Warm Turkey

30. Juni 2015


Wenn Medien-Entzug zum Vergnügen wird

Ich bin auf Entzug. Multiplem Entzug. Nur bedingt freiwillig. Inzwischen aber gutwillig – und mit guter Laune. Los ging’s mit dem – nur teilweise freiwilligen – Entzug der Tageszeitung, in diesem Fall der Süddeutschen Zeitung. Teils war der streikbedingt, teilweise langen Absenzen von zu Hause geschuldet. Meine Abenteuer rund um mein Abo der Süddeutschen Zeitung habe ich hier in diesem Blog ausführlich beschrieben – samt erhellenden Kommentaren vom Digitalchef der Süddeutschen, Stefan Plöchinger.

Inzwischen bin ich Abonnent der Digitalausgabe der Süddeutschen. Nun gut, jeden zweiten Tag vergisst die Site mein Login, aber mit einem Klick kann  ich dann meist wieder weiterlesen. Nur noch freitags und samstags kommt die Printausgabe ins Haus. (Das klappt nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch.) Kein gutes Geschäft für die Süddeutsche, denn diese Kombi kommt billiger als das Voll-Abo. Der Effekt des Schwenks zur digitalen Ausgabe: Ich lese weniger. Dafür kann die Süddeutsche nichts, vor allem die Wochenendausgabe ist wirklich klasse.

Aber so weit ich vom Digital Native altersbedingt entfernt bin, die vielen Jahre Onlinekommunikation – 20 werden es dieses Jahr! – haben ihre Wirkung hinterlassen. Meine Medienrituale – oder wie der britische Digital-Anthropologe Daniel Miller es nennt: meine Mediatisierung – hat sich spürbar verändert. Zu ungunsten der überkommenen Medien.

Jede Kommunikation ist mediatisiert

Ein Artikel in der Zeit über Daniel Miller und seine weltweite qualitative Sozialforschung zu Facebook, Twitter, WhatsApp Instagram & Co. hat diesen Wandel sehr gut beschrieben: „Jedes persönliche und direkte Gespräch ist mediatisiert, es folgt impliziten Regeln und Konventionen.“Das ist im digitalen Umfeld nicht anders: „Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert.“ Sein wissenschaftlich untermauertes Resumé zu den Digital Natives: „Technik macht sie glücklich.“ – Ja, tut es – mehr oder weniger – auch bei mir.

Der Vorteil der Zeitung, ob digital oder nicht, ist, dass man selbst bestimmen kann, wann man sie lesen will. Das aber ist beim TV nicht der Fall. Entsprechend ist mein TV-Konsum ausgedünnt. Er geht in championsleague-freien Zeiten inzwischen gegen Null. Obwohl, die letzten Partien habe ich mir sowieso per Streaming angesehen. Das Ende von festgelegten Präsenzzeiten vor dem TV erlebe ich nicht als Entzug, sondern als Befreiung. Krimis langweilen mich, Talkshows lösen Panikattacken bei mir aus…, Was mich interessiert – ein paar Dokus oder die „Anstalt“ vielleicht – sehe ich mir an, wann ich will. In der Mediathek.

Leapfrogging in Realtime

Das Internet bietet einfach zu viele Attraktionen per Video. Grandiose Musikvideos, Vorträge (nicht nur bei TED), Fortbildungskurse, Dokumentationen gibt es en masse bei YouTube & Co. Hinzu kommen Serien bei Amazon Prime (Bosch, The Man in the High Castle) und Netflix. Und für die guten Tipps, was anzusehen lohnt und was angesehen  werden muss, sorgt die Medienkompetenz meiner Freunde bei Facebook und Twitter – allesamt medienaffine Menschen mit erfrischend kontroversen Interessen und breiter politischer Ausrichtung. (Zugegeben, politisch rechts ist gewollt eine breite Lücke.)

