Trolle trollen sich nicht


Es gibt ein Leben jenseits des Bösen

Ich habe mir vor einiger Zeit die Rede von Richard Gutjahr auf der TED-Konferenz in Marrakesh angehört. Er beschreibt da, wie er zum Ziel schlimmster Shitstorms, Beleidigungen, Verunglimpfungen und sogar Morddrohungen geworden ist, bloß weil er zufällig beim Terroranschlag in Nizza vor Ort war (Urlaub) und kurz darauf beim Amoklauf in München (seiner Heimatstadt). Beide Male hat er – er ist schließlich Journalist – mit seinem Handy mitgefilmt und gleich darauf auf Facebook berichtet.

Richerd Gutjahr

Da Trolle und Verschwörungstheoretiker Zufälle ausschließen, war Gutjahr für sie ein Agent, Mossad-Mitarbeiter und was sonst noch. Er wurde auf allen Kanälen mit Verleumdungen gegen ihn und seine Frau (sie ist Israelin) bombardiert, auf Facebook, Twitter und besonders heftig auf YouTube. Es lohnt sich, diesen Wahnsinn, dem Richard Gutjahr ausgesetzt war, mal „anzutun“ (in des Wortes Bedeutung). Man kann es in seinem Blog nachlesen oder sich das Video der TED Konferenz ansehen.

Die Hölle im Shitstorm

Danach versteht jeder, wie verzweifelt, verstört und fertig man nach solch einem Shitstorm bzw. einer solchen Verleumdungskampagne ist – und wie viel Kraft (und Geld) es braucht, sich dagegen zu wehren. Und wie viele Rückschläge es dabei gibt. Danach versteht man, warum es Sinn macht, wenn man Rechtsstaatsprinzipien auch im Netz durchsetzen muss. Auch wenn das dem Liberalismus der Netzapologeten und Silicon Valley Investoren gegen den Strich geht.

Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich das Image der Deutschen und Europäer und ihr Umgang mit Datenschutz und Schutz der Privatsphäre (privacy) in den USA gewandelt hat. Früher hat man uns bestenfalls belächelt, normalerweise herbe kritisiert für den Versuch, das Internet zu regulieren. Heute werden wir immer mehr zum Vorbild erklärt. Immer mehr Menschen verstehen, dass man das Netz nicht ungeschützt lassen darf vor Trollen und Firmen, die Daten missbrauchen.

Die Abgefeimtheit der Verlorenen

Nach solch einer Schilderung wie von Richard Gutjahr mag man an der Menschheit verzweifeln. Das Gute im Menschen? In derartigen Fällen versteckt es sich zu gut. Und stattdessen werden Abgründe sichtbar, die man eigentlich in einer angeblich zivilisierten Welt nicht für möglich halten mag. So viel blinder Hass, so schwarze Aggression, so viel Abgefeimtheit, so viel in Bösheit umgeschlagene Verzweiflung. Anders mag man sich nicht vorstellen, dass Menschen so weit kommen können.

Aber ehe man in solchen Momenten zum Menschenverachter werden mag; ehe man seine Zuversicht in eine Entwicklung der Menschheit zum Besseren, zu Vernunft, Zuversicht und Liebe verlieren mag: Stopp! Es ist nicht so, dass das Internet die Menschen schlechter macht. Es hat sie sichtbarer und so viel lauter gemacht. Es hat sie sicher in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit (und schwarzer Macht) „mutiger“, böser, negativ kreativer gemacht. Und die Aufmerksamkeit, die sie so generieren, lässt sie immer weiter machen, immer schwärzer, immer gnadenloser.

Transparenz der menschlichen Abgründe

Aber daran ist nicht das Internet schuld. Zumindest nicht direkt. Es hat nur transparenter gemacht, welch Abgründe es im Menschen gibt. Es macht nur sichtbar, wie „verrückt“, wie der Normalität entrückt Menschen heute sind. Solche Menschen gab es immer. Sie hat nur keiner beachtet. Die Gesellschaft hat immer Räume geschaffen, in denen sich solch verzweifelt negative Menschen austoben konnten. Brot und Spiele, Alkohol und Fußball, Gewalt und Krieg.

In unserer anonymen Gesellschaft sind solche gefährlichen, gefährdeten Menschen nicht mehr wenigstens rudimentär in einen sozialen Kontext gebunden, sei es so etwas wie eine Dorfgemeinschaft, eine Hausgemeinschaft, eine Religionsgemeinschaft, Vereine oder sogar eine Familie. Einsamkeit macht depressiv, das ist längst nachgewiesen. Es macht aggressiv und wenn sozial ungebremst, böse und destruktiv.

Kein Grund zum Menschenhass

Wir müssen eigentlich froh sein, dass uns das Internet dieses Fakt immer wieder klar vor Augen führt. Schlimm nur für die, die darunter real leiden müssen. Und nicht jeder ist so stark und mutig wie Richard Gutjahr. (Und selbst der war nahe daran zu zerbrechen.) Aber wir müssen als Gesellschaft versuchen, eine Zivilgesellschaft, eine zivilisierte Gesellschaft am Leben zu erhalten. Und genauso wie das Internet die Option zum Bösen verstärkt, so stärkt sie auch den Zusammenhalt der anderen. Der Menschen, die andere Menschen mögen, die das Leben lieben, die Liebe leben, die darum kämpfen, dass das Leben besser wird. Nicht nur für ein paar Menschen, sondern für viele, für immer mehr.

Es gibt genug schöne Dinge, genug Fortschritte, genug Errungenschaften und genug positive Ereignisse, die uns die Existenz von Trollen & Co. aushaltbar machen sollten. Die Medien helfen da kaum weiter, sie berichten nur, wenn was passiert. Und nur schlimme und schlechte Dinge passieren. Gutes zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es passiert, es geschieht und existiert – unberichtet, zu oft unbemerkt und kaum mal kommentiert. Was helfen gesunkene Kriminalitätsraten, wenn der tägliche Alarmismus eine konträre Geschichte erzählt?

