Warm Turkey

30. Juni 2015


Wenn Medien-Entzug zum Vergnügen wird

Ich bin auf Entzug. Multiplem Entzug. Nur bedingt freiwillig. Inzwischen aber gutwillig – und mit guter Laune. Los ging’s mit dem – nur teilweise freiwilligen – Entzug der Tageszeitung, in diesem Fall der Süddeutschen Zeitung. Teils war der streikbedingt, teilweise langen Absenzen von zu Hause geschuldet. Meine Abenteuer rund um mein Abo der Süddeutschen Zeitung habe ich hier in diesem Blog ausführlich beschrieben – samt erhellenden Kommentaren vom Digitalchef der Süddeutschen, Stefan Plöchinger.

Inzwischen bin ich Abonnent der Digitalausgabe der Süddeutschen. Nun gut, jeden zweiten Tag vergisst die Site mein Login, aber mit einem Klick kann  ich dann meist wieder weiterlesen. Nur noch freitags und samstags kommt die Printausgabe ins Haus. (Das klappt nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch.) Kein gutes Geschäft für die Süddeutsche, denn diese Kombi kommt billiger als das Voll-Abo. Der Effekt des Schwenks zur digitalen Ausgabe: Ich lese weniger. Dafür kann die Süddeutsche nichts, vor allem die Wochenendausgabe ist wirklich klasse.

Aber so weit ich vom Digital Native altersbedingt entfernt bin, die vielen Jahre Onlinekommunikation – 20 werden es dieses Jahr! – haben ihre Wirkung hinterlassen. Meine Medienrituale – oder wie der britische Digital-Anthropologe Daniel Miller es nennt: meine Mediatisierung – hat sich spürbar verändert. Zu ungunsten der überkommenen Medien.

Jede Kommunikation ist mediatisiert

Ein Artikel in der Zeit über Daniel Miller und seine weltweite qualitative Sozialforschung zu Facebook, Twitter, WhatsApp Instagram & Co. hat diesen Wandel sehr gut beschrieben: „Jedes persönliche und direkte Gespräch ist mediatisiert, es folgt impliziten Regeln und Konventionen.“Das ist im digitalen Umfeld nicht anders: „Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert.“ Sein wissenschaftlich untermauertes Resumé zu den Digital Natives: „Technik macht sie glücklich.“ – Ja, tut es – mehr oder weniger – auch bei mir.

Der Vorteil der Zeitung, ob digital oder nicht, ist, dass man selbst bestimmen kann, wann man sie lesen will. Das aber ist beim TV nicht der Fall. Entsprechend ist mein TV-Konsum ausgedünnt. Er geht in championsleague-freien Zeiten inzwischen gegen Null. Obwohl, die letzten Partien habe ich mir sowieso per Streaming angesehen. Das Ende von festgelegten Präsenzzeiten vor dem TV erlebe ich nicht als Entzug, sondern als Befreiung. Krimis langweilen mich, Talkshows lösen Panikattacken bei mir aus…, Was mich interessiert – ein paar Dokus oder die „Anstalt“ vielleicht – sehe ich mir an, wann ich will. In der Mediathek.

Leapfrogging in Realtime

Das Internet bietet einfach zu viele Attraktionen per Video. Grandiose Musikvideos, Vorträge (nicht nur bei TED), Fortbildungskurse, Dokumentationen gibt es en masse bei YouTube & Co. Hinzu kommen Serien bei Amazon Prime (Bosch, The Man in the High Castle) und Netflix. Und für die guten Tipps, was anzusehen lohnt und was angesehen  werden muss, sorgt die Medienkompetenz meiner Freunde bei Facebook und Twitter – allesamt medienaffine Menschen mit erfrischend kontroversen Interessen und breiter politischer Ausrichtung. (Zugegeben, politisch rechts ist gewollt eine breite Lücke.)

Bei meiner Reise zuletzt nach China war ich gezwungenerweise auch Facebook- und Twitter-abstinent. Beides ist ja in China zusammen mit allen Google-Diensten gesperrt. Auch hier, keine großen gefühlten Defizite. In China vermisst im Alltag ja sowieso keiner diese Dienste, weil es adäquate, oft bessere, passendere – und staatlich kontrollierte Angebote in China gibt. Den Effekt konnte ich gut live miterleben. Das Leben ist dort schon weit selbstverständlich digitaler als bei uns. Und das nicht nur bei jungen Menschen. Leapfrogging in Realtime. – Und ich bin kein Frosch und hüpfe mit.

