Viren, Gram & Tränen


Die ungewohnten Gefühle der Pandemie

Woche Zwei in der Corona-Quarantäne. Und gleich mal vorweg ein bisschen Wissenshuberei für alle, die jetzt schon ungeduldig das Ende ihres Hausarrestes fordern. „Quarantäne“ kommt aus dem Französischen (danke Heidi für den Tipp) und hat ihren Namen vom Begriff „quarant“, was schlicht die Zahl 40 bedeutet. 40 Tage – manchmal auch 80 Tage – dauerten Quarantänen zu Pest-Zeiten. Also wer nach nicht mal 14 Tagen schon Ungeduld zeigt, weiß weder etwas über Epidemiologie noch etwas über Historie. Also: Nach 40 Tagen mal checken, ob noch mal weitere 40 Tage nötig sind.

Blumen Wüste

In der Zwischenzeit sind wir weiter auf uns selbst (Singles) plus unsere Nächsten gestellt. Das kann interessant, das kann „einleuchtend“ oder ziemlich schlimm sein. Jetzt kommt raus, wie man sich in den fetten Jahren zuvor mit sich selbst beschäftigt hat. Ob man sein eigener bester Freund (geworden) ist, ob man sich liebt, oder eben nicht. Sartres „Die Hölle sind die anderen“ mutiert dann zu „Die Hölle, die ist man sich selbst.“ In letzterem Fall wäre man schon froh, wenn der Kauf von Unmengen an Klopapier etwas sedative Wirkung entfalten möge.

Denn die Verbannung in das eigene Heim und das höchsteigene Seelenkostüm bringt unweigerlich völlig neue Erfahrungen. Irgendwas ist, man fühlt sich so komisch. Und man kann es kaum benennen. Man entdeckt ganz neue, unbekannte Seiten des eigenen Gemüts. Gefühle, die wir durch Konsum, Themenhysterien, manische Mobilität und dem vielgeliebten „Stress“ perfekt ins Abseits geschoben haben.

Ich meine an dieser Stelle nicht die Angst. An die sind wir gewöhnt. Damit können wir halbwegs umgehen. Vor allem, seit Angst zum Treibstoff der click-hungrigen Medien und populistischer Politiker geworden ist. Nein, ich meine hier seltene Gefühls-Exoten, die einem heutzutage bestenfalls nur noch in religiösen Texten oder Erzählungen (weltkriegserprobter) älterer Menschen bisweilen unterkommen. Gefühle, die aber derzeit zurecht existieren und in uns – meist unausgesprochen – wabern.

Gram

„Gram“ ist so ein seltsames Gefühl. Da weiß nicht mal Google so recht weiter. Meist wird es als „tiefer Kummer“ umschrieben. (Zu Kummer aber später.) Gram ist etwas anderes als Kummer. Wir kennen das Wort ja nur noch vom Taubenvergrämen. Das meint, die Lebensbedingen so zu verschlechtern oder zu verunmöglichen, dass Tauben sich nicht häuslich niederlassen, dass sie sich nicht wohlfühlen. Wir fühlen uns auch nicht mehr wohl. Zudem sind wir seuchenpolitisch aus unseren Städten und unserem sozialen Alltagsleben ganz offiziell vergrämt worden.

Gram ist für mich aber mehr als nur ein altes Wort für mangelnde Lebensqualität. Es ist ein nagendes, nicht festzumachendes Gefühl von Verlust, Ungewissheit, Trauer und einer spürbaren Unterversorgung an Hoffnung und Zuversicht. Gram macht die Türen auf für schlimme Zukunftsängste und ist zugleich ein so stilles Gefühl, dass es nicht gezielt zu bekämpfen ist, sondern still vor sich hinwabert. Einziges Gegenmittel: viel frische Luft, Kontakt zu anderen Menschen und eine vernünftige Dosis Hoffnung.

Kummer

Auch bei Kummer helfen Google und Wikipedia nicht weiter. Kummer ist in solch Niedlichkeiten wie „Kummerkasten“ profanisiert worden. Kummer kennt der Mensch von Heute eher als „Liebes-Kummer“. Das kann auch sehr schmerzhaft sein. Kummer aber an sich, schließlich steckt das Wort „kümmern“ hier drin, in einer fast dauerhaften Denkschleife von schlechtem Gewissen und berufenem Pessimismus, dass Dinge einen schlimmen Ausgang nehmen. Ein gutes Gegenmittel gegen Kummer ist sich zu „kümmern“. Oder zweite Möglichkeit: nicht von allen Verhältnissen und allen Menschen das Schlimmste anzunehmen, sondern auch mal was Positives.

Ohnmacht

Ein Auslöser von Gram und Kummer ist die Ohnmacht. Das ist gerade ein besonders ekliges kollektives Gefühl. Man spürt die Bedrohung durch Viren nicht, und das Einzige, was man dagegen tun kann ist: nichts tun. Der Großteil von uns Menschen ist darauf gepolt, wenn Gefahr droht, zu kämpfen – oder sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Wir aber müssen sozusagen stillstehen. Kein Wunder, dass da so mancher Aggressionen entwickelt. Dann kann man wenigstens vermeintlich etwas tun. Aber sich auf das Verkaufsband am Supermarkt zu setzen, weil man nicht fünf Großpackungen Klopapier mitnehmen darf und dann gegen die eintreffenden Polizisten loszugehen, ist nicht nur keine Lösung, sondern ein seelisches Armutszeugnis der 54-Jährigen, die sich so aufführt. Aus Ohnmacht.

Sorge

Sorge, das Wort kennt man noch am ehesten. Sorgen um Arbeit, Geld, Besitz, um Gesundheit und Wohlergehen. Aber jetzt lernen wir eine viel tiefere, existentiellere Sorge. Wir ahnen, wir wissen, dass unser Leben nach der Pandemie nicht mehr so weitergehen kann wie vorher. Das muss nicht schlechter sein als heute. Die Hoffnung, dass wir nach der Pandemie vielleicht, weil viel gelernt, ein vernünftigeres Leben, gesünderes, klimafreundlicheres, solidarischeres Leben führen könnten, hat Matthias Horx sehr schön in seiner Re-Gnose „Die Welt nach Corona“ skizziert.

Auch hier ist das beste Gegenmittel gegen das stumme, passive Sorgen, dass aktive Sorgen für etwas. Etwa dafür zu sorgen, dass die positiven Perspektiven, die Matthias Horx skizziert, nicht nur als angenehmes Sedativum wirken, dass alles schon nicht so schlimm kommen wird, sondern zu einer realen Option. Da kann man schon heute damit anfangen, in seinem Umfeld möglichst viel zu ändern. Sorgen heißt nicht (nur), Zweifeln und Negativem Futter zu geben, sondern aktiv Positives vorzuleben, andere Menschen zu ermuntern und Vorbild zu sein. (So ganz ohne Gram und Kummer.) Schöne Nebenwirkung dieser Therapie: So fühlt man sich nicht mehr so ohnmächtig.

Verlassenheit

Deutschland im März, Deutschland im April. Die Straßen verlassen und leer. (Zumindest wenn nicht die Sonne scheint.) Viele Menschen, ebenso verlassen. Die Alten bekommen keinen Besuch mehr. Die Fitten erleben Familie noch per WhatsApp oder Skype. Aber das Gros ist noch mehr auf sich selbst gestellt als sonst schon.