Aber auch hier hilft das Internet ein wenig. Es gibt schön gemachte Sites, die sich der positiven Seite der Macht stellen und gute Nachrichten verbreiten. Schöne Beispiele sind Sites wie Human Progress oder sogar intelligente Statistik-Analysen wie bei Our World in Data. Beide Sites sind in Englisch. Fehlten nur noch ein paar deutsche Pendants – und User, die bereit sind, positive Nachrichten zu verdauen – anstatt sich immer wieder versichern zu lassen, wie schlimm die Welt – und vor allem die Menschen auf ihr sind.

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Mutmachen für die Zukunft


Mein Besuch auf der Blauen Couch

Die Email kam überraschend. Einladung auf die Blaue Couch von Gabi Fischer auf Bayern 1. Zugegeben, ich bin kein sehr eifriger Hörer von Bayern 1, ja generell von terrestrischem Radio. Wenn Radio, dann spezielle Sender aus aller Welt via Streaming, aus den USA (z. B. NRP), aus Großbritannien (immer noch gut: BBC!) oder auch aus dem Nachbarland Österreich (FM4). Natürlich auch mal die jungen Programme des BR.

 

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Dabei halte ich Radio auch weiterhin für unterschätzt. Na ja, vielleicht nicht Radio per se, sondern alle zeitgemäßen auditiven Inhalte, ob Podcasts, Streaming, Hörbücher, Hörspiele, also alles, was informiert, unterhält oder berieselt, ohne dass dafür das Auge in Anspruch genommen werden muss. Dabei geht es nicht nur darum, beim Autofahren ein wenig Ablenkung zu bekommen. Ich finde es auch schön, statt zu lesen, in der S-Bahn zu hören und trotzdem Umgebung und vor allem die umgebenden Menschen beobachten zu können. Nicht immer sind die so unterhaltsam – oder so seltsam – dass man ihnen zuhören muss.

Zukunftsdiskussion als Podcast

Jetzt gibt es auch mich als Podcast. Der Bayerische Rundfunk stellt alle Beiträge der Blauen Couch als Podcasts zum Hören und/oder zum Download zur Verfügung.
Hier der Link zum Podcast auf Bayern1.de. (auch zum Download)
Und hier der Podcast zum Download auf Soundcloud.

Das Thema der Gesprächstunde mit Gabi Fischer war die Zukunft, die Ängste davor – berechtigt oder nicht – und wie man Mut schöpfen kann, die Herausforderungen der Zukunft, die – ziemlich unerbittlich – auf uns warten, meistern zu können.

Schön, das ich ansatzweise die Gelegenheit hatte, im Gespräch auf der Blauen Couch meine Ideen zu einer Art Zukunftsmut kurz skizzieren zu können.

Schritt 1: Evolution akzeptieren & leben

Schritt Eins wäre, sich generell zuzugestehen, dass wir alle Kinder der Evolution, also einer permanenten Fortentwicklung sind. Wir wären nicht Mensch, wohl kaum Lebewesen, gäbe es die Evolution nicht. Also ist stets Veränderung unser typisches Erbgut. Das müssen wir uns einfach eingestehen und akzeptieren. (Man kann ja dann immer noch jammern, dass das alles immer schneller geht, wenn es ohne Jammern nicht geht.)

Schritt 2: Eigene Veränderung lieben lernen

Ein zweiter Schritt wäre meiner Meinung nach, einmal kurz in sich zu gehen und nachzudenken, ob man der, der man vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen ist, auch heute noch gerne wäre. Ich für mich verneine diese Frage entschieden. Ich bin froh, dass ich mich weiterentwickelt habe. Klar habe ich die meiste Mühsal, die Ängste, die ich unterwegs hatte, die peinlichen Momente und die Niederlagen überwiegend vergessen, verdrängt. Die Errungenschaften, die Glücksmomente, die Momente, wo man etwas wider Erwarten geschafft hat, müssen auch erst mühsam hervorgekramt werden. Aber ich bin heute der, der ich früher so nie war. Und das macht mich froh.

Warum nicht diese Haltung auch an die Zukunft anlegen? Klar, es wird oft schwierig werden, es wird Widerstände, Ängste, Niederlagen und unschöne Momente geben. Aber mit ein wenig Glück und Geschick werden auch in Zukunft die positiven Momente überwiegen. Vor allem, wenn wir uns aktiv darum kümmern, wenn wir unsere Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv gestalten, anstatt sie uns von anderen ungefragt vorgesetzt zu bekommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Nach dem Motto: Friss oder stirb.

Schritt 3: Anpassungsfähigkeit schätzen lernen

Vor allem aber sollten wir uns – und das ist Schritt Nummer Drei – sehr bewusst daran erinnern, welche Mühsal, welche Frustrationen, welche Niederlagen, welche Probleme, welche Verluste wir im Leben schon bewältigt haben. Manchmal vielleicht mit Glück, oft aber sicher auch mit Geschick, oft auch nur mit Geduld und im Laufe der Zeit. Wir übersehen, so wie wir schlimme Momente gnädigerweise schnell vergessen können, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Die Wissenschaft hat in letzter Zeit in vielen Studien und Metastudien (das sind Studien, die Studien zusammenfassen) nachgewiesen, dass die Adaptionsfähigkeit des Menschen ungeheuer groß ist. Zugleich ist aber der Glaube der Menschen daran unvergleichlich gering. Wir unterschätzen uns und unsere Fähigkeit, Änderung und Wechsel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen. In Wahrheit genießen wir es sogar – mit Ablauf der Zeit, und im gnädigen Blick zurück sind wir dann manchmal sogar stolz darauf.

