20 Jahre Europe Online

Es ist jetzt gerade 20 Jahre her, dass wir mit Europe Online „online“ waren. Am 15. Dezember 1995 gingen wir intern live, am 16. Januar war der offizielle Startschuss durch Verleger Hubert Burda. – Zugegeben, das Bild des Startschusses ist falsch. Im Grunde sollte alles ein Start-Klick auf einer Computermaus sein, deren Cursor sorgfältig auf einen Link ausgerichtet war. Leider hatte Hubert Burda keiner zuvor gesagt, dass man für einen Klick lieber nicht die Maus in die Hand nimmt…

Europe_OnlineIm Frühsommer 1995 haben wir in München am Arabellapark den ersten deutschen Onlinedienst aus der Taufe gehoben, samt erster deutscher Online-Redaktion. Ich war als Chefredakteur angeheuert worden. Ich war Journalist (WIENER) und hatte bei meiner Beratungsarbeit für die Werbeagentur Scholz & Friends Reemtsma bei der Konzeption des Webauftrittes der Marke WEST beraten. Im Gegensatz zur Hausagentur von WEST, die in einem proprietären System der Telekom (das nie live ging) produzieren wollte, hatte ich die offene, neue HTML-Plattform empfohlen. (Die Dankbarkeit der Agentur, die dann als erste in Deutschland HTML drauf hatte, hielt sich leider in Grenzen…)

HTML vs. proprietär

Um meine Empfehlung zu untermauern, musste ich mir damals schleunigst rudimentäre HTML-Kenntnisse beibringen (lassen) und vor allem die Dimension des sich gerade in den USA entwickelnden Web verstehen. Ich hatte durch mein Abonnement des WIRED und Zeitschriften wie Mondo 2000 oder The Futurist zwar eine blasse Ahnung, welche riesigen Dimensionen an Möglichkeiten in diesem weltumspannenden Netz liegen. Aber andere davon zu überzeugen, dazu brauchte es mehr. – Und so wurde ich zum raren Exemplar eines Journalisten, der 1995 schon eine Ahnung vom Internet hatte, eine vage, zugegeben. Also genau der richtige Mann, um in diesen frühen Zeiten eine Redaktion für das Internet auszubauen…

Europe Online (EOL) war zunächst als geschlossenes, proprietäres System nach dem Vorbild von America Online (AOL) oder Compuserve geplant. Aber die dafür lizenzierte Software „Interchange“ stellte sich als wenig geeignet heraus. Sie war arg fehleranfällig und unendlich langsam in der Performance. Zumal der Arbeitsserver in Boston stand – und der geplante Umzug der Server nach Luxemburg sich immer weiter verzögerte. Mal fehlten die richtigen Server, dann waren sie zu schwer für die Statik des geplanten Datencenters…

Abschied vom alten Businessmodell

Nach vielem Hin und Her, nach Besuchen von US-Programmierern in München – klar zur Wiesn-Zeit – und relativ fruchtlosen Optimierungsversuchen wurde dann Anfang November die Reißleine gezogen. Die Performance war wirklich schlecht – und entsprechend waren auf der Site nur daumennagelgroße Fotos möglich. Das fand der bildliebende Verleger Hubert Burda einfach unakzeptabel. Ich vergesse nie, wie er nach der ersten großen Präsentation der Inhalte nur wortlos den Raum verließ. Zutiefst enttäuscht.

Nach weiterem Hin und Her – jetzt im Business- und Marketingbereich – wurde dann Abschied von geschlossenen, proprietären System genommen – und damit von allen bis dahin berechneten Businessmodellen. Europe Online sollte nun offen im Internet für jeden zugänglich sein – und Geld mit Werbung und dem Vertrieb von Internetzugängen gemacht werden. (Wir waren also damals ursächlich schuld an den späteren Peanuts!)

Netscape_Navigator_2_Screenshot

Netscape 2.0 sei Dank!

