May You Live in Interesting Times


Drehbuch des eigenen Lebens redux

In was für einer Sorte Film würden Sie denn selbst am liebsten leben?

In einem Krimi? – Lieber nicht.
In einem Action-Thriller? – Auch nicht.
In einem Katastrophenfilm? – Sicher auf keinen Fall!
In einer romantischen Komödie? – So viel falsche Gefühle muss man aushalten können.
In einer Folge einer Sitcom? – Bitte, bitte, bloß nicht.
In einem deutschen Autorenfilm? – Gääähhn!

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Glücklicherweise hat man keine Wahl, in welchem Film man in seinem Leben zu spielen hat. Die Rolle kann man sich teilweise noch selbst aussuchen, aber der Plot steht in der Regel. In unserem Fall heute 2020 ist das ein sehr chaotischer Mix aus Horrorfilm, Realsatire und Banal-Drama mit einer Vielzahl von Einsprengseln aus Krimi, Thriller, Katastrophe, Sitcom und – im Idealfall – Liebesfilm.

Würde man die Statisten in diesem Film, der Realität heißt, befragen, es würde die Mehrzahl von ihnen wahrscheinlich gerne aus dem Projekt ganz aussteigen, andere würden gerne das Script umschreiben, andere die Besetzungsliste radikal ändern. Die wenigsten würden sich begeistert zeigen von dem, was einem so jeden Tag im Film „Das ist Dein Leben“ geboten ist.

Alle Sicherheiten sind dahin

Die Liste der Zumutungen, die unser Drehbuch für uns in der heutigen Zeit bereithält, ist lang, sehr lang. Immer schneller rinnt die Zeit. Die Beschleunigung unseres Lebens ist real körperlich spürbar. Stress, Lärm, Anspannung, Hetze, Getrieben-Sein sind die Folgen. Spätestens seit die Digitalisierung wirklich zuschlägt, hat sich unser Leben komplett verändert: intensiviert und so hektisch wie nie.

Alle Sicherheiten sind dahin. Wir sind so spektakulär säkularisiert, dass wir nicht einmal recht wissen, warum wir die verschiedenen Feiertage feiern. Wie war das mit Ostern nochmal? Und mit Pfingsten? Weihnachten, o. k. das sind Krippe und Christkind und irgendwo ist ein Ros entsprungen. Ros, nicht Ross??? Kapitalismus und Demokratie, die letzten Ideologien, die uns noch geblieben sind, kränkeln auch schon beträchtlich. Und die Quanten-Physik nimmt uns noch die letzte Bastion der Logik. Dort kann plus zugleich minus sein und alles kann unendlich in vielen Zuständen gleichzeitig existieren.

Ein apokalyptischer Mix

Auch die einzige große Konstante, unsere Welt samt Natur, Klima, Flora und Fauna, ist nicht mehr das was sie einmal war. Was haben wir Menschen da über die letzten Jahrhunderte alles angerichtet! Brennende Wälder, Plastikmüll bis in die tiefsten Abgründe der Meere, Gift, Strahlung überall – und zugleich sterben so viele Tiergattungen aus wie noch nie zuvor. Alles aufgrund unseres eigenen Zutuns…

Der apokalyptische Mix, den das Drehbuch unserer Gegenwart für uns bereithält, ist für sensible Gemüter schwer aushaltbar. Schon weil er scheinbar so wenig tröstende Momente zu bieten hat. Und trotzdem – das ist nun mal so in Filmen – gibt es doch so viele Momente, in denen man Glück, Liebe und Zufriedenheit erlebt. Und das Ganze ohne schlechtes Gewissen. Schließlich ist unsere Psyche sehr begabt im Verdrängen und Ausblenden – und das ist gut so.

The Vertigo Years

Ich habe mit dem Drehbuch, das unsere Gegenwart für uns bereit hält, weit weniger Probleme, seit ich „Der taumelnde Kontinent – Europa 1900 – 1914“ von Philip Bloom lese. (Den Titel des englischen Originals: „The Vertigo Years“ – übersetzbar als: Jahre die einen schwindlig werden lassen, finde ich viel passender.) Das ist ein Geschichtsbuch der besonderen Art. Es behandelt – sehr gut lesbar – die Wirtschafts-, Wissenschafts-, Psychologie-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Es ist wirklich beruhigend zu lesen, wie sehr die Menschen auch damals unter extremen Veränderungen litten. Die Welt beschleunigte – relativ gesehen – ähnlich dramatisch wie wir es heute empfinden. Damals wurden die Züge wirklich schnell. (Teilweise kam man schneller von Hamburg nach Berlin als heute.) Autos kamen auf, das Flugzeug war erfunden. Ein Rekord nach dem anderen wurde gebrochen – und von den Menschen – schaudernd – gefeiert.

Neurasthenien, der Burn out der 20er-Jahre

Die Menschen wurden mit einer Unmenge an Informationen konfrontiert: damals noch per Zeitung und Buch. Gewissheiten lösten sich auf. Die Wissenschaft bewies ein ums andere Mal, dass die Bibel nicht recht hatte. Ob es um die Abstammung des Menschen vom Affen (Darwin) ging oder um den Ursprung der Welt im Kosmos, die Menschen damals hatten ihre großen Probleme, das intellektuell und vor allem psychisch zu verkraften.

Da hilft die neu entwickelte Wissenschaft der Psychologie. Damals litten die Menschen an Neurasthenien, psychischen Erschöpfungszuständen wegen der rasenden Veränderungen: politischen, gesellschaftlichen, kulturellen Veränderungen. Heute nennen wir das Burn Out-Syndrom. Erstmals gab es Stars. Stars des Theaters Eleonora Duse), der Musik (Caruso) und natürlich des (Stumm-)Films. Menschen wollten alles über sie wissen, sie waren Stadtgespräch.

Geschichte wiederholt sich nicht?

Apropos Stadt. Immer mehr Menschen zogen in die Stadt. Weil es dort Jobs gab, aber weil dort auch neue Freiheiten zu erleben waren. Künstlerische Freiheiten, gedankliche Freiheiten – und auch sexuelle Freiheiten. Und wo neue Freiheiten auftauchen, werden sie immer von Menschen und Systemen bekämpft, die – ökonomisch, politisch oder intellektuell – viel zu verlieren haben und da populistisch geschickt die Illusion einer sicheren und idyllischen Vergangenheit propagieren, die es so nie gegeben hat.

Die Parallelen zu heute sind frappant, wenn man die Zeit des frühen 20. mit dem frühen 21. Jahrhundert vergleicht. Nein, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es ist auf eine seltsam schöne Art tröstend zu sehen, dass wir als Menschheit, als Gesellschaft schon einmal durch ähnlich stressige und unübersichtliche Zeiten gegangen sind wie heute. Es ist interessant zu beobachten, wie wir Menschen immer wieder irren, wenn wir meinen, jeweils stets in den schlimmstmöglichen Zeiten zu leben.

Mögest Du in interessanten Zeiten leben

Und es ist auf eine gewisse Weise beruhigend zu sehen, dass wir Menschen, aus allen solchen Situationen irgendwie noch rausgekommen sind. Selbst wenn die damals herrschenden Mächte den mörderischen Lösungsansatz des Modernitätsdilemmas in Form eines Weltkrieges gewählt haben (und dann gleich noch einmal – samt Holocaust und Hiroshima). Gut, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Zumindest hoffen wir das mal ganz feste.

