Mutmachen für die Zukunft

8. Oktober 2017


Mein Besuch auf der Blauen Couch

Die Email kam überraschend. Einladung auf die Blaue Couch von Gabi Fischer auf Bayern 1. Zugegeben, ich bin kein sehr eifriger Hörer von Bayern 1, ja generell von terrestrischem Radio. Wenn Radio, dann spezielle Sender aus aller Welt via Streaming, aus den USA (z. B. NRP), aus Großbritannien (immer noch gut: BBC!) oder auch aus dem Nachbarland Österreich (FM4). Natürlich auch mal die jungen Programme des BR.

 

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Dabei halte ich Radio auch weiterhin für unterschätzt. Na ja, vielleicht nicht Radio per se, sondern alle zeitgemäßen auditiven Inhalte, ob Podcasts, Streaming, Hörbücher, Hörspiele, also alles, was informiert, unterhält oder berieselt, ohne dass dafür das Auge in Anspruch genommen werden muss. Dabei geht es nicht nur darum, beim Autofahren ein wenig Ablenkung zu bekommen. Ich finde es auch schön, statt zu lesen, in der S-Bahn zu hören und trotzdem Umgebung und vor allem die umgebenden Menschen beobachten zu können. Nicht immer sind die so unterhaltsam – oder so seltsam – dass man ihnen zuhören muss.

Zukunftsdiskussion als Podcast

Jetzt gibt es auch mich als Podcast. Der Bayerische Rundfunk stellt alle Beiträge der Blauen Couch als Podcasts zum Hören und/oder zum Download zur Verfügung.
Hier der Link zum Podcast auf Bayern1.de. (auch zum Download)
Und hier der Podcast zum Download auf Soundcloud.

Das Thema der Gesprächstunde mit Gabi Fischer war die Zukunft, die Ängste davor – berechtigt oder nicht – und wie man Mut schöpfen kann, die Herausforderungen der Zukunft, die – ziemlich unerbittlich – auf uns warten, meistern zu können.

Schön, das ich ansatzweise die Gelegenheit hatte, im Gespräch auf der Blauen Couch meine Ideen zu einer Art Zukunftsmut kurz skizzieren zu können.

Schritt 1: Evolution akzeptieren & leben

Schritt Eins wäre, sich generell zuzugestehen, dass wir alle Kinder der Evolution, also einer permanenten Fortentwicklung sind. Wir wären nicht Mensch, wohl kaum Lebewesen, gäbe es die Evolution nicht. Also ist stets Veränderung unser typisches Erbgut. Das müssen wir uns einfach eingestehen und akzeptieren. (Man kann ja dann immer noch jammern, dass das alles immer schneller geht, wenn es ohne Jammern nicht geht.)

Schritt 2: Eigene Veränderung lieben lernen

Ein zweiter Schritt wäre meiner Meinung nach, einmal kurz in sich zu gehen und nachzudenken, ob man der, der man vor 10, 20 oder 30 Jahren gewesen ist, auch heute noch gerne wäre. Ich für mich verneine diese Frage entschieden. Ich bin froh, dass ich mich weiterentwickelt habe. Klar habe ich die meiste Mühsal, die Ängste, die ich unterwegs hatte, die peinlichen Momente und die Niederlagen überwiegend vergessen, verdrängt. Die Errungenschaften, die Glücksmomente, die Momente, wo man etwas wider Erwarten geschafft hat, müssen auch erst mühsam hervorgekramt werden. Aber ich bin heute der, der ich früher so nie war. Und das macht mich froh.

Warum nicht diese Haltung auch an die Zukunft anlegen? Klar, es wird oft schwierig werden, es wird Widerstände, Ängste, Niederlagen und unschöne Momente geben. Aber mit ein wenig Glück und Geschick werden auch in Zukunft die positiven Momente überwiegen. Vor allem, wenn wir uns aktiv darum kümmern, wenn wir unsere Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv gestalten, anstatt sie uns von anderen ungefragt vorgesetzt zu bekommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Nach dem Motto: Friss oder stirb.

Schritt 3: Anpassungsfähigkeit schätzen lernen

Vor allem aber sollten wir uns – und das ist Schritt Nummer Drei – sehr bewusst daran erinnern, welche Mühsal, welche Frustrationen, welche Niederlagen, welche Probleme, welche Verluste wir im Leben schon bewältigt haben. Manchmal vielleicht mit Glück, oft aber sicher auch mit Geschick, oft auch nur mit Geduld und im Laufe der Zeit. Wir übersehen, so wie wir schlimme Momente gnädigerweise schnell vergessen können, zu welchen Leistungen wir fähig sind.

Die Wissenschaft hat in letzter Zeit in vielen Studien und Metastudien (das sind Studien, die Studien zusammenfassen) nachgewiesen, dass die Adaptionsfähigkeit des Menschen ungeheuer groß ist. Zugleich ist aber der Glaube der Menschen daran unvergleichlich gering. Wir unterschätzen uns und unsere Fähigkeit, Änderung und Wechsel nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen. In Wahrheit genießen wir es sogar – mit Ablauf der Zeit, und im gnädigen Blick zurück sind wir dann manchmal sogar stolz darauf.

Inertia, die Lust und Manie der Beharrung

Die zwei Gegner unseres Anpassungstalents sind die Angst und die sogenannte Inertia, das uns innewohnende Beharrungsvermögen, das man vielleicht besser Beharrungslust nennen sollte. Angst haben wir vor Veränderung weniger, weil sie Arbeit und Mühe bei der Anpassung macht, sondern weil wir nicht wissen, ob wir dabei Gewinner oder Verlierer sein werden. Das ist das Wesen jeder Veränderung, dass die Spielregeln und die Spielklötzchen andere sind. Die Gewinner und Verlierer werden neu bestimmt. Und ehe man Verlierer ist, blockiert man lieber die Veränderung. Man verpasst dabei aber auch die Chance, auf der Seite der Gewinner zu sein.

Zudem sind Menschen als solche sehr beharrlich. Wir sind zwar die Motoren der Evolution, sind aber selbst das trägste Moment in diesem Spiel. Die Technik hat sich drastisch verändert. Was im Großen und Ganzen geblieben ist, wie es war, das sind wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, unserem Verhalten und unseren Denkmustern. Wir tragen noch heute biologische Grundmuster aus vorhumanen Zeiten mit uns herum (Gänsehaut!), und ähnlich archaisch ist unser Hormonhaushalt (Testosteron, Adrenalin!) und  sind es viele unserer emotionalen Spontanreaktionen. Zugelernt haben wir in erster Linie nur kulturell.

Schritt 4: Zukunftskultur mit klaren Zielen

Daher müssen wir uns eine Zukunftskultur schaffen. Das wäre für mich der Schritt Vier. Wir müssen über Zukunft reden, diskutieren, streiten und dabei Schritt für Schritt weiterkommen. Aber Schritt für Schritt wohin? Wir brauchen Zielvorgaben. Das heißt, wir müssen die möglichen, wichtiger noch die nötigen Veränderungen offen benennen und dann diskutieren, ob das o. k. ist – und vor allem, wie wir dahin kommen. Dafür braucht es vielleicht gar nicht die vielzitierten (und von Helmut Schmidt desavouierten) „Visionen“. Es wäre schon genug, klar zu benennen, wo die Reise hingehen soll.

Solche eindeutigen Zielvorgaben scheut die Politik heute wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaft ist da zu Teilen anders, also in den Teilen, die sich zu den möglichen Gewinnern zählen. Die Teile der Wirtschaft, die zu verlieren fürchten, verstecken sich hinter den Politikern und ihrer Beharrungsmanie und stützen sie. Also herrscht ein beliebiges Vor-sich-hin-wursteln, das sich von einer unwichtigen oder übersteigerten Hysterie zur nächsten hangelt.

Zu wünschen wäre eine Politik, die klare Ziele hat. Über die kann man sich austauschen und streiten. Über ein konturloses Allerlei namens „alternativlose“ Realpolitik, kann man das nicht. Das erinnert an ein Fahren im dichten Nebel, in dem man sich nur an den Rückspiegeln orientiert. Da wäre es doch besser, man wüsste, wohin die Fahrt gehen soll.

Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft

Angela Merkels „Wir schaffen das“ war in Ansätzen eine solche Zielvorgabe. Nur hätte man gerne gewusst, was sie mit „das“ konkret meint. Und noch schöner wäre gewesen, es wäre auch mal grob skizziert worden wie das geschafft werden soll.

Zukunftsforschung, oder „Zukunftssoziologie“, wie ich das lieber nenne, sammelt und analysiert die Ideen und Optionen, wohin es gehen kann und wie es gehen soll – im Rahmen der bekannten Möglichkeiten, die uns unser Planet und unsere gesellschaftliche Verfassung erlauben. Und sie versucht, Ängste zu nehmen – und Mut zu machen. Wir haben nichts anderes als unsere Zukunft! Also kümmern wir uns gefälligst darum…

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Holt die Gegenwart die Zukunft ein?

„The future is moving closer to the present, as if they were actually apart, that is.“, schreibt Robert Fripp (King Crimson) am 2.Januar 2017 in seinem Tagebuch. Zukunft und Gegenwart kommen immer dichter zusammen, wenn sie denn je getrennt waren. Der Satz erinnert mich an die ewige Wahrheit aller Zukunftsforscher, die William Gibson formuliert hat: „Die Zukunft ist längst schon da. Nur nicht gleichmäßig verbreitet.“ („The future is already here – it’s only not evenly distributed.“)

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Wenn der Kühlschrank leise chattet…

Nie war der Job für Zukunftsforscher schwieriger als heute. Die technische Entwicklung in vielen Bereichen geht rasend schnell voran. Da kann man mit Voraussagen schnell danebenliegen. (Mathias Horx leidet gerade wieder an entsprechender Häme.) Die soziale und kulturelle Verarbeitung all dieser technischen Neuerungen hinkt deutlich hinterher. Entsprechend schlecht kann man neue Wirklichkeiten prophezeien. Sicher ist hier nur, dass sich nichts so entwickeln wird, wie Techniker und ihre Promotoren (auch in den Medien) es voraussagen. Bestes Beispiel für solche Flops: das Fabelwesen des intelligenten, kommunizierenden Kühlschranks.

Der unerwünschte Bastard

Hier darf man William Gibson neu interpretieren: Die soziale und kulturelle Adaption findet längst statt, nur nicht überall gleich. Die jungen und jüngsten Generationen tun das längst. Aber die Generationen, die über die administrativen Anpassungen und kulturellen Lernprozesse entscheiden, hinken noch schwer hinterher: Wir erinnern uns an Merkels „Neuland“, an die Philippika des Chefs der Lehrergewerkschaft gegen digitale Geräte in der Schule – und natürlich mit besonderem Grausen an den digitalen Kommissar Günther Oettinger.

Irgendwo in dieser Kluft zwischen stiller, unreflektierter Adaption durch die Jungen und Unkenntnis, Desinteresse und Ignoranz der Älteren und Mächtigen findet derzeit unsere Zukunft statt. Ein elternloser Bastard, für den niemand Verantwortung übernehmen kann bzw. will. Ein unerwünschtes Kind für die Eliten, die ihre Privilegien durch die Digitalisierung gefährdet sehen. Siehe die Finanzkrisen und die offensichtliche Abscheu, die etwa ein Donald Trump für Computer und all das Internet-Gedöns formuliert.

Technik ist Pop

Die junge Generation staunt, welche Spielzeuge ihnen die Technik und die digitalen Dienste in die Hand geben. Sie versuchen ganz skrupellos (… und das ist gut so), irgendwie daran Spaß zu finden und finden ihn fast immer dort, wo es die Techniker und Vermarkter nicht erwartet haben. Und wenn es auch nur der Spaß ist, dass die Erwachsenenwelt nicht mit neuer Technik und ihrer Nutzungskultur klar kommen. Das war schon immer der Hauptmotivator für junge Menschen: von älteren Generationen verwaiste Regionen zu (er-)finden. So gesehen sind Technik und Digitalität Pop. Und Zukunft ist es irgendwie auch.

Die Zyklen dieser Eroberung neuer virtueller Freiräume, deren lärmende Kartierung durch die Medien und der Versuch, der mal naiv positiven, meist aber warnend abwartend oder ignorant unterbindenden (Oettinger!) Reaktion der Mächtigen (Kapital und/oder Politik) werden immer kürzer. Fast mag es wie eine Echtzeitreaktion in Zeitlupe aussehen. Daher stimmt der Eindruck, dass Zukunft und Gegenwart immer enger zusammenrücken.

Das Dilemma der Zukunftsforschung

Zukunftsforschung ist bislang meist der Versuch, von absehbaren Innovationen und verlässlichen statistischen Entwicklungen für mögliche Adaptionen in technischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht Prognosen zu wagen. Mit den heute nur noch minimalen Aneignungszeiten ist die Art von Zukunftsforschung heute obsolet.

Wegweiser Zukunft

Geht’s zur Zukunft nach rechts?

Erschwerend kommt die Generationenkluft zwischen Zukunftsschaffenden (den Jungen) und (älteren) Zukunftsanalytikern hinzu. Das Adaptionsgeschehen der Digital Natives erscheint aus der vermeintlichen Höhe analytischen Wissens und vordigitaler Kultur naturgegeben eher wirr. Ist es auch. Aber wie sonst soll eine Adaption im non-linearen Raum funktionieren? Die Generation der Analytiker hat nie das Try-and-Error-Prinzip gelebt. Schon gar nicht in Deutschland.

Der kaputte Mythos

Im übrigen hat die Zukunftsforschung ihren Ur-Mythos eingebüßt. Sie versprach fast immer, mit wenigen Ausnahmen (in Deutschland) eine Zukunft, in der wir es besser haben werden. Sie versprach mehr Bequemlichkeit (angenehm), mehr Freiheit (anstrengend aber positiv besetzt) und mehr Glück (bzw. Glücksersatz).

Nur Ersteres ist wahr geworden. Die Bequemlichkeit hat uns alle Bedenken um unsere Privatsphäre vergessen lassen. Das mit der Freiheit hat sich als Schimäre entpuppt, schon weil die meisten Menschen mit diesem Gut (und der damit verbundenen Verantwortung) nicht umgehen können. Und Glück, ob materiell oder spirituell, bringt nie die Zukunft, die kann nur die Gegenwart liefern.

Die Zukunft, die haben die anderen

Eine rosa Zukunft, in der wir es alle besser haben werden, das wagt kein ernst zu nehmender Zukunftsforscher mehr zu prognostizieren. Zwar zeigen alle Statistiken, und davon viele ernst zu nehmende, dass es uns heute so gut geht wie noch nie. Dass weniger Menschen hungern, weniger Kinder sterben, immer weniger Armut herrscht und es weniger Kriege seit Menschengedenken gibt.

Aber diese Zahlen beweisen nur, dass es unheimlich vielen Menschen in Asien, Südamerika und Afrika besser geht. Die breite Masse der Menschen in Europa oder Amerika stagniert in ihrem Wohlstand dagegen seit langem. Zugleich wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. So erlebt man subjektiv eine gefühlte Verarmung im Vergleich zu den Hyperreichen. Und die Aussichten sind mager. Der Wachstums-Traum ist ausgeträumt. Schon mangels Ressourcen und aufgrund der unabsehbar wachsenden Zahl an Menschen auf dieser Erde.

Der amerikanische Traum

Auffallend war rund um den Jahreswechsel, wie viel Zukunftsprognosen in den internationalen, vor allem amerikanischen Medien zu lesen waren. Donald Trumps Retro-Politik zum Trotz. Viele Artikel begeisterten sich einmal mehr für neue Technologien, neue Gadgets und neue Bequemlichmacher (Amazon: Alexa!).

