Sind wir fit für unsere Zukunft?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“ Das hat der liebe Joachim Fuchsberger selig festgestellt. Und sogar ein Buch darüber geschrieben. Alt werden, das ist nicht nur eine Zunahme von Malaisen. Alt werden ist nicht nur ein Verlust an Energie und Vitalität. Alt werden ist vor allem eine herbe Belastung für das psychische Immunsystem.

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Alter heißt: schon pensioniert sein bzw. in Rente sein. Das heißt, das gewohnte Leben ist vorbei. Und egal, wie sehr man den Ruhestand herbei gesehnt haben mag, es ist erst mal gar nicht schön, seinen täglichen Rhythmus zu verlieren. Und gar nichts mehr zu sagen zu haben, gar nicht mehr gebraucht zu werden. Und Ehe oder Partnerschaft sind auf dem Prüfstand, wo man jetzt dauernd aufeinander sitzt. Und so toll sind die neuen Hobbys, die man sich ausgedacht hat, wenn man ehrlich ist, nicht.

Sehenden Auges aufs Abstellgleis

Und auch die Zeit vor dem Ende des Arbeitslebens ist nicht schön. Wichtige neue Projekte laufen an einem vorbei, man ist ja bald weg. Die eigene, so wichtige Erfahrung, wird nicht mehr gebraucht, wird nicht mehr wertgeschätzt. Man fährt sehenden Auges aufs Abstellgleis. Eine eklige, niederschmetternde Erfahrung.

An diesem Punkt wird jeder gezwungen inne zu halten und einen Blick auf sein Leben zurück zu werfen. Und wer es da versäumt hat, für sich zu sorgen, emotional, ideell – und natürlich finanziell, wie soll der noch gute Laune haben? Wer jetzt nicht auf ein wirklich gelungenes Leben zurück blicken kann – und jetzt mal ehrlich und keine Lebenslügen! -, der hat eigentlich kaum noch eine Chance, das wirksam zu ändern.

Die Auflösung des Vertrauten

Rund um einen herum ändert sich währenddessen die Welt in atemberaubendem Tempo. Internet, Smartphone, Soziale Medien – alles ganz schlimm. Und so sehr man darüber schimpft, es nützt nichts. Man muss mit – oder wird abgehängt. Schlimmstenfalls von der eigenen Ehefrau, die sich das Internet von Kindern oder Enkeln hat beibringen lassen. Von den Kindern! Den Enkeln!!!

Und dann diese Globalisierung. Alles wird so fremd. Die Worte, die Gesichter, die Sprache, die Nachbarn, die Produkte. Und jetzt auch noch all diese Flüchtlinge. Millionen von ihnen. Schwarze! Araber! Muslime! Frauen mit Kopftuch! Das darf doch nicht wahr sein. Die haben noch ihr Leben vor sich – und wir sollen ihnen noch dabei helfen.

Depression, die Boomkrankheit

Die Psychologie kennt das Phänomen gut: Altersdepression. Menschen über 65 neigen dazu. Sie sind dreimal so anfällig für Depression wie jüngere Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25 Prozent der Senioren darunter leiden. Vorzugsweise Männer. Und in Altenheimen sind die Zahlen noch verheerender, da sind fast die Hälfte depressiv. Und Depression ist die Boom-Krankheit schlechthin!

Diagnostiziert und behandelt werden diese Depressionen kaum. Denn alte Menschen geben nur körperliche Malaisen zu, psychische nie: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Also werden die körperlichen Symptome der Altersdepression behandelt, nicht aber die Ursachen: die geknickte Psyche.

Typische Symptome der Altersdepression sind:

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühl von Schuld und Wehrlosigkeit
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken

Die Folgen: Verzweiflung, Aggression, Ohnmachtgefühle, Narzissmus (mangels Selbstwert), Wut, Schuldzuweisungen, Empathieverlust, Rigidität etc.

Gegenmittel: ein geglücktes Leben

Warum ich das schreibe? Ja, auch ich werde älter. Ja, auch ich erlebe Malaisen. Aber ich habe den großen Vorteil, dass ich vor ca 20 Jahren sehr drastisch und effektiv vor der Altersdepression aus berufenem Mund gewarnt worden bin. Zitat: „Herr Konitzer, Sie haben es jetzt noch in der Hand, im Alter griesgrämig auf der Bank zu sitzen – oder gut gelaunt den Lebensnachmittag und -abend zu genießen.“

Ich habe mich damals für Zweiteres entschieden und etliche Dinge in meinem Leben – und vor allem in meinem Psychosystem geändert. Ich hoffe, nachhaltig erfolgreich. Auch ich kenne die schwarzen Vögel, die manchmal über einem kreisen. Aber ich weiß inzwischen, wie ich den Blick von ihnen wenden kann und dem Leben zu.

Der Booster nach rechts

Ich erlebe aber rund um mich herum Altersgenossen, die das nicht gemacht haben. Und mit ihnen zu diskutieren, wird immer schwieriger. Speziell natürlich zum Thema Flüchtlinge. Oft ist die rigide Haltung erschreckend: Grenzen dicht, alle raus, und zwar sofort. Etwa in der Tonlage. Meist verschwiemelt und nur dumpf. Aber wehe, das Thema kommt irgendwie zur Sprache. Und das kommt es heutzutage unweigerlich.

Die Altersdepression und ihre Auswirkungen, das sind jetzt die Probleme der Generation der Babyboomer. Die Ältesten von ihnen, Jahrgang 1946, werden dieses Jahr 70, die Jüngsten, Jahrgang 1964, sind auch schon 52 – und habe es nicht mehr soooo weit hin zur Rente. Und genau diese Generation muss sich jetzt entscheiden, ob sie unsere Welt, Europa und Deutschland nach rechts drängt oder ob sie sich, allen innerem Grummeln zum Trotz, für eine offene, tolerante und vielleicht sogar innovationsfreundliche Gesellschaft erwärmen kann.

Mut machen statt Katastrophismus

Schön wär’s. Wir haben hierzulande keinen Macron, der mit seiner Art einem ganzen Volk Mut, gute Laune und Kraft geben und den Weg in eine offene Gesellschaft verheißungsvoll machen kann. Da ist auch keiner in dieser Art in Sicht. Merkel? Schulz?? Lindner??? Schade. Aber glücklicherweise droht auch kein Rattenfänger rechts von der Mitte.

Bliebe als Hoffnung, dass die Medien endlich ihren Alarmismus und Katastrophismus, ihren Zynismus und ihre akademische Version von Altersdepression beenden und in kritischer Haltung Mut machen sowie die zunehmend schnellere Veränderung der Welt erklären und moderieren. Ich werde versuchen, das an dieser Stelle hier auch weiter zu tun.

In diesem Sinne: Die Zukunft ist da! – Meine Prognosen, was auf uns in den nächsten Jahren alles zukommt, habe ich in einem Vortrag bei den Lokalrundfunktagen in Nürnberg zusammengefasst.

Die Slides dazu sind hier zu finden: www.slideshare.net/MichaelKonitzer/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

Der Soundfile des Vortrages ist hier: soundcloud.com/michkon-1/die-zukunft-ist-da-jetzt-aber-echt

 

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Welten mit Zacken

22. Juli 2017


Die vergangene Kunst des Briefmarkensammelns

„Briefmarken waren Fenster in wunderschöne fremde Welten. Kleine Fenster mit gezackten Kanten, kleine Bildschirme auf denen wunderschöne bunte Bilder projiziert waren. Sie waren nicht besonders wertvoll, aber die bunten Farben, die stolzen Köpfe von Monarchen, die exotischen Vögel und andere Tiere, die majestätischen Schiffe und Flugzeuge, die dort abgebildet waren, waren faszinierend.“

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Die blaue und die rote Mauritius, die teuersten Briefmarken der Welt

Schöner habe ich das weit verbreitete Hobby der Nachkriegszeit, das Briefmarkensammeln, nie beschrieben erlebt wie im Thriller von Peter Robinson „No Cure for Love“. Diese Sätze haben mir geholfen, wieder ein wenig mehr von meinem Vater zu verstehen, der mit Hingabe, Geduld und Fleiß Briefmarken gesammelt hat.

Mit Pinzette und Lupe

Ich habe ihn als Kind oft beobachtet, wie er mit Pinzette und einer dicken Lupe bewaffnet über seine Briefmarkenalben gebeugt saß und die Briefmarken ergänzte, vorsichtig neu sortierte oder auch nur betrachtete. Sie waren nach Ländern und Motiven geordnet und waren am Ende als er – früh – starb, in ca. 25 Alben sortiert. Der Großteil waren Briefmarken aus Deutschland, West und Ost, vor dem Krieg und nach dem Krieg. Aber auch die fernen Kontinente waren umfangreich vertreten und natürlich alle Länder Europas.

So haben mir die Briefmarken eine solide Grundbildung in Geografie und Historie vermitteltet. Ich wusste, wo die verschiedenen Länder der Welt lagen, wie ihre Oberhäupter aussahen, ihre Trachten, technische Errungenschaften und Naturschauspiele (samt Flora und Fauna). Ich kannte Hindenburg und Hitler, erlebte in absurden Preisaufdrucken die Inflation nach dem ersten Weltkrieg und die Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Afrika und Asien – lange bevor das im Geschichtsunterricht durchgenommen wurde.

Der Fetisch der Ersttagsbriefe

Und ich kannte die DDR sehr gut, samt ihren Parolen und ihrer martialischen Staatskunst. Meine Tante, die Schwester meines Vaters, arbeitete in der DDR bei der Post und so bekamen wir alle Neuerscheinungen samt Ersttagsbriefen komplett frei Haus, gestempelt und ungestempelt. Ersttagsbriefe! Es war noch ein Ereignis, wenn neue Briefmarken ausgegeben wurden. Old School-Marketing.

Ich habe nie darüber nachgedacht, was meinen Vater dazu gebracht hat, Briefmarken zu sammeln. Dazu war dieses Hobby in den 50er- und 60er-Jahren zu normal, weit verbreitet und gut beleumundet. Es war der anerkannte Zeitvertreib. Frauen legten Patiencen, Männer widmeten sich ihren Briefmarkensammlungen. Das war der Zeitvertreib vor TV und Internet.

Bildung mit kleinen gezackten Bildchen

Peter Robinson öffnete mir jetzt eine ganz andere, neue Perspektive, dieses Hobby anzusehen. Briefmarken waren wirklich Fenster in andere, fremde Welten. In andere Länder und andere Zeiten. Es war der kleinstmögliche Fernweh-Fetisch – und ein klein wenig auch ein Grundkurs in fremden Sprachen. Man wusste immerhin, wie die länder sich selbst nannten. Sverige war Schweden, Norge Norwegen. Frankreich war France und die Schweiz Helvetia. Und natürlich lernte man auch die fremden Währungen kennen.

Mein Vater hatte definitiv Fernweh. Das erste Mal kam er wohl unfreiwillig aus Deutschland heraus, als Soldat nach Frankreich. Da zog es ihn nach seiner schweren Kriegsverletzung dank der Resistance nie wieder hin. Dafür aber immer und immer wieder nach Italien. Aber auch nach Spanien und sogar Marokko. Das war damals ein Abenteuer, da fuhr man Anfang der 60er Jahre per Schiff hin, von Genua aus.

Die Hoffnung auf den großen Gewinn

Das Fernweh war so groß, dass mein Vater schon Anfang der 50er Jahre italienisch lernte und es gut und flüssig sprach. Er übte ja auch viel. Am liebsten wandte er es in länglichen Preisverhandlungen für Souvenirs und Schmuck für seine Frau an. Da war er in seinem Element obwohl er sonst, was Geld und Finanzen anbetraf, eher unbedarft und ängstlich war, Kriegskind (2 Weltkriege) und Flüchtling (auch 2 mal), der er war.

Ach ja, ein bisschen Lotteriespiel war das Briefmarkensammeln ja auch. Immer wenn mein Vater mit einer neuen dicken Tüte voller en gros gekaufter Briefmarken nach Hause kam, war beim ersten Checken und Vorsortieren auch immer die Hoffnung dabei, dass in dem Haufen eine ganz seltene, wertvolle Briefmarke dabei sein könnte. Keine blaue Mauritius, aber wenigstens ein Fehldruck oder eine seltene Marke ungestempelt.

Das private Fort Knox

Und natürlich war der offizielle Grund des Briefmarkensammelns, dass das eine erstklassige Wertanlage wäre, die kontinuierlich im Wert steigen würde. Für mich waren die Alben als Kind so etwas wie unser ganz privates Fort Knox. Ein buntes Sammelsurium an Wertpapieren mit gezahnten Kanten.

Ich habe die Briefmarkensammlung Mitte der 90er Jahre verkauft. Nach drei Umzügen mit der geerbten Sammlung hatte ich genug davon. Die Wertanlage stellte sich als eher dürftig heraus. Ich bekam gerade mal 6.000 Mark dafür. Herzlich wenig für die ausdauernde und penible Arbeit, die mein Vater in seine Sammlung investiert hat. Aber inzwischen hatte das in Flugzeugen und Autos ausgelebte touristische Fernweh längst diese winzigen Bildchen entwertet.

Wenn Träume Träume bleiben dürfen

Danke an Peter Robinson, dass er mir den Wert der kleinen Bildchen wieder zurückgegeben hat und er die Erinnerung an meinen Vater um eine wunderschöne Facette ergänzt hat. Eine Facette mit gezackten Kanten, ungestempelt und völlig neu gedruckt.

Briefmarken: Eine sehr ökologische Art, Fernweh auszuleben, ganz ohne Billigflieger, Autobahnstau, Touristenschwärme und Kreuzfahrtschiffe. Eine sehr phantasievolle Art von Fernweh: Die kleinen Bildchen mussten schließlich in der eigenen Imagination zum Laufen gebracht werden. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der unsere Träume noch nicht wahr geworden sind, sondern nur geträumt wurden.

[Übrigens: Peter Robinson und vor allem seine Inspektor-Banks-Serie sind mein Favorit, wenn es um – britsche – Krimis geht. Vor allem, weil man dabei auch eine Menge erstklassiger Musik-Tipps bekommt – von Klassik bis Pop und Rock. Und gut geschrieben sind sie sowieso alle.]


Lehrstunde in Südafrika

Manchmal ist es ebenso peinlich wie hilfreich, deutsches Denken ausgetrieben zu bekommen. Wir fuhren mit unseren Freunden über den Highway im südlichen Südafrika. Vor uns ein Pickup mit Einheimischen. Es verging kein Kilometer, an dem nicht irgendeine Büchse, ein Papier oder sonstiger Müll aus dem Auto auf der Straße oder im Straßengraben landete. Dem schaute ich eine Weile zu – und konnte irgendwann nicht umhin, eine sehr deutsche Bemerkung zu machen. Irgendwie von der Art, das gehört sich doch nicht. Wahrscheinlich war es nicht ganz so neutral formuliert.