“May you Live in Interesting Times” war das Motto der Biennale 2019 in Venedig. Ganz Italien ist mit diesem Satz überschwemmt, denn jeder Illy-Kaffee hier wird seitdem aus Tassen mit diesem Aufdruck getrunken und mit Zucker aus Zuckertüten mit diesem Aufdruck gesüßt. Denn Illy-Kaffee ist in diesem Jahr der Sponsor der Biennale. Ein mutiger Ansatz in einem Italien von heute. Italien lebt definitiv in sehr „interessanten Zeiten“. Und wirklich glücklich darüber ist kaum jemand.

„May You Live in Interesting Times” gilt ja – auch laut Wikipedia – als alter chinesischer Fluch. Will man einem Menschen von Grund auf etwas Böses wünschen, dann gönnt man ihm „interessante Zeiten“. Dieser Fluch ist ein wunderbarer urbaner Mythos, der sich durch kein überliefertes chinesisches Sprichwort untermauern lässt. Bekannt gemacht hat diesen angeblichen Fluch Robert Kennedy, der ihn 1966 in einer Rede zitierte. Seine Rede schloss er, sehr nonchalant. „Like it or not, we live in interesting times!“ (Also auch schon 1966 waren die Zeiten wieder mal interessant.)

Merke: Solch ein Fluch funktioniert nicht, solange man in derselben Welt leben muss wie der unseres Widersachers! Und wenn es denn ein Fluch ist, ist das der Fluch der Evolution. Wir haben uns – willentlich oder eher nicht – immer für die interessante Lösung entschieden und so die Evolution bis zum Anthropozän vorangetrieben. Jetzt geht es darum, die Geister, die wir weckten, zu bändigen.

Aber war das nicht immer schon unsere dringendste Aufgabe?

 

Das Krippenschwein


Der ganz spezielle Glücksbringer

Es ist rosa, groß und gut im Futter. Es steht ein wenig verschämt ein wenig abseits des Zentrums des Interesses. Aber verwundert – und ein wenig neugierig – schaut es zu, wie da drei Herren in edlen Gewändern auf das kleine Kind, um das seit Tagen ein rechtes Gedöns gemacht wird, zu schweben. Was mag es in dem Moment nur denken?

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Eigenartige Hüte tragen sie. Sind das gar Kronen? Könige sind das vielleicht. Irgendwo aus dem Osten kommen sie, heißt es. Morgenland nennen das die Hirten hier. Auf alle Fälle bringen sie irgendwelche eigenartig riechenden Geschenke mit. Und sogar Gold. Das kriegt man hier bei den einfachen Leuten eigentlich sonst nie zu sehen. Die Lämmer glotzen da blöd. Haben wahrscheinlich noch nie Gold gesehen. Da bleibt ihnen staunend der Mund offen stehen. Leider nicht lange.

Es nervt, dieses dauernde Geblöke von den Schafschaften. Die Hirten haben alle ihre Wolltiere samt ihren Lämmern mitgebracht. Dutzende über Dutzende von ihnen. Die machen ein rechtes Gewese und blöken um die Wette. Nein, sie lobpreisen nicht das kleine Kindchen da vorne. Sie streiten sich nur mal wieder, welches trockene Gras wo besser schmeckt als hier. Schafe halt.

Ich habe eigentlich nur zwei echte Freunde hier. Die Kuh und den Esel. Die können auch mal ganz ruhig dastehen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und darum geht es doch gerade. Wenn das stimmt, was man sich hier erzählt, soll der kleine Knabe da in notdürftigen Windeln einmal eine Art Gott werden, also mindestens der Sohn Gottes – oder so.

Brav die Hände falten!

Auch von Dreifaltigkeit war mal kurz die Rede. Seitdem falten die Hirten, dieses gutgläubige Volk, dauernd ihre Hände. Keine schlechte Idee eigentlich, denn so können sie mit ihren Händen nichts Böses anstellen. Tiere abschlachten etwa. Das ist ja eine ziemliche Unsitte dieser Menschen da. Immer wenn irgendwas Übersinnliches passieren soll, wird im voreiligen Gehorsam ein Tier geschlachtet. Als ob das schon je mal etwas gebracht hätte.

Meistens erwischt es ja die Lämmer, wenn es ums Schlachten für Götter oder anderes Personal geht, das nicht von dieser Welt ist, oder es zumindest behauptet. Aber auch wir Schweine sind da nicht vor Übergriffen sicher. Gott sei Dank sind wir schnell und können uns mit unserem Gewicht ganz gut wehren. Aber es heißt halt immer, gut aufzupassen. Wenn dieses eigenartige Funkeln in den Augen der Menschen losgeht, wenn sie einen ansehen, heißt es, sich schleunigst aus dem Staub zu machen.

Staub mag ich ja sowieso nicht. Ich bevorzuge Schlamm. Das erfrischt, wenn es hier mal wieder recht heiß ist. Aber das gibt es hier nur, wenn es mal richtig stark regnet. Das passiert aber nur alle Weihnachten. Also so gut wie nie. Wenn der Boden so knallhart wie immer ist, bleibt uns armen Schweinen nichts anderes übrig, als uns in unserer eigenen Scheiße zu wälzen. Als Schlamm-Ersatz.

Unreines Schwein

Hat auch sein Gutes. So stinken wir meilenweit und die Menschen gehen uns aus dem Weg. Manche, vor allem die gläubigen Herrschaften mit den komischen Löckchen links und rechts vom Gesicht, haben eine wahre Abscheu vor uns. „Unrein“ nennen sie uns – und deshalb unessbar. Uns soll es recht sein. Diese Haltung ist spürbar lebensverlängernd. Sehr vorbildlich. Sollten sich andere Religionen mal eine Scheibe davon abschneiden.

Ich darf hier so an prominenter Stelle neben der Krippe sowieso nur stehen, weil ich blitzsauber bin und daher einen wunderschönen rosa Farbklecks ins Idyll bringe. Das passierte aber nur aus Versehen, weil ich vorhin, als ich etwas ungeschickt geklettert bin, in den Bach gefallen bin und so meine schützende Schmutzschwarte verloren habe. Daher bin ich hier geduldet – und solange die Herrschaften ihre Hände brav gefaltet lassen, auch vor Übergriffen auf mein fein mit Fett durchzogenes Muskelfleisch sicher.

Ein bisserl ein Fremdkörper bin ich ja schon. Oder hat schon mal einer ein dickes, rosa Schwein an Jesu Krippe gesehen? Eben nicht. Ochs und Esel, die schon. Und Schafe und Lämmer sowieso. Nur wir Schweine kommen beim Krippen-Szenario immer zu kurz. Dabei sind wir doch der Glückbringer. Kein Wunder, dass die Geschichte mit dem kleinen Jesulein dort drüben normalerweise kein echtes Happy End hat. Kein schöner Tod, da an dem Kreuz. Und das nur, weil kein Schwein zugegen war, um dem kleinen Winzling alles Glück der Welt in die Wiege zu legen.

Epilog

Ein kurzer Exkurs zum Verhältnis Religion und Schweinefleisch. Orthodoxe Juden und Muslime lehnen gleichermaßen den Verzehr von Schweinefleisch strikt ab. Schweinefleisch gilt hier als „unrein“, nicht zuletzt weil sich Schweine im Schlamm – oder noch schlimmer – in ihren eigenen Exkrementen wälzen. Schweine tun das, um ihren Hitzehaushalt so zu regeln. Sie haben keine Schweißdrüsen und brauchen daher Flüssigkeit von außen, um sich abzukühlen.

