20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.

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Der zweite Teil meines Digitalen Tagebuchs auf Europe Online von 1996.

Europe_OnlineMillenium-Wechsel

mak@muc032.96.00:01

Bei der heimischen Express-Auswertung der Presse, bevor sie in die Papiertonne wandert, sticht eine Anzeige im Reiseteil der Münchner Abendzeitung ins Auge: „Silvesterparty 1999/2000“. Der Reisevermittler AST Reisen in Viersen nimmt Buchungen für einen Silvesterflug zum Jahrtausendwechsel von Frankfurt über Singapur, Tokio und Los Angeles zurück nach Frankfurt entgegen. Besonderer Clou der Reise: Da es entgegen der Zeitzonen geht, kann man während der Reise gleich zweimal den Jahrtausendwechsel feiern. Einmal in Tokio und einmal in Beverly Hills/Los Angeles.

Mal davon abgesehen, welchen Streß solch ein Silvester-Trip wohl bringt, die Aussicht, solch einen Tag in der Beengtheit eines Jets zu verbringen, ist wirklich nicht sehr verheißungsvoll. Außerdem ist zu erahnen, an attraktiven Orten in der Kürze der Zeit wohl die Champagner-Kelche (oder doch nur Sekt?) klirren werden: schlimmstenfalls gleich im Flughafen in Tokio.

Aber vor allem schreckt die Vision, schon heute diesen Tag zu verplanen. Das kann eigentlich nur sehr ordnungsliebende und planungsbegeisterte Menschen begeistern. Mir ist die Vorstellung ein Graus. Ich assoziiere die Idee, als würde bis zu dem magischen Datum nichts mehr passieren, als würde bis dahin die Welt stehenzubleiben haben. Dabei sind es noch gute 1800 Tage bis dahin.

Interessant ist in dem Zusammenhang, mit welch unterschiedlichen Worten und Ausdrücken das magische Datum des Jahres 2000 benannt wird. Ganz hochtrabend heißt es „Millenium“. Der lateinische Ausdruck (Jahrtausend) vermittelt den Eindruck, daß wirklich wahrhaft Gewaltiges und Historisches passiert. Andere reden ergriffen vom „Jahrtausendwechsel“, so als gäbe es Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen eines Jahrtausends. Wir dürften den Menschen des Jahres 2996 mindestens ebenso frühzeitlich erscheinen wie uns den Menschen des Jahres 996.

Bescheidenere Gemüter nennen das Datum lieber „Fin de siecle“ oder „Jahrhundertwende“. Ein etwas sympathischerer Begriff. Das Fin de siecle ist ein alle 100 Jahre stattfindendes Phänomen, an dem sich die Menschen bisher immer wieder zu einer neuen Aufbruchsstimmung aufraffen konnten. Irgendwie ist es unwahrscheinlich, bloß weil diesmal ein Jahrtausendwechsel ansteht, daß diese Aufbruchsstimmung entsprechend größer und markanter sein wird.

In Wahrheit kümmert sich der Lauf der Dinge keinen Deut um Jubiläen und gerade Datumszahlen. Es waren zuletzt immer technologische Erfindungen und ideologische Ideen, die den Lauf der Welt entscheidend prägten. Die Dampfmaschine, der Motor, die Elektrik, der Transistor, der Computer… – Kapitalismus, Sozialismus, Ökologie… – Diese Erfindungen und Ideen hielten sich nie an den Kalender, sie passierten einfach.

Oder hätte etwa das Internet noch fünf Jahre still warten sollen, bis es pünktlich zum Jahrtausendwechsel unsere Medienparadigmen entscheidend verändern wollte? Eine herrlich absurde Vorstellung.

Anonyme Post

mak@muc033.96.14:44

Manchmal stellt man sich die Cyberwelt zu schön vor. Nach meinem Umzug habe ich Brief um Brief den verschiedensten Leuten, Institutionen, Firmen etc. meine neue Adresse mitzuteilen. Um so mehr freut die (seltene) Möglichkeit, das per E-mail zu tun.

Logisch, daß ich gleich mein „Wired“-Abonnement per E-mail zur neuen Adresse umdisponiere. Die Mail an die im Heft angegebene Adresse „subscriptions@wired“ ist schnell geschrieben und losgeschickt… Die Reaktion verblüffte. In mehrfacher Hinsicht. Keine drei Minuten später war schon eine Antwort in meinem Briefkasten, abgeschickt um 02:23 Uhr nachts Ortszeit in San Franzisco. Die rasche Replik erklärte sich schnell. Es war eine aut0matische Antwort – mit frustrierendem Inhalt:

„Hi, thanks for writing. This is an automated response. – PLEASE READ THIS !!! – This is an AUTOMATIC reply. No human is reading your message, unless we’ve specifically told you otherwise. Several people recently have been sending messages here and then waiting in vain for a reply, because they do not read the rest of this message.“ Eine herbe Formulierung: „No human is reading your message, unless weíve specifically told you otherwise.“ (Frei übersetzt: Kein Mensch liest ihre E-mail – es sei denn sie folgen unseren Anweisungen.)

Es ist ein sehr komisches Gefühl, seine Nachricht ins Nichts geschickt zu haben. Man hat mit seiner Mail nicht einmal mit einem Computer kommuniziert, sondern nur einen automatischen Reflex verursacht. Diese Art von Kundenservice erinnert doch sehr an die düsteren Visionen des Cyberspace, seien sie von Orwell, Huxley, Gibson oder anderen formuliert worden. Hier erlebt man einen Vorgeschmack der oft beschworenen, entseelten, automatisierten, entpersönlichten, nur noch „sogenannt“ zu nennenden Kommunikation.

Weiter unten in der Mail-Replik von „Wired“ bekommt man wie versprochen genaue Anweisungen, was man für diverse Fälle zu tun hat. Je nach Wunsch (z.B. Adressenänderung, Abo-Kündigung etc.) hat man ein bestimmtes Stichwort zu mailen, auf das man dann ein genormtes Formular (per E-mail) geschickt bekommt, das genau auszufüllen ist. Dort wird sogar ein kleiner Raum für „comments“ eingeräumt. – Keine Ahnung, ob die dann von „humans“ gelesen wird.

So schön automatisierte und computerisierte Kommunikation sein kann. In der von „Wired“ unpersönlich praktizierten Weise werden schlimmste Befürchtungen überflüssigerweise erfüllt. Ein Kundenservice der Zukunft sollte nicht nur automatisiert, sondern zugleich auch humanisiert werden. Wenn die Maschinen unfreundlicher und abweisender als grantige Menschen an Service-Telefonen sind, werden sie nie die Gunst der Kunden gewinnen. Und damit sind alle Ideen von Rationalisierung Makulatur. – Zu recht!

Web-Sympathie

mak@muc034.96.09:32

Wie steht es wohl um das Image von Websurfern in Deutschland? Wir vermuten, es ist nicht übermäßig gut. Zumindest der Vorwurf, Internet-Usern seien beziehungsgestört, da am Bildschirm vereinsamt und nur mehr chat-kommunikativ, wird hierzulande immer wieder gerne erhoben.

Anders in den USA. Die Zeitung „USA Today“ veröffentlichte eine Umfrage unter der amerikanischen Bevölkerung nach dem Image von Netsurfer. Das Ergebnis ist überraschend positiv:

91 Prozent schätzen Netsurfer als fortschrittlich (trying to get ahead) ein.
90 Prozent halten sie für besonders erfolgreich.
78 Prozent gehen davon aus, daß eifrige Internet-User familienorientiert sind.

Nur 52 Prozent halten sie für Technik-Langweiler (Nerds).
35 Prozent für langweilig.
33 Prozent für Stubenhocker (couch potatoes).

Am meisten überrascht bei dem Ergebnis, daß Online-User weit in den USA im Ruf stehen, nicht Technikfreaks, sondern Familienmenschen zu sein. Amerika hat den großen Vorteil des Webs erkannt: zu Hause und zeitsouverän arbeiten zu können. Und sie haben den Family-Value des Web erkannt.

Das Web bietet längst Inhalte für jeden in der Familie: für Mann, Frau und Kinder. Das Web ist weit eher ein neuer Familienkommunikator und eben nicht das hierzulande befürchtete Vereinsamungsinstrument. Oft schafft die Erfahrung, Web-Kompetenz von den eigenen Kindern beigebracht zu bekommen, ein völlig neues Gemeinschaftsgefühl in Familien.