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Unsere Freunde, er weißer Südafrikaner, sie Deutsche, klärten uns geduldig auf. Das sei nicht Umweltverunreinigung, sondern ein sehr bewusster Akt schwarzer Solidarität und konsequenter Arbeitsbeschaffung. Da der Müll ja irgendwann aufgesammelt werden muss, und das natürlich von schwarzen Arbeitern erledigt wird, sorgten die Autoinsassen vor uns sehr gewissenhaft dafür, dass Landleute von ihnen einen – gut bezahlten – Job als staatlicher Straßenmüllbeseitiger bekommen und immer genug zu tun haben. Es gibt halt immer auch eine alternative Sicht auf Verhaltensweisen. Lesson learned.

Zettels Alptraum

Solch solidarisches Verhalten, das uns Deutschen als hahnebüchene Effizienzvernichtung vorkommt, kann man auch bei jedem Besuch bei einer Bank in Italien erleben. Jede Überweisung (im Inland!) ist ein arbeitsintensiver Kraftakt mit einer (ständig wechselnden) Zahl von Zetteln, Formularen und Anweisungen, zu dem der zuständige SchalterBEAMTE immer unterstützende Hilfe von anderen Kollegen braucht. Und das jedes Mal, weil es immer irgendwie andere Regeln und Prozeduren gibt. Will man einen Scheck einreichen (Inland!), geht erst mal gar nichts, weil das Vorgehen erst noch in der Zentrale geklärt werden muss. Und das kann schon mal Tage dauern.

Alles kein Scherz. (Man erträgt es aber nur mit viel Humor.) Aber es ist eben kein Zufall, dass in den Banken im Land stets eine Vielzahl von Bearbeitern herumwuseln, die ja alle irgendwie ihre Daseinsberechtigung und Tätigkeit nachweisen müssen. Also macht man alles so kompliziert wie möglich. Krönung des erlebten realen Wahnsinns. Eine geschlagene Stunde Wartezeit in einem Postamt, weil die Kundin vor einem ein neues Konto eröffnet. In der Stunde wurde inklusive ein paar Computerabstürzen ein mehr als daumendicker Stapel an Papieren kreiert. Je einer für die Post und einer für den Kunden. Effektiver ist ein Kampf gegen Rationalisierung und Jobabbau  kaum denkbar.

Wer braucht Tegel?

Es ist sehr deutsch, sich über die Ineffizienz aufzuregen. Ein Reflex, der uns sehr leicht von der Hand geht. Schließlich haben wir ja auch einen Ruf zu verlieren, wir Deutsche, die anerkannten Weltmeister der Effizienz. Wo man auch hinkommt in der Welt, ist neben Beckenbauer, Müller (Thomas!), Schweinsteiger, AUDI, Mercedes, BMW (nein, Opel nicht), Erdinger und Jägermeister vor allem unsere deutsche Effizienz, die gelobt wird: pünktliche Züge, funktionierende Luftlinien, streikfreie Produktion und in Großbritannien auch gerne der Blitzkrieg.

Man muss nur mal kurz nach Berlin fliegen, um hautnah zu erleben, wie absurd das Vorurteil deutscher Effizienz sein kann – selbst wenn man einen großen Bogen um BER, das Phantom eines Flughafens, macht. Dafür reicht der alte Flughafen Tegel locker. 15 Minuten Warten, bis an den Flieger, der pünktlich gelandet ist, endlich die Fluggastbrücke gefahren ist. Dann warten auf das Gepäck, das eigentlich nur einen Steinwurf weit transportiert werden muss. Und klar, kein Bus wartet an den Haltestellen. 15 weitere Minuten später kommen denn drei TXL-Busse hintereinander dahergefahren. Effizienz, Berlin-style. Und klar: Berlin braucht Tegel – so der Slogan der FDP(!)-Bürgerinitiative.

Lob der Ineffizienz

Unser Wohnsitz-Hopping zwischen Italien, Erding und Berlin ist immer auch ein Effizienz-Hopping: Italien relaxt, Erding funktionabel, Berlin chaotisch – und retour nach Erding/München. Die unterschiedlichen Effizienzlevel und die unterschiedlichen Arten von Verpeiltheit haben uns sehr geduldig und sehr kreativ in der Entschlüsselung der verschiedenen Effizienz-Defizite gemacht.

Ineffizienz ist auf alle Fälle eine gut funktionierende Waffe gegen Effizienz-Wahn. Das öffnet den Blick auf die uns Deutschen immanente Lust an Zackigheit. Wie sehr wir uns dafür selbst blauäugig an die Kandare nehmen und Freiheiten allzu freiwillig abgeben, wird einem erst dann klar, wenn man einen Nachmittag in Italien, in dem man etwas schnell erledigen wollte, mit netten Gesprächen und lustigen Erlebnissen verbracht hat, ohne das, was man erledigen wollte, erledigt zu haben, dafür aber sehr schöne neue Dinge gelernt hat.

Alternative Effizienz

Oder man lernt, wie schnell und unkompliziert ein abgebrochener Rückspiegel am Auto ersetzt werden sein kann, wenn man ihn in einer italienischen Werkstatt quasi gratis ersetzt bekommt, weil eine Rechnung dafür auszustellen ja viel zu kompliziert und langwierig wäre. Dasselbe ist uns auch mit einem Glühbirnchen im Autoscheinwerfer passiert. Die Birne wurde sofort ersetzt – und ein Ersatzbirnchen gleich mitgegeben. Natürlich auch gratis. Korrekt ist das nicht, auch nicht, dass man dann aus Dankbarkeit ein kleines Trinkgeld zurücklässt. Aber effizient. Alternativ effizient.

Car Plant

Ein lehrreiches Erlebnis war auch das Verhalten unserer Metallwerkstatt in Italien. Wir hatten eine wunderschöne Reling für unsere Terrasse in Auftrag gegeben. Alles verstanden, alles wunderbar, Kostenvoranschlag versprochen. – Aber er kommt nicht. Nachtelefonieren: ja kommt! – Kommt wieder nicht. Zwischenschalten des Bauleiters – Warten. Schließlich nach Monaten die Wahrheit: Der fabbro, der Metallbauer, fand, dass unsere gewünschte Lösung am gewünschten Ort nicht gut aussieht. Zu modern, zu maritim. Aber er hatte erst mal keine bessere Lösung parat. Aber irgendwann, nach Monaten, hat er sie – und dafür kommt auch gleich eine Skizze samt Kostenvoranschlag. Die Lösung war perfekt – und billiger. Vielleicht nicht effizient, aber genau richtig.

Die neue Welt jenseits der Effizienz

Wir müssen uns in solch kluger Non-Effizienz noch viel üben. Aber es ist wichtig, von der Effizienz-Fixierung weg zu kommen. Denn wir haben keine Chance, künftig mit der Effizienz von Robotern und Rechnern auch nur ansatzweise mithalten zu können. Roboter, einmal richtig installiert und mit den richtigen Algorithmen gefüttert, sind fehlerfrei und effizient wie es ein Mensch nie sein kann – und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – abzüglich ein bisserl Wartung.

Schluss also mit unserem Effizienz-Fetisch. Im Gegenteil. Wollen wir in Zukunft eine Chance gegen künstliche Intelligenz und smarte Roboter haben, müssen wir uns auf unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Fähigkeit, uns ablenken zu lassen, und auf unsere emotionalen Beschränkungen und Wirrungen besinnen. Das nämlich macht unsere Kreativität, unsere Phantasie, unsere Ideen aus. Die sind nie effizient, im Gegenteil. Innovationen stören zunächst jede Effizienz, stehen blöd im Weg rum. Sie müssen sich erst durchsetzen – neue Perspektiven schaffen – und wenn nötig, dann auch neue Effizienz.

Fit für die Zukunft

7. Dezember 2016


Fake-News haben Konjunktur

Es macht wütend, wenn ein Donald Trump mit seinen Lügen Erfolg hat. Oder in unserem Nachbarland der gruselig-nette Herr Hofer. Aber es ist einfältig, über Menschen herzuziehen, die auf Fake-News und Lügen hereinfallen. Wer sich über die mangelnde Medienkompetenz vermeintlich simpel gestrickter Menschen erhebt, der hängt einer idealisierten Chimäre eines Medien-Businesses nach, die es längt nicht mehr gibt. Wenn es sie denn je gegeben hat.

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Image: Daniel Brown (danielbrowns.com)

Das Medien-Business funktioniert in einer kapitalistischen Welt ganz logisch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage nach gut argumentierenden, womöglich intelligenten und kühl analysierenden Artikeln mit vielen interessanten Informationen über unsere komplizierte und komplexe Welt und deren hochkomplexere Zukunft ist nun mal gering. Ebenso gering wie das Bedürfnis, solch komplexe Sätze wie den letzten lesen zu wollen.

Angebot und Nachfrage

Da erleben jede Fake-News, jede dreiste Verdrehung der Wahrheiten und jede süße Lüge weit mehr Zuspruch. Vor allem, wenn damit die komplexe Welt auf knuddelige Spielzeuggröße geschrumpft wird, wenn Unübersichtlichkeit zu knalligen Abziehbildern mutiert und dabei mehr oder weniger latent verborgene Vorurteile bestärkt werden. Dann traut man sich sogar gerne, sein geheimes Chauvinistenherz mal gepflegt auszuleben. Man ist ja in seiner Beschränktheit nicht mehr allein – und das tut gut so…

Sprachverliebtheiten jetzt mal beiseite: Es tut gut, die Welt wieder einmal ganz einfach erklärt zu bekommen. Es tut gut, die Komplexität der Welt lügenden Medien oder gar bösartigen Eliten in die Schuhe zu schieben. Alles Lüge, was kompliziert scheint. Alles Wahrheit was ins eigene, beschränkte Weltbild passt. Daher haben Fake-News und blanke Lügen Konjunktur. Es gibt sie, weil die Nachfrage danach so groß ist. Und weil die Produzenten damit Geld verdienen und wunderbar das Süppchen ihrer Eigeninteressen kochen können.

Mediale Überhitzung

Warum ist das so? Schon richtig, die Medien sind daran schuld. Mit schuld. Der Run auf immer sonderlichere Neuigkeiten, auf immer schlimmere Katastrophen, immer neue Verbrechen und Gefährdungen ist immens. Das bringt Klicks. (Auflage aber längst nicht mehr.) Und je lauter und schriller der Schlagzeilen-Köder, desto mehr fallen darauf rein. Natürlich fühlen sie sich im Nachhinein deswegen verarscht. Und die Reputation der Medien leidet einmal mehr. Nachschub dafür gibt es immer, das Internet ist der größt denkbare Newsdistributor und Newsbeschleuniger.

Schuld sind auch Technologie und Wissenschaft. Sie sind hochspezialisiert und erzeugen immer neue Ideen, Konzepte und Produkte. Kein Tag ohne neue Erkenntnisse, ohne neue Studien, ohne neue bahnbrechende Erfindungen. Und diese werden heute nicht mehr nur im hermetischen Zirkel der Wissenschaft diskutiert, sondern sie werden weltweit publiziert. Es gibt viele bahnbrechende, disruptive Erkenntnisse. Aber die große Masse ist gar nicht so krass, sie wirkt im Fachchinesisch der Wissenschaft nur so, verstärkt vom Sensationsbedürfnis der Wissenschaftspublizisten.

Gehirne sind nicht für Veränderungen gemacht

Schuld ist natürlich auch die Politik. Die eine – rechte – Seite schürt ohne Unterlass Ängste. Je simpler und diffuser, umso erfolgreicher. Die gängige Politik sagt, dass sie die Ängste ernst nimmt. In Wahrheit ist aber die ganz große Koalition von den C-Parteien, SPD, Grünen (und – falls gewünscht: FDP plus Linke) hilflos in dieser Situation. Diffuse Ängste lassen sich einfach nicht wirksam entkräften. Schon gar nicht durch politischen Aktionismus oder panisches Appeasement nach rechts. Die einzige wirksame Methode hat keiner drauf: Mut machen, glaubhafte Perspektiven schaffen und faszinierende Visionen zeichnen.

Schuld hat aber vor allem die menschliche Physis. Hier speziell die mentale Abteilung. Wie sagt ein Wissenschaftler so treffend: Das menschliche Gehirn ist nicht für Änderungen gemacht. Es reagiert bestens, wenn es Routinen steuert, die sich bewährt haben. Jede Veränderung wird mindestens als lästig, meist jedoch als bedrohlich bewertet. Mit dieser Haltung fuhr das menschliche Gehirn seit Steinzeiten bestens, denn Veränderungen geschahen stets sehr langsam. Oft dauerte es mehr als ein Menschenleben, bis sich etwas bemerkbar veränderte.

Neu verdrahtete Neuronen

Das ist heute so sehr anders. Unsere Elterngeneration musste schon den Wechsel von mindestens zwei oder gar drei Lebensphasen erleben. Hier durch Humankatastrophen wie Weltkriege verursacht. Wir aber erleben gravierende Veränderungen heute schon im Halb-Generationen-Zyklus, also alle zehn bis 15 Jahre. Und das bei kontinuierlicher weiterer Akzeleration.

Für solch schnelle, kontinuierliche Wechsel von Lebensumständen, von Werten und Mechanismen brauchen wir ein völlig neues Gehirn, eine neue, optimierte Verdrahtung der Neuronen. Wir brauchen eine ganz andere mentale Fitness, die Veränderungen nicht nur besser verarbeitet, sondern sie sogar braucht. Wir brauchen eine neue psychische Prädisposition, die Veränderung positiv wertet und nicht mit Unbehagen oder gar Angst, sondern mit Mut und Lust reagiert.

Mentales Fitnessprogramm

Das klingt vielleicht etwas utopisch. Menschliche Gehirne lassen sich nicht schnell mal umprogrammieren oder gar weiterentwickeln. Aber so fremd uns so manches Verhalten der jungen, digitalen Generation(en) scheinen mag, vielleicht entwickelt sich hier ein neues Denken, das sich in seiner Undezidiertheit fit für permanenten Wandel macht. Vielleicht ist die dopamingestützte Smartphone-Abhängigkeit nur eine Übergangs- oder Übungsphase für künftiges, neues versatiles Denken.

Wir digitalen Adepten der älteren Generation sollten daher mit abfälligen Bemerkungen über die kommenden Generationen sehr, sehr vorsichtig sein. Vor allem aber sollten wir uns sehr, sehr, sehr aktiv darum kümmern, unser träges, veränderungsscheues Gehirn so fleißig wie möglich zu trainieren und  unsere mentale Disposition zu optimieren. Übungen und Programme dafür gibt es genug, sogar Apps (z. B. Headspace – englisch!).