Die Lehre der Leere

Zurück in Deutschland hat mein kontinuierlicher Entzug herkömmlicher Medienzufuhr durch den Streik der Briefträger weiter an Dynamik gewonnen. Seit drei Wochen ist nun unser Briefkasten schon konsequent leer. Und das ist gut so. Zum einen, weil ich als langjähriger Briefträger (zu Schul- und Unizeiten) deren Ausstand nur gut heißen kann. Zum anderen, weil man so erlebt, dass man es so auch gut ohne den gedruckten Spiegel aushalten kann. Gut für mein Zeitmanagement, schlecht für das Print-Business, dem ich schließlich die ersten zwei Jahrzehnte meiner Berufskarriere zu verdanken habe.

Vor allem aber lehrt der leere Briefkasten, wie sehr sich mein Kommunikationsfeld ins Digitale verschoben hat. Das Leben geht auch ganz gut ohne Post weiter. Herrlich, drei Wochen ohne Postwurfsendungen, ohne Werbung, ohne sonstigen Schmarrn. Gut, ein paar Steuerunterlagen sind verschollen, auch Auftragsbestätigungen. Das kann noch ärgerlich werden. Mal sehen, ob das Finanzamt auch höhere Gewalt (= Streik) anerkennen wird. – Und gespannt bin ich, wann der riesige Berg an Post, der in irgendwelchen Postlagern rumgammelt, angeliefert wird. Und wie? Per LKW?

Begleitete Verflachung und Verdummung

Wie geht es jetzt eigentlich Amazon? Ich bestelle dort nun gar nichts mehr. Dies auch aus erziehungstaktischen Gründen. Entweder wird aus Amazon eine verantwortungsvolle Firma mit Steuerzahlungen, adäquaten Löhnen – oder die Geschäfte in meinem Umfeld werden weiter von meiner Amazon-Abstinenz profitieren. Ich spüre auch hier fast keinerlei Mangelerscheinungen. Das ist Entzug auf die bequemste und irgendwie angenehme Art. Warm turkey statt cold turkey.

So verläuft meine Entwicklung zum Digital Adaptive in Riesensprüngen vorwärts. Den Einflüssen von Old School-Ritualen wie Streik sei dank. Und auch, weil die Medienlandschaft so spürbar und rapide verflacht. Welch Irrtum, im Digitalen nur in krampfhaft erzeugten Klick-Fantastilliarden zu denken. Man kann Clicks auch durch Leistung und Haltung erzielen. VOX, Mic, Vice, Mashable und andere in den USA machen es vor. Jürgen Habermas hat nicht so unrecht, wenn er wie zuletzt in der Süddeutschen schreibt: „Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.” Begleitete Verflachung und Verdummung, sozusagen. – Schön, dass ich da nicht mehr mittun muss. Warm turkey.

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Angst vor der eigenen Schöpfung

Man sollte eher gut drauf sein. Nur dann macht es Sinn, sich die Liste der 50 eindrucksvollsten dystopischen Filme zu Gemüte zu führen. Ich bin erschrocken, wie viele dieser zukunftspessimistischen Filme davon zu meinen Lieblingsfilmen gehören und wie sehr einige davon mein Denken geprägt haben. Von den Top 10 habe ich fast alle gesehen – und schätze sie alle (einige mehr, andere weniger):

  1. Metropolis
  2. Clockwork Orange
  3. Brazil
  4. Wings of desire (Engel über Berlin)
  5. Blade Runner
  6. Children of Men
  7. The Matrix
  8. Mad Max 2
  9. Minority Report
  10. Delicatessen

robot-moves-danger-sign-s-0195Der größte gemeinsame Nenner dieser 50 Dystopien ist, dass in den meisten von ihnen künstliche Wesen ihr Unwesen treiben. Cyborgs, Replikanten, Roboter oder andere künstliche Menschenwesen. Die zweite Schöpfungsgeschichte sozusagen: Die Menschen schufen Wesen nach ihrem Ebenbilde. Und wie wir, bzw. Adam und Eva, wollen auch die künstlichen Wesen vom Baum der Erkenntnis naschen – und wenden sich so gegen ihre Schöpfer.

Diese absurde Angst vor der Schöpferrolle des Menschen! Wir schaffen Wesen nach unserem Vorbild – und diese wenden sich dann gegen uns und übernehmen die Macht. Mal keck weitergedacht: Spiegelt sich hier unsere Angst, unserem Schöpfer könnte es einst genauso gegangen sein?