Web-Masochismus

mak@muc035.96.02:01

Gelungenster Werbespruch einer Web-Site bisher:
Hit us.
Hit us hard.
Hit us often.
So wirbt der amerikanische „Philadelphia Inquirer“ für seinen Webservice: http://www.phillynews.com

Eine ganz neue Art von Masochismus: Web-Hit-Lust. Es ist wunderschön mehr und mehr Hits einstecken zu müssen. – In diesem Sinne, liebe User…

Net-Romanzen

mak@muc036.96.12:01

Diane Goydan, Hausfrau im US-Staat New Jersey, geht in die Geschichte des Internet als erste Frau ein, die aufgrund einer Romanze im Net geschieden wird. Über Monate hinweg hat sie mit einem – verheirateten! – Mail-Partner (Nickname: „Wiesel“) „Liebesbriefe, Gedichte und anzügliche Beteuerungen“, wie die Agenturmeldung zu berichten weiß, ausgetauscht.
Der Ehemann von Diane kam hinter die elektronische Affäre, als er einmal früher von der Arbeit nach Hause kam und seine Ehefrau beim Flirt im Netz erwischte, heißt es. Am meisten entsetzte ihn die Tatsache, daß die beiden Netzverliebten bereits ein leibliches Aufeinandertreffen in einer Pension vereinbart hatte. Grund genug für ihn, die Scheidung einzureichen.
Reale Romanzen im Netz passieren. Wie das so ist und was man dabei fühlt, schildert wunderbar eindringlich und poetisch Peter Glaser in seinem Buch „24 Stunden im 21. Jahrhundert – Onlinesein“ (Zweitausendeins). Glaser lernte seine Lebenspartnerin Rosa in frühen Internet-Zeiten in einer Mailbox kennen. Über Monate hinweg chatteten sie sich immer näher zueinander und tauschten immer öfter persönliche Gedichte und Mails aus.
Peter Glaser: „Wir verliebten uns ineinander. (…) Ich hatte mich noch nie in eine Frau verliebt, die ich noch nie gesehen hatte. Das Sonderbarste war meine Angst, es nicht ernst zu meinen, sondern irgendwo außerhalb der bewußten Kontrolle ein abgehobenes Spiel zu spielen.“
Die Liebesaffäre von Peter Glaser (Nickname: „Poe“) und Rosa fand über Monate nur „schriftlich“ statt: in Mails, Texten, Chats. Glaser: „Was ich bemerkenswert finde: daß all das rein durch Worte geschehen ist. Ich war beschämt, daß ich an der Sprache gezweifelt hatte. (…) Ein paar Worte reichen für ein Wunder.“
Die Überführung der „schriftlichen“ Online-Beziehung in die Realität eines realen Zusammenlebens war laut Glaser weit einfacher, als man erwarten könnte. Die sprachliche Intimität half hier anscheinend: „Wir telefonierten miteinander. Ich meine ohne Modems und Rechner dazwischen. Stimme. (…) Wir waren beide nervös, aber die Nervosität beruhte auf einem soliden Fundament. Ich fühlte, daß längst alles klar war. Wir waren ein bißchen hilflos beim Reden, wie zwei, die schlecht englisch sprechen, es aber aus Rücksicht auf ausländische Gäste trotzdem tun.“
Die reale Begegnung schließlich war, so Glaser, völlig unproblematisch: „Als Rosa und ich einander nach drei Monaten das erste Mal leibhaftig begegneten, war es ein wundervoller Triumph über ein Jahrhundert der Bilder. Wir küßten und umarmten einander schwerelos von dem schönsten Gefühl. – Am Tag darauf schrieb ich meiner damaligen Freundin, daß ich sie verlasse…“
Soweit zu dem Vorurteil, daß man online unweigerlich vor dem Bildschirm vereinsamt. – Und übrigens: wir wünschen Diane Goydan alles Gute für ihre neue Zukunft…

Sampling-Kultur

mak@muc037.96.08:55

Eine der besten CDs des Jahres 1995 war „Everything Is Wrong“ von Moby. Nun gibt es als Doppel-CD die „Mixed!+Remixed!“-Version davon als „Non-Stop DJ Mix“ von „Evil Ninja Moby“. Die CD sollte man, wenn man auf Hard Techno, Ambient, Hard House, Acid und Trance steht, auf jeden Fall in seiner Sammlung haben. Die Mixes sind wirklich besonders gut gelungen.

Mir gefällt aber darüber hinaus die Idee dieser CD. So schnell wie heute Musiktrends wechseln, kommen die Arrangements von Songs heutzutage schnell außer der Mode. Moby scheint nicht erst auf Coverversionen warten zu wollen, die seine Songs neu interpretieren. Er macht das lieber gleich selbst. So werden aus Techno-Songs Hard-House Mixes, so werden aus aggressiven Beats sphärische Ambient-Elegien.

Moby sprengt dabei die üblichen Mix-Editionen, die seit der DJ-Kultur üblich sind. Er kocht die alten Songs nicht nur neu. Er zeigt, wie wandelbar seine Songs sind und wie vielseitig sein musikalisches Talent. Er erzeugt aus demselben Ursprungsmaterial wirklich völlig neue, eigenständige Werke. Er updatet sie optimal.

Im digitalen Zeitalter, in dem die neuesten Songs meist Samplings sind, ist dieses stilistische Updating kein großes technisches Problem. Man greift ganz einfach auf die digitalen Versatzstücke zurück und setzt sie in ein neues Klang und Rhythmus-Ambiente. Das sieht auf den ersten Blick lapidar aus, ist aber in Wahrheit ein sehr diffiziler Vorgang, wenn daraus nicht nur Klischees (als Hitparadenware) entstehen sollen. Es gehört dazu eine perfekte Mischung aus Musikalität und Zeitgeistgefühl.

Moby besitzt beides im Übermaß. Er ist einer der talentiertesten Sampling-Künstler der Gegenwart. (Andere vorbildliche Namen: Brian Eno, Tricky, Black Dog, Future Sound of London u.a.) – Sampling-Künstler sind die großen künstlerischen Protagonisten des digitalen Zeitalters. Sie machen aus Bits und Bytes Kunst. Sie transformieren die neue computergestützte Technik der Digitalität in Materie für zeitgemäße Kultur.

Make Better

mak@muc038.96.01:34

Die Remix-CD von „Moby“ (s.u.) ist nicht nur wegen ihrer Songs bemerkenswert, sondern auch wegen der Texte des CD-Covers. Im Booklet zu „Everything Is Wrong“ waren mehrere Essays zum Thema des ökologischen Zustands unserer Welt zu lesen. Tenor dieser ebenso düsteren wie faktenreichen Vision von Moby: „Everything Is Wrong“.

Die neue Remix-CD setzt dem düsteren Pessimismus einen Katalog möglicher Alternativen, Besserungswege und Gegenmittel entgegen. – Auch hier das Prinzip des Update. Statt ökologischer Apokalypsen-Tristesse nun (zukunfts-)optimistischer, fröhlicher und dabei realistischer Aktionismus.

Hier das Sampling der Tips von Moby, wie die Welt – und das Leben jedes Einzelnen besser werden könnte. Sie ist so genial wie cool:

  • Don’t tolerate injustice
  • Don’t tolerate cruelty
  • Stop eating animal products
  • Vote
  • Write your elected representatives
  • Be honest
  • Dance a lot
  • Talk to strangers
  • Find work that satisfies you
  • Play games
  • Go outside
  • Stop smoking
  • Eat organically grown food
  • Read a lot
  • Make music/learn an instrument
  • Write letters
  • Entertain people
  • Don’t buy products tested on animals
  • Throw away your car
  • Stay up late
  • Wake up early
  • be active
  • Walk in the woods
  • Protest
  • Make yourself happy
  • Be in love with God
  • Have sex with someone you love
  • Invite your friends over for dinner
  • Get involved with eco-terrorism
  • Support Amnesty International, PETA and any organisation that does good work
  • Be tolerant of differences
  • Walk
  • Sit on rooftops
  • Climb in trees
  • Swim
  • Learn a language
  • Apologise to the rest of the world
  • Recycle
  • Buy used clothing
  • Assume that you’re wrong
  • Use public transportation
  • Find out abour renewable sources of energy
  • Image a world without people
  • Make bread
  • Sing
  • Write messages on walls
  • Draw pictures
  • Go somewhere you’ve never been
  • Run
  • Get angry about what we’re doing to this planet and its inhabitants
  • Talk to old people

Den einzigen Punkt, den ich hinzufügen möchte:

  • Zeigt diese Liste allen, die mies über „die heutige Jugend“ herziehen, zeigt sie allen Pessimisten und zeigt sie allen, die den Untergang der Welt prophezeien oder herbeisehnen…

Abreise

mak@muc039.96.09:28

Abreise zur Milia nach Cannes, zur größten europäischen Messe in Sachen New Media. Vor einem Jahr wurde dort Europe Online offiziell aus der Taufe gehoben. Jetzt, ein Jahr später, präsentieren wir dort Tausende von Seiten – online.

Eine andere Möglichkeit, uns zu live erleben, ist die Aktion 24 Hours in Cyberspace, an dem wir mit einer – nicht ganz ernst gemeinten – Schilderung unseres Arbeitsalltages mitmachen. Wir zeigen typische 24 Stunden in unserem kleinen Cyberspace am Rosenkavalierplatz in München.

Laurie Anderson

mak@can040.96.19:09

Milia in Cannes. Zuviel Eindrücke und zuwenig Zeit, sie ausführlich festzuhalten.

Am Vormittag gibt Laurie Anderson eine launige Rede. Ihre Gags macht sie vorzugsweise auf Kosten von Deutschen. Sie muß nur erwähnen: „One of theses multimedia-events in Germany“ und schon hat sie ihren Lacher. Oder noch besser: „There happened a speech of one of these German professors…“. Und schon wurde im Kongreßsaal breit abgelacht. – Wir Deutschen gelten nach wie vor als Perfektionisten, als Umstandskrämer und Besserwisser – mit beneidenswert viel Marktmacht.

Interessant Laurie Andersons Beobachtung, daß es ihr immer mehr Mühe macht mit der technischen Entwicklung im Net mitzuhalten – Stichworte: HTML 3.0, Hot Java, VRML, Shockwave etc. Ihre Sorge ist, und das ist durchaus nachzuvollziehen: Vor lauter technischer Entwicklung und Weiterbildungsdruck kommen die Inhalte – und der Spaß – im Internet zu kurz. Ihre Angst: die Entwicklung im Net mit immensen Userwachstumszahlen und immer neuen technischen Applikationen wird zu einem „race to nowhere“.