Den Launch von Europe Online als offenen Onlinedienst machte der neue Browser Netscape 2.0 möglich. Erste Vorversionen dieser Software kamen im Herbst 1995 heraus – und endlich waren damit auch komplexere Grafiken, die Einbindung von größeren Fotoformaten etc. möglich. Wir setzten voll auf Netscape – und sind sehr gut damit gefahren. Ab November 1995 shifteten wir also die zuvor erarbeiteten Inhalte in Windeseile auf die neue Plattform. Schließlich sollte der Launch unbedingt noch im Jahr 1995 erfolgen – das hieß: rechtzeitig vor Weihnachten, also am 15. Dezember.

Möglich wurde das Wunder, an das damals nur wenige glaubten, vor allem durch den fabelhaften Kraftakt aller am Projekt beteiligten Mitarbeiter: den Technikern, den Designern, Redakteuren und Grafikern. Alle arbeiteten täglich bis spät in die Nacht und natürlich die Wochenenden durch. Das alles ohne jedes Content Management System. Sowas gab es damals noch nicht. Alles wurde per Hand in HTML gecoded und dann im sorgfältig verästelten Contentbaum eingebaut.

In 36 Tagen von Null auf 100

Werbung auf den Seiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Größtes Problem war, dass die meisten Firmen, die als Werbepartner in Frage kamen, selbst noch keine eigene Webpräsenz, zumindest nicht in HTML, hatten. So passierte es, dass wirklich Werbebanner ohne alle Verlinkung auf den Seiten standen. Ein Unikum in der Internet-Historie.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir 36 Tage nach der Entscheidung, auf die offene HTML-Plattform zu wechseln, online gehen konnten. Ein staunendes und bewunderndes Oohhh und Aahhhh und tief empfundener Dank an das komplette Europe Online-Team der ersten Stunde. Mit vielen Mitarbeitern habe ich noch heute Kontakt, Facebook sei Dank. Mit den mir wichtigsten Kollegen verbindet mich seitdem eine tiefe Freundschaft – und wir haben noch oft zusammengearbeitet bzw. tun es noch heute.

Das abrupte Ende

Danke an Anatol Locker, der mich damals in Hamburg das erste Mal ins Internet gelotst hat. Danke an Andreas Struck, den Geschäftsführer von Europe Online, den best gelaunten und entschlussfreudigsten Chef, den ich je hatte. Danke an Christian Miessner und Harald Taglinger, die die idealen Hybridjournalisten wurden: Programmierer und Autoren in einem. Danke an Roland Metzler, meinen Chef vom Dienst, der die Arbeit der Redaktion perfekt strukturierte. Danke an alle Redakteure, die Schluss- und Bildredaktion, die Technik, das Vermarktungsteam – an alle damals. Hier der Link zum Impressum von Europe Online. DANKE an alle!

Die Idee vom Europäischen Onlinedienst war dann leider rasch ausgeträumt. Die Partner Hachette und die Pearson Group bekamen kalte Füße, ebenso die Finanziers in Luxemburg. (Angesichts der späteren Börsenerlöse von AOL werden sich manche heute noch ärgern, nicht länger durchgehalten zu haben.) Neue, interessante Partner standen vor der Tür, Springer etwa oder die Metro Gruppe. Aber es wurde lieber der Stöpsel gezogen. Die wahren Gründe dafür weiß ich nicht, manche ahne ich, andere befürchte ich…

Europe Online

Europe Online reloaded

Wie Europe Online aussah, und was unsere Themen waren, kann man heute noch (besser: wieder) unter folgendem Link nachlesen.

Europe Online 1995/1996

Bis heute ist die Site von damals noch durchaus vorzeigbar. Das haben wir den Designs von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine zu verdanken, die damals schon in New York lebten und arbeiteten – und die für Europe Online ein wirklich bis heute schönes, modernes, userfreundliches und recht zeitloses Design entwickelt hatten.

