Trolle trollen sich nicht


Es gibt ein Leben jenseits des Bösen

Ich habe mir vor einiger Zeit die Rede von Richard Gutjahr auf der TED-Konferenz in Marrakesh angehört. Er beschreibt da, wie er zum Ziel schlimmster Shitstorms, Beleidigungen, Verunglimpfungen und sogar Morddrohungen geworden ist, bloß weil er zufällig beim Terroranschlag in Nizza vor Ort war (Urlaub) und kurz darauf beim Amoklauf in München (seiner Heimatstadt). Beide Male hat er – er ist schließlich Journalist – mit seinem Handy mitgefilmt und gleich darauf auf Facebook berichtet.

Richerd Gutjahr

Da Trolle und Verschwörungstheoretiker Zufälle ausschließen, war Gutjahr für sie ein Agent, Mossad-Mitarbeiter und was sonst noch. Er wurde auf allen Kanälen mit Verleumdungen gegen ihn und seine Frau (sie ist Israelin) bombardiert, auf Facebook, Twitter und besonders heftig auf YouTube. Es lohnt sich, diesen Wahnsinn, dem Richard Gutjahr ausgesetzt war, mal „anzutun“ (in des Wortes Bedeutung). Man kann es in seinem Blog nachlesen oder sich das Video der TED Konferenz ansehen.

Die Hölle im Shitstorm

Danach versteht jeder, wie verzweifelt, verstört und fertig man nach solch einem Shitstorm bzw. einer solchen Verleumdungskampagne ist – und wie viel Kraft (und Geld) es braucht, sich dagegen zu wehren. Und wie viele Rückschläge es dabei gibt. Danach versteht man, warum es Sinn macht, wenn man Rechtsstaatsprinzipien auch im Netz durchsetzen muss. Auch wenn das dem Liberalismus der Netzapologeten und Silicon Valley Investoren gegen den Strich geht.

Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich das Image der Deutschen und Europäer und ihr Umgang mit Datenschutz und Schutz der Privatsphäre (privacy) in den USA gewandelt hat. Früher hat man uns bestenfalls belächelt, normalerweise herbe kritisiert für den Versuch, das Internet zu regulieren. Heute werden wir immer mehr zum Vorbild erklärt. Immer mehr Menschen verstehen, dass man das Netz nicht ungeschützt lassen darf vor Trollen und Firmen, die Daten missbrauchen.

Die Abgefeimtheit der Verlorenen

Nach solch einer Schilderung wie von Richard Gutjahr mag man an der Menschheit verzweifeln. Das Gute im Menschen? In derartigen Fällen versteckt es sich zu gut. Und stattdessen werden Abgründe sichtbar, die man eigentlich in einer angeblich zivilisierten Welt nicht für möglich halten mag. So viel blinder Hass, so schwarze Aggression, so viel Abgefeimtheit, so viel in Bösheit umgeschlagene Verzweiflung. Anders mag man sich nicht vorstellen, dass Menschen so weit kommen können.

Aber ehe man in solchen Momenten zum Menschenverachter werden mag; ehe man seine Zuversicht in eine Entwicklung der Menschheit zum Besseren, zu Vernunft, Zuversicht und Liebe verlieren mag: Stopp! Es ist nicht so, dass das Internet die Menschen schlechter macht. Es hat sie sichtbarer und so viel lauter gemacht. Es hat sie sicher in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit (und schwarzer Macht) „mutiger“, böser, negativ kreativer gemacht. Und die Aufmerksamkeit, die sie so generieren, lässt sie immer weiter machen, immer schwärzer, immer gnadenloser.

Transparenz der menschlichen Abgründe

Aber daran ist nicht das Internet schuld. Zumindest nicht direkt. Es hat nur transparenter gemacht, welch Abgründe es im Menschen gibt. Es macht nur sichtbar, wie „verrückt“, wie der Normalität entrückt Menschen heute sind. Solche Menschen gab es immer. Sie hat nur keiner beachtet. Die Gesellschaft hat immer Räume geschaffen, in denen sich solch verzweifelt negative Menschen austoben konnten. Brot und Spiele, Alkohol und Fußball, Gewalt und Krieg.

In unserer anonymen Gesellschaft sind solche gefährlichen, gefährdeten Menschen nicht mehr wenigstens rudimentär in einen sozialen Kontext gebunden, sei es so etwas wie eine Dorfgemeinschaft, eine Hausgemeinschaft, eine Religionsgemeinschaft, Vereine oder sogar eine Familie. Einsamkeit macht depressiv, das ist längst nachgewiesen. Es macht aggressiv und wenn sozial ungebremst, böse und destruktiv.

Kein Grund zum Menschenhass

Wir müssen eigentlich froh sein, dass uns das Internet dieses Fakt immer wieder klar vor Augen führt. Schlimm nur für die, die darunter real leiden müssen. Und nicht jeder ist so stark und mutig wie Richard Gutjahr. (Und selbst der war nahe daran zu zerbrechen.) Aber wir müssen als Gesellschaft versuchen, eine Zivilgesellschaft, eine zivilisierte Gesellschaft am Leben zu erhalten. Und genauso wie das Internet die Option zum Bösen verstärkt, so stärkt sie auch den Zusammenhalt der anderen. Der Menschen, die andere Menschen mögen, die das Leben lieben, die Liebe leben, die darum kämpfen, dass das Leben besser wird. Nicht nur für ein paar Menschen, sondern für viele, für immer mehr.

Es gibt genug schöne Dinge, genug Fortschritte, genug Errungenschaften und genug positive Ereignisse, die uns die Existenz von Trollen & Co. aushaltbar machen sollten. Die Medien helfen da kaum weiter, sie berichten nur, wenn was passiert. Und nur schlimme und schlechte Dinge passieren. Gutes zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es passiert, es geschieht und existiert – unberichtet, zu oft unbemerkt und kaum mal kommentiert. Was helfen gesunkene Kriminalitätsraten, wenn der tägliche Alarmismus eine konträre Geschichte erzählt?

Aber auch hier hilft das Internet ein wenig. Es gibt schön gemachte Sites, die sich der positiven Seite der Macht stellen und gute Nachrichten verbreiten. Schöne Beispiele sind Sites wie Human Progress oder sogar intelligente Statistik-Analysen wie bei Our World in Data. Beide Sites sind in Englisch. Fehlten nur noch ein paar deutsche Pendants – und User, die bereit sind, positive Nachrichten zu verdauen – anstatt sich immer wieder versichern zu lassen, wie schlimm die Welt – und vor allem die Menschen auf ihr sind.