Sind uns Roboter überlegen?

Entsprechend negativ ist über all die Jahre die Rezeption der Idee des Roboters und des brav funktionierenden Humanoiden. Vielleicht weil er in seiner maschinenhaften Effizienz uns Menschen vor Augen führt, wie maschinenhaft viele unserer Arbeiten sind – und wie wenig wir dafür mit all unserer menschlichen Beschränktheit an Kraft und repetitiver Präzision geeignet sind.

Bisher konnte man sich gegenüber der Maschinen-Konkurrenz relativ in Sicherheit wiegen. Das war eine Zukunft, die ganz weit weg war. Was sich dann doch einmal bis in die Medien vorgekämpft hatte, das waren drollig aussehende, dem Kindchen-Schema brav entsprechende Prototypen, die eigentlich nur Maschinen-Intelligenz und Praktikabilität simulierten. Letztendlich waren sie alle zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. Bei mir im Keller verstaubt auch noch ein Sony Aibo, der kleine Roboter-Hund, der trotz sorgfältiger Pflege kaum etwas vom versprochenen Lerneffekt zeigte und nur sehr erratisch herumtapste. Was er prima konnte: im Weg rumstehen – und virtuell das Beinchen heben.

Outsorcing an Automaten und Roboter

Plötzlich aber ist es mit dieser Automaten-Idylle vorbei. Roboter sind allenthalben in den Schlagzeilen: Drohnen erledigen schmutziges Kriegsgeschäft in Pakistan. Sie liefern im Auftrag von Amazon oder DHL frei Haus. (Wo bitte, wollen die landen?) Als Quadropter drohen sie vor dem eigenen Schlafzimmerfenster als Flying Peeping Tom herum zu schwirren. In den USA fahren schon mehrere Auto-Flotten ohne jede Intervention von (menschlichen) Fahrern durch die Städte. In den Gärten sorgen Rasenmäher-Roboter für akkurate Rasenlängen. Und es gibt sogar Fensterputz-Roboter.

Noch sind die Geräte wenig überzeugend, verteilen den Schmutz mehr, als sie ihn beseitigen. Aber das sind Kinderkrankheiten. Denn die Roboter sind gnadenlose Nutznießer von Moore’s Law. Ihre Rechnerleistung verdoppelt sich alle 12 bis 24 Monate. Sie denken immer schneller, bisweilen auch immer besser. Unsere produzierende Industrie wäre ohne klaglos arbeitende (Industrie-)Roboter längst nicht mehr konkurrenzfähig. Unsere Autos wären immer noch so unpräzise produziert wie einst vor 20 Jahren. (Nein. Früher war nicht alles besser!) Unsere Chips wären nicht so leistungsfähig und klein. Und unsere Smartphones wären immer noch so unhandlich wie Ziegelsteine.

Die Job-Killer aus der Retorte

Die Roboter sind längst die Garanten unserer Produktivitäts-Steigerungsraten, die unser kapitalistisches System so dringend braucht. Und diese Roboter vernichten dabei stets massenweise Arbeitsplätze. Aber seit den Maschinenstürmern Anfang des 19. Jahrhunderts kam es eigentlich nicht mehr zu rassistischen Ausfällen gegenüber Robotern. Und Widerstand gegen Replikanten gab es bislang nur in Science-Fiction-Filmen (siehe oben).

Schon gibt es Ideen, im Zuge der Evaporisierung von (bezahlter) Arbeit so etwas wie eine Produktivitäts- oder Maschinen-Steuer einzuführen. Eine scheinbar logische Idee, wenn arbeitende Menschen mangels Arbeit als Steuerzahler wegfallen, dann halt ihre Surrogate, die Roboter, die das Gros der Arbeit machen, Steuern zahlen zu lassen. Fragt sich, wann die Androiden & Co. so menschenähnlich werden, dass sie auch Kreativität entwickeln, wie sie Steuern sparen – oder hinterziehen können. Das wäre der ultimative Turing-Test: Können Roboter so intelligent werden wie wir Menschen? Oder wie wir uns fälschlich dafür halten…

Die Umkehrung des Turing-Tests

Während wir uns noch in hyper-replikanter Hybris in intellektueller Sicherheit wiegen, laufen längst die umgekehrten Tests der intelligenten Maschinen mit uns. Funktionieren wir brav so, wie es die Maschinen wollen – und merken es selbst nicht. Wir schreiben brav die CAPTCHA-Texte ab, wenn wir Formulare im Web ausfüllen. Die – vermeintlich – intelligenteren Menschen unter uns, meinen damit etwas Gutes zu tun, nämlich unentgeltlich die Digitalisierung von Büchern durch Google mit menschlichem Wissen zu optimieren. In Wahrheit ist das der perfekte Test der Maschinen, ob wir nicht eine von ihnen sind, bzw. „nur“ brave, sich den Maschinen überlegen fühlende Hominiden.