Inertia, die Lust und Manie der Beharrung

Die zwei Gegner unseres Anpassungstalents sind die Angst und die sogenannte Inertia, das uns innewohnende Beharrungsvermögen, das man vielleicht besser Beharrungslust nennen sollte. Angst haben wir vor Veränderung weniger, weil sie Arbeit und Mühe bei der Anpassung macht, sondern weil wir nicht wissen, ob wir dabei Gewinner oder Verlierer sein werden. Das ist das Wesen jeder Veränderung, dass die Spielregeln und die Spielklötzchen andere sind. Die Gewinner und Verlierer werden neu bestimmt. Und ehe man Verlierer ist, blockiert man lieber die Veränderung. Man verpasst dabei aber auch die Chance, auf der Seite der Gewinner zu sein.

Zudem sind Menschen als solche sehr beharrlich. Wir sind zwar die Motoren der Evolution, sind aber selbst das trägste Moment in diesem Spiel. Die Technik hat sich drastisch verändert. Was im Großen und Ganzen geblieben ist, wie es war, das sind wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, unserem Verhalten und unseren Denkmustern. Wir tragen noch heute biologische Grundmuster aus vorhumanen Zeiten mit uns herum (Gänsehaut!), und ähnlich archaisch ist unser Hormonhaushalt (Testosteron, Adrenalin!) und  sind es viele unserer emotionalen Spontanreaktionen. Zugelernt haben wir in erster Linie nur kulturell.

Schritt 4: Zukunftskultur mit klaren Zielen

Daher müssen wir uns eine Zukunftskultur schaffen. Das wäre für mich der Schritt Vier. Wir müssen über Zukunft reden, diskutieren, streiten und dabei Schritt für Schritt weiterkommen. Aber Schritt für Schritt wohin? Wir brauchen Zielvorgaben. Das heißt, wir müssen die möglichen, wichtiger noch die nötigen Veränderungen offen benennen und dann diskutieren, ob das o. k. ist – und vor allem, wie wir dahin kommen. Dafür braucht es vielleicht gar nicht die vielzitierten (und von Helmut Schmidt desavouierten) „Visionen“. Es wäre schon genug, klar zu benennen, wo die Reise hingehen soll.

Solche eindeutigen Zielvorgaben scheut die Politik heute wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaft ist da zu Teilen anders, also in den Teilen, die sich zu den möglichen Gewinnern zählen. Die Teile der Wirtschaft, die zu verlieren fürchten, verstecken sich hinter den Politikern und ihrer Beharrungsmanie und stützen sie. Also herrscht ein beliebiges Vor-sich-hin-wursteln, das sich von einer unwichtigen oder übersteigerten Hysterie zur nächsten hangelt.

Zu wünschen wäre eine Politik, die klare Ziele hat. Über die kann man sich austauschen und streiten. Über ein konturloses Allerlei namens „alternativlose“ Realpolitik, kann man das nicht. Das erinnert an ein Fahren im dichten Nebel, in dem man sich nur an den Rückspiegeln orientiert. Da wäre es doch besser, man wüsste, wohin die Fahrt gehen soll.

Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war in Ansätzen eine solche Zielvorgabe. Nur hätte man gerne gewusst, was sie mit „das“ konkret meint. Und noch schöner wäre gewesen, es wäre auch mal grob skizziert worden wie das geschafft werden soll.

Zukunftsforschung, oder „Zukunftssoziologie“, wie ich das lieber nenne, sammelt und analysiert die Ideen und Optionen, wohin es gehen kann und wie es gehen soll – im Rahmen der bekannten Möglichkeiten, die uns unser Planet und unsere gesellschaftliche Verfassung erlauben. Und sie versucht, Ängste zu nehmen – und Mut zu machen. Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft! Also kümmern wir uns gefälligst darum…

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Die Depression der Babyboomer


Sind wir fit für unsere Zukunft?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Das hat der liebe Joachim Fuchsberger selig festgestellt. Und sogar ein Buch darüber geschrieben. Alt werden, das ist nicht nur eine Zunahme von Malaisen. Alt werden ist nicht nur ein Verlust an Energie und Vitalität. Alt werden ist vor allem eine herbe Belastung für das psychische Immunsystem.

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Alter heißt: schon pensioniert sein bzw. in Rente sein. Das heißt, das gewohnte Leben ist vorbei. Und egal, wie sehr man den Ruhestand herbei gesehnt haben mag, es ist erst mal gar nicht schön, seinen täglichen Rhythmus zu verlieren. Und gar nichts mehr zu sagen zu haben, gar nicht mehr gebraucht zu werden. Und Ehe oder Partnerschaft sind auf dem Prüfstand, wo man jetzt dauernd aufeinander sitzt. Und so toll sind die neuen Hobbys, die man sich ausgedacht hat, wenn man ehrlich ist, nicht.

Sehenden Auges aufs Abstellgleis

Und auch die Zeit vor dem Ende des Arbeitslebens ist nicht schön. Wichtige neue Projekte laufen an einem vorbei, man ist ja bald weg. Die eigene, so wichtige Erfahrung, wird nicht mehr gebraucht, wird nicht mehr wertgeschätzt. Man fährt sehenden Auges aufs Abstellgleis. Eine eklige, niederschmetternde Erfahrung.

An diesem Punkt wird jeder gezwungen inne zu halten und einen Blick auf sein Leben zurück zu werfen. Und wer es da versäumt hat, für sich zu sorgen, emotional, ideell – und natürlich finanziell, wie soll der noch gute Laune haben? Wer jetzt nicht auf ein wirklich gelungenes Leben zurück blicken kann – und jetzt mal ehrlich und keine Lebenslügen! -, der hat eigentlich kaum noch eine Chance, das wirksam zu ändern.

