Digitale Realsatire

19. Januar 2010


Süddeutsche Zeitung: Kein Abschied von alten Denkmustern

Es geht doch nichts über gelebte Realsatire. Jüngstes Beispiel: die Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar. Da stand ganz oben im Wirtschaftsteil doch tatsächlich mal ein ausführlicher Kommentar zum Digitalen Business. Eine Rarität so etwas in der SZ.

Der Inhalt: Den Werbeagenturen wird wortreich vorgeworfen, nicht (mehr) kreativ zu sein, vor allem nämlich den Trend zu den Social Media verschlafen zu haben. Zitat: „Allerorten wird getwittert, geskypt und gebloggt – doch bisher gab es kaum tragfähige Konzepte, wie Unternehmen diese neuen Kommunikationskanäle sinnvoll nutzen könnten.“

Was für eine Mühsal, ich musste dieses Zitat tatsächlich Wort für Wort von der Print-Ausgabe abtippen. (Ja ich habe noch ein Abo, aber eher aus Solidarität denn aus Bedarf.) Die Süddeutsche hat diesen Kommentar jedenfalls nicht online gestellt. (Deshalb leider kein Link.) Dabei geht es doch hier um genau dieses Business.

Und während man den Werbeagenturen vorwirft, „den wichtigsten kommunikativen Trend des 21. Jahrhunderts verschlafen zu haben.“, hat die Süddeutsche nicht verstanden, wie Kommunikation im 21. Jahrhundert funktioniert: Texte werden online gestellt, damit darüber kommuniziert werden kann, dass ein Diskurs über den Inhalt entstehen kann. Vor allem wenn schon das Online-Business selbst Thema ist.

Der Hohn ist angesichts dieser Ignoranz dann auch noch der Titel des Kommentars: „Kunst der Kommunikation – Viele Werbeagenturen müssen sich von alten Denkmustern lösen“. Da sind dann zwei (zu Recht!) kränkelnde Branchen in ihrer Unfähigkeit solidarisch vereint. Werbung und Print-Business.

Vielleicht schämte man sich aber auch bei der Süddeutschen ein wenig über den Kommentar. Denn er war voller Fehler und Unterstellungen. (Und noch mal geht’s ans Abtippen:) „Manche große Agentur hat nicht einen einzigen Social Media-Experten in ihren Reihen – geschweige denn ein Konzept, wie ihre Kunden diesen Bereich in ihre Kommunikationsstrategie integrieren können.“

Was habe ich eigentlich die letzten 18 Monate gemacht? Eigentlich nichts anderes, Beratung in Sachen Social Media. Einiges wurde auch umgesetzt. Vieles ist noch in der Pipeline. Und einige Firmen haben – zu Recht – einen Riesen-Respekt vor diesem Thema. Online und Social Media wollen gelernt sein. Ich komme auch gerne zur Süddeutschen und helfe da aus.

P.S.: Mein Leserbrief (Mail!) ist natürlich unbeantwortet geblieben…

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Flache Hierarchien

17. Januar 2010


Mehr Unsicherheit und breitere Armut

Das Internet baut Informations- und Macht-Hierarchien ab und damit viele, alte Vertriebs- und Rendite-Strukturen.

Bildlich kann man sich die verschiedenen Hierarchie-Typen gut als Pyramide vorstellen. Einst waren sie hoch und steil. Es gab verschiedene, klar unterscheidbare Schichten.

Werden die Hierarchien flach, wird diese Pyramide von oben her in die Breite gestaucht. Das sieht auf den ersten Blick sehr schön aus. Die Distanz zwischen Oben und Unten wird deutlich geringer, die verschiedenen Schichten dazwischen verschwimmen und lösen sich auf. Das alles wird durchlässiger.

Das Bild kann man aber auch anders sehen. Die unterste Basis wird in die Breite gedrückt. Das heißt, der untere Rand der Gesellschaft wird größer. Und die massive einstige Mittelschicht wird nach unten und in die Breite gestaucht. Schon in diesem Bild sieht man die Auflösung der Mittelschicht.

Und da der Abstand zwischen Oben und Unten kleiner geworden ist, wird auch die Angst derer oben, nach unten durchgereicht zu werden, größer.

Aus diesem Bild sieht man sehr gut die Chancen und Probleme der digitalen Gesellschaft. Es wird alles durchlässiger, und die Chancen werden größer (oder breiter), aber zugleich schwindet die Mittelschicht und die Risiken werden größer.

Unsere Gesellschaften haben sich aus steil hierarchischen Systemen entwickelt. Die Umstellung auf flache, breite Hierarchien ist schwierig, risikoreich und oft unangenehm. Kein Wunder, dass die (Phantom-?)Schmerzen so verbreitet sind und die Widerstände vor allem derer, die viel zu verlieren haben, so massiv sind.

Das wird uns noch bis in die Zeit begleiten, in der die Digitalität Normalität und Selbstverständlichkeit ist. Also die nächsten fünf bis zehn Jahre.

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