Sie sollen es besser haben

29. November 2016


Donald Trump, das Ende der Evolution?

Also gut, irgendwann war uns das Leben als Einzeller zu langweilig und wir mutierten zu Mehrzellern. Irgendwann war uns auch das Dasein als Amöbe zu langweilig und wir bildeten Organe aus, Gliedmaßen und ein vegetatives System etc. Ja und dann ging’s raus aus Wasser und Sumpf und aufs feste Land. Und dann war es uns zu langweilig auf vier Füßen zu krauchen und wir gingen aufrecht. Und unser Gehirn wuchs und unser Talent zum Denken, zur Sprache und intersozialer Aktion.

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Amöbe bei der Mahlzeit. Mahlzeit!

Alles Quatsch natürlich. Das haben wir nicht aus Langeweile getan, sondern weil wir stets gehofft haben, so die Gefahr zu verringern, gefressen zu werden. Und vor allem glaubten wir, dass wir so bessere Chancen hätten, mehr Nachkommen zu produzieren – die es einmal besser haben sollten als wir selbst. Evolution ist ja kein philosophisches Konstrukt, sondern eine fesche Survival-Methode.

Wir machen uns die Erde untertan

Aber dann kamen doch die Philosophen, vor allem aber Religionsgründer. Und damit kam der Gedanke in Welt, sich die Welt untertan zu machen bzw. vorerst mindestens alle anderen Religionen – und deren Territorien und Menschen. Bis wir es zu Weltkriegen mit Millionen von Toten geschafft haben und dabei wie im Vorbeigehen die ultimative Waffe erfunden haben: die Kernenergie, die uns die Möglichkeit gegeben hat, mit einem einzigen Knopfdruck unsere komplette Welt final auszulöschen.

Wir waren fast schon soweit, diese finale Option erfolgreich zu verdrängen. Nur Nordkoreas Kim-Sippe hat immer mal wieder mit ihren beschränkten (!) Mitteln auf die Option des atomaren Holocaust hingewiesen. Ab sofort ist Kim Jong-un nicht mehr allein auf weiter nuklear verseuchter Flur. Denn President-elect Donald Trump findet atomare Konfliktlösung auch eine bedenkenswerte Option politischen Handelns.

Das Ende der Evolution

Ach ja, Donald Trump. Ist er also der optionale Schlusspunkt der Evolution? Schließlich ist er mithilfe der a-rationalen Kreise der Evolutionsleugner der rechten Republikaner erst zum Präsident geworden. Nicht dass Donald Trump auch die Evolution leugnen würde. Er sieht sich wahrscheinlich in seinem narzisstischen Wahn eher als dessen Vollendung. Aber auf alle Fälle wollen Trump und sein Think Tank um Stephen „Breitbart“ Bannon (nie war die panzerhafte Assoziation dieses Begriffes passender als hier)  das Rad der Evolution zurückdrehen.

Zurück zu alten Werten soll es gehen. Wie man so etwas flächendeckend implantieren soll, bleibt offen. Gelungen ist das bislang nur einigen ausgewählten (vorzugsweise faschistischen) Diktatoren. Stets mit dem Ergebnis, dass die Evolution am Ende einen riesigen Schritt tat – und Werte und Normen massenweise zerpulverte.

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Szene aus „Arrival“

Zurück zu altem Wohlstand soll es gehen. Mit altgewohnten Methoden. Früher hieß das „Autobahnen bauen“, heute „die Infrastruktur verbessern“, samt Autobahnen, versteht sich. Es wird aber schwierig werden, dafür geeignete und willige Bauarbeiter zu finden, vor allem, wenn man die, die willig wären, aussperrt, weil sie Mexikaner und anderes Gesocks sind.

Zynismus leicht gemacht

Es fällt leicht, zu leicht, sich über die Ideen und Ziele eines Donald Trump oder Stephen Bannon lustig zu machen. Solch Zynismus ist billig, er bietet sich einfach zu sehr an. Vor allem aber lenkt er ab von dem anderen, nicht weniger schlimmen Zynismus sozusagen der anderen Seite. Die Alternative zu Trump wäre eine Fortsetzung des neoliberalen „Weiter-so“ gewesen, samt gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Alimentation der Finanzsysteme.