Aber es gab auch viele erstaunlich tiefschürfende Zukunftsperspektiven zu lesen. Etwa wie die absehbaren Verbesserungen in Medizin und Gesundheitstechnolgie unser Leben und die dabei vital gelebte Zeit massiv verlängern werden. Aber wie soll das funktionieren mit sozialen Systemen, die darauf nicht eingestellt sind. Und wie soll das mit einer Denke funktionieren, die nicht auf Geschenke an Lebensqualität und Vitalität vorbereitet ist? – Apropos Denke: Hochnuanciert auch viele Artikel zur Künstlichen Intelligenz (KI), zur Gehirnforschung und der möglichen Kollision zwischen menschlicher und Maschinen-Intelligenz.

Klar wird in solchen Artikel, dass es so wichtig wie noch nie ist, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Kritisch und konstruktiv, skeptisch und begeisterungsfähig, visionär und rational, neugierig und gelassen. Vor allem weil die Zukunft noch nie so nah war wie heute. Da hat Robert Fripp recht. Allzu oft ist die Zukunft, auf die wir warten, längst schon Gegenwart. Vielleicht manchmal noch nicht hier bei uns. Aber da sollten wir dafür sorgen, dass das schleunigst passiert.

Das Goldfisch-Syndrom

13. Dezember 2016


Eine kleine Erklärung der Welt von heute

Wie hält es ein Goldfisch in einem Wasserglas aus? Immer nur im Kreis schwimmen – und von allen beglotzt werden. – Ganz einfach, sein Gedächtnis reicht gerade mal für neun Sekunden. Einmal rund ums Glas braucht aber 10 Sekunden. Also ist jede neue Runde ein neues Abenteuer. Und ewig grüßt das Goldfisch…

Golden fish (Carassius Auratus)  in a bowl

Unser Gedächtnis ist ein wenig besser, als das vom Goldfisch. Aber unsere Fähigkeit, bei einem Thema zu bleiben, sich auf einen Inhalt einzulassen und uns zu konzentrieren ist schlimmer als die vom Goldfisch. Gerade mal 8 Sekunden beträgt unsere Ausmerksamkeitsspanne. In den letzten 15 Jahren hat sie sich halbiert. 2000 waren es noch 12 Sekunden. Das hat eine Konsumentenstudie von Microsoft gerade festgestellt.

Der nahe liegende Kritik-Reflex wäre natürlich, gleich mal wieder den Untergang des Abendlandes zu beklagen samt ausgiebigem Bashing von allem digitalen Teufelswerk unter besonderer Berücksichtigung des Smartphones. Denn wie soll unsere Welt weiter bestehen, wenn wir ihr keine Aufmerksamkeit schenken, oder zumindest nur noch in homöopathischen Dosen. Und was, wenn nur noch das Phone smart ist, aber nicht mehr seine Nutzer?

Kommt eine post-rationalen Zeit?

Aber wir könnten auch einmal das Bild von dem Goldfisch im Glas weiter bemühen. Vielleicht ist die Reduzierung der Aufmerksamkeitsspanne auch eine logische Überlebensstrategie für unseren aktuellen Zeitgeist. Hier mal ein paar gewagte Thesen und Fragestellungen zu einer möglichen postrationalen Epoche:

  • Unser Gehirn, vor allem das der digital Natives, verarbeitet längst in viel kürzerer Zeit auch hoch komplexe Informationen. Daher der Trend zum Bewegtbild. Nur hier lassen sich Informationen optimal verdichten. Sprache – und die ganz besonders in schriftlicher Form von Text – ist viel zu langsam zu verarbeiten. Unser Gehirn ist schon längst einen Schritt weiter.
  • In einer Welt, in dem es keine Wahrheiten mehr gibt, weil Wahrheit und Lüge, Bild und Photoshop-Fake so nah beieinander liegen, wird schlicht Zeit vergeudet, wenn noch langwierig Inhalte rezipiert werden. Vor allem, wenn Fake-News und Foto-Pranks viel attraktiver sind und besser ins eigene Vorurteilsschema passen. Unser Gehirn ist schon mal ins postfaktische Zeitalter voran gereist.
  • Sind wir nicht Gefangene der Aufklärung und ihrer Früchte? Sind nicht Ratio und Logik, Kritik und Wissenschaft, Fortschrittsglaube und Wachstumsfetischismus zuletzt irgendwie in Misskredit geraten, weil diese positiven Werte unsere Gesellschaft in Arm und Reich teilen, weil nur eine kleine Schicht oben die Früchte erntet, ohne Rücksicht auf andere?
  • Sind nicht die Werte der Aufklärung wie Emanzipation und Toleranz strittig geworden? Wie sonst kann man im Kampf gegen solche Werte Wahlen gewinnen? Und wird nicht Freiheit immer mehr als Stress erlebt, als Überangebot an Möglichkeiten und die damit verbundene Verantwortung als belastend?
  • Aber im Ernst. Sind nicht durch den Materialismus und blinden Fortschrittsfetisch die Werte der Aufklärung auch pervertiert worden? Haben wir vor lauter Vernunft und Logik nicht den Zugang zu unserer mentalen Kraft und darüber oft unsere psychischen Gesundheit verloren? Warum sonst nehmen sonst Depressionen so zu? Und warum erleben Tools, die unser Verhalten kontrollieren, solch einen Boom. Früher hat man wohl besser gewusst, was einem gut tut und richtig ist, und das ist jetzt weg?

Gefühlte Wahrheiten fühlen sich gut an

Vielleicht baut sich unser Gehirn gerade um, weg von Vernunft und Logik, weg von Linearität und Literalität. Weg von den Buchstaben der Aufklärung hin zu hochkomplexen multimedialen Informationsschemata, hin zu nur jenseits reiner Logik verstehbaren Realitätsclustern. Daher auch die Zunahme von „gefühlten“ Wahrheiten.

Und wahrscheinlich stehen wir, wenn wir den Gedanken einmal wagen wollen, erst am Anfang solch einer Entwicklung, die vor allem all denen, die noch im Bildungsideal der Aufklärung der vordigitalen Zeit groß geworden sind, schlichtweg graust. Das würde die absurden Auswüchse des aktuellen Siegeszugs der Lüge, der Desinformation und des Ressentiments erklären helfen.

Krisen kündigen neue Zeiten an

Schlimm und schwer vermittelbar ist, dass ausgerechnet Menschen aus dem Vorgestern diese Auswüchse, wie sie an jedem Anfang einer neuen Epoche stehen, so clever und skrupellos auszunützen verstehen. Für Krisenzeiten ist typisch – und 2016 hat jeder als sich selbst beschleunigende Krise erlebt – dass sie eine Veränderung einleite. Und je krisenhafter, desto gravierendere Veränderungen passieren. Neue Zeiten, neue Epochen und evolutionäre Sprünge kündigen sich immer auf solche Weise an.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Evolution weiß, was sie da macht. Und dass wir diesem Evolutionssprung gewachsen sind. Dass der Umbau unserer Denkapparate schnell genug geht und dann auch noch in die richtige Richtung… – jenseits eines Goldfisch-Daseins. Obwohl: Sind Goldfische unglücklich?

Fit für die Zukunft

7. Dezember 2016


Fake-News haben Konjunktur

Es macht wütend, wenn ein Donald Trump mit seinen Lügen Erfolg hat. Oder in unserem Nachbarland der gruselig-nette Herr Hofer. Aber es ist einfältig, über Menschen herzuziehen, die auf Fake-News und Lügen hereinfallen. Wer sich über die mangelnde Medienkompetenz vermeintlich simpel gestrickter Menschen erhebt, der hängt einer idealisierten Chimäre eines Medien-Businesses nach, die es längt nicht mehr gibt. Wenn es sie denn je gegeben hat.

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Image: Daniel Brown (danielbrowns.com)

Das Medien-Business funktioniert in einer kapitalistischen Welt ganz logisch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage nach gut argumentierenden, womöglich intelligenten und kühl analysierenden Artikeln mit vielen interessanten Informationen über unsere komplizierte und komplexe Welt und deren hochkomplexere Zukunft ist nun mal gering. Ebenso gering wie das Bedürfnis, solch komplexe Sätze wie den letzten lesen zu wollen.

