Trumps Apokalypse

27. Februar 2017


Die Endzeitphantasien des Stephen Bannon

Ich bin am 8. November 2016 sehr spät ins Bett gekommen. Und weil so spät schon die Ahnung in der Luft lag, dass Donald Trump der 45. Präsident der USA werden könnte, habe ich schlecht geschlafen. Als am nächsten Morgen klar war, dass The Donald die Wahl gewonnen hatte, war das niederschmetternd.

Mein Entsetzen ging in zwei Richtungen:

  1. Wie konnte es passieren, dass diese Nation, die uns erst beigebracht hat, wie Demokratie geht und die uns vorgelebt hat, welche grandiosen Vorteile das hat, dass diese Nation diesen bizarren Narzissten, der mit Demokratie nichts am Hut hat und mit ihr nichts anfangen kann, zum Präsidenten wählt? Einen Menschen, der sich in jeder Beziehung, menschlich, geschäftlich, persönlich als Präsident öffentlich effektiv disqualifiziert hat?
  2. Wie kaputt muss eine Nation sein, wie wütend und/oder verzweifelt, dass sie solch einen Menschen zum Präsidenten wählt, mal abgesehen von der Gegenkandidatin. Ich habe mich immer über die sichtbaren Widersprüche bei meinen Besuchen in den USA gewundert. Habe die Ineffiktivität der Arbeit dort und den Niedergang der Infrastruktur registriert. Und habe nicht die nötigen Schlüsse daraus gezogen.

Die Säulen der Zivilisation

In dieser Stimmung habe ich wenige Tage später, am 15. November, einen Mitschnitt einer Rede und einer Fragerunde mit Stephen Bannon, damals Wahlkampfmanager von Donald Trump, heute sein engster Berater, gelesen bzw. gehört. Diese Rede und die nachfolgende Fragerunde hielt er im Sommer 2014 im Vatikan auf Einladung eines DHI, des Dignitatis Humanae Institute (Rom & Brüssel), einer rechtsreligiösen Institution.

Der Artikel und der Mitschnitt erschienen damals im amerikanischen Buzzfeed samt Tonspur. Der Text ist mittlerweile aber auch in kompletter Länge auf der Website der Dignitatis Humanae abgedruckt, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, die „Säulen der westlichen Zivilisation hochzuhalten: das Christentum.“

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Diese Rede hat mich zutiefst erschreckt und mich das Schlimmste für die damals noch bevorstehende Amtszeit von Donald Trump befürchten lassen. Nach den ersten Tagen seiner Regierungszeit hat er meine Befürchtungen eher übertroffen. Vor allem weil Stephen Bannon eine dominierende Rolle unter seinen Beratern innehat und er ihn sogar noch zum Chef des Nationalen Sicherheitsrates (!) gemacht hat.

Die Spielarten des Kapitalismus

Der Schrecken der Rede war zweischneidig. Zum einen war seine Analyse des Zustands der Welt, der Ökonomie und der Machtverhältnisse sehr genau und in weiten Teilen durchaus teilbar. Teilweise klang er wie ein Mitglied einer juvenilen Linken. Er beklagte die Entwicklung des Kapitalismus hin zu einem Bereicherungsinstrument von Politikern (Putin & Konsorten), den Kleptokraten und von hypergierigen Eliten, die den Neoliberalismus dafür nutzen, die Mittelklasse auszubluten, um sich selbst noch gnadenloser mit absurden Geldmengen zu bereichern.

Bannon stellt dem einen aufgeklärten, christlichen Werten verpflichteten Kapitalismus entgegen. (Passend im Vatikan.) Er beschreibt die Pax Americana der Nachkriegszeit als das beste Beispiel für solch einen verantwortungsbewussten Kapitalismus, eine Zeit, in der der Mittelstand prosperierte und das Geld gerecht zwischen Oben und Unten verteilt wurde.

Stephen Bannon hat recht, wenn er die Art und Weise anprangert, wie die Finanzkrise auf Kosten der Mittelschicht gelöst wurde und die Reichen noch reicher machte. Entsprechend sieht er – und das ist lange vor Trumps Aufstieg – den Aufstand dieser Mittelschicht voraus.

Der Werteverlust der Säkularisation

Stephen Bannon ist auch – mit Vorbehalten – zuzustimmen, wenn er die Entwicklung der Säkularisierung unserer Welt kritisiert – wie es ja auch der so linke Papst Franziskus tut. So gut es war, uns aus dem Wertekorsett der christlichen Religionen zu befreien, ist es doch in weiten Teilen nicht gelungen, die Wertefabrikation in unserer aufgeklärten Gesellschaft jenseits christlicher Moralvorstellungen oder politischer Ideologien funktionabel  zu organisieren: Menschenrechte, Diversität, Toleranz, Solidarität etc.

An dieser Stelle schmerzt es, wenn man sieht, wie treffend seine Kritik ist, wie wenig davon in unserer Gesellschaft ernsthaft diskutiert wird. Stattdessen werden atemlos immer neue Hysterien hyperventiliert. Schmerzhaft auch, wie beflissen die Medien diese Ablenkung vom Wesentlichen bedient haben – und wie unbeachtet der Aufstand der Mittelschicht in den USA blieb, die Donald Trump ins höchste Amt der Vereinigten Staaten gepu(t)scht hat.