Dieser offizielle Grund kann eigentlich nicht recht funktionieren, denn auch andere Tiere wälzen sich gerne mal im eigenen Dung, Kühe etwa, im Stall zum Beispiel. Die Verfemung des Schweins vor allem im Orient dürfte eher damit zusammenhängen, dass hier Wiederkäuer, die Gras und Heu fressen, willkommener waren und effektiver als Schweine, die ähnlich wie wir Menschen Allesfresser sind und dieselben Dinge fressen wie wir selbst. Sie sind im Orient schlicht unwillkommene Nahrungskonkurrenten, deren Verfemung religiös legitimiert und festgezurrt wurde.

HC = horroris causa/humoris causa


Die Geschichte hinter dem Video

Ich kenne HC Strache nicht. Ich kenne nur seine Medienauftritte und seine rechtspopulistischen Sprüche (samt adäquater Politik). Aber ich habe ihn jetzt sehr privat kennengelernt. Vier Stunden lang im Urlaub auf Ibiza. Oder was Menschen vom Schlage eines HC Strache halt als Urlaub verstehen. Da gibt es keine Pause von der Gier nach Macht.

Heinz-Christian Strache (FPÖ)
HC Strache (Foto: Wikipedia)

Oder ist das Urlaub, wenn man noch wurstiger als sonst schon über die Spielregeln der Demokratie hinweggeht? Urlaub ist auf alle Fälle der (noch?) maßlosere Konsum von Alkohol, Red Bull, Zigaretten, eigenen Fingernägeln und weiß sonst noch was. Geile Mischung: Sedativum gemischt mit Aufputschmitteln. Klar, dass dann der Hormonhaushalt durcheinander gerät und das Denkvermögen leidet. Bleibt nur der pure Instinkt und der allgegenwärtige innere psychische Motor eines von Kindheit an gefühlt Zu-kurz-Gekommenen (nein, kein Wortspiel!).

Kann Authentizität „dumm“ sein?

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ attestiert dem zurückgetretenen FPÖ-Obmann (Parteivorsitzenden) eine „atemberaubende Dummheit“. Ich finde, diese Diagnose ist viel zu harmlos. Abgesehen davon, dass man weiß, dass HC Strache per se nicht „dumm“ ist. Aber die Situation und das Verhalten der Protagonisten ist viel abgefeimter, als dass es „dumm“ genannt werden könnte. Denn hier kommt der Strache ans Tageslicht, wie er nun mal ist. Authentizität live in action. In Red Bull veritas, sozusagen. Und das vor zwei Menschen, die er das erste Mal in seinem Leben sieht. Wie mag er sich aufführen, wenn man „unter sich“ ist? Daher hier auch keine klammheimlich Freude, sondern das Gegenteil. (Was ist das Gegenteil von klammheimlich?)

Ich habe seinerzeit meine eigenen Erfahrungen gemacht damit, wie Menschen sich ideologisch entblößen, wenn sie von ihrer eigenen Wichtigkeit besoffen sind und in einem Gegenüber die geeignete, vielleicht dringend gewünschte Projektionsfläche für ihre sonst sorgsam verhüllten politische Ansichten finden. Wo sie doch sonst immer so aufpassen müssen, nicht mit ihren Ansichten anzuecken oder gar das eigene Geschäft zu schädigen.

Vergangenheit als investigativer Reporter

Ich war ja beim WIENER selbst jahrelang als investigativer Reporter unterwegs und war immer eher entsetzt als erfreut, wenn ich im Sinne der Story erfolgreich war, und sich Menschen in ihrer politischen Verstocktheit oder ihrer Gier entblößt haben. Sei es, wenn sie ein KZ für AIDS-Opfer bauen wollten, samt Stacheldraht und bewaffneter Wache; oder wenn sie einen dubiosen rechten politischen Verein zu finanzieren bereit waren, ähnlich wie es HC Strache der Oligarchen-Nichte vorschlug, um die Finanzierungsgesetze der politischen Parteien in Österreich zu umgehen; oder wenn sie sich nicht zu fein waren, Schleichwerbung im TV zu machen etc.

Ich hatte mich damals nach jedem meiner „Erfolge“ oft selbstkritisch gefragt, ob ich meine Gegenüber zu sehr gelockt habe, sie also verführt habe. Gott sei Dank hatte ich immer einen Zeugen oder mein (verborgenes) Aufnahmegerät dabei, damit ich mich später beruhigen konnte, dass sich meine „Opfer“ schon selbst um Kopf und Kragen geredet haben. Ich hatte nur die geeignete Situation dafür geschaffen, sozusagen die Plattform für ihre Selbstentblößung.

Das Budget der Inszenierung

Genau dasselbe habe ich im Strache-Video entdeckt. Auch hier war gekonnt die Situation inszeniert. Das fing sicher schon im Vorfeld, in Gesprächen mit Gudenus, dem Initiator des Treffens, an. Dann am Abend selbst wurde mit viel Aufwand und Kosten gearbeitet. Das hat die Süddeutsche Zeitung sehr gut in ihrer Dokumentation „In der Falle“ dokumentiert.

Es wurden Tausende Euros für die Anmietung des Anwesens auf Ibiza ausgegeben, hinzu kamen Kosten für das Catering, die vielen Stimulanzien und wohl auch für die Anmietung protziger Autos (Maybach, BMW Z4) und etliche Bodyguards als passendes Ambiente. Letztere wären sicher sehr hilfreich gewesen, falls der Prank, wie man heute bösartige Streiche nennt, schief gegangen wäre. Und bei den Kosten nicht zu vergessen: das technische Equipment mit einer kleinen Armada an versteckten Kameras und Mikrophonen in verschiedenen Zimmern und draußen auf der Veranda samt deren Aufnahmegeräte.

Die Jagd auf die Initiatoren

Und last not least mussten auch noch die beiden Protagonisten, die Darstellerin der russischen Oligarchen-Nichte und deren Begleiter gefunden – und schätzungsweise – bezahlt werden. Was für ein Aufwand. Unterschätze keiner, was das für eine massive Organisations-Arbeit ist. Und insgesamt dürfte da locker ein Budget von 25.000 bis 40.000 ofder mehr Euros zusammengekommen sein. Viel zu viel Geld für einen investigativen Scherz, zu viel auch für eine Aktion von Medien. Eher ein Budget, das einen professionellen Hintergrund und ein veritables Interesse vermuten lässt. Die Jagd auf die Initiatoren dieses Spektakels wird die nächsten Wochen spannend zu beobachten sein.

Aber zurück, was auf den Videos zu erleben ist. Da ist weit mehr jenseits der eifrig kolportierten dubiosen Angebote, der möglichen Durchstechereien, der verdeckten Spenden und skizzierten Einschränkungen demokratischer Rechte und Institutionen zu entdecken. Man muss sich einmal komplett auf die völlig absurde Situation in der Villa auf Ibiza einlassen.

Machogehabe vs. gute Nerven

Man stelle sich es nur vor: Hier sitzen neben Strache auch noch Johann Gudenus, der Fraktionsvorsitzende der FPÖ, und vor allem seine Ehefrau über vier Stunden herum. Und es hat spürbar keinen Einfluss, dass neben der vermeintlich reichen Russin noch eine zweite Frau in der Runde sitzt. Da wird trotzdem ungeniert gebalzt und geprahlt. Es scheint sogar, dass diese Anwesenheit zur Ungezügeltheit und Ungehobeltheit eher angestachelt hat. Machogehabe at its extreme.