Angebot und Nachfrage

Da erleben jede Fake-News, jede dreiste Verdrehung der Wahrheiten und jede süße Lüge weit mehr Zuspruch. Vor allem, wenn damit die komplexe Welt auf knuddelige Spielzeuggröße geschrumpft wird, wenn Unübersichtlichkeit zu knalligen Abziehbildern mutiert und dabei mehr oder weniger latent verborgene Vorurteile bestärkt werden. Dann traut man sich sogar gerne, sein geheimes Chauvinistenherz mal gepflegt auszuleben. Man ist ja in seiner Beschränktheit nicht mehr allein – und das tut gut so…

Sprachverliebtheiten jetzt mal beiseite: Es tut gut, die Welt wieder einmal ganz einfach erklärt zu bekommen. Es tut gut, die Komplexität der Welt lügenden Medien oder gar bösartigen Eliten in die Schuhe zu schieben. Alles Lüge, was kompliziert scheint. Alles Wahrheit was ins eigene, beschränkte Weltbild passt. Daher haben Fake-News und blanke Lügen Konjunktur. Es gibt sie, weil die Nachfrage danach so groß ist. Und weil die Produzenten damit Geld verdienen und wunderbar das Süppchen ihrer Eigeninteressen kochen können.

Mediale Überhitzung

Warum ist das so? Schon richtig, die Medien sind daran schuld. Mit schuld. Der Run auf immer sonderlichere Neuigkeiten, auf immer schlimmere Katastrophen, immer neue Verbrechen und Gefährdungen ist immens. Das bringt Klicks. (Auflage aber längst nicht mehr.) Und je lauter und schriller der Schlagzeilen-Köder, desto mehr fallen darauf rein. Natürlich fühlen sie sich im Nachhinein deswegen verarscht. Und die Reputation der Medien leidet einmal mehr. Nachschub dafür gibt es immer, das Internet ist der größt denkbare Newsdistributor und Newsbeschleuniger.

Schuld sind auch Technologie und Wissenschaft. Sie sind hochspezialisiert und erzeugen immer neue Ideen, Konzepte und Produkte. Kein Tag ohne neue Erkenntnisse, ohne neue Studien, ohne neue bahnbrechende Erfindungen. Und diese werden heute nicht mehr nur im hermetischen Zirkel der Wissenschaft diskutiert, sondern sie werden weltweit publiziert. Es gibt viele bahnbrechende, disruptive Erkenntnisse. Aber die große Masse ist gar nicht so krass, sie wirkt im Fachchinesisch der Wissenschaft nur so, verstärkt vom Sensationsbedürfnis der Wissenschaftspublizisten.

Gehirne sind nicht für Veränderungen gemacht

Schuld ist natürlich auch die Politik. Die eine – rechte – Seite schürt ohne Unterlass Ängste. Je simpler und diffuser, umso erfolgreicher. Die gängige Politik sagt, dass sie die Ängste ernst nimmt. In Wahrheit ist aber die ganz große Koalition von den C-Parteien, SPD, Grünen (und – falls gewünscht: FDP plus Linke) hilflos in dieser Situation. Diffuse Ängste lassen sich einfach nicht wirksam entkräften. Schon gar nicht durch politischen Aktionismus oder panisches Appeasement nach rechts. Die einzige wirksame Methode hat keiner drauf: Mut machen, glaubhafte Perspektiven schaffen und faszinierende Visionen zeichnen.

Schuld hat aber vor allem die menschliche Physis. Hier speziell die mentale Abteilung. Wie sagt ein Wissenschaftler so treffend: Das menschliche Gehirn ist nicht für Änderungen gemacht. Es reagiert bestens, wenn es Routinen steuert, die sich bewährt haben. Jede Veränderung wird mindestens als lästig, meist jedoch als bedrohlich bewertet. Mit dieser Haltung fuhr das menschliche Gehirn seit Steinzeiten bestens, denn Veränderungen geschahen stets sehr langsam. Oft dauerte es mehr als ein Menschenleben, bis sich etwas bemerkbar veränderte.

Neu verdrahtete Neuronen

Das ist heute so sehr anders. Unsere Elterngeneration musste schon den Wechsel von mindestens zwei oder gar drei Lebensphasen erleben. Hier durch Humankatastrophen wie Weltkriege verursacht. Wir aber erleben gravierende Veränderungen heute schon im Halb-Generationen-Zyklus, also alle zehn bis 15 Jahre. Und das bei kontinuierlicher weiterer Akzeleration.

Für solch schnelle, kontinuierliche Wechsel von Lebensumständen, von Werten und Mechanismen brauchen wir ein völlig neues Gehirn, eine neue, optimierte Verdrahtung der Neuronen. Wir brauchen eine ganz andere mentale Fitness, die Veränderungen nicht nur besser verarbeitet, sondern sie sogar braucht. Wir brauchen eine neue psychische Prädisposition, die Veränderung positiv wertet und nicht mit Unbehagen oder gar Angst, sondern mit Mut und Lust reagiert.

Mentales Fitnessprogramm

Das klingt vielleicht etwas utopisch. Menschliche Gehirne lassen sich nicht schnell mal umprogrammieren oder gar weiterentwickeln. Aber so fremd uns so manches Verhalten der jungen, digitalen Generation(en) scheinen mag, vielleicht entwickelt sich hier ein neues Denken, das sich in seiner Undezidiertheit fit für permanenten Wandel macht. Vielleicht ist die dopamingestützte Smartphone-Abhängigkeit nur eine Übergangs- oder Übungsphase für künftiges, neues versatiles Denken.

Wir digitalen Adepten der älteren Generation sollten daher mit abfälligen Bemerkungen über die kommenden Generationen sehr, sehr vorsichtig sein. Vor allem aber sollten wir uns sehr, sehr, sehr aktiv darum kümmern, unser träges, veränderungsscheues Gehirn so fleißig wie möglich zu trainieren und  unsere mentale Disposition zu optimieren. Übungen und Programme dafür gibt es genug, sogar Apps (z. B. Headspace – englisch!).

Wir müssen uns in dieser sich immer rascher verändernden Welt vor allem dringend um unsere mentale Gesundheit und Fitness kümmern. Mindestens ebenso intensiv und ausdauernd wie wir uns um unsere körperliche Fitness kümmern, eher mehr. Schließlich wollen wir mental ebenso gesund, kräftig und beweglich bleiben wie mit unseren Muskeln und Gelenken. Denn mental stehen uns noch etliche Marathons, Triathlons und andere Dauerbelastungen bevor. Das ist sicher. – Und das ist gut so…

Ökonomie als Muppet-Show

20. April 2016


Das Thema Wirtschaft darf man ernst nehmen, muss man aber nicht

Verstehe ich das richtig mit den Negativzinsen? Wenn ich mein Girokonto überziehe, bekomme ich Zinsen gutgeschrieben? Schließlich helfe ich den Banken, nicht auf ihren Negativzinsen sitzen zu bleiben. Denn das Schlimmste, habe ich gehört, was einer Bank heute passieren kann, ist es, wenn ein Mensch mit ganz viel Geld kommt und es bei der Bank deponieren will. Kein Wunder, dass da das Geld auf die Bahamas ausweicht. Dort scheint es noch willkommen zu sein. Oder die Briefkästen dort sind anonym und permissiver. Und das Wetter ist auch besser.

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Suchs Paket. Selbstausbeutung als Dienstleister.

Ein wenig darf man sich ja fast amüsieren über unsere zinslose Welt. Es entkrampft so. Plötzlich lösen sich die Zungen und auch die schweigsamsten Menschen geben inzwischen zu, viel Geld in der Finanzkrise verloren zu haben. Noch vor einem halben Jahr haben sie das noch strikt bestritten. Jetzt fällt es leicht, die Verluste zuzugeben. Ist ja eh wurscht. Man bekäme ja jetzt gar keine Zinsen mehr dafür. Oder gar noch Strafzinsen.

Überraschend, dass die AfD noch nicht die Zinslosigkeit für sich entdeckt hat. Ausgerechnet diese kruden Politiksimulatoren-Clique, die einst als Anti-Euro-Partei gestartet ist. Schließlich war es Allah selbst, der verboten hat, für Geld Zinsen zu nehmen. Also ist die Zinslosigkeit doch auch ein Stück Moslemisierung des Westens. – Zugegeben, die arabischen Staaten haben sich nie so recht an das Prinzip gehalten. Zinsen und Dividenden für ihre Ölmilliarden haben sie zumindest gerne kassiert.