Die blutige Revolution

Diese argumentative Basis macht es Bannon – und als sein Sprachrohr Donald Trump – so leicht, sich als Sprachrohr des enteigneten Mittelschicht, der von Verlust- und Armutsängsten geplagten „ehrlichen, harten Arbeiter“ zu gerieren. Auf dieser Basis scheinbaren „gesunden Menschenverstandes“ und unter dem Banner eines aufgeklärten, gerechten und sozialen Kapitalismus, baut dann Bannon ein beängstigendes Zukunftsszenarium auf.

Stephen Bannon glaubt nämlich nicht daran, dass sich die Welt zum Besseren wenden ließe. Er glaubt nicht an die Evolution. Und schon gar nicht glaubt er an die Wandlungsfähigkeit des bestehenden Systems. Er sieht nur eine Chance zur Wandlung zum Besseren: die komplette Zerstörung, eine tiefgreifende Krise, ja am besten ein Krieg, ein Weltkrieg, mindestens zwischen Amerika und China.

Krisen alle 80 Jahre

Bannon ist dabei Anhänger der Geschichtstheorie der beiden Amateurhistoriker Neil Howe und William Straus, die seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts die These verbreiten, dass weltgeschichtlich alle 80 Jahre tiefgreifende, meist kriegerische Krisen alte Systeme zum Einsturz bringen und neue Systeme kreieren, so nach dem Phönix-aus-der-Asche-Prinzip. In einem interessanten Artikel in der amerikanischen Zeitschrift Time beschreibt Neil Howe, wie Stephen Bannon ihn in einem Interview immer wieder dazu drängte, zu bestätigen, dass es jetzt wieder soweit ist, dass jetzt die große, vierte neue Weltordnung (fourth turning) vor der Tür stehe, samt Krieg und Zerstörung etc.

So ein Mann steht jetzt an den Schaltern der Macht und hat sichtlich das Vertrauen von Präsident Trump. Er ist sein Chefstratege, sein Chefideologe – und er macht keinen Hehl daraus, dass die Zerstörung des bestehenden Systems sein vorrangiges Ziel ist. System heißt hier nicht nur Kapitalismus, sondern Globalisierung, Moderne, Vielfalt, Toleranz, Demokratie, Gewaltenteilung etc. Alles!

Was für ein Horrorszenario. Es ist kein Zufall, dass Bannon seine Thesen ausgerechnet im Vatikan vor religiösen Rechten verkündet hat. Die hatten es ja noch nie so sehr mit Demokratie, Menschenrechten und dem ganzen „Gedöns“. Die wollten noch nie ein Paradies auf Erden, das gibt schließlich es erst nach dem Tod und der Auferstehung.

Fragt sich, wie sich Stephen Bannon die Welt vorstellt, wenn sie nach Zerstörung und Untergang wieder neu entstehen sollte… – erleben mag man es selbst eigentlich nicht so recht..

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Holt die Gegenwart die Zukunft ein?

„The future is moving closer to the present, as if they were actually apart, that is.“, schreibt Robert Fripp (King Crimson) am 2.Januar 2017 in seinem Tagebuch. Zukunft und Gegenwart kommen immer dichter zusammen, wenn sie denn je getrennt waren. Der Satz erinnert mich an die ewige Wahrheit aller Zukunftsforscher, die William Gibson formuliert hat: „Die Zukunft ist längst schon da. Nur nicht gleichmäßig verbreitet.“ („The future is already here – it’s only not evenly distributed.“)

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Wenn der Kühlschrank leise chattet…

Nie war der Job für Zukunftsforscher schwieriger als heute. Die technische Entwicklung in vielen Bereichen geht rasend schnell voran. Da kann man mit Voraussagen schnell danebenliegen. (Mathias Horx leidet gerade wieder an entsprechender Häme.) Die soziale und kulturelle Verarbeitung all dieser technischen Neuerungen hinkt deutlich hinterher. Entsprechend schlecht kann man neue Wirklichkeiten prophezeien. Sicher ist hier nur, dass sich nichts so entwickeln wird, wie Techniker und ihre Promotoren (auch in den Medien) es voraussagen. Bestes Beispiel für solche Flops: das Fabelwesen des intelligenten, kommunizierenden Kühlschranks.

Der unerwünschte Bastard

Hier darf man William Gibson neu interpretieren: Die soziale und kulturelle Adaption findet längst statt, nur nicht überall gleich. Die jungen und jüngsten Generationen tun das längst. Aber die Generationen, die über die administrativen Anpassungen und kulturellen Lernprozesse entscheiden, hinken noch schwer hinterher: Wir erinnern uns an Merkels „Neuland“, an die Philippika des Chefs der Lehrergewerkschaft gegen digitale Geräte in der Schule – und natürlich mit besonderem Grausen an den digitalen Kommissar Günther Oettinger.

Irgendwo in dieser Kluft zwischen stiller, unreflektierter Adaption durch die Jungen und Unkenntnis, Desinteresse und Ignoranz der Älteren und Mächtigen findet derzeit unsere Zukunft statt. Ein elternloser Bastard, für den niemand Verantwortung übernehmen kann bzw. will. Ein unerwünschtes Kind für die Eliten, die ihre Privilegien durch die Digitalisierung gefährdet sehen. Siehe die Finanzkrisen und die offensichtliche Abscheu, die etwa ein Donald Trump für Computer und all das Internet-Gedöns formuliert.

Technik ist Pop

Die junge Generation staunt, welche Spielzeuge ihnen die Technik und die digitalen Dienste in die Hand geben. Sie versuchen ganz skrupellos (… und das ist gut so), irgendwie daran Spaß zu finden und finden ihn fast immer dort, wo es die Techniker und Vermarkter nicht erwartet haben. Und wenn es auch nur der Spaß ist, dass die Erwachsenenwelt nicht mit neuer Technik und ihrer Nutzungskultur klar kommen. Das war schon immer der Hauptmotivator für junge Menschen: von älteren Generationen verwaiste Regionen zu (er-)finden. So gesehen sind Technik und Digitalität Pop. Und Zukunft ist es irgendwie auch.

