Der Utopie-Test

10. September 2013


Wie sähe der perfekte Datenschutz in einer idealen Welt aus?

Die Reaktionen auf die Enthüllungen der umfassenden Bespitzelung der (unserer) Welt durch die amerikanische NSA (National Security Agency) sind mehr als zurückhaltend. Die große Mehrheit der nicht-digitalen Deutschen versteht die Aufregung nicht oder fühlt sich in ihrer Ignoranz gegenüber der digitalen Welt nur bestätigt. Konservative bis rechts-bürgerliche Kreise und alle sicherheits-paranoiden Menschen finden so eine Bespitzelung gegen Terroristen, Attentäter und Kriminelle sowieso gut. Für die kann man gar nicht genug schnüffeln – FAZ.net sieht hier sogar einen modernen Gottersatz im Entstehen.

Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt...

Sandburgenterrorismus: Gibst du mir nicht deine Förmchen, mache ich deine Burg kaputt…

Und die Linke: Die fühlt sich in ihren schlimmsten Befürchtungen – endlich einmal – bestätigt und nimmt die Tatsache mehrheitlich mit einem erleichterten Schulterzucken zur Kenntnis. Man hat es sowieso immer schon gewusst. Und die Bösen sind praktischerweise die Amerikaner. Was will man mehr. – Bleiben als Opposition wenige Internet-Aktive, Links-Liberale und eine kleine Minderheit von um Freiheit und Demokratie bangenden Menschen. Die etablierte Politik ist vorrangig mit Wahlkampf beschäftigt und viel zu weit von der Thematik entfernt („Neuland“!) und hält mangels echter Handlungs-Alternativen erst mal die Füße still. Ganz still.

Eine Demokratie-Utopie

Aber denken wir uns versuchsweise einmal kurz in eine ideale Welt, wagen wir eine Demokratie-Utopie. In ihr sind alle vernünftigen Demokraten und denkenden Menschen entsetzt über die Spitzelpraxis der USA und es entsteht eine echte Protestbewegung – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa (wahrscheinlich ohne Großbritannien), in Südamerika, Kanada etc. Vielleicht sogar in Teilen Asiens und des Mittleren Osten. Gerne jeweils auch unterstützt aus Eigeninteresse von der Wirtschaft, die sich nicht so mir-nichts-dir-nichts ausspionieren lassen will bzw. überflüssigerweise ihre Daten teuer und Abläufe komplizierend sichern müssen.

Würde so etwas passieren, müsste – und würde – die Politik reagieren. Und einmal angenommen, es würden nicht nur ohnmächtige Kommissionen gegründet und zahnlose Resolutionen verabschiedet, sondern man wollte wirklich effektiv handeln, was wäre dann zu tun? Welche Optionen hätte dann die freie, kritische, nicht-amerikanische Welt? Richtig: Mit Obama ein ernstes Wort reden. Guter Scherz. Denn was soll der tun? Seine Pauschal-Rechte an die NSA zurücknehmen? Die Geheim-Gerichte an die Kandare nehmen, die die amerikanischen Internet-Giganten nach Gutdünken gängeln und über deren Agieren keiner reden oder gar schreiben darf.

Catch 22 der Geheimdienste

Wie soll das aber gehen? Es ist doch kein Zufall, wie Obama vom liberalen Politiker zum Ordnungs-Fanatiker und willigen Geheimdienst-Förderer mutiert ist. Verschwörungstheoretiker mögen dazu ihre eigene Version spinnen. Aber wie soll ein amerikanischer Präsident seinen Parteigenossen oder gar den Republikanern erklären, nicht alles Mögliche zu tun, um Terroranschläge zu vermeiden. Und je mehr die Geheimdienste bei ihren Prognosen versagen (siehe Boston), desto mehr finanzielle Ausstattung, desto mehr Zugriffsrechte werden sie bekommen. Das ist die perverse Logik eines Volkes, das in seiner kollektiven Psyche zutiefst ängstlich ist bis hin zur Paranoia. Eine echte Catch 22-Situation.

Und zugleich weiß Obama, dass der „Rüstungswettlauf“ in Sachen digitaler Kontrolle längst in vollem Gang ist. China und Russland, Frankreich und Großbritannien, Israel oder auch der Iran sind eifrige Mitbewerber und dazu Outcasts wie Syrien und allerlei kriminelle Organisationen. Dafür kennt der Aufwand der USA keine Grenzen. Die USA in ihrem Anspruch als Führungsmacht müsste da ganz vorneweg gehen. Daher die so großzügige Ausstattung der NSA, daher der Bau gigantischer Datenspeicher, die dafür ausgelegt sind, den weltweiten Datenverkehr über Jahre hinweg komplett abzuspeichern, daher die Aufweichung aller Datenschutzgesetze. Kurz: Ein amerikanischer Präsident kann – und will – gar nicht anders als wie jetzt geschehen.