Advertisements

Ingo Appelt for President!


Die Absurdität der Politik in Italien

Stell Dir vor, alle Politiker, die Du als Kind als Staatsmänner geachtet und vielleicht bewundert hast, stellen sich als korrupt oder sogar als Marionetten der Mafia heraus. Stell Dir vor, alle Parteien, mit denen Du groß geworden bist, lösen sich im Laufe der Jahre aufgrund von Korruption, Intrigen, Rivalitäten und Inkompetenz ins Nichts auf. Die beliebten, grandiosen Sommerfeste, die diese Parteien in Deinem Dorf, Deiner Stadt organisiert haben, gibt es einfach nicht mehr.

624px-Five_Star_Movement.svg

Und stell Dir vor, Du erlebst ganz real mit, wie der Bürgermeister und die Gemeinderäte in Deinem Dorf oder Deiner Stadt sichtbar immer nur den eigenen Vorteil im Auge haben. Und Du musst, willst Du auf Deinem Grund ein Haus bauen oder auch nur ein Bett im Krankenhaus bekommen, mit einem dieser „Volksvertreter“ gut bekannt, am besten befreundet sein, damit das klappen kann. Oder Dein Sohn oder Deine Tochter suchen einen Arbeitsplatz oder auch nur einen unbezahlten Praktikumsplatz und Du erlebst, dass ohne Beziehungen nichts geht, aber auch rein gar nichts.

Die Scheindemokratie der Selbstversorger

Und Du erlebst, wie in Politik, Wirtschaft und Kirche immer wieder von Veränderung die Rede ist, von Wandel, von Neuanfang – und nichts passiert. Es wird nur alles immer schlimmer: die Straßen immer maroder, die Bahnverbindungen rarer, die Preise immer höher – und die Schulden immer höher. Deine eigenen und die des Staates.

Und dann stell Dir vor, dass einer der dubiosesten Wirtschaftsbosse plötzlich beschließt, Politiker werden zu wollen. Und er schafft das, weil die meisten Fernsehsender und Zeitungen des Landes ihm gehören und die Parteien eine Wahlrechtsreform beschlossen haben, von der sie sich irrigerweise sichere Wahlgewinne versprochen haben. Und zu jeder Wahl werden dann die Wahlbezirke neu bestimmt, teilweise in absurden regionalen Grenzen, weil sich so die Parteien bessere Gewinnchancen ausrechnen.

Demokratur oder Basisbewegung

Wie fühlt man sich wohl, wenn man als normaler, wenigstens ein wenig engagierter Staatsbürger in solch einem Land lebt und vor einer neuen Wahl steht. Und gerade hast Du erlebt, wie der letzte Erneuerer, der das alte System „verschrotten“ wollte, an seiner eigenen Eitelkeit und der manischen Sucht nach Macht gescheitert ist. Was wählt man dann? Wem vertraut man dann noch? Sicher ist, keinem aus dem etablierten Polit-Establishment. Denn die versprechen einmal mehr das Blaue vom Himmel herunter obwohl jeder weiß, dass sie nichts davon halten werden.

Dann bleiben einem in Italien, und von diesem Land ist hier die Rede, nur zwei Möglichkeiten. Option 1: Entweder man ist dumm, naiv oder autoritätshörig und fällt auf den Populismus und das Starke-Mann-Gehabe der Rechten herein. Die wollen bestenfalls eine Demokratur, aber besser gleich die Abschaffung der Demokratie und rabiate Gesetze. Und sie nutzen geschickt und perfide die Angst vor den Fremden – und davon gibt es in Italien, dem mit Abstand von Flüchtlingen am meisten angesteuerten Land mit seinen ewigen, kaum kontrollierbaren Grenzen, mehr als genug – mehr als sonstwo in Europa.

Ein Comedien als Politiker

Wer nicht in diese Kategorie gehört, dem blieb bei der Wahl Anfang März 2018 nur Option 2: Der konnte eigentlich nur das MoVimento 5 Stelle, kurz M5S wählen. Eine Basis-Bewegung, die erklärtermaßen keine Partei ist. Und wie das bei neu gegründeten Bewegungen ist, sammeln sich hier allerlei unterschiedliche Menschen. Kluge, engagierte, integere Menschen, und das ist erlebbar die Mehrheit. Sie alle vereint die Ablehnung der etablierten Politik. Aber natürlich gibt es auch weniger kompetente, eigenartige und auch sinistere Menschen. So wie im richtigen Leben.

M5S macht es leicht, aus etablierter Sicht die Nase zu rümpfen. Nicht nur weil hier auch  Politneulinge am Werk sind, sondern auch weil der Kopf und Initiator der Bewegung, Beppe Grillo, einst ein Comedien war, dessen herbe Verspottungen von Politikern nicht mehr dem Begriff „Kabarett“ gerecht werden. Das ist in etwa so, als hätte in Deutschland Mario Barth eine politische Bewegung gegründet oder besser: eine Mischung aus Ingo Appelt (was die Tonwahl angeht) und Dieter Nuhr (wenn es um Analyse geht).

Buntes Programm-Potpurri

Das ist gewöhnungsbedürftig, aber die Gewöhnung an das M5S wird erleichtert u. a. durch die Tatsache, dass M5S keine Wahlkampferstattung kassiert, dass die Abgeordneten 70 Prozent ihrer – in Italien notorisch stattlichen – Diäten in Förder-Fonds für die jeweiligen Regionen geben. Und in fast allen Kommunen, von Sizilien bis Turin, in denen sie das Sagen haben, haben sie gute Arbeit geleistet – und vor allem haben sie sich nicht korrumpieren lassen. Und Ausnahmen bestätigen die Regel: Aber das Versagen der M5S-Bürgermeisterin in Rom ist nicht zuletzt den mafiösen Strukturen (u. a. der Altparteien) der Stadt geschuldet, die sich erfolgreich gegen Änderung sperren.

Das MoVimento 5 Stelle hat programmatisch viel zu bieten. Eher zu viel. Neben ehrenvollen Zielen wie ein z. B. Grundeinkommen gibt es auch eine Menge unausgegorener Ideen und schmerzhafter Widersprüche – zum Beispiel zur Flüchtlingsfrage. Aber so ist das, wenn man eine Bewegung ist, in der Ideen und Konzepte im Wettstreit sind und nicht in Hinterzimmern ausbaldowert werden.