Die Zyklen dieser Eroberung neuer virtueller Freiräume, deren lärmende Kartierung durch die Medien und der Versuch, der mal naiv positiven, meist aber warnend abwartend oder ignorant unterbindenden (Oettinger!) Reaktion der Mächtigen (Kapital und/oder Politik) werden immer kürzer. Fast mag es wie eine Echtzeitreaktion in Zeitlupe aussehen. Daher stimmt der Eindruck, dass Zukunft und Gegenwart immer enger zusammenrücken.

Das Dilemma der Zukunftsforschung

Zukunftsforschung ist bislang meist der Versuch, von absehbaren Innovationen und verlässlichen statistischen Entwicklungen für mögliche Adaptionen in technischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht Prognosen zu wagen. Mit den heute nur noch minimalen Aneignungszeiten ist die Art von Zukunftsforschung heute obsolet.

Wegweiser Zukunft

Geht’s zur Zukunft nach rechts?

Erschwerend kommt die Generationenkluft zwischen Zukunftsschaffenden (den Jungen) und (älteren) Zukunftsanalytikern hinzu. Das Adaptionsgeschehen der Digital Natives erscheint aus der vermeintlichen Höhe analytischen Wissens und vordigitaler Kultur naturgegeben eher wirr. Ist es auch. Aber wie sonst soll eine Adaption im non-linearen Raum funktionieren? Die Generation der Analytiker hat nie das Try-and-Error-Prinzip gelebt. Schon gar nicht in Deutschland.

Der kaputte Mythos

Im übrigen hat die Zukunftsforschung ihren Ur-Mythos eingebüßt. Sie versprach fast immer, mit wenigen Ausnahmen (in Deutschland) eine Zukunft, in der wir es besser haben werden. Sie versprach mehr Bequemlichkeit (angenehm), mehr Freiheit (anstrengend aber positiv besetzt) und mehr Glück (bzw. Glücksersatz).

Nur Ersteres ist wahr geworden. Die Bequemlichkeit hat uns alle Bedenken um unsere Privatsphäre vergessen lassen. Das mit der Freiheit hat sich als Schimäre entpuppt, schon weil die meisten Menschen mit diesem Gut (und der damit verbundenen Verantwortung) nicht umgehen können. Und Glück, ob materiell oder spirituell, bringt nie die Zukunft, die kann nur die Gegenwart liefern.

Die Zukunft, die haben die anderen

Eine rosa Zukunft, in der wir es alle besser haben werden, das wagt kein ernst zu nehmender Zukunftsforscher mehr zu prognostizieren. Zwar zeigen alle Statistiken, und davon viele ernst zu nehmende, dass es uns heute so gut geht wie noch nie. Dass weniger Menschen hungern, weniger Kinder sterben, immer weniger Armut herrscht und es weniger Kriege seit Menschengedenken gibt.

Aber diese Zahlen beweisen nur, dass es unheimlich vielen Menschen in Asien, Südamerika und Afrika besser geht. Die breite Masse der Menschen in Europa oder Amerika stagniert in ihrem Wohlstand dagegen seit langem. Zugleich wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. So erlebt man subjektiv eine gefühlte Verarmung im Vergleich zu den Hyperreichen. Und die Aussichten sind mager. Der Wachstums-Traum ist ausgeträumt. Schon mangels Ressourcen und aufgrund der unabsehbar wachsenden Zahl an Menschen auf dieser Erde.

Der amerikanische Traum

Auffallend war rund um den Jahreswechsel, wie viel Zukunftsprognosen in den internationalen, vor allem amerikanischen Medien zu lesen waren. Donald Trumps Retro-Politik zum Trotz. Viele Artikel begeisterten sich einmal mehr für neue Technologien, neue Gadgets und neue Bequemlichmacher (Amazon: Alexa!).

Aber es gab auch viele erstaunlich tiefschürfende Zukunftsperspektiven zu lesen. Etwa wie die absehbaren Verbesserungen in Medizin und Gesundheitstechnolgie unser Leben und die dabei vital gelebte Zeit massiv verlängern werden. Aber wie soll das funktionieren mit sozialen Systemen, die darauf nicht eingestellt sind. Und wie soll das mit einer Denke funktionieren, die nicht auf Geschenke an Lebensqualität und Vitalität vorbereitet ist? – Apropos Denke: Hochnuanciert auch viele Artikel zur Künstlichen Intelligenz (KI), zur Gehirnforschung und der möglichen Kollision zwischen menschlicher und Maschinen-Intelligenz.

Klar wird in solchen Artikel, dass es so wichtig wie noch nie ist, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Kritisch und konstruktiv, skeptisch und begeisterungsfähig, visionär und rational, neugierig und gelassen. Vor allem weil die Zukunft noch nie so nah war wie heute. Da hat Robert Fripp recht. Allzu oft ist die Zukunft, auf die wir warten, längst schon Gegenwart. Vielleicht manchmal noch nicht hier bei uns. Aber da sollten wir dafür sorgen, dass das schleunigst passiert.