Eine europäische Alternative

Jeder Versuch, Amerika von seinem bösen Tun abbringen zu wollen, ist also per se zum Scheitern verurteilt. Und wie sehr sich die großen Internet-Giganten Google, Facebook, Yahoo und Microsoft und all die US-amerikanischen Social Media Provider auch gegen staatliche Zugriffe wehren mögen, um für Kunden außerhalb der USA attraktiv zu bleiben, sie haben keine Chance. In einer idealen Welt, in der etwa Europa nicht das Internet (immerhin in Genf am CERN mit erfunden!) und die Wucht der digitalen Vernetzung verkannt hätte, wäre das die perfekte Gelegenheit, gleichwertige nicht-amerikanische Features (Mail, Kalender, Speicher etc.) und Social Media Services anzubieten und glaubhaft mehr Schutz gegen systematisches Ausspionieren anzubieten.

Internet-Features bieten etwa „1& 1“ oder die Deutsche Telekom an. Doch in welcher Qualität? Trotzdem scheinen sie mehr Zulauf zu erleben. Aber es gibt keinerlei Ansätze, eine ähnlich überzeugende Integration von Services (Suche, Maps, Produktivsoftware, Blogs etc.) wie bei Google oder Yahoo samt deren überzeugende Werbekraft zu entwickeln. Dafür gibt es auch kaum eine Chance. Das hat Microsoft mit seinen immer neu gescheiterten Bemühungen eindrucksvoll bewiesen. Stichwort: „Bing“.

Wo, bitte, ist der Weiße Ritter?

Zweiter Utopie-Ansatz: Und selbst wenn es möglich wäre, ein Google außerhalb der USA zu etablieren. Wo sollte das möglich sein? Technologisch, wirtschaftlich – und politisch. Wo sollten da die Server stehen, dass sie vor dem Zugriff der Amerikaner sicher wären? Da fällt jedes NATO-Mitglied aus, jedes Land der westlichen Allianz. Ja es müsste ein Land geben, das sich wirklich mit ernst gemeinten Datenschutzbemühungen (und entsprechender Gesetzgebung) profilieren möchte. Dabei wird man nicht einmal im sonst so korrekten Skandinavien fündig. Man erinnere sich nur an die schwedische Willfährigkeit gegenüber den USA im Fall Assange. Bleibt Island als Alternative. – Lächerlich, dafür ist es wirtschaftlich viel zu mickrig und angreifbar.

Und selbst wenn es unter den Staaten dieser Welt ein Äquivalent zu einem Weißen Ritter gäbe: einer, der es gut meint, der die Privatsphäre konsequent schützt, der technisch versiert genug ist, gegen die Spionageversuche aller anderen zu bestehen und wirtschaftlich stark genug ist, solch einen Weg durchzuhalten. Solch ein Staat wäre aus aller Welt unter Beschuss. Politisch und medial, weil er Terroristen und Verbrechern Schutz bietet. Technisch würden alle Konkurrenten, nicht nur die USA, alles daran setzen, ausgerechnet diese Schutzsphäre so schnell und so umfassend wie nur möglich zu knacken. Und politisch und wirtschaftlich wäre solch ein Land in kürzester Zeit völlig isoliert.

Koexistenz mit den Schnüfflern

Selbst in der erträumbarsten aller Welten scheint es also keinen gangbaren Ausweg aus dem Überwachungs-Dilemma zu geben. Das klingt schlimm pessimistisch. Aber bekanntlich sieht sich jeder Pessimist als Realist. Bliebe als private Alternative die Flucht in die Verschlüsselung aller Daten, die man versendet – und der Ausstieg aus allen Aktivitäten in Social Media. – Aber ist das die Alternative? Einige, natürlich deutsche Datenschützer empfehlen so etwas allen Ernstes. Die digitale Isolation von allen Menschen um einen herum. Der Abschied aus Facebook und allen seinen Freunden. Die Außerdienststellung der Smartphones samt ihrer intelligenten (weil vernetzten) Technologien? Die Versendung kryptischer, oft nicht ankommender, von kaum einem zu öffnender Emails?

Die Flucht in die Verschlüsselung aller Kommunikation kann nicht die Lösung sein. Das Argument, damit würde man es der NSA und allen verwandten Datenschnüfflern wenigstens schwerer machen, ist Sandkasten-Terrorismus: Wenn du mir nicht deine Förmchen gibst, mache ich deine Sandburg kaputt. Oh Gott, nein!

Unkaputtbare Solidarität als Sicherung

Die Wahrheit ist hart und unangenehm. Wir müssen mit der Schnüffelei leben – wir müssen unsere Gesellschaft und unsere Politik darauf einstellen. Vor allem aber müssen wir eine unkaputtbare Solidarität zueinander entwickeln – politisch, sozial und digital – so dass offensichtlicher Missbrauch nicht möglich ist – und sofort geahndet werden kann. So dass unsere Gesellschaft und unser demokratisches System leben und funktionieren.

