Digitales Denken

5. Juli 2010


Gibt es lineare und digitale Gehirne?

Untersuchungen bemängeln beim „gemeinen“ Internet-User zu wenig Denktiefe, zu wenig Reflexion, zu wenig Arbeit im und am Langzeitgedächtnis. (Siehe auch Reflexion & Internet). Der Grund: Zu viele Informationen, zu viele Links, zu viele Medien, zu viel Ablenkung. Das alles hält davon ab, sich in Ruhe hinzusetzen und Dinge mal wirklich zu durchdenken, über das Leben als Ganzes und besondere Vorkommnisse im Besonderen zu sinnieren. Das jedenfalls – oder so ähnlich – meinen Clifford Nass von der Stanford University und andere Wissenschaftler in Studien laut WIRED herausgefunden zu haben.

Es lohnt sicher die Frage, ob solch eine Aussage überhaupt Sinn macht, oder ob hier nur eine – Wissenschaftlern nachsehbare – Affinität zu linearem Denken herrscht und befürchtet wird, möglicherweise bald aus der Zeit zu fallen. Oder anders gefragt: Macht uns das Internet fit für eine neue Art des Denkens – nennen wir es behelfsweise erst mal „digital“ -, das wir in der uns bevorstehenden Zeit einer globalen Wissensexplosion dringend brauchen?

Wer sich ein wenig mit der Gehirnforschung auskennt, weiß, wie sehr die Erkenntnisse hier zwar immens sind, in Summe aber eher vorsichtig zu interpretieren sind. Jede wichtige neue Erkenntnis eröffnet eine riesige Bandbreite neuer Fragen. Mit zunehmendem Wissen über das Denken staunen wir immer mehr über dessen Funktionsweise und -vielfalt und müssen erkennen, dass wir uns immer weiter davon entfernen, annehmen zu können, das Denken in Bälde „verstehen“ zu können. Wir wissen – ganz sokratisch – immer weniger.

Aber zwei Erkenntnisse sind wohl relativ gesichert. Es gibt nichts, was strikter und lernresistenter ist als unser Urgehirn, das unsere unterbewussten Handlungen beeinflusst. Dieses Gehirn ist von Jahrtausenden Jahren Evolution und Kampf in der Natur stark konditioniert. Hier lässt sich nichts ändern, unsere Ängste nicht, unsere Hoffnungen, unser Hass, unsere Liebe, unsere Sehnsüchte und Irrationalismen nicht, damit müssen wir lernen auszukommen.

Das lernfähige Gehirn

Dafür stellt sich unser Gehirn, das wir mit unserem Bewusstsein ansteuern können und das die täglichen Informationen und Reize verarbeitet und unser Denken steuert, als extrem flexibel, veränderbar, lernfähig und neu programmierbar heraus. Ob es die Erkenntnisse einst von Oliver Sacks an Schlaganfall-Patienten waren oder ob es aktuelle Untersuchungen über die Informationsverarbeitung von Internet-Usern sind, man sieht stets, wie sehr und gut das Gehirn fähig ist, neue Synapsen zu bilden, sein Netzwerk neu zu justieren und damit völlig neue Ergebnisse zu erzielen – unter anderem auch bei dem, was einschlägig interessierte Wissenschaftler „Intelligenz“ nennen und messen.

Einen Schritt weiter geht der Psychologie-Professor in Harvard Steven Pinker in einem Beitrag in der New York Times („Mind Over Mass Media“). Zitat: „Das Wissen nimmt exponentiell zu, die Gehirnleistung des Menschen und die Stunden, die er wach verbringen kann, nicht. Glücklicherweise helfen uns das Internet und die Informationstechnologien, unseren k0llektiven intellektuellen Output auf verschiedenen Ebenen zu managen, zu suchen und zu finden. Das reicht von Twitter und Notizen bis zu elektronischen Büchern und Online-Enzyklopädien. Diese Dinge machen uns eben nicht dumm, sondern diese Technologien sind die einzigen Hilfsmittel, die uns intelligent bleiben lassen.“

Outsourcing von Gehirnleistung

Mal ein wenig zugespitzt: Das Wissen explodiert und nur dank der digitalen Hilfsmittel werden wir von dem Wissenstrom nicht verschüttet und weggespült. Oder weiter gedacht: Wir müssen – bei bleibender Hirnleistung – unser Gehirn frei machen für die bestmögliche Verarbeitung der – exponentiell wachsenden – Informations- und Wissensflut. Dabei hilft uns das Internet, an das wir viele bisher unseren Kopf schwer beschäftigende Aufgaben outsourcen können: Daten und Zahlen, Historisches, Faktenwissen, Zeitgeist-Beobachtung, Informationssuche etc.