Das Goldfisch-Syndrom

13. Dezember 2016


Eine kleine Erklärung der Welt von heute

Wie hält es ein Goldfisch in einem Wasserglas aus? Immer nur im Kreis schwimmen – und von allen beglotzt werden. – Ganz einfach, sein Gedächtnis reicht gerade mal für neun Sekunden. Einmal rund ums Glas braucht aber 10 Sekunden. Also ist jede neue Runde ein neues Abenteuer. Und ewig grüßt das Goldfisch…

Golden fish (Carassius Auratus)  in a bowl

Unser Gedächtnis ist ein wenig besser, als das vom Goldfisch. Aber unsere Fähigkeit, bei einem Thema zu bleiben, sich auf einen Inhalt einzulassen und uns zu konzentrieren ist schlimmer als die vom Goldfisch. Gerade mal 8 Sekunden beträgt unsere Ausmerksamkeitsspanne. In den letzten 15 Jahren hat sie sich halbiert. 2000 waren es noch 12 Sekunden. Das hat eine Konsumentenstudie von Microsoft gerade festgestellt.

Der nahe liegende Kritik-Reflex wäre natürlich, gleich mal wieder den Untergang des Abendlandes zu beklagen samt ausgiebigem Bashing von allem digitalen Teufelswerk unter besonderer Berücksichtigung des Smartphones. Denn wie soll unsere Welt weiter bestehen, wenn wir ihr keine Aufmerksamkeit schenken, oder zumindest nur noch in homöopathischen Dosen. Und was, wenn nur noch das Phone smart ist, aber nicht mehr seine Nutzer?

Kommt eine post-rationalen Zeit?

Aber wir könnten auch einmal das Bild von dem Goldfisch im Glas weiter bemühen. Vielleicht ist die Reduzierung der Aufmerksamkeitsspanne auch eine logische Überlebensstrategie für unseren aktuellen Zeitgeist. Hier mal ein paar gewagte Thesen und Fragestellungen zu einer möglichen postrationalen Epoche:

  • Unser Gehirn, vor allem das der digital Natives, verarbeitet längst in viel kürzerer Zeit auch hoch komplexe Informationen. Daher der Trend zum Bewegtbild. Nur hier lassen sich Informationen optimal verdichten. Sprache – und die ganz besonders in schriftlicher Form von Text – ist viel zu langsam zu verarbeiten. Unser Gehirn ist schon längst einen Schritt weiter.
  • In einer Welt, in dem es keine Wahrheiten mehr gibt, weil Wahrheit und Lüge, Bild und Photoshop-Fake so nah beieinander liegen, wird schlicht Zeit vergeudet, wenn noch langwierig Inhalte rezipiert werden. Vor allem, wenn Fake-News und Foto-Pranks viel attraktiver sind und besser ins eigene Vorurteilsschema passen. Unser Gehirn ist schon mal ins postfaktische Zeitalter voran gereist.
  • Sind wir nicht Gefangene der Aufklärung und ihrer Früchte? Sind nicht Ratio und Logik, Kritik und Wissenschaft, Fortschrittsglaube und Wachstumsfetischismus zuletzt irgendwie in Misskredit geraten, weil diese positiven Werte unsere Gesellschaft in Arm und Reich teilen, weil nur eine kleine Schicht oben die Früchte erntet, ohne Rücksicht auf andere?
  • Sind nicht die Werte der Aufklärung wie Emanzipation und Toleranz strittig geworden? Wie sonst kann man im Kampf gegen solche Werte Wahlen gewinnen? Und wird nicht Freiheit immer mehr als Stress erlebt, als Überangebot an Möglichkeiten und die damit verbundene Verantwortung als belastend?
  • Aber im Ernst. Sind nicht durch den Materialismus und blinden Fortschrittsfetisch die Werte der Aufklärung auch pervertiert worden? Haben wir vor lauter Vernunft und Logik nicht den Zugang zu unserer mentalen Kraft und darüber oft unsere psychischen Gesundheit verloren? Warum sonst nehmen sonst Depressionen so zu? Und warum erleben Tools, die unser Verhalten kontrollieren, solch einen Boom. Früher hat man wohl besser gewusst, was einem gut tut und richtig ist, und das ist jetzt weg?

Gefühlte Wahrheiten fühlen sich gut an

Vielleicht baut sich unser Gehirn gerade um, weg von Vernunft und Logik, weg von Linearität und Literalität. Weg von den Buchstaben der Aufklärung hin zu hochkomplexen multimedialen Informationsschemata, hin zu nur jenseits reiner Logik verstehbaren Realitätsclustern. Daher auch die Zunahme von „gefühlten“ Wahrheiten.

Und wahrscheinlich stehen wir, wenn wir den Gedanken einmal wagen wollen, erst am Anfang solch einer Entwicklung, die vor allem all denen, die noch im Bildungsideal der Aufklärung der vordigitalen Zeit groß geworden sind, schlichtweg graust. Das würde die absurden Auswüchse des aktuellen Siegeszugs der Lüge, der Desinformation und des Ressentiments erklären helfen.

Krisen kündigen neue Zeiten an

Schlimm und schwer vermittelbar ist, dass ausgerechnet Menschen aus dem Vorgestern diese Auswüchse, wie sie an jedem Anfang einer neuen Epoche stehen, so clever und skrupellos auszunützen verstehen. Für Krisenzeiten ist typisch – und 2016 hat jeder als sich selbst beschleunigende Krise erlebt – dass sie eine Veränderung einleite. Und je krisenhafter, desto gravierendere Veränderungen passieren. Neue Zeiten, neue Epochen und evolutionäre Sprünge kündigen sich immer auf solche Weise an.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Evolution weiß, was sie da macht. Und dass wir diesem Evolutionssprung gewachsen sind. Dass der Umbau unserer Denkapparate schnell genug geht und dann auch noch in die richtige Richtung… – jenseits eines Goldfisch-Daseins. Obwohl: Sind Goldfische unglücklich?