Die Singles, jetzt wirklich alleine, können die Ungebundenheit und „Freiheit“ nicht mehr genießen. Glücklich der, der wenigstens noch über Zoom oder GoToMeeting im Homeoffice digitalen Sozialkontakt hat. Aber spätestens spätnachts, wenn Netflix-Binge-Watching endgültig schal geworden ist, ist man auf sich selbst geworfen. Und man fühlt sich verlassen. Und das passiert auch Paaren, die in der Enge feststellen müssen, dass die Beziehung nicht für Krisenzeiten taugt.

Es stellt sich nicht unbedingt Einsamkeit ein. Dazu gibt es zu viel digitale Ablenkung, dafür ist die Hoffnung auf ein neues Leben nach der Pandemie zu groß. Aber Verlassenheit ist fast schlimmer. Verlassen von allen Illusionen, verlassen von allen Tröstungen, verlassen von allen Sedativen unserer Wohlstandsgesellschaft. Verlassen auch oft von Job und Berufs-Sozialisation. Diese innere Leere schmerzt. Und es ist keine Abhilfe in Sicht. Und die Erinnerung an diese Zeit wird in besseren Zeiten nach der Epidemie nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

Verzweiflung

Vernunftpanik nennt Sascha Lobo das Verhalten vieler isolierten Wohlstandsbürger. Sie rufen die Polizei auf den Plan, wenn sie vom Fensterbrett aus Menschen zu sehen bekommen, die sich ihrer Meinung zu nahe kommen. Hauswart-Syndrom nannte man das in anderen dunklen Zeiten hierzulande.

Vernunftpanik, Klopapier-Hamstern, Corona-Partys. Das kann man Unvernunft nennen. Es sind aber wohl oft nur Übersprungshandlungen aus purer Verzweiflung. Der Hamster im Hamsterrad wird sich auf einmal seiner unschönen Situation bewusst und möchte so schnell wie möglich da raus. Und kann nicht. Das kann hässliche Panik erzeugen. Und je länger die quarantäne Lage bleibt, wie sie ist, desto mehr Verzweiflung wird entstehen. Nicht schön, aber verständlich, vor allem wenn Verlassenheit zu schmerzhaft spürbar ist.

Das Gefühlsleben nach Corona

Die grauen und schwarzen Gefühle, die wir jetzt kennen lernen müssen, werden uns eine ganze Zeit lang im Gedächtnis bleiben. Wir werden sie durch Euphorie und (Konsum-)Rausch, wenn die Krise Vergangenheit ist, zu vertreiben versuchen. So einfach wird das nicht gehen. Und das ist gut so. Denn sie erweitern unser Gefühlsarsenal.

Es ist gut zu wissen und zu spüren, dass all das auch in einem steckt. Und je mehr man sich dessen bewusst ist, desto eher und besser kann man diese Gefühle wieder bewältigen. Am besten in ganz gezielten Ritualen, in denen man sich der Gefühle nicht nur erinnert, sondern sie noch einmal nachfühlt, ja fast „auskostet“ und dann in einem mentalen Ritus vertreibt und in den tiefen Keller der (bewussten) Bewältigung verbannt.

Das Leben wird nach der Pandemie, ein neues sein. Nutzen wir die Chance und kümmern uns darum, dass es erfreulich wird. Und lasst uns ambitioniert sein: Kümmern wir uns jetzt schon darum, dass es ein Stück besser wird als vor der Krise.

 

 

 

 

Der rosa Clown


Ein Ausweg aus der globalen Coulrophobie

Coulrophobie? Nie gehört? – Das ist verständlich. Es beschreibt die Angst vor Clowns, die heutzutage immer mehr Kinder überfällt. Und damit sind noch nicht einmal Grusel- und Killerclowns wie „Pogo der Clown“ oder „Pennywise“ („Es“) gemeint, die in Horrorfilmen ihr Unwesen treiben. Kinder verängstigen einfach die weißen Gesichter, die krassen Grimassen und das linkische Treiben der Spaßmacher, die dann eben so gar nicht Spaß machen.

Pennywise 02
Der Horror-Clown Pennywise

Am schlimmsten sind die weißen Clowns, die hochnäsig, arrogant und selbstverliebt die Chefs der Clowntruppen sind. Wikipedia definiert sie treffend so: „Seine Partner kommandierend, wendet [der Weißclown] dem Publikum häufig den Rücken zu und scheint es auch sonst kaum zu beachten. Dadurch wirkt er, wie auch durch gespielte Ernsthaftigkeit, eitel und arrogant, also als Karikatur des Vertreters einer Elite.

Die Weißclowns sind auch der Grund, warum ich in meinem Blog zuletzt über Monate hinweg stumm geblieben bin. Metaphorisch gesprochen, ist mir schlicht „die Spucke weggeblieben“ während weltweit die weißen Clowns die Macht übernommen haben. Man könnte lachen, wie ein Donald in Amerika, ein Salvini in Italien, ein Bolsonaro in Brasilien, ein Orban in Ungarn, ein Maduro in Venezuela, ein Strache in Österreich, ein Farage – oder noch besser: Boris Johnson – in Großbritannien ihre Possen zum Besten geben. Aber das Lachen kann nicht funktionieren, weil es eben keine Komödien sind, die hier veranstaltet werden. (Apropos: Theresa May scheint es zu gelingen, der erste weibliche weiße Clown zu werden. Weiß, ganz ohne Schminke.)

Back to the future

Mir jedenfalls ist erst mal das Schreiben vergangen. Denn je mehr man sich an den Lügen und Absurditäten der sogenannten Populisten abarbeitet, desto mehr unverdiente Aufmerksamkeit wird ihnen zuteil. Denn hinter dem Deckmantel ihrer Untaten wird ja stets handfeste Politik betrieben, werden Demokratien ausgehebelt und mühsam erkämpfte Rechte vernichtet. Das ist nicht lustig. So atemberaubend auch die Volten der Polit-Clowns, so absurd ihre Verkleidungen (Donald Trump als Orange-Clown) und so abgefeimt ihre Intelligenz und so abgründig ihre Ignoranz sein mögen.

Mein Schweigen ist so gesehen gelebte Coulrophobie. Oder besser, sie war es. Ich will mich in Zukunft nicht mehr an diesen unerfreulichen Gestalten abarbeiten. Das tun andere in genügendem Ausmaß, teilweise sogar übereifrig – Stichwort: „unverdiente Aufmerksamkeit“. Meine forsche These ist, dass dieses Horrorkapitel doch irgendwann zu Ende geht. Vielleicht gerade dadurch, dass man zeigt, wie es anders besser gehen könnte. Mein Thema soll also wieder die „Zukunft“ sein. Also Szenarien, wie eine Welt aussehen könnte, die wir uns noch nicht so recht vorstellen können.

Sprunghafte Zukunft

Das Thema Zukunft kann man bierernst betreiben. Die Gefahr ist, dass man dabei schnell mal mit einer Prognose komplett daneben liegt. Jeder ist viel zu sehr im Hier und Jetzt, oder – noch schlimmer – im Überkommenen, Vergangenen gefangen, um wirklich frei und unvoreingenommen Künftiges vorhersagen zu können. Und selbst wenn man es könnte, gefällt es oft genug der Zukunft, es sich noch einmal völlig anders zu überlegen.