Denn nur darin sind wir – absehbar – sicher. Schlimm wird es, wenn die Überwachungsmethoden und das daraus gewonnene – vermeintliche – Wissen in die Hände von (demokratisch) unkontrollierbaren Mächten gerät. Das kann sehr schnell passieren. Man sehe  nur nach Ungarn zu Herrn Orban. Oder es entstehen Mächte, in denen es dem Geheimdienst egal ist, welches Parlament und welcher Präsident unter ihnen regiert. (Ex-FBI-Chef Edgar Hoover lässt grüßen…) – Oder sind wir in den USA längst schon so weit? Fast mag es danach aussehen…

Edgar Hoover lässt grüßen...

Edgar Hoover lässt grüßen… – der schwarze Ritter

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Asymmetrie des Wissens

13. September 2011


Sokrates hat recht – teilweise zumindest

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – Es ist doch manchmal ein Vorteil, auf einem Humanistischen Gymnasium gewesen zu sein. So hat man die wesentliche Erkenntnis von Sokrates früh vermittelt bekommen – und auch noch inhaltlich richtig im Sinne: „Ich weiß als Nicht-Wissender.“ Dieses Prinzip sollte der Ausgangspunkt eines lebenslangen (In-)Fragestellens sein – und der Reflexion – auch über sich selbst.

Heute wissen sehr viele Datenbanken sehr viel über mich – davon darf man ausgehen.Vorgeblich können damit Profile über mich erstellt werden, die meine innersten, vielleicht auch geheimsten Wünsche entlarven. Es heißt sogar, die Algorithmen der Datenbankeigner durchschauen mich irgendwann besser als ich mich selbst. „Ich kenne dich besser als du selbst!“ Diesen Satz habe ich einst aus dem Mund meiner Mutter gehört, als ich ernst machte mit der Abnabelung von zuhause. Und ich wusste damals nur allzu gut, dass sie nicht recht hatte. (!!!)

Manipulation statt Anamnese

Ähnlich geht es mir mit den Datenbankprofilen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Komplexität, die Sensibilität und Intelligenz von Maschinen und die sie steuernden Algorithmen so lange mehr als beschränkt sein müssen, solange sie von Menschen programmiert werden. Vor allem auch so lange, als der erwünschte Erkenntnisgewinn von psychologisch eher schlicht gestrickten Marketing- und Vertriebsmanagern bestimmt wird. (Siehe dazu auch meinen Blogeintrag: Der Gläserne Mensch.)

Eine tiefenpsychologische Anamnese eines Kunden, wie sie mit einem umfangreichen Arsenal von im Internet und Konsumenten-Datenbanken gesammelten Daten im Idealfall möglich sein könnte, ist nur hilfreich, wenn dabei wirklich verborgene Wünsche zu Tage kämen, die den Menschen individuell weiterbringen – und die dazu noch real finanzierbar wären. Meine Befürchtung aber ist, dass es Marketing und Vertrieb immer noch viel zu gerne darauf anlegen, Konsumenten zu manipulieren, um ihnen statt individuell gewünschter (und finanzierbarer) Wunschprodukte lieber irgendwelche Produkte aufzuschwätzen, die sie nicht brauchen, die sie sich nicht leisten können. Das alles nur der lieben Rendite und womöglich der Bonifikation der jeweiligen Manager zuliebe.

Wissen ist Macht

So lange das hierarchische Prinzip der alten Produktions- und Vermarktungsweise von oben nach unten weiter beibehalten wird und die Haltung praktiziert wird, dass man selbst (oben) am besten weiß, was die Kunden wollen, kann eine Analyse oder Interpretation von Kunden anhand von Daten nicht funktionieren. Solange nicht sichtbar und real erlebbar wird, dass Kundendaten zugunsten der Kunden, gerne auch in einer Win-Win-Situation, ausgewertet werden, sondern zur Erhöhung von Umsätzen und Renditen, vulgo zur Belohnung der Einfallslosigkeit von Produktentwicklern und Vermarktern, muss man bei allem Verständnis für eine offene Datenwelt der Zukunft erst einmal noch Vorsicht walten lassen, sprich die Privatsphäre des Einzelnen mittels Datenschutz berücksichtigen. Das kann man restriktiv tun, wie es in Europa und speziell in Deutschland allzu gerne betrieben wird, es ginge aber auch anders.

Zur Zeit ist die Wissensmacht im Internet schmerzhaft asymmetrisch. Die Datensammler wissen so viel über uns, wenn sie die richtigen Daten verknüpfen und intelligent daraus Schlüsse ziehen. Wir dagegen haben keinerlei Ahnung, was genau über uns gespeichert ist, ob die Daten überhaupt zutreffend sind – und am wenigsten ahnen wir, welche Schlüsse die auswertenden Algorithmen über uns ziehen. Was ist da zu unserer Kreditwürdigkeit errechnet worden – und mit welchen Daten? Welche geheimen Bedürfnisse sind über uns ermittelt – und gespeichert? Gelten wir als guter, als schlechter, als renitenter oder als dummdoofer Kunde? Wir haben davon keine Ahnung. Die einen sitzen im Dunkeln – und die anderen wissen – angeblich – alles.

