Ich schreibe meinen Namen gerne so: Michael-A. Konitzer. Richtig heiße ich Michael-Andreas Konitzer. Aber zu Zeiten von John F. Kennedy fand ich das Kürzel des 2. Vornamens so schick, dass ich mein Michael-Andreas zu Michael-A. verkürzte. Michael-Andreas hat mich sowieso nie jemand gerufen. Und das ist gut so.

Familie Konitzer, 1954

Familie Konitzer, 1954

Meinen kuriosen Doppelnamen habe ich der Uneinigkeit meiner Eltern – und ihrer Kompromissfähigkeit – zu verdanken. Einig waren sich Mama und Papa, dass es ein Vorname sein muss, der international durchdeklinierbar ist. Deshalb wollte Mama den Namen Michael. Italophil wie sie war, funktionierte das mit Michele wunderbar. Mein Vater wollte, das ich Andreas hieß. So wie sein Vater, der knapp zwei Jahre vor meiner Geburt gestorben war. Frankophil wie mein Vater war, obwohl er da bei einem Bombenanschlag der Resistance schwer verletzt worden war und ein Auge verloren hatte, funktionierte das mit André auch wunderschön.

Pragmatische Kompromisse

Und wie das in der Ehe meiner Eltern eigentlich, solange ich deren Zeuge war, immer funktionierte, kam es zum Kompromiss. Also Michael-Andreas. Und wie das in der Ehe meiner Eltern eigentlich immer war, setzte sich Mama letztlich durch. Ich wurde halt Michael gerufen. Aber im Pass immerhin hatte mein Vater auch sein Recht bekommen. Ach ja, und italophil wurde mein Vater dann auch noch und sprach bald ein recht flüssiges Italienisch, das uns auf unseren Italienreisen sehr nützlich war. Oder waren die Italienreisen für seine Italienischkenntnisse nützlich? Wie auch immer.

Wir waren eigentlich überall in Italien:

  • Sizilien,
  • Amalfiküste
  • Neapel (plus Capri, Pompeij, Herculaneum)
  • Rom (mehrmals – schon wegen der Kirchen und dem Papst)
  • Florenz
  • Venedig
  • Ravenna
  • Adria (von Pesaro bis Grado)
  • Riviera
  • etc.

Klug bewegt

Heute lebe ich viele Wochen  im Jahr in den mittelitalienischen Marken. Das erste Mal war ich in dieser wunderbaren Region im Bauch meiner Mutter beim Schwangerschafts-Urlaub in Gabbice Mare. Das zweite Mal im Todesjahr meines Vaters in Pesaro. Das scheint ein wenig Bestimmung zu sein, dass ich ausgerechnet dort mit meinem Zweitwohnsitz lande.

Eigentlich war daran aber meine liebe Frau schuld. Wir beide waren uns einig, dass wir gerne in Italien ein Domizil haben möchten, italophil wie wir beide sind. Ich hatte das Friaul und Venetien im Kopf, Heidi die Euganeischen Hügel bei Padua. Es sind dann die südlichen Marken geworden. Unsere Kompromissfähigkeit ist sehr synchron der meiner Eltern, ja sogar unserer Eltern. Oder wie Axel Milberg es in der Beschreibung seiner Ehefrau Judith in der SZ vom 6. Juni 2015 treffend beschreibt: „Unsere vier Söhne und ich fühlen uns (von ihr) klug bewegt.“

Liebenswerte Unzulänglichkeiten

Den Wert von Klugheit in Beziehungen habe ich nur sehr langsam erlernt. Dabei ist es meiner Meinung nach die wichtigste Gabe, die eine Liebe und eine Beziehung auf Dauer am Leben erhält. Die Klugheit, dem anderen genug Freiheit zuzugestehen. Und ihn dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil, ihn mit ein wenig Distanz noch viel genauer kennen zu lernen. Und zugleich muss man in den Momenten, wo es wichtig ist, ganz da und ganz nah da sein. In diesen Momenten erfährt man dann die ganze positive Wucht von Liebe und Vertrautheit.

Voraussetzung eines solchen Wechsels von Nähe und Freiheit ist natürlich, dass jeder eine eigene Persönlichkeit ist, der die eigenen Schwächen recht gut kennt und damit mit Humor und Selbstironie umzugehen gelernt hat. Nur so kommt man nicht auf die Idee, zu erwarten, dass die eigenen Defizite vom anderen ausgeglichen werden. Und nur so sind die eigenen Unzulänglichkeiten für den anderen aushaltbar – oder im besten Fall sogar (manchmal) liebenswert.

Persönlichkeits-Poration per Buch

Diese Klugheit haben meine Eltern mir nicht direkt vorgelebt. Mein Vater eher unabsichtlich. Hatte er sich in ein Buch vertieft, vorzugsweise einen Krimi, dann war er ganz weit weg: in Frankreich, wenn er einen Maigret las. Er war im Vereinigten Königreich, wenn es ein Hitchcock war (ja, er verantwortete auch eine sehr erfolgreiche Krimiserie), oder Hercule Poirot ermittelte. Und er verabschiedete sich in die USA, wenn es Perry Mason oder Ellery Queen, Rex Stout oder eine Ngaio Marsh etc. war.

Das beste Beispiel seiner Fähigkeit zur spontanen Komplett-Portation in fremde Welten war die Situation, dass meine Mutter ihn bat, auf die beiden Hähnchen im Backrohr aufzupassen, die da für die Gäste, die bald kommen sollten, dort brutzelten. Sie wollte sich inzwischen für den Besuch hübsch machen. Irgendwie muss das länger als gedacht gedauert haben. Als meine Mutter, alarmiert von Brandgeruch, in die Küche stürmte, rauchte es bereits schwarz aus dem Herd. Mein Vater saß vollkommen ungerührt einen Meter daneben – und las. Als meine Mutter ihn panisch anbrüllte, erschrak er fürchterlich. Und kam nur widerwillig in die Realität nach München Berg am Laim retour.

Das Erbe des Vaters

Nach dem frühen Tod meines Vaters lernte meine Mutter sogar, solche Ausnahmesituationen nicht nur posthum zu verzeihen, sondern in wirklich liebevollem Angedenken zu erzählen. Mir war das schon damals eine Lehre, nie wegen kleinen Haushaltskatastrophen auszurasten, schon gar nicht, wenn Meißner Porzellan zu Bruch geht. Einer der hilfreichsten Ratschläge, die mir mein Vater auf den Lebensweg mitgab, war der: Alles, was mit Geld zu bezahlen ist, ist nie wirklich schlimm.

Ich bin jetzt selbst in dem Alter, in dem ich meinen Vater bewusst als Jugendlicher wahrgenommen habe. Ein etwas komisches Gefühl, seit mir meine Tante Melli kurz vor ihrem Tod versichert hat, ich ähnle meinem Vater in allem: in meiner Stimme, meinen Bewegungen, meinem Humor, meinem Wissenshunger. Und ich habe eine ähnliche Fähigkeit zur spontanen Selbst-Absentierung.

Mit dem schönen Unterschied, dass meine Frau klug ist – und darüber lachen kann. Und Hähnchen lasse ich sowieso nicht anbrennen, das verbietet mir meine Ehre als Koch. Das wiederum, samt einem Fundus an Rezepten, habe ich von meiner Mutter geerbt.

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