Ein schönes Bild am Schluß der Rede von Laurie Anderson als Replik auf Maschinenstürmer, Internethasser und Net-Zensoren: „What is faster than the speed of light? – The speed of fear.“ (Was ist schneller als die Lichtgeschwindigkeit? Die Geschwindigkeit der Angst)

Douglas Adams

mak@can041.96.20:12

Douglas Adams, der Autor der legendären Trilogie in vier Teilen „Per Anhalter durch die Galaxis“ produziert mittlerweile Filme und hat zuletzt eine Firma gegründet, die virtuelle Environments im Net kreieren will. Sein Beitrag zur Milia-Präsentation und -Diskussion über virtuelle Welten ist bemerkenswert, sowohl von der Form her (er ist ein begnadeter Erzähler, weil unbegabter Rhetoriker), als auch vom Inhalt her.

Die Kernthese von Douglas: Wenn wir virtuelle Welten, etwa personalisierte Chats (World Chat, Avatare etc.) schaffen, dürfen wir sie nicht künstlich „virtuell“ gestalten, also auf besonders modern, cybermäßig etc. trimmen, sondern müssen möglichst viel Offenheit bieten.

An zwei Beispielen aus der Tierwelt zeigt Douglas, wie eng und virtuell unsere Alltagswelt sowieso schon ist. Um so schlimmer wäre es, sie noch einmal künstlich, sozusagen aus Hippness-Gründen einzugrenzen.

Beispiel 1:

Bei einer Untersuchung an Delphinen wurden die Tiere darauf getrimmt, jeweils einen Ton zu geben und aus dem Wasser zu springen. Dafür wurden sie dann mit einem Fisch belohnt. – Das klappt beim Test zunächst wunderbar. Aber im Laufe des Tests reagieren die Delphine immer eigenartiger. Sie geben immer kuriosere Töne von sich und springen zuletzt aus dem Wasser, ohne daß irgendwelche Töne zu hören sind. Und das tun sie auch, ohne mit Fischen belohnt zu werden (sie hatten ja versäumt, Töne zu geben.) – In der Nacht, bei genauerer Auswertung, erklärt sich das Phänomen. Die Delphine hatten versucht, das Hörvermögen ihrer Tester zu kalibrieren. Sie haben Töne im für Menschen nicht mehr hörbaren Bereich von sich gegeben – die Wissenschaftler hatten sie nur nicht gehört (und ihnen deswegen fälschlicherweise die Fische als Belohnung vorenthalten.)

Erkenntnis 1:

Unsere reale Welt des Hörens ist immens beschränkt. Für Lebewesen wie Delphine, deren Welt aus Tönen und Schwingungen besteht, sind wir reichlich tumbe Geschöpfe. Wenn sie uns helfen, wie viele Legenden erzählen, tun sie das vielleicht nur aus Mitleid?

Beispiel 2:

Rhinozerosse können bekanntlich sehr schlecht sehen, bestenfalls zehn Meter weit. Daher die Mär, daß Rhinos dumm und tumb sind. In Wahrheit sind sie uns nur optisch unterlegen, vom Geruchssinn her aber weitaus überlegen: Rhinozerosse können kilometerweit riechen. Sie können erreichen, welche Art von Lebewesen in ihrer Umgebung sind. Sie können riechen, wo es frisches Gras gibt, wo frisch gemähtes. Sie können riechen, welche ihrer Artgenossen (weiblich? männlich?) in welchem Abstand und vor allem auch in welchem Zustand (böse, hungrig, müde, gut gelaunt, verliebt/läufig, aufgeregt, lustig) leben. Ja sie können sogar riechen, wann das war, sogar einige Tage zurück. In ihrer Geruchswelt kennen sie demnach den Faktor Zeit. Das ist, als könnten wir sehen, was gestern am selben Platz passiert ist.

Erkenntnis 2:

Unsere virtuelle Welt der Gerüche ist extrem beschränkt. Und vor allem kennt unsere Wahrnehmung keinen Zeitfaktor.

Douglas Adams Schluß: Laßt uns angesichts der Beschränktheit unserer realen Welt, die eigentlich auch nur ein Mix aus virtuelle Welten ist, die sehr vielen Beschränkungen unterliegt, nicht noch „virtueller“ machen.

Rückflug

mak@can042.96.16:01

Die „Milia“ geht für mich zu Ende. Schön, endlich wieder einmal viel Sonne und vor allem auch eine wärmende Sonne erlebt zu haben. – Sie ist zu dieser Jahreszeit, wenn man ehrlich ist, eine der großen Erfolgsfaktoren dieser Messe. Wirklich Neues gab es nämlich auf der Milia so gut wie nicht zu sehen. Trotzdem sind Massen von Besucher (bei astronomischen Preise!) gekommen. Deswegen gab es eine Menge interessanter Treffen, Gespräche und Kontakte. Aber in Wahrheit hat nicht Multimedia diese Menschen zusammengeführt, sondern die Sonne und das besondere Ambiente an der Cote d‘ Azur.

Palaver

mak@muc043.96.15:05

Nachtrag zur Milia: Auf die Frage, ob er nicht auch die Informationsflut, die das Internet generiert für fürchterlich halte, gab Douglas Adams eine sehr schlüssige Antwort.

Er findet, daß das Internet uns endlich eine Kommunikationsform zurückgibt, die wir im technischen Zeitalter verloren hatten.

Adams erinnerte an die Frühzeiten menschlicher Existenz. Damals gab es folgende Kommunikations-Arten: Eins zu Eins, Einer an Viele, Viele an Viele.

Die heutigen Kommunikationsmittel haben bisher nur die ersten beiden Kommunikationsarten technisch möglich gemacht:
Eins zu Eins: Telefon.
Einer an viele: Radio, TV.
Erst das Internet gibt uns nun die Möglichkeit der Kommunikation Vieler mit Vielen – in Chats, Foren etc.

Nach Ansicht von Adams belastet uns das Net also nicht zusätzlich mit Informationen, sondern ist die „Korrektur einer falschen Kommunikationssituation“. Sie gibt uns die technische Möglichkeit zur uralten Form des Palavers – am Lagerfeuer unserer Bildschirme.

Made in Germany

mak@muc044.96.15:24

Steve Jobs, Apple-Gründer, NeXT-Gründer und Pixar-Gründer („Toy Stories“) im Interview in der neuen Ausgabe von „Wired“ auf die Frage, welches Produkt ihn in der letzten Zeit wirklich beeindruckt hätte: Der Wasch- und Trockenautomat von Miele. Zitat: „Sie sind hervorragend verarbeitet und zählen zu den wenigen Produkten, die wir in den letzten Jahren gekauft haben und restlos zufrieden sind. Diese Jungs haben von vorne bis hinten alles durchdacht. Ich habe daran mehr Spaß gehabt wie seit Jahren mit einem High-Tech-Gerät nicht mehr.“

Über diese überraschende Äußerung kann man breit lächeln und es als liebenswürdigen Abgesang an die High-Tech-Qualitäten Deutschlands verstehen. Nach dem Motto: Computer können wir nicht bauen, aber Waschmaschinen. Deutsche als Saubermänner – das typische Vorurteil.

Man kann aber auch eine positive Sicht wagen: vielleicht könnte die typisch deutsche Effizienz (Jobs: “ Diese Jungs haben von vorne bis hinten alles durchdacht.“) das große Manko von neuen technischen und digitalen Innovationen wettmachen. Sie funktionieren toll, es gibt stets zuwenig wirklich sinnvolle Anwendungsbereiche. Dazu reicht oft nicht mehr die kreative Phantasie der Techniker. Und die Marktchancen sehen die Marketingleute mangels technischem Wissen nicht so recht.

Vielleicht sollte man in Deutschland aufhören in der Grundlagenentwicklung ganz vorne mit dabei sein zu wollen. Vielleicht sind wir viel besser in der praktischen Anwendung von High Tech im realen Leben. Das Beispiel SAP oder viele Umwelt-Technologien scheinen solch eine Meinung zu bestätigen.

Vielleicht hat das Prinzip „Miele“ Zukunft?

Online-Steuern

mak@muc045.96.15:24

Der Boom des Internets hat sich, zumindest in den Vereinigten Staaten, inzwischen bis zu den Finanzbehörden rumgesprochen. Und hat dort flugs Begehrlichkeiten geweckt. Mehrere Staaten und Städten der USA kamen auf die Idee, Steuern im Cyberspace zu erheben.

In Spokane (Washington) sollten alle Internet-Provider 6 Prozent Steuern zahlen. Nach heftigen Protesten (online!) wurde die Idee erst mal auf Eis gelegt. In Texas zahlen die Provider inzwischen 1,4 Prozent Telekommunikations-Steuer, in Florida, wo 2,5 Prozent kassiert werden sollen, wird nach Protesten noch einmal weiter beraten.

Immer öfter wird versucht, die anarchische Welt des Internet zu domestisieren. – Mit zweifelhaftem Erfolg. Denn wie will man in der grenzenfreien, globalen Welt des Web lokale Steuern erheben. Man kann Provider schröpfen, und das werden die User zu spüren bekommen. Aber man kann nicht die Usage und vor allem nicht die Geschäfte, die im Internet bald üblich sein werden, besteuern. Je mehr Provider und Internet-Firmen besteuert würden, werden sie umso schneller in Regionen oder Länder ausweichen, die günstigere Bedingungen bieten.

Dasselbe gilt für Länder, die Providern oder Online-Diensten das Leben institutionell besonders schwer machen, wie z.B. die Bundesrepublik, Wenn, wie bislang geplant, Online-Dienste in Deutschland dem Rundfunkrecht unterstellt würden und so in jedem Bundesland eine andere Landesmedienanstalt für Online zuständig wäre, kann man sicher sein, daß sich die wenigsten Web-Anbieter hierzulande ansiedeln würden.