Wir müssen uns in dieser sich immer rascher verändernden Welt vor allem dringend um unsere mentale Gesundheit und Fitness kümmern. Mindestens ebenso intensiv und ausdauernd wie wir uns um unsere körperliche Fitness kümmern, eher mehr. Schließlich wollen wir mental ebenso gesund, kräftig und beweglich bleiben wie mit unseren Muskeln und Gelenken. Denn mental stehen uns noch etliche Marathons, Triathlons und andere Dauerbelastungen bevor. Das ist sicher. – Und das ist gut so…


20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.


Mein Digitales Tagebuch auf Europe Online Ende 1995. Startend am 345. Tag des Jahres.

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Die Magazine

mak@muc 345.95.23:44

36 Tage nach dem Start auf der neuen Netscape-Plattform sind die ersten beiden Online-Magazine von Europe Online fertig und auf den Server geschickt: MovieMag und Business Magazin. Das macht auch ein bißchen stolz.

In 36 Tagen eine neue Software beherrschen lernen, die entsprechenden Templates etc. bauen, ein völlig neues Online-Konzept entwickeln, das Internet-kompatibel ist, und dann die entsprechenden Inhalte (samt Fotos) kreieren – wer die Online-Welt kennt und weiß, wie wenig Tools es bisher für Netscape 2.0 gibt, wird Respekt nicht verweigern können.

Das Redaktionsteam, die Produktentwicklung und die Technik haben viele kleine (und große) Wunder vollbracht.

Aber ohne die stilsichere Arbeit, den Mega-Einsatz – und die unverwüstliche Geduld von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine in New York hätte auch das nicht gereicht. Sie haben die Optik und den Outlook von Europe Online in Rekordzeit perfekt entwickelt und technisch umgesetzt.

Und noch eine Lehre für heute: Man kann nie zuviel loben!

Hans im Klick

mak@muc.346.95.18:59

Ich habe die Zukunft von (Europe!) Online gesehen. Blender, das CD-Magazin, hat auf seiner Teaser-Site ein wahres Feuerwerk an optischen Gags, Sounds und bewegten Optiken vorgelegt. Die Beta-Version von Shockwave von Macromedia machte es möglich.

Wenn am Freitag Europe Online Deutschland (EOD) im Netz ist und die üblichen und absehbaren Bugs gebändigt sind, werden wir sofort damit anfangen, diesem bisher so stummen, statischen Medium schleunigst Töne beizubringen und Beine zu machen.

Wer liebt ihn nicht: Hans im Klick?

No Rosegarden

mak@muc.347.95.22:34

Unser Motto der letzten Wochen hat sich ein weiteres Mal bewahrheitet: No one promised you a rosegarden!

Klar, Frusttoleranzen sind das A & O, startet man einen neuen Service – und das auch noch mit einer neuen Technologie und neuer Soft- und Hardware. Aber manchmal kommt es einfach zu dicke!

Die geplanten Foren und Chats von Europe Online werden bestenfalls im späten Januar funktionieren. Wie haben einfach zuviel in zu kurzer Zeit gewollt.

Der Trost: Immerhin haben wir tolle Contents. Gerade sind die knapp 100 Seiten FreizeitPark auf den Server (der funktioniert wenigstens!) gegangen. Ein echtes Vergnügen, die Seiten anzuschauen oder sich im Labyrinth der Geschenkmaschine zu verirren. Trost! Merke: Auch abseits des Rosengartens blühen schöne, faszinierende Blüten!

Erster Zieleinlauf

mak@muc.348.95.23.04

Die letzten Seiten sind auf den Server geschickt. Compute, das Computermagazin, ist in absoluter Rekordzeit produziert worden. Es ist nicht nur inhaltlich gut und optisch klasse, es ist auch endlich ein (Online-)Computermagazin, das für Normaluser und Anfänger taugt (also auch für mich). Es ist allgemeinverständlich gehalten, gibt wirklich nützliche Tips und vernachlässigt trotzdem nicht die Bedrfnisse der High-End-User. Karsten und sein Team haben hier wirklich erstklassige Arbeit geleistet.

Auch „News“ sowie das gesamte Backing-Material „Tips für Einsteiger“, „Inhalt“ und „Impressum“ sind fertig. Harald Taglinger hat hier nicht nur Wunder vollbracht, sondern Stunden platinener Konzentration gezeigt und dabei eine dermaßen gute Laune an den Tag gelegt, daß man ihm fast nicht weniger Arbeit geben will.

Der Prosecco zum ersten Zieleinlauf auf einer langen Strecke ist wohlverdient – Morgen warten auf uns die fertigen Seiten. Spannung, welche Bugs uns überraschen werden, welche Seiten funktionieren und welche Links haken …

Das schöne an der digitalen Welt ist, daß man sich nicht mehr so orgasmisch (nur) einmal (analog) über einen Redaktions- oder Produktionsschluß freuen kann, sondern daß es morgen ganz normal weitergeht, daß jeder Tag seine eigenen Belohnungen, seine eigenen Höhepunkte und seine eigenen Überraschungen bereit hlt.

Tiefes Durchatmen, daß endlich Europe Online real zu existieren anfngt. Eine Idee, eine Vision (nicht zuletzt von Dr. Hubert Burda) ist Wirklichkeit geworden. Herzlich willkommen, User!!!

Startschuss

mak@muc.349.95.15.08

Endlich der große Tag: Startschuß für Europe Online! Die Spannung am Morgen ist immens! Hat es geklappt, alle unsere Inhalte über Nacht vom Pre-Production-Server auf den Public-Server zu bringen?

Bravo & Jubel! Die Technik in Luxemburg hat es geschafft. Herzlichsten Dank und tiefste Komplimente: Paul Moody und sein Team haben nicht nur Computer und Server operabel gemacht, sie mußten unsere Inhalte, die wir leider erst spät nachts fertig hatten, die Datenmengen bis zum Morgengrauen live bringen. Schade, daß wir diesen Leuten nicht persönlich, sondern immer nur per Telefon danken können.

Natürlich gibt es noch reichlich Bugs in unserem Dienst. Ein falscher Großbuchstabe im Code, eine fehlende Steuerdatei, ein Versehen hier, ein Mißverstndnis dort. Schuldfragen sind müßig. Es wäre ja fast unnatürlich, wäre so ein Mammutwerk ohne Bugs abgegangen. Die nächsten Tage werden wir viel Arbeit haben, Bugs zu fixen, nötige Programmreparaturen zu machen und vor allem einen unstressigeren Workflow zu entwickeln.

Um 11.00 Uhr dann der erste Anruf eines Users. Dicke Komplimente für die einfache einfache Installations-Möglichkeit und die Qualität der Inhalte. Riesige Freude darüber.

Offizieller Start

mak@muc.350.95.19:22

Am gestrigen Nachmittag der offizielle Start von Europe Online Deutschland durch Verleger Dr. Hubert Burda. Sogar ein (virtueller!) roter Start-Knopf wurde installiert. Um 17.00 Uhr ist es soweit: Europe Online Deutschland ist nun offiziell online.

Die Präsentation der Inhalte klappt bestens. Komplimente, Anerkennung, Händedrücken. Wichtigste Anmerkung in der Rede von Geschäftsführer Andreas Struck: Nur als Team, nur durch das enge Zusammenrücken aller Abteilungen, wurde der rekordverdächtig schnelle Aufbau von EOD und die Masse an Inhalten (ca. 450 Seiten in 6 Wochen!) möglich.

(Online-)Verleger Dr. Hubert Burda ließ pointiert die kurze, sehr abwechslungsreiche Geschichte von Europe Online seit der ersten Idee 1993 bis zum Platformwechsel sechs Wochen vor dem Start Revue passieren. Europe Online ist so gesehen auch ein Stück Mediengeschichte.

Dr. Burda bekräftigte noch einmal die Entscheidung, statt in einem proprietären System mit Abogebühren frei und gratis im Internet zugänglich zu sein. Dr. Burda: „Content is free! Ich kann mir nicht vorstellen, Maut dafür zu verlangen, wenn man in die Maximilianstraße (Münchens erste Einkaufsadresse) will.“

Wie wenig proprietäre Systeme und ihre „Eintrittsgebühren“ für den Massenmarkt taugen, sehe man, so Dr. Burda, an der für Anfang Januar geplanten Bestreikung von AOL, den die über die Preisgestaltung von AOL entsetzte Feldtester in den Newsgroups ausgerufen haben…

Die Feier endet für mich früh, denn sowohl morgen Samstag, als auch der Sonntag sind ganz normale Arbeitstage – schließlich gibt´s bei Europe Online täglich frische News.

Europe Online, der Onlinedienst mit t&aluml;glich aktuellen, redaktionell aufbereiteten, optisch attraktiven Inhalten!

Komplimente und Kritik

mak@muc.351.95.14:14

Die ersten Mails von Kollegen sind eingetroffen. Komplimente und Kritik an der (zugegeben datenreichen) optischen Aufbereitung. Zitat: „Endlich ein Internet-Inhalt, der nicht nur auf der obersten Ebene hübsch ausschaut, sondern bis in die letzte Ebene gut durchgestaltet ist.“ Ein anderes Kompliment lautet: „Schön und endlich nicht so doof verspielt wie andere Online-Angebote, sondern klar und modern.“

Natürlich gibt es auch Kritik: Am nötigen Datendurchsatz, an etlichen Bugs und der noch nicht optimalen Userfreundlichkeit – wir arbeiten daran!

Wie hunderttausende andere Internet-User maile ich noch schnell dem amerikanischen Senat zu deren Zensurideen. Eine weitere Mail geht an Bill Clinton. Ich denke, er wird den Zensurentwurf nicht unterschreiben. Sein Plan für seine Wiederwahl 1996 ist klar: So wie er 1992 erfolgreich auf die MTV-Generation als neue Wähler setzte, so will er dieses Jahr die amerikanische Internet-Community auf seine Seite ziehen.

So, genug online: Ich freue mich definitiv auf einen Abend „offline“.

Der bessere Mensch

mak@muc.352.95.11:43

Die amerikanische Zeitschrift Time wählt dieses Jahr Newt Gingrich zum Mann des Jahres. Der Sprecher der im US-Kongreß mehrheitlichen Republikaner schwang sich dieses Jahr zum mächtigen Widersacher von Präsident Clinton auf und provozierte zum Jahresende gleich zweimal die Zahlungsunfähigkeit der US-Behörden.

Furore machte Newt Gingrich dieses Jahr in den USA aber vor allem mit seiner neuen Politik-Ideologie, man könnte es einen Future-Konservatismus, Cyber-Liberalismus oder auch HighTech-Deregulierung nennen. Gingrich, der schon seit langen Jahren mit dem Futurologen Alvin Toeffler zusammenarbeitet, propagierte in Interviews, u.a. in „Wired“ die Idee einer global vernetzten Welt mit freiem Datenaustausch und parallel dazu einem Staat, der auf jeden Einfluß auf die Bürger verzichtet.

Gingrich schuf so einen ideologischen Mix, der auf den ersten Blick sehr attraktiv wirkt. Er verspricht weniger staatliche Kontrolle, weniger Steuern, globale Kommunikation und globale Wirtschaft, fordert dafür mehr Flexibilität, mehr Technologie und vor allem mehr Eigenverantwortung. Kein Wunder, daß Gingrich mit diesem Bild selbst dem Protagonisten des Information-Highway, Al Gore, 1995 den Rang ablief. Schade nur, daß sich Gingrich’s Vision in der Realität als sehr wenig sozial und sozialverträglich herausstellt.

An der Forderung nach mehr Eigenverantwortung und mehr freiwilliger zwischenmenschlicher Initiative sind schon andere Ideologien gescheitert. Den „besseren Menschen“ wird es so schnell nicht geben. Nicht einmal im Cyberspace.

Schneller, schneller

mak@muc.353.95.10:30

Ein dreifaches Hurra: Die Performance von Europe Online hat sich über Nacht mindestens um den Faktor 10 beschleunigt. Den Technik-Wizards in Luxemburg um Paul Moody ist der nächste Coup gelungen. Damit können wir alle Kritik am langsamen Aufbau unserer Webpages locker abfedern.

Es macht von Tag zu Tag mehr Spaß, die Seiten zu produzieren – und anzuschauen. Die Bugs werden weniger und weniger, die Contents mehr und mehr. Heute geht unser Gesundheits-Magazin Leben erstmals aufs Netz. Rechtzeitig zum gesundheitsstressenden Weihnachtsfest sind dann hilfreiche Tips zur Besserung der eigenen Physis geboten. Geboten sind Gesundheitsthemen, Gesundheitstips und viele Hilfen für Notfälle in der „Hausapotheke“.

Vielleicht sollte man 1996 die eine oder andere Empfehlung selbst beherzigen.

Cyber-Reisen

mak@muc.354.95.13:10

Web-Reisen machen Spaß. Allein das Gefühl, mit einem Server im hintersten Amerika, in Japan oder sonstwo in der Welt und dort mit mit völlig fremden Menschen verbunden zu sein, macht Spaß und heilt das schlimmste Fernweh. Am wirkungsvollsten gegen Fernweh ist aber der optische Besuch in den verschiedensten Regionen dieser Welt – per Web-Kamera.

Zum Beispiel kann ich so am hellichten Mittag in Tromsø in Norwegen live mitbekommen, daß um diese Zeit dort tiefdunkle Nacht ist. Brrrr! Auf Cape Hatteras kann man sich die Idee, heute Windsurfen zu gehen, auf jeden Fall abschminken. Es regnet heftig. Der Blick vom Empire State Building [auch da gab es einst eine Webcam!] in New York verheißt auch nichts Gutes. Einziger Trost gibt wenigstens der Sonnenuntergang in Maui auf Hawaii oder der Sonnenaufgang in Los Angeles.

Was ist eigentlich interessanter: der Blick auf leere Chefredakteurs-Sessel oder ein reales Landschaftsbild?

Wort de Jahres: Multimedia

mak@muc.355.95.10:59

„Multimedia“ ist das Wort des Jahres 1995. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beschlossen. Das Wort repräsentiere die Idee einer „schönen, neuen Medienwelt“, heißt es in der Begründung.

Die Nachricht führte in der Redaktionskonferenz zu genervtem Aufstöhnen. Keiner hält das Wort mehr aus. Zu oft ist es für billige CD-Produktionen, uninspirierte Mixturen aus Wort, Bild und Ton oder dumpfe Spielereien mißbraucht worden. Firmen, die in ihrem Namen das Signum Multimedia verewigt haben, wirken fast schon antiquiert. (siehe z.B.: http://www.multimedia.de!) [Stimmt kurioserweise bis heute!]