Das Gleichgewicht des Datenschreckens

Diese Asymmetrie ist so nicht akzeptabel. Um wenigstens ein wenig ein Gleichgewicht (des Datenschreckens) herzustellen, müsste für jeden Einzelnen von uns Einsicht auf alle über uns gesammelten Daten gegeben werden – und die Schlüsse, die daraus gezogen werden (können). Und wirklich alle Daten, natürlich nur für jeden einzelnen User. Und natürlich darf dieses Wissen nicht als undurchsichtiger Datenwust präsentiert werden, sondern ganz schick aufbereitet.

Wie so etwas aussehen kann, machen etwa die unterschiedlichen Monitoring-Dienste schon mal vor. Da kann man zu den Social Media Daten, die zu einem Stichwort, einem Firmennamen etc. gesammelt werden, in schön aufbereiteten Tortengrafiken, in Manometer-Skalen, in Statistik-Balken – und natürlich in bunten Farben. Digital Dashboard heißt so etwas, das digitale Armeturenbrett. Dort ließe sich etwa ganz kulinarisch die eigene Kreditwürdigkeit ablesen – samt möglicher Bewegung hin zum roten Bereich. Man könnte seine Obsessionen in bunten Info-Grafiken bewundern, samt ihrer kontinuierlichen Veränderungen. Man kann seine Hitzigkeit im Umgang mit Behörden oder Call Centern an einem Thermometer ablesen. Der Kreativität an Inhalten und grafischer Umsetzung ist hier Tür und Tor offen.

Bequemes Ego-Mirroring

So gerne, wie heute Menschen Ego-Googeling betreiben, so bereitwillig würde solch digitale Ego-Bespiegelung angenommen werden, keine Frage. In einer narzisstoiden Gesellschaft, wie wir es sind, ist solch ein Tool die ultima Ratio. – Ja man könnte sogar vielleicht bestimmte Daten und Auswertungen für die Öffentlichkeit freigeben und könnte damit lustige Vergleiche – und Spiele – starten. So könnte gar das reale Leben zum Spielfeld werden. Und die Partnervermittlungen im Netz könnten sich die albernen Persönlichkeits-Tests sparen – und gleich ihre Parameter für eine gelungene Paarkonstellation mit realen Daten von Usern füttern.

Scherz beiseite. Die Asymmetrie des Datenwissens kann nicht auf Dauer akzeptiert werden. Es baut eine (neue) Hierarchie des Wissens auf, ausgerechnet im Digitalen Raum, der bisher alle bestehenden Hierarchien eingerissen hat. Auf alle Fälle müssen alle wirklich wesentlichen Daten, vor allem persönlichkeitskritische Informationen wie Kreditwürdigkeit, Zahlungsverlässlichkeit, strafrechtliche Erkenntnisse, Einreiseverbote, Bewegungsprotokolle etc. einsehbar sein.

Es gab – und gibt laufend – zu viele Falscheinträge, Verwechslungen und Daten-Irrläufer, die immer wieder zu kritischen Situationen führen. Die Polizei verhaftet Namens-Zwillinge. Ein Tippfehler hat oft dramatische Folgen, wenn es um Job, Geld, Steuern oder andere brisante Themen geht. Und Datenirrläufer werden immer mehr, je mehr Daten gesammelt  und verarbeitet werden. Das ist unausweichlich. Und wenn schon, möchte ich für mein Verhalten „büßen“ – und nicht das eines virtuellen Doppelgängers.

Der gläserne Mensch

26. August 2011


Big Brother is watching you

Ich hatte einst enthusiastisch gegen die Volkszählung in den 70er-Jahren (in der Münchner Stadtzeitung) angeschrieben und deren Boykott unterstützt. Genauso engagiert waren wir damals gegen die Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises. Ich war damals, als der einzige ernsthafte Sammler persönlicher Daten der Staat war, entschiedener Kämpfer für Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Dabei war ich beeinflusst von der beängstigenden Vision einer Überwachungsdiktatur, wie sie George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hat, in dem er die historischen Erfahrungen des Nazi- und des Stalin-Regimes eindrucksvoll verdichtet hat.

Der Widerstand gegen die Daten-Allmacht des Datenmonopolisten Staat nährte sich in den 70er-Jahren durch die Erlebnisse mit der Raster-Fahndung, die damals zwar kaum einen Terroristen der RAF enttarnte, dafür aber vielen anderen – unbescholtenen – Menschen Probleme bereitete, vor allem wenn sie jung waren, Bart trugen und schnelle Autos fuhren. (Und wehe, sie trugen einen Parka!) Damals schon entstand die Angst vor einem Allwissen von Institutionen über jeden Einzelnen und vor einem Missbrauch dieser Daten zugunsten einer Diktatur der Wissenden.