Der beste Beweis dafür ist, dass Zukunftsforscher zwar mit ihren Büchern und den Beratungsleistungen bei Firmen gutes Geld verdient haben. Reich geworden ist keiner, indem er sein Geld auf eine Zukunftstechnologie gesetzt hat. Ober anders formuliert. Larry Page und Sergej Brin sind mit Google reich geworden, Mark Zuckerberg mit Facebook und nicht Timothy Berners-Lee, der „Erfinder“ des Internet oder gar einer der Vordenker des Internet wie Jaron Lanier oder andere.

Silly idea contest: Utopolgy

Ich werde mir in Zukunft eher die Idee des legendären Futurologen zu Herzen nehmen: „thinking the unthinkable“, das Undenkbare denken, über das Undenkbare nachzudenken. Eine Praxis, die auch Wired-Urgestein Kevin Kelly oder Musikologe Brian Eno pflegen. Wir ahnen heute recht gut, was auf uns in Zukunft zukommen kann. Aber wir vergessen allzu oft, darüber ganz naiv und kreativ nachzudenken. Nur so können wir aus der Umklammerung des Bekannten entkommen.

Ich möchte nachdenken, wie eine Welt aussehen könnte, in der eine Share-Economy herrscht. Wie könnte eine Welt und wie könnten Gesellschaften funktionieren, in der Existenzängste – dank garantiertem Grundeinkommen – der Vergangenheit angehören. Wie kann künstliche Intelligenz unsere „menschliche“ Intelligenz unterstützen – und wie könnten wir diese human intelligence, wenn sie von lästigen Alltagsarbeiten entlastet ist, weiterentwickeln? Oder wie sieht eine Welt aus, in der wir keine Energieprobleme mehr haben?

Man könnte mit solch einem Denken die Futorologie um eine Utopologie erweitern. Vorgemacht hat so etwas vor mehr als 100 Jahren Jules Verne. Er hat sich Geschichten dazu ausgedacht, wie es aussehen könnte, wenn Mythen und ewige Wünsche der Menschheit Wirklichkeit werden: Eine Reise zum Mond, eine Tauchfahrt in den Ozeanen, eine Reise um die Welt und vieles mehr. Fragt sich, ob der Wunschkatalog von uns Menschen längst erschöpft ist. Ich denke nicht.

Lust auf Zukunft

Die Zuversicht auf eine positive Zukunft schrumpft die letzten Jahre immer mehr. Die Idee, „meine Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst“, scheitert an negativen Zukunftsperspektiven. Das zunehmende Versagen von (etablierter) Politik und Wirtschaft ist eine Ursache dafür. Die Apokalyptik unserer Medienwelt samt den Panikverstärkern der Social Media verstärkt den Zukunftspessimismus. Unsere auf die real existierende Wirklichkeit genagelte Denkweise findet da keinen Ausweg. Eine Dosis Utopologie kann da nicht schaden. Vor allem wenn sie ein gutes Stück Wahrscheinlichkeitsnähe mit sich trägt.

Klar ist, dass man sich, wenn man eine positive, strahlende, vielleicht bisweilen auch faszinierende mögliche Zukunft ausmalt, lächerlich machen kann. Sogar ganz sicher lächerlich macht. Das ist vielleicht sogar Absicht. Es ist nicht schlecht, mit einem Lächeln oder Grinsen in die Zukunft zu ziehen. Ernst und Bitterkeit, Angst und Bedenken gibt es sowieso genug.

Man macht sich sicherlich in den Augen der Ernsthaften und Bedenkenträger, der Pessimisten und Untergangsapologeten zum Clown, wenn man die Zukunft rosig ausmalt. Ich will das Experiment mal wagen, mich zum rosa Clown zu machen. Mal sehen, wie das so ist. Mal sehen, wie viele Ideen das freisetzt. Mal sehen, wie sehr das Spaß macht. Mal sehen, wie das so ankommt. Mal sehen, ob der rosa Clown vielleicht Mut macht. Nicht zuletzt für die Welt unserer Kinder.

 

Nostalgie für die Zukunft


Ein Zurück in die Zukunft gibt es nicht

Ich schreibe gerade, viel. Das Thema: Zukunft. Dazu passt es perfekt, Steve Roach zu hören, bei mir erprobt in vielen Meditationen und Kreativ-Seancen. Sein neuestes Werk – durchaus hörenswert – heißt „Nostalgia for the Future“. Ein wunderbarer Begriff. Er beschreibt so wundervoll die Sehnsucht nach einer Zukunft, in der wir noch darauf hofften, dass Träume wahr werden. Dass Menschen zum Mond , wir selber in 80 Tagen um die Welt fliegen und wir Stück um Stück unserer Welt – und vielleicht sogar dem Kosmos – möglichst viele Geheimnisse entreißen.

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Das sah man 1910 für das Jahr 2000 voraus.

Damals träumte man noch davon, dass Roboter einem die Arbeit abnehmen und wir mit fliegenden Autos überall hin kommen – oder bei Bedarf einfach in andere Welten teleportiert werden wie Captain Kirk und Co. Und natürlich hoffte man, wenn man ein wenig menschenfreundlich geprägt war, dass der Kampf gegen den Hunger besiegt wird und Frieden auf Erden herrschen möge.

Die Zukunft verdüstert sich

Heute befürchten wir, dass Roboter uns die Arbeit wegnehmen und wir haben es satt, auf unseren Reisen die Massen von anderen Touristen um uns herum zu haben. Jetzt auch noch aus Fernost. Und auf dem Mond waren wir, danke, das erst mal ist abgehakt. Dem kann man nur noch dadurch etwas Spannung abgewinnen, indem man das weltverschwörungstechnisch als einzigen Betrug und Hollywood-Inszenierung abtut.

So gesehen war damals die Zukunft noch in Ordnung, sie strahlte Faszination aus. Heute hat sich so manche Zukunftsvision zur Dystopie verdunkelt. Und wir scheinen nur noch die Wahl zu haben, welche der verschiedenen Horrorszenarien wir denn gerne hätten: Klimakatastrophe oder doch gleich lieber die atomare Apokalypse. So jedenfalls stellen es die Medien in ihrem notorischen Pessimismus und Alarmismus gerne dar.

Die ungute Zukunft der 50er Jahre

Entsprechend werden in immer mehr Ländern Menschen zu Präsidenten und Regierungschefs gewählt, die die Reise zurück in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Ziel gewählt haben. Damals als die Männer noch das Sagen hatten und die Farbigen noch ungestraft als Neger wahlweise betüttelt, missioniert oder abqualifiziert werden durften. Allen voran Donald Trump. Seine Vision einer modernen Welt stammt ja deutlich aus den 50er Jahren. Da ging man ja auch noch unbekümmert mit Energieressourcen um, da waren Bergarbeiter noch Helden der Arbeit und das ganze Kleinklein von wegen Rücksichtnahme und Nachhaltigkeit gab es nicht.

Bei einem alten, ungebildeten, ignoranten Mann wie Donald Trump ist solch eine Lust auf eine Zukunft des mittleren 20. Jahrhunderts noch irgendwie nachvollziehbar. Bei Menschen wie einem Victór Orban oder gar einem Sebastian Kurz ist das dann doch frappierend. Zugegeben, das Leben damals scheint in der Rückschau einfacher und überschaubarer gewesen zu sein. Schöner, angenehmer oder gar attraktiver war es nicht. Dazu ist mein Gedächtnis zu gut, als dass ich solch einem Irrglauben zum Opfer fallen könnte.