Langsam macht sich Antiökonomismus breit

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch das Christentum hat es seinen Gläubigen lange verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Das führt dazu, dass dieses Geschäft einst einzig von Juden betrieben wurde. Mit den bekannten negativen gesellschaftlichen Nebenwirkungen. – Heute ist die Finanzbranche dabei, ähnlich unbeliebt zu werden. Von Antiökonomismus spricht allerdings noch keiner. Aber jetzt ist dieser Begriff endlich mal in der Welt. Wird sicher noch seine Verwendung finden.

Fakt ist. Geld wird nicht mehr gespart, sondern gleich ausgegeben. So spart man sich den Umweg übers Sparbuch. Und hat auch mehr davon. Die Konsumgüterindustrie freut sich. Nur der Handel nicht. Denn der bekommt vom Geldsegen nicht mehr viel ab. Also der stationäre Handel. Der versteht sich mittlerweile sowieso nur als Konsumgüter-Museum und verlangt Eintritt von Kunden, die sich „nur mal so umsehen wollen“. Um zu wissen, was sie dann online bestellen wollen.

Aus der Logistik wird Unlogistik

Der Onlinehandel boomt, die Versandlogistik brummt. Nein , es sind nicht die Lieferdrohnen, die uns drohen. Sondern die Paketdienste, die die Güter „ausliefern“. Oder gibt es inzwischen einen besseren Begriff für das Versteckspiel mit Konsumgütern, das da gespielt wird? Statt wie früher lange zu warten, bis der Postmitarbeiter das hinterlegte Paket im Lager gefunden hat, dürfen wir jetzt selbst in der Paketstation suchen, in dem das an der Haustüre nicht ausgelieferte Paket versteckt ist. Mein Vorschlag: Wir nennen das Unlogistik.

Apropos Selbstausbeutung. Das Gejammere, das wir viele Dienstleistungen, für die es früher Personal gab, selbst machen müssen, dürfte bald vorbei sein: Reisen buchen, Produkte selbst konfigurieren und bestellen (und abholen, s. o.), Mietwagen am Straßenrand suchen etc. Wir bekommen bald neues Personal, an das wir das delegieren können: Bots. Also kleine, virtuelle Helferlein, die wir rumkommandieren und die das tun, was wir wollen. Bots ist die Koseform von „Robotern“. Deutsch Roboterlein oder Roböttchen.

Die lieben Bots namens Siri oder Alexa

Die ersten gibt es ja schon. Teilweise üben sie noch, teilweise funktionieren sie schon. Sie hören auf so lieblichen Namen wie Siri oder einen vertrauten wie Alexa. Manche sind profan und springen zu Diensten, wenn man sie mit „Hallo Google“ anherrscht. (Fragt sich, wie lange man bei Robotern Herr im Haus ist.)

Kurios wird es, wenn die Helferlein aka Bots Familienmitglieder werden. Alexa etwa, bereits millionenfach in den USA verkauft, ist offiziell ein kabelloser Lautsprecher mit ausgefeilter Mikrofontechnik. Sie steht im Wohnzimmer oder der Küche und wartet auf ihren Einsatz. Bei manchen Menschen steht sie in wirklich jedem Zimmer. Nach einem kurzen „Hallo Alexa“ ist sie zu Diensten. Sie spielt auch Musik, wenn man ihnen es befiehlt. Aber lieber beantwortet sie Fragen, liest bei Bedarf Kochrezepte vor, und am liebsten bestellt sie, was man auch immer zu brauchen meint.

Immer präsent und Teil der Familie

Diese Bots sind wie einst die Haushaltshilfe oder das Zimmermädchen. Downtown Abbey für Arme sozusagen. Immer zu Diensten – aber sie bekommen auch alles lautstark mit, was so im häuslichen Leben geschieht. Mal sehen, wann den Geräten auch ein Streitschlichtungs-Algorithmus einprogrammiert wird. Oder noch lebensnaher: ein Intrigen-Generator.

Wie auch immer. Die Bots werden auf alle Fälle die nächste große Sache. Wenn Facebook, Microsoft und Amazon das wollen, wird das kommen. Und da werden Siri (Apple) und Google nicht tatenlos, ratlos und serviceunwillig abseits stehen. Im Gegenteil. Sie werden uns eifrig und sehr aktiv dabei helfen, Negativzinsen zu vermeiden. – Das Geld, das sie dabei verdienen, wird dann schon einen Weg auf einsame Zinsen-Eilande finden. Siri, Alexa & Co. sei Dank.


20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.


Mein Digitales Tagebuch auf Europe Online Ende 1995. Startend am 345. Tag des Jahres.

Europe_Online

Die Magazine

mak@muc 345.95.23:44

36 Tage nach dem Start auf der neuen Netscape-Plattform sind die ersten beiden Online-Magazine von Europe Online fertig und auf den Server geschickt: MovieMag und Business Magazin. Das macht auch ein bißchen stolz.

In 36 Tagen eine neue Software beherrschen lernen, die entsprechenden Templates etc. bauen, ein völlig neues Online-Konzept entwickeln, das Internet-kompatibel ist, und dann die entsprechenden Inhalte (samt Fotos) kreieren – wer die Online-Welt kennt und weiß, wie wenig Tools es bisher für Netscape 2.0 gibt, wird Respekt nicht verweigern können.

Das Redaktionsteam, die Produktentwicklung und die Technik haben viele kleine (und große) Wunder vollbracht.

Aber ohne die stilsichere Arbeit, den Mega-Einsatz – und die unverwüstliche Geduld von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine in New York hätte auch das nicht gereicht. Sie haben die Optik und den Outlook von Europe Online in Rekordzeit perfekt entwickelt und technisch umgesetzt.

Und noch eine Lehre für heute: Man kann nie zuviel loben!

Hans im Klick

mak@muc.346.95.18:59

Ich habe die Zukunft von (Europe!) Online gesehen. Blender, das CD-Magazin, hat auf seiner Teaser-Site ein wahres Feuerwerk an optischen Gags, Sounds und bewegten Optiken vorgelegt. Die Beta-Version von Shockwave von Macromedia machte es möglich.

Wenn am Freitag Europe Online Deutschland (EOD) im Netz ist und die üblichen und absehbaren Bugs gebändigt sind, werden wir sofort damit anfangen, diesem bisher so stummen, statischen Medium schleunigst Töne beizubringen und Beine zu machen.

Wer liebt ihn nicht: Hans im Klick?

No Rosegarden

mak@muc.347.95.22:34

Unser Motto der letzten Wochen hat sich ein weiteres Mal bewahrheitet: No one promised you a rosegarden!

Klar, Frusttoleranzen sind das A & O, startet man einen neuen Service – und das auch noch mit einer neuen Technologie und neuer Soft- und Hardware. Aber manchmal kommt es einfach zu dicke!

Die geplanten Foren und Chats von Europe Online werden bestenfalls im späten Januar funktionieren. Wie haben einfach zuviel in zu kurzer Zeit gewollt.

Der Trost: Immerhin haben wir tolle Contents. Gerade sind die knapp 100 Seiten FreizeitPark auf den Server (der funktioniert wenigstens!) gegangen. Ein echtes Vergnügen, die Seiten anzuschauen oder sich im Labyrinth der Geschenkmaschine zu verirren. Trost! Merke: Auch abseits des Rosengartens blühen schöne, faszinierende Blüten!

Erster Zieleinlauf

mak@muc.348.95.23.04

Die letzten Seiten sind auf den Server geschickt. Compute, das Computermagazin, ist in absoluter Rekordzeit produziert worden. Es ist nicht nur inhaltlich gut und optisch klasse, es ist auch endlich ein (Online-)Computermagazin, das für Normaluser und Anfänger taugt (also auch für mich). Es ist allgemeinverständlich gehalten, gibt wirklich nützliche Tips und vernachlässigt trotzdem nicht die Bedrfnisse der High-End-User. Karsten und sein Team haben hier wirklich erstklassige Arbeit geleistet.