Die Alternative wäre ein „Weiter-so“ der immer größeren Spaltung unserer Gesellschaften in „Arm“ und „Reich“, in Gier und Resignation, in Ultra-Reichtum und breites Prekariat – auf relativ hohem Niveau. Hungern muss keiner mehr, dafür sorgt irgendwann schon ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nur für die wenigsten, nur für die Reichen, ihre Mischpoke und ihre Günstlinge – man ist ja nicht so…

Die real existierende Alternative zu einem Donald Trump ist – und es tut weh, es zu schreiben – keine echte Alternative. Sie ist ähnlich anti-evolutionär, sie gibt sich nur evolutionär mit immer neuen Erfindungen und Ideen, immer neuen Start ups und digitalen Gadgets. Aber in ihrem Denken ist sie altmodisch. Solange sie keine Ideen hat, die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur nicht größer werden zu lassen, sondern auch wieder zuklappen zu lassen, ist sie ähnlich zynisch wie Trump & Co..

Eine Welt ist nicht genug

Wir stehen vor eklatanten Problemen in dieser Welt. Wir brauchen mehr Ressourcen als absehbar da sind. Wir werden nur im guten Fall 11 Milliarden Menschen – das ist um die Hälfte mehr als heute. Die müssen ernährt und vor allem mit sauberem Wasser und sauberer Luft versorgt werden. Und wir müssen radikal umdenken, denn wie soll das funktionieren, wenn uns schon einige Hunderttausende Migranten an den Rand der Staatskrise bringen? Uns erwarten Millionen und Milliarden…

Die Alternative ist nicht, eine Neben- oder Ersatzwelt zu schaffen, sei es der Mars oder sonst ein Exo-Planet. Das mag für eine versprengte Handvoll Menschen funktionieren, nicht für eine Weltgesellschaft. Die zieht nicht mal so schnell um. Wir müssen diese Welt lebenswert erhalten bzw. wieder lebenswert machen. Das geht nur, indem wir Schranken abbauen. Zwischen Arm und Reich; zwischen Ost und West; zwischen Nord und Süd; zwischen Schwarz und Weiß. Zwischen allen Ländern. Die Erde kennt keine Grenzen, die haben wir erfunden.

Keine Sorge um die Evolution

Auch die Evolution kennt keine Grenzen. Sie geht auf jeden Fall weiter. Ob mit uns oder ohne uns. Das entscheiden wir. Ob wir (noch) evolutionstauglich sind, oder eben nicht. Ob wir innovativ und zugleich weise genug sind, um eine Welt zu erfinden, die für alle lebenswert ist und für die es zu kämpfen lohnt. Sorge darum habe ich im Prinzip nicht. Sicher ist, eine Welt in Angst wird die Lösungen nicht finden. Angst lähmt das Denken. Das ist leider ein Erbe aus den Zeiten, als wir noch ums Überleben in freier Wildbahn kämpfen mussten. Sozusagen eine Restschlacke der Evolution. (Schöne Illustration dazu ist der Film „Arrival“ von Denis Villeneuve.)

So gesehen müssen wir heute wie einst kämpfen, dass es unsere Nachkommen besser haben als wir. Dass unsere Welt für sie ökologisch, ökonomisch – und vielleicht auch mental und sozial besser und weiser ist als jetzt. Und bei solch einer Frage sollte dann ein Donald Trump nur eine Randnotiz der Geschichte sein, so wie es auch eine Hillary Clinton (gewesen) wäre. Je kleiner wir diese halten, desto besser.

 

Die Physiker(in)

16. März 2011


Die etwas schlimmere Kettenreaktion

Der Spruch ist so banal wie treffend: „Chemie ist, wenn es kracht und stinkt; Physik ist, wenn es nicht gelingt.“ Heute erlebt Japan die schlimmstmögliche Bestätigung dieses Schüler-Juxes. In Fukushima ist live mitzuerleben, wie die Hybris von Physikern, die Kernspaltung für beherrschbar hielten, eine Katastrophe noch in seine Eskalation treiben.

Selbst der einfachst denkende Mensch käme nicht auf die Idee, einen Reaktor neben den anderen zu setzen, am besten gleich sechs davon. Atomphysik funktioniert nach dem Prinzip der Kettenreaktion, eine radioaktive Katastrophe genauso: Wenn man sechs Reaktoren nebeneinander baut, schaffen die Probleme eines Reaktors Probleme in den daneben liegenden. Wenn einer durchbrennt, müssen die anderen in Mitleidenschaft gezogen sein, etwa durch Explosionen – und effektive Gegenmaßnahmen können dann logischerweise weder hier noch dort mehr durchgeführt werden. Fukushima beweist das tragisch eindrucksvoll.

Wahrscheinlich waren es nicht Physiker, die auf den Irrwitz gekommen sind, sechs Kernkraftwerke in Reihe zu bauen, das werden wohl eher die Business-Developer und Rendite-Rechner der Betreiber gewesen seien. Physiker hätten allerdings dagegen Einspruch erheben müssen. Keine Chance jedoch dazu im konsenssüchtigen Japan. Aber bei uns haben sie ja genauso mehrere Atomkraftwerke in trauter Nachbarschaft gebaut: drei Stück in Grundremmingen, zwei in Biblis, Ohu, Neckarwestheim, Philippsburg und in Greifswald waren es derer sogar fünf. Auch hier kein Einspruch von Seiten der Atomphysiker.