Die These ist Ihnen ein wenig zu steil? Mehr Beispiele gefällig? Amazon’s Mechanical Turk, die Angebots-Plattform für Billigstlohn-Arbeiten, ist die optimale Clearingstelle der Maschinen-Intelligenz, auf welchen monetären Wert sich menschliche Arbeit herunterhandeln lässt, um noch mit Maschinen-Effizienz und Algorithmus-Präzision mithalten zu können. 1 Cent (US) pro URL, 2 Cent pro ausgefülltem Adressformular, 11 Cent für das Tagging eines „Adult Movie“, das gibt es hier zu verdienen. Das summiert sich – eben nicht. Ach ja, 1 Cent gibt es auch pro ausgefülltem CAPTCHA.

Barrierefreies Lernen für Maschinen

Ein Problem hat die Maschinen-Intelligenz. Sie braucht Stoff. Digitalen Stoff. Denn wie soll sie sonst lernen? Je mehr digitale Daten, desto besser kann sie ihre Schlüsse aus unseren Erfolgen und Misserfolgen ziehen. Und wir liefern brav. Die Bibliothek unseres Wissens macht Google gerade maschinenlesbar. (Für die Fehlerfreiheit sorgen wir Menschen – mittels CAPTCHA.) All unser Leben, all unser Denken wird immer digitaler, dank Social Media, Netzwerken und Kommunikationssystemen. Damit die Maschinen vollen Zugang darauf bekommen- und wir keine abgekapselten Inseln des Wissens mehr haben, haben die NSA (National Security Agency) und die mit ihnen kooperierenden oder konkurrierenden Geheimdienste alle Barrieren, einst Datenschutz genannt, aufgehoben. Sie ermöglichen der Maschinen-Intelligenz jetzt endlich barrierefreies Lernen.

Und damit auch nichts aus dem Datenuniversum, das wir gerade zu explosionsartiger Ausdehnung bringen, verloren geht, baut die US-Regierung in der Wüste den größtmöglichen Datenspeicher mit dem vorläufigen Fassungsvermögen von mindestens zwei kompletten Jahrgängen an Datenvolumen. Da werden die Konkurrenten China, Russland etc. nicht Ruhe geben und ihrerseits Ähnliches schaffen. Die funktionieren für das Maschinen-Lernen prima als nötigen Sicherheits-Speicher und Parallel-Rechner. – „Warning! Keep away! Robot moves without warning!“


2012 – Das Jahr der Konflikte ums Digitale

Was für ein Jahr! Ich kann mich nicht erinnern, wann sich der Alltags-Lifestyle im Alltag so schnell und massiv wie im Jahr 2012 geändert hat. Bei meinen Fahrten mit der S-Bahn nach München hinein ist die Veränderung mit „Händen zu greifen“. Statt Zeitungen und Bücher werden jetzt mehrheitlich Smartphones, eBook-Lesegeräte und Tablets in Händen gehalten. Nur noch Senioren lesen Zeitungen, nur noch wenige Frauen lesen Bücher. Der massive Wechsel zur digitalen Kommunikation und Rezeption – und das vorrangig mit mobilen Geräten – ist atemberaubend und „erschütternd“.

SchlossStatueRechtsEr erschüttert das Medien- und das PC-Business. Medien werden nicht mehr auf Papier konsumiert, bestenfalls per Tablet oder Smartphone. Der PC, wie wir ihn kennen, hat großenteils ausgedient, das Notebook wird zum Auslaufmodell. Sobald ein Tablet oder ein eReader im Haus – und unterwegs dabei ist – wandern die Daten von der Festplatte in die Cloud. Und die Daten, die wir zu unserer Unterhaltung brauchen, ob Musik, Bild oder Video, kommen von da her – sei es von Google (samt YouTube), Amazon, Apple oder Facebook (samt Spotify). Yahoo und Microsoft versuchen verzweifelt mitzuhalten.