Das Digitale Tagebuch

Knapp vier Monate lang habe ich den Start und den Alltag der ersten deutschen Redaktion im Internet in meinem Digitalen Tagebuch auf Europe Online beschrieben. Das war wohl der erste Blog im deutschen Internet. Leider war der Begriff damals noch nicht erfunden. Es ist faszinierend, welche Themen uns damals umtrieben, als wir wirklich „Neuland“ betraten. Einiges haben wir geahnt, vieles aber nicht. Und es ist ein wenig deprimierend zu sehen, dass viele Themen von einst uns noch heute beschäftigen (müssen). Thema: Internet-Desinteresse.

Hier die Links zu den vier Monaten Digitales Tagebuch:

Digitales Tagebuch 1995

Digitales Tagebuch 1-1996

Digitales Tagebuch 2-1996

Digitales Tagebuch 3-1996

Kurios, dass einige der Links noch heute funktionieren. Die meisten leider nicht mehr. – Nichts ist halt vergänglicher als das Internet.

Aber hiermit ist diese kleine, für uns wichtige Episode des deutschen Internet wenigstens vor dem Vergessen bewahrt.


Mein Digitales Tagebuch auf Europe Online Ende 1995. Startend am 345. Tag des Jahres.

Europe_Online

Die Magazine

mak@muc 345.95.23:44

36 Tage nach dem Start auf der neuen Netscape-Plattform sind die ersten beiden Online-Magazine von Europe Online fertig und auf den Server geschickt: MovieMag und Business Magazin. Das macht auch ein bißchen stolz.

In 36 Tagen eine neue Software beherrschen lernen, die entsprechenden Templates etc. bauen, ein völlig neues Online-Konzept entwickeln, das Internet-kompatibel ist, und dann die entsprechenden Inhalte (samt Fotos) kreieren – wer die Online-Welt kennt und weiß, wie wenig Tools es bisher für Netscape 2.0 gibt, wird Respekt nicht verweigern können.

Das Redaktionsteam, die Produktentwicklung und die Technik haben viele kleine (und große) Wunder vollbracht.

Aber ohne die stilsichere Arbeit, den Mega-Einsatz – und die unverwüstliche Geduld von Klaus „Sonni“ Sonnenleiter und Holger Windfuhr von der Media Machine in New York hätte auch das nicht gereicht. Sie haben die Optik und den Outlook von Europe Online in Rekordzeit perfekt entwickelt und technisch umgesetzt.

Und noch eine Lehre für heute: Man kann nie zuviel loben!

Hans im Klick

mak@muc.346.95.18:59

Ich habe die Zukunft von (Europe!) Online gesehen. Blender, das CD-Magazin, hat auf seiner Teaser-Site ein wahres Feuerwerk an optischen Gags, Sounds und bewegten Optiken vorgelegt. Die Beta-Version von Shockwave von Macromedia machte es möglich.

Wenn am Freitag Europe Online Deutschland (EOD) im Netz ist und die üblichen und absehbaren Bugs gebändigt sind, werden wir sofort damit anfangen, diesem bisher so stummen, statischen Medium schleunigst Töne beizubringen und Beine zu machen.

Wer liebt ihn nicht: Hans im Klick?

No Rosegarden

mak@muc.347.95.22:34

Unser Motto der letzten Wochen hat sich ein weiteres Mal bewahrheitet: No one promised you a rosegarden!

Klar, Frusttoleranzen sind das A & O, startet man einen neuen Service – und das auch noch mit einer neuen Technologie und neuer Soft- und Hardware. Aber manchmal kommt es einfach zu dicke!

Die geplanten Foren und Chats von Europe Online werden bestenfalls im späten Januar funktionieren. Wie haben einfach zuviel in zu kurzer Zeit gewollt.