Preise

mak@muc046.96.12:14

Wir haben auf allen Präsentationen und Pressekonferenzen von Europe Online immer wieder auf die Frage nach den Preisen für Europe Online mit der Floskel geantwortet, wir werden einen echt „kompetitiven“ Preis haben.

Wir haben lange gezögert, einen Preis für die User, die über Europe Online ins Web gehen, zu fixieren. Erst wollten wir Erfahrungen im eigenen Netz sammeln – und zugleich die allgemeine Preisentwicklung abwarten.

Jetzt ist es endlich soweit, wir geben heute offiziell unsere Preise für Europe Online bekannt und sie sind, wie versprochen, wirklich attraktiv und halten Vergleiche mit den Mitbewerbern locker stand.

Wer über Europe Online den Internet-Zugang wählt, zahlt eine monatliche Grundgebühr von 7,00 Mark und bekommt dafür zwei Stunden freie Nutzung. Jede Minute der weiteren Nutzung kostet 7 Pfennig (das macht 4,20 DM pro Stunde). In dem Preis sind E-Mail, Chat, Diskussionsgruppen und der volle Internet-Zugang enthalten. Außerdem kann sich jeder EO-Kunde in unserer „Member-City“ seine eigene Homepage bauen.

Jedes neue Mitglied von Europe Online erhält 10 Freistunden zum Testen des Dienstes gratis, die er innerhalb von 30 Tagen nutzen soll. Die Berechnung startet am 15. März.

Mit diesen Preisen brauchen wir den Vergleich mit allen anderen Online-Diensten nicht scheuen, im Gegenteil. Es kann sich jeder selbst ausrechnen, was in den vergleichbaren anderen Diensten für gleiche Services zu zahlen wäre. Sie sind auch attraktiv genug, um so manchen User über den Wechsel seines Providers nachdenken zu lassen, zumal Europe Online 135 Einwahlknoten in Deutschland anbietet, die man zum Ortstarif anwählen kann. (Liste demnächst an dieser Stelle)

Und übrigens: Für alle User, die aus dem Internet über einen anderen Provider zu Europe Online stoßen bleibt es vorerst dabei, daß alle Inhalte kostenlos sind.

Cooliosity

mak@fra047.96.08:22

Gestern Abend wieder einmal ein Einsatz in Sachen Trendforschung. Thema: „Millenium-Gefühl“. Am besten von 14 absehbaren Trends für die Jahrtausendwende kam der Begriff „Cooliosity“ an, ein kaum übersetzbarer Wortbastard aus „cool“ und „curiosity“. (Auf deutsch klappt bestenfalls die blanke Übersetzung: „coole Neugier“.)

„Cooliosity“ ist eine Mixtur aus der Coolness der 90er-Jahre und einer neuen, positiven Neugier. Die Coolness der 90er-Jahre hat nichts mit der „No-Future-Unterkühltheit“ der 80er-Jahre zu tun, sondern ist das Synonym für eine angenehme Unaufgeregtheit, große Offenheit und ideologische und weltanschauliche Unfestgelegtheit.

Die zweite Ingredienz für die Cooliosity ist eine „Neugier“ in des Wortes positivster Bedeutung. (Das Wort „Gier“ hat erst im Neuhochdeutschen einen negativen Hautgout bekommen, es stammt eigentlich vom Wortstamm „g’rn“, dem Ursprung des Wortes „gern“ und „bereitwillig“ ab.) Die Neugier (engl. „curiosity“) fürs Millenium ist die ideale Ausstattung für unsere komplexe, chaotische, fraktale Welt mit all seinen Zukunfts-Optionen und Zukunfts-Veränderungen.

„Cooliosity“ live, das sind die attraktiv schrägen Typen aus der Calvin Klein-Werbung. Das sind Popstars wie Coolio, Beastie Boys (man denke nur an ihre Modelinie „Fuct“!), das sind Björk, Moby, Goldie, Tricky oder deutsche Stars wie Makatsch, Buck, Minh-Khai oder die neuen Viva-Zwillinge…

Offline

mak@tyr048.96.10:10

Endlich mal zum Skifahren, zum erstenmal in diesem Jahr. Ziel: meine Hütte in Tirol, fernab jeder Zivilisation. Es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser (Quelle vor der Tür), jedes Lebensmittel und jeder Tropfen Flüssigkeit muß im Rucksack antransportiert werden, denn die Hütte ist nur nach einem 3/4-stündigen Aufstieg (durch Tiefschnee) zu erreichen. Mehr offline geht kaum.

Hand(y)sam

mak@tyr049.96.17:32

Mit Erschrecken stelle ich fest, daß auf der Hütte das Handy funktioniert. Das klappte noch nie. Scheinbar ist auf irgendeinem Gipfel ein neuer Sender in Betrieb genommen worden, der digitale Verbindung auch fern jeder Zivilisation möglich macht. (Es gibt keinen Grund mehr, bei der Redaktion nicht nach dem werten Befinden zu fragen – Pech!)

Rent-a-media

mak@tyr050.96.13:44

Anreise per Leihauto (inkl. geliehener Schneeketten). Skifahren mit Leihski. Auch das Handy ist geliehen. Die Befreiung von der Hardware macht Spaß. Man mietet Mobilität (automobil, skitechnisch) und Service, bekommt jedes Mal jeweils die optimale moderne Ausrüstung – und hat zuhause keinen Streß mit sperrigen Sachen im Keller oder Parkplatzsuche.

Die mediale Entsprechung der Rent-a-bility ist der Onlinedienst. Er bringt Aktualität, Entertainment und Kommunikation ohne unnötige Hardware, als reine Dienstleistung. Kein Papiercontainer wird gestreßt, keine Bäume werden gefällt.

Solche Sätze fallen einem beim Marsch durch die Idylle eines tiefverschneiten Waldes ein…

Snow-Crash

mak@tyr051.96.08:01

Passend zum winterlichen Ambiente in den Tiroler Bergen: Endlich habe ich „Snow-Crash“ von Neal Stephenson (Goldmann Verlag) zu Ende gelesen. Ewig überfällig, aber die tägliche Web-Recherche hat Vorrang vor dem Buchkonsum.

Für Online-User ist dieses Buch ein absolutes Muß. Nicht allein, weil ein wichtiger Handlungsstrang im virtuellen Ambiente einer dreidimensionalen, real erlebbaren Chat-Welt verläuft. Es schildert die Chat-Zukunft: je nach Geld, Programmier-Phantasie oder Netzzugang kann man in dieser nicht allzu fernen Zukunft als plastisches Luxus-Avatar oder auch nur als simple Schwarz-Weiß-Kopie (aus der Telefonzelle) in einer unendlichen virtuellen Welt mit wunderbaren Städten und verwegenen, keiner Schwerkraft unterliegenden Bauten kommunizieren.

Wichtiger in „Snow-Crash“, weil irritierender, sind die langen Ausführungen von Neal Stephenson über die vorchristliche sumerische Kultur und den Mythos der Sprachenverwirrung von Babel. Seine waghalsige, aber beeindruckende These: Die in der Bibel bedauerte Sprachvielfalt war eine Art kultureller „Virus“, der die stabile, aber wenig interessante Kultur der Sumerer vernichtet hat, und so die Vielfalt aller anderen menschlichen Kulturen später möglich zu machen.

Der Virus wurde von einem Hohenpriester sehr bewußt plaziert, um die kulturelle Evolution möglich zu machen. Der Preis, den die Menschheit dafür bezahlen mußte: der Verlust des (langweiligen!, einsprachlichen) Paradieses. Sozusagen die Urform des Paradigmas: „No risk, no fun!“ – Und diese These verbindet Stephenson in einer sehr waghalsigen – aber auch einleuchtenden Analogie – mit der digitalen Kommunikationswelt der Zukunft.

Aber daß keine falschen Erwartungen aufkommen: „Snow-Crash“ ist in erster Linie ein gut geschriebener, absolut spannender Science-Fiction-Thriller. Ein „page-turner“, wie Bücher in den USA genannt werden, die einem die Nachtruhe rauben, um im Buch weiter zu kommen…

@ Wien

mak@vie052.96.23.58

„Global Village“ heißt eine kleine Messe und eine mehrtägige, sehr interessante Vortragsveranstaltung im Rathaus in Wien. Die Fortschritte in Sachen Online und Internet in Österreich können sich absolut sehen lassen. Der Internet-Auftritt der Stadt Wien als „digitale Stadt“ ist zum Beispiel wirklich beeindruckend; konzeptionell, inhaltlich wie grafisch. Hier könnten viele deutsche Städte davon lernen.

Ich bin eingeladen worden, einen Vortrag zum Thema Demokratie in den Netzen zu halten. Ich habe meinem Vortrag bewußt den leicht angestaubten Titel „Digitale Perestroika“ gegeben. Meine These lautet, daß die Politik noch tiefer in die Krise kommen muß, bevor sie bereit ist, Macht abzugeben. Politik wird sich dann zum einen zur reinen Dienstleistung entwickeln und so den reibungslosen Ablauf des gesellschaftlichen Geschehens organisieren.

Zum anderen wird die Politik vor allem im lokalen Bereich Macht an die Bürger ganz konkret abgeben. Dort ist in nicht allzu ferner Zukunft eine direkte, partizipative Online-Demokratie denkbar. Stichwort: Home-Electing.

Die großen gesellschaftlichen Entscheidungen aber sind meiner Meinung nicht für die Online-Welt geeignet. Das Internet ist dissipativ, d.h. es ist geeignet, Ideen zu sammeln und völlig neue Ideen zu entwickeln, aber eben nicht, um auf breiter Ebene einen demokratischen Konsens herzustellen oder gar abstimmungsreif zu machen. Es ist aber die ideale Plattform für die Gestaltung und Ideenfindung von Zukunft, gerade auch im gesellschaftlichen Rahmen.