Mars statt Mond

Richtig ist, dass wir, die Babyboomer, bessere Chancen hatten. Bessere Chancen, auch aus wenig viel zu machen. Aber die Chancen, ins Nichts zu fallen, waren damals ebenfalls größer. Uns wurde keine goldene Zukunft versprochen, obwohl wir große Teile davon erleben durften. Meine Jugend war geprägt von der Angst der Eltern, es könne wieder zu einem Krieg, zur Vernichtung alles Erreichten kommen. Stattdessen haben wir in Europa die längste Friedensphase seit je erlebt. Ja, speziell auf Kosten der Dritten Welt. Ja, auf Kosten unserer Umwelt und unseres Klimas.

Wir haben heute ein spürbares Problem mit der Zukunft. Denn sie verspricht uns scheinbar mehr Probleme als Perspektiven. Und wenn unser Zukunftsglaube schwächelt, hat halt die Nostalgie Konjunktur. Eine Sehnsucht nach einer Zeit, als die Zukunft noch in Ordnung war. Und dagegen hilft auch nicht, wenn man einfach mal, wie Elon Musk, die Ziele in die Länge streckt. Sein Zukunftsziel ist nun, zum Mars zu fliegen. (Trump, ganz 50er Jahre, bescheidet sich, noch mal zum Mond aufzubrechen.)

Eine neue Vision der Zukunft

Apropos Elon Musk. Seine Vision von Zukunft ist nur eine sanfte Modernisierung alter Träume. Elektroautos waren schon im 19. Jahrhundert eine Realität, bevor die Produzenten von Verbrennungsmotoren im Schulterschluss mit den Ölkonzernen sie vertrieben. Auch autonomes Fahren ist keine neue Idee. (Die Reichen und Mächtigen kennen ja sowieso nichts anderes, sie haben ja Chauffeure.) Und die Welt durch Tunnel zu verbinden, ist auch eine uralte Idee. Nur geht es bei Musk per Hyperloop etwas schneller.

Was wir dringend brauchen, ist eine Vision einer Zukunft, die für alle Erdenbewohner gilt. Eine, die das Überleben von 10 oder 12 Milliarden Menschen sichert – und deren Leben lebenswert macht. Eine Vision, die nicht nur digitale Spielereien und immer neue, mehr oder weniger sinnige Gadgets bringt, sondern Digitalität in seiner gesamten innovativen Kraft nutzt. Eine Vision eines Lebens, das heute noch nicht gelebt wird, das aber spätere Generationen zu lieben lernen werden. Eine Welt, in der vielleicht Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielt und wir froh um sie sind, weil sie uns stärker und klüger macht.

Zukunft ist kein Zuckerschlecken

Das setzt aber voraus, dass der Reichtum an Geld, an Daten, an Wissen und (künstlicher) Intelligenz nicht in den Händen weniger verbleibt und der normale Bürger nicht nur  zum manipulierten Konsum-Automaten verkommt. Das setzt wiederum voraus, dass wir selbst uns mit den „unheimlichen“ Optionen der Zukunft auseinandersetzen: Big Data, Transparenz, künstliche Intelligenz, digitale Welt. Wir müssen dafür wirkliches Interesse haben, ja Neugier, Habgier – jeweils in des Wortes Bedeutung – dafür entwickeln.

Wir müssen uns mit allen Zukunftsthemen ausdauernd beschäftigen, darüber informieren, uns unsere Meinung bilden. Wir müssen diese neue Welt umarmen, auch wenn wir noch nicht so genau wissen, wie angenehm oder widerborstig sie sein mag. Zukunft kommt nie als Zuckerschlecken. Und wehe dem, der das verspricht. Wir müssen die süßen Stellen einer künftigen Welt erst für uns entdecken. So wie es die Generationen vor uns auch getan haben.

 

Mutmachen für die Zukunft


Mein Besuch auf der Blauen Couch

Die Email kam überraschend. Einladung auf die Blaue Couch von Gabi Fischer auf Bayern 1. Zugegeben, ich bin kein sehr eifriger Hörer von Bayern 1, ja generell von terrestrischem Radio. Wenn Radio, dann spezielle Sender aus aller Welt via Streaming, aus den USA (z. B. NRP), aus Großbritannien (immer noch gut: BBC!) oder auch aus dem Nachbarland Österreich (FM4). Natürlich auch mal die jungen Programme des BR.

 

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Dabei halte ich Radio auch weiterhin für unterschätzt. Na ja, vielleicht nicht Radio per se, sondern alle zeitgemäßen auditiven Inhalte, ob Podcasts, Streaming, Hörbücher, Hörspiele, also alles, was informiert, unterhält oder berieselt, ohne dass dafür das Auge in Anspruch genommen werden muss. Dabei geht es nicht nur darum, beim Autofahren ein wenig Ablenkung zu bekommen. Ich finde es auch schön, statt zu lesen, in der S-Bahn zu hören und trotzdem Umgebung und vor allem die umgebenden Menschen beobachten zu können. Nicht immer sind die so unterhaltsam – oder so seltsam – dass man ihnen zuhören muss.

Zukunftsdiskussion als Podcast

Jetzt gibt es auch mich als Podcast. Der Bayerische Rundfunk stellt alle Beiträge der Blauen Couch als Podcasts zum Hören und/oder zum Download zur Verfügung.
Hier der Link zum Podcast auf Bayern1.de. (auch zum Download)
Und hier der Podcast zum Download auf Soundcloud.

Das Thema der Gesprächstunde mit Gabi Fischer war die Zukunft, die Ängste davor – berechtigt oder nicht – und wie man Mut schöpfen kann, die Herausforderungen der Zukunft, die – ziemlich unerbittlich – auf uns warten, meistern zu können.

Schön, das ich ansatzweise die Gelegenheit hatte, im Gespräch auf der Blauen Couch meine Ideen zu einer Art Zukunftsmut kurz skizzieren zu können.

Schritt 1: Evolution akzeptieren & leben

Schritt Eins wäre, sich generell zuzugestehen, dass wir alle Kinder der Evolution, also einer permanenten Fortentwicklung sind. Wir wären nicht Mensch, wohl kaum Lebewesen, gäbe es die Evolution nicht. Also ist stets Veränderung unser typisches Erbgut. Das müssen wir uns einfach eingestehen und akzeptieren. (Man kann ja dann immer noch jammern, dass das alles immer schneller geht, wenn es ohne Jammern nicht geht.)

Schritt 2: Eigene Veränderung lieben lernen

Ein zweiter Schritt wäre meiner Meinung nach, einmal kurz in sich zu gehen und nachzudenken, ob man der, der man vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen ist, auch heute noch gerne wäre. Ich für mich verneine diese Frage entschieden. Ich bin froh, dass ich mich weiterentwickelt habe. Klar habe ich die meiste Mühsal, die Ängste, die ich unterwegs hatte, die peinlichen Momente und die Niederlagen überwiegend vergessen, verdrängt. Die Errungenschaften, die Glücksmomente, die Momente, wo man etwas wider Erwarten geschafft hat, müssen auch erst mühsam hervorgekramt werden. Aber ich bin heute der, der ich früher so nie war. Und das macht mich froh.

