Die Sprengmeister Europas


Das haben sie davon, diese bösen, bösen Griechen

Kleine Klarstellung vorweg: Mir geht es hier nicht um die Reinwaschung der griechischen Politik und ihres Klientelismus. Die hat in ihren Auswüchsen hochbizarre Züge. Die wären fast amüsant, wären sie erdacht und nicht Wirklichkeit: Wenn sich etwa der Staat mit denselben Katastertricks selbst bescheißt wie es seine Bürger mit ihm tun. Mir geht es auch nicht um eine finanzwirtschaftliche Bewertung der Ergebnisse, dazu fehlt mir jede Kompetenz.

Angela Merkel (rechts) mit ihrem Finanzminister WOLFgang Schäuble
Angela Merkel (rechts) mit ihrem Finanzminister WOLFgang Schäuble

Aber es gibt so viel, was in dieser politischen Hysterieorgie der letzten Wochen derart desaströs lief, dass ein vernünftiges Ergebnis gar nicht mehr möglich war. Die Griechen sind die Bösen, die Unfähigen – und alle anderen die Guten und Tollen. Angela Merkel und speziell Wolfgang Schäuble haben alternativlos recht, und die Griechen haben immer und überall unrecht und machen alles falsch. Das ist ein wirklich kindisches Schwarz-Weiß-Denken. Und es verunmöglicht jedes Handeln jenseits von Aufrechnen und Rechthaben, verhindert jede Kreativität. Weiche Faktoren gelten nicht. Respekt? Fehlanzeige, Save face? Was ist das? Empathie gibt schon gar nicht. Eher schon Wut und Nachtreten.

Die Griechen sind die Schurken

Fangen wir mit den Griechen an. Sie haben eine fatale Staatskonstruktion. Über Jahre haben sich Politiker aller Couleur ihre Wahlergebnisse durch Wohltaten an die Wähler erkauft. Um das zu finanzieren, haben sie sogar die Staatsbilanzen gefälscht. Das ist schlimm und verwerflich. Aber solche Gaunereien funktionieren nur, wenn man sie auch zulässt. Kohl, Waigel & Co. wollten die Griechen beim Euro um jeden Preis dabei haben – und seitdem wird geflissentlich beiseite geschaut, wenn es um Kontrollen geht.

Hat irgendjemand auf der Seite der Zahlmeister und wirtschaftlich Guten mal ein Wort der Selbstkritik fallen lassen? Gab es irgendwann einen Hauch von Reue, dass man die Fehlkonstruktionen des griechischen Staates, die immer schon bekannt waren, stets stillschweigend geduldet hat? Und warum? Weil die Griechen so brav waren, das Geld zu lukrativen Zinsen bei deutschen Banken zu leihen? Und brav haben sie Rüstungsgüter in Milliardenhöhe aus deutschen Landen geordert. (Der Militärhaushalt steht bis heute nicht als Sparmöglichkeit zur Debatte!)

Das neo-liberale Finanzfiasko

Und dann kamen Rezession und die Finanzkrisen. Die trafen das verletzliche Griechenland viel härter als die prosperierenden Länder der EU. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister hat das in einem lesenswerten Artikel beispielhaft dargestellt. Die Folge waren aber nicht etwa drastische Strukturvorgaben für Griechenland, sondern nur weitere teure Hilfsprogramme, die Griechenland nur tiefer ins Desaster führten. Die damals verantwortlichen Politiker in Griechenland haben das brav mitgemacht. Und wir hier, die Kreditgeber, haben das forciert, weil es ja so alternativlos war. Angeblich. Irgendwo hier ein Fünkchen Selbstkritik? Nein, alles richtig gemacht, wir verdienen schließlich daran.

Was die Sache in der Folge noch schlimmer macht, ist die Sprengkraft, die dabei innerhalb Europas entfacht worden ist. Krisenländer wie Irland, die baltischen Staaten, die Slowakei, Portugal oder Spanien haben brutale Spardiktate auferlegt bekommen. Sie konnten sie besser verkraften als das strukturell katastrophal aufgestellte Griechenland mit seinen unfähigen und unwilligen Politikern. Aber es machte sie in der Folge zu den unerbittlichsten Gegnern Griechenlands. Denn warum soll es denen besser gehen als ihnen selbst? War das Absicht der reichen Länder oder fehlende Voraussicht? Und hat man hier ein selbstkritisches Wort aus Berlin oder Brüssel gehört?

Die Währung als Sprengstoff 

Der Euro ist einst eingeführt worden, um Europa noch näher zusammenzuführen, um nach den Staatsgrenzen auch die Finanzgrenzen einzureißen. Eine ehrenwerte Idee, nur leider arg schlecht zusammengeschustert. Ein ähnlich selbstzerstörerisches Konstrukt wie unser Rentensystem. Mich erschreckt jedenfalls, welche Gräben sich zwischen den Staaten Europas auftun:. Teils politisch zwischen links (Syriza) und rechts (Finnland, Dänemark, Ungarn); klimatisch zwischen Süd und Nord, katholisch und protestantisch/calvinistisch, schlampig und korrekt; wirtschaftlich zwischen Gebern und Nehmern, arm und reich. So gesehen hat der Euro eine fatale Sprengkraft für Europa. – Das war doch genau andersherum gedacht, oder?

Und Wolfgang Schäuble macht das alles in seiner störrischen Wut über griechische (levantische?) Verhandlungsweisen nur noch schlimmer. Er ist doch Politiker genug, um zu wissen, wie verheerend solch hartleibiges Verhalten im Imagebild ist. Der Satz, Schäuble habe in einer Nacht mit seinem Beharren auf einem Grexit alles kaputt gemacht, was wir Deutschen über Jahrzehnte an Vertrauen und Zutrauen bei unseren Nachbarn aufgebaut haben, ist so falsch nicht. Und das nur, weil ihm ein Varoufakis so ausgiebig auf den Nerv gegangen ist? Oder weil ein byzantinisches Staatsverständnis so konträr zu seiner schwäbischen Kehrwochen-Korrektheit ist?

Ideen statt Rechthaberei

Mich entsetzt auch die Ideenlosigkeit der Rettungsmaßnahmen, die ähnlich absurd erscheinen wie das Staatssystem der Griechen, das sie kurieren sollen. Jetzt wird also – hopp, hopp, hopp – die Mehrwertsteuer angehoben. Die Steuer, die bekanntermaßen vor allem den kleinen Mann trifft – und wieder einmal die Reichen verschont. Diese Steuererhöhung macht die Dinge des täglichen Bedarfs teurer, die sich viele Griechen z. B. mit ihren gekürzten Renten schon jetzt kaum mehr leisten können.

Zugleich weiß jeder, dass die Umgehung der Mehrwertsteuer längst schon der beliebteste Volkssport Griechenlands ist. Das wird jetzt nicht besser werden, wenn es sich noch mehr lohnt, den Staat um diese Einnahmen zu betrügen. Also noch mehr Kontrolleure? In Griechenland? – Hier zeigt sich exemplarisch die fatale Unfähigkeit des Nordens, die Mentalität des Südens auch nur ansatzweise verstehen zu können/zu wollen. Statt Kontrolle und Nordländer-Lösungen wären besser gute Ideen gefragt.

Motivation statt Kontrolle

In China, wo die Lust auf Kassenbons und Zahlung von Mehrwertsteuer auch sehr marginal ausgeprägt ist, hat sich der Staat was einfallen lassen: Jeder Kassenbon ist zugleich ein Lotteriezettel mit einer frei rubbelbaren Losnummer. Alle Vierteljahre gibt es dann – öffentlichkeitswirksam im Fernsehen – eine große Ziehung der Gewinnzahlen. Und dann ist man der Blöde, wenn die Gewinn-Nummer aufleuchtet und man die entsprechende Quittung nicht vorweisen kann. – Seitdem ist das stille Einverständnis zwischen Kunde und Verkäufer, auf Quittungen zu verzichten, deutlich gestört. In China! Da hat man nämlich Ideen, wie levantinische Mentalität erfolgreich zu unterlaufen ist.

In Europa geht man den anderen Weg, den des gegenseitigen Blamierens, der Schuldzuweisungen und des Besser-Wissens, des Ausgrenzens und Niedermachens. Europa ist sehr gut in so was. Das haben wir über Jahrhunderte hin geübt – und in immer neue Krisen und Kriege eskalieren lassen. – Ich hatte gehofft, das hinter uns gelassen zu haben: Einer muss der Buhmann sein, auf den sich die Volksseele und die Volksverblöder (BILD!) einschießen können. Diese Methode hat noch immer jede Demokratie wirkungsvoll zerstört. Sie ist der Nährboden für Faschismus – egal in welcher Art von Schafspelz er diesmal auftauchen mag.

Warm Turkey


Wenn Medien-Entzug zum Vergnügen wird

Ich bin auf Entzug. Multiplem Entzug. Nur bedingt freiwillig. Inzwischen aber gutwillig – und mit guter Laune. Los ging’s mit dem – nur teilweise freiwilligen – Entzug der Tageszeitung, in diesem Fall der Süddeutschen Zeitung. Teils war der streikbedingt, teilweise langen Absenzen von zu Hause geschuldet. Meine Abenteuer rund um mein Abo der Süddeutschen Zeitung habe ich hier in diesem Blog ausführlich beschrieben – samt erhellenden Kommentaren vom Digitalchef der Süddeutschen, Stefan Plöchinger.

Inzwischen bin ich Abonnent der Digitalausgabe der Süddeutschen. Nun gut, jeden zweiten Tag vergisst die Site mein Login, aber mit einem Klick kann  ich dann meist wieder weiterlesen. Nur noch freitags und samstags kommt die Printausgabe ins Haus. (Das klappt nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch.) Kein gutes Geschäft für die Süddeutsche, denn diese Kombi kommt billiger als das Voll-Abo. Der Effekt des Schwenks zur digitalen Ausgabe: Ich lese weniger. Dafür kann die Süddeutsche nichts, vor allem die Wochenendausgabe ist wirklich klasse.