Alternativen nicht gewünscht

Noch ist das M5S im Entwicklungsstatus. Alle sind gespannt, wo das noch hinführen wird. Auch innerhalb der Bewegung. Vor allem jetzt, wo die Bewegung die Wahlen gewonnen hat – ohne eine Mehrheit zu erreichen. Springen sie jetzt über ihren Schatten und arbeiten mit einer „etablierten“ Partei zusammen? Und wollen die das überhaupt? Und wenn ja, welche Politik wird gemacht? Rechts oder links oder keines von beiden? Bestenfalls sogar eine, die eine Alternative zur stromlinienförmigen Politik der Etablierten in Europa aufzeigt.

Dabei mag sie vielleicht auch schmerzhaft sein, diese Alternative, weil sie übers Ziel hinausschießt oder schlicht falsch ist. Aber vielleicht besser so, als es gar nicht zu versuchen, wie wir es hier in Deutschland gewohnt sind. Dank Merkel und ihrer „Alternativlosigkeit“. Sicher ist, dass sie hierzulande nicht mit Interesse und Verständnis begleitet werden wird, sondern garantiert nur immer neue Untergangs-Szenarien beschrieben werden: Ende der EU, Italxit, Griechenland II etc.

Unsere Pressemüdigkeit kommt nicht zuletzt auch daher, dass man sich als interessierter Bürger oft nicht umfassend und kompetent informiert fühlt. Mag zum einen eine gewisse Konventionsnähe sein, mag Ideologie sein, mag Veränderungsangst sein; vielleicht aber auch schlicht Denkfaulheit oder Lust am Negativen. Angstszenarien lesen sich besser, verkaufen sich besser und passen besser in unsere gängigen Filterblasen als nachdenkliche Features und Artikel, die dem Leser noch Denk- oder Entscheidungs-Leistungen abfordern.

Ich bin gespannt …

 

 

Nostalgie für die Zukunft


Ein Zurück in die Zukunft gibt es nicht

Ich schreibe gerade, viel. Das Thema: Zukunft. Dazu passt es perfekt, Steve Roach zu hören, bei mir erprobt in vielen Meditationen und Kreativ-Seancen. Sein neuestes Werk – durchaus hörenswert – heißt „Nostalgia for the Future“. Ein wunderbarer Begriff. Er beschreibt so wundervoll die Sehnsucht nach einer Zukunft, in der wir noch darauf hofften, dass Träume wahr werden. Dass Menschen zum Mond , wir selber in 80 Tagen um die Welt fliegen und wir Stück um Stück unserer Welt – und vielleicht sogar dem Kosmos – möglichst viele Geheimnisse entreißen.

France_in_XXI_Century._Air_flowers
Das sah man 1910 für das Jahr 2000 voraus.

Damals träumte man noch davon, dass Roboter einem die Arbeit abnehmen und wir mit fliegenden Autos überall hin kommen – oder bei Bedarf einfach in andere Welten teleportiert werden wie Captain Kirk und Co. Und natürlich hoffte man, wenn man ein wenig menschenfreundlich geprägt war, dass der Kampf gegen den Hunger besiegt wird und Frieden auf Erden herrschen möge.

Die Zukunft verdüstert sich

Heute befürchten wir, dass Roboter uns die Arbeit wegnehmen und wir haben es satt, auf unseren Reisen die Massen von anderen Touristen um uns herum zu haben. Jetzt auch noch aus Fernost. Und auf dem Mond waren wir, danke, das erst mal ist abgehakt. Dem kann man nur noch dadurch etwas Spannung abgewinnen, indem man das weltverschwörungstechnisch als einzigen Betrug und Hollywood-Inszenierung abtut.

So gesehen war damals die Zukunft noch in Ordnung, sie strahlte Faszination aus. Heute hat sich so manche Zukunftsvision zur Dystopie verdunkelt. Und wir scheinen nur noch die Wahl zu haben, welche der verschiedenen Horrorszenarien wir denn gerne hätten: Klimakatastrophe oder doch gleich lieber die atomare Apokalypse. So jedenfalls stellen es die Medien in ihrem notorischen Pessimismus und Alarmismus gerne dar.

Die ungute Zukunft der 50er Jahre

Entsprechend werden in immer mehr Ländern Menschen zu Präsidenten und Regierungschefs gewählt, die die Reise zurück in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Ziel gewählt haben. Damals als die Männer noch das Sagen hatten und die Farbigen noch ungestraft als Neger wahlweise betüttelt, missioniert oder abqualifiziert werden durften. Allen voran Donald Trump. Seine Vision einer modernen Welt stammt ja deutlich aus den 50er Jahren. Da ging man ja auch noch unbekümmert mit Energieressourcen um, da waren Bergarbeiter noch Helden der Arbeit und das ganze Kleinklein von wegen Rücksichtnahme und Nachhaltigkeit gab es nicht.

Bei einem alten, ungebildeten, ignoranten Mann wie Donald Trump ist solch eine Lust auf eine Zukunft des mittleren 20. Jahrhunderts noch irgendwie nachvollziehbar. Bei Menschen wie einem Victór Orban oder gar einem Sebastian Kurz ist das dann doch frappierend. Zugegeben, das Leben damals scheint in der Rückschau einfacher und überschaubarer gewesen zu sein. Schöner, angenehmer oder gar attraktiver war es nicht. Dazu ist mein Gedächtnis zu gut, als dass ich solch einem Irrglauben zum Opfer fallen könnte.

Mars statt Mond

Richtig ist, dass wir, die Babyboomer, bessere Chancen hatten. Bessere Chancen, auch aus wenig viel zu machen. Aber die Chancen, ins Nichts zu fallen, waren damals ebenfalls größer. Uns wurde keine goldene Zukunft versprochen, obwohl wir große Teile davon erleben durften. Meine Jugend war geprägt von der Angst der Eltern, es könne wieder zu einem Krieg, zur Vernichtung alles Erreichten kommen. Stattdessen haben wir in Europa die längste Friedensphase seit je erlebt. Ja, speziell auf Kosten der Dritten Welt. Ja, auf Kosten unserer Umwelt und unseres Klimas.