Bei meiner Reise zuletzt nach China war ich gezwungenerweise auch Facebook- und Twitter-abstinent. Beides ist ja in China zusammen mit allen Google-Diensten gesperrt. Auch hier, keine großen gefühlten Defizite. In China vermisst im Alltag ja sowieso keiner diese Dienste, weil es adäquate, oft bessere, passendere – und staatlich kontrollierte Angebote in China gibt. Den Effekt konnte ich gut live miterleben. Das Leben ist dort schon weit selbstverständlich digitaler als bei uns. Und das nicht nur bei jungen Menschen. Leapfrogging in Realtime. – Und ich bin kein Frosch und hüpfe mit.

Die Lehre der Leere

Zurück in Deutschland hat mein kontinuierlicher Entzug herkömmlicher Medienzufuhr durch den Streik der Briefträger weiter an Dynamik gewonnen. Seit drei Wochen ist nun unser Briefkasten schon konsequent leer. Und das ist gut so. Zum einen, weil ich als langjähriger Briefträger (zu Schul- und Unizeiten) deren Ausstand nur gut heißen kann. Zum anderen, weil man so erlebt, dass man es so auch gut ohne den gedruckten Spiegel aushalten kann. Gut für mein Zeitmanagement, schlecht für das Print-Business, dem ich schließlich die ersten zwei Jahrzehnte meiner Berufskarriere zu verdanken habe.

Vor allem aber lehrt der leere Briefkasten, wie sehr sich mein Kommunikationsfeld ins Digitale verschoben hat. Das Leben geht auch ganz gut ohne Post weiter. Herrlich, drei Wochen ohne Postwurfsendungen, ohne Werbung, ohne sonstigen Schmarrn. Gut, ein paar Steuerunterlagen sind verschollen, auch Auftragsbestätigungen. Das kann noch ärgerlich werden. Mal sehen, ob das Finanzamt auch höhere Gewalt (= Streik) anerkennen wird. – Und gespannt bin ich, wann der riesige Berg an Post, der in irgendwelchen Postlagern rumgammelt, angeliefert wird. Und wie? Per LKW?

Begleitete Verflachung und Verdummung

Wie geht es jetzt eigentlich Amazon? Ich bestelle dort nun gar nichts mehr. Dies auch aus erziehungstaktischen Gründen. Entweder wird aus Amazon eine verantwortungsvolle Firma mit Steuerzahlungen, adäquaten Löhnen – oder die Geschäfte in meinem Umfeld werden weiter von meiner Amazon-Abstinenz profitieren. Ich spüre auch hier fast keinerlei Mangelerscheinungen. Das ist Entzug auf die bequemste und irgendwie angenehme Art. Warm turkey statt cold turkey.

So verläuft meine Entwicklung zum Digital Adaptive in Riesensprüngen vorwärts. Den Einflüssen von Old School-Ritualen wie Streik sei dank. Und auch, weil die Medienlandschaft so spürbar und rapide verflacht. Welch Irrtum, im Digitalen nur in krampfhaft erzeugten Klick-Fantastilliarden zu denken. Man kann Clicks auch durch Leistung und Haltung erzielen. VOX, Mic, Vice, Mashable und andere in den USA machen es vor. Jürgen Habermas hat nicht so unrecht, wenn er wie zuletzt in der Süddeutschen schreibt: „Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.” Begleitete Verflachung und Verdummung, sozusagen. – Schön, dass ich da nicht mehr mittun muss. Warm turkey.

Digital Regressives

7. Juni 2010


Der Machtkampf zwischen Kapital und Digital

Es gibt sehr nette Menschen in dieser Welt. Peter Wippermann gehört fraglos dazu. Er hat nicht nur das Trendbüro Hamburg gegründet und das ZEIT-Magazin schöner gemacht, vor allem aber sorgt er mit seinen so passgenauen Trendanalysen dafür, die Gegenwartskultur und ihre Wandlungen besser zu verstehen. Außerdem ist er ein hervorragender Vortragsredner und Professor. Wir kennen uns u.a. aus der Jury des Multimedia Annuals.

Peter Wippermann

In seinem neuesten Artikel über „Flow.Control“ unterscheidet Peter Wippermann anlässlich des 15. Trendtags sehr treffend die diametral gegenüberstehenden Gruppen der „Digital Residents“, die Internet und Digitale Kultur genießen und wie selbstverständlich nutzen, und die „Digital Visitors“, die vom Internet zwangsbeglückten, die die Digitale Welt vielleicht noch zur eigenen Bequemlichkeit nutzen wollen, aber sich nicht mit den veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen einer Digitalen Welt anfreunden wollen.