Mich interessieren in der Situation besonders die beiden Protagonisten, die im Video nicht zu sehen sind. Aus gutem Grund wahrscheinlich, zu ihrem eigenen Schutz. Die Darstellerin der geldigen Russin und ihr Begleiter, ein Deutscher (?) mit guten Russischkenntnissen. Dieses Meeting mit all seinen absurden Wendungen und dem Konsum von stimulierenden Substanzen über vier Stunden lang ausgehalten zu haben und immer wieder leise und gekonnt nachgehakt zu haben, ohne je zu übertreiben, das setzt wahnsinnig gute Nerven, eine ähnliche Abgefeimtheit – nennen wir es hier mal „mentale Stärke“ – wie die des Gegenübers und hohe Motivation voraus.

Spannung, Spannung, Spannung…

Das Faszinosum des per Video dokumentierten Treffens ist neben seiner Dauer vor allem seine Fülle an Themen und Absurditäten und der Einblick in ein virtuoses Panoptikum menschlicher Abgründe. Und es ist immer spannend: Wann, bitte, fliegt der Prank endlich auf?

Einmal ist es ganz nah dran. „Dös is a Falle!“, raunt Strache. Er hat Verdacht geschöpft, weil die reiche russische Milliardärs-Nichte dreckige Fußnägel hat. Das muss aber nicht wirklich störend gewesen sein, denn sein Jagdinstinkt ist längst geweckt: „Bist du deppert, die ist schoarf!“, meint er zu Gudenus. Da glaubt Strache seinem Adlatus Gudenus gerne, als der ihn beruhigt: „Des is kaa Falle!“

Die Unwirklichkeit des HC Strache

Kein Wunder, dass „Joschi“, wie Strache Johann Gudenus nennt, kein Interesse hat, dass das Treffen im Fiasko endet. Schließlich hat er es eingefädelt und ist mit seinen  Russischkenntnissen – er hat in Moskau studiert – unabkömmlich als Dolmetscher und Stichwortgeber. Wenn der in Aussicht gestellte Geldregen mit schwarzem russischen Geld wirklich kommt, wird er der große Held in der FPÖ sein.

Die Wahrheit ist aber eine andere. Es gab, so heißt es, im Nachgang zu der „Party“ auf Ibiza noch ein paar Kontakte zwischen Gudenus und dem Vermittler. Aber irgendwann muss der Kontakt ja abgebrochen sein. Vor allem aber wurde nichts von dem, was besprochen wurde, je Wirklichkeit. Es floss kein Geld aus Russland, es kamen keine Spenden herein und auch die Kronen-Zeitung wurde nicht gekauft und im Sinne der FPÖ umgemodelt.

Viel Spaß im neuen Leben

Irgendwann nach der Wahl 2017 muss Strache und Gudenus klar geworden sein, dass sie einem Fake aufgesessen sind. Die Ansprechpartner waren nicht mehr zu erreichen. Alles war wie im Rausch verflogen. Vielleicht sieht die Wirklichkeit bei der FPÖ so aus, dass alles jenseits der Realität geschieht? Aber Strache muss sich doch bewusst gewesen sein, dass er sich mit dem Meeting erpressbar gemacht hat. Aber auch das scheint in der österreichischen Politik der Normalfall zu sein, wie es Strache im Video in seinen Andeutungen über die Homosexualität und Sexualeskapaden österreichischer Politiker angedeutet hat.

Spätestens seit Mittwoch vor dem Erscheinungstermin der Story in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel am Freitag, als er von den beiden um Stellungnahme gebeten wurde, muss Strache bewusst geworden sein, dass diese Nacht auf Ibiza sehr verhängnisvoll für ihn werden sollte. Dann spätestens dürfte ihm auch klar geworden sein, dass das komplette Fiasko auch noch gefilmt und aufgezeichnet worden war. Interessant, dass er sich nicht bemüßigt fühlte, umgehend seinen Chef, Kanzler Sebastian Kurz, darüber zu informieren. Und irritierend, dass er bei seinem Rücktritt am Samstag so konsterniert und geschockt aussah, als hätte er alles gerade erst erfahren. Er muss bis zuletzt gedacht haben, irgendwie damit davonzukommen.

Irrtum. Wie formulierte der österreichische Kabarettist Michael Niawarani so schön: „Sehr geehrter Herr Strache. – Viel Spaß im neuen Leben!“

P.S.: Das alles hat übrigens in einem Land stattgefunden, dass berühmt ist für mediale Späße. Ich erinnere mich heute noch mit Vergnügen daran, als Ottfried Fischer für den WIENER im Ductus von Franz Josef Strauß den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim angerufen hat und ihn auf die Wiesn eingeladen hat.

 

 

Besuch von Onkel August


Trambahn und die Gerüche Alt-Münchens

Seltsame Assoziationsreihen durchziehen manchmal meinen Kopf. Und sie wecken längst verlorene, verloren geglaubte Erinnerungen. Start der Reise in kindliche Erinnerungen war im Museum der Münchner Verkehrsgesellschaft im Depot in der Ständlerstraße. Ich hatte Lust auf vergangene Trambahn-Erinnerungen.

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Straßenbahnen waren für unsere Familie, die nie ein Auto besessen hat, weil Papas Kriegsverletzungen und Mamas gesundheitliche Instabilität einen Führerscheinbesitz verhinderten, das gängige Verkehrsmittel. Wir nutzten die weiß-blauen Wagen nicht nur, um von Berg am Laim in die Stadt zu fahren, sondern zu wahren Expeditionen. Von uns im tiefsten Osten Münchens zu unseren nächsten Verwandten in Neuaubing, im äußersten Westen der Stadt, fuhr man damals mit der Linie 19 direkt – aber weit über eine Stunde.

Sie Depp, Du!

Auch die wochenendlichen Wanderungen starteten – und endeten – stets mit einer ausgiebigen Straßenbahnfahrt nach Grünwald oder Pullach. Und natürlich brachte mich die Tram auch jeden Tag ins Wilhelmsgymnasium am Max-II-Denkmal und zurück. Auch in den Übungsraum unserer Band, der unglücklicherweise im Norden am Petuelring lag, ging es anfangs mit der Straßenbahn, später mit der neu gebauten U-Bahn. Aber wehe, man verpasste, weil es gerade so viel Spaß machte in Kneipen, Konzertsälen oder Clubs, die letzte Tram nach Hause. Dann hieß es, einen stundenlangen Weg nach Hause zu Fuß in Angriff zu nehmen. Der Ernüchterung half das oft durchaus. Nachtlinien gab es damals halt nicht.

 

Lebhafte Erinnerungen an das Gerumpel und Gewackel der alten Straßenbahnen kommen hoch, wenn man im Museum vor den alten Wagen der Reihe G oder den Heidelberger Wagen oder der wohlbekannten Baureihe M steht. Unvergessen das Initiationserlebnis des Erwachsen-Werdens, als mich ein Schaffner von der hinteren Plattform verjagen wollte und ich mich renitent zeigte. „Sie, Depp, du!“, schnauzte er mich an. Das war das erste „Sie“ meines damals noch sehr jungen Lebens.

