten Internet-User als besonders familienorientiert.

Marketing-Fachleute warnen davor, daß erst in vielen Jahren Geld im Netz zu verdienen sein wird. Sie raten daher zu Zurückhaltung. – Sicher sind dieses und nächstes Jahr im Internet noch keine Reichtümer zu verdienen. Wenn aber schon bald digitales Geld und sichere Geldtransaktionen möglich sind, wird sich dieser – globale – Markt unglaublich schnell entwickeln. Dann ist es sehr fatal, wenn man bis dahin keine Online-Kompetenz aufgebaut hat. Denn dann sind die Claims längst abgesteckt.

Keines dieser Bedenken gegen das Internet ist total falsch oder aus der Luft gegriffen. Aber meist fehlt diesen Vorbehalten die nötige inhaltliche und technische Kompetenz. Sie stammen fast durchweg von Internet-Illiteraten, die weder das Netz noch seine Prozesse, Gesetzmäßigkeiten oder sein Potential kennen oder verstanden haben. Daher sind solche Warnungen vor dem Internet eher von Angst denn von Wissen um die Materie geprägt.

Diese Internet-Outsider haben die (berechtigte) Angst, daß sich mit dem Internet eine Welt entwickelt, die sich ihrem Verständnis, ihrem Einfluß und ihrer Kontrolle entzieht. Das Internet macht völlig neue, schnelle Karrieren möglich. Viele Online-Spezialisten, die früher als Technik-Freaks belächelt wurden, sind heute in Firmen hochangesehen und bekommen immer mehr Kompetenzen (und finanzielle Zuwendungen). Das weckt nicht zuletzt Neid.

Vor allem aber haben sehr viele der Bedenkenträger – wohl intuitiv – bemerkt, daß viele der alten, „bewährten“ Strukturen, überkommene Abläufe und vor allem viele der üblichen Macht-Riten in der Welt globaler Vernetzung nicht mehr funktionieren werden. Das Internet mit seiner urdemokratischen Form (jeder hat die gleiche Chance) und seiner ungeheuren Beschleunigung des Informationsflusses und der -geschwindigkeit sprengt all diese Raster. Das kann Menschen, die sich in althergebrachten Systemen wohlig eingerichtet haben, nicht gefallen.

Diese Klientel wird dafür sorgen, daß 1996 dem Internet-Trend ein Internet-Haß-Trend entgegenstehen wird. Den werden Journalisten und Manager dann genüßlich auskosten – und es wird das Internet und seine Verbreitung nicht aufhalten. Im Gegenteil, es wird helfen, das Internet endgültig zu etablieren. So wie bei der Einführung der Bahn körperliche Schäden durch die Geschwindigkeit prognostiziert wurden, beim Telefon (wie jetzt beim Handy) elektronische Bestrahlung befürchtet wurde oder mit der Einführung des Fernsehens der (kulturelle) Untergang des Abendlandes beschworen wurde. Wenn sich – meist sehr schnell – herausstellt, daß all diese Befürchtungen null und nichtig waren, stärkt das nur den Trend an sich und etabliert ihn fest im gesellschaftlichen Alltag.

Daß das Internet schon sehr bald, schneller, als alle denken, normaler Alltag sein wird, dafür sorgt nicht zuletzt die junge Generation, der die interaktive und individuelle Qualität dieses Mediums perfekt entgegenkommt. Dafür sorgen auch Menschen, die der Passivität des Medienkonsums per TV und Print entkommen wollen. Dafür sorgt die einfache Handhabung des Internet von zu Hause aus. Dafür sorgen eine immer bessere, einfacher zu bedienende Technik und immer interessantere Features (Ton, Bewegung, Animation etc.) im Internet.

Angst vor dem Internet muß wirklich nicht sein. Wer sich darauf nur halbwegs offen einläßt, entdeckt sehr schnell die Vorteile und Freuden, entdeckt die Faszination globaler Vernetzung. Und wer erst einmal die kommunikativen Möglichkeiten des Internet kennengelernt hat, ist fast immer zum „Netizen“, zum Netz-Bürger, bekehrt. Wir bei „Europe Online“ nennen unsere Präsentationen intern mit gutem Grund: „Infizierung“.

Hoher Besuch

mak@muc073.96.16:45

Bundespräsident Roman Herzog besucht das Haus Burda. Ein Gespräch mit den Chefredakteuren der verschiedenen Magazinen, Online-Dienste und TV-Sendungen des Hauses Burda geben die Möglichkeit, die besondere Qualität und vor allem den offenen Horizont, die beeindruckende Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit unseres Staatsoberhauptes real zu erleben.

Es gibt zu denken, einen Menschen und seine Gedankenwelt kennenzulernen, der im tiefsten Herzen positiv an das System der repräsentativen Demokratie glaubt – und das nicht aus trockener Systemgläubigkkeit, sondern aus einer sehr realistischen Menschenkenntnis heraus.