Auch „News“ sowie das gesamte Backing-Material „Tips für Einsteiger“, „Inhalt“ und „Impressum“ sind fertig. Harald Taglinger hat hier nicht nur Wunder vollbracht, sondern Stunden platinener Konzentration gezeigt und dabei eine dermaßen gute Laune an den Tag gelegt, daß man ihm fast nicht weniger Arbeit geben will.

Der Prosecco zum ersten Zieleinlauf auf einer langen Strecke ist wohlverdient – Morgen warten auf uns die fertigen Seiten. Spannung, welche Bugs uns überraschen werden, welche Seiten funktionieren und welche Links haken …

Das schöne an der digitalen Welt ist, daß man sich nicht mehr so orgasmisch (nur) einmal (analog) über einen Redaktions- oder Produktionsschluß freuen kann, sondern daß es morgen ganz normal weitergeht, daß jeder Tag seine eigenen Belohnungen, seine eigenen Höhepunkte und seine eigenen Überraschungen bereit hlt.

Tiefes Durchatmen, daß endlich Europe Online real zu existieren anfngt. Eine Idee, eine Vision (nicht zuletzt von Dr. Hubert Burda) ist Wirklichkeit geworden. Herzlich willkommen, User!!!

Startschuss

mak@muc.349.95.15.08

Endlich der große Tag: Startschuß für Europe Online! Die Spannung am Morgen ist immens! Hat es geklappt, alle unsere Inhalte über Nacht vom Pre-Production-Server auf den Public-Server zu bringen?

Bravo & Jubel! Die Technik in Luxemburg hat es geschafft. Herzlichsten Dank und tiefste Komplimente: Paul Moody und sein Team haben nicht nur Computer und Server operabel gemacht, sie mußten unsere Inhalte, die wir leider erst spät nachts fertig hatten, die Datenmengen bis zum Morgengrauen live bringen. Schade, daß wir diesen Leuten nicht persönlich, sondern immer nur per Telefon danken können.

Natürlich gibt es noch reichlich Bugs in unserem Dienst. Ein falscher Großbuchstabe im Code, eine fehlende Steuerdatei, ein Versehen hier, ein Mißverstndnis dort. Schuldfragen sind müßig. Es wäre ja fast unnatürlich, wäre so ein Mammutwerk ohne Bugs abgegangen. Die nächsten Tage werden wir viel Arbeit haben, Bugs zu fixen, nötige Programmreparaturen zu machen und vor allem einen unstressigeren Workflow zu entwickeln.

Um 11.00 Uhr dann der erste Anruf eines Users. Dicke Komplimente für die einfache einfache Installations-Möglichkeit und die Qualität der Inhalte. Riesige Freude darüber.

Offizieller Start

mak@muc.350.95.19:22

Am gestrigen Nachmittag der offizielle Start von Europe Online Deutschland durch Verleger Dr. Hubert Burda. Sogar ein (virtueller!) roter Start-Knopf wurde installiert. Um 17.00 Uhr ist es soweit: Europe Online Deutschland ist nun offiziell online.

Die Präsentation der Inhalte klappt bestens. Komplimente, Anerkennung, Händedrücken. Wichtigste Anmerkung in der Rede von Geschäftsführer Andreas Struck: Nur als Team, nur durch das enge Zusammenrücken aller Abteilungen, wurde der rekordverdächtig schnelle Aufbau von EOD und die Masse an Inhalten (ca. 450 Seiten in 6 Wochen!) möglich.

(Online-)Verleger Dr. Hubert Burda ließ pointiert die kurze, sehr abwechslungsreiche Geschichte von Europe Online seit der ersten Idee 1993 bis zum Platformwechsel sechs Wochen vor dem Start Revue passieren. Europe Online ist so gesehen auch ein Stück Mediengeschichte.

Dr. Burda bekräftigte noch einmal die Entscheidung, statt in einem proprietären System mit Abogebühren frei und gratis im Internet zugänglich zu sein. Dr. Burda: „Content is free! Ich kann mir nicht vorstellen, Maut dafür zu verlangen, wenn man in die Maximilianstraße (Münchens erste Einkaufsadresse) will.“

Wie wenig proprietäre Systeme und ihre „Eintrittsgebühren“ für den Massenmarkt taugen, sehe man, so Dr. Burda, an der für Anfang Januar geplanten Bestreikung von AOL, den die über die Preisgestaltung von AOL entsetzte Feldtester in den Newsgroups ausgerufen haben…

Die Feier endet für mich früh, denn sowohl morgen Samstag, als auch der Sonntag sind ganz normale Arbeitstage – schließlich gibt´s bei Europe Online täglich frische News.

Europe Online, der Onlinedienst mit t&aluml;glich aktuellen, redaktionell aufbereiteten, optisch attraktiven Inhalten!

Komplimente und Kritik

mak@muc.351.95.14:14

Die ersten Mails von Kollegen sind eingetroffen. Komplimente und Kritik an der (zugegeben datenreichen) optischen Aufbereitung. Zitat: „Endlich ein Internet-Inhalt, der nicht nur auf der obersten Ebene hübsch ausschaut, sondern bis in die letzte Ebene gut durchgestaltet ist.“ Ein anderes Kompliment lautet: „Schön und endlich nicht so doof verspielt wie andere Online-Angebote, sondern klar und modern.“

Natürlich gibt es auch Kritik: Am nötigen Datendurchsatz, an etlichen Bugs und der noch nicht optimalen Userfreundlichkeit – wir arbeiten daran!

Wie hunderttausende andere Internet-User maile ich noch schnell dem amerikanischen Senat zu deren Zensurideen. Eine weitere Mail geht an Bill Clinton. Ich denke, er wird den Zensurentwurf nicht unterschreiben. Sein Plan für seine Wiederwahl 1996 ist klar: So wie er 1992 erfolgreich auf die MTV-Generation als neue Wähler setzte, so will er dieses Jahr die amerikanische Internet-Community auf seine Seite ziehen.

So, genug online: Ich freue mich definitiv auf einen Abend „offline“.

Der bessere Mensch

mak@muc.352.95.11:43

Die amerikanische Zeitschrift Time wählt dieses Jahr Newt Gingrich zum Mann des Jahres. Der Sprecher der im US-Kongreß mehrheitlichen Republikaner schwang sich dieses Jahr zum mächtigen Widersacher von Präsident Clinton auf und provozierte zum Jahresende gleich zweimal die Zahlungsunfähigkeit der US-Behörden.

Furore machte Newt Gingrich dieses Jahr in den USA aber vor allem mit seiner neuen Politik-Ideologie, man könnte es einen Future-Konservatismus, Cyber-Liberalismus oder auch HighTech-Deregulierung nennen. Gingrich, der schon seit langen Jahren mit dem Futurologen Alvin Toeffler zusammenarbeitet, propagierte in Interviews, u.a. in „Wired“ die Idee einer global vernetzten Welt mit freiem Datenaustausch und parallel dazu einem Staat, der auf jeden Einfluß auf die Bürger verzichtet.

Gingrich schuf so einen ideologischen Mix, der auf den ersten Blick sehr attraktiv wirkt. Er verspricht weniger staatliche Kontrolle, weniger Steuern, globale Kommunikation und globale Wirtschaft, fordert dafür mehr Flexibilität, mehr Technologie und vor allem mehr Eigenverantwortung. Kein Wunder, daß Gingrich mit diesem Bild selbst dem Protagonisten des Information-Highway, Al Gore, 1995 den Rang ablief. Schade nur, daß sich Gingrich’s Vision in der Realität als sehr wenig sozial und sozialverträglich herausstellt.

An der Forderung nach mehr Eigenverantwortung und mehr freiwilliger zwischenmenschlicher Initiative sind schon andere Ideologien gescheitert. Den „besseren Menschen“ wird es so schnell nicht geben. Nicht einmal im Cyberspace.