Heute wählt, wer auf sich hält, lieber die etwas weniger verbrauchten Begriffe „New Media“ oder „Interactive Media“. Vor allem Letzterer bringt das Definitionsproblem auf den Punkt. Die schlichte Mixtur aus den verschiedenen Medien (Multimedia) muß noch lange nicht interessant und interaktiv sein. Bilderbücher mit Ton sind eben auch schon multimedial.

Den wahren Kick, die wahre Medienrevolution bringt eher der interaktive Gebrauch von Medien. Den können die heutigen CD-ROMs mit ihrer beschränkten Speicherkapazität nur simulieren. Man kann dort nur in einem begenzten Raum interaktiv sein. Mich erinnert das an die Beschränktheit des Sandkastens. Dort spielen zu sollen, hat mich schon damals fürchterlich genervt. Ich wollte überall aktiv sein, im Garten, im Park, auf den Feldern (gab’s einstmals noch in München!).

Interaktivität ohne Grenzen garantiert auf Dauer nur der unbegrenzte Raum des Internet. Noch sind hier die multimedialen Möglichkeiten begrenzt. Aber sicher nicht mehr lange. Das Jahr 1996 wird das Jahr sein, in dem das Internet multimedial wird, in dem es (Realtime-)Töne lernt, in dem Slideshows, Morphing- und Frame-Sequenzen durch Applets möglich werden, vielleicht sogar Realtime-Video.

Und das Wort des Jahres 1996? Ich denke, es könnte der Begriff „Internet“ werden.

Stimmrecht in der UNO

mak@muc.356.95.23:55

Das Internet war bis Anfang dieses Jahres eine relativ unberührter Freiraum. Dafür sorgten nicht zuletzt hakelige Browser und grottenlangsame Modems. Die Community war klein, man war unter sich und genoß stolz eine Art Außenseiter- und „Gesetzlosen-„Appeal. In der medialen Windstille als Nischenmedium keimte in der Community die Hoffnung, in diesem neuen, elektronischen „Cyber-„Raum eine bessere, endlich heile Welt schaffen zu können. Oder doch zumindest die böse, harte, kommerzielle und laute, „normale“ Welt ganz weit außen vor lassen zu können.

Das Jahr 1995 änderte dann alles. Die ganze Welt entdeckte das Internet, oder um korrekt zu sein: das WWW. Millionen von neuen Usern eroberten das Netz, sehr zur Frustration der ursprünglichen Community. Das ganz normale Leben, samt Normalität, Massen von neuen Usern, von Abgründe (Verbrechen, Porno) und des von Ihnen so verhaßten Kommerz hatte sie wieder.

Um so verbiesterter ist speziell in Deutschland die Reaktion eines Teils der ursprünglichen Community auf die Ausweitung – und damit die Demokratisierung des WWW. Auf der „Interfiction“, einem Treffen früher Internet-User in Kassel, kursierten in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen doch tatsächlich Forderungen nach Kontrolle, Zensur und netweiter Abstimmung über Datenübertragungsprotokolle, Netiquette, Netzmanagement.

Im Gegensatz zu den USA, wo man das Netz gerade deswegen liebt, weil es so offen für das unendliche Spiel unterschiedlichster Kräfte ist, will mancher hierzulande die „gute alte Internet-Zeit“ oder die Utopie einer Idylle mit Gesetzen und Regeln ereichen.

Schade. Mit solchen Forderungen desavouirt man auf solchen Veranstaltungen so manch anderen, guten, konstruktiven Vorschlag: zum Beispiel der vollen Mitgliedschaft des Cyberspace als eigener Staat und mit vollem Stimmrecht in der UNO.

Eine wirklich witzige Idee – und ein Schritt zur Demokratisierung dieser kaputtinstitutionalisierten Behörde.

Cyber-X-mas

mak@muc.357.95.15:22

Ein Vormittag im Weihnachts-Einkauf-Trubel. Ein allzutiefes Eintauchen in die analoge Welt. Jetzt nachmittags die Umsetzung von Weihnachten im digitalen Online-Medium. Ist da Weihnachten anders? Moderner, hipper, ausgeflippter, moderner?

Die Idee eines Cyber-X-mas – gräßlich. Schon viel zu viele schöne Dinge sind seelenlos vercybert worden und kaputt-modernisiert worden. Wir haben uns entschieden, einen eigenen Beitrag, zu einer friedvollen Weihnacht (online) zu liefern und volkskundlich und psychologisch fundierte Tips zu geben, wie man Weihnachten im Kreise der Familie feiern kann – ohne den obligatorischen Krach.

Kurzum: Wir wünschen allen Usern eine wirklich friedvolle und harmonische Weihnacht!

Homeshopping?

mak@muc.358.95.07:12

Warum funktioniert das Homeshopping hierzulande noch nicht? So hätte ich diesen Tag frei, hätte ausschlafen können und Heilig Abend in gebührender Ruhe (und Coolness) entgegensehen können. Stattdessen geht es Hals über Kopf in die Geschäfte, um die letzten Geschenke und die nötigen (Über-)Lebensmittel einzukaufen.

Spätestens nächstes Weihnachten muß unser Service-Bereich meinen Weihnachtsstreß erheblich lindern können…

Reality Check an Heiligabend

mak@muc.359.95.18:12

Heiligabend macht erst richtig klar, wie weit in der medialen Zukunft Online-User bereits sind. Keiner in der großen, bunt gewürfelten Runde der Weihnachtsfeier kann mit dem Begriff Online etwas anfangen. Hier ist noch viel Aufklärungsbedarf. Und das nach einem Jahr, in dem „Internet“; in Magazinen und Zeitungen eines der häufigst gebrauchtesten Begriffe war!

Immerhin konnte einer der Gäste mit dem Begriff Modem etwas anfangen, ein Arzt. Er hat Computer und Modem seit Monaten, um seine Abrechnungs-Daten zur Buchhaltungsfirma durchzugeben. Daß man Modems auch für andere Zwecke nutzen kann, daß man gar Browser damit fahren kann, das ist ihm völlig neu. So neu wie der Begriff „Browser“;.

Solch „analoge“ Tage wie Weihnachten sind heilsam. Sie geben einem das Gefühl für die Wirklichkeit der (nondigitalen) Normalität zurück.

Weihnachtsruhe

mak@muc.360.95.15:38

Nach zwei Tagen Weihnachtsruhe geht es in der Redaktion weiter. Die Erde steht an Feiertagen nicht still. Aber sie scheint sich zu verlangsamen. Viel weniger News kommen über die Ticker. Liegt es daran, daß die Verursacher von Nachrichten in Urlaub sind, oder weil die Nachrichtenagenturen dünner besetzt sind?

Ich denke, auch hier gilt das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Und der (Nachrichten-)Konsument verlangt eben an solchen Tagen nach weniger News…

Aufbruch in neue Gefilde

mak@muc.361.95.09:09

Wie sehr hat Online unser Leben verändert? Das der Redaktion und aller Mitarbeiter eine ganze Menge. Und damit sind nicht die vielen Feiertags-Schichten gemeint, die jetzt zu leisten sind. Es ist zum einen die Mischung aus täglicher News-Arbeit und längerfristiger (Online-)Magazin-Produktion, aus Kommunikation (demnächst) und Service, die eine völlig neue journalistische Herausforderung schafft.

Die digitale Welt verändert zudem die tägliche Arbeit spürbar. Jeder der Journalisten, die in unserer Redaktion arbeiten, hat den Wechsel ins Online-Medium als eine Art „Befreiung“ erlebt. Es ist ein Aufbruch in eine neue, offenere, zugegeben auch ungewissere Medienwelt. Das schafft Freiräume – aber auch ganz neue Arten und ganz andere Qualitäten von Streß. Digitalen Streß eben.

Wie sehr die Online-Welt das Leben vieler Menschen verändert hat, will ein sehr ehrgeiziges Projekt dokumentieren: „24 Hours in Cyberspace“. 100 Topfotografen sollen am 8. Februar 1996 weltweit in Bildern das Leben in der Online-Welt dokumentieren.

Die Ergebnisse des Projektes sollen ab März in einer kontinuierlich aktualisierten Website und in einem Bildband mit CD-ROM zu sehen sein.

Eine andere, gute Möglichkeit, die Veränderung der Online-Welt – noch dazu live – mitzuerleben: Europe Online.

Jahresrückblick

mak@muc.362.95.08:42

Man merkt überdeutlich, daß das Jahr zu Ende geht. Untrügliches Zeichen: In der Redaktion ist das Was-war-1995-noch-so-los-Fieber ausgebrochen. Eifrig wird debattiert, wer nun Absteiger des Jahres war und wer Aufsteiger– Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind ab sofort in dem Extra: Jahresrückblick in der News-Sektion zu sehen – und zu debattieren.

Ein interessantes Phänomen ist dabei zu beobachten. Zunächst wächst kontinuierlich die Menge der „unverzichtbaren“ Namen, Events und Informationen, nur ungenügend von der Frage eingedämmt: war das ‘95 oder doch noch ‘94? Nach jeder neuen Diskussionsrunde schwindet dieses Überangebot aber rapide. Es gibt, bei näherem Hinsehen und Nachfragen doch nicht allzuviele wirklich wichtige und einschneidende Ereignisse in einem Jahr.

Der zeitliche und emotionale Abstand hilft aufgebauschte Wichtigkeiten auf das richtige Maß schrumpfen und eigentlich leise Langzeitentwicklungen wichtiger erscheinen.

Ich glaube, es war Karl Kraus, der den Satz prägte, es sei so schmerzlich, wenn ein Traum zur Wirklichkeit schrumpft. Wenn das Hypes passiert, ist das eher angenehm.

24 Stunden im 21. Jahrhundert

mak@muc.363.95.10:28

Die Städte sind leer, die Nächte lang, die Anrufe im Büro seltener. Typisch für die Zeit zwischen den Jahren. Endlich, nach all dem Start-Streß von Europe Online bleibt etwas Zeit, wenigstens die Bücher zu lesen, die unter die Rubrik – unbedingt lesen! – fallen. Ganz oben lag Peter Glasers „24 Stunden im 21. Jahrhundert – Onlinesein. Zu Besuch in der neuesten Welt“ (Zweitausendeins).

Erster Eindruck: Das kompetenteste und beste Buch über die Online- und Internet-Welt in deutscher Sprache. – Kein Wunder: Peter Glaser ist ein erstklassiger Autor, dazu Mailbox- und Internet-User der ersten Stunde sowie der erste Journalist in Deutschland, der über diese Welt kompetent zu schreiben wußte – und sie intelligent reflektierte.

Ein Buch, das jedem Online-Freak ein paar News und Kuriosa, vor allem aber eine Menge neuer net-philosophischer Überlegungen und Gedanken bringt.

Das Buch ist natürlich auch für Online-Anfänger gedacht. Es bringt alle wichtigen Grundinformationen und eine Menge Tips und URLs. Trotzdem könnte das Buch gerade Neueinsteiger in die Internet-Welt leise verunsichern. Glaser ist so lange und so tief in der Materie, seine Begeisterung für die Online-Welt ist so abgeklärt, daß seine Erzählhaltung für Newcomer fast altklug und distanziert wirkt.

Auch bei ihm schwingt ein bißchen Wehmut mit, daß 1995 aus der kleinen, verschworenen Online-Gemeinde ein Massenphänomen wurde, daß aus einer Nische ein Boom wurde. – Klar: Trendsetter leiden immer, wenn sie ihrer wissend-wohligen Nestwärme und ihrer innovativen Exklusivität verlustig gehen.

Ein immer wiederkehrendes Kulturphänomen. Demokratisierungsprozesse kränken unausweichlich die Initiatoren von wirklich neuen und innovativen Prozessen. Früher hieß der Spruch dazu: Die Revolution frißt ihre Kinder. Das Pendant dazu heute könnte heißen: Trends fressen ihre Setter.

Freudiges Ereignis

mak@muc.364.95.14:55

Minuten vorher hatte sich Kay Bieler, News- und Wirtschaftsreakteur von Europe Online, noch eine Menge Arbeit in der morgendlichen Themenkonferenz aufgeladen, plötzlich stand er in der Tür, deutlich mitgenommen. Gerade hatte seine Frau angerufen und ihm mitgeteilt, sie sei schon auf dem Weg ins Krankenhaus zur Entbindung ihres dritten Kindes. Das freudige Ereignis war eigentlich erst eine Woche später erwartet worden.

Kay war zwar in blitzschnell aus der Tür, trotzdem kam er 10 Minuten zu spät zur Geburt seiner Tochter Hannah: sieben Pfund schwer und kerngesund.

Wir beglückwünschen auf diesem Wege Kay und seine Frau allerherzlichst. Und der kleinen Hannah wünschen wir alles Gute für ihr junges Leben.

Es fällt in solch einem Moment auf, wie unabsehbar die Lebensnormalität eines Erdenbürgers ist, der im Jahr 1995 geboren wird, digital hin oder her. Aber das ging unseren Eltern zu analogen Zeiten auch nicht viel besser.

Sendepause

mak@muc.365.95.11:07

Jahresendstreß. Endlich, dank Feiertag, habe ich genug Zeit, meinen Umzug in die eigene Wohnung in Minimalumfang durchzuziehen. Da muß das Tagebuch zurückstehen.

Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 1-1996.


Der erste Teil meines Digitalen Tagebuchs auf Europe Online von 1996.

Europe_OnlineDas Jahr der Ratte

mak@muc.001.96.17:04

Das „Jahr der Ratte“ hat begonnen. So jedenfalls wertet das asiatische „Horoskop“ das Jahr 1996. Und daß heißt nur Gutes. Denn die Ratte steht in Asien für Energie und Vitalität. Optimale Voraussetzungen für das erste komplette Online-Jahr.

Und was noch besser ist: die Ratte ist auch das Symbol für die Wahrung und Mehrung von Reichtum. Das wird Andreas Struck, unseren Geschäftsführer besonders freuen.

Fragt sich nur, ob er an (asiatische) Horoskope glaubt? – Ich persönlich glaube an Horoskope, klar. Aber nur so lange sie mir Positives verheißen…

Die Computer-Steuer

mak@muc.002.96.09:09

Verwaltungen sind seit je sehr einfallsreich, neue Steuerideen und neue Steueranlässe zu erfinden. Am beliebtesten sind dabei Steuern, die sich nicht leicht hinterziehen lassen, weil sie zu leicht zu überprüfen sind. (Nicht zuletzt daher ist die Mehrwertsteuer bei Finanzministern so beliebt.)