Aber so weit ich vom Digital Native altersbedingt entfernt bin, die vielen Jahre Onlinekommunikation – 20 werden es dieses Jahr! – haben ihre Wirkung hinterlassen. Meine Medienrituale – oder wie der britische Digital-Anthropologe Daniel Miller es nennt: meine Mediatisierung – hat sich spürbar verändert. Zu ungunsten der überkommenen Medien.

Jede Kommunikation ist mediatisiert

Ein Artikel in der Zeit über Daniel Miller und seine weltweite qualitative Sozialforschung zu Facebook, Twitter, WhatsApp Instagram & Co. hat diesen Wandel sehr gut beschrieben: „Jedes persönliche und direkte Gespräch ist mediatisiert, es folgt impliziten Regeln und Konventionen.“Das ist im digitalen Umfeld nicht anders: „Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert.“ Sein wissenschaftlich untermauertes Resumé zu den Digital Natives: „Technik macht sie glücklich.“ – Ja, tut es – mehr oder weniger – auch bei mir.

Der Vorteil der Zeitung, ob digital oder nicht, ist, dass man selbst bestimmen kann, wann man sie lesen will. Das aber ist beim TV nicht der Fall. Entsprechend ist mein TV-Konsum ausgedünnt. Er geht in championsleague-freien Zeiten inzwischen gegen Null. Obwohl, die letzten Partien habe ich mir sowieso per Streaming angesehen. Das Ende von festgelegten Präsenzzeiten vor dem TV erlebe ich nicht als Entzug, sondern als Befreiung. Krimis langweilen mich, Talkshows lösen Panikattacken bei mir aus…, Was mich interessiert – ein paar Dokus oder die „Anstalt“ vielleicht – sehe ich mir an, wann ich will. In der Mediathek.

Leapfrogging in Realtime

Das Internet bietet einfach zu viele Attraktionen per Video. Grandiose Musikvideos, Vorträge (nicht nur bei TED), Fortbildungskurse, Dokumentationen gibt es en masse bei YouTube & Co. Hinzu kommen Serien bei Amazon Prime (Bosch, The Man in the High Castle) und Netflix. Und für die guten Tipps, was anzusehen lohnt und was angesehen  werden muss, sorgt die Medienkompetenz meiner Freunde bei Facebook und Twitter – allesamt medienaffine Menschen mit erfrischend kontroversen Interessen und breiter politischer Ausrichtung. (Zugegeben, politisch rechts ist gewollt eine breite Lücke.)

Bei meiner Reise zuletzt nach China war ich gezwungenerweise auch Facebook- und Twitter-abstinent. Beides ist ja in China zusammen mit allen Google-Diensten gesperrt. Auch hier, keine großen gefühlten Defizite. In China vermisst im Alltag ja sowieso keiner diese Dienste, weil es adäquate, oft bessere, passendere – und staatlich kontrollierte Angebote in China gibt. Den Effekt konnte ich gut live miterleben. Das Leben ist dort schon weit selbstverständlich digitaler als bei uns. Und das nicht nur bei jungen Menschen. Leapfrogging in Realtime. – Und ich bin kein Frosch und hüpfe mit.

Die Lehre der Leere

Zurück in Deutschland hat mein kontinuierlicher Entzug herkömmlicher Medienzufuhr durch den Streik der Briefträger weiter an Dynamik gewonnen. Seit drei Wochen ist nun unser Briefkasten schon konsequent leer. Und das ist gut so. Zum einen, weil ich als langjähriger Briefträger (zu Schul- und Unizeiten) deren Ausstand nur gut heißen kann. Zum anderen, weil man so erlebt, dass man es so auch gut ohne den gedruckten Spiegel aushalten kann. Gut für mein Zeitmanagement, schlecht für das Print-Business, dem ich schließlich die ersten zwei Jahrzehnte meiner Berufskarriere zu verdanken habe.

Vor allem aber lehrt der leere Briefkasten, wie sehr sich mein Kommunikationsfeld ins Digitale verschoben hat. Das Leben geht auch ganz gut ohne Post weiter. Herrlich, drei Wochen ohne Postwurfsendungen, ohne Werbung, ohne sonstigen Schmarrn. Gut, ein paar Steuerunterlagen sind verschollen, auch Auftragsbestätigungen. Das kann noch ärgerlich werden. Mal sehen, ob das Finanzamt auch höhere Gewalt (= Streik) anerkennen wird. – Und gespannt bin ich, wann der riesige Berg an Post, der in irgendwelchen Postlagern rumgammelt, angeliefert wird. Und wie? Per LKW?

Begleitete Verflachung und Verdummung

Wie geht es jetzt eigentlich Amazon? Ich bestelle dort nun gar nichts mehr. Dies auch aus erziehungstaktischen Gründen. Entweder wird aus Amazon eine verantwortungsvolle Firma mit Steuerzahlungen, adäquaten Löhnen – oder die Geschäfte in meinem Umfeld werden weiter von meiner Amazon-Abstinenz profitieren. Ich spüre auch hier fast keinerlei Mangelerscheinungen. Das ist Entzug auf die bequemste und irgendwie angenehme Art. Warm turkey statt cold turkey.

So verläuft meine Entwicklung zum Digital Adaptive in Riesensprüngen vorwärts. Den Einflüssen von Old School-Ritualen wie Streik sei dank. Und auch, weil die Medienlandschaft so spürbar und rapide verflacht. Welch Irrtum, im Digitalen nur in krampfhaft erzeugten Klick-Fantastilliarden zu denken. Man kann Clicks auch durch Leistung und Haltung erzielen. VOX, Mic, Vice, Mashable und andere in den USA machen es vor. Jürgen Habermas hat nicht so unrecht, wenn er wie zuletzt in der Süddeutschen schreibt: „Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.” Begleitete Verflachung und Verdummung, sozusagen. – Schön, dass ich da nicht mehr mittun muss. Warm turkey.

Der Geburtsfehler des Publishing


Die Wucht der Bezahlschranke

Vor einer Woche habe ich die Süddeutsche Zeitung in einer Lesermail gebeten, mir einen guten Grund zu geben, warum ich als Abonnent neuerdings zusätzlich Geld dafür zahlen soll, dass ich SZ.de lesen kann. Thema Bezahlschranke. Eine Antwort habe ich bis heute nicht bekommen. Scheint eine schwierige Frage gewesen zu sein. Aber man sollte meinen, es könnte eine Antwort auf so eine Frage bereit stehen, wenn man anfängt, für sein Internetangebot Geld verlangen zu wollen. Verkehrsschild im Schnee

Mal kurz die Fakten. Ein Zeitungsabo der Süddeutschen Zeitung kostet 54,40 Euro im Monat (innerhalb Bayerns). Eine Menge Geld, für das man eine Menge Papier frei Haus erhält, das man mehrheitlich nicht (mehr) liest. Aber der Deal ist o. k., eine Zeitung ist was wert. Mir ist es das seit über 40 Jahren wert. Und schließlich kann man als Ehepaar das Abo zu zweit nutzen.

Digital kommt teuer

Jetzt soll man dafür, dass man viele Artikel online liest (die man dann am nächsten Tag gedruckt nicht mehr lesen will), 7,50 Euro monatlich zusätzlich zahlen. Damit nicht genug. Der Ehepartner, da nicht Abonnent, muss für das Onlineangebot 29,99 Euro zusätzlich zahlen. (Die ganzen verbilligten Angebotswochen mal beiseite gelassen, denn die sind schnell vorbei.) Macht summa summarum 91,89 Euro. Das sind 37,49 Euro mehr, knapp 70 Prozent Verteuerung.

Oder will der Verlag, dass man auf das gedruckte Produkt verzichtet. Dann wäre man mit 59,98 Euro dabei, also nur ca. 10 Prozent Kostensteigerung. (Größere Haushalte mit Kindern oder Großeltern mal beiseite gelassen.) Egal: Hier hätte man doch schon gerne wenigstens ein gutes Argument. Denn so viel besser ist die Süddeutsche zuletzt nun auch nicht geworden.

Die Gratis-Kultur des Internet

Das zentrale Argument kenne ich ja sowieso: Das altherkömmliche Businessmodell funktioniert nicht mehr. Die Werbung bricht weg. Die Klein-, Auto-, Stellen- und Immobilienanzeigen sind schon lange den Bach runter. Die Verkäufe werden weniger, die Abonnenten auch. Und Onlinewerbung funktioniert auch nur sehr bedingt, mit hohem Risiko, dass sie mit zunehmend mobiler Nutzung auch massiv einbricht. Und wer ist schuld? Nicht zuletzt ich, der immer die Gratis-Kultur des Internets propagiert habe. Seit 1995. Schon damals hat mir das keine Freunde gebracht.

Das ist natürlich Quatsch, das mit der Gratis-Kultur, aber es argumentiert sich so bequem damit. Ich habe immer dafür plädiert, dass man neue Wege der Finanzierung von Content finden muss. Auch ich habe mich mit der einen oder anderen Einschätzung geirrt. Aber die Idee, sich lieber selbst zu kannibalisieren als die Klein-, Auto-, Kontakt-, Stellen- und Immobilienanzeigen verlagsfernen Firmen zur Eroberung auf dem Präsentierteller anzubieten, wollte nie jemand akzeptieren – bis es zu spät dafür war.

Google ist an allem schuld

Wie wenig – im Ganzen gesehen – Online-Werbung funktionieren kann, habe ich nicht abgesehen. Zu sehr habe ich Werbung als selbstverständliche Finanzierungsmethode von redaktionellen Inhalten gesehen. Ein wohl unvermeidlicher blinder Fleck der beruflichen Selbstwahrnehmung, wenn man über Jahrzehnte im Magazin-Business (vor dem Internet) davon – gut – gelebt hat.

Nun ist also – neben der Gratis-Kultur des Internet, versteht sich – die Digitalisierung daran schuld, dass das Anzeigenbusiness nicht mehr funktionieren will. Genauer gesagt ist Google dran schuld. Das behaupten zumindest die Großverleger und ihre Verbände. (Zur selben Zeit, arbeiten diese aber munter und sehr bereitwillig bei der Vermarktung ihrer Inhalte mit Google zusammen. Darüber wird aber brav still geschwiegen.)