Little Brother is knipsing me

Heute habe ich ein Smartphone (Android!), das brav immer meldet, wo ich mich aufhalte. Ich besitze Kreditkarten, die manchmal nicht funktionieren, weil etwa Mastercard nicht glauben will, dass ich schon wieder auf Reisen bin. Ich bin längst bei so ziemlich jeder wichtigen Social Media-Plattform angemeldet, auf Facebook, Google+, Twitter und anderen täglich aktiv. Ich habe Mail-Accounts bei Hotmail, Yahoo und  Gmail. Ich führe diesen Blog auf WordPress, andere, private, auf ning.com. Ich kaufe bei amazon und schreibe dort auch Rezensionen. Mehr Datenspuren im Web lassen sich nur mit einiger Mühe produzieren. Glaubt man den Menschen, die sich mit Targeting wirklich gut auskennen, dann müssten etliche Firmen alles über mich, meine Bewegungen im Netz und mein Konsumverhalten wissen. Google sollte sogar mehr über mich wissen als ich selbst. Auf jeden Fall wissen sie mehr als der Staat über mich.

Big Brother ist nicht Wirklichkeit geworden, dafür knipsen mich – unbemerkt – Unmengen von Little Brothers unaufhörlich mit ihren Digitalkameras und Videoüberwachungskameras filmen mich. Da tröstet es wenig, dass die Erfolgsquote von Gesichtserkennungssystemen erst bei 70 Prozent liegt. Wir sind heute so viel weiter als in den 70er-Jahren je zu befürchten stand. Wir sind unaufhörlich auf dem Weg zum „Gläsernen Menschen“ – und ich störe mich längst nicht mehr daran.

Bergwerker im Datenwust

Ich bin weit davon entfernt, mein Leben so öffentlich zu leben wie es etwa Jeff Jarvis tut oder auch in Ansätzen Thomas Koch. Aber ich finde solch digitale Offenheit absolute positiv und beachtenswert. Mir aber reicht meine digitale Mitteilsamkeit, die jedem Datenbergwerker (Miner) genug Material bieten sollte, um weit in mein Leben hinein leuchten zu können. Und mich schreckt die Vorstellung nicht, dass so viel Wissen über mich gesammelt werden kann. Mich schreckt nicht die Vorstellung, dass so über meine Kreditwürdigkeit (mit) entschieden wird. (Dazu bin ich viel zu oft und zu tief von Banken – selbst in vordigitalen – Zeiten enttäuscht worden, und das selbst zu best prosperierenden Zeiten.)

Mich schreckt auch nicht die Vorstellung, dass Datenbanken Dinge über mich wissen können, die meine besten Freunde nicht wissen – vor allem weil ich es schätzungsweise selber nicht weiß. Was soll jemand damit anfangen? Wenn das Targeting so weit optimiert wird, dass nur noch Produkte beworben werden, die mich im jeweiligen Moment wirklich interessieren, ja selbst wenn sogar mein Unterbewusstsein durchschaubar werden sollte, kann ich dennoch nicht mehr kaufen als es meine Kauflust und mein Budget zulassen. (Da vertraue ich im übrigen wirklich auf die ausgeprägte Non-Linearität meines Denkens und Fühlens.)

Was ist es, dass mich bei der Vorstellung eines Gläsernen Digitalen Menschen nicht mehr schaudern lässt? Ich bin weit entfernt, eine Spießermoral von wegen „Wer-ordentlich-ist-hat-auch-nichts-zu-verbergen“ zu propagieren. Normverletzungen und irreguläres Verhalten sind viel zu wichtig für das Funktionieren unserer Evolution, als dass man eine strikte Bravheit je irgendwie gut oder richtig finden dürfte. Der Sinn von – politisch motivierten – Grenzüberschreitungen beweist sich ja nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Akzeptanz der Grünen oder im Atomausstieg. Ich erinnere mich noch allzu gut etwa an die so gar nicht lustigen Räuber- & Gendarm-Spiele in Wackersdorf.

Phantasie des Missbrauchs

Mich beruhigt eher die Gewissheit, dass ein Missbrauch von Datenmengen in einer – wohlgemerkt offenen – digitalen Gesellschaft nicht recht funktionieren kann. Wer Zugang zu Netzwerken, offenen Informationen hat und Teil einer kritischen Öffentlichkeit ist, der kann sich gegen jeden Missbrauch wehren. Denn eine Firma, die Daten missbraucht, wird in einer offenen Gesellschaft, die Konkurrenz kennt, gnadenlos abgestraft. Voraussetzung dafür sind aber Netzneutralität, eine funktionierende Netzcommunity und ein Sanktionssystem, das im Netz – und bei strafrechtlich relevanten Vergehen auch juristisch greift. Das setzt natürlich eine Gesetzgebung voraus, die die digitale Welt wirklich begreift, ihre Gesetze berücksichtigt und möglichst auch international – greift.