Warum nicht diese Haltung auch an die Zukunft anlegen? Klar, es wird oft schwierig werden, es wird Widerstände, Ängste, Niederlagen und unschöne Momente geben. Aber mit ein wenig Glück und Geschick werden auch in Zukunft die positiven Momente überwiegen. Vor allem, wenn wir uns aktiv darum kümmern, wenn wir unsere Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv gestalten, anstatt sie uns von anderen ungefragt vorgesetzt zu bekommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Nach dem Motto: Friss oder stirb.

Schritt 3: Anpassungsfähigkeit schätzen lernen

Vor allem aber sollten wir uns – und das ist Schritt Nummer Drei – sehr bewusst daran erinnern, welche Mühsal, welche Frustrationen, welche Niederlagen, welche Probleme, welche Verluste wir im Leben schon bewältigt haben. Manchmal vielleicht mit Glück, oft aber sicher auch mit Geschick, oft auch nur mit Geduld und im Laufe der Zeit. Wir übersehen, so wie wir schlimme Momente gnädigerweise schnell vergessen können, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Die Wissenschaft hat in letzter Zeit in vielen Studien und Metastudien (das sind Studien, die Studien zusammenfassen) nachgewiesen, dass die Adaptionsfähigkeit des Menschen ungeheuer groß ist. Zugleich ist aber der Glaube der Menschen daran unvergleichlich gering. Wir unterschätzen uns und unsere Fähigkeit, Änderung und Wechsel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen. In Wahrheit genießen wir es sogar – mit Ablauf der Zeit, und im gnädigen Blick zurück sind wir dann manchmal sogar stolz darauf.

Inertia, die Lust und Manie der Beharrung

Die zwei Gegner unseres Anpassungstalents sind die Angst und die sogenannte Inertia, das uns innewohnende Beharrungsvermögen, das man vielleicht besser Beharrungslust nennen sollte. Angst haben wir vor Veränderung weniger, weil sie Arbeit und Mühe bei der Anpassung macht, sondern weil wir nicht wissen, ob wir dabei Gewinner oder Verlierer sein werden. Das ist das Wesen jeder Veränderung, dass die Spielregeln und die Spielklötzchen andere sind. Die Gewinner und Verlierer werden neu bestimmt. Und ehe man Verlierer ist, blockiert man lieber die Veränderung. Man verpasst dabei aber auch die Chance, auf der Seite der Gewinner zu sein.

Zudem sind Menschen als solche sehr beharrlich. Wir sind zwar die Motoren der Evolution, sind aber selbst das trägste Moment in diesem Spiel. Die Technik hat sich drastisch verändert. Was im Großen und Ganzen geblieben ist, wie es war, das sind wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, unserem Verhalten und unseren Denkmustern. Wir tragen noch heute biologische Grundmuster aus vorhumanen Zeiten mit uns herum (Gänsehaut!), und ähnlich archaisch ist unser Hormonhaushalt (Testosteron, Adrenalin!) und  sind es viele unserer emotionalen Spontanreaktionen. Zugelernt haben wir in erster Linie nur kulturell.

Schritt 4: Zukunftskultur mit klaren Zielen

Daher müssen wir uns eine Zukunftskultur schaffen. Das wäre für mich der Schritt Vier. Wir müssen über Zukunft reden, diskutieren, streiten und dabei Schritt für Schritt weiterkommen. Aber Schritt für Schritt wohin? Wir brauchen Zielvorgaben. Das heißt, wir müssen die möglichen, wichtiger noch die nötigen Veränderungen offen benennen und dann diskutieren, ob das o. k. ist – und vor allem, wie wir dahin kommen. Dafür braucht es vielleicht gar nicht die vielzitierten (und von Helmut Schmidt desavouierten) „Visionen“. Es wäre schon genug, klar zu benennen, wo die Reise hingehen soll.

Solche eindeutigen Zielvorgaben scheut die Politik heute wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaft ist da zu Teilen anders, also in den Teilen, die sich zu den möglichen Gewinnern zählen. Die Teile der Wirtschaft, die zu verlieren fürchten, verstecken sich hinter den Politikern und ihrer Beharrungsmanie und stützen sie. Also herrscht ein beliebiges Vor-sich-hin-wursteln, das sich von einer unwichtigen oder übersteigerten Hysterie zur nächsten hangelt.

Zu wünschen wäre eine Politik, die klare Ziele hat. Über die kann man sich austauschen und streiten. Über ein konturloses Allerlei namens „alternativlose“ Realpolitik, kann man das nicht. Das erinnert an ein Fahren im dichten Nebel, in dem man sich nur an den Rückspiegeln orientiert. Da wäre es doch besser, man wüsste, wohin die Fahrt gehen soll.

Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war in Ansätzen eine solche Zielvorgabe. Nur hätte man gerne gewusst, was sie mit „das“ konkret meint. Und noch schöner wäre gewesen, es wäre auch mal grob skizziert worden wie das geschafft werden soll.

Zukunftsforschung, oder „Zukunftssoziologie“, wie ich das lieber nenne, sammelt und analysiert die Ideen und Optionen, wohin es gehen kann und wie es gehen soll – im Rahmen der bekannten Möglichkeiten, die uns unser Planet und unsere gesellschaftliche Verfassung erlauben. Und sie versucht, Ängste zu nehmen – und Mut zu machen. Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft! Also kümmern wir uns gefälligst darum…

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Die Depression der Babyboomer


Sind wir fit für unsere Zukunft?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Das hat der liebe Joachim Fuchsberger selig festgestellt. Und sogar ein Buch darüber geschrieben. Alt werden, das ist nicht nur eine Zunahme von Malaisen. Alt werden ist nicht nur ein Verlust an Energie und Vitalität. Alt werden ist vor allem eine herbe Belastung für das psychische Immunsystem.

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Alter heißt: schon pensioniert sein bzw. in Rente sein. Das heißt, das gewohnte Leben ist vorbei. Und egal, wie sehr man den Ruhestand herbei gesehnt haben mag, es ist erst mal gar nicht schön, seinen täglichen Rhythmus zu verlieren. Und gar nichts mehr zu sagen zu haben, gar nicht mehr gebraucht zu werden. Und Ehe oder Partnerschaft sind auf dem Prüfstand, wo man jetzt dauernd aufeinander sitzt. Und so toll sind die neuen Hobbys, die man sich ausgedacht hat, wenn man ehrlich ist, nicht.

Sehenden Auges aufs Abstellgleis

Und auch die Zeit vor dem Ende des Arbeitslebens ist nicht schön. Wichtige neue Projekte laufen an einem vorbei, man ist ja bald weg. Die eigene, so wichtige Erfahrung, wird nicht mehr gebraucht, wird nicht mehr wertgeschätzt. Man fährt sehenden Auges aufs Abstellgleis. Eine eklige, niederschmetternde Erfahrung.

An diesem Punkt wird jeder gezwungen inne zu halten und einen Blick auf sein Leben zurück zu werfen. Und wer es da versäumt hat, für sich zu sorgen, emotional, ideell – und natürlich finanziell, wie soll der noch gute Laune haben? Wer jetzt nicht auf ein wirklich gelungenes Leben zurück blicken kann – und jetzt mal ehrlich und keine Lebenslügen! -, der hat eigentlich kaum noch eine Chance, das wirksam zu ändern.