Der Trost: Immerhin haben wir tolle Contents. Gerade sind die knapp 100 Seiten FreizeitPark auf den Server (der funktioniert wenigstens!) gegangen. Ein echtes Vergnügen, die Seiten anzuschauen oder sich im Labyrinth der Geschenkmaschine zu verirren. Trost! Merke: Auch abseits des Rosengartens blühen schöne, faszinierende Blüten!

Erster Zieleinlauf

mak@muc.348.95.23.04

Die letzten Seiten sind auf den Server geschickt. Compute, das Computermagazin, ist in absoluter Rekordzeit produziert worden. Es ist nicht nur inhaltlich gut und optisch klasse, es ist auch endlich ein (Online-)Computermagazin, das für Normaluser und Anfänger taugt (also auch für mich). Es ist allgemeinverständlich gehalten, gibt wirklich nützliche Tips und vernachlässigt trotzdem nicht die Bedrfnisse der High-End-User. Karsten und sein Team haben hier wirklich erstklassige Arbeit geleistet.

Auch „News“ sowie das gesamte Backing-Material „Tips für Einsteiger“, „Inhalt“ und „Impressum“ sind fertig. Harald Taglinger hat hier nicht nur Wunder vollbracht, sondern Stunden platinener Konzentration gezeigt und dabei eine dermaßen gute Laune an den Tag gelegt, daß man ihm fast nicht weniger Arbeit geben will.

Der Prosecco zum ersten Zieleinlauf auf einer langen Strecke ist wohlverdient – Morgen warten auf uns die fertigen Seiten. Spannung, welche Bugs uns überraschen werden, welche Seiten funktionieren und welche Links haken …

Das schöne an der digitalen Welt ist, daß man sich nicht mehr so orgasmisch (nur) einmal (analog) über einen Redaktions- oder Produktionsschluß freuen kann, sondern daß es morgen ganz normal weitergeht, daß jeder Tag seine eigenen Belohnungen, seine eigenen Höhepunkte und seine eigenen Überraschungen bereit hlt.

Tiefes Durchatmen, daß endlich Europe Online real zu existieren anfngt. Eine Idee, eine Vision (nicht zuletzt von Dr. Hubert Burda) ist Wirklichkeit geworden. Herzlich willkommen, User!!!

Startschuss

mak@muc.349.95.15.08

Endlich der große Tag: Startschuß für Europe Online! Die Spannung am Morgen ist immens! Hat es geklappt, alle unsere Inhalte über Nacht vom Pre-Production-Server auf den Public-Server zu bringen?

Bravo & Jubel! Die Technik in Luxemburg hat es geschafft. Herzlichsten Dank und tiefste Komplimente: Paul Moody und sein Team haben nicht nur Computer und Server operabel gemacht, sie mußten unsere Inhalte, die wir leider erst spät nachts fertig hatten, die Datenmengen bis zum Morgengrauen live bringen. Schade, daß wir diesen Leuten nicht persönlich, sondern immer nur per Telefon danken können.

Natürlich gibt es noch reichlich Bugs in unserem Dienst. Ein falscher Großbuchstabe im Code, eine fehlende Steuerdatei, ein Versehen hier, ein Mißverstndnis dort. Schuldfragen sind müßig. Es wäre ja fast unnatürlich, wäre so ein Mammutwerk ohne Bugs abgegangen. Die nächsten Tage werden wir viel Arbeit haben, Bugs zu fixen, nötige Programmreparaturen zu machen und vor allem einen unstressigeren Workflow zu entwickeln.

Um 11.00 Uhr dann der erste Anruf eines Users. Dicke Komplimente für die einfache einfache Installations-Möglichkeit und die Qualität der Inhalte. Riesige Freude darüber.

Offizieller Start

mak@muc.350.95.19:22

Am gestrigen Nachmittag der offizielle Start von Europe Online Deutschland durch Verleger Dr. Hubert Burda. Sogar ein (virtueller!) roter Start-Knopf wurde installiert. Um 17.00 Uhr ist es soweit: Europe Online Deutschland ist nun offiziell online.