Kritiker und Warner vor Social Media und der Datensammelwut im Internet argumentieren gerne mit der Asymmetrie der Nutzungseffekte: Die Vorteile der Gratisdienste genieße man sofort, die Nachteile und Missbräuche kämen dann erst sehr viel später. In Wahrheit ist eher eine Asymmetrie der Anwendungsphantasie zu konstatieren: Die Vorteile der – nutzungsoffenen – Plattformen erlebt man nicht nur sofort, sie werden durch die Anwendungskreativität der Nutzer und die Gestaltungskreativität der Programmierer immer größer und vielfältiger. Die Missbrauchs-Szenarien, die die Warner skizzieren, sind dagegen äußerst banal und eindimensional.

Ademokratische Dystopien

Fast alle negativen Dystopien gehen von einem ademokratischen Weltbild aus, in dem Menschen wegen ihrer Rasse, Herkunft, sozialen Stellung oder sexuellen Vorlieben diskreditiert werden und in dem Firmen Missbrauch treiben dürfen wie sie wollen. In solch einer Welt will ich aber nicht leben und werde alles mir Mögliche tun, dass es nicht so weit kommt. Warum also soll ich mich gegen solch ein Szenario schützen? Das ist dasselbe wie mit der Warnung, dass Firmen bei der Personalsuche nach jugendlichen Sünden, die in Facebook oder anderswo dokumentiert sein könnten, suchen, um Bewerber abzulehnen. In Firmen, die so etwas tun, sollte man auf gar keinen Fall arbeiten wollen!

Es ist genau anders herum: Die Vernetzung, die uns Social Media ermöglichen, und der individuelle und gesellschaftliche Machtzuwachs, den uns diese Plattformen geben, sind der beste Sicherungsmechanismus gegen den Missbrauch der Daten durch Internet-Mogule oder bösartige Algorithmen. Das haben die Diktatoren in Arabien feststellen müssen. Und wir haben erlebt, wie schnell unerwünschte Datenschutz-Reduzierungen von Facebook, Apple und Google nach manifesten Protesten der Nutzergemeinde – oder auch das Vorbild eines Konkurrenzproduktes – zurückgenommen wurden. Gerade die Vernetzung schützt gegen den Missbrauch des Netzes. Und zwar gegen Missbrauch durch die User, durch Kriminelle, durch Betreiber oder durch den Staat.

Mach mich nicht nass!

22. September 2010


Des Nichtschwimmers Argumente

Es ist ein wenig so, wie wenn ein überzeugter Nichtschwimmer am Rande eines Schwimmbeckens an die sich dort fröhlich vergnügende Schwimmergemeinde predigt und vor den Gefahren des Badens im Seichten und Tiefen warnt. Baden ist gefährlich. Wenn man nass ist, kann man sich erkälten. Man kann aus Versehen Wasser schlucken. Das kann von Menschen mit wenig Hemmungen auch ein wenig verunreinigt sein. Bei Springen vom Turm oder auf Wasserrutschen kann man sich blaue Flecken holen. Und ja, man kann sogar ertrinken dabei. Und Schwimmbadbesitzer machen mit dem Ganzen sogar Geld.

Alle diese Argumente stimmen ja. Ohne Frage. Und trotzdem hören die Menschen nicht auf, baden zu gehen. Selbst solche, die noch nicht mal zu schwimmen gelernt haben. (Dann wird es sogar richtig gefährlich.) Es macht ihnen sichtlich Spaß. Und die Risiken, die schlagen sie in den Wind.

Selber schuld

An diese Allegorie erinnern die meisten der Stimmen, die enthusiastisch bis hysterisch vor den Abgründen und Gefahren der Social Networks, vorzugsweise Facebook und Twitter warnen. Thilo Weichert etwa, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, ließ sich auf der „Netzpolitischen Soiree“ der Grünen, am 10. September 2010 in Berlin zu einer Philippika gegen Google und alle Sozialen Netzwerke hinreißen, die Jeff Jarvis, der ebenfalls Gast dieser Veranstaltung war, bissig unter dem Titel „Oh, those Germans“ in seinem Blog buzzmachine.com dokumentierte und kommentierte.

Höhepunkt der fachlichen Selbstdemontage von Thilo Weichert war der Satz: „Solange die Deutschen so dumm sind, dass sie diese Suchmaschine (Google!) nutzen, haben sie es nicht besser verdient.“ Die Begründung: „Google nutzt seine Daten um mich zu manipulieren.“ (???) Wer so ideologieverbohrt argumentiert hat weder die digitale Welt noch den dort nötigen Datenschutz verstanden. Und wie am Nichtschwimmerbeispiel gezeigt: von außen lässt sich am besten irren.

6 mal gegen Facebook

Noch typischer ist diesen Irrweg ausgerechnet der Chefredakteur des britischen WIRED, David Rowan, gegangen. Er hat ganz stolz zum Besten gegeben, warum er nicht in Facebook ist – und je zu sein gedenkt. Sechs Gründe gibt er an, größtenteils die üblichen, wenn es um Facebook-Bashing geht:
1. Facebook ist eine Privatfirma – und die führt per se nichts Gutes im Schilde, sondern nur Kommerz (Thilo Weichert lässt grüßen).
2.  Facebook macht es schwer, sich immer wieder neu zu erfinden.
3. Private Daten können missbraucht werden…
4.  … und zwar gegen einen persönlich.
5.  Wenn man sich daneben benimmt, bleibt das für immer gespeichert.
6.  Sozialer Diskurs wird kommerzialisiert.