Der organisierte Widerstand

So massiv die Veränderung, so verbreitet der Wechsel zum Digitalen im letzten Jahr war, so energisch – und erstmalig koordiniert – gestaltete sich der Widerstand der Medienunternehmen gegen die digitale Konkurrenz. Dabei waren die Versuche, ein Leistungsschutzrecht (vulgo: Lex Anti-Google) politisch durchzudrücken, nur die Spitze des Eisberges. Dazu kamen Berge von Artikeln, die vor der digitalen Welt warnten, die hysterisch Katastrophen prognostizierten (Untergang der Privatsphäre u.a.) und natürlich massiv gegen die neuen Multis und Giganten der digitalen Welt agitierten: Google, Facebook, Apple und Amazon. (Microsoft gehört plötzlich zu den Guten?)

2012 war das Jahr, in dem die großen Medienhäuser plötzlich unisono Propaganda in eigener Sache machten: Stichwort „Qualitäts-Journalismus“. Als hätten Zeitungen den freien Journalismus erfunden. 2012 war das Jahr, in dem sich Politiker, fast quer durch alle Parteien, für den Widerstand gegen die amerikanischen digitalen Mega-Unternehmen einspannen ließen. Die einen aus Naivität, Unwissen oder Ignoranz, die meisten aus Lobby-Gründen, etliche vielleicht auch, weil sie ahnen (oder wissen), dass der digitale Wandel längst die Politik in den Grundfesten zu erschüttern beginnt. Obama hat es vorgemacht, wie Wahlen per Social Media gewonnen werden können, selbst wenn man eigentlich auf verlorenem Posten steht.

Die Prognose für 2013 ff

Man könnte ein Leistungsschutzrecht als verschrobene Folklore eines leicht verschreckbaren Volkes in der Mitte Europas abtun. Besser man nimmt es (sehr) ernst, was da droht. Denn eines ist sicher: Es wird 2013 und in den Folgejahren alles noch viel dramatischer kommen. Immer mehr Branchen werden vom digitalen Wandel erfasst und in ihren Grundfesten erschüttert werden. Entsprechend wird der Druck dieser Industrien auf die Politik wachsen, etwas gegen die business-bedrohenden Veränderungen zu tun. (Motto: Arbeitsplatzverluste etc.). Und die Bereitschaft der Politik, massiv gegen solch grundlegende Veränderungen einzuschreiten, wird wachsen. Schon aus reiner Selbsterhaltung.

Denn noch immer glaubt man in weiten Teilen von Industrie und Wirtschaft, man könne sich gegen den digitalen Wandel und seine disruptiven Auswirkungen wehren. Man müsse nur den digitalen Mega-Firmen Einhalt gebieten und das Internet endlich effektiv regulieren, dann wird alles nicht ganz so schlimm. (China, Iran und Nordkorea machen es doch vor!) Und so wird eifrig Lobbyarbeit betrieben mit dem Ziel, dem Wandel Einhalt zu gebieten. Oder wenigstens möglichst viel Zeit herauszuschinden, bis die bisherigen Business-, Karriere- und Boni-Modelle endgültig ausgedient haben. Dass dabei unsere sowieso schon fragile, innovationsträge Wirtschaft ernsthaft gefährdet und jegliche Zukunftsfähigkeit vernichtet wird – völlig egal.

Das wird schon wieder

Es ist fast rührend zu beobachten, wie gerne so getan wird, als ob die disruptiven Brüche nur für die Medienbranche gelten. Man muss nur dagegen halten, dann ist der digitale Spuk bald vorbei. Dabei wird chronisch übersehen, dass der digitale Wandel systemisch ist. Dass er die Machtverhältnisse zugunsten der Kunden unumkehrbar verschiebt. Dass er völlig neue Verfügbarkeiten schafft, die nur allzu gern genutzt werden, weil sie der Mehrheit (der Konsumenten) sofort Vorteile bringen. Natürlich zu ungunsten der bestehenden Businessmodelle – und bestehender Jobs und Verdienstmöglichkeiten. Die Medienbranche ist nur die Vorhut. Alle anderen Branchen werden folgen.

Dass nach und mit dem Umbruch so viele neue, attraktive Geschäftsmöglichkeiten und Jobs entstehen, wird nicht gesehen. Diese neuen Jobs werden nicht nach denselben Regeln funktionieren und nicht identische Gewinnmöglichkeiten wie einst bieten. Das ist logisch, weil es sich eben um einen grundlegenden Umbruch handelt – vom Industriezeitalter zum digitalen Netzwerkzeitalter. Einst waren die Machtstrukturen streng hierarchisch. Jetzt aber werden am Ende des Industriezeitalters die hierarchischen Systeme durch dynamische Netzwerksysteme abgelöst. Entsprechend waren die Margen und Renditeoptionen des industriellen Zeitalters aufgrund von begrenztem Zugang zu Produktionsmitteln, Distribution und Märkten riesengroß.