Wir haben heute ein spürbares Problem mit der Zukunft. Denn sie verspricht uns scheinbar mehr Probleme als Perspektiven. Und wenn unser Zukunftsglaube schwächelt, hat halt die Nostalgie Konjunktur. Eine Sehnsucht nach einer Zeit, als die Zukunft noch in Ordnung war. Und dagegen hilft auch nicht, wenn man einfach mal, wie Elon Musk, die Ziele in die Länge streckt. Sein Zukunftsziel ist nun, zum Mars zu fliegen. (Trump, ganz 50er Jahre, bescheidet sich, noch mal zum Mond aufzubrechen.)

Eine neue Vision der Zukunft

Apropos Elon Musk. Seine Vision von Zukunft ist nur eine sanfte Modernisierung alter Träume. Elektroautos waren schon im 19. Jahrhundert eine Realität, bevor die Produzenten von Verbrennungsmotoren im Schulterschluss mit den Ölkonzernen sie vertrieben. Auch autonomes Fahren ist keine neue Idee. (Die Reichen und Mächtigen kennen ja sowieso nichts anderes, sie haben ja Chauffeure.) Und die Welt durch Tunnel zu verbinden, ist auch eine uralte Idee. Nur geht es bei Musk per Hyperloop etwas schneller.

Was wir dringend brauchen, ist eine Vision einer Zukunft, die für alle Erdenbewohner gilt. Eine, die das Überleben von 10 oder 12 Milliarden Menschen sichert – und deren Leben lebenswert macht. Eine Vision, die nicht nur digitale Spielereien und immer neue, mehr oder weniger sinnige Gadgets bringt, sondern Digitalität in seiner gesamten innovativen Kraft nutzt. Eine Vision eines Lebens, das heute noch nicht gelebt wird, das aber spätere Generationen zu lieben lernen werden. Eine Welt, in der vielleicht Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielt und wir froh um sie sind, weil sie uns stärker und klüger macht.

Zukunft ist kein Zuckerschlecken

Das setzt aber voraus, dass der Reichtum an Geld, an Daten, an Wissen und (künstlicher) Intelligenz nicht in den Händen weniger verbleibt und der normale Bürger nicht nur  zum manipulierten Konsum-Automaten verkommt. Das setzt wiederum voraus, dass wir selbst uns mit den „unheimlichen“ Optionen der Zukunft auseinandersetzen: Big Data, Transparenz, künstliche Intelligenz, digitale Welt. Wir müssen dafür wirkliches Interesse haben, ja Neugier, Habgier – jeweils in des Wortes Bedeutung – dafür entwickeln.

Wir müssen uns mit allen Zukunftsthemen ausdauernd beschäftigen, darüber informieren, uns unsere Meinung bilden. Wir müssen diese neue Welt umarmen, auch wenn wir noch nicht so genau wissen, wie angenehm oder widerborstig sie sein mag. Zukunft kommt nie als Zuckerschlecken. Und wehe dem, der das verspricht. Wir müssen die süßen Stellen einer künftigen Welt erst für uns entdecken. So wie es die Generationen vor uns auch getan haben.

 

Die Depression der Babyboomer


Sind wir fit für unsere Zukunft?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Das hat der liebe Joachim Fuchsberger selig festgestellt. Und sogar ein Buch darüber geschrieben. Alt werden, das ist nicht nur eine Zunahme von Malaisen. Alt werden ist nicht nur ein Verlust an Energie und Vitalität. Alt werden ist vor allem eine herbe Belastung für das psychische Immunsystem.

grumpy

Alter heißt: schon pensioniert sein bzw. in Rente sein. Das heißt, das gewohnte Leben ist vorbei. Und egal, wie sehr man den Ruhestand herbei gesehnt haben mag, es ist erst mal gar nicht schön, seinen täglichen Rhythmus zu verlieren. Und gar nichts mehr zu sagen zu haben, gar nicht mehr gebraucht zu werden. Und Ehe oder Partnerschaft sind auf dem Prüfstand, wo man jetzt dauernd aufeinander sitzt. Und so toll sind die neuen Hobbys, die man sich ausgedacht hat, wenn man ehrlich ist, nicht.

Sehenden Auges aufs Abstellgleis

Und auch die Zeit vor dem Ende des Arbeitslebens ist nicht schön. Wichtige neue Projekte laufen an einem vorbei, man ist ja bald weg. Die eigene, so wichtige Erfahrung, wird nicht mehr gebraucht, wird nicht mehr wertgeschätzt. Man fährt sehenden Auges aufs Abstellgleis. Eine eklige, niederschmetternde Erfahrung.

An diesem Punkt wird jeder gezwungen inne zu halten und einen Blick auf sein Leben zurück zu werfen. Und wer es da versäumt hat, für sich zu sorgen, emotional, ideell – und natürlich finanziell, wie soll der noch gute Laune haben? Wer jetzt nicht auf ein wirklich gelungenes Leben zurück blicken kann – und jetzt mal ehrlich und keine Lebenslügen! -, der hat eigentlich kaum noch eine Chance, das wirksam zu ändern.

Die Auflösung des Vertrauten

Rund um einen herum ändert sich währenddessen die Welt in atemberaubendem Tempo. Internet, Smartphone, Soziale Medien – alles ganz schlimm. Und so sehr man darüber schimpft, es nützt nichts. Man muss mit – oder wird abgehängt. Schlimmstenfalls von der eigenen Ehefrau, die sich das Internet von Kindern oder Enkeln hat beibringen lassen. Von den Kindern! Den Enkeln!!!

Und dann diese Globalisierung. Alles wird so fremd. Die Worte, die Gesichter, die Sprache, die Nachbarn, die Produkte. Und jetzt auch noch all diese Flüchtlinge. Millionen von ihnen. Schwarze! Araber! Muslime! Frauen mit Kopftuch! Das darf doch nicht wahr sein. Die haben noch ihr Leben vor sich – und wir sollen ihnen noch dabei helfen.

Depression, die Boomkrankheit

Die Psychologie kennt das Phänomen gut: Altersdepression. Menschen über 65 neigen dazu. Sie sind dreimal so anfällig für Depression wie jüngere Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Senioren darunter leiden. Vorzugsweise Männer. Und in Altenheimen sind die Zahlen noch verheerender, da sind fast die Hälfte depressiv. Und Depression ist die Boom-Krankheit schlechthin!

Diagnostiziert und behandelt werden diese Depressionen kaum. Denn alte Menschen geben nur körperliche Malaisen zu, psychische nie: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Also werden die körperlichen Symptome der Altersdepression behandelt, nicht aber die Ursachen: die geknickte Psyche.