Der Geburtsfehler der Qualitätsmedien

Die Wahrheit ist eine andere: Es war der Geburtsfehler der Zeitungshäuser schlechthin, dass von Anfang an die Werbung die teuren Herren und Frauen Journalisten und die von ihnen (mal teuer, mal weniger teuer) produzierten Inhalte quer subventioniert haben. Ein verständlicher Fehler. Schließlich sind viele Publikationen einst von Druckereien gegründet worden, die ihre Maschinen ausgelastet sehen wollten. Und wenn es informative und qualitätsvolle Inhalte brauchte, zwischen die man werbliche Inhalte platzieren konnte, dann war man sogar bereit, für Inhalte Geld in die Hand zu nehmen.

Dabei waren es genau diese qualitativen Inhalte, die Meldungen, die Features, die Reportagen, die Meinungen, die Reflexionen und auch die Provokationen, die unsere Gesellschaften, die unsere Demokratien erst möglich machten – und so lange prägten, dass sie uns heute – fälschlicherweise – selbstverständlich erscheinen. Ohne eine freie Presse, ohne die Vielfalt an gedruckten Meinungen wäre unsere pluralistische Gesellschaft nicht möglich.

Die Bezahl-Kultur durch Werbung

Blöd nur, dass ausgerechnet alles das dank der Finanzierung durch Werbung möglich wurde. Sozusagen haben wir nun schon seit ca. 150 Jahren eine fatale Nicht-Bezahl-Kultur von Inhalten durch Anzeigen und kommerzielle Angebote. 150 Jahre Bezahl-Kultur durch Werbung. Und genau die droht jetzt durch die Digitalisierung, vulgo GoogleFacebookTwitterWhatsAppPinterest&Co kaputt zu gehen. Aber ausbaden soll das nun der Käufer und Abonnent von Inhalten, weil der schuld ist an der Gratis-Kultur des Internet? Oder so.

Was mich daran so ärgert, ist die Business-Ignoranz der Verlage. Mit ihren Bezahlschranken sorgen sie sehr effektiv dafür, dass sie sich einerseits komplett und offenen Auges von jungem Lesepublikum verabschieden. Und zum zweiten nehmen sie sich aus dem öffentlichen Diskurs heraus, der heute nun mal in sozialen und mobilen Medien stattfindet. Und das alles nur, damit der Tod auf Raten ein wenig länger dauert und die Raten ein weniger billiger werden, weil von zahlendem Publikum ein wenig gegenfinanziert. Lange genug, damit die heute verantwortlichen Redakteure und Manager vermeintlich heil in Rente sind.

Die Hybris der hybriden Medien

Dafür überlassen sie das Feld den Content-Produzenten, die nur auf Klick-Millionen und -Milliarden aus sind, wie es etwa Jonah Peretti, Gründer von Buzzfeed, vor Kurzem auf der SXSW in Austin in seinem Vortrag deutlich gemacht hat. Dabei ist ihm völlig egal, welcher Plattform er sich dabei bedient. Eine eigene braucht er fast gar nicht, nur mehr für solche Medien-Dinosauriere, die mit ihren Laptops Homepages ansteuern. Also für Non-Digitals, die auch bereit sind, Bezahlschranken zu akzeptieren.

Wie fatal so eine Haltung ist, die alle neuen Content-Produzenten pflegen, die ihr Geld mit Native Advertising und anderen – vornehm gesagt – hybriden Finanzierungsmodellen machen, hat in einem bemerkenswerten Artikel in iMEDIA „How advertising ruined publishing“ Sean X. beschrieben: Wenn es keine klare und nachvollziehbare Trennung von kommerziellen und nicht-kommerziellen (vulgo: qualitativen) Inhalten gibt, bricht das komplette System des Publishing, wie wir es kennen und wie es unsere Gesellschaft geprägt hat, zusammen.

Ein möglicher Ausweg: Content-Streamingdienste

Sean X. ist VicePresident des Acquisition Marketing von creditera, einem Online-Business-Kredit-Anbieter. Sein Ausweg aus dem Finanzierungsdilemma von Qualitätsinhalten durch Werbung ist Micropayment, also das problemlose Zahlen von Artikeln ohne Abogebühren etc. (siehe oben); also sozusagen Bezahlschränkchen, so klein, dass sie niemand stören. Ich halte diesen Weg für nicht sehr gelungen und durchsetzbar – schon mangels funktionierenden und akzeptierten Micropaymentsystemen.

Ich halte eine andere Lösung für viel einfacher – und ich praktiziere sie seit geraumer Zeit täglich bzw. monatlich. Wie es gut funktionierende Musik-Streamingdienste wie Spotify oder Deezer gibt, die binnen kürzester Zeit auf Konsumentenseite akzeptiert worden sind, müsste es schleunigst wirklich gute Content-Streaminganbieter geben. Versuche in diese Richtung gab es schon, etwa Online-Kioske von Google (ausgerechnet!) oder von deutschen Verlegern (ausgerechnet!). Nur haben die nicht funktioniert, waren nicht ausgereift oder sind vor Bekanntwerden schon dem Vergessen anheim gefallen.

Mal sehen, wer groß und entschlossen genug ist, so etwas durchzusetzen. Weltweit, unkompliziert, bezahlbar und mit wirklich optimalen Inhalten. Dagegen würden sich Buzzfeed, Huffington Post, Vice und wie die Klick-Schleppnetzfischer alle heißen, schwer tun. Und Content-Produzenten sollten dann genug Geld bekommen, um wirklich qualitative Inhalte produzieren zu können, weil sie dann auf gesellschaftliche Relevanz gepolt sein können und nicht auf Klick-Gier. Das würde den Online-Inhalten generell mehr als gut tun.

Die Zeit macht „Mmmmmh“


Wo ist die Zeit geblieben? Hat sie ein Zuhause?

Gerade in diesem Moment poppt in der Facebook-Timeline von Peter Glaser der Satz auf: „Bei euch macht die Zeit tick-tack, tick-tack. Bei uns macht sie Mmmmmh.“ Es gibt solche absonderlichen Momente spontaner Weisheit. Immer öfter. Im Internet. Ein Satz steht im Raum, noch nie zuvor gehört oder gelesen. Aber es ist, als hätte er schon seit langem einem selbst auf der Zunge gelegen. – Zunge? – Oder wo man halt sonst sein Zeitgeistgespür verorten mag.

iStock_000017987518LargeAlles jammert, dass die Zeit immer schneller verrinnt. Dass sie sich beschleunigt – und mit ihr unser alltägliches – allzeitliches – Leben. Das ist das Schöne an kontinuierlicher Beschleunigung. Irgendwann kommt da selbst die Zeit nicht mehr mit. Dann löst sie sich auf. Aus dem „Tick-Tack“ wird ein rhythmusloses, losgelöstes Seufzen, Brummen, ein ratloses „Mmmmmh“. Und das ist schön. Die Zeit bleibt da nicht stehen, aber sie macht sich auf eine eigene Art überflüssig – und unwichtig. Auch an der Zeit nagt der Zahn der Zeit.

Die Zeit hat sich seit der Digitalität immer weiter aufgelöst. Sie hat ihr Zuhause verloren. (Daher auch immer wieder die Frage: Wo ist die Zeit geblieben?) Das Nacheinander von Informationen ist dem Nebeneinander, Übereinander und Durcheinander von Zeitigkeit, von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit gewichen. Die Zukunft wird zunehmend von der Gegenwart eingeholt. – Traut sich noch jemand „Zukunftsforscher“ zu nennen? Und welche Zukunft will er noch prognostizieren? Die von heute? Morgen ist doch sowie schon fast vorbei. Und findet das überhaupt statt?

Zeitreise zurück im Gedankengang

Die Verschiebung von heute, morgen, gestern ist für Zeitungsleser jeden morgen Alltag. Mehr als die Hälfte der Nachrichten sind Déjà vu. Hat man doch alles längst schon gelesen und gesehen. Ein weiteres Viertel der berichteten Wirklichkeit trägt eine seltsames Patina. Man ist selbst doch schon längst sehr viel weiter mit seinen Gedanken. Man muss, wenn man denn dazu bereit ist, den Gedankengang mühsam wieder zum Stand des jeweiligen Autoren zurückgehen. – Und nur ganz, ganz wenig ist in der alltäglichen Zeitung nach vorne gedacht. (Am Wochenende in der Süddeutschen ist der Anteil angenehmerweise deutlich höher.)

So verrutscht unser Zeitempfinden immer dramatischer. Und von wegen „Tick-Tack“. Wir haben uns doch längst von dieser Rhythmik befreit. Wer auf sich hält, trägt keine Armbanduhr mehr. Das sichtbarste Zeichen eines digitalen Commitments ist die blanke Handfessel. Es sei denn man ist iOS-hörig und schraubt sich nun dort eine Smartwatch an, die nicht tickt und auch nur bestenfalls 18 Stunden lang am Stück die Uhrzeit zeigt, bevor sie mangels Saft verglimmt. Stumm. Ganz ohne mmmmmh.

Der Jetlag des Prekariats

Schnell ganz schnell musste die Smartwatch auf den Markt, ehe sich zu viele Menschen an eine uhrlose Handfessel gewöhnen. Dann wäre der letzte Platz, gerade Männern Geld für ein kleines Stück Körperschmuck abjagen zu können verloren gewesen. Und die Zeitlosigkeit wäre zur grundexistenziellen Grunderfahrung avanziert. Der reinste Horror Vacui, nicht nur für Juweliere.

Apple weiß, dass die Uhrzeit am wenigsten interessant ist an der Apple-Watch. Die bekommt man dann ja auch gratis. Man zahlt aber mit den persönlichen Daten der täglichen Lebensführung, den Leistungsdaten der Fitness-Apps – und natürlich dem eCommerce-Know how der Payment-App. Zeit ist unwichtig, die Daten sind der Schatz, den es zu heben gilt. Das Leistungsprinzip wird neu definiert. Statt Arbeit pro Zeit gilt nun Datendichte pro User.