Die Auflösung des Vertrauten

Rund um einen herum ändert sich währenddessen die Welt in atemberaubendem Tempo. Internet, Smartphone, Soziale Medien – alles ganz schlimm. Und so sehr man darüber schimpft, es nützt nichts. Man muss mit – oder wird abgehängt. Schlimmstenfalls von der eigenen Ehefrau, die sich das Internet von Kindern oder Enkeln hat beibringen lassen. Von den Kindern! Den Enkeln!!!

Und dann diese Globalisierung. Alles wird so fremd. Die Worte, die Gesichter, die Sprache, die Nachbarn, die Produkte. Und jetzt auch noch all diese Flüchtlinge. Millionen von ihnen. Schwarze! Araber! Muslime! Frauen mit Kopftuch! Das darf doch nicht wahr sein. Die haben noch ihr Leben vor sich – und wir sollen ihnen noch dabei helfen.

Depression, die Boomkrankheit

Die Psychologie kennt das Phänomen gut: Altersdepression. Menschen über 65 neigen dazu. Sie sind dreimal so anfällig für Depression wie jüngere Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Senioren darunter leiden. Vorzugsweise Männer. Und in Altenheimen sind die Zahlen noch verheerender, da sind fast die Hälfte depressiv. Und Depression ist die Boom-Krankheit schlechthin!

Diagnostiziert und behandelt werden diese Depressionen kaum. Denn alte Menschen geben nur körperliche Malaisen zu, psychische nie: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Also werden die körperlichen Symptome der Altersdepression behandelt, nicht aber die Ursachen: die geknickte Psyche.

Typische Symptome der Altersdepression sind:

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wehrlosigkeit
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken

Die Folgen: Verzweiflung, Aggression, Ohnmachtgefühle, Narzissmus (mangels Selbstwert), Wut, Schuldzuweisungen, Empathieverlust, Rigidität etc.

Gegenmittel: ein geglücktes Leben

Warum ich das schreibe? Ja, auch ich werde älter. Ja, auch ich erlebe Malaisen. Aber ich habe den großen Vorteil, dass ich vor ca 20 Jahren sehr drastisch und effektiv vor der Altersdepression aus berufenem Mund gewarnt worden bin. Zitat: „Herr Konitzer, Sie haben es jetzt noch in der Hand, im Alter griesgrämig auf der Bank zu sitzen – oder gut gelaunt den Lebensnachmittag und -abend zu genießen.“

Ich habe mich damals für Zweiteres entschieden und etliche Dinge in meinem Leben – und vor allem in meinem Psychosystem geändert. Ich hoffe, nachhaltig erfolgreich. Auch ich kenne die schwarzen Vögel, die manchmal über einem kreisen. Aber ich weiß inzwischen, wie ich den Blick von ihnen wenden kann und dem Leben zu.

Der Booster nach rechts

Ich erlebe aber rund um mich herum Altersgenossen, die das nicht gemacht haben. Und mit ihnen zu diskutieren, wird immer schwieriger. Speziell natürlich zum Thema Flüchtlinge. Oft ist die rigide Haltung erschreckend: Grenzen dicht, alle raus, und zwar sofort. Etwa in der Tonlage. Meist verschwiemelt und nur dumpf. Aber wehe, das Thema kommt irgendwie zur Sprache. Und das kommt es heutzutage unweigerlich.

Die Altersdepression und ihre Auswirkungen, das sind jetzt die Probleme der Generation der Babyboomer. Die Ältesten von ihnen, Jahrgang 1946, werden dieses Jahr 70, die Jüngsten, Jahrgang 1964, sind auch schon 52 – und habe es nicht mehr soooo weit hin zur Rente. Und genau diese Generation muss sich jetzt entscheiden, ob sie unsere Welt, Europa und Deutschland nach rechts drängt oder ob sie sich, allen innerem Grummeln zum Trotz, für eine offene, tolerante und vielleicht sogar innovationsfreundliche Gesellschaft erwärmen kann.

Mut machen statt Katastrophismus

Schön wär’s. Wir haben hierzulande keinen Macron, der mit seiner Art einem ganzen Volk Mut, gute Laune und Kraft geben und den Weg in eine offene Gesellschaft verheißungsvoll machen kann. Da ist auch keiner in dieser Art in Sicht. Merkel? Schulz?? Lindner??? Schade. Aber glücklicherweise droht auch kein Rattenfänger rechts von der Mitte.

Bliebe als Hoffnung, dass die Medien endlich ihren Alarmismus und Katastrophismus, ihren Zynismus und ihre akademische Version von Altersdepression beenden und in kritischer Haltung Mut machen sowie die zunehmend schnellere Veränderung der Welt erklären und moderieren. Ich werde versuchen, das an dieser Stelle hier auch weiter zu tun.

In diesem Sinne: Die Zukunft ist da! – Meine Prognosen, was auf uns in den nächsten Jahren alles zukommt, habe ich in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg zusammengefasst.

Die Slides dazu sind hier zu finden: www.slideshare.net/MichaelKonitzer/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

Der Soundfile des Vortrages ist hier: soundcloud.com/michkon-1/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

 

Das Post-Effizienz-Zeitalter


Lehrstunde in Südafrika

Manchmal ist es ebenso peinlich wie hilfreich, deutsches Denken ausgetrieben zu bekommen. Wir fuhren mit unseren Freunden über den Highway im südlichen Südafrika. Vor uns ein Pickup mit Einheimischen. Es verging kein Kilometer, an dem nicht irgendeine Büchse, ein Papier oder sonstiger Müll aus dem Auto auf der Straße oder im Straßengraben landete. Dem schaute ich eine Weile zu – und konnte irgendwann nicht umhin, eine sehr deutsche Bemerkung zu machen. Irgendwie von der Art, das gehört sich doch nicht. Wahrscheinlich war es nicht ganz so neutral formuliert.

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Unsere Freunde, er weißer Südafrikaner, sie Deutsche, klärten uns geduldig auf. Das sei nicht Umweltverunreinigung, sondern ein sehr bewusster Akt schwarzer Solidarität und konsequenter Arbeitsbeschaffung. Da der Müll ja irgendwann aufgesammelt werden muss, und das natürlich von schwarzen Arbeitern erledigt wird, sorgten die Autoinsassen vor uns sehr gewissenhaft dafür, dass Landleute von ihnen einen – gut bezahlten – Job als staatlicher Straßenmüllbeseitiger bekommen und immer genug zu tun haben. Es gibt halt immer auch eine alternative Sicht auf Verhaltensweisen. Lesson learned.

Zettels Alptraum

Solch solidarisches Verhalten, das uns Deutschen als hahnebüchene Effizienzvernichtung vorkommt, kann man auch bei jedem Besuch bei einer Bank in Italien erleben. Jede Überweisung (im Inland!) ist ein arbeitsintensiver Kraftakt mit einer (ständig wechselnden) Zahl von Zetteln, Formularen und Anweisungen, zu dem der zuständige SchalterBEAMTE immer unterstützende Hilfe von anderen Kollegen braucht. Und das jedes Mal, weil es immer irgendwie andere Regeln und Prozeduren gibt. Will man einen Scheck einreichen (Inland!), geht erst mal gar nichts, weil das Vorgehen erst noch in der Zentrale geklärt werden muss. Und das kann schon mal Tage dauern.