Typische Symptome der Altersdepression sind:

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wehrlosigkeit
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken

Die Folgen: Verzweiflung, Aggression, Ohnmachtgefühle, Narzissmus (mangels Selbstwert), Wut, Schuldzuweisungen, Empathieverlust, Rigidität etc.

Gegenmittel: ein geglücktes Leben

Warum ich das schreibe? Ja, auch ich werde älter. Ja, auch ich erlebe Malaisen. Aber ich habe den großen Vorteil, dass ich vor ca 20 Jahren sehr drastisch und effektiv vor der Altersdepression aus berufenem Mund gewarnt worden bin. Zitat: „Herr Konitzer, Sie haben es jetzt noch in der Hand, im Alter griesgrämig auf der Bank zu sitzen – oder gut gelaunt den Lebensnachmittag und -abend zu genießen.“

Ich habe mich damals für Zweiteres entschieden und etliche Dinge in meinem Leben – und vor allem in meinem Psychosystem geändert. Ich hoffe, nachhaltig erfolgreich. Auch ich kenne die schwarzen Vögel, die manchmal über einem kreisen. Aber ich weiß inzwischen, wie ich den Blick von ihnen wenden kann und dem Leben zu.

Der Booster nach rechts

Ich erlebe aber rund um mich herum Altersgenossen, die das nicht gemacht haben. Und mit ihnen zu diskutieren, wird immer schwieriger. Speziell natürlich zum Thema Flüchtlinge. Oft ist die rigide Haltung erschreckend: Grenzen dicht, alle raus, und zwar sofort. Etwa in der Tonlage. Meist verschwiemelt und nur dumpf. Aber wehe, das Thema kommt irgendwie zur Sprache. Und das kommt es heutzutage unweigerlich.

Die Altersdepression und ihre Auswirkungen, das sind jetzt die Probleme der Generation der Babyboomer. Die Ältesten von ihnen, Jahrgang 1946, werden dieses Jahr 70, die Jüngsten, Jahrgang 1964, sind auch schon 52 – und habe es nicht mehr soooo weit hin zur Rente. Und genau diese Generation muss sich jetzt entscheiden, ob sie unsere Welt, Europa und Deutschland nach rechts drängt oder ob sie sich, allen innerem Grummeln zum Trotz, für eine offene, tolerante und vielleicht sogar innovationsfreundliche Gesellschaft erwärmen kann.

Mut machen statt Katastrophismus

Schön wär’s. Wir haben hierzulande keinen Macron, der mit seiner Art einem ganzen Volk Mut, gute Laune und Kraft geben und den Weg in eine offene Gesellschaft verheißungsvoll machen kann. Da ist auch keiner in dieser Art in Sicht. Merkel? Schulz?? Lindner??? Schade. Aber glücklicherweise droht auch kein Rattenfänger rechts von der Mitte.

Bliebe als Hoffnung, dass die Medien endlich ihren Alarmismus und Katastrophismus, ihren Zynismus und ihre akademische Version von Altersdepression beenden und in kritischer Haltung Mut machen sowie die zunehmend schnellere Veränderung der Welt erklären und moderieren. Ich werde versuchen, das an dieser Stelle hier auch weiter zu tun.

In diesem Sinne: Die Zukunft ist da! – Meine Prognosen, was auf uns in den nächsten Jahren alles zukommt, habe ich in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg zusammengefasst.

Die Slides dazu sind hier zu finden: www.slideshare.net/MichaelKonitzer/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

Der Soundfile des Vortrages ist hier: soundcloud.com/michkon-1/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

 

Die Verdummung Amerikas


Jede Kritik an ihm macht Trump stärker

Als Mensch, der in der Schule Rhetorik am Beispiel eines Cicero nahe gebracht bekommen hat, ist jede Rede von Donald Trump eine Pein. Nicht dass man im Römischen Reich vor 2.000 Jahren nicht auch gelogen hat, dass sich die Balken (der Rednerbühnen?) gebogen haben. Ein Julius Cäsar hatte einen ähnlich kreativen Umgang mit Fakten und Wahrheiten wie die Populisten heute. Aber ihm gelang es wenigstens, einen Gedanken nach dem anderen verständlich zu formulieren.

Donald Trump Hairstyle

Anders Donald Trump. Wenn er frei spricht, schafft er es ohne Anstrengung (wahrscheinlich genau deswegen!) in gestoppten 32 Sekunden Redezeit sieben Themen nacheinander anzureißen, ohne eines davon zu irgendeinem Ende zu bringen. Jeder Goldfisch wäre mit solch einer Rede unterfordert, wie der britische Comedian John Oliver scherzt (min 6:20).  Nichtsdestoweniger bekommt er viel Beifall bei solchen Reden. Nicht nur von seinen Claqueuren, die er zu allen seinen Reden mitbringt. (Hat er sich von Putin & Co. oder auch den alten Römern abgeschaut.)

Realitäten aus Wolkenkuckucksheim

Egal welche öffentliche Rede man sich von Trump anschaut/anhört. Egal wie gruselig die Inhalte sind, wie viel gelogen wird und Tatsachen verdreht werden, Trump begeistert seine Massen. Er tut das um so mehr, je weniger er an einem Redemanuskript hängt. Frei spricht er am erfolgreichsten. Vor allem auch, weil er dann völlig unbekümmert die Realitäten beschreiben kann, wie er sie sich in seinem Wolkenkuckucksheim (derzeit Pennsylvanian Avenue 1600) zurechtgezimmert hat.

Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, was Trump in seinen Reden so erfolgreich macht. Vor allem, weil man ja so konsterniert ist über seine billige Art, Beifall zu heischen. „Fremdschämen“ ist als Ausdruck zu harmlos, wenn man seine Lügen und Verdrehungen hört und seine mangelnde Kenntnis von Grundwissen live erleben muss.

Monolog unter Gleichgesinnten

Tatsache ist, dass Trump rein gar nicht zu Menschen wie mich und Unsereinem spricht. Er spricht ausschließlich zu Seinesgleichen. Zu Menschen, die genauso ungebildet, vorurteilsbesessen, banal und stumpf sind wie er selbst. Zu Menschen, die genauso gerne an Verschwörungstheorien glauben wie er, die ebenso Gutmenschen und treue Steuerzahler verachten. Kurzum, die sich vom politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen System abgehängt fühlen; weil sie weniger Bildung, weniger Geld, weniger Chancen und weniger Perspektive haben. Ausgerechnet sie haben in ihm, dem reichen Söhnchen, der Chancen im Übermaß hatte, ihr Idol gefunden.