Wie gesagt, Peter Wippermann ist ein netter Mensch. Denn statt Digital Visitors, hätte er die Gruppe der leise (bis laut) das Internet verfluchenden Menschen auch Digital Regressives nennen können. Zitat Wippermann: „Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. … Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts.“

Der Flaschenhals hat das Sagen

Das nicht kleine Problem in unserer Gesellschaft ist nun, dass ausgerechnet der Flaschenhals das Sagen hat. Die Digital Regressives sind die Generation der Entscheider. Und sie haben auf dem Weg dorthin geschuftet und sicher auch gebuckelt, oder sagen wir: doofe Chefs aushalten müssen. Und jetzt soll der Aufwand ganz umsonst gewesen sein? Jetzt sollen die Gesetze der digitalen Netze gelten? Plötzlich sollen alle alten Regeln außer Kraft gesetzt sein? Jetzt soll nicht mehr von oben nach unten entschieden werden dürfen? Jetzt soll man Kunden pampern statt sie wie früher per TV-Spot zum Kauf von Pampers zu hypnotisieren?

Wie soll diese Entscheider-Generation sich für so etwas begeistern? Im Gegenteil. Statt wenigstens langsam in die digitale Gegenwart zu steuern, wird lieber kraftvoll gegen gehalten. Bis hin zur Regressivität halt. Perfekt auf den Punkt gebracht hat diese Haltung Eric Schmidt, CEO von Google, in einer Antwort auf eine Frage von Jeff Jarvis, dem Autoren von „Was würde Google tun“, wann denn die übrigen Branchen den Weg ins Digitale Business gehen würden wie Google es schon getan hat.

Veränderung ist Risiko

Eric Schmidt argumentiert, dass das große Geld, das Kapital und die Menschen, die darüber entscheiden, nicht in Richtung einer Digitalen Welt gehen und lieber traditionelle, also überkommene Methoden bevorzugen. Dafür konstruieren sie im Zusammenspiel mit den ebenso wenig an Änderungen interessierten politischen Entscheidern regulatorische Hürden, die Veränderungen schwierig bis fast unmöglich machen. Seine Begründung: Das große Kapital und die, die die Macht haben, scheuen jede Veränderung, weil diese stets Risiken für sie bergen. Sie können so nur verlieren, nicht gewinnen.

Das Worst Case-Szenario für die Zukunft ist daher ein Kampf der Digitalen Kultur mit seinen niedrigen Hierarchien, mit seiner Macht der Netzwerke und ihrer Millionen, ja Milliarden von Mitgliedern und seinen ungeregelten Freiheiten einerseits und den Digital Regressives mit ihrer Macht, dem Zugang zu denen, die die Regeln machen und dem großen Geld andererseits.

Eine Folge von Krisen und Desastern

Das hieße, dass es ein zäher und schmerzvoller Prozess auf dem Weg zu einer Digitalen Welt wird, der sich in einer immer dichter werdenden Folge von disruptiven Ereignissen, also von Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüchen und Desastern darstellen wird. Firmen werden so lange alte Strukturen zu verteidigen suchen, so lange noch auf herkömmliche Weise Geld zu verdienen ist. Zur Tarnung – und zur Verlängerung dieser Frist wird man sich digital geben, ohne es wirklich zu sein.

Diese Auseinandersetzung erleben wir schon heute permanent. Die seltsamen Änderungen der Datenschutzrichtlinien bei Facebook, das ist nicht zuletzt ein Kotau vor den alten Regeln der manipulativen Werbung. Das beruhigt die Geldgeber und Investoren und ihr digital regressives Denken. Die Aktionen einer Verbraucherministerin Aigner, die passen hier genauso gut ins Muster. Und wir werden noch viele ähnliche – traurige – Episoden gleicher Machart erleben.