Die Auflösung des Vertrauten

Rund um einen herum ändert sich währenddessen die Welt in atemberaubendem Tempo. Internet, Smartphone, Soziale Medien – alles ganz schlimm. Und so sehr man darüber schimpft, es nützt nichts. Man muss mit – oder wird abgehängt. Schlimmstenfalls von der eigenen Ehefrau, die sich das Internet von Kindern oder Enkeln hat beibringen lassen. Von den Kindern! Den Enkeln!!!

Und dann diese Globalisierung. Alles wird so fremd. Die Worte, die Gesichter, die Sprache, die Nachbarn, die Produkte. Und jetzt auch noch all diese Flüchtlinge. Millionen von ihnen. Schwarze! Araber! Muslime! Frauen mit Kopftuch! Das darf doch nicht wahr sein. Die haben noch ihr Leben vor sich – und wir sollen ihnen noch dabei helfen.

Depression, die Boomkrankheit

Die Psychologie kennt das Phänomen gut: Altersdepression. Menschen über 65 neigen dazu. Sie sind dreimal so anfällig für Depression wie jüngere Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Senioren darunter leiden. Vorzugsweise Männer. Und in Altenheimen sind die Zahlen noch verheerender, da sind fast die Hälfte depressiv. Und Depression ist die Boom-Krankheit schlechthin!

Diagnostiziert und behandelt werden diese Depressionen kaum. Denn alte Menschen geben nur körperliche Malaisen zu, psychische nie: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Also werden die körperlichen Symptome der Altersdepression behandelt, nicht aber die Ursachen: die geknickte Psyche.

Typische Symptome der Altersdepression sind:

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wehrlosigkeit
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken

Die Folgen: Verzweiflung, Aggression, Ohnmachtgefühle, Narzissmus (mangels Selbstwert), Wut, Schuldzuweisungen, Empathieverlust, Rigidität etc.

Gegenmittel: ein geglücktes Leben

Warum ich das schreibe? Ja, auch ich werde älter. Ja, auch ich erlebe Malaisen. Aber ich habe den großen Vorteil, dass ich vor ca 20 Jahren sehr drastisch und effektiv vor der Altersdepression aus berufenem Mund gewarnt worden bin. Zitat: „Herr Konitzer, Sie haben es jetzt noch in der Hand, im Alter griesgrämig auf der Bank zu sitzen – oder gut gelaunt den Lebensnachmittag und -abend zu genießen.“

Ich habe mich damals für Zweiteres entschieden und etliche Dinge in meinem Leben – und vor allem in meinem Psychosystem geändert. Ich hoffe, nachhaltig erfolgreich. Auch ich kenne die schwarzen Vögel, die manchmal über einem kreisen. Aber ich weiß inzwischen, wie ich den Blick von ihnen wenden kann und dem Leben zu.

Der Booster nach rechts

Ich erlebe aber rund um mich herum Altersgenossen, die das nicht gemacht haben. Und mit ihnen zu diskutieren, wird immer schwieriger. Speziell natürlich zum Thema Flüchtlinge. Oft ist die rigide Haltung erschreckend: Grenzen dicht, alle raus, und zwar sofort. Etwa in der Tonlage. Meist verschwiemelt und nur dumpf. Aber wehe, das Thema kommt irgendwie zur Sprache. Und das kommt es heutzutage unweigerlich.

Die Altersdepression und ihre Auswirkungen, das sind jetzt die Probleme der Generation der Babyboomer. Die Ältesten von ihnen, Jahrgang 1946, werden dieses Jahr 70, die Jüngsten, Jahrgang 1964, sind auch schon 52 – und habe es nicht mehr soooo weit hin zur Rente. Und genau diese Generation muss sich jetzt entscheiden, ob sie unsere Welt, Europa und Deutschland nach rechts drängt oder ob sie sich, allen innerem Grummeln zum Trotz, für eine offene, tolerante und vielleicht sogar innovationsfreundliche Gesellschaft erwärmen kann.

Mut machen statt Katastrophismus

Schön wär’s. Wir haben hierzulande keinen Macron, der mit seiner Art einem ganzen Volk Mut, gute Laune und Kraft geben und den Weg in eine offene Gesellschaft verheißungsvoll machen kann. Da ist auch keiner in dieser Art in Sicht. Merkel? Schulz?? Lindner??? Schade. Aber glücklicherweise droht auch kein Rattenfänger rechts von der Mitte.

Bliebe als Hoffnung, dass die Medien endlich ihren Alarmismus und Katastrophismus, ihren Zynismus und ihre akademische Version von Altersdepression beenden und in kritischer Haltung Mut machen sowie die zunehmend schnellere Veränderung der Welt erklären und moderieren. Ich werde versuchen, das an dieser Stelle hier auch weiter zu tun.

In diesem Sinne: Die Zukunft ist da! – Meine Prognosen, was auf uns in den nächsten Jahren alles zukommt, habe ich in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg zusammengefasst.

Die Slides dazu sind hier zu finden: www.slideshare.net/MichaelKonitzer/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

Der Soundfile des Vortrages ist hier: soundcloud.com/michkon-1/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

 

Welten mit Zacken


Die vergangene Kunst des Briefmarkensammelns

„Briefmarken waren Fenster in wunderschöne fremde Welten. Kleine Fenster mit gezackten Kanten, kleine Bildschirme auf denen wunderschöne bunte Bilder projiziert waren. Sie waren nicht besonders wertvoll, aber die bunten Farben, die stolzen Köpfe von Monarchen, die exotischen Vögel und andere Tiere, die majestätischen Schiffe und Flugzeuge, die dort abgebildet waren, waren faszinierend.“

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Die blaue und die rote Mauritius, die teuersten Briefmarken der Welt

Schöner habe ich das weit verbreitete Hobby der Nachkriegszeit, das Briefmarkensammeln, nie beschrieben erlebt wie im Thriller von Peter Robinson „No Cure for Love“. Diese Sätze haben mir geholfen, wieder ein wenig mehr von meinem Vater zu verstehen, der mit Hingabe, Geduld und Fleiß Briefmarken gesammelt hat.