EO-Präsentation

mak@wsb053.96.21:22

Die erste Präsentation von Europe Online vor Agenturen und interessierten Firmen. Der erste Schritt zur Vermarktung von Europe Online – und zur Sicherung unserer Arbeitsplätze.

Der große positive Aspekt: Das an sich schon gute Verhältnis zu den anderen Burda-Online-Sites Traxxx und Uni-Online, mit denen wir zusammen präsentieren, wird in dem persönlichen Kontakt auf Reisen noch besser. Man tauscht sich aus, gibt Erfahrungen weiter. In dem Bewußtsein, daß alle im Online-Gewerbe mit Wasser kochen – und dieses Jahr dank der Telekom-Tarife sowieso ein hartes Jahr für das Online-Business ist, entsteht ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl.

Der bedenkenswerte Aspekt der Präsentations-Tour, forsch „Roadshow“ genannt, ist das offensichtliche, breite Wissensdefizit zum Thema „Online“ und „Internet“. Selbst bei interessierten Firmen erlebt man erschreckende Wissensdefizite. Man muß einfach feststellen, daß Online „live“ zur Zeit in Deutschland noch unter Ausschluß der breiten (!) Öffentlichkeit stattfindet.

Umso wichtiger sind solche Präsentationen, die man besser „Infizierungen“ nennen sollte. Ist die Scheu vor dem Net erst weg und wird entdeckt, wie einfach es ist, per Klick durch unsere Inhalte und gar durchs Internet zu surfen, kommt stets große Begeisterung auf.

Danke an Netscape und ihre 2.0-Version ihres Browsers, daß sie durch ihre Features und Frames solch eine einfache und userfreundliche Navigation möglich gemacht haben, die selbst Net-Einsteiger intuitiv verstehen können.

EO-Präsentation

mak@fra054.96.18:57

Nachtrag zum Besuch in Österreich: Zwei Anekdoten am Rande.

  1. In Österreich gibt es kein (Online-)Projekt, das keine Förderung durch die Europäische Union erfährt. In der Alpenrepublik besuchen junge Unternehmer spezielle Subventionsberater der Ministerien. Sie helfen beim nötigen Papierkrieg – und besorgen schon einmal eine Bankbürgschaft – Hauptsache das Projekt kommt zum Laufen. – Hierzulande scheint man dagegen im (Subventions-)Tiefschlaf zu verweilen.
  2. Nettes Kompliment nach meinem Vortrag: Ich wäre gottlieb keiner dieser „spitzbärtigen deutschen Referenten“ mit ihrer „akademischen Igitti-gitt-Attitüde“ gegenüber dem Internet. Ein Kompliment an mich, kein Kompliment an Internet-Piefkes.

Sonntags-Dienst

mak@muc056.96.15:33

Der erste sonnige Sonntag-Nachmittag in diesem Jahr. Die ewig-graue Kälte ist vorbei. Jetzt beginnt die Zeit, in denen die Sonntag-Nachmittagsdienste nicht mehr so leicht fallen.

Das einzig wirksame Gegenmittel: die gute Stimmung in der Redaktion.

ICE-Insel

mak@stg057.96.19:43

Auf der Fahrt zu weiteren Präsentationen von Europe Online. Diesmal geht es nach Stuttgart, per ICE.

Ich liebe den ICE. Es gibt kaum einen anderen Ort, wo ich so frei und locker und gerne schreibe wie im ICE. Das habe ich mir in den letzten Jahren beim oft-wochenendlichen Shuttle zwischen München und Hamburg angewöhnt. Vielleicht ist es die Geschwindigkeitsenergie, die den Schreibfluß unterstützt, vielleicht ist es die Konzentration auf Tastatur und Bildschirm, zu der das gräßliche Interieur des ICE zwingt. Vielleicht ist es auch der Rhythmus der gedämpften, Tempo und Fahrt signalisierenden Zuggeräusche, die einen unweigerlich in einen wunderbaren Arbeits-Flow versetzen.

Einziger Frust: Warum gibt es keinen Strom für den PC im Zug. Wenn die Batterien alle sind, ist der schönste Flow dahin. Und warum ist man im Zug stets offline? Warum sind nicht in jedem Sessel Steckdose und Telefonbuchse integriert, um Texte und Daten problemlos auch auf Reisen ins Netz geben zu können.

Karaoke online

mak@muc058.96.23:56

Newsweek berichtet von der Killerapplikation, das das Internet nun endlich auch in Japan erfolgreich machen wird: Karaoke online. Mit einem eigenen Zusatzgerät („X-55“) für weniger als 1.000 Mark kann nun jeder Nipponese seine Lieblingssongs samt Text schnell und unkompliziert vom Netz holen und vor dem heimischen TV trällern.

In den zwei Monaten, in denen der X-55 in Japan auf dem Markt ist, sind bereits 60.000 Geräte verkauft worden. Bis zum Ende 1997 rechnet man mit rund einer Million verkaufter Apparate. Und da man mit dem Karaoke-Browser auch andere Internet-Inhalte abrufen kann, wird bis Ende 1997 mit einem breiten Internet-Boom in Japan gerechnet.

Gag am Rande: Ein großer Vorteil des Gerätes soll bereits heute feststellbar sein. Die Qualität der Karaoke-Darbietungen soll sich dank der neuen Übungsmöglichkeiten in den eigenen vier Wänden immens verbessert haben…

Ohne Worte

mak@muc059.96.22:57

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Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 3-1996.


Der dritte und letzte Teil meines Digitalen Tagebuchs auf Europe Online von 1996.

Europe_OnlineColors

mak@muc060.96.12:32

Heute ist offiziell der Start des neuesten Magazins auf Europe Online terminlich festgelegt worden. Rechtzeitig zur CeBit wird am 14. März die Online-Ausgabe von „Colors“, dem Kultmagazin von Benetton online gehen.

Colors online ist eine Konzeption von Europe Online und wird von Christian Mießner (mee-z‘) in engster Kooperation mit der Redaktion von „Colors“ in Paris erstellt. (mee-z‘ wird so zum Weltenbummler zwischen Paris, Treviso und München!)

Die erste Ausgabe wird in Englisch und Deutsch erscheinen und ist ein Schnellschuß. Die zweite, ausgefeiltere Ausgabe startet im Mai und wird dann in den fünf Sprachen ins Netz gehen, in denen auch das Print-Magazin erscheint: englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch.

Hilarys Hair

mak@muc061.96.16:05

Eine haarige Angelegenheit. Da die amerikanische First Lady alle Nase lang ihren Haarschnitt ändert, kam dem Online-Manager Mike Miller (Vanguard Technology Group) die Idee, dazu eine eigene Web-Site zu kreieren. Dort sind sämtliche verfügbaren Frisuren von Hilary Rodham Clinton dokumentiert und man kann über die jeweils beste und schlechteste Haartracht abstimmen.

Die Site hat tolle Hits: Pro Woche zählt sie 10.000 und mehr Hits. – Und jetzt werden es wahrscheinlich noch mehr werden. Denn jeder geneigte Leser dieser Kolumne wird doch nun schnellstens auf http://www.hillaryshair.com linken. – Tschüß!

Internet-Muffel

mak@muc062.96.17:18

„Die Woche“ folgert aus der Verbreitung von Internet-Usern und der jeweiligen Bevölkerungsdichte, daß das Internet nur etwas für Kontaktarme ist. Die größte Verbreitung pro Einwohner hat das Net nämlich in Finnland (42 User pro tausend Einwohner), gefolgt von den USA, Norwegen, Australien, Schweden, Neuseeland und Kanada.

In Industriestaaten mit höchster Bevölkerungsdichte wie etwa Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Japan ist die Verbreitung weit geringer: 10 Anschlüsse pro 1000 Einwohner.

„Die Woche“, bekannt für ihre Internet-Allergie, schließt daraus, daß urbane Länder genug Alternativen für Live-Kontakte und Live-Unterhaltung bieten und so das Internet nicht brauchen (und lieben). Nur vereinsamte, weit voneinander wohnende Seelen wertschätzen demnach das Net.

Wie Statistiken immer wieder täuschen können: Ein Blick auf die Telefon-Technik und vor allem auf die -Tarife in den entsprechenden Ländern hätte schnell erklärt, warum in den verschiedenen Ländern verschiedene User-Dichte existiert.

Und wie erklären sich die Abertausende von Internet-Usern und Internet-Freaks an den wohl urbansten Stellen der westlichen Welt, wo unendlich viele Kontaktmöglichkeiten bestehen: in New York etwa, oder in Los Angeles etc.?

Hardware-Effekt

mak@muc063.96.22:42

Letzter Ausläufer des Umzugsstresses vom Anfang des Jahres. Endlich ist das Bücherregal geliefert und ist jetzt über das Wochenende mit der über die Jahre gesammelten Hardware bestückt worden. Der Muskelkater ist unausweichlich.

Immer wieder, bei jedem neuen Buch, jedem neuen Magazin, jedem neuen Paper, das peu a peu seinen Platz findet, beschleicht einen das Gefühl von Verstaubtheit. Und damit ist nicht der Staub gemeint, der die Bücher ziert…

Schon bald wird man sich über Hardware-Ansammlungen wie Bücherregale (und deren ökologische Bedenklichkeit) nur noch wundern, wo man sich doch genauso gut die Werke, wenn man sie nachlesen will, online als Hypertext ins Haus holen kann. Und nur so kann man mit entwickelten Search-Tools wirklich effektiv nach bestimmten Textstellen suchen. Heute gehen dazu noch ganze Sonntag-Nachmittage drauf.