Die Präsentation der Inhalte klappt bestens. Komplimente, Anerkennung, Händedrücken. Wichtigste Anmerkung in der Rede von Geschäftsführer Andreas Struck: Nur als Team, nur durch das enge Zusammenrücken aller Abteilungen, wurde der rekordverdächtig schnelle Aufbau von EOD und die Masse an Inhalten (ca. 450 Seiten in 6 Wochen!) möglich.

(Online-)Verleger Dr. Hubert Burda ließ pointiert die kurze, sehr abwechslungsreiche Geschichte von Europe Online seit der ersten Idee 1993 bis zum Platformwechsel sechs Wochen vor dem Start Revue passieren. Europe Online ist so gesehen auch ein Stück Mediengeschichte.

Dr. Burda bekräftigte noch einmal die Entscheidung, statt in einem proprietären System mit Abogebühren frei und gratis im Internet zugänglich zu sein. Dr. Burda: „Content is free! Ich kann mir nicht vorstellen, Maut dafür zu verlangen, wenn man in die Maximilianstraße (Münchens erste Einkaufsadresse) will.“

Wie wenig proprietäre Systeme und ihre „Eintrittsgebühren“ für den Massenmarkt taugen, sehe man, so Dr. Burda, an der für Anfang Januar geplanten Bestreikung von AOL, den die über die Preisgestaltung von AOL entsetzte Feldtester in den Newsgroups ausgerufen haben…

Die Feier endet für mich früh, denn sowohl morgen Samstag, als auch der Sonntag sind ganz normale Arbeitstage – schließlich gibt´s bei Europe Online täglich frische News.

Europe Online, der Onlinedienst mit t&aluml;glich aktuellen, redaktionell aufbereiteten, optisch attraktiven Inhalten!

Komplimente und Kritik

mak@muc.351.95.14:14

Die ersten Mails von Kollegen sind eingetroffen. Komplimente und Kritik an der (zugegeben datenreichen) optischen Aufbereitung. Zitat: „Endlich ein Internet-Inhalt, der nicht nur auf der obersten Ebene hübsch ausschaut, sondern bis in die letzte Ebene gut durchgestaltet ist.“ Ein anderes Kompliment lautet: „Schön und endlich nicht so doof verspielt wie andere Online-Angebote, sondern klar und modern.“

Natürlich gibt es auch Kritik: Am nötigen Datendurchsatz, an etlichen Bugs und der noch nicht optimalen Userfreundlichkeit – wir arbeiten daran!

Wie hunderttausende andere Internet-User maile ich noch schnell dem amerikanischen Senat zu deren Zensurideen. Eine weitere Mail geht an Bill Clinton. Ich denke, er wird den Zensurentwurf nicht unterschreiben. Sein Plan für seine Wiederwahl 1996 ist klar: So wie er 1992 erfolgreich auf die MTV-Generation als neue Wähler setzte, so will er dieses Jahr die amerikanische Internet-Community auf seine Seite ziehen.

So, genug online: Ich freue mich definitiv auf einen Abend „offline“.

Der bessere Mensch

mak@muc.352.95.11:43

Die amerikanische Zeitschrift Time wählt dieses Jahr Newt Gingrich zum Mann des Jahres. Der Sprecher der im US-Kongreß mehrheitlichen Republikaner schwang sich dieses Jahr zum mächtigen Widersacher von Präsident Clinton auf und provozierte zum Jahresende gleich zweimal die Zahlungsunfähigkeit der US-Behörden.

Furore machte Newt Gingrich dieses Jahr in den USA aber vor allem mit seiner neuen Politik-Ideologie, man könnte es einen Future-Konservatismus, Cyber-Liberalismus oder auch HighTech-Deregulierung nennen. Gingrich, der schon seit langen Jahren mit dem Futurologen Alvin Toeffler zusammenarbeitet, propagierte in Interviews, u.a. in „Wired“ die Idee einer global vernetzten Welt mit freiem Datenaustausch und parallel dazu einem Staat, der auf jeden Einfluß auf die Bürger verzichtet.