Trumps Geheimnis ist auch seine banale Sprache. Linguisten haben es analysiert: Es ist der Sprachstil eines Viertklässlers. Sein Wortschatz ist extrem begrenzt, er nutzt nur kurze Worte und Begriffe, malt damit aber prägnante Bilder. Er grenzt keinen Zuhörer durch zu viel Zahlen, Wissen, Fremdwörter oder komplexe Inhalte aus. Das ist nicht neu, das hat schon Berlusconi und anderen seines Kalibers zum Erfolg verholfen. Aber Trumps Sprache ist zudem grammatikalisch brutal primitiv. Sie ist stets nur eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, unterbrochen nur von Inklusions-Gesten nach dem Motto: Wir verstehen uns, wir sind die, die fürs Richtige kämpfen.

Ausgrenzung der Etablierten

Mit seiner Art zu reden – und seinen Inhalten – grenzt Donald Trump wirksam die Andersdenkenden, die Gebildeten, die Wissenden und die Menschen aus, denen Komplxität keine Angst macht. Daher geht die Philippika des Schriftststellers und Intellektuellen Philipp Roth gegen Trump in der New York Times ins Leere: „Ich habe noch nie einen Politiker erlebt, der menschlich so armselig ist, wie Trump: Er hat keine Ahnung vom Regierungsgeschäft, von Geschichte, Wissenschaften, Philosophie oder Kunst. Er ist unfähig, Subtiles oder Nuanciertes auszudrücken oder zu verstehen, er kennt keine Scham und sein Wortschatz umfast gerade mal 77 Wörter.“

Trumps Sprachstil und seine Inhalte sind sogar das perfekte Gegenmittel gegen Kritik solcher Art. Seine Sprache ist, TV-Reality-geübt, das perfekte Antidot (Achtung, Fremdwort) gegen jeden Intellektualismus, gegen das Establishment und ihre kulturellen, sprachlichen und wissenshuberischen Ausgrenzungsriten. Sie schafft ein heimeliges Zugehörigkeitsgefühl der Zu-kurz-Gekommenen, der Ungebildeten und Unwissenden, der Chancenlosen. Sie fühlen sich ernst genommen, sie haben das Gefühl, verstanden zu werden, weil sie diesen Trump verstehen. Und zum Dank nehmen sie ihm auch noch jeden Unsinn ab und bejubeln ihn.

Die gespaltene Gesellschaft

Trump und seine Unterstützer haben kapiert, dass die amerikanische Gesellschaft (und nicht nur die) brutal gespalten ist: Zwischen urbanen, besser gebildeten und sensibel sozialisierten Menschen und den von Bildung und Jobchancen abgehängten ländlichen Gebieten im amerikanischen Kernland: der Heimat der Republikaner und der Religiösen, der von Arbeit und Chancen beraubten Arbeiter, der unteren Mittelklasse. Trump baut durch seine hypersimple Sprache eine veritable Mauer zwischen Stadt und Land.

In den ländlichen Gebieten ist man von Bildung, Wissen und der Vielfalt urbaner Gesellschaft und urbaner Medien abgeschnitten und dafür heimgesucht von beredten Spinnern, Predigern und Talkradio-Hosts, die Verschwörungstheorien und Unbildung verbreiten und das Sprachniveau längst auf niedrigstes Niveau gebracht haben. Überraschend, dass ausgerechnet ein New Yorker diesen niedrigen Sprachlevel genau trifft. Donald Trump ist der lebende Beweis dafür, dass auch ein New York Weltläufigkeit nicht garantieren kann.

Jede Kritik hilft Trump

Es nutzt daher nicht, wenn wir jede der Reden Trumps analysieren, wenn wir deren Fakten penibel checken oder uns auch nur lustig über ihn machen. Wir sind Trump so egal wie sonst was. Wir sind der Feind, und jede kritische Anmerkung, sei sie noch so richtig, klug oder feinsinnig, verstärkt nur die Wirkung seiner Reden bei seiner Zielgruppe. Jede Kritik der Intellektuellen lässt Trump in den Augen seiner Fans noch mutiger, noch entschlossener und wichtiger wirken.

2017-03-17T163753Z_38599063_RC18E8D0F040_RTRMADP_3_USA-TRUMP-GERMANY.JPG.cf
Nein, der gebe ich keine Hand! Die ist ja Physikerin!

Der verweigerte Händedruck mit Merkel und der pöbelhafte Auftritt Trumps bei der NATO und der G8 waren kein Zufall. Das war jeweils eine Konfrontation mit dem Feind: Angela Merkel, eine Wissenschaftlerin, Physikerin sogar, die Rationalität liebt, das ist für Trump, den Pöbler und Gernegroß, die Personifizierung des Anti-Trump. Und jedes Merkel-Bashing oder die anhaltenden Beleidigungen des Londoner Bürgermeisters, einem Intellektuellen und Muslim, bringt Trump Punkte bei seinen Fans und Wählern. Und Trump hat nie aufgehört Wahlkampf zu machen, jetzt schon für die Wahl 2020.

Die De-Intellektualisierung der USA

Spannend wird sein, ob Trump es schafft, der Dummheit in Amerika auf Dauer eine Mehrheit zu geben und die amerikanische Gesellschaft erfolgreich zu de-intellektualisieren und damit zu de-politisieren. Spannend wird sein zu beobachten, ob und wie es Wissenschaft, Intellektualität und Vernunft schaffen, wieder von den Abgehängten und Unterprivilegierten, von den Unwissenden und Ungebildeten gehört und verstanden zu werden.

Das ist die Herausforderung, vor der wir auch in Europa im Angesicht von Populismus und rechten Rattenfängern stehen. Wie ist es zu schaffen, die wirtschaftliche und die intellektuelle Spaltung unserer Gesellschaft zu bremsen oder gar aufzuheben? Nur mit schönen Worten geht das wohl nicht. Aber ebenso wenig mit einer Infantil-Sprache à la Trump.