Am erfindungsreichsten in Sachen Steuern und Abgaben sind kommunale Behörden. Steuern für Vergnügen, für Bier, für Wasser etc., es gibt kaum ein Gut, daß im Lauf der Geschichte nicht besteuert worden wäre (und meist noch immer besteuert wird).

Irgendwann vor ein paar Hundert Jahren kamen die Gemeinden sogar auf die Idee, alle Fenster, die auf die Straße hinausgehen, je nach Größe mit einer Steuer zu belegen. Wer etwas Licht oder gar Sonnenschein in seiner Wohnung haben wollte, mußte dafür an die Stadt Steuern zahlen. Die Idee erschien bestechend: die Fenster waren einfach abzuzählen und die Größe, einmal vermessen, änderte sich nicht mehr.

Was die findigen Steuererfinder nicht bedachten, war die Steuerintelligenz ihrer Bürger. Die mauerten Fenster einfach zu, machten sie kleiner, und bei Neubauten verzichteten sie so oft wie möglich gänzlich auf Fenster zur Straße hin und bauten nach innen, zu den Höfe hin, wo sie dem Steuertreiben der Stadt entzogen waren. Diese Steueridee beeinflußte so über Jahrzehnte den Architekturstil etlicher europäischer Städte. Zum Negativen natürlich.

Warum dieser Exkurs in die Bau-Historie? Die Brüsseler Stadtverwaltung kam jetzt auf der Suche nach neuen Einnahmequellen auf die wunderbare Idee, künftig für jeden Computerbildschirm innerhalb ihrer Stadtgrenzen eine einheitliche Steuer von 40 Franc zu kassieren. Die Hoffnung der Brüsseler Magistraten ist, mit dem Siegeszug der Informatik eine munter sprudelnde, neue, moderne Eintragsquelle erschlossen zu haben. Allein die Bildschirme der vielen EU-Behörden versprechen sichere und stetig steigende Einnahmen…

Wahrscheinlich aber haben sie sich zu früh gefreut, die Stadtherren in Brüssel. Wahrscheinlich schaffen es sie nur, ihre Stadt von der informellen Entwicklung abzukapseln. Irgendwann werden in Brüssel nämlich aus Steuergründen durchschnittlich weniger Bildschirme stehen als anderswo. Das nämlich lehrt uns das Beispiel aus der Bau-Geschichte.

Telekom Gebührenerhöhung

mak@muc.003.96.10:52

Weltweit werden die Telefongebühren, vor allem für Ortsgebühren, billiger. In den USA sind Ortsgespräche meist sogar gratis. Trotzdem verdienen die Telefon-Firmen dort ihr Geld.

Nur in Deutschland ist das anders. Hier werden die Telefongebühren ausgerechnet im Ortsbereich teurer. Das mag für die Telekom sehr lukrativ und einträglich sein, aber das ist sicher zu kurz gedacht.

Zum einen macht sich die Telekom mit ihren Pannen, ihren schlecht verkauften Strategien und immer neuen finanziellen Ansprüchen ihren Markennamen kaputt. Wenn die Telekom nicht aufpaßt, hat sie nach der Deregulierung des Telekommunikationsmarktes 1998 ein ähnlich mieses Image wie es die AOK einst hatte: Man nimmt sie nur, wenn man muß. Hipper und angesagter sind alle anderen Anbieter.

Schlimmer noch, weil es alle Deutschen trifft, sind die Gebührenerhöhungen für den deutschen Online- und Internet-Markt. Nach den jetzt neuen Telefontarifen können sich nur sehr wenige User noch das Internet – und damit auch Europe Online – oder kommerzielle Online-Services leisten. Überall in der Welt, sind es aber vor allem junge und innovative Leute (mittlerweile geschätze 45 Millionen Menschen), die die Netze nutzen und mit Leben erfüllen. Sie aber schwimmen bekanntlich nicht im Geld.

Die Telekom droht so Deutschland vom Internet-Boom abzukoppeln und uns in ein paar Jahren, wenn sie nicht mehr alleine die Tarife bestimmt, als Netz-Analphabeten ohne Kompetenz und Knowhow in eine dann hoch entwickelte, digitale Welt und einen blühenden globalen Internet-Markt zu entlassen.

Die einzige Möglichkeit auf die Schnelle ist die Reduktion der Ortstarife. Zumindest für die meistgenutzten Nummern, also zum Beispiel die Einwählnummer beim jeweiligen Provider. Noch aber ist die Telekom dazu nicht bereit, obwohl solch eine Regelung technisch möglich wäre. Die Telekom glaubt noch immer nicht, daß durch eine vermehrte Nutzung ihrer Netze mehr Gewinn zu erzielen ist als durch hohe Preise.

Werbeagenturen schlafen

mak@muc.004.96.11:46

51 Prozent der amerikanischen Unternehmen, die eine eigene Web-Site anbieten, haben diese nicht in Zusammenarbeit mit ihren Werbeagenturen entwickelt, sondern mit spezialisierten Web-Agenturen. Das hat das amerikanische Marktforschungsinstitut Forrester Research ermittelt. Die traditionellen Werbeagenturen der USA haben hier offensichtlich einen Trend – und mögliche Zukunftsmärkte – verschlafen.

Es gibt noch keine vergleichbaren Zahlen in Deutschland. Aber hier ist die Situation für die Werbeagenturen wohl eher noch schlechter bestellt als in den USA. Die wenigsten großen Werbeagenturen haben überhaupt eine funktionierende E-Mail-Adresse, ganz zu schweigen eine eigene Website. Ausnahmen bestätigen die Regel. Z.B.: Springer & Jacoby oder .start. Eigene Kontakt-Web-Sites haben immerhin: BBDOScholz & Friends Berlin.

Hier besteht noch ein riesiger Nachholbedarf. Oder anders herum gesehen: eine riesige Marktchance für Newcomer und Web-Wizards mit kreativem und kaufmännischem Talent.

Warten auf das Internet

mak@muc.005.96.15:38

Ein sehr beliebter Scherz zu Zeiten des legendären österreichischen Bundeskanzlers Kreisky, der aufreizend langsam sprach, ging so: „Ansage der Radio-Sprecherin: Sie hören jetzt die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Dr. Kurt Kreisy! In den Pausen zwischen den Worten hören sie die Wettervorhersage.“

Ähnlich geht es mir, wenn ich im Internet surfe. Die meiste Zeit hat man zu warten. Fragt sich, was man in der Zwischenzeit macht?

Die ganz effektiven Browseruser (Net-Yuppies) starten zwei oder drei Browser parallel, so daß in jeder Sekunde immer Daten geladen werden können. Man zappt dann einfach nur zwischen den einzelnen Browsern hin und her – und hat bei genügend Leitungsglück immer eine fertig aufgebaute Seite zur Verfügung.

Eine andere Internet-Warte-Technik ist eher literal (ideal für Intellektuelle). Ich kenne einen begeisterten Internet-User, der liest, während sich die Seiten aufbauen, ganzes Bücher aus. (Genauer gesagt sieht sich der Betreffene in den Lesepausen Websites an.) Eine, zur Textorientiertheit der meisten Internet-Inhalte sehr adäquate Methode.

Eine dritte, eher esoterisch angehauchte Methode der Pausenüberbrückung, ist die Meditation. Entweder öffnet man dazu eigene Grafikprogramme und sinniert darüber so lange, bis sich die gewünschte Website aufgebaut hat. Zweite Möglichkeit: man spezialisiert sich auf die Hypnotik der Browser-Protokolle. Man sieht, vielviel K in welcher Geschwindigkeit gerade in den Speicher schleichen. Bei der Vorstellung, welchen verschlungenen Weg die Daten im Netz gehabt haben könnten, öffnet sich der Kopf und Geist und vermittelt das Gefühl völliger Losgelöstheit. – Das Problem ist dann nur, wie man wieder in die Wirklichkeit zurückzufindet, wenn sich endlich die Seite fertig aufgebaut hat. Meist weiß man meist gar nicht mehr, warum man sie überhaupt aufgerufen hat… – oder wer man ist… oder warum man auf der Welt ist… oder warum die Welt ist… usw.usw.usw.

Online ist attraktiver als TV

mak@muc.006.96.00:08

Alle Userumfragen in den USA bestätigen den Trend, den ich unter den Menschen, die online sind, real beobachten konnte. Wer online ist, sieht weniger fern. Mindestens die Stunden, die man online vor dem Computerbildschirm sitzt, gehen von der Zeit vor dem TV-Bildschirm weg. Oft verliert sich der Reiz des Fernsehen völlig.

Ein guter Grund dafür ist die (Inter-)Aktivität der Online-Welt. Ich bekomme nicht mehr Medienkost vorgesetzt und kann bestenfalls per Fernbedienung zwischen den unterschiedlichsten Angeboten, die man alle nicht will, hin- und herzappen. In der Online-Welt kann ich selbst bestimmern, was ich haben will, wohin ich will – oder kann mich ganz freiwillig im Kosmos der Überinformation verlieren.

Es gibt aber noch ein zweites wichtiges Moment, das Online soviel attraktiver als TV macht. Online-Usage macht weit weniger aggressiv – und sie frustriert weit weniger. Der Grund nämlich, warum Fernseh-Konsum aggressiv macht, erklärt die Freiburger Professorin Hertha Sturm, die sich auf Rezeptionsforschung spezialisiert hat, folgendermaßen: „Nicht der Inhalt entscheidet. So hat man es beim Fernsehen fast immer mit ,fehlenden Halbsekunden‘ zu tun zwischen der Erwartung eines Ereignisses und dessen Eintreffen. In realen Situationen ist das anders: Auch in großer Hetze oder bei prekären Situationen gibt es meist noch winzige Zeitspannen für den Betroffenen, sich auf Kommendes einzustellen.“ (Zitat aus FAZ-Magazin vom 5.1.1996)

Wieviel Zeit hat man erst als Internet-User, sich auf Kommendes einzustellen. Erstens informiert normalerweise schon der Link, was einen nach dem Klick erwartet. Dann vergehen lange Sekunden, bis sich das Bild aufbaut. Und Bilder kommen sowieso erst Pixel um Pixel und Zeile um Zeile.

Online gibt es keine „fehlenden Halbsekunden“. Online offeriert oft genug freie Halbminuten. Schön zu wissen, daß das aktiv zur Friedfertigkeit der Online-User beiträgt.

Analoger Tag

mak@muc.007.96.11:22

„Und am siebten Tage sei analog“, sprach der Herr. Acht Stunden Kistenpacken, schleppen und auspacken. Umzug zweiter Teil.

Einzig digitaler Trost: Musik von der CD. Wieder ausgegraben: Neville Brothers, Yellow Moon.

Viel Feind, viel Ehr

mak@muc.008.96.08.19

49 verschiedene Internet-Newsletter zählt allein Yahoo in seiner Directory „News“ auf. Unter dem selben Stichwort findet Lycos sogar 18.896 Einträge. Das Internet, speziell das WWW, und mit ihm das gesamte publizistische und wirtschaftliche Ambiente boomt exorbitant. Es boomt ein wenig zu sehr, als daß es nicht Widerwillen auslösen würde.

Widerwillen bei der alteingesessenen Internetgemeinde, nicht nur weil die einstige Nestwärme dahin geht, sondern auch weil immer mehr kommerzielle und vor allem staatliche Einflüsse, von Ordnungspolitikern bzw. schlagzeilensüchtigen Politprofilanten spürbar werden. Die Anti-Porno-Posse, die die bayerische Staatsanwaltschaft im Zusammenspiel mit Compuserve veranstaltete, war bei uns schätzungsweise erst der Anfang.

Widerwillen gegen den Internet-Boom herrscht aber auch bei allen Internet-Analphabeten. Sie haben (berechtigte) Angst, daß sich hier eine Welt entwickelt, die sich ihrem Verständnis, ihrem Einfluß und ihrer Kontrolle entzieht. Diese Internet-Outsider vor allem werden es sein, die dieses Jahr dem Internet-Trend den Internet-Haß-Trend entgegenstellen werden.

Schon sind die ersten Vorboten dieses Gegen-Trends auszumachen. Die einen unken, daß das Internet innerhalb der nächsten Monate aufgrund von Überlastung zusammenbrechen werde. (Das wurde auch schon vor einem Jahr prognostiziert.) Die anderen beckmessern, daß im Internet kein Geld zu verdienen sei. Wie soll es das auch in einer Welt, die erst ein paar Monate alt ist und in der finanzielle Strukturen erst entwickelt werden müssen (e-cash etc.).

Es ist eine alte Weisheit aus der Trendforschung, daß alle Trends, die wirklich wichtig, wirklich kraftvoll und wirklich lebendig sind, immer Gegentrends verursacht. Und diese Gegentrends sind um so deutlicher, je stärker der auslösende Trend ist. – Auch so gesehen, ist das Internet also auch 1996 voll im Trend.

Wie sagt das Sprichwort? Viel Feind, viel Ehr.

Europe Online im TV

mak@muc.009.96.15.10

Pressemarathon. Ein Filmteam schon am morgen. Europe Online live wird portraitiert. Die gesamte Redaktion wird zu Akteuren. Frage: Ist das Leben und Arbeiten als Online-Redakteur spannend und dramatisch genug um eine Serie wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ tragen zu können? Antwort: Nein. Wir sind einfach zu wenig naiv und skandälchenträchtig.

Dann die deutsche Computerpresse zum Pressegespräch. Interesse, Fragen, aber durchaus auch Wohlwollen. Mal sehen, ob das bis zum gedruckten Text anhält.

Solche Tage, an denen man Europe Online präsentieren muß/kann, sind sehr hilfreich. Sie geben einem die Chance, die Defizite klar auszumachen, aber auch das Erreichte deutlicher wertzuschätzen.

Zensur des Internet

mak@muc.010.96.11:58

Täglich kommen neue Nachrichten über die Ticker, wie gefährlich, verderbnisvoll und schlimm das Internet angeblich ist. Immer neue Ideen für Zensur im Internet entstehen. Die Diskussion über Pornografie bzw. Kinderpornografie (und die Überreaktion von Compuserve darauf) war nur der Anfang.

Die chinesische Regierung möchte alle politisch und gesellschaftlich unliebsamen Inhalte im Internet verbieten bzw. herausfiltern. Simon Wiesenthal möchte eine Selbstzensur des Internet gegen rassistische Inhalte. Der neue deutsche Justizminister schlägt eine freiwillige Selbstkontrolle des Internet vor usw. usw.

So genervt die Internet-Gemeinde auf solche Interventionen reagieren – und so verständlich solch Genervtheit ist – die Vorwürfe müssen ernst genommen werden. Sie sind letztendlich Ausdruck einer tiefgreifenden Verunsicherung und grundsätzlicher Mißverständnisse.