Die Befreiung der Zeit

„Time is on my side!“ – singen die Rolling Stones – „yes it is!“ Und weiter: „Now you all were saying that you want to be free.“ Eine schöne Weisheit. (Stammt nicht von den Stones, sondern von Textautor Jerry Ragovoy.) In der digitalen Welt ist Zeit fast immer das Jetzt. Eines, das uns hetzt, wenn wir nicht aufpassen. Dann ist es geschehen um unsere Freiheit. Das Jetzt kann man aber auch zu genießen lernen. Wir üben das, indem wir gleichzeitig ganz viele Jetzte beobachten. Bei Facebook, Twitter & Co.. Jetzt in Bild, Ton, Text und Video. Ein fraktales, über alle Welt hinaus zersplittertes Jetzt. Ein Jetzt, an dem stets noch ein bisschen Flaum dran klebt. Ein kleiner Gruß aus der Zukunft – beziehungsweise, was davon noch übrig geblieben ist.

Was machen aber nun die Menschen, bei denen die Zeit noch „tick-tack“ macht und nicht „mmmmmmh“. Die noch den Stechschritt der Zeit brauchen, um sich in der Welt heimisch zu fühlen? Was tun, wenn man Angst vor der Auflösung der Zeit hat? Wenn man noch diese drög konventionelle Aufteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft braucht, um sein Leben zu organisieren? Wohin mit der Zukunftsangst, wenn es keine Zukunft mehr gibt? Und was tun mit den wehmütigen Erinnerungen, wenn die Gegenwart einen mit so vielen, auch schönen Bilder bombardiert – und die Wissenschaft längst beweist, dass alle Erinnerungen irgendwie Einbildungen sind?

Also ich habe den Verdacht, dass das mit einem auf Logik und Zack getunten Gehirn nicht so recht funktionieren mag. Eher mit einem sehr relaxten Mind, der gerne mal im „mmmmh“-Modus läuft. Ein wacher, aber absichtsloser Geist, der sich kindlich über die Ereignisintensität einer immer fraktaler werdenden Gegenwart freuen kann. Und ein kreativer Geist, der die Masse an Input genießt – und kreativ das Beste daraus macht: noch mehr Jetzt. Noch mehr „Mmmmmh“.

Damit fangen wir gleich mal an. Jetzt! – Mmmmmh…

Adriatische Stimmung


Frank Schirrmachers mediterrane Vision

„Ich möchte, dass wir unseren Plan verwirklichen. Adriatische Stimmung des Lebens: also mediterran sonnig.“ So lautete eine SMS von FAZ-Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher an Springer-Vorstand Matthias Döpfner kurz vor seinem Tod Juni 2014. Er konnte nicht mehr ausführen, was er speziell als adriatische Stimmung verstanden hat. Eher erstaunlich so ein Satz bei der dystopischen Ausrichtung seiner letzten Bücher. Wie dem auch sei – ich lebe jetzt wieder zehn Tage lang an der Adria. Es ist sonnig. Landschaft, Himmel und Essen sind mediterran. Ich mache mich mal auf die Suche nach der adriatischen Stimmung.

Am Strand der Adria - in Cupra Marittima.

Adria, das sind zur Zeit brennende Fähren, das sind Flüchtlinge, die übers Meer kommen, das sind geborstene Asphaltstraßen, das sind Missernten (Wein, Oliven) – und immer mehr geschlossene Geschäfte und Restaurants. Die Krise in Italien hat die letzten Ersparnisse aufgezehrt. Es finden aber keine Insolvenzen statt, man einigt sich lieber. Denn in Italien wird mangels Liquidität gerne mit Wechseln bezahlt. Dabei entstehen regelrechte Wechsel-Ketten. Wenn aufgrund einer Insolvenz Wechsel platzen, bricht die komplette Kette in sich zusammen. Das will keiner.

Die stille Krise

In Italien macht man wegen wirtschaftlicher Engpässe kein großes Gedöns. Zum einen verbietet das ausgeprägte Bedürfnis, nach außen hin stets eine gute Figur (bella figura) abzugeben, jedes laute Wehklagen und Jammern. Zum anderen hilft man sich, so gut es geht, gegenseitig. In der Familie – und auch darüber hinaus. Hier ein kleiner Job, dort eine kleine Verdienstmöglichkeit. Das ist dann die positive Seite der in Italien allgegenwärtigen Schattenwirtschaft: Es geht immer ein bisserl was.

Proteste gegen die Sparpolitik der italienischen Regierung erleben nur die großen Städte. Dort sind die von den Gewerkschaften organisierten Demonstrationen Teil des politischen Kasperltheaters: Beppe Grillo gibt den Kasperl – in der anarchischen Version. Silvio Berlusconi ist das Krokodil – il caimano ist sein Spitzname. Matteo Renzi versucht sich mal in der Rolle des Prinzen und dann wieder des Zauberers. Die Rolle des Wachtmeisters (bzw. Steuereintreibers) ist nicht besetzt.

Die Schönheit des Südens

Adria im Januar: Nach Stürmen und Kälte herrscht jetzt milde Wärme und ein wunderbares Farbenspiel der flacher einkommenden Sonnenstrahlen: mal gelbes, mal rotes, mal weißes Licht, das die immergrüne Landschaft in stets neuen Nuancen ausleuchtet. Mal ganz klar, mal von Dunst gefiltert. Die Strände leer von Menschen. Überall ein wenig Strandgut: von der Natur geschaffene kleine Kunstwerke aus Holz und Stein, versetzt mit buntem Plastikmüll. Und von der Ferne grüßen die schneebedeckten Berge des Apennin.

Die Adria-Landschaft im Winter: das sind frisch gepflügte braune Felder. Das sind absurd verdrehte nackte Baumskulpturen  der Feigenbäume. Das sind silber glänzende Olivenhaine und sattgrüne Wiesen. Das sind dunkelgrüne Orangen- und Zitronenbäume, in denen massig reife Früchte in gelb und orange aufblitzen. Nicht mehr lange, dann verkünden  die Mimosen in knalligem Gelb den Frühling.

Lebensfreude und Krise

Vielleicht entsteht genau hier ein erster, brauchbarer Ansatz für eine Definition der Schirrmacherschen „Adriatischen Stimmung“: Es geht uns gut, obwohl die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu eigentlich fehlen. Oder anders herum: Krisen sind schlimm genug. Aber doch noch lange kein Grund, sich sein Leben vermiesen zu lassen. Oder ein dritter Definitionsansatz: Wie sollen wir die schwierigen Zeiten, die uns drohen, vernünftig bewältigen, wenn wir dabei vergessen, das Leben und all seine Annehmlichkeiten so gut und so bewusst wie möglich zu genießen.

Es geht nicht um Verdrängung, es geht nicht darum, sich die Welt schön zu träumen, wo sie nicht schön ist. Aber umgekehrt macht notorisches Jammern schnell blind für die Schönheiten der Welt, versperrt Miesepeterei die Sicht auf positive Ansätze. Angst essen Seele auf, Sorge verengt Perspektive, Pessimismus hemmt Kreativität, Trübheit verdunkelt den Blick.

Nietzsche im Süden

Unser des Optimismus und der Schönmalerei völlig unverdächtiger Philosoph Friedrich Nietzsche hat auf seiner Italienreise 1882 das deutsche Talent, seinem Glück, einem gelungenen Leben und gesunder Zuversicht wirksam im Wege zu stehen, sehr schön in seinem Gedicht „Im Süden“ beschrieben. Hier seine Empfehlung, die Seele das Fliegen zu lehren:

„Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
ich lernte mit den Vögeln schweben, –
nach Süden flog ich übers Meer.

Vernunft? Verdrießliches Geschäfte!
Das bringt uns allzubald ans Ziel!
Im Fliegen lernt ich, was mich äffte, –
schon fühl ich Mut und Blut und Säfte
zu neuem Leben, neuem Spiel …“
(Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft)

Die Seele fliegt

Der deutschen Schwere setzt er ein wunderbar poetisch beschriebene italienische Landschaftsidyll entgegen. Adriatische Stimmung pur:

„Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen, –
Unschuld des Südens, nimm mich auf!“

„Die Unschuld des Südens“, ob sie Angela Merkel je bei ihren Urlauben in Südtirol oder auf Ischia kennengelernt hat? Ob sie sie je verstanden hat? Ob sie sie zu lieben gelernt hat? Und wenn ja: Warum verdrängt sie dieses wundervolle Gefühl immer wieder so erfolgreich? Und wie Sie so viele andere Menschen?

Wir haben Friedrich Nietzsches Zeilen an der Wand unseres Wohnzimmers in unserem Haus in den mittel-italienischen Marken verewigt. Hier sind wir nur drei Kilometer von der Adria entfernt. Hier laden wir uns mit Zuversicht und neuen Ideen auf. Adriatische Stimmung des Lebens. – Danke, Frank Schirrmacher!

Ich wünsche allen meinen Freunden, Lesern und Begleitern Freude und Zuversicht für das Jahr 2015 – und darüber hinaus.

Das Talent der Integration


Fremd ist der Einheimische auch in seiner Heimat

Fremd ist der Fremde in der Fremde. Stimmt nicht immer. Manchmal können sich Einheimische ganz schön fremd in ihrer Heimat fühlen. In unserer Familie ist das ein bestimmendes Merkmal. Mein Vater war 14, als er seine Heimat Westpreußen verlassen musste. Die Konitzers lebten damals am falschen Ufer der Weichsel. Die wurde nach dem Ersten Weltkrieg den Polen zugesprochen. Und darum hieß es Abschied nehmen – und ein neues Leben in Herne, Westfalen, zu beginnen.