Brennstab auf dem Dach

Oder die Idee, die alten Brennstoffe in unmittelbarer Nähe zum Reaktor in Abklingbecken aufzubewahren. In Fukushima ausgerechnet über dem Reaktor. Wenn der explodiert, müssen die Brennstäbe unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen werden – und setzen radioaktive Strahlung frei – und liefern dann noch Nachschub für die drohende Kernschmelze. Natürlich ist solch eine reaktornahe Lagerung den physikalischen Bedürfnissen geschuldet. Schließlich müssen die alten, noch lange heißen Brennelemente jederzeit mit Wasser gekühlt werden. Da bietet es sich an, dass man da die Transportwege kurz hält. Vor allem, weil ja nichts passieren kann.

Das ist das Dilemma der Physik – und der Physiker. Sie versuchen die Welt zu erklären, sie versuchen die Welt in Formeln zu erfassen und sie berechenbar zu machen. Dumm nur, dass die Natur hier nicht so recht mitspielt. Anders als in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, in denen reflektierende Wissenschaftler die Tatsache nicht leugnen, dass mit jeder neuen Erkenntnis der Forschung klar wird, wie viel mehr noch nicht bekannt ist, glaubt ein Großteil der Physiker noch, die Welt immer besser erklären – und beherrschen zu können. – Wie fatal.

Physik als Politik

Die Ironie der Geschichte – Geschichte hier im Sinne Historie – ist es, dass in der Bundesrepublik ausgerechnet eine Physikerin die Atompolitik verantwortet. Eine Physikerin, die 1978 ihre Diplomarbeit am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR schrieb. Titel der Arbeit: „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“. Für die Arbeit bekam sie die Note Eins: „sehr gut“. Später war sie, passend zu ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, von 1994 bis 1998 im Kabinett von Helmut Kohl „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ (sic!).

Es ist schwer vorstellbar, wie Angela Merkel als Physikerin mit dem Desaster und dem drohenden multiplen Super-GAU in Fukushima zurecht kommt. Hier muss eine lebenslange Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar ist, die sie jenseits jeder fachlichen Naivität gelebt hat, mit einem Mal geborsten sein. Eine Illusion, die sie vor einem halben Jahr vielleicht dazu gebracht hat, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern – will man ihr keine unlauteren Motive unterstellen.

Kernschmelze einer Illusion

Um so verwunderlicher ist es, wie Angela Merkel sich windet und in halbgare Floskeln flüchtet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie nur die Entscheidungskraft für ein „Moratorium“ aufbringt. Als würde in drei Monaten die Welt wieder heiler aussehen – und als sei bis dahin die Illusion der Beherrschbarkeit der Kernkraft irgendwie wieder herstellbar.

Das Entsetzen darüber, sich hier als Physikerin ein ganzes wissenschaftliches und berufliches Leben lang grundlegend getäuscht zu haben, ist anscheinend so krass, dass sie ihren politischen Instinkt, der sonst so ausgeprägt war, verloren hat. Diese Kernschmelze einer Illusion muss unheimlich weh tun. Und das ist ein Problem, wenn man als Physikerin Bundeskanzlerin ist. Das ist das Problem, wenn sich Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin leistet.

Ideelle Schockstarre

Peinlich, wenn selbst halbseidene Politiker wie der bayerische Umweltminister Markus Söder glaubwürdiger und konsequenter rüberkommen als die Kanzlerin. Peinlich, wenn ein Kernkraft-Junkie wie Stefan Mappus deutlichere Worte findet und zu härteren Maßnahmen bereit ist als Angela Merkel, die er einst in die desaströse Laufzeitverlängerung getrieben hat. Nahezu tragisch ist es, wenn sich eine Atomlobby-Partei wie die FDP unter Guido Westerwelle schneller und konsequenter von der Atompolitik lösen kann als die Chefin der schwarz-gelben Koalition. Das scheint die logische Folge einer ideellen Schockstarre bei der Physikerin Angela Merkel zu sein.

Die Welt hat uns Deutsche dafür beneidet, dass wir eine Wissenschaftlerin als Regierungschefin haben und nicht einen der üblichen Berufspolitiker. Eine Frau, die es gelernt hat, rational zu denken und kühl abzuwägen. Eine Frau des Geistes und des Wissens, die nicht Kalkül mit Intrige verwechselt, sondern weiß, dass damit Geistesleistung gemeint ist. – Die Welt kann wohl damit aufhören, uns für Angela Merkel zu beneiden.

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