Der Boom von Zensur-Ideen hat viele Gründe:

  1. Politiker und andere um Aufmerksamkeit bemühte Personen des öffentlichen Lebens geben sich gerne als modern, indem sie übers Internet mitreden.
  2. Die meisten von ihnen haben aber leider keinerlei Ahnung vom Internet, waren wohl auch kaum je online.
  3. Diese fremde Welt macht aber solchen Menschen Angst, sie haben kein Gefühl dafür, aber vor allem haben sie keinen Einfluß darauf. Die einzige Art, Einfluß zu nehmen – und wieder Einfluß zu bekommen, wären Verbote und Einschränkungen.
  4. Grundmißverständnis aller Internet-Outsider ist die Rezeption des Internet als neues Medium wie es Zeitungen, Zeitschriften, Radio oder TV sind. Daher die Idee, Inhalte zu zensieren. Das kann man bei Medien-Inhalten versuchen. Sollte es natürlich nie.

Das Internet ist aber eben weit mehr als ein Medium. Es ist ein Treffpunkt, ein Kommunikationstool (wie z.B. auch das Telefon), ein Marktplatz, eine virtuelle Welt. Welten aber kann man nicht mit Zensur in den Griff bekommen. Daran sind selbst die repressivsten politischen Systeme oder Ideologien gescheitert.

Warum aber sollte solch eine neue, virtuelle Welt in irgendeiner Weise „besser“, heiler, sauberer oder netter sein als die reale Welt? (Diese Einsicht geht sogar manchem Internet-Afficionado ab, der sich seine nonkommerzielle, intime, abgeschiedene Internet-Welt anno 1994 zurückwünscht.) Die Online-Welt hat dieselben Abgründe, dieselben Widersprüche, Probleme wie die reale Welt, nur eben in digitaler Form. Und es braucht genausoviel „kriminelle Energie“ in dieser Welt Abseitigkeiten und Perversionen aufzustöbern wie in der realen Welt, vielleicht sogar ein bißchen mehr, nämlich einiges technisches Knowhow und sehr viel reale Geduld.

Argumente aber helfen gegen solche Vorurteile gegen das Internet wenig. Es hilft nur, möglichst bald möglichst viele und möglichst viele gesellschaftliche Multiplikatoren in der Online-Welt heimisch zu machen.

Information, Exchange und Entertainment

mak@muc.011.96.11:27

Über die Zukunft des Internets gibt es inzwischen eine Menge Artikel in den (meist amerikanischen) Internet-Fachzeitschriften. Es gibt sogar schon einige Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die beste Auseinandersetzung mit der Zukunft des Web, strukturell, inhaltlich wie technisch, ist – natürlich – im Internet selbst zu finden.

Auf der sowieso schon sehr empfehlenswerten Site von David Siegel (z.B. mit interessanten Webangeboten speziell für Frauen!) hat Siegel einen sehr interessanten, sehr langen und tiefgreifenden Artikel über den gegenwärtigen Zustand des Netzes und seine absehbare/mögliche Entwicklung geschrieben. Der Titel des Web-Essays „The Balkanization of the Web klingt pessimistischer und chaotischer als der Titel droht.

Die Grundthese von David Siegel lautet, daß das Netz drei zentrale Bereiche bedient:

  1. Information – was bei Europe Online in den News und den Magazinen geboten wird
  2. Exchange – wir nennen es bei Europe Online: „Services“, die bald Transactions, Online-Banking und Online-Shopping etc. bieten werden
  3. Entertainment – hier ist interaktives Entertainment incl. der Chat- und Foren-Kommunikation zu subsummieren.

Die „Balkanisierung des Web“, von der Siegel schreibt, hat nichts mit Krieg und Krise zu tun, sondern mit dem überproportionalen Wachstum von vor allem „Entertainment“ (also Chat & Games & Applets etc.) und auch von „Exchange“ (dem Online-Marktplatz). Das führt zu einem sehr großen, bunten Marktplatz mit viel Kurzweil und Unterhaltungsangeboten. Und dafür stand schließlich einst der Begriff „Balkan“, bevor er zu einem Synonym für Krieg und Brudermord wurde.

Wen die technischen Zukunftsoptionen des Web und seiner Technologieträger (Netscape, MS Explorer, HTML 3.0) interessieren, auch der wird in dem Essay – unter dem Kapitel „Future of Information“ – optimal bedient.

Hier findet sich auch eine sehr intelligente Auseinandersetzung mit Netscape 2.0, dem Browser, den Europe Online als Basis-Software gewählt hat. Die Vorteile und positiven Perspektiven von Netscape 2.0 sind hier optimal geschildert, aber ebenso sind auch die noch nötigen Weiterentwicklungen, die Netscape machen sollte erwähnt.

Man sollte sich viel Zeit nehmen, um David Siegels Web-Essay zu lesen – und sich damit auseinanderzusetzen. Aber diese Investition lohnt sich!

Besuch aus Bonn

mak@muc012.96.12:44

Besuch aus Bonn. Dr. Martin Mayer, Bundestagsabgeordneter (CSU) und Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion für Fragen der Informations- und Kommunikationstechnologien und Mitglied der gleichnamigen Enquéte-Kommission möchte sich informieren, „durch welche Maßnahmen des Bundes Behinderungen bei der Einrichtung von Online-Diensten beseitigt werden können.“

Passend zu dieser löblichen Absicht verkündet Forschungsminister Rütgers, daß er durch die neuen, überhohen Ortstarife für den deutschen Kommunikations- und Online-Markt deutliche Nachteile sieht. Er befürchtet, daß Deutschland durch so bei dieser Zukunftstechnologie ins Hintertreffen gerät.

Dr. Mayer ist einer der angenehmen Menschen, der wirklich etwas wissen will, der seine Informationsdefizite offen einräumt – aber eben beseitigen will. Wir stellen Europe Online vor, machen einen kleinen Exkurs ins Internet, schildern die Probleme mit der Telekom, vergleichen die Situationen in den verschiedenen Ländern, streifen alle (uns) wichtigen Themen. Es ist ein ungewohntes Gefühl, daß die Politik von sich aus aktiv wird und vor Ort die Situation recherchiert. Ein angenehmes Gefühl.

Natürlich bleibt die Diskussion um Zensur und Kontrollmaßnahmen im Internet nicht aus. Unser Vorschlag an Dr. Mayer: Statt Ordnungsmaßnahmen und Zensur, statt Schließung von Newsgrous und Bann von Websites sollten sich möglichst schnell die Ordnungsbehörden – wie alle Ämter und staatlichen Institutionen überhaupt – in die neue Online-Welt integrieren und dort kompetent im Netz selbst aktiv werden.

Mir ist lieber, Kriminelle (wie Terroristen, Dealer oder Kinderporno-Vertreiber) werden in den Netzen verfolgt und in der realen Welt abgeurteilt, als daß ganze Teile des Netzes ausgefiltert oder gebannt werden. Wir sperren in unseren Städten ja auch nicht ganze Stadtviertel ab, in denen Sex, Drogen und Kriminalität überproportional vertreten sind. Eine gut eingesetzte Polizei sorgt in solchen Gegenden, daß die Geschäfte nicht zu gut laufen und die wirklich dicken Fische gefangen werden, ehe sie zu großes Unheil anrichten können. Das sollte im Net nicht anders sein wie im richtigen Leben.

Golden Eye

mak@muc013.96.23:24

Endlich Zeit gefunden „Golden Eye“ zu sehen. Irgendwie habe ich mir nach den positiven Kritiken mehr erwartet. Aber vielleicht ist es wie bei jedem Bond: aktuell sind sie in ihrer Anbiederung an den Zeitgeist immer ein wenig peinlich. Erst Jahre später sind Bond-Filme als Zeitdokumente nett-nostalgische Reminiszenzen.

Besonders kurios die Figur des Internet-Hackers: skrupellos, da doof und autistisch. Besonders unglaubwürdig: die Arbeitsplatzbeschreibung. Kein Hacker würde je einen so offen einsehbaren Arbeitsplatz und solch dumme Codewörter wählen. Selbst russische Hacker im Sold von Mafiosi nicht.

Telekom als Sonntagsthema

mak@muc014.96.14:22

Wieder einmal Sonntagsdienst. Der Streifzug durch die Nachrichtendienste bringt jeden Tag mehr News zur Online-Welt. Sicherster News-Provider zur Zeit: die Telekom. Heute mit dem Skandal, den sowieso schon geschröpften T-Online-Usern doppelt die Mehrwertsteuer berechnet zu haben. Zweite News: Compuserve beklagt sich auf einer Pressekonferenz, die Telekom würde durch ihre Tarife den Internet- und Online-Boom in Deutschland erfolgreich verhindern. – Dem ist nichts hinzuzufügen.

Auf der Suche nach dem Patentrezept

mak@muc015.96.14:55

„Ich half neue Produkte zu kreieren, für die es keine Modelle und keine Vorgeschichte gab. Jeden Tag standen neue Themen an, für die es keine Vorbilder gab, an die man sich hätte halten können oder die einem die Entscheidung leichter gemacht hätten.“ So beschreibt Walter Isaacson, der neue Chefredakteur von „Time“, in seiner ersten Kolumne sehr eindrucksvoll seine letzten zwei Jahre, in der er für Time Inc. Internet-Services wie Pathfinder aufgebaut hatte.

In genau derselben Situation befindet sich Europe Online jeden Tag. Immer neue Entscheidungen wollen getroffen werden, sollen neue Ideen umgesetzt werden, und nie weiß man wie. Jeder hat nur seine Vermutungen, wie es gehen könnte und wie man erfolgreich sein könnte. – Um so leichter ist der Umgang mit Menschen, die auch im Internet Erfahrungen gesammelt haben. Jeder weiß, daß auch der andere kein Patentrezept hat und entsprechend geht man sehr rücksichtsvoll und tolerant miteinander um.

Deshalb stimmt auch eine zweite Beobachtung von Walter Isaacson: „Die Leute, die technischen Neuerungen, das Business, die gesamte Onlinewelt ist faszinierend. Sie alle haben die Macht, unsere Kultur zu beeinflussen und zu verändern wie seit Erfindung des Fernsehens nicht mehr.“

Start von Focus Online

mak@muc016.96.22:17

Burda-Online-Aktivitäten geballt. Nach Europe Online starten heute offziell die Reise- und Freizeit-Line „Traxx“, „Uni-Online“ und am 18. Januar dann auch „Focus Online“. Der Health Online Service, ein geschlossener Online-Service für Ärzte folgt Ende Februar.

Zur Pressekonferenz heute mittag, in der sich all diese neuen Services vorstellten, kommen massenhaft KollegInnen von der Presse. Sie zeigen sich sehr interessiert, teilweise sogar beeindruckt. Das war nicht immer so. Das Klima in Kollegenkreisen hat sich seit neuestem deutlich verändert, zum Besseren.

Das ganze Jahr 1995 über schwankte die Reaktion zwischen Anfeindungen oder ängstlichem Nachfragen, ob die Online-Dienste nicht bald alle Journalisten-Arbeitsplätze vernichten würden – das Gegenteil ist der Fall. Online-Services, und die Burda-Lines sind das beste Beispiel dafür, schaffen massenweise neue Arbeitsplätze. Zusammen sind es von Burda allein in München ca. 40 feste Arbeitsplätze für Journalisten, Jobs für freie Mitarbeiter kommen dazu.

Vor allem aber hat die tägliche Realität im Netz, die Möglichkeit, sich die Services der Online-Dienste anzuschauen, viele Vorurteile abgebaut. Journalisten und andere Online-Tester – und wenn sie nur aus Neugier ins Netz gehen – fangen fast unweigerlich Feuer für dieses Medium, wenn sie erst einmal Berührungsngste abgebaut haben und erleben, wie wenig technisches Knowhow man braucht, um in locker im Internet zu navigieren. Fast jeder mit dem Mindestmaß an Neugier und Fernweh, der sich erst einmal eine Stunde lang in der Online-Welt getummelt hat, ist unweigerlich und unumkehrbar für diese Welt gewonnen.

Die Flut der Informationen

mak@muc017.96.15:12

Fundstelle: „Spiegel“. Zur Titelstory über die Antimaterie (?!?) gibt es auch ein Interview mit der Science-fiction-Legende Stanislaw Lem. Der Altmeister der Zukunfts-Visionen reagiert völlig unaufgeregt auf die Vision von Antimaterie, ihm dräut Schlimmeres: „Ich fürchte das Internet, das für mich die wahre Sintflut darstellt, mehr als die Antimaterie.“ Er erklärt auch seine Angst: „Wir leben in einer Flut von Informationen und sind doch im Grunde kaum anders als vor 100.000 Jahren, als wir noch in unseren Höhlen hockten.“

Diese Angst des sonst so abgeklärten Lem überrascht. Ist es die Furcht vor der Box der Pandora? Graust ihn davor, daß Visionen seiner Bücher (und der von Kollegen) tatsächlich Wirklichkeit werden? Und warum traut er uns Menschen so wenig zu? Ist er ein zu literaler Mensch, als daß er sich ein angenehmes Leben quasi als Nußschale in der Informationsflut vorstellen kann?

Apropos: So schief und verhängnisvoll das Bild vom „Information-Highway“ ist, so unreflektiert wird der Begriff der „Informationsflut“ inflationiert. Der Begriff „Information-Highway“ ist nicht zufällig vom US-Vize-Präsident Al Gore geprägt worden. Dessen Vater war einst Minister für Straßenbau und deshalb faszinieren seinen Sohn eher die verbindende Qualität von (Überland-)Straßen (= Leitungen) anstatt der kommunikativen Qualität urbaner Zonen, Locations oder Marktplätzen, die der Wirklichkeit des Internet viel näher kommen.

Der Begriff „Informationsflut“ ist ähnlich irreführend. Die Masse an verfügbarer Informationen, die da stets zur Flut (ein absichtlich negatives Bild) emporstilisiert wird, war doch eigentlich schon immer latent in dieser Welt vorhanden. Wir Menschen können nur immer schneller immer mehr von diesen Informationen entschlüsseln, verstehen und verbreiten. Seien sie Atommodelle, Formeln, Gen-Codes, Ideen, Visionen, Meinungen oder Erkenntnisse…

Vor allem aber repräsentiert der Begriff „Informationsflut“ und der dahinter verborgene Vorwurf, dadurch werde die Welt unübersichtlich und unbeherrschbar, nur den Grundirrtum, es gebe feste Wahrheiten und eherne Prinzipien. Das war ein Irrtum einer vergangenen Kulturepoche, die Komplexheit fürchtete, nicht zu letzt, weil lineare, einfache Welten besser beherrschbar sind, ideell wie machtpolitisch.