1,5 Millionen wurden 1918 allein aus Westpreußen vertrieben
1,5 Millionen Menschen wurden 1918 allein aus Westpreußen vertrieben

Mein Vater hat darüber nur wenig erzählt. An das laute Krachen der Eisschollen der im Winter zugefrorenen Weichsel erinnerte er sich. Und auch von seiner neuen Heimat erzählte er wenig. Aber es sagt einiges, dass er den vom Vater ausgesuchten Beruf des Bergbau-Ingenieurs nicht verfolgte, sondern lieber eine Verwaltungsschule besuchte. Sein Ziel war es, Beamter zu werden, vorzugsweise in Berlin. Im Patentamt dort.

Der Saupreiß auf der Wiesn

Die nächste Vertreibung folgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Familie meiner Mutter musste aus Schlesien fliehen. Über St. Veit in Österreich nach Kirtorf in Hessen, weiter nach Arnsberg in Westfalen und dann endlich nach München. Hier durfte ich dann durchaus erleben, wie fremd sich man sich als „Flüchtlingskind“ in Bayern fühlen konnte. Den Spruch „wir haben Euch nicht eingeladen“ habe ich schon zu hören bekommen. Auf der Wiesn wollte ein Betrunkener meinen Vater verprügeln, weil er „ein Saupreiß“ war und nicht hierher gehört. Die Umsitzenden schritten ein. Ihr bestechendes Argument war ich: „Gib a Ruah. Schau der Bua red doch Bayrisch!“

Es gibt nur wenig Länder, die so oft Flüchtlingsströme und mit ihnen fremde Kulturen integrieren mussten, wie Deutschland. Unsere Lage in der Mitte Europas und unsere kriegerische Vergangenheit waren oft genug Grund dafür. Und wir sind nicht schlecht damit gefahren. Unser föderales System, das die Unterschiedlichkeit unserer Stämme und ihrer Kulturen bewahren soll, hat sich bewährt. Andere Länder mit brennenden inneren Integrationsproblemen beneiden uns darum.

Know how- und Work how-Transfer

Das geballte technologische Wissen eines Mittelstandes, das uns bis heute zum Exportweltmeister macht, hat auch seine Ursache in der Integration von unterschiedlichsten Einwanderern. Von den Hugenotten bis zu den Banater Schwaben haben wir so Fachwissen und Fachkräfte ins Land bekommen. Und wie oft haben wir Fremdarbeiter integriert. Nicht erst in den 50er-Jahren. Polen haben wir schon längst vorher als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet geholt. Teilweise sind sie dann – wie Stan Libuda – auch Fußballheroen geworden.

Fragt sich, wie die Integration dieser vielen Generationen von Menschen mit mangelnden deutschen Sprachkenntnissen, mit fremden Religionen und völlig anderen Kulturen immer wieder gelungen ist. Und zwar von Massen von „Fremden“. Sicher gab es da auch Repression. So waren die Zeiten einst. Aber das ist auch einfach durch offenes Miteinander, durch Annäherung via Kennen- und Verstehen-Lernen passiert. Voraussetzung dafür war aber eine Bereitschaft zur Offenheit und eine Neugier auf Fremdes (jenseits von Touristik).

Preußisch-bayerische Freundschaft

Ich habe die Integration ja optimal selbst erlebt. Warum konnte ich so gut Bayerisch, dass ich meinen Vater quasi retten konnte? Das haben mir die Nachbarsbuben beigebracht. Denn unsere Nachbarn in der Reihenhaussiedlung in Berg am Laim waren nicht nur waschechte Bayern, nein sogar Münchner – ganz genau sogar Berg am Laimer. Aus einem respektvollen Nebeneinander ist da ganz schnell ein Miteinander und dann eine tiefe Freundschaft geworden, die bis heute anhält.

Wir, die Preußen, haben gelernt, wie locker Bayern sind, wie gastfreundlich und hilfsbereit. Die Bayern haben gelernt, wie heftig und nachhaltig schlesische Gastfreundschaft sein kann und wie heiter und gelassen (West-)Preußen mit Ruhrgebietserfahrung sein können. Das Ende vom Lied: Bayern musste zugestehen, dass Schlesier die besseren Krapfen backen können. Und mein Vater war dann lange Jahre Vorsitzender des Bezirksausschusses in Berg am Laim. Ich wiederum hatte einen Münchner als Firmpaten und später eine Münchnerin als Frau. (Nun gut, das hat sich dann einmal geändert: Aber dafür bin ich jetzt voll in Berlin integriert.)

Deutschland, das Zuwanderungsland

Wir sind heute wieder Zuwanderungsland. Kaum  ein anderes Land in Europa nimmt so viele Flüchtlinge auf wie wir. Und das ist gut so. Wir haben einst die Schah-Flüchtlinge aus dem Iran und zuletzt die Kriegsopfer aus dem Kosovo und den anderen Krisenregionen des Balkan aufgenommen und integriert. Entsprechend müssen wir heute den Opfern des Syrien-Krieges zur Seite stehen. Aber stolz darauf kann man nicht sein.

Es ist traurig zu sehen, dass wir so wenig Zuversicht haben, Menschen, Können und Kulturen zu integrieren. Oder anders formuliert, dass wir nicht an unser Talent, integrieren zu können, glauben und die Bereitschaft, es aktiv zu tun, vermissen lassen. Solche „Initiativen“ wie die Montagsdemonstrationen (ausgerechnet!) der Pegida sind zu traurig, um daran Wut zu verschwenden. Die Absichten der Initiatoren sind durchsichtig, traurig macht die Tausendschaft der Mitläufer. Selbst wenn man den Faktor Staats- und Politik-Verdrossenheit als mildernde Tatsache einrechnet, ist solch verblendete Bürgeraktivität deprimierend.

Politisches Versagen

Natürlich ist das auch ein drastischer Fall von Politikversagen. Zu viele Politiker spielen hier aktiv mit dem Feuer. Wer wie die Rechtsausleger argumentiert, wie die CSU samt Seehofer Horst, der vernichtet beim fremdenskeptischen Klientel unseres Landes auch den letzten Rest an Permissivität. Der macht es den Rattenfängern so leicht, eine dann nicht mehr schweigende Masse im üblen Sinne zu aktivieren. Da reichen schon 1 bis 3 Prozent friedliche Muslime um erfolgreich Islamistenangst zu  schüren. Absurd.

Aber nur um Nuancen weniger schuldhaft ist die Klientel an Politikern, die sich in nichtssagende Floskeln zur Integration flüchtet. Es ist verständlich, dass Politiker an ihrer Wiederwahl interessiert sind. Aber deshalb dürfen sie trotzdem nicht so heillos vor dem wichtigsten Thema der nächsten Jahre flüchten wie Angela Merkel & Co.. Zuwanderung, Kriegsvertriebene, Armutsflüchtlinge etc., das sind die Themen der Zukunft.

Fakten zur Krisen-Zukunft

Die Fakten, die unsere nahe (!) Zukunft bestimmen werden, sind bekannt, werden aber notorisch stillgeschwiegen. Wir werden bald 8 Milliarden Menschen auf dem Planeten sein – auf dem Weg zu 10, 12 oder gar 15 Milliarden. Und das alles in unserer Lebensspanne. Die Verteilkämpfe um Lebensmittel und vor allem um Trinkwasser sind absehbar, ja erwartbar. Das gleiche gilt für Land, Wohnraum und Energie, für Rohstoffe und Edelmetalle. Die Situation wird durch den Klimawandel noch verschlimmert: steigenden Meere, veränderte Klimazonen, Versteppung etc. Das alles wird zu einer Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes führen. Dagegen hilft nicht Gewalt, helfen nicht Gesetze. Da hilft nur Hilfe vor Ort und Integrations-Knowhow.

Diese Probleme müssen die heute regierenden Politiker dann nicht mehr verantworten. Vielleicht deswegen deren Wurschtigkeit. Aber sie verantworten die Sinneslage der Menschen heute. Da ist es mit ein paar Sonntagspredigten und mit Leerhülsen aus dem Betroffenheits-Duden nicht getan. Da muss Tacheles geredet werden. (Herr Gauck, Ihr Einsatz!?) Da muss Mut gemacht werden. Da müssen die Ängste und Bedenken ernst genommen werden. Und dann muss Mut gemacht werden. Denn klar, eine Integration gibt es nicht ohne Konflikte und Krisen. Aber ohne sie kommt es zu Krisen und Konflikten in einer Intensität, wie sie keiner von uns erleben will. Denn dann werden auch wir wieder ganz schnell Fremde in einer Fremde.

 Kleiner Nachtrag

Diesen Sommer war der 18-jährige Sohn unserer Nachbarn in Italien, Valerio, zehn Wochen zu Besuch in München. Am Anfang war er von der Fremde und der Größe der Stadt wie paralysiert. Aber sein Deutschkurs und sein Ferienjob (Eisverkäufer, was sonst), haben ihn schnell in München heimisch fühlen lassen. Er wird wiederkommen.

Ich habe ihn gefragt, was ihn hier am meisten beeindruckt hat? Seine Antwort kam spontan: die Freundlichkeit der Menschen. Alle wären immer nett gewesen, hätten gelächelt und sich gefreut. Für mich ein ungewohnter Blick auf uns Deutsche. Aber wir haben wohl tatsächlich Talent, Fremdes und Fremde zu mögen. Bei Italienern fällt es uns leicht. Jetzt müssen wir halt noch lernen, zu fremden Fremden freundlich zu sein.

Der ganz normale Nomadismus


Nicht nur Menschen werden zu Nomaden. Auch Business, Besitz und Job.

Ich bin ein Nomade. Wenn ich mir meinen Kalender 2014 ansehe, war ich deutlich weniger als die Hälfte des Jahres „zu Hause“. Also an dem Wohnsitz, an dem ich „gemeldet“ bin, in Erding. Den Rest des Jahres war ich an meinen beiden alternativen Wohnsitzen in Italien und Berlin. Ich war auf Reisen, habe auswärts Businesstermine gehabt und habe bei Freunden übernachtet – und dort z. B. Kinder gehütet.