Und dieses Netzwerk hilft, in unser kommenden Netzwerkgesellschaft die Fluktuation von Signalen, Infos, Wissen und Themen immer besser zu managen. Und dabei helfen uns unsere neu gewonnen Netzwerke:

Selbst mit dieser Entlastung bliebe noch genug für unser Gehirn zu tun. Aber auch hier winkt Hilfe. Noch einmal Steven Pinker im Zitat: „Der Gebrauch tiefer Reflexion, knallharter Recherche oder schlüssigen Denkens ist noch nie etwas gewesen, was Menschen in den Schoß fällt. So etwas muss in speziell dafür geschaffenen Institutionen erlernt werden, die wir Universitäten nennen. Und diese müssen kontinuierlich trainiert werden, durch Analyse, Kritik und Debatten. So etwas bekommt man nicht, indem man ein dickes Lexikon in den Schoß wirft. Aber es verschwindet auch nicht, bloß weil es auf einmal effiziente Wege der Infomationsbeschaffung via Internet gibt.“

Intellektuelles Trainingsfeld Social Media

Und noch einmal etwas verwegen weitergedacht: Die Themen Analyse, Kritik und Debatte, auch hier können wir outsourcen. Es ist vor allem das weite Feld der Social Media, in dem wir diese Trainingsmethoden eines kritischen Bewusstseins üben und trainieren können. Und manchmal übernimmt einer der Freunde dort die kritische Bewertung, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte und man schließt sich an, per Kommentar oder „Gefällt mir“.

Noch nie war die Möglichkeit der Analyse, Debatte und Kritik, aber auch der Zustimmung und Unterstützung so leicht und so weit verbreitet wie heute. Zufall oder wohlgefällige Entlastung unseres vom Informationstornado mitgenommenen Gehirn.

Unser Gehirn ist in Zukunft wohl nicht mehr der Alleskönner und Allesmacher (wie im Geniekult zu Goethes Zeiten), sondern ist zum einen ein perfekter Outsorcing-Manager und zum anderen trainiert er, das schwierige Puzzlespiel, die divergenten Informationsbits in sinnvolle Bilder zusammenzusetzen und diese dann kritisch zu bewerten – und zu reflektieren. Und das immer „With a little help from my friends“.

Modernes Denken

11. Mai 2010


Social Media als Selbstprostitution

Das Leben eines Professors ist nicht leicht. Die Studenten hören nicht zu. (Sie können sich nur noch 10 Minuten lang konzentrieren!) Die Öffentlichkeit will von Professoren der Medizinischen Psychologie gerade nicht viel wissen, jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler im Focus.

Aber Professor Ernst Pöppel ist ein Medienprofi. Er weiß, was zu tun ist, um Aufmerksamkeit zu ernten: Man gehe zu einem klassischen Printmedium und tue das, was sie zur Zeit am liebsten machen: Internet-Bashing, vorzugsweise Social Media-Bashing; oder aber ganz, ganz toll: Facebook-Bashing. Dazu braucht es nur ein paar übertourige Reizworte und eine atemberaubend steile These, und schon ist man endlich wieder in den Schlagzeilchen.

Und so liest sich dann das Ergebnis dieses waghalsigen Medien-Stunts, Zitat aus dem Faz.Net der Frankfurter Allgemeinen vom 11. Mai 2010: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“

Diese zwei Sätze muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – halt, falsches Bild bei einem Hirnforscher: durch die Ganglien rotieren lassen. Eine „Offenlegung von Intimitäten ohne Verpflichtung“, das ist laut Weltbild von Prof. Pöppel eine „Selbstprostitution“. Also ist jedes Gespräch, das über ein oberflächliches Geschwafel hinausgeht, schon eine Selbstprostitution. Jedes Gespräch mit einem Psychologen wie Prof. Pöppel: Selbstprostitution. Jedes Telefonat mit einem Freund oder einer Freundin: Selbstprostitution.

Mal kurz im Ernst: Was soll solche Häme? Und warum lässt man so etwas in einem Medium, das auf sich hält, überhaupt zu? Bei Facebook-Einträgen ist keinerlei „Geld“ oder auch sonstwelche Gratifikationen im Spiel, warum dann der Begriff „Prostitution“? Wie anders soll Kommunikation sinnvoll funktionieren, wenn nicht einer etwas von sich preis gibt? Das ist nicht Selbstprostitution, sondern simpel Anfang eines Diskurses zwischen Gleichen. Interessant, wenn man in Journalisten- oder Wissenschaftskreisen Kommunikation anders definiert. Als Selbstgespräche oder als Predigt ex Kathedra?