Die Alternative dazu wäre die Einsicht, dass sich Dinge irgendwann ändern werden, unaufhaltsam. Spätestens dann, wenn die Digital Natives das Sagen haben. (Das dauert aber noch.) Vielleicht werden sich die Digital Natives auch viel besser an die schnelle Folge von Krisen und Desastern gewöhnen – und mental damit relativ problemlos klar kommen. Besser als die Visitors mit ihrer analogen, hierarchischen Denke.

Digital Assimilates

Und ob nun aus besserer Einsicht oder notgedrungen, am Ende werden die Digital Visitors ihre Aversion und Allergie gegen das Internet und die Digitalität aufgeben und die neue Offenheit, die neue Geschwindigkeit und die neuen egalitäreren Machtverhältnisse lernen (müssen). Wenn das Geld keine Chance mehr hat, sich erfolgreich an Überkommenes zu klammern und sich so zu mehren, spätestens dann wird ein Wechsel denkbar, weil nötig.

Dann werden aus den Visitors zwar keine Digital Natives, sondern bestenfalls Digital Assimilates. Aber spätestens dann könnte sich dann auch das große Geld an die neue digitale Welt gewohnt haben. Denn dann birgt sich hier kein Risiko mehr.

Die neuen Gut-Menschen

10. März 2010


Facebook –  alles viel zu nett hier?

Ein Blick auf die Riege meiner Freunde auf Facebook. Alles so nette Leute! Kein Wunder, sind ja meine Freunde! Aber im Ernst, so weit man rum kuckt, was immer man liest, alles ist nett, interessant und oft genug überraschend und anregend. (Na ja, fast alles – ich mag Farmville & Co. nicht.) Ich werde den Eindruck nicht los, dass Facebook ein Tool ist, das auf eine ganz kuriose Weise die eher angenehmere Art jedes Menschen zum Vorschein bringt. Es macht nicht bessere Menschen aus uns, aber – mal mutig formuliert – es bringt unsere gute Seite zum Klingen.

Wer kennt das nicht? Eine der eher früheren Erfahrungen in meinem Leben war, wie sehr sich Freunde mit wechselnden Partnern ganz verschieden entwickelten. Mit der einen Freundin waren sie arrogante Dödel, mit der anderen fiese Möppe – und dann plötzlich erlebten sie eine Bekehrung auf ihre beste Seite – mit einer anderen Flamme an der Seite. (Nicht alle sind dann bei der geblieben, komisch!) Es gibt einfach Menschen, die bringen einen dazu, auf der Bandbreite menschlicher Qualitäten, die einem mit in die Wiege gelegt worden sind oder später mühsam dazu erworben sind, die Juwelen, Kristalle und Gemmen zu zeigen, und nicht die dunklen Brocken, das Kryptonit oder andere Giftstoffe.

Und jetzt gibt es eben eine Plattform im Internet, die Ähnliches schafft. – „Ja, ja!“, winken die Facebook- und Web 2.0-Miesepeter da sicher gleich ab. „Alles Heuchelei, alles nur Fassade! Denn wer will denn vor aller Welt seine dunklen Seiten ins Schaufenster stellen.“ Und dann geht es mit den üblichen Vorurteilen und Bedenken weiter: Wenn man dort was Falsches postet, dann begleitet einen das sein ganzes Leben. Arbeitgeber haben nichts Besseres zu tun, als  gnadenlos so lange im Netz zu recherchieren, bis irgendein belastendes Foto zu finden ist. Das falsche YouTube-Video oder die falsche Mucke empfohlen und schon entlarvt man sich psychologisch als labil oder geschmackstechnisch als untalentiert.

Facebook = Digitale Bigotterie?

Ich liebe solch Kritik und Skepsis von Menschen (not!), die kaum selbst mal richtig in die Sozialen Netze reingeschmeckt haben, ganz zu schweigen, dass sie sich ernsthaft darauf eingelassen und vielleicht sogar so etwas wie digitale Euphorie zugelassen haben. Die wollen vielleicht einfach nicht, dass Facebook ihre guten, schönen, sympathischen, netten Seiten betont. Schränkt ja auch sehr ein, zugegeben. Ich jedenfalls finde es eine echte Befreiung, meine positive Seite zu zelebrieren.