Schneller, schneller

mak@muc.353.95.10:30

Ein dreifaches Hurra: Die Performance von Europe Online hat sich über Nacht mindestens um den Faktor 10 beschleunigt. Den Technik-Wizards in Luxemburg um Paul Moody ist der nächste Coup gelungen. Damit können wir alle Kritik am langsamen Aufbau unserer Webpages locker abfedern.

Es macht von Tag zu Tag mehr Spaß, die Seiten zu produzieren – und anzuschauen. Die Bugs werden weniger und weniger, die Contents mehr und mehr. Heute geht unser Gesundheits-Magazin Leben erstmals aufs Netz. Rechtzeitig zum gesundheitsstressenden Weihnachtsfest sind dann hilfreiche Tips zur Besserung der eigenen Physis geboten. Geboten sind Gesundheitsthemen, Gesundheitstips und viele Hilfen für Notfälle in der „Hausapotheke“.

Vielleicht sollte man 1996 die eine oder andere Empfehlung selbst beherzigen.

Cyber-Reisen

mak@muc.354.95.13:10

Web-Reisen machen Spaß. Allein das Gefühl, mit einem Server im hintersten Amerika, in Japan oder sonstwo in der Welt und dort mit mit völlig fremden Menschen verbunden zu sein, macht Spaß und heilt das schlimmste Fernweh. Am wirkungsvollsten gegen Fernweh ist aber der optische Besuch in den verschiedensten Regionen dieser Welt – per Web-Kamera.

Zum Beispiel kann ich so am hellichten Mittag in Tromsø in Norwegen live mitbekommen, daß um diese Zeit dort tiefdunkle Nacht ist. Brrrr! Auf Cape Hatteras kann man sich die Idee, heute Windsurfen zu gehen, auf jeden Fall abschminken. Es regnet heftig. Der Blick vom Empire State Building [auch da gab es einst eine Webcam!] in New York verheißt auch nichts Gutes. Einziger Trost gibt wenigstens der Sonnenuntergang in Maui auf Hawaii oder der Sonnenaufgang in Los Angeles.

Was ist eigentlich interessanter: der Blick auf leere Chefredakteurs-Sessel oder ein reales Landschaftsbild?

Wort de Jahres: Multimedia

mak@muc.355.95.10:59

„Multimedia“ ist das Wort des Jahres 1995. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beschlossen. Das Wort repräsentiere die Idee einer „schönen, neuen Medienwelt“, heißt es in der Begründung.

Die Nachricht führte in der Redaktionskonferenz zu genervtem Aufstöhnen. Keiner hält das Wort mehr aus. Zu oft ist es für billige CD-Produktionen, uninspirierte Mixturen aus Wort, Bild und Ton oder dumpfe Spielereien mißbraucht worden. Firmen, die in ihrem Namen das Signum Multimedia verewigt haben, wirken fast schon antiquiert. (siehe z.B.: http://www.multimedia.de!) [Stimmt kurioserweise bis heute!]

Heute wählt, wer auf sich hält, lieber die etwas weniger verbrauchten Begriffe „New Media“ oder „Interactive Media“. Vor allem Letzterer bringt das Definitionsproblem auf den Punkt. Die schlichte Mixtur aus den verschiedenen Medien (Multimedia) muß noch lange nicht interessant und interaktiv sein. Bilderbücher mit Ton sind eben auch schon multimedial.

Den wahren Kick, die wahre Medienrevolution bringt eher der interaktive Gebrauch von Medien. Den können die heutigen CD-ROMs mit ihrer beschränkten Speicherkapazität nur simulieren. Man kann dort nur in einem begenzten Raum interaktiv sein. Mich erinnert das an die Beschränktheit des Sandkastens. Dort spielen zu sollen, hat mich schon damals fürchterlich genervt. Ich wollte überall aktiv sein, im Garten, im Park, auf den Feldern (gab’s einstmals noch in München!).

Interaktivität ohne Grenzen garantiert auf Dauer nur der unbegrenzte Raum des Internet. Noch sind hier die multimedialen Möglichkeiten begrenzt. Aber sicher nicht mehr lange. Das Jahr 1996 wird das Jahr sein, in dem das Internet multimedial wird, in dem es (Realtime-)Töne lernt, in dem Slideshows, Morphing- und Frame-Sequenzen durch Applets möglich werden, vielleicht sogar Realtime-Video.

Und das Wort des Jahres 1996? Ich denke, es könnte der Begriff „Internet“ werden.

Stimmrecht in der UNO

mak@muc.356.95.23:55

Das Internet war bis Anfang dieses Jahres eine relativ unberührter Freiraum. Dafür sorgten nicht zuletzt hakelige Browser und grottenlangsame Modems. Die Community war klein, man war unter sich und genoß stolz eine Art Außenseiter- und „Gesetzlosen-„Appeal. In der medialen Windstille als Nischenmedium keimte in der Community die Hoffnung, in diesem neuen, elektronischen „Cyber-„Raum eine bessere, endlich heile Welt schaffen zu können. Oder doch zumindest die böse, harte, kommerzielle und laute, „normale“ Welt ganz weit außen vor lassen zu können.

Das Jahr 1995 änderte dann alles. Die ganze Welt entdeckte das Internet, oder um korrekt zu sein: das WWW. Millionen von neuen Usern eroberten das Netz, sehr zur Frustration der ursprünglichen Community. Das ganz normale Leben, samt Normalität, Massen von neuen Usern, von Abgründe (Verbrechen, Porno) und des von Ihnen so verhaßten Kommerz hatte sie wieder.

Um so verbiesterter ist speziell in Deutschland die Reaktion eines Teils der ursprünglichen Community auf die Ausweitung – und damit die Demokratisierung des WWW. Auf der „Interfiction“, einem Treffen früher Internet-User in Kassel, kursierten in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen doch tatsächlich Forderungen nach Kontrolle, Zensur und netweiter Abstimmung über Datenübertragungsprotokolle, Netiquette, Netzmanagement.

Im Gegensatz zu den USA, wo man das Netz gerade deswegen liebt, weil es so offen für das unendliche Spiel unterschiedlichster Kräfte ist, will mancher hierzulande die „gute alte Internet-Zeit“ oder die Utopie einer Idylle mit Gesetzen und Regeln ereichen.

Schade. Mit solchen Forderungen desavouirt man auf solchen Veranstaltungen so manch anderen, guten, konstruktiven Vorschlag: zum Beispiel der vollen Mitgliedschaft des Cyberspace als eigener Staat und mit vollem Stimmrecht in der UNO.

Eine wirklich witzige Idee – und ein Schritt zur Demokratisierung dieser kaputtinstitutionalisierten Behörde.

Cyber-X-mas

mak@muc.357.95.15:22

Ein Vormittag im Weihnachts-Einkauf-Trubel. Ein allzutiefes Eintauchen in die analoge Welt. Jetzt nachmittags die Umsetzung von Weihnachten im digitalen Online-Medium. Ist da Weihnachten anders? Moderner, hipper, ausgeflippter, moderner?

Die Idee eines Cyber-X-mas – gräßlich. Schon viel zu viele schöne Dinge sind seelenlos vercybert worden und kaputt-modernisiert worden. Wir haben uns entschieden, einen eigenen Beitrag, zu einer friedvollen Weihnacht (online) zu liefern und volkskundlich und psychologisch fundierte Tips zu geben, wie man Weihnachten im Kreise der Familie feiern kann – ohne den obligatorischen Krach.

Kurzum: Wir wünschen allen Usern eine wirklich friedvolle und harmonische Weihnacht!

Homeshopping?

mak@muc.358.95.07:12

Warum funktioniert das Homeshopping hierzulande noch nicht? So hätte ich diesen Tag frei, hätte ausschlafen können und Heilig Abend in gebührender Ruhe (und Coolness) entgegensehen können. Stattdessen geht es Hals über Kopf in die Geschäfte, um die letzten Geschenke und die nötigen (Über-)Lebensmittel einzukaufen.