Solche Argumente kommen sichtlich von außen. Ähnlich wie bei der Allegorie des Nichtschwimmers am Anfang sind sie nicht per se falsch. Nur treffen sie nicht den Kern der Sache. Es sind die Argumente eines Menschen, der sich auf etwas Neues nicht einlassen will und etwas verkrampft rationale Gründe für seine Haltung sucht. Natürlich ist es nicht verkehrt, auf Risiken und Nebenwirkungen hinzuweisen. Aber das alles ist keine sinnvolle Argumentation, bei Facebook & Co. nicht mitzumachen.

Richtig ist, dass die Vorteile der Sozialen Netzwerke sofort und in vollem Umfang zu genießen sind. Deswegen ist die Facebook-Gemeinde in aberwitzig kurzer Zeit auf eine halbe Milliarde Menschen angewachsen. Mögliche Nachteile oder Probleme sind garantiert erst sehr viel später zu erleben. Diese Asymmetrie ist typisch für digitale Errungenschaften. Aber gerade der Erfolg in dieser Dimension schützt zugleich vor exorbitantem Missbrauch. Die Konsumentenmacht ist viel zu groß, um missbraucht werden zu können.

Leben als Betriebssystem

Besonders entlarvend für die Denkweise von David Rowan ist sein zweiter Ablehnungsgrund. Facebook mache es schwerer, sich neu zu erfinden. Hier zeigt sich, dass Rowan eine sehr antiquierte Lebensidee hat, man könnte es glatt solitär nennen: Man lebt (ungeniert?) sein Leben und wenn es nicht mehr klappt oder man sich zu sehr daneben benommen hat, fängt man halt neu ganz von vorne an.

Das erinnert an den Umgang mit Windows-PCs, die man halt im Notfall wieder neu hochfährt, aber so etwas hat nichts mit dem Leben zu tun, das man heute zu leben genießt. Ich bin jedenfalls um jede Anregung, um jede Idee, um jede Alternative froh, um jedes neue Argument, auch um jede Meinung, die mir konträr entgegen steht, die mich in meinem täglich gelebten Leben weiter bringt. Und immer mehr dieser Anregungen/Ideen/etc. kommen von meiner „Netzwerkfamilie“ bei Facebook oder meinem „Inspirationskreis“ bei Twitter.

Das Leben ist kein Betriebssystem, das wenn es nicht funktioniert, neu gestartet werden kann. Ein Leben ist ein Prozess. Und je spannender, je abwechslungsreicher und befruchtender dieser ist, um so besser. Wenn ich zurück schaue, dann lebe ich heute ein völlig anderes Leben als vor 10, als vor 20 oder 30 Jahren. Aber das, ohne je einen kompletten Neuanfang gemacht zu haben. Sondern als spannenden Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Kein Leben, das ich glücklicherweise nie vom Beckenrand aus beobachtet oder kommentiert habe, sondern wo ich mitten drin war. Mit allen Risiken, sich nass zu machen, Wasser zu schlucken und auch mal Angst zu haben, zu ertrinken. – Fragt sich, wie sich wohl ein Leben vom Beckenrand aus lebt, Mr. Rowan? Ich jedenfalls möchte nicht nur dort stehen und zuschauen – und „schlaue“ Kommentare abgeben.

Spielgeld der Spekulanten

4. Februar 2010


Steueroasen heizen die Finanzkrise an

Die Frage ist so einfach, zu einfach. Soll die Daten-CD mit den Steuersündern in der Schweiz gekauft werden oder nicht? Und dann wird mit juristischen Argumenten gefochten, eventuell auch mit Datenschutzgründen. (Zum Beispiel gestern Abend in „Hart aber fair“.) Da bin ich außen vor. Jura ist nicht mein Feld. Bestenfalls wird noch in die Diskussion geworfen, dass es sicher hilfreich wäre, wenn es in Deutschland ein einfaches und gerechtes Steuersystem gäbe. Das ist es aber dann.

legal - illegal - digital

Mich irritiert, dass bei der Diskussion einige wichtige Argumente unbeachtet bleiben. Da ist zum Beispiel das Steuerverhalten der Skandinavier. Dort sind die Steuersätze exorbitant hoch. Aber trotzdem sind die Schweden, Norweger und Dänen nicht dafür bekannt, ihr Geld en masse in die Schweiz zu transferieren. Warum ist das so?

In Skandinavien ist es schon rein systemisch sehr schwierig, Schwarzgeld anzuhäufen, das man vor der Steuer verbergen könnte. Dort weiß jeder von seinem Nachbarn, was er verdient und was er besitzt. Unvorstellbar in unseren Breiten (oder gar südlich davon). Aber in Skandinavien ist das eine Selbstverständlichkeit und Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Da ist unsere Idee von Datenschutz gänzlich konträr. Noch.