Das alles hat mit Heuchelei oder digitaler Bigotterie nichts zu tun. Ein faszinierendes Phänomen ist, dass Netzwerke automatisch dazu neigen, gute Stimmung zu verbreiten. Während es in analogem Ambiente wie S-Bahnen, Warteräumen, Büros oder Kneipen durchaus gelingen kann, eine ganze Fahrt, einen ganzen Tag oder einen ganzen Abend lang nur zu mosern, zu klagen und schlechte Stimmung zu verbreiten, funktioniert das in Netzwerken so gar nicht. Stimmungsmuffel und Miesepeter haben hier auf die Dauer keine Chance. Sie vereinsamen schnell. (Hide-Button sei dank!)

Gerade Facebook ist eigentlich eine einzige große Überraschungs-, Wunder- und Lernmaschine. Dort (und natürlich auch bei Twitter) werden die außergewöhnlichen Momente mit den Freunden geteilt. Fotos, Videos, Links, Ideen, Aphorismen und Sinnsprüche. In den besten Fällen entwickeln Facebook-Poster eine ihnen eigene Poesie in ihren Texten und Fotos. Andere setzen witzige Akzente, wieder andere sind echt euphoriebegabt. In langen Kommentarketten entstehen im besten Fall regelrechte Satire-Perlen – oder auf der ernsten Seite echt hilfreiche Initiativen. Wenn das eine Vorahnung davon ist, wie eine künftige Kultur und der Umgangston der Digital Natives aussehen könnte. Wunderbar.

Die wundersame Welt der Digitalität

Eine andere Sorge formuliert aktuell der Elektrische Reporter im ZDF. In seiner Folge über Digitale Identität wird sich um das Wohlbefinden des hybriden Menschen in sozialen Netzwerken gesorgt. Welche Aspekte seiner vielen Seiten soll ein moderner Mensch aus seiner widersprüchlichen Mixtur von gesellschaftlichen Rollen auf Facebook zeigen? Eine kuriose Sorge. Es macht gerade den besonderen Charme einer Facebook-Identität aus, wenn diese vielschichtig und speziell ist, gerne auch widersprüchlich. Welch ein Irrtum, wenn man Authentizität mit einem monolithischen, vermeintlich klaren Persönlichkeitsbild verwechselt. Oder was für eine kuriose Sorge, dass bei Facebook die „Trennwände zwischen unseren Identitäten“ einstürzen.

Abgesehen davon, dass hier Rollen mit Identitäten verwechselt werden, wird hier überholtes und seit je nur künstliches ein Menschen- und Identitätsbild gezeichnet, wie es die Werbebranche seit Jahrzehnten als Karikatur der Wirklichkeit entwickelt hat. Der vielbesungene Gourmet, der auch mal zu McDonald geht. Das Fashion-Victim, das auch mal bei H&M einkauft. Das waren künstliche Pappkameraden, die – durchaus erfolgreich – an die werbende Industrie verkauft wurden. Aber das korrelierte nie so recht mit den Erkenntnissen aus der aktuellen Psychologie, Sozio-Psychologie oder mit modernen Identitäts-Theorien. Und das charakterisierte wohlgemerkt Menschen in analogen Zeiten und Welten.

Wie das einmal – und diese Zeit kann schon sehr bald losgehen – in einer digitalen Welt aussehen wird, das kann man heute nur in Ansätzen erahnen. Keine Angst, es wird nicht übermäßig cyberhaft aussehen. Das gerade lassen Facebook und Twitter heute schon erahnen. Da herrscht keine TRON-hafte Kälte und keine Cyberpunk-Düsternis, sondern eher erfrischende Offenheit, Konstruktivität und kraftvolle Kreativität. Immerhin erkennt auch der Elektrische Reporter, dass widersprüchliche Menschen nicht mehr in ihrer Widersprüchlichkeit auffallen, wenn jedermann widersprüchlich ist, weil wir nun mal alle widersprüchlich sind – und vielschichtig.

Und das ist der Reichtum, den Facebook zu Tage bringt – und dessen Schätze er täglich schürft. Aus uns – für uns.

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