Es gibt in der Welt keine aber Wahrheiten, sondern nur evolutionäre Prozesse, die Masse zur Norm (auch Wahrheit genannt) macht, aber nichts notwendiger zu seiner Fortentwicklung braucht als die Ausnahme (alias: Abweichung, Perversion), um den (über)lebensnotwendigen evolutionären Prozeß fortzutreiben.

Zurück zu Stanislaw Lem. Sein Einwurf, wir wären heute nicht sehr viel weiter als vor 100.000 Jahren, verrät eine tiefe Unkenntnis des Internet und seiner Alltags-Normalität: richtig ist, daß sich viele Parameter menschlicher Bedürfnisse und menschlicher Reaktionen – positive wie negative – wirklich seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht geändert haben: Liebe, Neugier, Ehrgeiz, Freundschaften, Mitteilungsbedürfnis, Neid, Kommunikation, Schadenfreude, Hilfsbedürfnis, Geborgenheit etc. etc. sie alle sind unabänderliche, menschliche Grundbedürfnisse. Das ist aber online in keinster Weise anders. Das alles gibt es auch in der globalen Welt des Internet. Und das ist gut so, daß es so ist. Nur schade, daß das Stanislaw Lem noch nicht erlebt zu haben scheint.

Lob und Komplimente

mak@muc018.96.15:30

Liebe deine Leser wie ich selbst! Diese Maxime hat mir einmal ein Blattmacher nahegelegt. Leider ein Mensch, der fatalerweise zu Selbsthaß neigte. Trotzdem ist dieses Motto sicherlich richtig, ein gesundes emotionales Verhältnis zu sich selbst vorausgesetzt. Nur muß es heute eben „User“ statt „Leser“ heißen.

Das gute Verhältnis zu den Usern von Europe Online wird mir sehr leicht gemacht. In meiner Mail finden sich fast täglich positive Anmerkungen zu EOL. Viel Lob, viel Ermunterung, viel Staunen, viel Anerkennung – und natürlich auch etliche gute Anregungen und Verbesserungsvorschläge.

Neben dieser sehr persönlichen positiven Reaktionen freuen uns bei Europe Online aber auch die ersten Ergebnisse der User-Befragung, die die Burda Medien Forschung für uns durchgeführt hat. Die User von Europe Online sind nach diesen Daten eine extrem interessierte, aufgeschlossene Gruppe. Sie sind hoch gebildet, umfassend interessiert, sie lesen viel, sind viel unterwegs, unternehmen viel etc… – Aber was erzähle ich viel? Die Ergebnisse sind für jedermann komplett im Internet nachzulesen, auf der Website der Burda Medien Forschung.

Ich möchte auch Sie herzlich einladen, an der User-Umfrage selbst teilzunehmen. Es gibt sogar etwas zu gewinnen: Telefonkarten. Der folgende Link führt direkt zum Fragebogen.

Geschlossene Online-Dienste

mak@muc019.96.15:41

„Die Popularität des Internet droht die Online-Dienste überflüssig zu machen“, so titelt das „Wall Street Journal“ vom 18. Januar. In dem spaltenlangen Artikel wird das Internet als die große Gefahr der proprietären Online-Dienste wie AOL, Compuserve, Prodigy oder GenIE beschrieben. Motto: Das Internet frißt ihr Kinder.

Alle proprietären Dienste, die im Gegensatz zu Europe Online ein technisch eigenständiges, zum Internet abgeschlossenes System haben, laufen zur Zeit zum einen die User weg. Sie wollen statt der kleinen, beschränkten Welt der Online-Dienste lieber das große Internet erleben – und dafür auch lieber optimale Browser wie Netscape 2.0 statt des dürftigen AOL-Browsers oder des technisch limitierten Mosaic-Browsers von Compuserve nutzen. Das Wall Street Journal zitiert in dem Zusammenhang einen enttäuschten AOL-User: „AOL is like the Internet on training wheels“ (AOL ist wie ein Internet mit Stützrädern.)

Auf der anderen Seite laufen den abgeschlossenen Online-Diensten auch die Content-Provider davon, die ihnen die Inhalte stellen. Immer mehr von ihnen bauen eigene Websites auf, weil sie so von allen Internet-Nutzern zu erreichen sind, weil sie so direkten Kontakt zu Usern bekommen und selbst Erfahrung im Internet machen können. Oft kündigen sie jetzt, kaum steht ihre eigene Website, ihren Vertrag mit AOL, Compuserve oder Prodigy.

Solche Artikel wie jetzt im renommierten Wall Street Journal bestätigen den Entschluß von Europe Online als Online-Service offen auf dem Internet – und mit dem Internet-Browser Netscape 2.0 gestartet zu sein. Wir kennen keine „Stützräder“. Wir sind kein geschlossenes System, wir sind voll ins Internet integriert und bieten doch den einzigen Vorteil, den proprietäre Dienste noch haben, die Navigation durch Online- und Internet-Inhalte.

Man kann von uns dank unserer Navigationsleiste unten auf den Seiten und unserem Inhalts-Index links auf jeder Seite im Internet nicht verloren gehen, auch wenn man mit den von der Redaktion ausgewählten (und getesteten) Links in den Artikeln themenbezogen und tagesaktuell quer durchs Internet surft.

Der Artikel im Wall Street Journal schließt mit der netten Episode, daß sich ein fester Online-Zirkel mit dem Namen „Freunde von America Online“ heute nicht mehr in den Chaträumen von AOL, sondern auf eigenen Websites trifft. Alle Mitglieder haben längst komplett AOL gekündigt. Ein Mitglied des Zirkels, Mimi Kahn aus Oakland, wird mit den Worten zitiert. „Wir sind einfach den Kinderschuhen entwachsen.“

Musikbusiness am Computer

mak@muc020.96.11:30

Raumschiff-Party des Musik-Express in den Originaldekorationen der Bavaria von „Enemy Mine“. Erstklassiges Catering. Die Säfte schmecken besser als die Alkoholika. Da macht es richtig Spaß, einen klaren Kopf zu behalten.

Die alljährliche Feier des ME ist die willkommene Gelegenheit der Musik-Branche sich Anfang des Jahres wieder einmal zu sehen. Das übliche Ritual: Wiedersehensfreude, routinemäßiges Fragen nach dem werten Befinden, Job-Check (bist du noch bei…) und ein klein wenig Klatsch (hast du schon gehört…?). Und dann vereinbart man: „Wir müssen demnächst mal unbedingt länger telefonieren!“ – was man dann doch nicht tut, um sich es beim nächsten Treffen z.B auf der PopKomm in Köln (16. – 18.8.1996) wieder vorzunehmen.

Bei den Gesprächen überrascht, wie weit die Musikszene die Online-Welt schon als Selbstverständlichkeit sieht. Jeder hat seine Website oder entwickelt eine. Die Konzernmütter in den USA sind zwar oft schon weiter, aber man ist dran mitzuhalten.

Aber selbst in dieser für deutsche Verhältnisse extrem weit entwickelten Online-Kompetenz wird man schmerzhaft daran erinnert, wie wenig Begriffe wie „online“, „Modem“, „Chat“ etc. in der „normalen“ Bevölkerung verbreitet sind. Gerade das Modewort „Internet“ ist bekannt, kann aber meist nur sehr unpräzise zugeordnet werden.

Eine Anekdote dazu: Fragt ein altgedienter PR-Mann: „Und wo bist Du jetzt?“ Bei Europe Online. Nachfrage: „Wie heißt die Zeitung?“ Und selbst nach der dritten Erklärung, was online sei, die Frage: „Ja und wann kommt ihr dann an den Kiosk?“ Erst nach weiteren Erklärversuchen dräut ihm: „Ah, dann ist das sowas mit Mail? Das muß ich jetzt auch. Es ist furchtbar. Ich hasse Computer!“

Es ist leicht, sich über solche Episoden zu amüsieren. Es ist ganz einfach die Realität der breiten Mehrheit. Eine Realität, die man sich immer wieder vor Augen halten muß, wenn man seinen Alltag im Net verbringt!

Offline

mak@muc021.96.21:12

Abgeschnitten von der Außenwelt. Ausgesperrt von der Online-Welt. In der neuen Wohnung ist noch kein Telefonanschluß gelegt. Man muß wie einst zur Telefonzelle um die Ecke.

Die positive Nebenerscheinung: Freunde kommen einfach vorbei, statt vorher anzurufen und zu fragen ob es recht wäre. Das führt zu der kuriosen Situation, daß man für Freunde noch mal aus dem Nachtgewand hüpft und statt wie geplant mal ganz lange zu schlafen bis in die tiefe Nacht weiterklönt.

Fragt sich, wie sich solch herrliche Spontaneität erhalten läßt, wenn das Telefon demnächst funktioniert.

Spielräume statt Enge

mak@muc022.96.17:14

„Multimedia kann ganz entscheidend dazu beitragen, die Vision vom umweltverträglichen Wachstum weltweit Realität werden zu lassen!“

„Euphorische Prognosen über Millionen zusätzlicher Arbeitsplätze durch Multimedia sind bisher reine Spekulation und durch nichts begründet.“ Anscheinend gehört es sich für ein Gutachten für die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD, daß erst einmal tüchtig geunkt wird. Ich weiß nicht, wer Millionen von Arbeitsplätzen im Multimedia-Bereich prognostiziert hat und für welchen Zeitraum, Uwe Koch, ehemaliger Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein und Verfasser des Gutachtens mit dem Titel „Multimedia im ISDN-Zeitalter“ warnt jedenfalls vor großen Erwartungen an die Multimedia-Industrie. – Nun ja, man wird sehen.

Es ist bezeichnend, wie distanziert und unbegeistert in Deutschland der Einstieg in die Multimedia- und Online-Welt gewagt wird. Weltweit, in den USA, in Großbritannien, in Japan oder sogar in Indien werden – zugegeben teilweise zu euphorisch – die neuen Möglichkeiten des Internet und seiner globalen Kommunikation betont und wertgeschätzt. Neue Freiräume, neue Optionen, neue Synergien, neue Denkanstöße, neue Kommunikationsmöglichkeiten, neue Märkte, neue Ideen, neue Ästhetik, neue Medien, neue künstlerische Möglichkeiten… all das und viel mehr sind die Faszinosa, die anderswo im Internet entdeckt und genossen und kommuniziert werden.

Nicht so bei uns. Hier wird lieber geunkt und es werden vorzugsweise die – zugegeben – finsteren Seiten der Internet-Welt betont. Das führt zu der kuriosen Situation, daß wir im Atemzug mit dem undemokratischen, autoritativen China mit Attributen wie Zensur, Verboten und Restriktionen assoziiert werden. Wie wenig lebensfroh und zukunftsbereit muß unser Deutschland so nach außen hin wirken.

Bezeichnend auch, wie Uwe Koch in seinem Gutachten dann doch noch positive Seiten der Multimedia-Welt entdeckt: in der in Deutschland so beliebten Ökologie: „Multimedia kann ganz entscheidend dazu beitragen, die Vision vom umweltverträglichen Wachstum weltweit Realität werden zu lassen!“ Nicht die mediale und mentale Öffnung ist also ein Argument für Multimedia in Deutschland, sondern die ökologische Verträglichkeit: Multimedia trägt zur effizienteren Nutzung knapper Resourcen bei und erhöht gleichzeitig dir volkswirtschaftlichen Spielräume für umweltverträgliches Wachstum.“, schreibt Uwe Koch.

Mir sind andere – kreative, freie und gerne auch verrückte – Spielräume weit wichtiger! Gerade in Deutschland!

Spiel-Sucht

mak@muc023.96.22:34

Gestern nacht ereilte mich wieder einmal ein Rückfall in die Sim City-Spielsucht. Eigentlich wollte ich das Spiel nur einmal schnell einem Freund vorführen. Daraus wurde dann doch wieder eine größere Sim-Village – in mehreren Stunden Spieldauer.

Sim City ist ein solch suchtbildendes und erfolgreiches Spiel, weil anscheinend das Planen, Entwerfen, Bauen und Vernetzen zu Siedlungsgebilden eines der ältesten und tiefst verwurzelten Bedürfnisse von Menschen (von Männern?). Vielleicht prägt uns hier noch immer frühgeschichtliche Erfahrung, als der Homo sapiens begann seßhaft zu werden, und statt in Höhlen etc. unterzuschlüpfen Behausungen plante und baute. Das Erfolgserlebnis, so besser vor Wind und Wetter geschützt zu sein und vielleicht auch die soziale Nähe, die die sich – niedergelassen – schnell entwickelte, könnten sich uns bis heute positiv in tiefste Bewußtseinsstrukturen eingraviert haben.

Wie anders erklärt sich das Faszinosum, das sich in der großen Welt des Web auch sofort, vom ersten Moment an, massenhaft virtuelle Stadt- und Gemeinwesen entwickelt haben. Auch hier scheint das Bedürfnis virtuelle Landschaften urbar zu machen, Städte und Gemeinden als sozialer Raum zu gründen vorzuherrschen. Nur ein paar Beispiele aus dem reichen Angebot: Netville, Cybertown, Cityscape, diverse Cyber Citys, diverse Virtual Citys etc. Dazu kommen Massen von Cyber-Malls, Strips, Straßen und Avenuen. Stadt- und Straßensymbole sind das Markenzeichen der meisten Websites.

Das alles wirkt auf den ersten Blick nicht sehr phantasievoll. Es ist aber verständlich, daß man am Anfang einer völlig neuen, (medien-)revolutionären Entwicklung wie das Web auf bekannte Assoziationen aus dem Alltagsleben zurückgreift. Man tut sich so leichter, das Neue zu wagen. Daher die assoziative Nähe von so vielen Websites zu Städten, Gemeinden, Malls etc.

Sieht man die Entwicklung neuerer Websites, dann läßt diese Manier aber langsam nach. Man wagt immer neue grafische Experimente, immer gewagtere Navigationsprinzipien. Ich denke bald schon wird man die allzuvertrauten, alltägliche Assoziationen immer mehr ablegen und eine eigene Ästhetik des Web gründen.

Die Cybercities (s.o.) werden deshalb nicht zu Geisterstädten werden. Sie werden Heimstatt von Webneulingen werden, die sich im vertrauten Ambiente leichter in die für sie noch fremde und vielleicht ein wenig beängstigende Welt eingewöhnen werden können.