Aber wie sieht das in der Generation Facebook aus? In Zukunft. Da weiß man von manch einem seiner „Freunde“ mehr als alle Steuerbehörden. Nur das Einkommen und die Vermögensverhältnisse kennt man nicht. Aber wahrscheinlich nur, weil man Angst hat, dass da der Staat mithorcht. – Also sind wir da wieder beim Thema eines gerechten Steuersystems in Deutschland.

Ein ganz anderes Thema in dem Zusammenhang, das nur zu gerne verdrängt wird, ist, was mit dem Schwarzgeld in der Schweiz – und anderen Steuerparadiesen – gemacht wird. Da geht es um Billionen von Euros und Dollars, wenn man den Schätzungen glauben mag. Und dieses Geld ist die größte Bedrohung für unser Finanzsystem. Es ist in besonderem Maße das Spielgeld für die schlimmsten Spekulanten in der Finanzwelt. Und da ist es jenseits jeden Populismus schon klug, von staatlicher Seite mit allen Mitteln dagegenzuhalten.

Schwarzes Schmiermittel für Spekulanten

Das volatile Geld der Steuerhinterzieher war das spezielle Schmiermittel der Spekulanten, das uns nach Lehmann knapp vor den finanziellen (und staatlichen Abgrund geführt hat. Ich vergesse nie das weiße, völlig leere und entsetzte Gesicht von Angela Merkel, wie sie bei der ersten Pressekonferenz zur Krise mit Peer Steinbrück verloren und geschockt vor den Fernsehkameras stand. Sie sah aus, als habe sie gerade etwas so Grausames und Unvorstellbares gehört, wie noch nie in ihrem Leben – und wie sie es sich nie hätte vorstellen können. So hatte sich „das Mädchen“ (Zitat Kohl) den Job wohl nie vorgestellt.

Wie wichtig es ist, Schwarzgeld aus dem Umlauf zu nehmen, um die Gefahren weiterer Finanzkrisen oder eines kompletten Finanzkollaps zu mindern, habe ich in einem Vortrag von Prof. Franz Josef Rademacher , Mathematik-Professor und als Mitglied des Club of Rome ein engagierter Klimakämpfer, gelernt: Das beste Geld für extrem überhöhte Wertschöpfungskaskaden ist Geld, dessen Eigentum nicht feststellbar ist. Etwa Geld, das es (noch) gar nicht gibt, sondern das für Spekulationen oder so genannte Leerverkäufe nur geliehen ist und trotzdem Gewinne macht. (Absurd, oder?)

(Leerverkäufe sind gerade in Deutschland wieder erlaubt worden. In den meisten anderen europäischen Ländern bleiben sie verboten, etwa in Frankreich und der UK. Wieder in anderen Ländern war so etwas nie erlaubt, zum Beispiel in Italien!)

Geld außer Rand und Band – und ohne jede Kontrolle

Die größte Gefahr aber ist schwarzes Geld. Es ist an der Steuer außer Landes gebracht worden und bedroht von dort das gesamte Finanzsystem. Denn das Geld, das per Spekulation mit diesem anonymen Geld gemacht wird, geht natürlich stets wieder an jeder Steuer und Beobachtung vorbei. So ensteht eine Finanzblase, die jeder staatlichen oder gesellschaftlichen Kontrolle (und sei sie noch so gerecht) entzogen bleibt. Und dabei werden Wertschöpfungsraten von 7 bis 34 Prozent erzielt. Abenteuerlich hoch und jenseits jeder Ratio. Geld, das sich aus sich heraus vermehrt, ohne jeden gesellschaftlichen Wert und jeden objektiven Benefit.

Nutznießer solcher Steueroasen sind aber auch große internationale Konzerne, die die unterschiedlichen nationalen Steuergesetze ausnützen und so (unversteuertes) Spielgeld für Investitionen, Firmenkäufe aber auch für Spekulationen anhäufen können. Kleinere Firmen, vor allem aus dem Mittelstand, die nicht international agieren (und nicht so hochkarätige Steuerberater haben), können da nicht mithalten. Das ruiniert den Mittelstand – jeder weiß, wie schwer die es haben, an Kredite zu kommen – und lässt ihn „ausbluten“, wie es Prof Rademacher nennt. (Ein Interview zu dem Thema findet sich in der Computerwoche.)

Beim Kauf der geraubten Steuerdaten geht es eben nicht nur um mögliche nachträgliche Steuerzahlungen und um Abschreckung zugunsten etwas mehr (zähneknirschender) Steuerdisziplin. Solche Aktionen entziehen eben auch den Spekulateuren und Spielern in den Finanzmärkten ihr Spielgeld. Aber darüber spricht zur Zeit keiner. Schon gar nicht in der Schweiz. Dabei ist das gerade in der jetztigen Zeit ein wichtiges Thema. Und da schauen Juristen, die in unserer Politik dominieren, eher nicht so gerne hin.

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