Pluralisierung von Gewinnen

Der digitale Wandel beendet diese eindeutigen, hierarchischen und – nennen wir sie monolithischen – Gewinnoptionen. Statt weniger, dafür umso ergiebigerer Renditen (bei Medien einst: Verkäufe und Anzeigen) sind die Gewinne – und die Option darauf – heute demokratisiert und pluralisiert. Jeder hat die Möglichkeit, am Markt teilzunehmen. Jeder kann selbst Unternehmer und/oder Händler werden. Das ist viel einfacher, schneller und unkomplizierter möglich. Dies aber nur unter der Bedingung, dass die Gewinnmöglichkeiten entsprechend pluralistisch sind. Sprich, sie fallen in der Regel jeweils geringer aus und stehen allen offen. Entsprechend ist der Wettbewerb größer. Das macht aber nichts, weil genügend Renditeoptionen parallel nebeneinander bestehen – was erst seit der digitalen, entrepreneurs-pluralistischen Ära möglich ist. Und außerdem können Netzwerkeffekte helfen, die minimalen Einnahmen ansehnlich zu multiplizieren.

Das alles braucht aber ein anderes, kleinteiligeres Denken, es braucht mehr und schnellere Innovation, denn in der digitalen Welt wird jede gute Idee sofort kopiert. Der einzige funktionierende Schutzraum dagegen ist die extreme Nische. Wer aber im Massenbusiness tätig ist, steht voll im Sturm der Veränderung. Das erlebt neben dem Medienbusiness bereits heftig der Einzelhandel, speziell der Elektronikhandel. Hier werden wir 2013 und in den Folgejahren massive Veränderungen erleben. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis in vielen anderen Branchen, die bislang vor massiven Veränderungen verschont geblieben schienen, heftige Umbrüche passieren werden. Hier nur einige Beispiele:

  • Das Banking Business: LendingClub.com und Zopa oder Kickstarter und Startnext u. a. zeigen, dass wir Kunden irgendwann auch ohne Banken, wie wir sie heute kennen, auskommen können, wenn wir Projekte finanzieren wollen.
  • Die Gesundheitsbranche: Mobiles Monitoring, Crowd-Coaching, Gensequenzierung, 3-D-Modelling & -Printing u. a. werden das Business extrem verändern und massiv Berufsbilder „verändern“.
  • Der komplette Bereich der Bildung. Die Khan Academy u.a. ermöglichen es (vorerst noch auf Englisch), den kompletten Schulstoff zu Hause in Eigeninitiative zu lernen – und das mit echtem Spaß. (Wie ich selbst getestet habe.) Oder Udacity und Codecademy führen in die Computer-Technologie ein. – Alles natürlich gratis.
  • Die Tourismusbranche: Hotels und Restaurants müssen sich auf hochindividualisierte Privat-Konkurrenz einstellen müssen. Der Erfolg von AirBnb zeigt, wie neue „Privatmärkte“ im Tourismus prosperieren können.
  • Die (Auto-)Mobilbranche: Der Wandel von Besitz zu Nutzung, von der Kombustion zur Elektrik wird neue Autotypen und völlig  neue Businessmodelle im Bereich der Mobilität bringen.
  • Die Werbebranche: So wie sie ist, hat sie systemisch abgewirtschaftet, da zu analog (kreativ-narzisstisch statt kundenorientiert) und hierarchisch (one to many). Es muss social, kundenbezogen und interagierend werden. Coca Cola probiert schon mal aus, wie werbliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kunden aussehen könnte.
  • etc. etc. etc.

Alles Gute für 2013… 2014… 2015… …

Ich denke, man kann sich ausmalen, wie die Welt 2013 und den Folgejahren aussehen wird, wenn all diese Branchen und etliche mehr anfangen, gegen die Digitalisierung (politisch) aktiv zu werden, weil sie um ihr Business, um ihre Renditen, um ihre Karrieren und ihre Jobs Angst bekommen. Fast möchte man froh darum sein, dass die digitalen Widersacher der etablierten Industrie (Google & Co.) inzwischen so groß, mächtig und reich geworden sind, dass sie auch auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett Paroli bieten können.

In diesem Sinne: Alles Gute für das Jahr 2013… etc.

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