Konzeption

mak@dus064.96.12:02

Und weiter geht die Präsentations-Tour von Europe Online. In Düsseldorf erwartet uns ein besonders interessiertes, technologisch wie kaufmännisch sehr versiertes Publikum. Vor allem aus den Werbeagenturen kommen sehr kompetente Werbefachleute, die zu unserem neuen (Online-)Medium eine Menge Fragen stellen. Es macht Spaß, den Dienst und das eigene Konzept auch gegen harte Fragen gut und locker verteidigen zu können.

So wenig Zeit wir Ende letzten Jahres hatten, das deutsche Internet-Konzept von Europe Online zu entwickeln, so sehr stellt es sich jetzt als Vorteil heraus, damals keine Zeit für jedwelche Verkomplizierung zu haben. Die Konzentration auf die vier wesentlichen Vorzüge der Online-Kommunikation als Basis-Säulen von Europe Online Deutschland bewährt sich:

1. Services Hier wird in nicht allzu ferner Zukunft viel Dienstleistungs-Convenience geboten sein. Online-Banking, -Shopping, -Transaction, Home-Ticketing, Home-Brokering, Home-Booking von Reisen etc. werden dann möglich sein. So interessant das klingt wird aber wahrscheinlich die Chance, bürokratische und verwaltungstechnische Unsäglichkeiten wie Formularbestellungen, Ummeldungen, Bestellungen, Terminvereinbarung etc. per Modem die ganz große Killerapplikation der Online-Services.

2. Kommunikation Online ist das erste Medium, das sein Publikum aus der Passivität des Medienkonsums entläßt und die Möglichkeit bietet, in Chats und Foren selbst aktiv zu werden. Das ist auch der Grund, warum Online-User so wenig fernsehen – aber viel lesen. Lesen ist stets ein aktiver Vorgang, der mindestens die Investition der eigenen Phantasie bedarf. Fernsehen dagegen ist unweigerlich Passivität. Die Fernbedienung simuliert nur Pseudoaktivität, denn per Zapping kann man nur zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Passivität wählen.

3. Aktualität Die dritte besondere Qualität der Online-Kommunikation ist die Aktualität. Die überdurchschnittlichen Zuwachsraten der Hitraten in der News-Sektion beweist, daß die Nachrichten-Aktualität einen ganz besonderen Reiz für viele User ausmacht. Online ist heute in der Aktualität Radio und Fernsehen zwar noch knapp unterlegen, aber dafür hat man die freie Wahl des Moments der Aktualität, man muß nicht auf bestimmte Nachrichten-Zeitpunkte warten, sondern bekommt minutenaktuelle Aktualität in dem Moment geliefert, in der man selbst online geht. (Reload z.B. bei unserem News-Ticker nicht vergessen, sonst drohen im Cache abgelegte – überholte – alte Nachrichten!)

4. Magazine Die Entertainment-Qualität der Online-Welt gilt es hierzulande noch zu entdecken – da ist man in den USA schon viel weiter. Das Konzept, auch online auf Magazine zu setzen, bewährt sich. Die Vertrautheit eines im Print wie im TV gleich erfolgreichen Formats macht den Usern den Zugang leicht. Seit dem Umbau der Magazin-Homepage und dem Teasen des jeweils aktuellen Magazins steigen auch hier die Hitzahlen exponentiell. – Später einmal wird man zu Magazinen vielleicht Websites sagen. Vielleicht wird es aber auch anders herum sein.

Direct Marketing

mak@bon065.96.15:05

Heute macht die „Roadshow“, die Präsentations-Show von Europe Online, Traxxx und Uni-Online Stop in Bonn. Das Interesse der ansässigen Behörden hält sich in frustrierend engen Grenzen.

Immer mal wieder werden Zweifel an unserem Preismodell von Online-Werbung auf. Dabei sind wir selbst im Vergleich mit den im Print üblichen Kontakt-Tausender-Preisen absolut günstig. Zudem sind die Kontakte per Userprotokolle konkret nachweisbar und jeder Kontakt ist freiwillig, d.h. der User steuert seine Seiten selbst aktiv an – und geht nicht raus zum Bierholen, wenn Werbung kommt.

Online-Werbung gleich in seiner Art dem Direct-Marketing. Entsprechend auch die Preis-Struktur. Jeder User hat die Möglichkeit, sich per Hyperlink zu Inhalten des Kunden weiter zu klicken, wo Image, Marke und Produkte optimal dargestellt werden können

Zugegeben: noch linken nicht sehr viele User direkt auf die Inhalte der Online-Werbetreibenden. Das liegt aber in erster Linie an der bislang üblichen, wenig attraktiven Werbung in Online-Diensten. Meist fehlt es schon an der Qualität der Grafik. Es fehlt an intelligenten, kreativen Werbekonzepten (und -Inhalten). Meist wird sogar vergessen, die Werbung möglichst oft grafisch zu wechseln, um wenigstens so Aufmerksamkeit zu erzeugen. – Hier gibt es noch viel zu tun…

Go sports

mak@muc066.96.14:37

Endlich ist in den Wirren der letzten Tage auch unser neues Sport-Magazin online gegangen: „Go Sports“. Tanja Leuschner, unsere Sportredakteurin hat ein wirklich attraktives Start-Angebot an Informationen und Gimmicks zu den Themen Fußball, Tennis, Formel 1 und US-Sports geschaffen.

Web-Designer Harald Taglinger, der für Konzeption, Programmierung und Grafik verantwortlich zeichnet, hat in Go Sports erste, witzige Hot Java-Applikationen implementiert. Schade, daß bisher nur User von Windows 95 in den Genuß der neuen Programmiertechnik kommen. Alle anderen sehen nur die statischen Elemente ausgesperrt.

ISDN (1)

mak@muc067.96.21:54

Man glaubt es kaum. Nach über sechs Wochen Wartezeit (angekündigt waren „höchstens 10 Tage!“) schafft es die Telekom, endlich einen ISDN-Anschluß in meine neue Wohnung zu legen. Aber deswegen kann ich noch lange nicht telefonieren – oder gar online gehen. Es ist kein Telefon mitgeliefert. Der Techniker staunt nicht schlecht, als er auf seinen Papieren die Notiz findet, daß er das Gerät eigentlich selbst hätte mitbringen müssen.

Es wäre auch allzu überraschend gewesen, wenn bei der Telekom mal gleich beim ersten Mal etwas einwandfrei geklappt hätte.

Übrigens: Nett war er, der Techniker von der Telekom, immerhin!

ISDN (2)

mak@muc068.96.19:56

Zwei Stunden sei er quer durch die Stadt geirrt, bis er ein ISDN-Telefon aufgetrieben habe, berichtet der Telekom-Techniker stolz, als er mittags endlich ein Telefon bringt. Es ist natürlich nicht das Gerät, das bestellt ist: ohne Funkeinheit und Anrufbeantworter, aber man kann nun wenigsten wieder telefonieren. Die Zeit der Überraschungsbesuche ist vorbei, wo unsere Freunde schlicht wie in alten Zeiten vorbeikommen mußten, wenn sie uns treffen wollten.

Am Abend stellen wir dann fest, daß nur einer der gewünschten ISDN-Buchsen wirklich funktioniert. In der zweiten Buchse hängen die Kabel wirr herum. – Telekom-Service wie man ihn kennt und fürchtet.

ISDN (3)

mak@muc069.96.17:46

Am Abend werden wir stutzig. Endlich ist das Telefon da, alle Freunde sind angerufen und über die neue Telefon-Nummer informiert – aber keiner ruft uns an. Das macht vor allem am Wochenende stutzig, wenn Zeit für die sozialen Kontakte am Hörer sind. Wir bitten schließlich Freunde, mal eben schnell zurückzurufen, um die Funktionalität des Apparats zu testen. – Sie erleben nur ein Besetztzeichen, sonst nichts. – Tiefster Frust.

Nach intensiver Lektüre der Bedienungsanleitung findet sich am Ende der Broschüre nach der wortreichen Anpreisung der verschiedenster Features der Hinweis, daß man seinem ISDN-Gerät erst einmal die neue Telefon-Nummer einprogrammieren muß, bevor das Gerät funktioniert.

Ich bin nun wirklich kein Freund von Nostalgie. Aber bisher war ich es gewohnt, daß der installierende Telefon-Techniker nach der Montage des Anschlusses einen Kollegen in der Zentrale anruft und sich von ihm zurückrufen läßt, um die Funktionalität von Gerät und Verbindung zu testen. Das scheint heute nicht mehr üblich zu sein. Von wegen Dienstleistungsoffensive der Telekom!

Dr. Faustroll

mak@tzg070.96.22:07

Von Aufarbeiten alter Zeitungsausgaben lese ich vom Tode von Jan Biczycki. Er starb 64-jährig an Krebs.

Jan Biczycki war nicht wirklich berühmt. Er hat etliche tolle (Neben-)Rollen in Filmen gespielt und einige hervorragende Inszenierungen (Theater, Operette) hingelegt. Der ganz große Durchbruch ist ihm, dem Schwager von Roman Polanski leider nie gelungen.

Mich erschüttert sein Tod, weil er einer der prägenden Menschen in meinem Leben gewesen ist. Er leitete die Regie-Klasse während meines Theaterwissenschafts-Studiums. Mit ihm schrieben und inszenierten eine Gruppe von 25 Studenten über zweieinhalb Jahre hinweg eine dreistündige Revue über das Fin de siecle. Konzipiert war die Inszenierung als großes Fest samt Essen und Trinken – und das Jahrzehnte vor der Erfindung des Gastro-Theaters ala „Panem & Circenses“. (Das Stück erlebte nur die Generalprobe und die Premiere, wurde dann wegen blasphemischer Anklänge abgesetzt. Am Premieren-Abend damals war zum unpassendsten Moment der Münchner Kardinal Döpfner gestorben.)