Herzog macht in seiner Tischrede beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen Mut für die vielfältigen Online-Aktivitäten des Hauses Burda. Er hält aber nicht mit seiner Skepsis hinter dem Berg, daß seiner Meinung nach ein Mehr an Informationen noch lange nicht bessere Informationen seien.

Ich verstehe solch kritische Anregungen als hilfreiches Argument für die journalistische Ausrichtung von Europe Online. Wir müllen unsere User eben nicht mit einem ungefilterten Mehr an Informationen zu, sondern wir wählen aus, werten und unterfüttern alle News mit passenden Zusatzinformationen (aus dem Net). Wir verstehen uns so als Navigatoren in der Informationsflut. Der Newsbereich bietet dabei tagesaktuelle Navigation, die Magazine themenaktuelle Navigation.

Dienst&Leistung/ISDN (4)

mak@muc074.96.23:57

Schon beim Besuch des Bundespräsidenten war die Titelstory der aktuellen Newsweek-Ausgabe Thema: „The German Disease“. Die Beschreibung unserer wirtschaftlichen Krise mündet hier in eine wenig schmeichelhafte Analyse grundsätzlicher, gesellschaftlicher Unzulänglichkeiten des deutschen Industrie- und Wirtschafts-Systems. Am Ende des Industriezeitalters drohen wir ins Abseits zu geraten, weil wir unfähig oder unwillig sind, technologisch innovativ zu sein und/oder eine funktionierende Dienstleistungsgesellschaft zu etablieren.

Hört ein Deutscher den Begriff „Dienstleistung“ denkt er unwillkürlich an „ausländische Mitbürger“. Vielleicht ist es schon allein der Begriff „dienen“, der die Akzeptanz von „Dienstleistung“ in Deutschland so schwierig macht.

„Newsweek“ zitiert genüßlich einige besonders herbe Fälle typisch deutscher Dienstleistungs-Verhinderung wie etwa die Ladenschlußgesetze, die für amerikanische Verhältnisse wirklich der reinste Horror sind. „Newsweek“ prangert auch individuelle Beispiele aktiver Kundenfeindlichkeit an. Krassestes Beispiel: eine Verkäuferin eines mondänen Modeshops wirft eine (amerikanische) Kundin aus dem Laden, weil sie nicht brav „Guten Tag“ gesagt hatte.

Apropos Kundenfreundlichkeit: das versprochene Telefon von der Post ist immer noch nicht da, der Monteur ist auch nicht mehr aufgetaucht und hat seine Arbeit immer noch nicht zu Ende gebracht. Er ist weder telefonisch erreichbar noch reagiert er auf Faxe, in denen er an die Mängel erinnert wird. (Eine Fortsetzung der never ending story namens „Telekom“ folgt garantiert)

Bye, bye Liz!

mak@muc075.96.11:12

Unsere Redaktionssekretärin Liz Dirgins hat Ihren letzten Arbeitstag. Sie zieht es in Ihre zweite Heimat, nach Amerika, genauer gesagt nach Washington. – Schön für sie, schade für uns.

Ihre stets prächtige Laune und ihre effektive und unaufwendige Art Probleme aus dem Weg zu räumen oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, hat uns in der harten, stressigen Startphase extrem geholfen.

Egoistisch besehen: für uns ein Stück Lebensqualität weniger. Altruistisch gedacht: Viel Glück Liz, und alles Gute! – See ya, hear ya, mail ya…

Diskurs-Techno

mak@muc076.96.01:54

Die taz hat in der gestrigen Ausgabe einen völlig neuen Begriff geprägt: „Diskurs-Techno“. Anlaß waren zwei CDs mit Techno- und Ambient-Klängen mit und zur Ehre des im letzten Jahr verstorbenen Philosophen Gilles Deleuze.

Der Begriff klingt fürchterlich, bringt aber die Entwicklung digitaler Sampling-Musik in der Erbverwaltung von Techno ganz gut auf den Punkt. Von einer reinen, sehr repetitiven Tanz-Animation hat sie sich längst zu einem weit ausdifferenzierten Musik-Genre ausgewachsen, das auch weites, komplexe musikalische Erzählstrukturen wagt.

So entstand ein Genre, das noch auf einen passenden Terminus wartet. Die Begriffsverwirrung dokumentiert sich sehr eindrucksvoll in den Plattenläden. Jeder subsummiert die einschlägigen Platten unter verschiedenen Begriffen. Die einen katalogisieren ihre Cds unter Techno, andere unter Dance oder unter House, unter Ambient, unter Black & Dance oder Elektronik. Ich habe auch schon unter New Age, Jazz oder (besser!) Ambient Jazz CDs mit (reichlich un-jazzigen) digitalen Sounds gefunden.