Ein Wagen von der Line 8

Die überraschendste Erinnerung aber war eine plötzliche akustische und olfaktorische, als ich vor den barocken Formen des Wagens der Baureihe G stand. Ich wunderte mich, wie klein der Wagen war. Mir als Kind schien die Tram so viel größer. Und plötzlich hörte ich das notorische „Bitte nach vorne durchgehen!“ der durch die Wagen turnenden Schaffner und die damals üblichen Durchsagen, denen Weiß Ferdl mit seinem „Ein Wagen von der Linie 8“ ein wunderbares Denkmal gesetzt hat. „Aber Leit, lassts doch d‘Leit naus!“

Weiß Ferdl

Verblüffender als solch Alt-München-Nostalgie war der plötzliche Erinnerungs-Flash an die Gerüche, die damals in den Wagen herrschten. Denn die sind nicht von Volkssängern besungen. Ich erinnerte mich plötzlich an diese spezielle Mischung aus körperlichen Ausdünstungen, alten, nicht genügend ausgelüfteten Klamotten, Zigaretten- und Zigarrendünsten, Alt-Männer-Geruch, Menstruations-Flair und billigem Parfum.

Frisch mit Trockenshampoo

Wie geruchsbefreit leben wir heute, wurde mir plötzlich klar. Damals wurde bei uns nur einmal in der Woche gebadet. Unter der Woche war der Waschlappen für die nötige Hygiene zuständig. Haare wurden auch nur einmal die Woche gewaschen. Entweder verdeckten Hüte und Kopftücher die fettenden Haare oder es wurden die Haare mit Trockenshampoo („Frottee“ von Schwarzkopf) etwas entfettet. Die Wäsche wurde auch nur zweimal die Woche gewechselt. Entsprechende Ausdünstungen durchzogen damals die engen Wagen der Straßenbahn, in denen man eng auf eng stand, weil es nur so wenig Sitzplätze auf den Holzbänken an den Längsseiten der Wagen gab.

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Während solche olfaktorischen Erinnerungen vor meiner inneren Nase vorbeizogen, stand plötzlich das Bild von Onkel August vor meinem Auge. Er war für mich als Kind der Inbegriff der damaligen Gerüche. Onkel August war nur ein „Nenn-Onkel“, er war ein Kollege und Freund meines Vaters aus seinen Junggesellenzeiten in Berlin. Er war gewaltig dick und sommers wie winters in einen dicken Wollmantel gehüllt, der so typisch nach Onkel August roch. Nach alter, schwerer Wolle, nach wenig Körper- und Kleiderreinigung und ganz viel Zigarrenduft, oder „Gestank“, wie sich meine Mutter auszudrücken pflegte.

Asbach Uralt to go

Onkel August, mit richtigem Namen August Endruschat, war so etwas wie eine Nemesis für meine Mutter. Er kam mindestens einmal pro Jahr aus Koblenz, wo er als Gerichtsvollzieher arbeitete, nach München angereist, um seinen Freund Bruno, meinen Vater, zu besuchen. Er kam manchmal unangekündigt, vielleicht hatte mein Vater auch versäumt, sein Kommen anzukündigen. Aus gutem Grund. Denn meine Mutter wehrte sich stets mit allen Mitteln gegen den Besuch von Onkel August. Stets vergeblich.

Dabei war Onkel August, sein Leben lang Junggeselle geblieben, ein Kavalier. Er brachte immer ein paar Blumen für Mama und für mich ein kleines Matchbox-Auto als Geschenk mit. Das zentrale Problem war aber sein notorisches drittes Geschenk: eine Flasche „Cognac“, wie er immer die Flasche „Asbach Uralt“ hochtrabend zu bezeichnen pflegte. Und so sicher wie das Amen in der Kirche war die Flasche am selben Abend komplett geleert. Asbach to go sozusagen. Papa und Onkel August waren dann stark alkoholisiert, sprich sternhagelvoll und mussten von Mama irgendwie in Betten bugsiert werden.

Zigarre, Wolle und Altherrenschweiß

Nichts hasste Mama mehr als einen alkoholisierten Ehemann. Sie selbst genehmigte sich schon mal einen kleinen Schwips, denn dann konnte sie kicherig wie ein kleines Mädchen werden. Ich erinnere mich an die dann übliche gekicherte „Drohung“: „Ich mache mir gleich in die Schlüpfer.“ Aber der komplette Kontrollverlust bei einem schweren Besäufnis, das war die absolute Alarmsituation in unserem sonst so akkurat geführten Haushalt. Und Onkel August war der Garant für die Ausnahmesituation in der Familie Konitzer.

MichiSteigtEinMeine deutlichste Erinnerung an Onkel August aber war der Geruch, den er mit seinem Besuch ins Haus brachte – und der dann für Tage noch leise die Räume durchzog. Alkohol, Zigarre, alte Wolle und alter Mann. Nicht direkt unangenehm, aber irritierend und fremd. Keinen Geruch, den ich vermisse. Aber die Erinnerung macht klar, wie viel sich seitdem geändert hat. Zum Besseren, auf alle Fälle, für unsere Geruchssensoren. – Warum auch immer solch Erinnerungen wach werden, wenn man leise amüsiert und mäßig interessiert vor alten Straßenbahnen im Tram-Museum der Münchner Verkehrs Gesellschaft steht.

Nachklapp

#Nachklapp 1: Papa war dann der Erbe von Onkel August. Er hatte für eine standesgemäße Beerdigung in Koblenz und ein schönes Grabmal zu sorgen und im Gegenzug erbte er ein paar tausend Mark, ein Radio, das lange in unserem Wohnzimmer seinen Dienst tat und eine goldene Taschenuhr, die irgendwo in der Devotionalien-Kiste mit den Erinnerungen an meine Eltern liegt.

Nachklapp 2: Zeitgleich zu den Öffnungszeiten des Museums fand auch ein umfangreiches Modelleisenbahn-Meeting statt. Faszinierend zu sehen, wie Kinder auch heute noch staunend vor den Landschaften mit den still vor sich hinfahrenden Zügen stehen. (Irgendwo auf dem Speicher wartet auch noch meine Märklin-Eisenbahn auf ihren finalen Einsatz…) Und interessant auch zu sehen, wie viele – auch junge – Menschen sich noch aktiv für das Hobby der Modelleisenbahn begeistern können.

Der rosa Clown


Ein Ausweg aus der globalen Coulrophobie

Coulrophobie? Nie gehört? – Das ist verständlich. Es beschreibt die Angst vor Clowns, die heutzutage immer mehr Kinder überfällt. Und damit sind noch nicht einmal Grusel- und Killerclowns wie „Pogo der Clown“ oder „Pennywise“ („Es“) gemeint, die in Horrorfilmen ihr Unwesen treiben. Kinder verängstigen einfach die weißen Gesichter, die krassen Grimassen und das linkische Treiben der Spaßmacher, die dann eben so gar nicht Spaß machen.

Pennywise 02
Der Horror-Clown Pennywise

Am schlimmsten sind die weißen Clowns, die hochnäsig, arrogant und selbstverliebt die Chefs der Clowntruppen sind. Wikipedia definiert sie treffend so: „Seine Partner kommandierend, wendet [der Weißclown] dem Publikum häufig den Rücken zu und scheint es auch sonst kaum zu beachten. Dadurch wirkt er, wie auch durch gespielte Ernsthaftigkeit, eitel und arrogant, also als Karikatur des Vertreters einer Elite.