Jan Bizcycki hat uns Studenten damals mit unbeugsamer Geduld, wahnsinnig viel Temperament und unendlicher Energie gelehrt an uns selber, unsere Talente zu glauben und er hat unendlich viele, tief verschüttete Talente in uns freigelegt: Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn je zum Autoren geworden wäre. Auf jeden Fall habe ich es ihm zu verdanken, daß ich seitdem keine Scheu habe, öffentlich aufzutreten.

Danke Jan! Und um mit den Worten unseres Lieblingsautors Alfred Jarry zu sprechen: „Schreiße! Bei meinem grünen Kerzenständer!“ Und danke, daß mir ausgerechnet diesen Autor so nahe gebracht hast. Seine Anarchie, sein Chaos und seine hybride Wissenschaftlichkeit haben mich auf alle Fälle fit für diese Welt – und diesen Job – gemacht.

Ich zitiere aus Alfred Jarry „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker.“ (Zweitausendeins): „Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte, wie sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.“ – Man lasse diesen herrlich absurden Sätze auf der Zunge zergehen: Assoziationen zu unserer Welt, seinem Chaos oder auch soziologischen Analysen des Internet drängen sich auf. Geschrieben wurden diese Zeilen vor knapp 100 Jahren, ganz knapp vor dem letzten Jahrhundertwechsel…

Zu Tode informiert

mak@muc071.96.14:29

Der Spiegel titelt heute, passend zur Cebit mit einem Internet-Titel: „D@s Netz“. 42 (Anzeigen-)starke Seiten lang wird das Internet kompetent und für Spiegel-Verhältnisse ideologie- und vorbehalts-arm abgehandelt. (Die Online-Dienste Europe Online, Compuserve oder AOL werden namentlich kaum erwähnt, warum?)

Am Schluß des Sonderteils kommt dann doch der unvermeidliche Bedenkenträger zu Wort. Einmal mehr ist es der 74-jährige Science-Fiction-Papst Stanislaw Lem, der sich neuerdings gerne als Zukunfts- und vor allem als Internet-Pessimist geriert. Ohne je schlüssig in seiner Argumentation zu sein, kommt er zu dem Schluß: „Im 21. Jahrhundert können wir uns zu Tode informieren, und den Hauptverstärker haben wir bereits im Internet entdeckt. Es ist Mamas Liebling für das große Kapital.“

Alle Klischees unsachgemäßer Angstmache und linker Medienallergie in zwei kurzen Sätzen!

Wer hat Angst vor‘m Internet?

mak@han072.96.08:57

Meine Replik auf solch Internet-Angstmache und Online-Allergie habe ich schon vor ein paar Wochen in einem Artikel formuliert, der heute in der Cebit-Beilage der „Frankfurter Allgemeinen“ unter dem Titel „Wer hat Angst vorm Internet?“ erschienen ist:

1995 war das große Jahr es Internet-Booms. Die Steigerungsraten explodierten, die Medien berichteten, alle waren begeistert. – Als Gegentrend unken jetzt in Deutschland die Bedenkenträger. Sie mäkeln am Internet herum und finden seine Bedeutung überschätzt. 1996, das Jahr der Internet-Skepsis, der Internet-Angst? – Sehr zum Nutzen der Online-Welt. Sie wird sich im lebendigen Für und Gegen endgültig als Medium etablieren.

Die Schätzungen gehen auseinander. Die eine Studie errechnet 5,2 Millionen tägliche User des Internet, eine andere 6,5 regelmäßige User. Andere Untersuchungen sprechen von 26 Millionen gelegentlichen oder 45 Millionen möglichen Usern.

Welcher Zahl man letztlich glauben will, der Boom des Internet ist unbestritten. Die Steigerungsraten variieren zwischen 100 und 1000 Prozent. Zudem ist das Internet ein Medienphänomen. Keine Zeitschrift, kein TV-Magazin, das nicht ausführlich darüber berichtet hätte. Das Internet ist der Trend der Jahre 1995/96, vielleicht auch ein Hype.

Wie jeder wirklich starke Trend, der unsere Alltagswirklichkeit (bzw. Medienwirklichkeit) nachhaltig zu verändern droht, ruft er Widerstand auf den Plan. Journalisten, die anscheinend um ihre Jobs fürchten, schreiben ein ums andere Mal Artikel über Ekligkeiten wie Kinderpornos und Rechtsradikale im Netz. Gerade so, als gäbe es das in Magazinen, die auf Papier gedruckt sind, nicht auch. Politiker glauben sich mit Rufen nach Zensur im Internet profilieren zu können. Abgesehen davon, daß sie solch eine Forderung gegenüber der Presse nie wagen würden, wissen sie sicher nicht, wie wenig eine Zensur im Internet funktionieren kann (und soll!!!).

Pädagogen warnen vor Internet-Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Psychologen warnen vor einer drohenden Vereinsamung vor dem Computer-Screen. Sie übersehen dabei, daß Internet-User überdurchschnittlich wenig fernsehen und überdurchschnittlich viel lesen. Und nach einer Untersuchung in den USA (Quelle: USA today) gelten Internet-User als besonders familienorientiert.

Marketing-Fachleute warnen davor, daß erst in vielen Jahren Geld im Netz zu verdienen sein wird. Sie raten daher zu Zurückhaltung. – Sicher sind dieses und nächstes Jahr im Internet noch keine Reichtümer zu verdienen. Wenn aber schon bald digitales Geld und sichere Geldtransaktionen möglich sind, wird sich dieser – globale – Markt unglaublich schnell entwickeln. Dann ist es sehr fatal, wenn man bis dahin keine Online-Kompetenz aufgebaut hat. Denn dann sind die Claims längst abgesteckt.

Keines dieser Bedenken gegen das Internet ist total falsch oder aus der Luft gegriffen. Aber meist fehlt diesen Vorbehalten die nötige inhaltliche und technische Kompetenz. Sie stammen fast durchweg von Internet-Illiteraten, die weder das Netz noch seine Prozesse, Gesetzmäßigkeiten oder sein Potential kennen oder verstanden haben. Daher sind solche Warnungen vor dem Internet eher von Angst denn von Wissen um die Materie geprägt.

Diese Internet-Outsider haben die (berechtigte) Angst, daß sich mit dem Internet eine Welt entwickelt, die sich ihrem Verständnis, ihrem Einfluß und ihrer Kontrolle entzieht. Das Internet macht völlig neue, schnelle Karrieren möglich. Viele Online-Spezialisten, die früher als Technik-Freaks belächelt wurden, sind heute in Firmen hochangesehen und bekommen immer mehr Kompetenzen (und finanzielle Zuwendungen). Das weckt nicht zuletzt Neid.

Vor allem aber haben sehr viele der Bedenkenträger – wohl intuitiv – bemerkt, daß viele der alten, „bewährten“ Strukturen, überkommene Abläufe und vor allem viele der üblichen Macht-Riten in der Welt globaler Vernetzung nicht mehr funktionieren werden. Das Internet mit seiner urdemokratischen Form (jeder hat die gleiche Chance) und seiner ungeheuren Beschleunigung des Informationsflusses und der -geschwindigkeit sprengt all diese Raster. Das kann Menschen, die sich in althergebrachten Systemen wohlig eingerichtet haben, nicht gefallen.

Diese Klientel wird dafür sorgen, daß 1996 dem Internet-Trend ein Internet-Haß-Trend entgegenstehen wird. Den werden Journalisten und Manager dann genüßlich auskosten – und es wird das Internet und seine Verbreitung nicht aufhalten. Im Gegenteil, es wird helfen, das Internet endgültig zu etablieren. So wie bei der Einführung der Bahn körperliche Schäden durch die Geschwindigkeit prognostiziert wurden, beim Telefon (wie jetzt beim Handy) elektronische Bestrahlung befürchtet wurde oder mit der Einführung des Fernsehens der (kulturelle) Untergang des Abendlandes beschworen wurde. Wenn sich – meist sehr schnell – herausstellt, daß all diese Befürchtungen null und nichtig waren, stärkt das nur den Trend an sich und etabliert ihn fest im gesellschaftlichen Alltag.

Daß das Internet schon sehr bald, schneller, als alle denken, normaler Alltag sein wird, dafür sorgt nicht zuletzt die junge Generation, der die interaktive und individuelle Qualität dieses Mediums perfekt entgegenkommt. Dafür sorgen auch Menschen, die der Passivität des Medienkonsums per TV und Print entkommen wollen. Dafür sorgt die einfache Handhabung des Internet von zu Hause aus. Dafür sorgen eine immer bessere, einfacher zu bedienende Technik und immer interessantere Features (Ton, Bewegung, Animation etc.) im Internet.

Angst vor dem Internet muß wirklich nicht sein. Wer sich darauf nur halbwegs offen einläßt, entdeckt sehr schnell die Vorteile und Freuden, entdeckt die Faszination globaler Vernetzung. Und wer erst einmal die kommunikativen Möglichkeiten des Internet kennengelernt hat, ist fast immer zum „Netizen“, zum Netz-Bürger, bekehrt. Wir bei „Europe Online“ nennen unsere Präsentationen intern mit gutem Grund: „Infizierung“.

Hoher Besuch

mak@muc073.96.16:45

Bundespräsident Roman Herzog besucht das Haus Burda. Ein Gespräch mit den Chefredakteuren der verschiedenen Magazinen, Online-Dienste und TV-Sendungen des Hauses Burda geben die Möglichkeit, die besondere Qualität und vor allem den offenen Horizont, die beeindruckende Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit unseres Staatsoberhauptes real zu erleben.