Spätestens nächstes Weihnachten muß unser Service-Bereich meinen Weihnachtsstreß erheblich lindern können…

Reality Check an Heiligabend

mak@muc.359.95.18:12

Heiligabend macht erst richtig klar, wie weit in der medialen Zukunft Online-User bereits sind. Keiner in der großen, bunt gewürfelten Runde der Weihnachtsfeier kann mit dem Begriff Online etwas anfangen. Hier ist noch viel Aufklärungsbedarf. Und das nach einem Jahr, in dem „Internet“; in Magazinen und Zeitungen eines der häufigst gebrauchtesten Begriffe war!

Immerhin konnte einer der Gäste mit dem Begriff Modem etwas anfangen, ein Arzt. Er hat Computer und Modem seit Monaten, um seine Abrechnungs-Daten zur Buchhaltungsfirma durchzugeben. Daß man Modems auch für andere Zwecke nutzen kann, daß man gar Browser damit fahren kann, das ist ihm völlig neu. So neu wie der Begriff „Browser“;.

Solch „analoge“ Tage wie Weihnachten sind heilsam. Sie geben einem das Gefühl für die Wirklichkeit der (nondigitalen) Normalität zurück.

Weihnachtsruhe

mak@muc.360.95.15:38

Nach zwei Tagen Weihnachtsruhe geht es in der Redaktion weiter. Die Erde steht an Feiertagen nicht still. Aber sie scheint sich zu verlangsamen. Viel weniger News kommen über die Ticker. Liegt es daran, daß die Verursacher von Nachrichten in Urlaub sind, oder weil die Nachrichtenagenturen dünner besetzt sind?

Ich denke, auch hier gilt das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Und der (Nachrichten-)Konsument verlangt eben an solchen Tagen nach weniger News…

Aufbruch in neue Gefilde

mak@muc.361.95.09:09

Wie sehr hat Online unser Leben verändert? Das der Redaktion und aller Mitarbeiter eine ganze Menge. Und damit sind nicht die vielen Feiertags-Schichten gemeint, die jetzt zu leisten sind. Es ist zum einen die Mischung aus täglicher News-Arbeit und längerfristiger (Online-)Magazin-Produktion, aus Kommunikation (demnächst) und Service, die eine völlig neue journalistische Herausforderung schafft.

Die digitale Welt verändert zudem die tägliche Arbeit spürbar. Jeder der Journalisten, die in unserer Redaktion arbeiten, hat den Wechsel ins Online-Medium als eine Art „Befreiung“ erlebt. Es ist ein Aufbruch in eine neue, offenere, zugegeben auch ungewissere Medienwelt. Das schafft Freiräume – aber auch ganz neue Arten und ganz andere Qualitäten von Streß. Digitalen Streß eben.

Wie sehr die Online-Welt das Leben vieler Menschen verändert hat, will ein sehr ehrgeiziges Projekt dokumentieren: „24 Hours in Cyberspace“. 100 Topfotografen sollen am 8. Februar 1996 weltweit in Bildern das Leben in der Online-Welt dokumentieren.

Die Ergebnisse des Projektes sollen ab März in einer kontinuierlich aktualisierten Website und in einem Bildband mit CD-ROM zu sehen sein.

Eine andere, gute Möglichkeit, die Veränderung der Online-Welt – noch dazu live – mitzuerleben: Europe Online.

Jahresrückblick

mak@muc.362.95.08:42

Man merkt überdeutlich, daß das Jahr zu Ende geht. Untrügliches Zeichen: In der Redaktion ist das Was-war-1995-noch-so-los-Fieber ausgebrochen. Eifrig wird debattiert, wer nun Absteiger des Jahres war und wer Aufsteiger– Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind ab sofort in dem Extra: Jahresrückblick in der News-Sektion zu sehen – und zu debattieren.

Ein interessantes Phänomen ist dabei zu beobachten. Zunächst wächst kontinuierlich die Menge der „unverzichtbaren“ Namen, Events und Informationen, nur ungenügend von der Frage eingedämmt: war das ‘95 oder doch noch ‘94? Nach jeder neuen Diskussionsrunde schwindet dieses Überangebot aber rapide. Es gibt, bei näherem Hinsehen und Nachfragen doch nicht allzuviele wirklich wichtige und einschneidende Ereignisse in einem Jahr.

Der zeitliche und emotionale Abstand hilft aufgebauschte Wichtigkeiten auf das richtige Maß schrumpfen und eigentlich leise Langzeitentwicklungen wichtiger erscheinen.

Ich glaube, es war Karl Kraus, der den Satz prägte, es sei so schmerzlich, wenn ein Traum zur Wirklichkeit schrumpft. Wenn das Hypes passiert, ist das eher angenehm.

24 Stunden im 21. Jahrhundert

mak@muc.363.95.10:28

Die Städte sind leer, die Nächte lang, die Anrufe im Büro seltener. Typisch für die Zeit zwischen den Jahren. Endlich, nach all dem Start-Streß von Europe Online bleibt etwas Zeit, wenigstens die Bücher zu lesen, die unter die Rubrik – unbedingt lesen! – fallen. Ganz oben lag Peter Glasers „24 Stunden im 21. Jahrhundert – Onlinesein. Zu Besuch in der neuesten Welt“ (Zweitausendeins).

Erster Eindruck: Das kompetenteste und beste Buch über die Online- und Internet-Welt in deutscher Sprache. – Kein Wunder: Peter Glaser ist ein erstklassiger Autor, dazu Mailbox- und Internet-User der ersten Stunde sowie der erste Journalist in Deutschland, der über diese Welt kompetent zu schreiben wußte – und sie intelligent reflektierte.

Ein Buch, das jedem Online-Freak ein paar News und Kuriosa, vor allem aber eine Menge neuer net-philosophischer Überlegungen und Gedanken bringt.

Das Buch ist natürlich auch für Online-Anfänger gedacht. Es bringt alle wichtigen Grundinformationen und eine Menge Tips und URLs. Trotzdem könnte das Buch gerade Neueinsteiger in die Internet-Welt leise verunsichern. Glaser ist so lange und so tief in der Materie, seine Begeisterung für die Online-Welt ist so abgeklärt, daß seine Erzählhaltung für Newcomer fast altklug und distanziert wirkt.

Auch bei ihm schwingt ein bißchen Wehmut mit, daß 1995 aus der kleinen, verschworenen Online-Gemeinde ein Massenphänomen wurde, daß aus einer Nische ein Boom wurde. – Klar: Trendsetter leiden immer, wenn sie ihrer wissend-wohligen Nestwärme und ihrer innovativen Exklusivität verlustig gehen.

Ein immer wiederkehrendes Kulturphänomen. Demokratisierungsprozesse kränken unausweichlich die Initiatoren von wirklich neuen und innovativen Prozessen. Früher hieß der Spruch dazu: Die Revolution frißt ihre Kinder. Das Pendant dazu heute könnte heißen: Trends fressen ihre Setter.

Freudiges Ereignis

mak@muc.364.95.14:55

Minuten vorher hatte sich Kay Bieler, News- und Wirtschaftsreakteur von Europe Online, noch eine Menge Arbeit in der morgendlichen Themenkonferenz aufgeladen, plötzlich stand er in der Tür, deutlich mitgenommen. Gerade hatte seine Frau angerufen und ihm mitgeteilt, sie sei schon auf dem Weg ins Krankenhaus zur Entbindung ihres dritten Kindes. Das freudige Ereignis war eigentlich erst eine Woche später erwartet worden.

Kay war zwar in blitzschnell aus der Tür, trotzdem kam er 10 Minuten zu spät zur Geburt seiner Tochter Hannah: sieben Pfund schwer und kerngesund.

Wir beglückwünschen auf diesem Wege Kay und seine Frau allerherzlichst. Und der kleinen Hannah wünschen wir alles Gute für ihr junges Leben.

Es fällt in solch einem Moment auf, wie unabsehbar die Lebensnormalität eines Erdenbürgers ist, der im Jahr 1995 geboren wird, digital hin oder her. Aber das ging unseren Eltern zu analogen Zeiten auch nicht viel besser.

Sendepause

mak@muc.365.95.11:07

Jahresendstreß. Endlich, dank Feiertag, habe ich genug Zeit, meinen Umzug in die eigene Wohnung in Minimalumfang durchzuziehen. Da muß das Tagebuch zurückstehen.

Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 1-1996.

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