Fit für die Zukunft

7. Dezember 2016


Fake-News haben Konjunktur

Es macht wütend, wenn ein Donald Trump mit seinen Lügen Erfolg hat. Oder in unserem Nachbarland der gruselig-nette Herr Hofer. Aber es ist einfältig, über Menschen herzuziehen, die auf Fake-News und Lügen hereinfallen. Wer sich über die mangelnde Medienkompetenz vermeintlich simpel gestrickter Menschen erhebt, der hängt einer idealisierten Chimäre eines Medien-Businesses nach, die es längt nicht mehr gibt. Wenn es sie denn je gegeben hat.

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Image: Daniel Brown (danielbrowns.com)

Das Medien-Business funktioniert in einer kapitalistischen Welt ganz logisch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage nach gut argumentierenden, womöglich intelligenten und kühl analysierenden Artikeln mit vielen interessanten Informationen über unsere komplizierte und komplexe Welt und deren hochkomplexere Zukunft ist nun mal gering. Ebenso gering wie das Bedürfnis, solch komplexe Sätze wie den letzten lesen zu wollen.

Angebot und Nachfrage

Da erleben jede Fake-News, jede dreiste Verdrehung der Wahrheiten und jede süße Lüge weit mehr Zuspruch. Vor allem, wenn damit die komplexe Welt auf knuddelige Spielzeuggröße geschrumpft wird, wenn Unübersichtlichkeit zu knalligen Abziehbildern mutiert und dabei mehr oder weniger latent verborgene Vorurteile bestärkt werden. Dann traut man sich sogar gerne, sein geheimes Chauvinistenherz mal gepflegt auszuleben. Man ist ja in seiner Beschränktheit nicht mehr allein – und das tut gut so…

Sprachverliebtheiten jetzt mal beiseite: Es tut gut, die Welt wieder einmal ganz einfach erklärt zu bekommen. Es tut gut, die Komplexität der Welt lügenden Medien oder gar bösartigen Eliten in die Schuhe zu schieben. Alles Lüge, was kompliziert scheint. Alles Wahrheit was ins eigene, beschränkte Weltbild passt. Daher haben Fake-News und blanke Lügen Konjunktur. Es gibt sie, weil die Nachfrage danach so groß ist. Und weil die Produzenten damit Geld verdienen und wunderbar das Süppchen ihrer Eigeninteressen kochen können.

Mediale Überhitzung

Warum ist das so? Schon richtig, die Medien sind daran schuld. Mit schuld. Der Run auf immer sonderlichere Neuigkeiten, auf immer schlimmere Katastrophen, immer neue Verbrechen und Gefährdungen ist immens. Das bringt Klicks. (Auflage aber längst nicht mehr.) Und je lauter und schriller der Schlagzeilen-Köder, desto mehr fallen darauf rein. Natürlich fühlen sie sich im Nachhinein deswegen verarscht. Und die Reputation der Medien leidet einmal mehr. Nachschub dafür gibt es immer, das Internet ist der größt denkbare Newsdistributor und Newsbeschleuniger.

Schuld sind auch Technologie und Wissenschaft. Sie sind hochspezialisiert und erzeugen immer neue Ideen, Konzepte und Produkte. Kein Tag ohne neue Erkenntnisse, ohne neue Studien, ohne neue bahnbrechende Erfindungen. Und diese werden heute nicht mehr nur im hermetischen Zirkel der Wissenschaft diskutiert, sondern sie werden weltweit publiziert. Es gibt viele bahnbrechende, disruptive Erkenntnisse. Aber die große Masse ist gar nicht so krass, sie wirkt im Fachchinesisch der Wissenschaft nur so, verstärkt vom Sensationsbedürfnis der Wissenschaftspublizisten.

Gehirne sind nicht für Veränderungen gemacht

Schuld ist natürlich auch die Politik. Die eine – rechte – Seite schürt ohne Unterlass Ängste. Je simpler und diffuser, umso erfolgreicher. Die gängige Politik sagt, dass sie die Ängste ernst nimmt. In Wahrheit ist aber die ganz große Koalition von den C-Parteien, SPD, Grünen (und – falls gewünscht: FDP plus Linke) hilflos in dieser Situation. Diffuse Ängste lassen sich einfach nicht wirksam entkräften. Schon gar nicht durch politischen Aktionismus oder panisches Appeasement nach rechts. Die einzige wirksame Methode hat keiner drauf: Mut machen, glaubhafte Perspektiven schaffen und faszinierende Visionen zeichnen.

Schuld hat aber vor allem die menschliche Physis. Hier speziell die mentale Abteilung. Wie sagt ein Wissenschaftler so treffend: Das menschliche Gehirn ist nicht für Änderungen gemacht. Es reagiert bestens, wenn es Routinen steuert, die sich bewährt haben. Jede Veränderung wird mindestens als lästig, meist jedoch als bedrohlich bewertet. Mit dieser Haltung fuhr das menschliche Gehirn seit Steinzeiten bestens, denn Veränderungen geschahen stets sehr langsam. Oft dauerte es mehr als ein Menschenleben, bis sich etwas bemerkbar veränderte.