Mein Vorschlag: der Begriff „Sampling“. Unter ihm passen alle digital produzierten Musikwerke, von härtesten Tanzrhythmen bis zu meditativen Klanglandschaften.

Aktueller Anlaß dieses Tagebucheintrages sind meine dieses Wochenende bevorzugten CDs. Die neuesten Releases von „System 7“, von „Bionaut“ und „Underworld“.

Colors Online

mak@muc077.96.08:57

Und wieder geht ein neues Online-Magazin von Europe Online Deutschland auf’s Netz: „Colors Online“. Die Online-Version des von Oliviero Toscani für Benetton konzipierten Magazins, ist im ersten, schnellen Entwurf in zwei Sprachen umgesetzt: Deutsch und Englisch. Die nächste Ausgabe (im Mai) wird auch in Italienisch sein. (Französisch und Spanisch folgen später.) Colors Online ist nicht nur deshalb ein wahrhaft europäisches Produkt. Produziert wird es als Magazin in Paris und Treviso (Italien), online gebracht von Christian Mießner in München.

Thema der ersten Ausgabe: „War/Krieg“. Kein leichter Stoff. Colors hat zu dem Thema eine Menge eindringlicher Dokumente und Fotos zusammengetragen und wirklich starke Stories und Ideen zu dem Thema entwickelt. Es war nicht leicht, die optische Kraft online adäquat umzusetzen. Wir haben uns für einen Mittelweg von optimaler Wirkung und aushaltbaren Ladezeiten entscheiden.

Die erste Ausgabe ist weitgehend eine 1:1-Umsetzung des Print-Magazins. Wir haben noch einige Stories ergänzt, bringen aktuelle „Kriegs-Nachrichten“ von den verschiedenen Krisenherden und Kriegsschauplätzen dieser Welt und haben einen eigenen Chatraum für Colors-User eingerichtet. Er soll möglichst bald ein internationaler Treffpunkt junger, engagierter Menschen werden.

Für die nächsten Ausgaben werden eigene Online-Stories entwickelt werden, die dann die gedruckte Ausgabe optimal ergänzen.

Wir sind sehr stolz, solch ein hochqualitatives und attraktives Magazin online bringen zu dürfen. – Just click for Colors!

Internet-Kosten

mak@muc078.96.10:22

Das Internet kostet Geld. Die User ebenso wie die Produzenten von Websites. Forester Research in Cambridge (Mass.) haben die durchschnittlichen Preise für Websites in den USA ermittelt. Eine normale Website für Promotionszwecke kostete 1995 demnach durchschnittlich 206.000 $ im Jahr. Eine Site mit Content, also zum Beispiel Magazine, News-Sites etc. kam auf ca. 893.000 $ pro Jahr. Am teuersten war es, wenn man im Web Transactions, also Shopping, Banking oder Pay per Click bieten wollte. Dafür mußte man 1995 2,8 Millionen $ pro Jahr rechnen.

Forester Research rechnet aufgrund der steigenden Nachfrage nach Websites und des steigenden Verkehrs im Internet mit rapide steigenden Kosten. Promotion-Sites werden sich nach Schätzungen von Forester Research bis 1997 im Preis rund verdreifachen, auf ca. 681.000 $ pro Site und Jahr. Content-Sites werden 1997 rund doppelt so teuer sein wie 1995: 1,8 Millionen $ pro Jahr. Transaction-Sites werden sich pro Site und Jahr auf 4,2 Millionen $ steigern.

Diesen fulminant steigenden Kosten stehen natürlich 1997 auch erheblich höhere mögliche Einkünfte gegenüber. Bis dann wird es e-cash geben, wird das Internet sicher für Geldverkehr werden und bis dahin dürfte auch genug intelligente Software entwickelt sein, die brauchbare Einkünfte aus Content-Providing und Werbung möglich machen.

Internet-TV

mak@muc079.96.14:47

In den Vereinigten Staaten startet im April die erste TV-Serie zum Thema „Internet“, Titel: „Live in the Internet“. In 13 aufeinanderfolgenden Dokumentarfilmen wird gezeigt, wie das Internet von verschiedenen Menschen genutzt wird und wie sich ihr Leben dadurch verändert (hat). Gesendet wird die Filmreihe im Public Broadcasting System, Sponsor der Serie ist Sun-Microsystems.

Mal sehen, wann sich eine TV-Anstalt in Deutschland bequemt, diese Sendung zu übernehmen oder etwas Ähnliches selbst zu entwickeln.

Wir warten inzwischen auf die Idee einer ersten Reality-Soap-Opera zum Thema Internet. Arbeitstitel in Deutschland: „Gute Zeiten, digitale Zeiten…“.

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