Mir erscheint solch ein Leben heute völlig normal. Vor 20 Jahren war das als Idee ganz hip. Aber noch vor 10 Jahren wäre mir das stressig vorgekommen. Heute ist es meine Normalität. Eine Normalität, die ich liebe. Ich liebe es, nach Italien aufzubrechen. Aber von dort kehre ich genau so gerne wieder nach Bayern zurück. Und wenn die nötige Dosis Großstadt fehlt, geht es nach Berlin – oder eine in eine andere Weltstadt wie zuletzt Wien oder New York.

Der Kokon der Hotels

In Hotels bin ich dabei höchst selten. Meist nutzen meine Frau und ich eigene Wohnungen oder welche von Freunden – oder von Airbnb. (Wobei wir dabei auch schon einige „Freundschaften“ mit den Vermietern geschlossen haben.) Dieses Wohnen lässt einen wirklich in eine Stadt eintauchen und dessen Energie erleben. Hotels vermitteln immer nur eine unangenehm seltsame, distanziert Annäherung an eine Stadt, keine direkte, authentische Immersion. Man kauft nicht ein, erlebt keine Lebensgeräusche und -gerüche. Man lebt in einem aseptischen Kokon.

Das nomadische Leben ist natürlich kein Zufall, weil auch mein Berufsleben als freier Journalist und Berater sehr nomadisch geworden ist. Auftraggeber sind über das Land verteilt, in München, Berlin und anderswo. In Wahrheit verdiene ich zeitweise mehr Geld in Berlin als anderswo. Und weil es das Schicksal gut mit mir meinte – Augen auf bei der Berufswahl! – kann ich heute überall arbeiten, wo ich Strom und Internetzugang habe. Also auch im Ausland.

Nomadische Jobs und nomadisches Geld

In Wahrheit habe ich gar keinen festen Beruf mehr. Ich stöpsle immer mehr herum, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. Ein Mix aus Autor, Herausgeber (Annual Multimedia), Redakteur, (Video-)Produzent, Berater, Konzeptionist, Website-Administrator, Kommentator – ja und Ölbauer und Olivenöl-Vertreiber. (Irgendwas vergessen? Wahrscheinlich ja.)

Solch ein Mix bringt meine Bank immer an den Rand der Verzweiflung. (Und in der Folge dann bisweilen auch mal mich.) Es kommt immer Geld herein, aber selten regelmäßig. Und in extrem unterschiedlicher Intensität. So gesehen ist auch mein Besitz sehr nomadisch geworden. Eine wunderschön euphemistische Beschreibung für den Mix aus unterschiedlichen Zahlungsterminen und bisweilen arg säumiger Zahlungsmoral von Auftraggebern.

Income Streams statt Gehalt

Einkommen darf man das dann auch kaum nennen. Auskommen, ja das auf jeden Fall. Der beste Begriff, den ich für diesen Zustand gelesen habe, ist „Income Streams“ (Geldflüsse). Die sind jeweils dünner geworden und versiegen bisweilen. Aber in der Summe ist das durchaus sehr ansehnlich. Und am erfreulichsten ist der allergrößte Zugewinn: Freiheit. Freiheit der freien Zeiteinteilung, wann ich arbeite. Freiheit der Ortswahl, wo ich arbeite. Und was ich arbeite.

Der Begriff „Income Streams“ stammt u. a. von Thomas L. Friedmann. Er prognostizierte einst, dass wir irgendwann keine festen Berufe mehr haben, kein Gehalt, sondern nur noch „Income Streams“. Er hat recht gehabt. – Auf die Prognose von Tom Friedmann bezieht sich auch Brian Chesky, Chef und Mitbegründer von Airbnb, wenn er in einem Interview mit McKinsey die Zukunftsvision seiner Firma zeichnet.

Die Zukunft von Besitz und Renommee

Seine Vision ist die eines Lebens, das völlig auf alle Besitztümer verzichtet. Zitat: „Unsere heutige Generation sieht Besitztum als Belastung. Menschen wollen angeben. Das ändert sich nicht. Aber in Zukunft geben sie lieber mit ihrem Instagram Feed an, mit ihren Fotos, mit den Orten, an denen sie waren, mit den Erfahrungen, die sie gemacht haben. Das ist das Renommee (bling) der Zukunft.“

Und weiter: „Es geht nicht mehr um Autos. Es geht darum, wo du schon warst – und was du erlebt hast. In Zukunft wollen Menschen nur noch das besitzen, wofür sie gerne Verantwortung übernehmen. Und die meisten Menschen wollen in Zukunft nur noch verantwortlich sein für ihr Ansehen, ihre Freundschaften und ihre Erfahrungen. Vermögen wird nicht mehr durch ein Haus definiert oder durch ein Auto. Der größte Wert wird die Zeit sein, die ihnen zur Verfügung steht.“

Die digitale Dienstleistungsgesellschaft

Eine schöne Einsicht: Je mehr wir uns vom Materiellen befreien, desto freier werden wir auch in unserer Lebensweise. Wir werden Nomaden auf der Suche nach persönlichen Kontakten, nach ureigensten Erlebnissen. Und wir werden Reporter unseres eigenen Lebens – in Social Media, in Blogs etc. Und wir können dieses Wissen dann im besten Fall auch beruflich verwerten.

Brian Chesky gibt in dem Interview auch Anhaltspunkte für eine digitale Business-Zukunft wenn wir kaum mehr feste Berufe haben, wenn alle Dienstleistungstätigkeiten dereguliert sind. In einer künftigen Sharing-Industrie verdienen wir Geld (als Income Stream) durch die Vermietung unserer (verbliebenen) Besitztümer: Unsere Wohnungen – weil wir ja immer woanders sind. Unser Auto – weil wir multiple mobil sind. Und so werden wir Vermieter, (Auto-)Verleiher oder in der Betreuung der Gäste Part-time-Hoteliers. Und in deren Bewirtung Part-time-Gastwirte. (Airbnb isr also nicht nur für Hotelketten eine Bedrohung!)

Part-time-Hotelliers und Part-time-Gastwirte

Aus vermeintlichen niederen Diensten werden in seiner Sicht so willkommene, bescheidene Income Streams, die dann in der Addition durchaus erklecklich genug für ein schönes – nomadisches – Leben sein können. Das ist die vielleicht radikalste und konsequenteste Version einer (digital vernetzten) Dienstleistungsgesellschaft. Menschen mit Besitz vermarkten den. Menschen können ihre sämtlichen Fähigkeiten  zu einem Part-time-Job machen – und so nötiges Geld verdienen. – Ich kenne genug Menschen, die ihre mageren Renten mit Zimmervermietung – auch über Airbnb – aufbessern (müssen).

Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.
Oliven-Erntedankfest im Schloss Aufhausen: 150 Gäste.

Eine neue Perspektive auch für mich. Ich koche schon immer gerne für andere Menschen und bewirte sie. (Wie jeweils am zweiten Sonntag im November bei unserem Oliven-Erntedank-Fest im Schloss Aufhausen.) Und ich denke jetzt schon mal nach, wie eine Part-time-Besenschenke oder ein gelegentliches Table d‘ hôte funktionieren könnte… – Egal an welchem Ort auch immer.

 

Lieben Roboter Science Ficition?


Angst vor der eigenen Schöpfung

Man sollte eher gut drauf sein. Nur dann macht es Sinn, sich die Liste der 50 eindrucksvollsten dystopischen Filme zu Gemüte zu führen. Ich bin erschrocken, wie viele dieser zukunftspessimistischen Filme davon zu meinen Lieblingsfilmen gehören und wie sehr einige davon mein Denken geprägt haben. Von den Top 10 habe ich fast alle gesehen – und schätze sie alle (einige mehr, andere weniger):

  1. Metropolis
  2. Clockwork Orange
  3. Brazil
  4. Wings of desire (Engel über Berlin)
  5. Blade Runner
  6. Children of Men
  7. The Matrix
  8. Mad Max 2
  9. Minority Report
  10. Delicatessen

robot-moves-danger-sign-s-0195Der größte gemeinsame Nenner dieser 50 Dystopien ist, dass in den meisten von ihnen künstliche Wesen ihr Unwesen treiben. Cyborgs, Replikanten, Roboter oder andere künstliche Menschenwesen. Die zweite Schöpfungsgeschichte sozusagen: Die Menschen schufen Wesen nach ihrem Ebenbilde. Und wie wir, bzw. Adam und Eva, wollen auch die künstlichen Wesen vom Baum der Erkenntnis naschen – und wenden sich so gegen ihre Schöpfer.

Diese absurde Angst vor der Schöpferrolle des Menschen! Wir schaffen Wesen nach unserem Vorbild – und diese wenden sich dann gegen uns und übernehmen die Macht. Mal keck weitergedacht: Spiegelt sich hier unsere Angst, unserem Schöpfer könnte es einst genauso gegangen sein?

Sind uns Roboter überlegen?

Entsprechend negativ ist über all die Jahre die Rezeption der Idee des Roboters und des brav funktionierenden Humanoiden. Vielleicht weil er in seiner maschinenhaften Effizienz uns Menschen vor Augen führt, wie maschinenhaft viele unserer Arbeiten sind – und wie wenig wir dafür mit all unserer menschlichen Beschränktheit an Kraft und repetitiver Präzision geeignet sind.

Bisher konnte man sich gegenüber der Maschinen-Konkurrenz relativ in Sicherheit wiegen. Das war eine Zukunft, die ganz weit weg war. Was sich dann doch einmal bis in die Medien vorgekämpft hatte, das waren drollig aussehende, dem Kindchen-Schema brav entsprechende Prototypen, die eigentlich nur Maschinen-Intelligenz und Praktikabilität simulierten. Letztendlich waren sie alle zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen. Bei mir im Keller verstaubt auch noch ein Sony Aibo, der kleine Roboter-Hund, der trotz sorgfältiger Pflege kaum etwas vom versprochenen Lerneffekt zeigte und nur sehr erratisch herumtapste. Was er prima konnte: im Weg rumstehen – und virtuell das Beinchen heben.