Die Weißclowns sind auch der Grund, warum ich in meinem Blog zuletzt über Monate hinweg stumm geblieben bin. Metaphorisch gesprochen, ist mir schlicht „die Spucke weggeblieben“ während weltweit die weißen Clowns die Macht übernommen haben. Man könnte lachen, wie ein Donald in Amerika, ein Salvini in Italien, ein Bolsonaro in Brasilien, ein Orban in Ungarn, ein Maduro in Venezuela, ein Strache in Österreich, ein Farage – oder noch besser: Boris Johnson – in Großbritannien ihre Possen zum Besten geben. Aber das Lachen kann nicht funktionieren, weil es eben keine Komödien sind, die hier veranstaltet werden. (Apropos: Theresa May scheint es zu gelingen, der erste weibliche weiße Clown zu werden. Weiß, ganz ohne Schminke.)

Back to the future

Mir jedenfalls ist erst mal das Schreiben vergangen. Denn je mehr man sich an den Lügen und Absurditäten der sogenannten Populisten abarbeitet, desto mehr unverdiente Aufmerksamkeit wird ihnen zuteil. Denn hinter dem Deckmantel ihrer Untaten wird ja stets handfeste Politik betrieben, werden Demokratien ausgehebelt und mühsam erkämpfte Rechte vernichtet. Das ist nicht lustig. So atemberaubend auch die Volten der Polit-Clowns, so absurd ihre Verkleidungen (Donald Trump als Orange-Clown) und so abgefeimt ihre Intelligenz und so abgründig ihre Ignoranz sein mögen.

Mein Schweigen ist so gesehen gelebte Coulrophobie. Oder besser, sie war es. Ich will mich in Zukunft nicht mehr an diesen unerfreulichen Gestalten abarbeiten. Das tun andere in genügendem Ausmaß, teilweise sogar übereifrig – Stichwort: „unverdiente Aufmerksamkeit“. Meine forsche These ist, dass dieses Horrorkapitel doch irgendwann zu Ende geht. Vielleicht gerade dadurch, dass man zeigt, wie es anders besser gehen könnte. Mein Thema soll also wieder die „Zukunft“ sein. Also Szenarien, wie eine Welt aussehen könnte, die wir uns noch nicht so recht vorstellen können.

Sprunghafte Zukunft

Das Thema Zukunft kann man bierernst betreiben. Die Gefahr ist, dass man dabei schnell mal mit einer Prognose komplett daneben liegt. Jeder ist viel zu sehr im Hier und Jetzt, oder – noch schlimmer – im Überkommenen, Vergangenen gefangen, um wirklich frei und unvoreingenommen Künftiges vorhersagen zu können. Und selbst wenn man es könnte, gefällt es oft genug der Zukunft, es sich noch einmal völlig anders zu überlegen.

Der beste Beweis dafür ist, dass Zukunftsforscher zwar mit ihren Büchern und den Beratungsleistungen bei Firmen gutes Geld verdient haben. Reich geworden ist keiner, indem er sein Geld auf eine Zukunftstechnologie gesetzt hat. Ober anders formuliert. Larry Page und Sergej Brin sind mit Google reich geworden, Mark Zuckerberg mit Facebook und nicht Timothy Berners-Lee, der „Erfinder“ des Internet oder gar einer der Vordenker des Internet wie Jaron Lanier oder andere.

Silly idea contest: Utopolgy

Ich werde mir in Zukunft eher die Idee des legendären Futurologen zu Herzen nehmen: „thinking the unthinkable“, das Undenkbare denken, über das Undenkbare nachzudenken. Eine Praxis, die auch Wired-Urgestein Kevin Kelly oder Musikologe Brian Eno pflegen. Wir ahnen heute recht gut, was auf uns in Zukunft zukommen kann. Aber wir vergessen allzu oft, darüber ganz naiv und kreativ nachzudenken. Nur so können wir aus der Umklammerung des Bekannten entkommen.

Ich möchte nachdenken, wie eine Welt aussehen könnte, in der eine Share-Economy herrscht. Wie könnte eine Welt und wie könnten Gesellschaften funktionieren, in der Existenzängste – dank garantiertem Grundeinkommen – der Vergangenheit angehören. Wie kann künstliche Intelligenz unsere „menschliche“ Intelligenz unterstützen – und wie könnten wir diese human intelligence, wenn sie von lästigen Alltagsarbeiten entlastet ist, weiterentwickeln? Oder wie sieht eine Welt aus, in der wir keine Energieprobleme mehr haben?

Man könnte mit solch einem Denken die Futorologie um eine Utopologie erweitern. Vorgemacht hat so etwas vor mehr als 100 Jahren Jules Verne. Er hat sich Geschichten dazu ausgedacht, wie es aussehen könnte, wenn Mythen und ewige Wünsche der Menschheit Wirklichkeit werden: Eine Reise zum Mond, eine Tauchfahrt in den Ozeanen, eine Reise um die Welt und vieles mehr. Fragt sich, ob der Wunschkatalog von uns Menschen längst erschöpft ist. Ich denke nicht.

Lust auf Zukunft

Die Zuversicht auf eine positive Zukunft schrumpft die letzten Jahre immer mehr. Die Idee, „meine Kinder sollen es einmal besser haben als wir selbst“, scheitert an negativen Zukunftsperspektiven. Das zunehmende Versagen von (etablierter) Politik und Wirtschaft ist eine Ursache dafür. Die Apokalyptik unserer Medienwelt samt den Panikverstärkern der Social Media verstärkt den Zukunftspessimismus. Unsere auf die real existierende Wirklichkeit genagelte Denkweise findet da keinen Ausweg. Eine Dosis Utopologie kann da nicht schaden. Vor allem wenn sie ein gutes Stück Wahrscheinlichkeitsnähe mit sich trägt.

Klar ist, dass man sich, wenn man eine positive, strahlende, vielleicht bisweilen auch faszinierende mögliche Zukunft ausmalt, lächerlich machen kann. Sogar ganz sicher lächerlich macht. Das ist vielleicht sogar Absicht. Es ist nicht schlecht, mit einem Lächeln oder Grinsen in die Zukunft zu ziehen. Ernst und Bitterkeit, Angst und Bedenken gibt es sowieso genug.

Man macht sich sicherlich in den Augen der Ernsthaften und Bedenkenträger, der Pessimisten und Untergangsapologeten zum Clown, wenn man die Zukunft rosig ausmalt. Ich will das Experiment mal wagen, mich zum rosa Clown zu machen. Mal sehen, wie das so ist. Mal sehen, wie viele Ideen das freisetzt. Mal sehen, wie sehr das Spaß macht. Mal sehen, wie das so ankommt. Mal sehen, ob der rosa Clown vielleicht Mut macht. Nicht zuletzt für die Welt unserer Kinder.

 

Trolle trollen sich nicht


Es gibt ein Leben jenseits des Bösen

Ich habe mir vor einiger Zeit die Rede von Richard Gutjahr auf der TED-Konferenz in Marrakesh angehört. Er beschreibt da, wie er zum Ziel schlimmster Shitstorms, Beleidigungen, Verunglimpfungen und sogar Morddrohungen geworden ist, bloß weil er zufällig beim Terroranschlag in Nizza vor Ort war (Urlaub) und kurz darauf beim Amoklauf in München (seiner Heimatstadt). Beide Male hat er – er ist schließlich Journalist – mit seinem Handy mitgefilmt und gleich darauf auf Facebook berichtet.