Es gibt zu denken, einen Menschen und seine Gedankenwelt kennenzulernen, der im tiefsten Herzen positiv an das System der repräsentativen Demokratie glaubt – und das nicht aus trockener Systemgläubigkkeit, sondern aus einer sehr realistischen Menschenkenntnis heraus.

Herzog macht in seiner Tischrede beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen Mut für die vielfältigen Online-Aktivitäten des Hauses Burda. Er hält aber nicht mit seiner Skepsis hinter dem Berg, daß seiner Meinung nach ein Mehr an Informationen noch lange nicht bessere Informationen seien.

Ich verstehe solch kritische Anregungen als hilfreiches Argument für die journalistische Ausrichtung von Europe Online. Wir müllen unsere User eben nicht mit einem ungefilterten Mehr an Informationen zu, sondern wir wählen aus, werten und unterfüttern alle News mit passenden Zusatzinformationen (aus dem Net). Wir verstehen uns so als Navigatoren in der Informationsflut. Der Newsbereich bietet dabei tagesaktuelle Navigation, die Magazine themenaktuelle Navigation.

Dienst&Leistung/ISDN (4)

mak@muc074.96.23:57

Schon beim Besuch des Bundespräsidenten war die Titelstory der aktuellen Newsweek-Ausgabe Thema: „The German Disease“. Die Beschreibung unserer wirtschaftlichen Krise mündet hier in eine wenig schmeichelhafte Analyse grundsätzlicher, gesellschaftlicher Unzulänglichkeiten des deutschen Industrie- und Wirtschafts-Systems. Am Ende des Industriezeitalters drohen wir ins Abseits zu geraten, weil wir unfähig oder unwillig sind, technologisch innovativ zu sein und/oder eine funktionierende Dienstleistungsgesellschaft zu etablieren.

Hört ein Deutscher den Begriff „Dienstleistung“ denkt er unwillkürlich an „ausländische Mitbürger“. Vielleicht ist es schon allein der Begriff „dienen“, der die Akzeptanz von „Dienstleistung“ in Deutschland so schwierig macht.

„Newsweek“ zitiert genüßlich einige besonders herbe Fälle typisch deutscher Dienstleistungs-Verhinderung wie etwa die Ladenschlußgesetze, die für amerikanische Verhältnisse wirklich der reinste Horror sind. „Newsweek“ prangert auch individuelle Beispiele aktiver Kundenfeindlichkeit an. Krassestes Beispiel: eine Verkäuferin eines mondänen Modeshops wirft eine (amerikanische) Kundin aus dem Laden, weil sie nicht brav „Guten Tag“ gesagt hatte.

Apropos Kundenfreundlichkeit: das versprochene Telefon von der Post ist immer noch nicht da, der Monteur ist auch nicht mehr aufgetaucht und hat seine Arbeit immer noch nicht zu Ende gebracht. Er ist weder telefonisch erreichbar noch reagiert er auf Faxe, in denen er an die Mängel erinnert wird. (Eine Fortsetzung der never ending story namens „Telekom“ folgt garantiert)

Bye, bye Liz!

mak@muc075.96.11:12

Unsere Redaktionssekretärin Liz Dirgins hat Ihren letzten Arbeitstag. Sie zieht es in Ihre zweite Heimat, nach Amerika, genauer gesagt nach Washington. – Schön für sie, schade für uns.

Ihre stets prächtige Laune und ihre effektive und unaufwendige Art Probleme aus dem Weg zu räumen oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, hat uns in der harten, stressigen Startphase extrem geholfen.

Egoistisch besehen: für uns ein Stück Lebensqualität weniger. Altruistisch gedacht: Viel Glück Liz, und alles Gute! – See ya, hear ya, mail ya…

Diskurs-Techno

mak@muc076.96.01:54

Die taz hat in der gestrigen Ausgabe einen völlig neuen Begriff geprägt: „Diskurs-Techno“. Anlaß waren zwei CDs mit Techno- und Ambient-Klängen mit und zur Ehre des im letzten Jahr verstorbenen Philosophen Gilles Deleuze.

Der Begriff klingt fürchterlich, bringt aber die Entwicklung digitaler Sampling-Musik in der Erbverwaltung von Techno ganz gut auf den Punkt. Von einer reinen, sehr repetitiven Tanz-Animation hat sie sich längst zu einem weit ausdifferenzierten Musik-Genre ausgewachsen, das auch weites, komplexe musikalische Erzählstrukturen wagt.

So entstand ein Genre, das noch auf einen passenden Terminus wartet. Die Begriffsverwirrung dokumentiert sich sehr eindrucksvoll in den Plattenläden. Jeder subsummiert die einschlägigen Platten unter verschiedenen Begriffen. Die einen katalogisieren ihre Cds unter Techno, andere unter Dance oder unter House, unter Ambient, unter Black & Dance oder Elektronik. Ich habe auch schon unter New Age, Jazz oder (besser!) Ambient Jazz CDs mit (reichlich un-jazzigen) digitalen Sounds gefunden.

Mein Vorschlag: der Begriff „Sampling“. Unter ihm passen alle digital produzierten Musikwerke, von härtesten Tanzrhythmen bis zu meditativen Klanglandschaften.

Aktueller Anlaß dieses Tagebucheintrages sind meine dieses Wochenende bevorzugten CDs. Die neuesten Releases von „System 7“, von „Bionaut“ und „Underworld“.

Colors Online

mak@muc077.96.08:57

Und wieder geht ein neues Online-Magazin von Europe Online Deutschland auf’s Netz: „Colors Online“. Die Online-Version des von Oliviero Toscani für Benetton konzipierten Magazins, ist im ersten, schnellen Entwurf in zwei Sprachen umgesetzt: Deutsch und Englisch. Die nächste Ausgabe (im Mai) wird auch in Italienisch sein. (Französisch und Spanisch folgen später.) Colors Online ist nicht nur deshalb ein wahrhaft europäisches Produkt. Produziert wird es als Magazin in Paris und Treviso (Italien), online gebracht von Christian Mießner in München.

Thema der ersten Ausgabe: „War/Krieg“. Kein leichter Stoff. Colors hat zu dem Thema eine Menge eindringlicher Dokumente und Fotos zusammengetragen und wirklich starke Stories und Ideen zu dem Thema entwickelt. Es war nicht leicht, die optische Kraft online adäquat umzusetzen. Wir haben uns für einen Mittelweg von optimaler Wirkung und aushaltbaren Ladezeiten entscheiden.

Die erste Ausgabe ist weitgehend eine 1:1-Umsetzung des Print-Magazins. Wir haben noch einige Stories ergänzt, bringen aktuelle „Kriegs-Nachrichten“ von den verschiedenen Krisenherden und Kriegsschauplätzen dieser Welt und haben einen eigenen Chatraum für Colors-User eingerichtet. Er soll möglichst bald ein internationaler Treffpunkt junger, engagierter Menschen werden.

Für die nächsten Ausgaben werden eigene Online-Stories entwickelt werden, die dann die gedruckte Ausgabe optimal ergänzen.

Wir sind sehr stolz, solch ein hochqualitatives und attraktives Magazin online bringen zu dürfen. – Just click for Colors!

Internet-Kosten

mak@muc078.96.10:22

Das Internet kostet Geld. Die User ebenso wie die Produzenten von Websites. Forester Research in Cambridge (Mass.) haben die durchschnittlichen Preise für Websites in den USA ermittelt. Eine normale Website für Promotionszwecke kostete 1995 demnach durchschnittlich 206.000 $ im Jahr. Eine Site mit Content, also zum Beispiel Magazine, News-Sites etc. kam auf ca. 893.000 $ pro Jahr. Am teuersten war es, wenn man im Web Transactions, also Shopping, Banking oder Pay per Click bieten wollte. Dafür mußte man 1995 2,8 Millionen $ pro Jahr rechnen.

Forester Research rechnet aufgrund der steigenden Nachfrage nach Websites und des steigenden Verkehrs im Internet mit rapide steigenden Kosten. Promotion-Sites werden sich nach Schätzungen von Forester Research bis 1997 im Preis rund verdreifachen, auf ca. 681.000 $ pro Site und Jahr. Content-Sites werden 1997 rund doppelt so teuer sein wie 1995: 1,8 Millionen $ pro Jahr. Transaction-Sites werden sich pro Site und Jahr auf 4,2 Millionen $ steigern.

Diesen fulminant steigenden Kosten stehen natürlich 1997 auch erheblich höhere mögliche Einkünfte gegenüber. Bis dann wird es e-cash geben, wird das Internet sicher für Geldverkehr werden und bis dahin dürfte auch genug intelligente Software entwickelt sein, die brauchbare Einkünfte aus Content-Providing und Werbung möglich machen.

Internet-TV

mak@muc079.96.14:47

In den Vereinigten Staaten startet im April die erste TV-Serie zum Thema „Internet“, Titel: „Live in the Internet“. In 13 aufeinanderfolgenden Dokumentarfilmen wird gezeigt, wie das Internet von verschiedenen Menschen genutzt wird und wie sich ihr Leben dadurch verändert (hat). Gesendet wird die Filmreihe im Public Broadcasting System, Sponsor der Serie ist Sun-Microsystems.

Mal sehen, wann sich eine TV-Anstalt in Deutschland bequemt, diese Sendung zu übernehmen oder etwas Ähnliches selbst zu entwickeln.

Wir warten inzwischen auf die Idee einer ersten Reality-Soap-Opera zum Thema Internet. Arbeitstitel in Deutschland: „Gute Zeiten, digitale Zeiten…“.

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