Neu verdrahtete Neuronen

Das ist heute so sehr anders. Unsere Elterngeneration musste schon den Wechsel von mindestens zwei oder gar drei Lebensphasen erleben. Hier durch Humankatastrophen wie Weltkriege verursacht. Wir aber erleben gravierende Veränderungen heute schon im Halb-Generationen-Zyklus, also alle zehn bis 15 Jahre. Und das bei kontinuierlicher weiterer Akzeleration.

Für solch schnelle, kontinuierliche Wechsel von Lebensumständen, von Werten und Mechanismen brauchen wir ein völlig neues Gehirn, eine neue, optimierte Verdrahtung der Neuronen. Wir brauchen eine ganz andere mentale Fitness, die Veränderungen nicht nur besser verarbeitet, sondern sie sogar braucht. Wir brauchen eine neue psychische Prädisposition, die Veränderung positiv wertet und nicht mit Unbehagen oder gar Angst, sondern mit Mut und Lust reagiert.

Mentales Fitnessprogramm

Das klingt vielleicht etwas utopisch. Menschliche Gehirne lassen sich nicht schnell mal umprogrammieren oder gar weiterentwickeln. Aber so fremd uns so manches Verhalten der jungen, digitalen Generation(en) scheinen mag, vielleicht entwickelt sich hier ein neues Denken, das sich in seiner Undezidiertheit fit für permanenten Wandel macht. Vielleicht ist die dopamingestützte Smartphone-Abhängigkeit nur eine Übergangs- oder Übungsphase für künftiges, neues versatiles Denken.

Wir digitalen Adepten der älteren Generation sollten daher mit abfälligen Bemerkungen über die kommenden Generationen sehr, sehr vorsichtig sein. Vor allem aber sollten wir uns sehr, sehr, sehr aktiv darum kümmern, unser träges, veränderungsscheues Gehirn so fleißig wie möglich zu trainieren und  unsere mentale Disposition zu optimieren. Übungen und Programme dafür gibt es genug, sogar Apps (z. B. Headspace – englisch!).

Wir müssen uns in dieser sich immer rascher verändernden Welt vor allem dringend um unsere mentale Gesundheit und Fitness kümmern. Mindestens ebenso intensiv und ausdauernd wie wir uns um unsere körperliche Fitness kümmern, eher mehr. Schließlich wollen wir mental ebenso gesund, kräftig und beweglich bleiben wie mit unseren Muskeln und Gelenken. Denn mental stehen uns noch etliche Marathons, Triathlons und andere Dauerbelastungen bevor. Das ist sicher. – Und das ist gut so…

Sie sollen es besser haben

29. November 2016


Donald Trump, das Ende der Evolution?

Also gut, irgendwann war uns das Leben als Einzeller zu langweilig und wir mutierten zu Mehrzellern. Irgendwann war uns auch das Dasein als Amöbe zu langweilig und wir bildeten Organe aus, Gliedmaßen und ein vegetatives System etc. Ja und dann ging’s raus aus Wasser und Sumpf und aufs feste Land. Und dann war es uns zu langweilig auf vier Füßen zu krauchen und wir gingen aufrecht. Und unser Gehirn wuchs und unser Talent zum Denken, zur Sprache und intersozialer Aktion.

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Amöbe bei der Mahlzeit. Mahlzeit!

Alles Quatsch natürlich. Das haben wir nicht aus Langeweile getan, sondern weil wir stets gehofft haben, so die Gefahr zu verringern, gefressen zu werden. Und vor allem glaubten wir, dass wir so bessere Chancen hätten, mehr Nachkommen zu produzieren – die es einmal besser haben sollten als wir selbst. Evolution ist ja kein philosophisches Konstrukt, sondern eine fesche Survival-Methode.

Wir machen uns die Erde untertan

Aber dann kamen doch die Philosophen, vor allem aber Religionsgründer. Und damit kam der Gedanke in Welt, sich die Welt untertan zu machen bzw. vorerst mindestens alle anderen Religionen – und deren Territorien und Menschen. Bis wir es zu Weltkriegen mit Millionen von Toten geschafft haben und dabei wie im Vorbeigehen die ultimative Waffe erfunden haben: die Kernenergie, die uns die Möglichkeit gegeben hat, mit einem einzigen Knopfdruck unsere komplette Welt final auszulöschen.

Wir waren fast schon soweit, diese finale Option erfolgreich zu verdrängen. Nur Nordkoreas Kim-Sippe hat immer mal wieder mit ihren beschränkten (!) Mitteln auf die Option des atomaren Holocaust hingewiesen. Ab sofort ist Kim Jong-un nicht mehr allein auf weiter nuklear verseuchter Flur. Denn President-elect Donald Trump findet atomare Konfliktlösung auch eine bedenkenswerte Option politischen Handelns.

Das Ende der Evolution

Ach ja, Donald Trump. Ist er also der optionale Schlusspunkt der Evolution? Schließlich ist er mithilfe der a-rationalen Kreise der Evolutionsleugner der rechten Republikaner erst zum Präsident geworden. Nicht dass Donald Trump auch die Evolution leugnen würde. Er sieht sich wahrscheinlich in seinem narzisstischen Wahn eher als dessen Vollendung. Aber auf alle Fälle wollen Trump und sein Think Tank um Stephen „Breitbart“ Bannon (nie war die panzerhafte Assoziation dieses Begriffes passender als hier)  das Rad der Evolution zurückdrehen.

Zurück zu alten Werten soll es gehen. Wie man so etwas flächendeckend implantieren soll, bleibt offen. Gelungen ist das bislang nur einigen ausgewählten (vorzugsweise faschistischen) Diktatoren. Stets mit dem Ergebnis, dass die Evolution am Ende einen riesigen Schritt tat – und Werte und Normen massenweise zerpulverte.