Alles kein Scherz. (Man erträgt es aber nur mit viel Humor.) Aber es ist eben kein Zufall, dass in den Banken im Land stets eine Vielzahl von Bearbeitern herumwuseln, die ja alle irgendwie ihre Daseinsberechtigung und Tätigkeit nachweisen müssen. Also macht man alles so kompliziert wie möglich. Krönung des erlebten realen Wahnsinns. Eine geschlagene Stunde Wartezeit in einem Postamt, weil die Kundin vor einem ein neues Konto eröffnet. In der Stunde wurde inklusive ein paar Computerabstürzen ein mehr als daumendicker Stapel an Papieren kreiert. Je einer für die Post und einer für den Kunden. Effektiver ist ein Kampf gegen Rationalisierung und Jobabbau  kaum denkbar.

Wer braucht Tegel?

Es ist sehr deutsch, sich über die Ineffizienz aufzuregen. Ein Reflex, der uns sehr leicht von der Hand geht. Schließlich haben wir ja auch einen Ruf zu verlieren, wir Deutsche, die anerkannten Weltmeister der Effizienz. Wo man auch hinkommt in der Welt, ist neben Beckenbauer, Müller (Thomas!), Schweinsteiger, AUDI, Mercedes, BMW (nein, Opel nicht), Erdinger und Jägermeister vor allem unsere deutsche Effizienz, die gelobt wird: pünktliche Züge, funktionierende Luftlinien, streikfreie Produktion und in Großbritannien auch gerne der Blitzkrieg.

Man muss nur mal kurz nach Berlin fliegen, um hautnah zu erleben, wie absurd das Vorurteil deutscher Effizienz sein kann – selbst wenn man einen großen Bogen um BER, das Phantom eines Flughafens, macht. Dafür reicht der alte Flughafen Tegel locker. 15 Minuten Warten, bis an den Flieger, der pünktlich gelandet ist, endlich die Fluggastbrücke gefahren ist. Dann warten auf das Gepäck, das eigentlich nur einen Steinwurf weit transportiert werden muss. Und klar, kein Bus wartet an den Haltestellen. 15 weitere Minuten später kommen denn drei TXL-Busse hintereinander dahergefahren. Effizienz, Berlin-style. Und klar: Berlin braucht Tegel – so der Slogan der FDP(!)-Bürgerinitiative.

Lob der Ineffizienz

Unser Wohnsitz-Hopping zwischen Italien, Erding und Berlin ist immer auch ein Effizienz-Hopping: Italien relaxt, Erding funktionabel, Berlin chaotisch – und retour nach Erding/München. Die unterschiedlichen Effizienzlevel und die unterschiedlichen Arten von Verpeiltheit haben uns sehr geduldig und sehr kreativ in der Entschlüsselung der verschiedenen Effizienz-Defizite gemacht.

Ineffizienz ist auf alle Fälle eine gut funktionierende Waffe gegen Effizienz-Wahn. Das öffnet den Blick auf die uns Deutschen immanente Lust an Zackigheit. Wie sehr wir uns dafür selbst blauäugig an die Kandare nehmen und Freiheiten allzu freiwillig abgeben, wird einem erst dann klar, wenn man einen Nachmittag in Italien, in dem man etwas schnell erledigen wollte, mit netten Gesprächen und lustigen Erlebnissen verbracht hat, ohne das, was man erledigen wollte, erledigt zu haben, dafür aber sehr schöne neue Dinge gelernt hat.

Alternative Effizienz

Oder man lernt, wie schnell und unkompliziert ein abgebrochener Rückspiegel am Auto ersetzt werden sein kann, wenn man ihn in einer italienischen Werkstatt quasi gratis ersetzt bekommt, weil eine Rechnung dafür auszustellen ja viel zu kompliziert und langwierig wäre. Dasselbe ist uns auch mit einem Glühbirnchen im Autoscheinwerfer passiert. Die Birne wurde sofort ersetzt – und ein Ersatzbirnchen gleich mitgegeben. Natürlich auch gratis. Korrekt ist das nicht, auch nicht, dass man dann aus Dankbarkeit ein kleines Trinkgeld zurücklässt. Aber effizient. Alternativ effizient.

Car Plant

Ein lehrreiches Erlebnis war auch das Verhalten unserer Metallwerkstatt in Italien. Wir hatten eine wunderschöne Reling für unsere Terrasse in Auftrag gegeben. Alles verstanden, alles wunderbar, Kostenvoranschlag versprochen. – Aber er kommt nicht. Nachtelefonieren: ja kommt! – Kommt wieder nicht. Zwischenschalten des Bauleiters – Warten. Schließlich nach Monaten die Wahrheit: Der fabbro, der Metallbauer, fand, dass unsere gewünschte Lösung am gewünschten Ort nicht gut aussieht. Zu modern, zu maritim. Aber er hatte erst mal keine bessere Lösung parat. Aber irgendwann, nach Monaten, hat er sie – und dafür kommt auch gleich eine Skizze samt Kostenvoranschlag. Die Lösung war perfekt – und billiger. Vielleicht nicht effizient, aber genau richtig.

Die neue Welt jenseits der Effizienz

Wir müssen uns in solch kluger Non-Effizienz noch viel üben. Aber es ist wichtig, von der Effizienz-Fixierung weg zu kommen. Denn wir haben keine Chance, künftig mit der Effizienz von Robotern und Rechnern auch nur ansatzweise mithalten zu können. Roboter, einmal richtig installiert und mit den richtigen Algorithmen gefüttert, sind fehlerfrei und effizient wie es ein Mensch nie sein kann – und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – abzüglich ein bisserl Wartung.

Schluss also mit unserem Effizienz-Fetisch. Im Gegenteil. Wollen wir in Zukunft eine Chance gegen künstliche Intelligenz und smarte Roboter haben, müssen wir uns auf unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Fähigkeit, uns ablenken zu lassen, und auf unsere emotionalen Beschränkungen und Wirrungen besinnen. Das nämlich macht unsere Kreativität, unsere Phantasie, unsere Ideen aus. Die sind nie effizient, im Gegenteil. Innovationen stören zunächst jede Effizienz, stehen blöd im Weg rum. Sie müssen sich erst durchsetzen – neue Perspektiven schaffen – und wenn nötig, dann auch neue Effizienz.

Trumps Apokalypse


Die Endzeitphantasien des Stephen Bannon

Ich bin am 8. November 2016 sehr spät ins Bett gekommen. Und weil so spät schon die Ahnung in der Luft lag, dass Donald Trump der 45. Präsident der USA werden könnte, habe ich schlecht geschlafen. Als am nächsten Morgen klar war, dass The Donald die Wahl gewonnen hatte, war das niederschmetternd.