Outsorcing an Automaten und Roboter

Plötzlich aber ist es mit dieser Automaten-Idylle vorbei. Roboter sind allenthalben in den Schlagzeilen: Drohnen erledigen schmutziges Kriegsgeschäft in Pakistan. Sie liefern im Auftrag von Amazon oder DHL frei Haus. (Wo bitte, wollen die landen?) Als Quadropter drohen sie vor dem eigenen Schlafzimmerfenster als Flying Peeping Tom herum zu schwirren. In den USA fahren schon mehrere Auto-Flotten ohne jede Intervention von (menschlichen) Fahrern durch die Städte. In den Gärten sorgen Rasenmäher-Roboter für akkurate Rasenlängen. Und es gibt sogar Fensterputz-Roboter.

Noch sind die Geräte wenig überzeugend, verteilen den Schmutz mehr, als sie ihn beseitigen. Aber das sind Kinderkrankheiten. Denn die Roboter sind gnadenlose Nutznießer von Moore’s Law. Ihre Rechnerleistung verdoppelt sich alle 12 bis 24 Monate. Sie denken immer schneller, bisweilen auch immer besser. Unsere produzierende Industrie wäre ohne klaglos arbeitende (Industrie-)Roboter längst nicht mehr konkurrenzfähig. Unsere Autos wären immer noch so unpräzise produziert wie einst vor 20 Jahren. (Nein. Früher war nicht alles besser!) Unsere Chips wären nicht so leistungsfähig und klein. Und unsere Smartphones wären immer noch so unhandlich wie Ziegelsteine.

Die Job-Killer aus der Retorte

Die Roboter sind längst die Garanten unserer Produktivitäts-Steigerungsraten, die unser kapitalistisches System so dringend braucht. Und diese Roboter vernichten dabei stets massenweise Arbeitsplätze. Aber seit den Maschinenstürmern Anfang des 19. Jahrhunderts kam es eigentlich nicht mehr zu rassistischen Ausfällen gegenüber Robotern. Und Widerstand gegen Replikanten gab es bislang nur in Science-Fiction-Filmen (siehe oben).

Schon gibt es Ideen, im Zuge der Evaporisierung von (bezahlter) Arbeit so etwas wie eine Produktivitäts- oder Maschinen-Steuer einzuführen. Eine scheinbar logische Idee, wenn arbeitende Menschen mangels Arbeit als Steuerzahler wegfallen, dann halt ihre Surrogate, die Roboter, die das Gros der Arbeit machen, Steuern zahlen zu lassen. Fragt sich, wann die Androiden & Co. so menschenähnlich werden, dass sie auch Kreativität entwickeln, wie sie Steuern sparen – oder hinterziehen können. Das wäre der ultimative Turing-Test: Können Roboter so intelligent werden wie wir Menschen? Oder wie wir uns fälschlich dafür halten…

Die Umkehrung des Turing-Tests

Während wir uns noch in hyper-replikanter Hybris in intellektueller Sicherheit wiegen, laufen längst die umgekehrten Tests der intelligenten Maschinen mit uns. Funktionieren wir brav so, wie es die Maschinen wollen – und merken es selbst nicht. Wir schreiben brav die CAPTCHA-Texte ab, wenn wir Formulare im Web ausfüllen. Die – vermeintlich – intelligenteren Menschen unter uns, meinen damit etwas Gutes zu tun, nämlich unentgeltlich die Digitalisierung von Büchern durch Google mit menschlichem Wissen zu optimieren. In Wahrheit ist das der perfekte Test der Maschinen, ob wir nicht eine von ihnen sind, bzw. „nur“ brave, sich den Maschinen überlegen fühlende Hominiden.

Die These ist Ihnen ein wenig zu steil? Mehr Beispiele gefällig? Amazon’s Mechanical Turk, die Angebots-Plattform für Billigstlohn-Arbeiten, ist die optimale Clearingstelle der Maschinen-Intelligenz, auf welchen monetären Wert sich menschliche Arbeit herunterhandeln lässt, um noch mit Maschinen-Effizienz und Algorithmus-Präzision mithalten zu können. 1 Cent (US) pro URL, 2 Cent pro ausgefülltem Adressformular, 11 Cent für das Tagging eines „Adult Movie“, das gibt es hier zu verdienen. Das summiert sich – eben nicht. Ach ja, 1 Cent gibt es auch pro ausgefülltem CAPTCHA.

Barrierefreies Lernen für Maschinen

Ein Problem hat die Maschinen-Intelligenz. Sie braucht Stoff. Digitalen Stoff. Denn wie soll sie sonst lernen? Je mehr digitale Daten, desto besser kann sie ihre Schlüsse aus unseren Erfolgen und Misserfolgen ziehen. Und wir liefern brav. Die Bibliothek unseres Wissens macht Google gerade maschinenlesbar. (Für die Fehlerfreiheit sorgen wir Menschen – mittels CAPTCHA.) All unser Leben, all unser Denken wird immer digitaler, dank Social Media, Netzwerken und Kommunikationssystemen. Damit die Maschinen vollen Zugang darauf bekommen- und wir keine abgekapselten Inseln des Wissens mehr haben, haben die NSA (National Security Agency) und die mit ihnen kooperierenden oder konkurrierenden Geheimdienste alle Barrieren, einst Datenschutz genannt, aufgehoben. Sie ermöglichen der Maschinen-Intelligenz jetzt endlich barrierefreies Lernen.

Und damit auch nichts aus dem Datenuniversum, das wir gerade zu explosionsartiger Ausdehnung bringen, verloren geht, baut die US-Regierung in der Wüste den größtmöglichen Datenspeicher mit dem vorläufigen Fassungsvermögen von mindestens zwei kompletten Jahrgängen an Datenvolumen. Da werden die Konkurrenten China, Russland etc. nicht Ruhe geben und ihrerseits Ähnliches schaffen. Die funktionieren für das Maschinen-Lernen prima als nötigen Sicherheits-Speicher und Parallel-Rechner. – „Warning! Keep away! Robot moves without warning!“

Saure Milch


Aus Redakteuren werden Melk-Facharbeiter

Drei Strategien verfolgen die klassischen Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage beim Wandel zum Digitalen. Der amerikanische Ex-Journalist und Medienberater Alan D. Mutter hat sie in seinem Blog „Reflections of a Newsosaur“ folgendermaßen definiert:

  • Milk it – Man hat längst aufgegeben, investiert nichts mehr, spart wo es geht und holt nur noch so viel Geld aus dem Unternehmen wie möglich.
  • Farm it – Man hat letztlich auch aufgegeben – aber investiert gerade so viel, dass vielleicht der Zeitpunkt der Unrentabilität nach hinten verschoben wird.
  • Feed it – Man investiert heftig und mit viel Mut zum Risiko und erfindet sich in der digitalen Welt neu.

Danke an Wolfgang Blau, einst Chefredakteur von Zeit Online und heute Direktor Digitalstrategie und Mitglied der Geschäftsführung des Guardian. Er zitiert diese Definition in einem mehr als hörenswerten Vortrag beim DJV über die Trennung von Print- und Online-Journalismus.

Wolfgang Blau sieht in Deutschland eigentlich nur einen Verlag, der der dritten Kategorie zugehört, der wirklich Neues wagt und dafür richtig Geld in die Hand nimmt. Und das ist der Springer Verlag. Alle anderen wählen die beiden anderen Wege:  Mehr oder weniger sehenden Auges steuern sie dem Ende ihrer Existenz entgegen.

Die Rente ist sicher

In dem Zusammenhang bekommt die Ankündigung von Gruner & Jahr, alle schreibenden Redakteure bei der „Brigitte“ und den Großteil bei „Geo“ rauszuschmeißen, eine ganz andere Dimension. Die neue Chefin Julia Jäckel scheint die Strategie von „Farm it“ auf „Milk it“ umgestellt zu haben. Oder profaner gesagt: Für das Führungspersonal – das auch noch kurioserweise aufgestockt wird, reicht es vielleicht noch bis zur Rente. Für den Rest der Mannschaft aber nicht.

Das mag jetzt zynisch klingen. Aber wahrer Zynismus ist es, wenn die Kündigung der Redaktion und der Wechsel zu freien Mitarbeitern mit den Worten begleitet wird: „Zukünftig werden die Titel derBrigitte-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert. Durch diese Strukturumstellung holt Brigitte mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein.“ Das heißt, die eigene Redaktion bestand aus Schnarchnasen und Einfaltspinseln. Warum muss man noch nachtreten und warum so gemein?

Die Melker schlagen zu

Berufsbedingt kenne ich viele der freien Journalisten, die für solch redaktionsautorenlose Magazine schreiben. Ich weiß um deren Vielfalt und Potential. Und ich erlebe mit, wie ihnen die Arbeit Monat um Monat schwerer gemacht wird, bei ständig sinkendem Erlös. Recherchen werden nicht bezahlt, Reisebudgets gibt es nicht mehr. Also fahren die Autoren (wegen Vielfalt und Potential) auf eigene Kosten los, weil sie sonst keine Qualität liefern können, die natürlich von den Redaktionsoberen („die Rente ist sicher!“) gefordert wird. Dann wird bemi Honorar geknausert. Statt Seitenpreise gibt es nur noch Textmengen-Bezahlung – und Zeilen und Fotohonorare werden kontinuierlich heruntergefahren. Es ist wie es ist: Milk it. Aus Redakteuren werden Melk-Facharbeiter.

Der Zynismus in den Meldungen über immer neue Kündigungen und Einsparungen lässt sich nur daraus erklären, dass die Melk-Facharbeiter ihrer Lebenslüge, Journalisten und Redakteure zu sein, eisern nachhängen. Und statt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, werden lieber weiter muntere Branchen-Rituale wie das Absägen von Chefredakteuren und die Abwehr vor einschneidenden Veränderungen betrieben. Das aber sehr erfolgreich. Denn da ist man richtig gut drin. Und deshalb haben Strategien wie „Farm it“ oder gar „Feed it“ in großen deutschen Verlagshäusern keinerlei Chance.