Beichte als Sünde

Weil wir gerade beim Thema sind: Besonders kurios wird die Bemerkung von Professor Pöppel, wenn ich an das für mich als Kind besonders schlimme, weil institutionalisierte „Offenlegen von Intimitäten“ denke: die Beichte in der Kirche. Das war immer Samstagabend, immer in Kollision zur Sportschau. Und statt Toren zuzujubeln musste man sich überlegen, wie viele Sünden zuzugeben – oder notfalls sogar zu erfinden – waren, damit die Beichte glaubwürdig erschien, und welche Sünden wegzulassen waren, damit es nicht zu peinlich wurde. Also hat man Flüche ersonnen, die man nicht getan hat, und dafür einige Maturbationserlebnisse weggelassen. Und dann hoffte man, dass der Beichtstuhl des gütigen Stadtpfarrers frei war, denn der hakte im Gegensatz zum jungen Kaplan beim 6. Gebot nicht nach und beließ es bei gnädigen fünf Vater Unsern (statt ewig dauernde Rosenkränze beten zu müssen).

Hätte schon damals Professor Pöppel so schlau daher geredet, dann wäre es leicht gewesen zu beichten. Denn die Beichte selbst wäre ja Selbstprostitution gewesen, nämlich „Offenlegen von Intimitäten“, und damit automatisch auch Sünde. Zugegeben mit Verpflichtung, nämlich etlichen Gebeten zur Buße.

Man muss Herrn Professor Pöppel nur ein wenig in seinen anderen öffentlichen Äußerungen verfolgen. Dann sieht man, wie sehr er bei aller Analyse des Netzwerkes des Gehirnes einem analogen, also linearen Denken verhaftet ist. In einem Interview mit Telepolis 1999 beschreibt er das Dilemma modernen Denkens folgendermaßen:

Schizoide Qualitäten

„Ich schalte sehr schnell zwischen verschiedenen Kontexten hin und her, konzentriere mich also drei Sekunden lang auf einen Sprachfetzen, drei Sekunden auf das Fernsehen, drei auf den Computer. Das kann ich endogen tatsächlich steuern. Aber der Effekt ist, daß es zu einer Art schizoidem Denken kommt, mit dem nichts mehr verbunden ist. Es gibt dann keine Nachhaltigkeit der Repräsentation mehr, keine Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung. In dieser Beziehung ist das Gehirn also sehr konservativ und wird sich dagegen wehren.“

Wenn man die Schriften wichtiger Hirnforscher verfolgt, dann ist es genau dieses unspezifische Denken, das Pöppel „schizoid“ nennt, was die Reizgehirne junger Menschen ausmacht. Der Unterschied ist, dass diese Hirnforscher dieses Denken nicht wie Pöppel diffamieren, sondern im Gegenteil als speziell neues, evolutionär weiter entwickeltes Denken ansehen. Es ist das Denken des digitalen Zeitalters. Schnell, parallel, non-linear, vernetzt.

Untersuchungen bei jungen Rezipienten zeigen, wie gut und schnell sie optische Reize zu verarbeiten vermögen – und wie schwer sie sich tun, lineare Texte zu verarbeiten. Das kann man aus der Sicht eines analog, logisch, linear funktionierenden Gehirns beklagen. Und zugegeben, es hat nicht nur Vorteile. Aber es ist das Gehirn, dass auf dem Weg ist, die Welt der Zukunft mit ihren sprunghaften Entwicklungen, mit ihrer Beschleunigung, mit den absehbaren Kaskaden an Konflikten und Krisen auszuhalten – und auch zu bewältigen.

Was Pöppel als schizoid abqualifiziert, ist wohl eher eine mentale Offenheit, die verschiedene Optionen gleichwertig nebeneinander zulässt, um damit dann eine kreative Lösung zu finden. (Kreativität kann man durchaus auch als schizoiden Prozess definieren.)

Denken für Umbruchzeiten

Viele unserer Krisen entstehen nicht zuletzt, weil mit einem alten Denken, weil mit alten Mustern (beispielsweise: Gier!) neue Technologien genutzt – oder besser: missbraucht werden. Viele Konflikte entwickeln sich so fulminant, weil versucht wird, sie mit alten Methoden in den Griff zu bekommen. Wir sind heute in einer Umbruchzeit. Eines Umbruchs unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Systeme und vor allem: unseres Denkens. Dafür braucht es auch ein dafür passendes Tool, sprich Gehirn.

Ein Professor, der sich Hirnforscher nennt, sollte das zu allervorderst wissen. Vor allem, weil so viele seiner Kollegen diese Änderung des Denkens eher positiv konstatieren – und nicht diffamieren. Aber wie gesagt: für einen willkommenen Medien-Stunt sind solche feschen Sätze allemal gut. Man könnte so etwas aber auch, wenn man etwas übellaunig ist, durchaus als „Selbstprostitution“ bezeichnen.

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