Mit Pinzette und Lupe

Ich habe ihn als Kind oft beobachtet, wie er mit Pinzette und einer dicken Lupe bewaffnet über seine Briefmarkenalben gebeugt saß und die Briefmarken ergänzte, vorsichtig neu sortierte oder auch nur betrachtete. Sie waren nach Ländern und Motiven geordnet und waren am Ende als er – früh – starb, in ca. 25 Alben sortiert. Der Großteil waren Briefmarken aus Deutschland, West und Ost, vor dem Krieg und nach dem Krieg. Aber auch die fernen Kontinente waren umfangreich vertreten und natürlich alle Länder Europas.

So haben mir die Briefmarken eine solide Grundbildung in Geografie und Historie vermitteltet. Ich wusste, wo die verschiedenen Länder der Welt lagen, wie ihre Oberhäupter aussahen, ihre Trachten, technische Errungenschaften und Naturschauspiele (samt Flora und Fauna). Ich kannte Hindenburg und Hitler, erlebte in absurden Preisaufdrucken die Inflation nach dem ersten Weltkrieg und die Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Afrika und Asien – lange bevor das im Geschichtsunterricht durchgenommen wurde.

Der Fetisch der Ersttagsbriefe

Und ich kannte die DDR sehr gut, samt ihren Parolen und ihrer martialischen Staatskunst. Meine Tante, die Schwester meines Vaters, arbeitete in der DDR bei der Post und so bekamen wir alle Neuerscheinungen samt Ersttagsbriefen komplett frei Haus, gestempelt und ungestempelt. Ersttagsbriefe! Es war noch ein Ereignis, wenn neue Briefmarken ausgegeben wurden. Old School-Marketing.

Ich habe nie darüber nachgedacht, was meinen Vater dazu gebracht hat, Briefmarken zu sammeln. Dazu war dieses Hobby in den 50er- und 60er-Jahren zu normal, weit verbreitet und gut beleumundet. Es war der anerkannte Zeitvertreib. Frauen legten Patiencen, Männer widmeten sich ihren Briefmarkensammlungen. Das war der Zeitvertreib vor TV und Internet.

Bildung mit kleinen gezackten Bildchen

Peter Robinson öffnete mir jetzt eine ganz andere, neue Perspektive, dieses Hobby anzusehen. Briefmarken waren wirklich Fenster in andere, fremde Welten. In andere Länder und andere Zeiten. Es war der kleinstmögliche Fernweh-Fetisch – und ein klein wenig auch ein Grundkurs in fremden Sprachen. Man wusste immerhin, wie die länder sich selbst nannten. Sverige war Schweden, Norge Norwegen. Frankreich war France und die Schweiz Helvetia. Und natürlich lernte man auch die fremden Währungen kennen.

Mein Vater hatte definitiv Fernweh. Das erste Mal kam er wohl unfreiwillig aus Deutschland heraus, als Soldat nach Frankreich. Da zog es ihn nach seiner schweren Kriegsverletzung dank der Resistance nie wieder hin. Dafür aber immer und immer wieder nach Italien. Aber auch nach Spanien und sogar Marokko. Das war damals ein Abenteuer, da fuhr man Anfang der 60er Jahre per Schiff hin, von Genua aus.

Die Hoffnung auf den großen Gewinn

Das Fernweh war so groß, dass mein Vater schon Anfang der 50er Jahre italienisch lernte und es gut und flüssig sprach. Er übte ja auch viel. Am liebsten wandte er es in länglichen Preisverhandlungen für Souvenirs und Schmuck für seine Frau an. Da war er in seinem Element obwohl er sonst, was Geld und Finanzen anbetraf, eher unbedarft und ängstlich war, Kriegskind (2 Weltkriege) und Flüchtling (auch 2 mal), der er war.

Ach ja, ein bisschen Lotteriespiel war das Briefmarkensammeln ja auch. Immer wenn mein Vater mit einer neuen dicken Tüte voller en gros gekaufter Briefmarken nach Hause kam, war beim ersten Checken und Vorsortieren auch immer die Hoffnung dabei, dass in dem Haufen eine ganz seltene, wertvolle Briefmarke dabei sein könnte. Keine blaue Mauritius, aber wenigstens ein Fehldruck oder eine seltene Marke ungestempelt.

Das private Fort Knox

Und natürlich war der offizielle Grund des Briefmarkensammelns, dass das eine erstklassige Wertanlage wäre, die kontinuierlich im Wert steigen würde. Für mich waren die Alben als Kind so etwas wie unser ganz privates Fort Knox. Ein buntes Sammelsurium an Wertpapieren mit gezahnten Kanten.

Ich habe die Briefmarkensammlung Mitte der 90er Jahre verkauft. Nach drei Umzügen mit der geerbten Sammlung hatte ich genug davon. Die Wertanlage stellte sich als eher dürftig heraus. Ich bekam gerade mal 6.000 Mark dafür. Herzlich wenig für die ausdauernde und penible Arbeit, die mein Vater in seine Sammlung investiert hat. Aber inzwischen hatte das in Flugzeugen und Autos ausgelebte touristische Fernweh längst diese winzigen Bildchen entwertet.