 

 

Darth Vader von nebenan


Die Lust an der Angst

Unsere Welt ist zugegeben arg unübersichtlich geworden. Nichts ist mehr fix, alles im Fluss. Es gibt keine Wahrheiten mehr – eher viel zu viele davon. Das Wissen explodiert, kein Mensch kann da mehr mithalten. Gefühlt wird man jeden Tag dümmer. Der Gang der Dinge scheint unaufhaltsam, die Illusion, mit seiner Wahlstimme die Weltläufe ein wenig beeinflussen zu können, ist längst dahin. Es gibt keine Wahrheiten mehr – eher viel zu viele davon. Und wer an dieser Stelle einwirft: „Fake news!“, der ist der größten medialen Blendgranate zum Opfer gefallen. (Anstrengend, aber lohnend zu lesen (engl.): „The Deep Truth about Fake News“.

Shouting screaming person with open mouth

All das zusammen produziert das irritierende Gefühl, in einer Art Treibsand geraten zu sein – und in ihm allmählich unterzugehen. Kontrollverlust allenthalben. Stabile Gemüter retten sich mit medialen Enthaltsamkeitskuren: No news, no Social Media.. Denn egal was passiert, die Welt dreht sich weiter. Vorausgesetzt wir kümmern uns aktiv darum, dass wir Teil davon sein dürfen.

Im Treibsand der News gefangen

Trotzdem bleibt immer ein unangenehmes, tief im Innersten nagendes Gefühl, letztlich nur ein kleiner, unbedeutender Wicht zu sein. Man ist viel zu oft nur Zuschauer (oder Voyeur) im eigenen Leben, das an einem vorbei läuft, ohne Kenntnis von einem zu nehmen. Dieses innere Gefühl von Leere und Hohlheit ist nur ganz schwer zu ertragen. Von vielen gar nicht. Denn es setzt eine sehr seltene Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein voraus.

Wem solche Talente nicht gegeben sind, hat nur zwei Alternativen: die resignative Wurstigkeit und ein Leben in der schalen Spaßgesellschaft. Oder eine hyperaktive, depressive Hysterie. Diese Menschen steigern ihr Unbehagen über Modernitätsdefizite und Kontrollverlust in Ängste und Aggression. Für sie steht der Untergang Deutschlands und des gesamten Abendlandes kurz bevor. Sie verabschieden sich aus der realen Welt und lassen sich in einer gefühlt schlimmen Parallelrealität verschlingen. Sie werden zur Gartenzwergversion von Darth Vader.

Die Hysterie der Angst

Aus ihrer angstgesteuerten Situation heraus verlieren diese Menschen jedes Maß und jede Scheu. Sie schlagen wie wild argumentativ um sich – manchmal auch nicht nur argumentativ. Sie ziehen die Legitimation ihrer aggressiven Argumentation und Handlungen aus der Größe ihrer Aufgabe. Schließlich müssen sie – zusammen mit Gleichgesinnten – die Welt retten. Wahlweise vor Flüchtlingsströmen, den Muslimen, dem IS, dem Niedergang der deutschen Heimat, der Leitkultur – oder auch des Finanzsystems. Und ihre Wut und ihr Hass richten sich gegen die, die ihrer Meinung nach dafür verantwortlich sind, dass die Welt aus den Fugen geraten ist: Gutmenschen, Linke, Journalisten, Merkel – you name it.

In einem ebenso zurückgenommenen wie dabei eindrucksvollen Artikel im Spiegel hat Christian Stöcker die Hassmails von Lesern in seinem Artikel „Sehnsucht nach dem Grauen“ analysiert. Er beschreibt die in sich konsistente verzerrte Wirklichkeit solcher Menschen, die sich darin so sicher fühlen, dass sie Gewaltphantasien gegen die Familie des Autors sogar mit vollem Namen samt akademischem Grad zeichnen.

Sucht nach Gräuel

Die Quintessenz der Analyse von Christian Stocker erklärt sehr treffend die dunkle Energie solcher Menschen, die den rechten Rand unserer Gesellschaft derzeit scheinbar so zahlreich werden lässt. Die Wirklichkeit dieser Menschen ist durch ihre Filterblase und ihren selbstreferenziellen Medienkonsum völlig verzerrt. (Christian Buggisch hat den rechten Filterbubble, den er authentisch recherchiert hat, in einem sehr guten Vortrag beschrieben und analysiert.)

Die Kluft zwischen dieser Welt und der real existierenden führt aber eigentlich zu einer schmerzhaften kognitiven Dissonanz. Die wird allerdings mit aller Macht kaschiert. Daher die Aggression gegen Lügenpresse, gegen die Propaganda von Gutmenschen. Sie alle sind schuld an der kognitiven Dissonanz. Was nicht sein kann, darf dann auch nicht sein. Und parallel dazu werden alle Informationen, die das eigene, düstere Weltbild bestätigen, hysterisch überhöht. Und es entsteht eine wahre Sucht nach schlimmen Nachrichten und Gräueltaten, die ihre Weltsicht bestätigen.

Apokalypse als Heilmittel

Christian Stöcker: „Konsonante Information wird aufgewertet, und so ist jede Straftat und jeder Terrorakt den Untergangspropheten in Wahrheit hochwillkommen. So sehnen sich Menschen wie der Mailschreiber augenscheinlich danach, dass ihre entsetzlichen Ängste endlich Wahrheit werden. Nur, damit dieses unangenehme Gefühl im Kopf endlich aufhört.“

Irgendwie so muss es sich unter dem schwarzen Plastikhelm von Darth Vader auch anfühlen. Als Heilmittel hilft nur die Apokalypse. Darunter machen wir es in Deutschland nicht…

18341666_10155330291038140_3462877194197551295_n

Donald Trump: der Mann ohne Lachen


Cui bono – was treibt einen Menschen an?

Die einfachste Art und Weise einen Menschen zu verstehen (zu versuchen) ist zu hinterfragen: Was treibt ihn an? Was ist der Benefit aus seinem Handeln – und mag es noch so erratisch oder destruktiv sein? Was ist seine Motivation, was seine Triebfeder – oder auch seine Lebenslüge? Cui bono, was nützt ihm was?

donald-trump

Es gibt ein paar Hinweise, was unser aktuelles universelles Schreckgespenst, Donald Trump, antreiben mag. Geld ist es nicht – davon hat er, so behauptet er, genug. Den Beweis dafür, seine Steuererklärung, liefert er aber nicht. Aufmerksamkeit und Anerkennung sind deutlich sein Lebenselixier. Noch nie war ein Mensch, noch dazu solch prominent exponiert, ein so typischer, offen durchschaubarer, sozusagen „transparenter“ Narzisst. Gegen Donald Trump war Silvio Berlusconi fast schon ein diskreter, zurückhaltender Mensch.