Hot 100

mak@muc024.96.10:42

Kann man sich eine erfreulichere Mail am Morgen vorstellen als solch eine:

Date: Tue, 23 Jan 1996 23:28:54 -0800
From: murrayb@web21.com (Murray Bent)
To: Michael_Konitzer@eod.de
Subject: Hot100 places europenonline at #26

hi

nice work! we placed http://www.europeonline.com at #26 on the Hot100
in the US for Jan 21 1996: 

imagine the place when we do a europe Hot100 !

we’ll let you know the location when we start this series,
shortly.

please contact us for any information, or give feedback to
make the results more useful and compelling.

Thanks!
murrayb@web21.com

Danke für soviel Lob und Anerkennung! Platz 26, vor uns nur Web-Ikonen wie YahooPathfinderSun oder espnet (sowie Playboy und Penthouse), das ist ein größeres Kompliment als wir je gehofft haben – und vielleicht zur Zeit verdient haben. Daß Europe Online vor Hotwiredzdnetinfi.net oder Macromedia rangieren, kann nur der Reiz des Neuen erkläen, den wir als neue, große europäischer Online-Service repräsentieren.

Ich denke, wir müssen noch eine Menge tun, eine Menge verbessern und dazulernen, um solch ein tolles Ranking halten oder gar verbessern zun können.

Wir planen bereits eine Menge inhaltliche und strukturelle Verbesserungen und Neuerungen und vor allem Maßnahmen zu einer besseren und schnelleren Performance von Europe Online. – Stay tuned!

Kritik und Kompetenz

mak@muc025.96.10:11

So ist das in einem jungen Markt mit einem jungen Produkt. Den einen Tag bekommt man (wohlgemerkt innerhalb der Web-Community!) Komplimente, den nächsten Tag wird man abgewatscht: Diesmal von der deutschen Presse, in diesem Fall von der „Woche“.

Das Problem ist, daß man kompetente Kritik ja gut gebrauchen könnte. Es gibt, wie an dieser Stelle schon oft beschworen, wirklich noch viel bei Europe Online zu verbessern. Um so mehr ärgert und verletzt inkompetente und dilettantische Kritik.

Die Ärgerlichkeit beginnt damit, daß eine völlig falsche, überholte Frontpage von Europe Online den Artikel bebildert. Es ist ein Bild aus Interchange-Zeiten (der Browsersoftware, mit der wir bis Oktober 1995 arbeiteten), noch dazu in englischer Sprache. Scheinbar hat in der Redaktion der Woche noch keiner Europe Online wirklich selbst gesehen.

Fragt sich, ob selbst der Autor des Artikels überhaupt Europe Online je in Ausführlichkeit gesehen hat. Jede inhaltliche Kritik bezieht sich nur auf ganz wenige Seiten, vor allem auf solche, die man mit einem 1.2-Browser von Netscape oder Mosaic sehen kann. Und das sind, wie EO-User wissen, nur wenige Seiten. (Wir arbeiten daran, daß wir auch für andere Browser besser lesbar werden!) Entsprechend krude ist das Ergebnis dieser Kritik.
Absurder Höhepunkt der Mäkelei: EO wird vorgeworfen, keine Links auf Focus-Online zu setzen. Der Artikel scheint deutlich vor dem Start von Focus Online geschrieben worden zu sein, denn auf Focus Online verlinken wir seit der ersten Minute, in der dieser interessante und informative Service freigeschaltet wurde.

Mangels eigener Eindrücke von Europe Online wird ausgiebig der Artikel des kleinen Branchendienstes „Internet-Report“ zitiert. Der „Internet-Report“ favorisiert entgegen seinem Titel bewußt proprietäre Online-Dienste (vor allem AOL) gegenüber Internet-Services.

Der Artikel im „Internet-Report“ formulierte zwei Tage nach dem Start von Europe Online herbe Kritik an uns. Teilweise zurecht, weil damals wirklich einiges noch nicht so funktionierte, wie es sollte. Teilweise zu unrecht, weil auch der Verfasser dieser Zeilen offensichtlich nicht Netscape 2.0 benutzt hatte und daher nur die wenigsten Seiten sehen konnte. (Kuriosum am Rande: die dort beanstandeten und jetzt in der Woche zitierten „massenweisen Tippfehler“ werden mit dem Beispiel „Compute“ belegt. Leider heißt unser Computer-Magazin nun mal so, bewußt ohne „R“ geschrieben. Kein Tippfehler, sondern Zitat des Verbums „to compute“.)

Schade, daß die Kritik der Woche so wenig hilfreich ist. Uns nützt Kritik, die existierende Mängel konkret anspricht, nicht Stimmungsmache. Wir unterstellen aber nicht bösen Willen, sondern eher Mißbehagen gegenüber dem neuen Medium „Online“. (AOL kommt ja auch nicht so gut weg.)

Vielleicht können die neuesten Zahlen von regelmäßigen Internet-Usern in den USA das Unbehagen der Zeitschriftenkollegen besänftigen: Auf die Frage, welch andere Freizeitbeschäftigung sie zugunsten von Online einschränken, geben 52 Prozent Fernsehkonsum an, 36 Prozent spielen weniger Computerspiele, 18 Prozent schlafen weniger und nur 12 Prozent lesen weniger. (12 Prozent treffen seltener Freunde, 11 Prozent arbeiten/lernen weniger.)

Keine Angst also, das Internet nimmt keine Leser. Im Gegenteil. Bei unser User-Befragung steht Zeitschriften-Konsum (68%) und das Lesen von Zeitungen (66%) auf Platz zwei und drei der liebsten Freizeitbeschäftigung.

Internetsite des Monats

mak@muc026.96.15:42

Die Fahrstuhlfahrt zwischen Lob und Verriß für Europe Online geht weiter. Nach dem Tiefschlag der „Woche“ gestern heute wieder dicke Komplimente.

Auf der Internetseite von „Tempo“ sind wir zur „Internet-Site“ des Monats erklärt worden. Das macht den Frust und die Verletzungen von gestern mehr als wett. Nicht nur, weil es uns wichtig ist, in jungen Zielgruppen anzukommen, sondern weil auch der Artikel wirklich kompetent und realistisch ist. Und dabei eben nicht unkritisch.

Zitate: „Durch das bunte World Wide Web ist das Internet zum Neuland der Wirtschaft geworden, und Europe Online zeigt dem Rest der Welt, wie man es erobert.“

„Ein Redaktionsapparat, der ein komplettes Nachrichtenmagazin produzieren könnte, bietet auf EOL eine Datenmenge, die den Dienst zum weltgrößten Web-Anbieter macht – 3000 Seiten gingen an den Start. (…) Drei verschiedene Sprachen sind vertreten, alles auf Europa zugeschnitten: Im überamerikanisierten Cyberspace war das überfällig.“

„Das Design von EOL ist gehalten in der biederen Shopping-Mall-Ästhetik, die von CNN bis Focus alle neuen Medien bestimmt, aber hier geht es um Nutzwert für die Massen, und den hat EOL erreicht. Layout und Vernetzung sind leicht verständlich und nutzen die Möglichkeiten des Netscape 2.0 Browsers, eine Seite in mehrere Rahmen aufzuteilen.“

„Das Angebot ist so umfassend, daß EOL elegant mit Konkurrenten wie Compuserve und America Online gleichzieht, mit einem Unterschied: Das World Wide Web kostet nichts und ist erreichbar für 40 Millionen Benutzer, die sich nicht erst eine Spezialsoftware besorgen müssen.“

Wir fühlen uns verstanden!  😉 Zumindest läßt es so sich lockerer und gut gelaunt ins Wochenende gehen.

Humor im Internet

mak@muc027.96.08:04

Apropos gute Laune: Was fehlt dem Internet und der Online-Welt, um sich endgültig gesellschaftlich auf breiter Front zu etablieren? – Humor und Witz!

Apropos Humor: Es gibt nur vergleichsweise wenig Sites mit Scherzen und Kuriosa. Ausnahme sind Witzsammlungen wie etwa rec.humor.funny oder etwa die Site von Randy Cassingham, in der er täglich die absurdesten, abgedrehtesten und aberwitzigsten Meldungen veröffentlicht und kommentiert, denen er habhaft werden kann.

Wesentlicher als integrative Kraft ist der Witz über das Internet. Die beste und gesündeste Art eine Neuerung, die einer Gesellschaft nicht ganz geheuer ist, zu integrieren ist, sich darüber lächerlich zu machen.

Hoffen wir also möglichst bald auf eine Menge Witze über das Internet und seine User. Ein erster Vorgeschmack: Was heißt die Abkürzung „WWW“? – „Warten, warten, warten.“ – Oder der: Was ist der Unterschied zwischen einer Schnecke und einem Internetbrowser? – Eigentlich keiner. Aber die Schnecke kennt keine „Schutzverletzung“.

Not a bug, just a feature

mak@muc028.96.10:10

Apropos Witz und Schutzverletzungen: Wir bei Europe Online sind aus der Zeit, als wir uns noch an der vielversprechenden, aber nicht ausgereiften „Interchange“-Browser-Software versuchten, sehr ironie- und witzerprobt. Die wesentlichste Erkenntnis aus dieser Zeit war die perfekte Ausrede eines System Operators auf einen immer wiederkehrenden, anscheinend unausmerzbaren Softwarefehler: „That’s not a bug, that’s a feature.“

Wir empfehlen diese Maxime als sehr hilfreiches Nerventonikum, wenn wieder einmal ein Stück Software oder der neue Browser nicht so will, wie er soll oder der eigene Computer schier esoterisch anmutende Unsinnigkeiten treibt. Versucht Euch in positivem Denken: „That’s not a bug, that’s a feature!“

Mit ein wenig gutem Willen und gerüttelt Maß an Kreativität läßt sich in jeder Anomalie noch ein Feature herausdestillieren.

Gott und Internet

mak@muc029.96.13:34

Ist das Internet göttlich? In den Augen des bayerischen Kulturunikums Herbert Achternbusch irgendwie schon. Auf die Frage, an welche Götter er glaubt, antwortet der Filmer („Gespenst“), Autor und Maler im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (27/28.01.1996): „Naja, das ist die Phantasie. Früher hat man Götter gesagt, heute sagt man Internet. Das sind nur verschiedene Wörter.“

Fragt sich, wie man es mit den Göttern namens Internet sinnvollerweise hält. Achternbusch hält es so: „Es gibt Gott, weil irgendwie hast du ein Verhalten in dir, daß du sagst: ,Des derf doch net sei, daß es koan gibt.‘ Einerseits weiß man ganz genau, daß es keinen gibt.“ Ins Hochdeutsche transferiert meint das wohl: Das Internet ist kein Gott, aber es tut der Seele wohl, wenn man es als Gott(ersatz) nimmt.

Das mag aber vielleicht für die USA schon gelten. Für Deutschland und seinen Online-Vergällungs-Tarifen der Telekom gilt eher der Achternbusch-Klassiker: „Du hast keine Chance, also nutze sie!“

Design und Usability

mak@muc030.96.13:12

Endlich ernten auch die grafischen Gestalter von Europe Online Deutschland die verdienten Lorbeeren der Kritik. Das für Online-User vielleicht meinungsbildendste deutsche Magazin PC Online lobt neben unserem „Idealismus“ und den vielfältigen Inhalten vor allem das grafische Konzept von EOL: „Das Layout der EO-Inhalte ist sehr modern gestaltet. Hinter den keinesfalls überdimensionierten Grafiken und schmalen Textformatierungen steckt ein klares Konzept: keine Effekthascherei, sondern augenfreundlicher Lesestoff.“

Auch unser Navigationskonzept findet bei „PC Online“ Anklang: „Der Bildschirm wird in drei verschiedene Bereiche gesplittet, die beim Navigieren durch das Online-Angebot deutlich mehr Komfort als herkömmliche Vor- und Zurück-Klicks bieten.“

Besonders freuen uns auch die guten Wünsche von PC-Online-Chefredakteur Thomas Jannot zum Schluß seines Artikels: „Bleibt zu hoffen, daß dieser gute Anfang deutscher Wertarbeit im Internet die nötige Zeit bekommt, die ein Medium braucht, bis es Erfolge feiern kann. Denn soviel steht schon jetzt fest: Das redaktionelle Aufgebot für Europe Online ist – gemessen an den sonstigen chronisch unterbesetzten Online-Abteilungen deutscher Verlage – angenehm optimistisch kalkuliert.“

Ein schönes Kompliment an Burda Medien und Verleger Dr. Hubert Burda, die Europe Online Deutschland gegründet haben und von Anfang an auf ein anspruchsvolles, journalistisches Konzept für die Online-Welt gesetzt haben.

Wir werden aber dafür sorgen, daß wir nicht nur „deutsche Wertarbeit“ abliefern, sondern auch noch viel mehr Esprit, Ideen, Charme und vor allem viel mehr Service- und Kommunikationsmöglichkeiten in unserem Dienst bieten.

Die Frau im Netz

mak@muc031.96.16:20

Das Schöne am Netz und seinen Sites ist, daß es dort wirklich wie im richtigen Leben zugeht. Zum Beipiel bleiben einem auch hier keine Peinlichkeiten erspart.

Zum Beispiel die Frau Netz. Sie ist eine Art Hostess in Deutschlands „erstem Web-Kaufhaus“, dem Netzmarkt.de. Schön brav im schlichten blauen Kostüm führt sie in immer neuen Posen (und mit reichlich Downloadzeit) durch das bislang noch sehr bescheidene Angebot der Mini-Mall.

Einmal mehr wurde hier eine Website nach dem Prinzip aufgebaut, digitale Services möglichst assoziativ mit der realen (analogen) Wirklichkeit zu verbinden. Da gibt es ein „Foyer“, einen „Aufzug“, der in den „ersten Stock“ im Kaufhaus führt (mehr existieren noch nicht), ja es existiert sogar eine „Hausordnung“. Das Ganze ist durchgehend im Biederdesign gehalten – und die unvermeidlichen Frau Netz im braven blauen Kostümchen gibt in immer neuen Posen immer neue, überflüssige Kommentare.

Es fällt leicht, sich über solch wenig gelungenen Web-Anfänge lustig zu machen. Und eigentlich verdient jeder Versuch, in Deutschland online etwas auf die Beine zu stellen, erst einmal Anerkennung.

Trotzdem muß man schon in diesen frühen Stunden des Web-Zeitalters hoffen dürfen, daß die Online-Welt bitteschön nicht zu banal und analog bleiben darf, sondern eigentlich das ideale Feld für ein völlig neues, breitentaugliches Design (ohne allen Elitarismus) werden könnte.

Die neuesten Websites aus den USA (speziell aus New York) und ihr Design geben dazu wirklich Hoffnung. Wenn wir, wie geplant, demnächst unsere EO-Hit-Listen der besten Websites veröffentlichen, wird es auf jeden Fall auch eine Rubrik für die am besten designten Web-Sites geben.

Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 2-1996.

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