Wenn Träume Träume bleiben dürfen

Danke an Peter Robinson, dass er mir den Wert der kleinen Bildchen wieder zurückgegeben hat und er die Erinnerung an meinen Vater um eine wunderschöne Facette ergänzt hat. Eine Facette mit gezackten Kanten, ungestempelt und völlig neu gedruckt.

Briefmarken: Eine sehr ökologische Art, Fernweh auszuleben, ganz ohne Billigflieger, Autobahnstau, Touristenschwärme und Kreuzfahrtschiffe. Eine sehr phantasievolle Art von Fernweh: Die kleinen Bildchen mussten schließlich in der eigenen Imagination zum Laufen gebracht werden. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der unsere Träume noch nicht wahr geworden sind, sondern nur geträumt wurden.

[Übrigens: Peter Robinson und vor allem seine Inspektor-Banks-Serie sind mein Favorit, wenn es um – britsche – Krimis geht. Vor allem, weil man dabei auch eine Menge erstklassiger Musik-Tipps bekommt – von Klassik bis Pop und Rock. Und gut geschrieben sind sie sowieso alle.]

Das Post-Effizienz-Zeitalter


Lehrstunde in Südafrika

Manchmal ist es ebenso peinlich wie hilfreich, deutsches Denken ausgetrieben zu bekommen. Wir fuhren mit unseren Freunden über den Highway im südlichen Südafrika. Vor uns ein Pickup mit Einheimischen. Es verging kein Kilometer, an dem nicht irgendeine Büchse, ein Papier oder sonstiger Müll aus dem Auto auf der Straße oder im Straßengraben landete. Dem schaute ich eine Weile zu – und konnte irgendwann nicht umhin, eine sehr deutsche Bemerkung zu machen. Irgendwie von der Art, das gehört sich doch nicht. Wahrscheinlich war es nicht ganz so neutral formuliert.

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Unsere Freunde, er weißer Südafrikaner, sie Deutsche, klärten uns geduldig auf. Das sei nicht Umweltverunreinigung, sondern ein sehr bewusster Akt schwarzer Solidarität und konsequenter Arbeitsbeschaffung. Da der Müll ja irgendwann aufgesammelt werden muss, und das natürlich von schwarzen Arbeitern erledigt wird, sorgten die Autoinsassen vor uns sehr gewissenhaft dafür, dass Landleute von ihnen einen – gut bezahlten – Job als staatlicher Straßenmüllbeseitiger bekommen und immer genug zu tun haben. Es gibt halt immer auch eine alternative Sicht auf Verhaltensweisen. Lesson learned.

Zettels Alptraum

Solch solidarisches Verhalten, das uns Deutschen als hahnebüchene Effizienzvernichtung vorkommt, kann man auch bei jedem Besuch bei einer Bank in Italien erleben. Jede Überweisung (im Inland!) ist ein arbeitsintensiver Kraftakt mit einer (ständig wechselnden) Zahl von Zetteln, Formularen und Anweisungen, zu dem der zuständige SchalterBEAMTE immer unterstützende Hilfe von anderen Kollegen braucht. Und das jedes Mal, weil es immer irgendwie andere Regeln und Prozeduren gibt. Will man einen Scheck einreichen (Inland!), geht erst mal gar nichts, weil das Vorgehen erst noch in der Zentrale geklärt werden muss. Und das kann schon mal Tage dauern.

Alles kein Scherz. (Man erträgt es aber nur mit viel Humor.) Aber es ist eben kein Zufall, dass in den Banken im Land stets eine Vielzahl von Bearbeitern herumwuseln, die ja alle irgendwie ihre Daseinsberechtigung und Tätigkeit nachweisen müssen. Also macht man alles so kompliziert wie möglich. Krönung des erlebten realen Wahnsinns. Eine geschlagene Stunde Wartezeit in einem Postamt, weil die Kundin vor einem ein neues Konto eröffnet. In der Stunde wurde inklusive ein paar Computerabstürzen ein mehr als daumendicker Stapel an Papieren kreiert. Je einer für die Post und einer für den Kunden. Effektiver ist ein Kampf gegen Rationalisierung und Jobabbau  kaum denkbar.

Wer braucht Tegel?

Es ist sehr deutsch, sich über die Ineffizienz aufzuregen. Ein Reflex, der uns sehr leicht von der Hand geht. Schließlich haben wir ja auch einen Ruf zu verlieren, wir Deutsche, die anerkannten Weltmeister der Effizienz. Wo man auch hinkommt in der Welt, ist neben Beckenbauer, Müller (Thomas!), Schweinsteiger, AUDI, Mercedes, BMW (nein, Opel nicht), Erdinger und Jägermeister vor allem unsere deutsche Effizienz, die gelobt wird: pünktliche Züge, funktionierende Luftlinien, streikfreie Produktion und in Großbritannien auch gerne der Blitzkrieg.

Man muss nur mal kurz nach Berlin fliegen, um hautnah zu erleben, wie absurd das Vorurteil deutscher Effizienz sein kann – selbst wenn man einen großen Bogen um BER, das Phantom eines Flughafens, macht. Dafür reicht der alte Flughafen Tegel locker. 15 Minuten Warten, bis an den Flieger, der pünktlich gelandet ist, endlich die Fluggastbrücke gefahren ist. Dann warten auf das Gepäck, das eigentlich nur einen Steinwurf weit transportiert werden muss. Und klar, kein Bus wartet an den Haltestellen. 15 weitere Minuten später kommen denn drei TXL-Busse hintereinander dahergefahren. Effizienz, Berlin-style. Und klar: Berlin braucht Tegel – so der Slogan der FDP(!)-Bürgerinitiative.