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Szene aus „Arrival“

Zurück zu altem Wohlstand soll es gehen. Mit altgewohnten Methoden. Früher hieß das „Autobahnen bauen“, heute „die Infrastruktur verbessern“, samt Autobahnen, versteht sich. Es wird aber schwierig werden, dafür geeignete und willige Bauarbeiter zu finden, vor allem, wenn man die, die willig wären, aussperrt, weil sie Mexikaner und anderes Gesocks sind.

Zynismus leicht gemacht

Es fällt leicht, zu leicht, sich über die Ideen und Ziele eines Donald Trump oder Stephen Bannon lustig zu machen. Solch Zynismus ist billig, er bietet sich einfach zu sehr an. Vor allem aber lenkt er ab von dem anderen, nicht weniger schlimmen Zynismus sozusagen der anderen Seite. Die Alternative zu Trump wäre eine Fortsetzung des neoliberalen „Weiter-so“ gewesen, samt gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Alimentation der Finanzsysteme.

Die Alternative wäre ein „Weiter-so“ der immer größeren Spaltung unserer Gesellschaften in „Arm“ und „Reich“, in Gier und Resignation, in Ultra-Reichtum und breites Prekariat – auf relativ hohem Niveau. Hungern muss keiner mehr, dafür sorgt irgendwann schon ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nur für die wenigsten, nur für die Reichen, ihre Mischpoke und ihre Günstlinge – man ist ja nicht so…

Die real existierende Alternative zu einem Donald Trump ist – und es tut weh, es zu schreiben – keine echte Alternative. Sie ist ähnlich anti-evolutionär, sie gibt sich nur evolutionär mit immer neuen Erfindungen und Ideen, immer neuen Start ups und digitalen Gadgets. Aber in ihrem Denken ist sie altmodisch. Solange sie keine Ideen hat, die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur nicht größer werden zu lassen, sondern auch wieder zuklappen zu lassen, ist sie ähnlich zynisch wie Trump & Co..

Eine Welt ist nicht genug

Wir stehen vor eklatanten Problemen in dieser Welt. Wir brauchen mehr Ressourcen als absehbar da sind. Wir werden nur im guten Fall 11 Milliarden Menschen – das ist um die Hälfte mehr als heute. Die müssen ernährt und vor allem mit sauberem Wasser und sauberer Luft versorgt werden. Und wir müssen radikal umdenken, denn wie soll das funktionieren, wenn uns schon einige Hunderttausende Migranten an den Rand der Staatskrise bringen? Uns erwarten Millionen und Milliarden…

Die Alternative ist nicht, eine Neben- oder Ersatzwelt zu schaffen, sei es der Mars oder sonst ein Exo-Planet. Das mag für eine versprengte Handvoll Menschen funktionieren, nicht für eine Weltgesellschaft. Die zieht nicht mal so schnell um. Wir müssen diese Welt lebenswert erhalten bzw. wieder lebenswert machen. Das geht nur, indem wir Schranken abbauen. Zwischen Arm und Reich; zwischen Ost und West; zwischen Nord und Süd; zwischen Schwarz und Weiß. Zwischen allen Ländern. Die Erde kennt keine Grenzen, die haben wir erfunden.

Keine Sorge um die Evolution

Auch die Evolution kennt keine Grenzen. Sie geht auf jeden Fall weiter. Ob mit uns oder ohne uns. Das entscheiden wir. Ob wir (noch) evolutionstauglich sind, oder eben nicht. Ob wir innovativ und zugleich weise genug sind, um eine Welt zu erfinden, die für alle lebenswert ist und für die es zu kämpfen lohnt. Sorge darum habe ich im Prinzip nicht. Sicher ist, eine Welt in Angst wird die Lösungen nicht finden. Angst lähmt das Denken. Das ist leider ein Erbe aus den Zeiten, als wir noch ums Überleben in freier Wildbahn kämpfen mussten. Sozusagen eine Restschlacke der Evolution. (Schöne Illustration dazu ist der Film „Arrival“ von Denis Villeneuve.)

So gesehen müssen wir heute wie einst kämpfen, dass es unsere Nachkommen besser haben als wir. Dass unsere Welt für sie ökologisch, ökonomisch – und vielleicht auch mental und sozial besser und weiser ist als jetzt. Und bei solch einer Frage sollte dann ein Donald Trump nur eine Randnotiz der Geschichte sein, so wie es auch eine Hillary Clinton (gewesen) wäre. Je kleiner wir diese halten, desto besser.

 

Ökonomie als Muppet-Show

20. April 2016


Das Thema Wirtschaft darf man ernst nehmen, muss man aber nicht

Verstehe ich das richtig mit den Negativzinsen? Wenn ich mein Girokonto überziehe, bekomme ich Zinsen gutgeschrieben? Schließlich helfe ich den Banken, nicht auf ihren Negativzinsen sitzen zu bleiben. Denn das Schlimmste, habe ich gehört, was einer Bank heute passieren kann, ist es, wenn ein Mensch mit ganz viel Geld kommt und es bei der Bank deponieren will. Kein Wunder, dass da das Geld auf die Bahamas ausweicht. Dort scheint es noch willkommen zu sein. Oder die Briefkästen dort sind anonym und permissiver. Und das Wetter ist auch besser.

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Suchs Paket. Selbstausbeutung als Dienstleister.