Richerd Gutjahr

Da Trolle und Verschwörungstheoretiker Zufälle ausschließen, war Gutjahr für sie ein Agent, Mossad-Mitarbeiter und was sonst noch. Er wurde auf allen Kanälen mit Verleumdungen gegen ihn und seine Frau (sie ist Israelin) bombardiert, auf Facebook, Twitter und besonders heftig auf YouTube. Es lohnt sich, diesen Wahnsinn, dem Richard Gutjahr ausgesetzt war, mal „anzutun“ (in des Wortes Bedeutung). Man kann es in seinem Blog nachlesen oder sich das Video der TED Konferenz ansehen.

Die Hölle im Shitstorm

Danach versteht jeder, wie verzweifelt, verstört und fertig man nach solch einem Shitstorm bzw. einer solchen Verleumdungskampagne ist – und wie viel Kraft (und Geld) es braucht, sich dagegen zu wehren. Und wie viele Rückschläge es dabei gibt. Danach versteht man, warum es Sinn macht, wenn man Rechtsstaatsprinzipien auch im Netz durchsetzen muss. Auch wenn das dem Liberalismus der Netzapologeten und Silicon Valley Investoren gegen den Strich geht.

Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich das Image der Deutschen und Europäer und ihr Umgang mit Datenschutz und Schutz der Privatsphäre (privacy) in den USA gewandelt hat. Früher hat man uns bestenfalls belächelt, normalerweise herbe kritisiert für den Versuch, das Internet zu regulieren. Heute werden wir immer mehr zum Vorbild erklärt. Immer mehr Menschen verstehen, dass man das Netz nicht ungeschützt lassen darf vor Trollen und Firmen, die Daten missbrauchen.

Die Abgefeimtheit der Verlorenen

Nach solch einer Schilderung wie von Richard Gutjahr mag man an der Menschheit verzweifeln. Das Gute im Menschen? In derartigen Fällen versteckt es sich zu gut. Und stattdessen werden Abgründe sichtbar, die man eigentlich in einer angeblich zivilisierten Welt nicht für möglich halten mag. So viel blinder Hass, so schwarze Aggression, so viel Abgefeimtheit, so viel in Bösheit umgeschlagene Verzweiflung. Anders mag man sich nicht vorstellen, dass Menschen so weit kommen können.

Aber ehe man in solchen Momenten zum Menschenverachter werden mag; ehe man seine Zuversicht in eine Entwicklung der Menschheit zum Besseren, zu Vernunft, Zuversicht und Liebe verlieren mag: Stopp! Es ist nicht so, dass das Internet die Menschen schlechter macht. Es hat sie sichtbarer und so viel lauter gemacht. Es hat sie sicher in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit (und schwarzer Macht) „mutiger“, böser, negativ kreativer gemacht. Und die Aufmerksamkeit, die sie so generieren, lässt sie immer weiter machen, immer schwärzer, immer gnadenloser.

Transparenz der menschlichen Abgründe

Aber daran ist nicht das Internet schuld. Zumindest nicht direkt. Es hat nur transparenter gemacht, welch Abgründe es im Menschen gibt. Es macht nur sichtbar, wie „verrückt“, wie der Normalität entrückt Menschen heute sind. Solche Menschen gab es immer. Sie hat nur keiner beachtet. Die Gesellschaft hat immer Räume geschaffen, in denen sich solch verzweifelt negative Menschen austoben konnten. Brot und Spiele, Alkohol und Fußball, Gewalt und Krieg.

In unserer anonymen Gesellschaft sind solche gefährlichen, gefährdeten Menschen nicht mehr wenigstens rudimentär in einen sozialen Kontext gebunden, sei es so etwas wie eine Dorfgemeinschaft, eine Hausgemeinschaft, eine Religionsgemeinschaft, Vereine oder sogar eine Familie. Einsamkeit macht depressiv, das ist längst nachgewiesen. Es macht aggressiv und wenn sozial ungebremst, böse und destruktiv.

Kein Grund zum Menschenhass

Wir müssen eigentlich froh sein, dass uns das Internet dieses Fakt immer wieder klar vor Augen führt. Schlimm nur für die, die darunter real leiden müssen. Und nicht jeder ist so stark und mutig wie Richard Gutjahr. (Und selbst der war nahe daran zu zerbrechen.) Aber wir müssen als Gesellschaft versuchen, eine Zivilgesellschaft, eine zivilisierte Gesellschaft am Leben zu erhalten. Und genauso wie das Internet die Option zum Bösen verstärkt, so stärkt sie auch den Zusammenhalt der anderen. Der Menschen, die andere Menschen mögen, die das Leben lieben, die Liebe leben, die darum kämpfen, dass das Leben besser wird. Nicht nur für ein paar Menschen, sondern für viele, für immer mehr.

Es gibt genug schöne Dinge, genug Fortschritte, genug Errungenschaften und genug positive Ereignisse, die uns die Existenz von Trollen & Co. aushaltbar machen sollten. Die Medien helfen da kaum weiter, sie berichten nur, wenn was passiert. Und nur schlimme und schlechte Dinge passieren. Gutes zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es passiert, es geschieht und existiert – unberichtet, zu oft unbemerkt und kaum mal kommentiert. Was helfen gesunkene Kriminalitätsraten, wenn der tägliche Alarmismus eine konträre Geschichte erzählt?

Aber auch hier hilft das Internet ein wenig. Es gibt schön gemachte Sites, die sich der positiven Seite der Macht stellen und gute Nachrichten verbreiten. Schöne Beispiele sind Sites wie Human Progress oder sogar intelligente Statistik-Analysen wie bei Our World in Data. Beide Sites sind in Englisch. Fehlten nur noch ein paar deutsche Pendants – und User, die bereit sind, positive Nachrichten zu verdauen – anstatt sich immer wieder versichern zu lassen, wie schlimm die Welt – und vor allem die Menschen auf ihr sind.

Mutmachen für die Zukunft


Mein Besuch auf der Blauen Couch

Die Email kam überraschend. Einladung auf die Blaue Couch von Gabi Fischer auf Bayern 1. Zugegeben, ich bin kein sehr eifriger Hörer von Bayern 1, ja generell von terrestrischem Radio. Wenn Radio, dann spezielle Sender aus aller Welt via Streaming, aus den USA (z. B. NRP), aus Großbritannien (immer noch gut: BBC!) oder auch aus dem Nachbarland Österreich (FM4). Natürlich auch mal die jungen Programme des BR.

 

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Dabei halte ich Radio auch weiterhin für unterschätzt. Na ja, vielleicht nicht Radio per se, sondern alle zeitgemäßen auditiven Inhalte, ob Podcasts, Streaming, Hörbücher, Hörspiele, also alles, was informiert, unterhält oder berieselt, ohne dass dafür das Auge in Anspruch genommen werden muss. Dabei geht es nicht nur darum, beim Autofahren ein wenig Ablenkung zu bekommen. Ich finde es auch schön, statt zu lesen, in der S-Bahn zu hören und trotzdem Umgebung und vor allem die umgebenden Menschen beobachten zu können. Nicht immer sind die so unterhaltsam – oder so seltsam – dass man ihnen zuhören muss.