Lob der Ineffizienz

Unser Wohnsitz-Hopping zwischen Italien, Erding und Berlin ist immer auch ein Effizienz-Hopping: Italien relaxt, Erding funktionabel, Berlin chaotisch – und retour nach Erding/München. Die unterschiedlichen Effizienzlevel und die unterschiedlichen Arten von Verpeiltheit haben uns sehr geduldig und sehr kreativ in der Entschlüsselung der verschiedenen Effizienz-Defizite gemacht.

Ineffizienz ist auf alle Fälle eine gut funktionierende Waffe gegen Effizienz-Wahn. Das öffnet den Blick auf die uns Deutschen immanente Lust an Zackigheit. Wie sehr wir uns dafür selbst blauäugig an die Kandare nehmen und Freiheiten allzu freiwillig abgeben, wird einem erst dann klar, wenn man einen Nachmittag in Italien, in dem man etwas schnell erledigen wollte, mit netten Gesprächen und lustigen Erlebnissen verbracht hat, ohne das, was man erledigen wollte, erledigt zu haben, dafür aber sehr schöne neue Dinge gelernt hat.

Alternative Effizienz

Oder man lernt, wie schnell und unkompliziert ein abgebrochener Rückspiegel am Auto ersetzt werden sein kann, wenn man ihn in einer italienischen Werkstatt quasi gratis ersetzt bekommt, weil eine Rechnung dafür auszustellen ja viel zu kompliziert und langwierig wäre. Dasselbe ist uns auch mit einem Glühbirnchen im Autoscheinwerfer passiert. Die Birne wurde sofort ersetzt – und ein Ersatzbirnchen gleich mitgegeben. Natürlich auch gratis. Korrekt ist das nicht, auch nicht, dass man dann aus Dankbarkeit ein kleines Trinkgeld zurücklässt. Aber effizient. Alternativ effizient.

Car Plant

Ein lehrreiches Erlebnis war auch das Verhalten unserer Metallwerkstatt in Italien. Wir hatten eine wunderschöne Reling für unsere Terrasse in Auftrag gegeben. Alles verstanden, alles wunderbar, Kostenvoranschlag versprochen. – Aber er kommt nicht. Nachtelefonieren: ja kommt! – Kommt wieder nicht. Zwischenschalten des Bauleiters – Warten. Schließlich nach Monaten die Wahrheit: Der fabbro, der Metallbauer, fand, dass unsere gewünschte Lösung am gewünschten Ort nicht gut aussieht. Zu modern, zu maritim. Aber er hatte erst mal keine bessere Lösung parat. Aber irgendwann, nach Monaten, hat er sie – und dafür kommt auch gleich eine Skizze samt Kostenvoranschlag. Die Lösung war perfekt – und billiger. Vielleicht nicht effizient, aber genau richtig.

Die neue Welt jenseits der Effizienz

Wir müssen uns in solch kluger Non-Effizienz noch viel üben. Aber es ist wichtig, von der Effizienz-Fixierung weg zu kommen. Denn wir haben keine Chance, künftig mit der Effizienz von Robotern und Rechnern auch nur ansatzweise mithalten zu können. Roboter, einmal richtig installiert und mit den richtigen Algorithmen gefüttert, sind fehlerfrei und effizient wie es ein Mensch nie sein kann – und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – abzüglich ein bisserl Wartung.

Schluss also mit unserem Effizienz-Fetisch. Im Gegenteil. Wollen wir in Zukunft eine Chance gegen künstliche Intelligenz und smarte Roboter haben, müssen wir uns auf unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Fähigkeit, uns ablenken zu lassen, und auf unsere emotionalen Beschränkungen und Wirrungen besinnen. Das nämlich macht unsere Kreativität, unsere Phantasie, unsere Ideen aus. Die sind nie effizient, im Gegenteil. Innovationen stören zunächst jede Effizienz, stehen blöd im Weg rum. Sie müssen sich erst durchsetzen – neue Perspektiven schaffen – und wenn nötig, dann auch neue Effizienz.

Fit für die Zukunft


Fake-News haben Konjunktur

Es macht wütend, wenn ein Donald Trump mit seinen Lügen Erfolg hat. Oder in unserem Nachbarland der gruselig-nette Herr Hofer. Aber es ist einfältig, über Menschen herzuziehen, die auf Fake-News und Lügen hereinfallen. Wer sich über die mangelnde Medienkompetenz vermeintlich simpel gestrickter Menschen erhebt, der hängt einer idealisierten Chimäre eines Medien-Businesses nach, die es längt nicht mehr gibt. Wenn es sie denn je gegeben hat.

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Image: Daniel Brown (danielbrowns.com)

Das Medien-Business funktioniert in einer kapitalistischen Welt ganz logisch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage nach gut argumentierenden, womöglich intelligenten und kühl analysierenden Artikeln mit vielen interessanten Informationen über unsere komplizierte und komplexe Welt und deren hochkomplexere Zukunft ist nun mal gering. Ebenso gering wie das Bedürfnis, solch komplexe Sätze wie den letzten lesen zu wollen.

Angebot und Nachfrage

Da erleben jede Fake-News, jede dreiste Verdrehung der Wahrheiten und jede süße Lüge weit mehr Zuspruch. Vor allem, wenn damit die komplexe Welt auf knuddelige Spielzeuggröße geschrumpft wird, wenn Unübersichtlichkeit zu knalligen Abziehbildern mutiert und dabei mehr oder weniger latent verborgene Vorurteile bestärkt werden. Dann traut man sich sogar gerne, sein geheimes Chauvinistenherz mal gepflegt auszuleben. Man ist ja in seiner Beschränktheit nicht mehr allein – und das tut gut so…

Sprachverliebtheiten jetzt mal beiseite: Es tut gut, die Welt wieder einmal ganz einfach erklärt zu bekommen. Es tut gut, die Komplexität der Welt lügenden Medien oder gar bösartigen Eliten in die Schuhe zu schieben. Alles Lüge, was kompliziert scheint. Alles Wahrheit was ins eigene, beschränkte Weltbild passt. Daher haben Fake-News und blanke Lügen Konjunktur. Es gibt sie, weil die Nachfrage danach so groß ist. Und weil die Produzenten damit Geld verdienen und wunderbar das Süppchen ihrer Eigeninteressen kochen können.