Zukunft im Exil

Ich bin froh, dass ich diesem Gewerbe vor fast 25 Jahren den Rücken gekehrt habe. Der Online-Journalismus ist so spannend wie nie zuvor. Dank Buzzfeed, Vice oder auch der Huffington Post (mit Abstrichen) – und all den anderen online-only Publikationen im englischsprachigen Bereich: Upworthy, Gizmodo, Gawker oder eben auch dem neuen Guardian. Die Zukunft der Medien findet anderswo statt, nicht in Deutschland.

Es ist kein Zufall, dass Wolfgang Blau in seinem Vortrag (siehe oben) jungen Journalisten empfiehlt, ihr Heil im Ausland zu suchen. Dort wird viel gewagt, und es wird investiert. Vielleicht können sie ja zurück kommen, wenn die Herren leitenden Redakteure ihre Rente sicher haben. Und vielleicht gibt es bis dahin Medienprojekte, die die „Feed it“-Strategie fahren. Mal ganz zu schweigen von den Medien, die wir sowieso und unweigerlich bezahlen: die Öffentlich-rechtlichen. Die haben eine vierte Variante gewählt: Sie haben sich aus der Gegenwart in irgendeine Vergangenheit gebeamt und schauen von dort staunend der Gegenwart zu. Ihre Strategie: „Freez it“.

 

 

Die neue digitale Wirklichkeit


Ich war nicht da, aber mein Handy

Die mit Sicherheit bislang effektivste Erfindung, um Zeit zu vernichten, ist das Smartphone. Und mit jeder neuen Gerätegeneration erweitert sich das Arsenal an Optionen. Den frappierenden Beweis für diese These trat jetzt ein etabliertes New Yorker Restaurant an, dokumentiert auf Craiglist. Das Restaurant wollte wissen, warum die Beschwerden und negativen Rezensionen im Internet kontinuierlich zunahmen. Beklagt wurde vor allem der langsame Service des Hauses. Und das, obwohl das Restaurant nach den ersten Beschwerden das Personal aufgestockt hatte. Ein Berater, der das Problem klären wollte, kam auf die Idee, den Serviceablauf anhand der Aufnahmen der Überwachungskameras im Restaurant gegenüber früher zu analysieren.

HandyMit Glück wurde noch ein Band gefunden, das in einem zehn Jahre ausrangierten System vergessen worden war. Das Ergebnis des Vergleichs der Aufnahmen aus dem Jahr 2004 mit dem von 2014 war eindeutig. 2004 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in dem Restaurant eine gute Stunde. In der Zeit waren die Bestellung aufgenommen, die Getränke und das Essen serviert – und es war abkassiert. (In den USA ist es ja üblich, möglichst schnell aus einem Restaurant heraus komplimentiert zu werden.) Und wichtig: Es gab nur ganz wenige Reklamationen.

Die digitale Enteffizientier-Maschine

Ganz anders im Jahr 2014. Jetzt dauerte derselbe Prozess fast zwei Stunden. Und schuld waren vor allem iPhone & Co. Das ging schon los beim Bestellen. Bis die Speisekarte überhaupt in die Hand genommen wurde, dauerte es ewig lange. Zu viel war zuvor am Handy zu erledigen. Und natürlich musste das Personal helfen, wie man ins hauseigene WLAN hinein kam. Erst nach mehrmaligem Mahnen wurde die Speisekarte zur Hand genommen, und natürlich wurde sie gerne auch mit dem Handy abfotografiert.

Wenn das Essen endlich auf den Tisch kam, wurde es ausführlich fotografiert, per Facebook etc. versendet – und auch gegenseitig wurden munter Menschen mit ihrem Essen fotografiert. . Dieser Prozess dauerte oft so lang, dass das Essen kalt geworden war – und Reklamation! – zum Aufwärmen zurück in die Küche gehen musste. Als besonders zeitraubend erwies sich zudem die weit verbreitete Gewohnheit, sich vom Servicepersonal gemeinsam beim Essen fotografieren zu lassen. Natürlich nicht nur einmal, denn oft ist das schönste Bild erst das dritte.

Little brother ist immer dabei

Und auch das Essen selbst dauerte länger, weil auch da immer wieder Wichtiges dazwischen kam, was per Smartphone zu erledigen war. Ebenso langsam ging es mit dem Abkassieren voran, weil immer wieder von unaufschiebbarer Handykommunikation unterbrochen. Selbst beim Verlassen des Restaurants waren iPhone & Co. hinderlich. Immer wieder rannten Gäste in andere Menschen, auch in Essen servierende Kellner, weil sie auf ihre Minibildschirme starrten und darüber die Welt um sich herum vergaßen.

Mich irritiert seit Jahren die um sich greifende Manie, überall und jedes per Handy aufzuzeichnen – und im besten Fall mit seinen Freunden zu teilen. Das führt längst dazu, dass bei Konzerten kaum mehr jemand registriert, was auf der Bühne passiert, weil jeder sein Handy hoch hält und vollauf damit beschäftigt ist ein brauchbares, nicht allzu verwackeltes Bild aufzunehmen. Längst sieht man keine Zuseher und Zuhörer mehr, sondern nur ein Meer bunt flimmernder Smartphone-Bildschirme. „Little brother“, wie die freiwillige Selbstüberwachung von Menschen durch Seinesgleichen gerne ironisch definiert wird, sieht alles – und ist immer und überall dabei.

Ällabätsch-Effekt & Minimal-Empathie

Was treibt die Menschen an, Restaurant-Essen oder Konzerterlebnisse manisch als Foto oder Video festzuhalten? Weil das die Ausnahmesituationen in ihrem Leben sind. Das sind Live-Erlebnisse, die – endlich – einmal nicht aus der Retorte digitaler Speicher oder abgestandener TV-Bilder stammen, sondern leibhaftig und unique sind. Und weil solche Momente in einem schick durchgetakteten Leben so selten (geworden) sind, werden sie unbeirrbar mit anderen digital geteilt. Das ist im optimalen Fall nett und schön, bisweilen kommt dabei aber auch ein deutlicher Ällabätsch-Appeal mit rüber. „Schade, dass du da nicht dabei sein kannst!“

Die Dokumentitis per Smartphone-Kamera aber hat meiner Meinung nach vor allem andere Gründe, die in unserer Gehirnfunktionsweise begründet sind. Ein schön drapiertes und im besten Fall schmackhaftes Essen ist sicher ein Vergnügen, mal die geeigneten Geschmacksknospen im Mund vorausgesetzt – und deren Training. Das Gehirn belohnt solchen Genuss im besten Fall auch durch Ausschüttung von Glückshormonen. Aber dieses Erlebnis ist einmalig, nur sehr kurzlebig und vor allem sehr privat. Wenn man aber Bilder von dem Essen, vom Event und dem Drumherum in Social Media postet, kann man dieses Erlebnis um den Faktor X steigern. (X = Zahl der zu Minimal-Empathie befähigten Freunde.)

Wir Dopamin-Addicts

Denn mit jedem „Like“, das unser Posting von Essen, Speisekarte und Restaurant erntet, erfolgt eine neuerliche Ausschüttung von Dopamin. Das ist wissenschaftlich mehrfach nachgewiesen. Die Dosis an Dopamin ist dabei jeweils gering, aber die andauernde Beflutung unserer Gehirnregionen bei allen Glücksmomenten (und seien es winzige empathische Erlebnisse wie ein „Like“) hat uns längst zu Dopaminsüchtigen gemacht. Wir tun alles, um nur die nächste Dosis sicher zustellen. Daher posten wir notorisch, was nur irgendeine Chance birgt, „Likes“ zu ernten.

Eine sehr gute Wahrscheinlichkeit, „Likes“ zu ernten besteht, wenn wir von einmaligen, nicht wiederkehrenden Events berichten. Also von Events, Konzerten, Sportereignissen – oder auch Restaurantbesuchen. Deswegen ist da die Nutzung von Handys zur Dokumentation so hoch. – Vielleicht gibt es aber auch einen zweiten Grund. In flüchtigen Zeiten wie diesen (s.a. Liquid Modernity: „Das Ende der Zukunft“ hier im Blog vom April 2013), in denen jede Gewissheit, jede Substanzialität immer wieder in Sekundenschnelle zerstäubt, will man womöglich Dinge auf digitale Weise festhalten. Für alle Fälle. Dem eigenen Gedächtnis vertraut man da anscheinend immer weniger. Dabei schönt letzteres Ereignisse im Nachhinein, die digitalen Speicher jedoch banalisieren sie. Darum schaut auch niemand die Aufzeichnungen noch oft an.

Die Rationalisierung von Emotionen

Aber schließlich will nicht nur unser Reptiliengehirn, das in Glücksmomenten Dopamin ausschüttet, bedient werden. Auch unsere Ratio, das offizielle Rechtfertigungsorgan, will gepampert werden. Dieses ist, wie die Neurowissenschaft herausgefunden hat, vor allem damit beschäftigt, die Entscheidungen unseres Reaktionsgehirns im Nachhinein zu legitimieren und „vernünftig“ erscheinen zu lassen. Und dieser Ratio-Teil ist natürlich voll besänftigt, wenn wir reale Nachweise solcher Events mit nach Hause tragen.

Aus dem einstigen Ich-denke-also-bin-ich  ist nun ein profanes Ich-habe-es-gefilmt-also-hat-es-stattgefunden geworden. Die logische Konsequenz dazu habe ich auf einer Bahnfahrt durch das Postkartenidyll der Schweiz erlebt. Neben mir eine asiatische Familie mit Sohn Bibi, etwa vier Jahre alt. Er langweilte sich und stresste ausgiebig seine Eltern. Er sah nie aus dem Fenster, egal wie schön sich die Schweiz präsentierte. Reality sucks. Aber alle halbe Stunden sah er sich mit Interesse die Aufnahmen an, die seine Mutter während der Fahrt aus dem Fenster mit ihrem Handy geschossen hat: die Schweiz als digitales Abbild. Das war dann interessant. Die neue digitale Wirklichkeit.