Zukunftsdiskussion als Podcast

Jetzt gibt es auch mich als Podcast. Der Bayerische Rundfunk stellt alle Beiträge der Blauen Couch als Podcasts zum Hören und/oder zum Download zur Verfügung.
Hier der Link zum Podcast auf Bayern1.de. (auch zum Download)
Und hier der Podcast zum Download auf Soundcloud.

Das Thema der Gesprächstunde mit Gabi Fischer war die Zukunft, die Ängste davor – berechtigt oder nicht – und wie man Mut schöpfen kann, die Herausforderungen der Zukunft, die – ziemlich unerbittlich – auf uns warten, meistern zu können.

Schön, das ich ansatzweise die Gelegenheit hatte, im Gespräch auf der Blauen Couch meine Ideen zu einer Art Zukunftsmut kurz skizzieren zu können.

Schritt 1: Evolution akzeptieren & leben

Schritt Eins wäre, sich generell zuzugestehen, dass wir alle Kinder der Evolution, also einer permanenten Fortentwicklung sind. Wir wären nicht Mensch, wohl kaum Lebewesen, gäbe es die Evolution nicht. Also ist stets Veränderung unser typisches Erbgut. Das müssen wir uns einfach eingestehen und akzeptieren. (Man kann ja dann immer noch jammern, dass das alles immer schneller geht, wenn es ohne Jammern nicht geht.)

Schritt 2: Eigene Veränderung lieben lernen

Ein zweiter Schritt wäre meiner Meinung nach, einmal kurz in sich zu gehen und nachzudenken, ob man der, der man vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen ist, auch heute noch gerne wäre. Ich für mich verneine diese Frage entschieden. Ich bin froh, dass ich mich weiterentwickelt habe. Klar habe ich die meiste Mühsal, die Ängste, die ich unterwegs hatte, die peinlichen Momente und die Niederlagen überwiegend vergessen, verdrängt. Die Errungenschaften, die Glücksmomente, die Momente, wo man etwas wider Erwarten geschafft hat, müssen auch erst mühsam hervorgekramt werden. Aber ich bin heute der, der ich früher so nie war. Und das macht mich froh.

Warum nicht diese Haltung auch an die Zukunft anlegen? Klar, es wird oft schwierig werden, es wird Widerstände, Ängste, Niederlagen und unschöne Momente geben. Aber mit ein wenig Glück und Geschick werden auch in Zukunft die positiven Momente überwiegen. Vor allem, wenn wir uns aktiv darum kümmern, wenn wir unsere Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv gestalten, anstatt sie uns von anderen ungefragt vorgesetzt zu bekommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Nach dem Motto: Friss oder stirb.

Schritt 3: Anpassungsfähigkeit schätzen lernen

Vor allem aber sollten wir uns – und das ist Schritt Nummer Drei – sehr bewusst daran erinnern, welche Mühsal, welche Frustrationen, welche Niederlagen, welche Probleme, welche Verluste wir im Leben schon bewältigt haben. Manchmal vielleicht mit Glück, oft aber sicher auch mit Geschick, oft auch nur mit Geduld und im Laufe der Zeit. Wir übersehen, so wie wir schlimme Momente gnädigerweise schnell vergessen können, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Die Wissenschaft hat in letzter Zeit in vielen Studien und Metastudien (das sind Studien, die Studien zusammenfassen) nachgewiesen, dass die Adaptionsfähigkeit des Menschen ungeheuer groß ist. Zugleich ist aber der Glaube der Menschen daran unvergleichlich gering. Wir unterschätzen uns und unsere Fähigkeit, Änderung und Wechsel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen. In Wahrheit genießen wir es sogar – mit Ablauf der Zeit, und im gnädigen Blick zurück sind wir dann manchmal sogar stolz darauf.

Inertia, die Lust und Manie der Beharrung

Die zwei Gegner unseres Anpassungstalents sind die Angst und die sogenannte Inertia, das uns innewohnende Beharrungsvermögen, das man vielleicht besser Beharrungslust nennen sollte. Angst haben wir vor Veränderung weniger, weil sie Arbeit und Mühe bei der Anpassung macht, sondern weil wir nicht wissen, ob wir dabei Gewinner oder Verlierer sein werden. Das ist das Wesen jeder Veränderung, dass die Spielregeln und die Spielklötzchen andere sind. Die Gewinner und Verlierer werden neu bestimmt. Und ehe man Verlierer ist, blockiert man lieber die Veränderung. Man verpasst dabei aber auch die Chance, auf der Seite der Gewinner zu sein.

Zudem sind Menschen als solche sehr beharrlich. Wir sind zwar die Motoren der Evolution, sind aber selbst das trägste Moment in diesem Spiel. Die Technik hat sich drastisch verändert. Was im Großen und Ganzen geblieben ist, wie es war, das sind wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, unserem Verhalten und unseren Denkmustern. Wir tragen noch heute biologische Grundmuster aus vorhumanen Zeiten mit uns herum (Gänsehaut!), und ähnlich archaisch ist unser Hormonhaushalt (Testosteron, Adrenalin!) und  sind es viele unserer emotionalen Spontanreaktionen. Zugelernt haben wir in erster Linie nur kulturell.

Schritt 4: Zukunftskultur mit klaren Zielen

Daher müssen wir uns eine Zukunftskultur schaffen. Das wäre für mich der Schritt Vier. Wir müssen über Zukunft reden, diskutieren, streiten und dabei Schritt für Schritt weiterkommen. Aber Schritt für Schritt wohin? Wir brauchen Zielvorgaben. Das heißt, wir müssen die möglichen, wichtiger noch die nötigen Veränderungen offen benennen und dann diskutieren, ob das o. k. ist – und vor allem, wie wir dahin kommen. Dafür braucht es vielleicht gar nicht die vielzitierten (und von Helmut Schmidt desavouierten) „Visionen“. Es wäre schon genug, klar zu benennen, wo die Reise hingehen soll.

Solche eindeutigen Zielvorgaben scheut die Politik heute wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaft ist da zu Teilen anders, also in den Teilen, die sich zu den möglichen Gewinnern zählen. Die Teile der Wirtschaft, die zu verlieren fürchten, verstecken sich hinter den Politikern und ihrer Beharrungsmanie und stützen sie. Also herrscht ein beliebiges Vor-sich-hin-wursteln, das sich von einer unwichtigen oder übersteigerten Hysterie zur nächsten hangelt.

Zu wünschen wäre eine Politik, die klare Ziele hat. Über die kann man sich austauschen und streiten. Über ein konturloses Allerlei namens „alternativlose“ Realpolitik, kann man das nicht. Das erinnert an ein Fahren im dichten Nebel, in dem man sich nur an den Rückspiegeln orientiert. Da wäre es doch besser, man wüsste, wohin die Fahrt gehen soll.

Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war in Ansätzen eine solche Zielvorgabe. Nur hätte man gerne gewusst, was sie mit „das“ konkret meint. Und noch schöner wäre gewesen, es wäre auch mal grob skizziert worden wie das geschafft werden soll.

Zukunftsforschung, oder „Zukunftssoziologie“, wie ich das lieber nenne, sammelt und analysiert die Ideen und Optionen, wohin es gehen kann und wie es gehen soll – im Rahmen der bekannten Möglichkeiten, die uns unser Planet und unsere gesellschaftliche Verfassung erlauben. Und sie versucht, Ängste zu nehmen – und Mut zu machen. Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft! Also kümmern wir uns gefälligst darum…

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