Mediale Überhitzung

Warum ist das so? Schon richtig, die Medien sind daran schuld. Mit schuld. Der Run auf immer sonderlichere Neuigkeiten, auf immer schlimmere Katastrophen, immer neue Verbrechen und Gefährdungen ist immens. Das bringt Klicks. (Auflage aber längst nicht mehr.) Und je lauter und schriller der Schlagzeilen-Köder, desto mehr fallen darauf rein. Natürlich fühlen sie sich im Nachhinein deswegen verarscht. Und die Reputation der Medien leidet einmal mehr. Nachschub dafür gibt es immer, das Internet ist der größt denkbare Newsdistributor und Newsbeschleuniger.

Schuld sind auch Technologie und Wissenschaft. Sie sind hochspezialisiert und erzeugen immer neue Ideen, Konzepte und Produkte. Kein Tag ohne neue Erkenntnisse, ohne neue Studien, ohne neue bahnbrechende Erfindungen. Und diese werden heute nicht mehr nur im hermetischen Zirkel der Wissenschaft diskutiert, sondern sie werden weltweit publiziert. Es gibt viele bahnbrechende, disruptive Erkenntnisse. Aber die große Masse ist gar nicht so krass, sie wirkt im Fachchinesisch der Wissenschaft nur so, verstärkt vom Sensationsbedürfnis der Wissenschaftspublizisten.

Gehirne sind nicht für Veränderungen gemacht

Schuld ist natürlich auch die Politik. Die eine – rechte – Seite schürt ohne Unterlass Ängste. Je simpler und diffuser, umso erfolgreicher. Die gängige Politik sagt, dass sie die Ängste ernst nimmt. In Wahrheit ist aber die ganz große Koalition von den C-Parteien, SPD, Grünen (und – falls gewünscht: FDP plus Linke) hilflos in dieser Situation. Diffuse Ängste lassen sich einfach nicht wirksam entkräften. Schon gar nicht durch politischen Aktionismus oder panisches Appeasement nach rechts. Die einzige wirksame Methode hat keiner drauf: Mut machen, glaubhafte Perspektiven schaffen und faszinierende Visionen zeichnen.

Schuld hat aber vor allem die menschliche Physis. Hier speziell die mentale Abteilung. Wie sagt ein Wissenschaftler so treffend: Das menschliche Gehirn ist nicht für Änderungen gemacht. Es reagiert bestens, wenn es Routinen steuert, die sich bewährt haben. Jede Veränderung wird mindestens als lästig, meist jedoch als bedrohlich bewertet. Mit dieser Haltung fuhr das menschliche Gehirn seit Steinzeiten bestens, denn Veränderungen geschahen stets sehr langsam. Oft dauerte es mehr als ein Menschenleben, bis sich etwas bemerkbar veränderte.

Neu verdrahtete Neuronen

Das ist heute so sehr anders. Unsere Elterngeneration musste schon den Wechsel von mindestens zwei oder gar drei Lebensphasen erleben. Hier durch Humankatastrophen wie Weltkriege verursacht. Wir aber erleben gravierende Veränderungen heute schon im Halb-Generationen-Zyklus, also alle zehn bis 15 Jahre. Und das bei kontinuierlicher weiterer Akzeleration.

Für solch schnelle, kontinuierliche Wechsel von Lebensumständen, von Werten und Mechanismen brauchen wir ein völlig neues Gehirn, eine neue, optimierte Verdrahtung der Neuronen. Wir brauchen eine ganz andere mentale Fitness, die Veränderungen nicht nur besser verarbeitet, sondern sie sogar braucht. Wir brauchen eine neue psychische Prädisposition, die Veränderung positiv wertet und nicht mit Unbehagen oder gar Angst, sondern mit Mut und Lust reagiert.

Mentales Fitnessprogramm

Das klingt vielleicht etwas utopisch. Menschliche Gehirne lassen sich nicht schnell mal umprogrammieren oder gar weiterentwickeln. Aber so fremd uns so manches Verhalten der jungen, digitalen Generation(en) scheinen mag, vielleicht entwickelt sich hier ein neues Denken, das sich in seiner Undezidiertheit fit für permanenten Wandel macht. Vielleicht ist die dopamingestützte Smartphone-Abhängigkeit nur eine Übergangs- oder Übungsphase für künftiges, neues versatiles Denken.

Wir digitalen Adepten der älteren Generation sollten daher mit abfälligen Bemerkungen über die kommenden Generationen sehr, sehr vorsichtig sein. Vor allem aber sollten wir uns sehr, sehr, sehr aktiv darum kümmern, unser träges, veränderungsscheues Gehirn so fleißig wie möglich zu trainieren und  unsere mentale Disposition zu optimieren. Übungen und Programme dafür gibt es genug, sogar Apps (z. B. Headspace – englisch!).

Wir müssen uns in dieser sich immer rascher verändernden Welt vor allem dringend um unsere mentale Gesundheit und Fitness kümmern. Mindestens ebenso intensiv und ausdauernd wie wir uns um unsere körperliche Fitness kümmern, eher mehr. Schließlich wollen wir mental ebenso gesund, kräftig und beweglich bleiben wie mit unseren Muskeln und Gelenken. Denn mental stehen uns noch etliche Marathons, Triathlons und andere Dauerbelastungen bevor. Das ist sicher. – Und das ist gut so…

Europe Online – Remembered


20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.