Ein wenig darf man sich ja fast amüsieren über unsere zinslose Welt. Es entkrampft so. Plötzlich lösen sich die Zungen und auch die schweigsamsten Menschen geben inzwischen zu, viel Geld in der Finanzkrise verloren zu haben. Noch vor einem halben Jahr haben sie das noch strikt bestritten. Jetzt fällt es leicht, die Verluste zuzugeben. Ist ja eh wurscht. Man bekäme ja jetzt gar keine Zinsen mehr dafür. Oder gar noch Strafzinsen.

Überraschend, dass die AfD noch nicht die Zinslosigkeit für sich entdeckt hat. Ausgerechnet diese kruden Politiksimulatoren-Clique, die einst als Anti-Euro-Partei gestartet ist. Schließlich war es Allah selbst, der verboten hat, für Geld Zinsen zu nehmen. Also ist die Zinslosigkeit doch auch ein Stück Moslemisierung des Westens. – Zugegeben, die arabischen Staaten haben sich nie so recht an das Prinzip gehalten. Zinsen und Dividenden für ihre Ölmilliarden haben sie zumindest gerne kassiert.

Langsam macht sich Antiökonomismus breit

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch das Christentum hat es seinen Gläubigen lange verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Das führt dazu, dass dieses Geschäft einst einzig von Juden betrieben wurde. Mit den bekannten negativen gesellschaftlichen Nebenwirkungen. – Heute ist die Finanzbranche dabei, ähnlich unbeliebt zu werden. Von Antiökonomismus spricht allerdings noch keiner. Aber jetzt ist dieser Begriff endlich mal in der Welt. Wird sicher noch seine Verwendung finden.

Fakt ist. Geld wird nicht mehr gespart, sondern gleich ausgegeben. So spart man sich den Umweg übers Sparbuch. Und hat auch mehr davon. Die Konsumgüterindustrie freut sich. Nur der Handel nicht. Denn der bekommt vom Geldsegen nicht mehr viel ab. Also der stationäre Handel. Der versteht sich mittlerweile sowieso nur als Konsumgüter-Museum und verlangt Eintritt von Kunden, die sich „nur mal so umsehen wollen“. Um zu wissen, was sie dann online bestellen wollen.

Aus der Logistik wird Unlogistik

Der Onlinehandel boomt, die Versandlogistik brummt. Nein , es sind nicht die Lieferdrohnen, die uns drohen. Sondern die Paketdienste, die die Güter „ausliefern“. Oder gibt es inzwischen einen besseren Begriff für das Versteckspiel mit Konsumgütern, das da gespielt wird? Statt wie früher lange zu warten, bis der Postmitarbeiter das hinterlegte Paket im Lager gefunden hat, dürfen wir jetzt selbst in der Paketstation suchen, in dem das an der Haustüre nicht ausgelieferte Paket versteckt ist. Mein Vorschlag: Wir nennen das Unlogistik.

Apropos Selbstausbeutung. Das Gejammere, das wir viele Dienstleistungen, für die es früher Personal gab, selbst machen müssen, dürfte bald vorbei sein: Reisen buchen, Produkte selbst konfigurieren und bestellen (und abholen, s. o.), Mietwagen am Straßenrand suchen etc. Wir bekommen bald neues Personal, an das wir das delegieren können: Bots. Also kleine, virtuelle Helferlein, die wir rumkommandieren und die das tun, was wir wollen. Bots ist die Koseform von „Robotern“. Deutsch Roboterlein oder Roböttchen.

Die lieben Bots namens Siri oder Alexa

Die ersten gibt es ja schon. Teilweise üben sie noch, teilweise funktionieren sie schon. Sie hören auf so lieblichen Namen wie Siri oder einen vertrauten wie Alexa. Manche sind profan und springen zu Diensten, wenn man sie mit „Hallo Google“ anherrscht. (Fragt sich, wie lange man bei Robotern Herr im Haus ist.)

Kurios wird es, wenn die Helferlein aka Bots Familienmitglieder werden. Alexa etwa, bereits millionenfach in den USA verkauft, ist offiziell ein kabelloser Lautsprecher mit ausgefeilter Mikrofontechnik. Sie steht im Wohnzimmer oder der Küche und wartet auf ihren Einsatz. Bei manchen Menschen steht sie in wirklich jedem Zimmer. Nach einem kurzen „Hallo Alexa“ ist sie zu Diensten. Sie spielt auch Musik, wenn man ihnen es befiehlt. Aber lieber beantwortet sie Fragen, liest bei Bedarf Kochrezepte vor, und am liebsten bestellt sie, was man auch immer zu brauchen meint.

Immer präsent und Teil der Familie

Diese Bots sind wie einst die Haushaltshilfe oder das Zimmermädchen. Downtown Abbey für Arme sozusagen. Immer zu Diensten – aber sie bekommen auch alles lautstark mit, was so im häuslichen Leben geschieht. Mal sehen, wann den Geräten auch ein Streitschlichtungs-Algorithmus einprogrammiert wird. Oder noch lebensnaher: ein Intrigen-Generator.

Wie auch immer. Die Bots werden auf alle Fälle die nächste große Sache. Wenn Facebook, Microsoft und Amazon das wollen, wird das kommen. Und da werden Siri (Apple) und Google nicht tatenlos, ratlos und serviceunwillig abseits stehen. Im Gegenteil. Sie werden uns eifrig und sehr aktiv dabei helfen, Negativzinsen zu vermeiden. – Das Geld, das sie dabei verdienen, wird dann schon einen Weg auf einsame Zinsen-Eilande finden. Siri, Alexa & Co. sei Dank.


20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.

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