Mein Entsetzen ging in zwei Richtungen:

  1. Wie konnte es passieren, dass diese Nation, die uns erst beigebracht hat, wie Demokratie geht und die uns vorgelebt hat, welche grandiosen Vorteile das hat, dass diese Nation diesen bizarren Narzissten, der mit Demokratie nichts am Hut hat und mit ihr nichts anfangen kann, zum Präsidenten wählt? Einen Menschen, der sich in jeder Beziehung, menschlich, geschäftlich, persönlich als Präsident öffentlich effektiv disqualifiziert hat?
  2. Wie kaputt muss eine Nation sein, wie wütend und/oder verzweifelt, dass sie solch einen Menschen zum Präsidenten wählt, mal abgesehen von der Gegenkandidatin. Ich habe mich immer über die sichtbaren Widersprüche bei meinen Besuchen in den USA gewundert. Habe die Ineffiktivität der Arbeit dort und den Niedergang der Infrastruktur registriert. Und habe nicht die nötigen Schlüsse daraus gezogen.

Die Säulen der Zivilisation

In dieser Stimmung habe ich wenige Tage später, am 15. November, einen Mitschnitt einer Rede und einer Fragerunde mit Stephen Bannon, damals Wahlkampfmanager von Donald Trump, heute sein engster Berater, gelesen bzw. gehört. Diese Rede und die nachfolgende Fragerunde hielt er im Sommer 2014 im Vatikan auf Einladung eines DHI, des Dignitatis Humanae Institute (Rom & Brüssel), einer rechtsreligiösen Institution.

Der Artikel und der Mitschnitt erschienen damals im amerikanischen Buzzfeed samt Tonspur. Der Text ist mittlerweile aber auch in kompletter Länge auf der Website der Dignitatis Humanae abgedruckt, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, die „Säulen der westlichen Zivilisation hochzuhalten: das Christentum.“

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Diese Rede hat mich zutiefst erschreckt und mich das Schlimmste für die damals noch bevorstehende Amtszeit von Donald Trump befürchten lassen. Nach den ersten Tagen seiner Regierungszeit hat er meine Befürchtungen eher übertroffen. Vor allem weil Stephen Bannon eine dominierende Rolle unter seinen Beratern innehat und er ihn sogar noch zum Chef des Nationalen Sicherheitsrates (!) gemacht hat.

Die Spielarten des Kapitalismus

Der Schrecken der Rede war zweischneidig. Zum einen war seine Analyse des Zustands der Welt, der Ökonomie und der Machtverhältnisse sehr genau und in weiten Teilen durchaus teilbar. Teilweise klang er wie ein Mitglied einer juvenilen Linken. Er beklagte die Entwicklung des Kapitalismus hin zu einem Bereicherungsinstrument von Politikern (Putin & Konsorten), den Kleptokraten und von hypergierigen Eliten, die den Neoliberalismus dafür nutzen, die Mittelklasse auszubluten, um sich selbst noch gnadenloser mit absurden Geldmengen zu bereichern.

Bannon stellt dem einen aufgeklärten, christlichen Werten verpflichteten Kapitalismus entgegen. (Passend im Vatikan.) Er beschreibt die Pax Americana der Nachkriegszeit als das beste Beispiel für solch einen verantwortungsbewussten Kapitalismus, eine Zeit, in der der Mittelstand prosperierte und das Geld gerecht zwischen Oben und Unten verteilt wurde.

Stephen Bannon hat recht, wenn er die Art und Weise anprangert, wie die Finanzkrise auf Kosten der Mittelschicht gelöst wurde und die Reichen noch reicher machte. Entsprechend sieht er – und das ist lange vor Trumps Aufstieg – den Aufstand dieser Mittelschicht voraus.

Der Werteverlust der Säkularisation

Stephen Bannon ist auch – mit Vorbehalten – zuzustimmen, wenn er die Entwicklung der Säkularisierung unserer Welt kritisiert – wie es ja auch der so linke Papst Franziskus tut. So gut es war, uns aus dem Wertekorsett der christlichen Religionen zu befreien, ist es doch in weiten Teilen nicht gelungen, die Wertefabrikation in unserer aufgeklärten Gesellschaft jenseits christlicher Moralvorstellungen oder politischer Ideologien funktionabel  zu organisieren: Menschenrechte, Diversität, Toleranz, Solidarität etc.

An dieser Stelle schmerzt es, wenn man sieht, wie treffend seine Kritik ist, wie wenig davon in unserer Gesellschaft ernsthaft diskutiert wird. Stattdessen werden atemlos immer neue Hysterien hyperventiliert. Schmerzhaft auch, wie beflissen die Medien diese Ablenkung vom Wesentlichen bedient haben – und wie unbeachtet der Aufstand der Mittelschicht in den USA blieb, die Donald Trump ins höchste Amt der Vereinigten Staaten gepu(t)scht hat.

Die blutige Revolution

Diese argumentative Basis macht es Bannon – und als sein Sprachrohr Donald Trump – so leicht, sich als Sprachrohr des enteigneten Mittelschicht, der von Verlust- und Armutsängsten geplagten „ehrlichen, harten Arbeiter“ zu gerieren. Auf dieser Basis scheinbaren „gesunden Menschenverstandes“ und unter dem Banner eines aufgeklärten, gerechten und sozialen Kapitalismus, baut dann Bannon ein beängstigendes Zukunftsszenarium auf.

Stephen Bannon glaubt nämlich nicht daran, dass sich die Welt zum Besseren wenden ließe. Er glaubt nicht an die Evolution. Und schon gar nicht glaubt er an die Wandlungsfähigkeit des bestehenden Systems. Er sieht nur eine Chance zur Wandlung zum Besseren: die komplette Zerstörung, eine tiefgreifende Krise, ja am besten ein Krieg, ein Weltkrieg, mindestens zwischen Amerika und China.

Krisen alle 80 Jahre

Bannon ist dabei Anhänger der Geschichtstheorie der beiden Amateurhistoriker Neil Howe und William Straus, die seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts die These verbreiten, dass weltgeschichtlich alle 80 Jahre tiefgreifende, meist kriegerische Krisen alte Systeme zum Einsturz bringen und neue Systeme kreieren, so nach dem Phönix-aus-der-Asche-Prinzip. In einem interessanten Artikel in der amerikanischen Zeitschrift Time beschreibt Neil Howe, wie Stephen Bannon ihn in einem Interview immer wieder dazu drängte, zu bestätigen, dass es jetzt wieder soweit ist, dass jetzt die große, vierte neue Weltordnung (fourth turning) vor der Tür stehe, samt Krieg und Zerstörung etc.

So ein Mann steht jetzt an den Schaltern der Macht und hat sichtlich das Vertrauen von Präsident Trump. Er ist sein Chefstratege, sein Chefideologe – und er macht keinen Hehl daraus, dass die Zerstörung des bestehenden Systems sein vorrangiges Ziel ist. System heißt hier nicht nur Kapitalismus, sondern Globalisierung, Moderne, Vielfalt, Toleranz, Demokratie, Gewaltenteilung etc. Alles!

Was für ein Horrorszenario. Es ist kein Zufall, dass Bannon seine Thesen ausgerechnet im Vatikan vor religiösen Rechten verkündet hat. Die hatten es ja noch nie so sehr mit Demokratie, Menschenrechten und dem ganzen „Gedöns“. Die wollten noch nie ein Paradies auf Erden, das gibt schließlich es erst nach dem Tod und der Auferstehung.

Fragt sich, wie sich Stephen Bannon die Welt vorstellt, wenn sie nach Zerstörung und Untergang wieder neu entstehen sollte… – erleben mag man es selbst eigentlich nicht so recht..