Rachdonald-trumpe ist Blutwurst

Aber seine Triebfeder, Präsident zu werden und der Präsident zu sein, wie er ihn so provokant und penetrant gibt, ist Rache. Den besten Hinweis darauf hat Richard Branson, Chef von „Virgin“ (und erklärter Hillary Clinton-Fan), geliefert. Er erzählt in seinem Blog von seinem ersten Treffen mit Trump vor einigen Jahren. Trump lud ihn nach zuhause im Trump-Tower ein und legte gleich, noch bevor man sich zum Essen hingesetzt hat, mit der Geschichte seines gerade überstandenen Bankrotts. Richard Branson befürchtete schon, um Geld angebettelt zu werden.

 

donald-trump

Aber Trump wollte unbedingt diese Story loswerden: Er hatte diverse Menschen gebeten, ihm zu helfen, aus seiner finanziellen Bredouille herauszukommen. Fünf Menschen, auf die er gerechnet hatte, hatten ihm diese Hilfe verweigert. Den Rest seines Lebens wolle er jetzt, so Trump zu Branson, darauf verwenden, das Leben dieser fünf Menschen zu zerstören. Das sei sein Lebensziel. Branson beschreibt das Erlebnis – und den Abend mit Trump – als traurig, befremdlich und niederschmetternd.

Das desaströse Galadiner

Es ist also Rache, die Trump antreibt. Seine Feinde sind aber nicht nur diese ominösen fünf Menschen. Es gibt noch einen weiteren Feind, den er mit aller Macht und Kraft vernichten will: die Medien. Und wir alle durften dabei live zusehen, als ihm die Schmach angetan wurde, die in ihm womöglich erst die Idee entstehen ließ, ernsthaft für das Präsidentenamt zu kandidieren. Es geschah 2011 beim Galadiner der Korrespondenten am Weißen Haus 2011. Zunächst zog der Moderator des Abends, Seth Meyers, relativ bösartig über ihn her.

Es lohnt sich, die Ganzkörper-Erstarrung Trumps und seinen vor Wut hochrot anlaufenden Kopf während der Scherze über ihn zu beobachten. Die Gags über sich und die ziemlich herbe Verarschung scheinen ihm fast körperlich spürbare Schmerzen zu bereiten. Noch nie habe ich einen Menschen so uncool auf Scherze über sich reagieren sehen. Und seine Reaktion lässt die teilweise schwachen Pointen um so explosiver erscheinen. Exemplarisch kann man das im Video zwischen den Minuten 1:50 bis 2:20 und von 3:20 bis 4:00 beobachten. Keine Bewegung im Gesicht, kein befreiendes Grinsen, Lachen sowieso nicht.

Das Dilemma von Narzissten ist, dass sie über sich nicht lachen können. Noch schlimmer, sie halten es nicht aus, wenn über sie gelacht wird. Sie dürfen sich nicht einen Moment anzweifeln lassen. Sie dürfen nie in Frage gestellt werden. Das ist viel zu gefährlich. Ihr Selbstbewusstsein ist so schwach, dass sie dringend kontinuierlich Zuspruch brauchen, von außen oder in Selbstsuggestion. Lächerlichkeit ist das blanke Gegenteil zu Zuspruch. Es macht klein, es stellt in Frage. Daher ist jedes Lächerlich-Sein, jedes Lächerlich-Gemacht-Werden eine unglaublich massive Verletzung. Und je öffentlicher das geschieht, umso schlimmer. Und wenn die Kameras auch noch gnadenlos draufhalten, desaströs.

Mit einer kleinen Geste, einem schiefen Grinsen, einem lahmen Klatschen oder gar einem Herzhaften Lachen, ließe sich Gespött leicht die Spitze zu nehmen. Aber dazu braucht es eine wenigstens halbwegs stabile Persönlichkeit. Bezeichnend ist, dass Trump dazu nicht in der Lage ist. Er ist in seiner Wut gefangen, er ist in seiner Kränkung gelähmt.

Narzissten halten Gespött nicht aus

Das war allerdings erst Teil eins des Fiaskos. Dann kam der damalige Präsident Obama mit seiner launigen Rede. Und der tat sich besonders gütlich an seinem damaligen Hauptfeind Donald Trump, der ihn Tage zuvor genötigt hatte, seine Geburtsurkunde zu veröffentlichen, um zu beweisen, dass er in Hawaii, also den USA, geboren ist und nicht in Kenia und dass er nicht Muslim ist. Das alles hatte die Monate davor Donald Trump unablässig behauptet. Diese Demütigung zahlte Barack Obama nun Donald Trump heim. Und das demütigend. Man beachte wieder die Reaktion von Donald Trump. Hier im Zeitabschnitt zwischen Minute 3:10 und 4:50. Hier ist Trump wieder festgefroren, bis er sich am Ende eine Andeutung eines Grinsens abringt und kurz und scheu abwinkt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Trump die Situation als extrem demütigend empfand. Nie mehr danach hat er das Galadiner der Korrespondenten im Weißen Haus besucht. Und auch für dieses Jahr hat er vorweg schon klar gemacht, dass er nicht kommt. Über ihn wird nicht gelacht. Punktum.

Motivation für die Präsidentschaft

Es wird gern erzählt, dass die Demütigung damals der endgültige Auslöser für Trump war, als Präsident zu kandidieren und dafür auch eigens Geld zu investieren. Das ist gut vorstellbar. Und die öffentliche Demütigung dürfte auch der Grund für den abgrundtiefen Hass von Donald Trump gegen die Medien und die Korrespondenten im Weißen Haus im Besonderen sein.

Es scheint, als hätte er seinen Lebensplan erweitert. Er will nicht nur das Leben der fünf Investoren, die ihn in der Not im Stich gelassen haben, vernichten. Er will auch die Medien zerstören. Vor allem die Medien, die sich über ihn lustig machen oder ihn dem Gespött von Menschen aussetzen. Das Motto ist klar: Trump First!

P.S.: Man muss sich nur die Bildergalerien von Donald Trump ansehen. Es gibt ihn in allen Arten von Grinsen. Ich habe kein Foto gefunden, in denen er mal frei und lauthals lacht. Er kann nur andere verlachen und schlechte Altmänner-Scherze machen. („grab her by the pussy…“) Er kann keine Witze und er kann nicht lachen. Lachen befreit, er ist gefangen in sich selbst. Und wir mit ihm.