Gingrich schuf so einen ideologischen Mix, der auf den ersten Blick sehr attraktiv wirkt. Er verspricht weniger staatliche Kontrolle, weniger Steuern, globale Kommunikation und globale Wirtschaft, fordert dafür mehr Flexibilität, mehr Technologie und vor allem mehr Eigenverantwortung. Kein Wunder, daß Gingrich mit diesem Bild selbst dem Protagonisten des Information-Highway, Al Gore, 1995 den Rang ablief. Schade nur, daß sich Gingrich’s Vision in der Realität als sehr wenig sozial und sozialverträglich herausstellt.

An der Forderung nach mehr Eigenverantwortung und mehr freiwilliger zwischenmenschlicher Initiative sind schon andere Ideologien gescheitert. Den „besseren Menschen“ wird es so schnell nicht geben. Nicht einmal im Cyberspace.

Schneller, schneller

mak@muc.353.95.10:30

Ein dreifaches Hurra: Die Performance von Europe Online hat sich über Nacht mindestens um den Faktor 10 beschleunigt. Den Technik-Wizards in Luxemburg um Paul Moody ist der nächste Coup gelungen. Damit können wir alle Kritik am langsamen Aufbau unserer Webpages locker abfedern.

Es macht von Tag zu Tag mehr Spaß, die Seiten zu produzieren – und anzuschauen. Die Bugs werden weniger und weniger, die Contents mehr und mehr. Heute geht unser Gesundheits-Magazin Leben erstmals aufs Netz. Rechtzeitig zum gesundheitsstressenden Weihnachtsfest sind dann hilfreiche Tips zur Besserung der eigenen Physis geboten. Geboten sind Gesundheitsthemen, Gesundheitstips und viele Hilfen für Notfälle in der „Hausapotheke“.

Vielleicht sollte man 1996 die eine oder andere Empfehlung selbst beherzigen.

Cyber-Reisen

mak@muc.354.95.13:10

Web-Reisen machen Spaß. Allein das Gefühl, mit einem Server im hintersten Amerika, in Japan oder sonstwo in der Welt und dort mit mit völlig fremden Menschen verbunden zu sein, macht Spaß und heilt das schlimmste Fernweh. Am wirkungsvollsten gegen Fernweh ist aber der optische Besuch in den verschiedensten Regionen dieser Welt – per Web-Kamera.

Zum Beispiel kann ich so am hellichten Mittag in Tromsø in Norwegen live mitbekommen, daß um diese Zeit dort tiefdunkle Nacht ist. Brrrr! Auf Cape Hatteras kann man sich die Idee, heute Windsurfen zu gehen, auf jeden Fall abschminken. Es regnet heftig. Der Blick vom Empire State Building [auch da gab es einst eine Webcam!] in New York verheißt auch nichts Gutes. Einziger Trost gibt wenigstens der Sonnenuntergang in Maui auf Hawaii oder der Sonnenaufgang in Los Angeles.

Was ist eigentlich interessanter: der Blick auf leere Chefredakteurs-Sessel oder ein reales Landschaftsbild?

Wort de Jahres: Multimedia

mak@muc.355.95.10:59

„Multimedia“ ist das Wort des Jahres 1995. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beschlossen. Das Wort repräsentiere die Idee einer „schönen, neuen Medienwelt“, heißt es in der Begründung.

Die Nachricht führte in der Redaktionskonferenz zu genervtem Aufstöhnen. Keiner hält das Wort mehr aus. Zu oft ist es für billige CD-Produktionen, uninspirierte Mixturen aus Wort, Bild und Ton oder dumpfe Spielereien mißbraucht worden. Firmen, die in ihrem Namen das Signum Multimedia verewigt haben, wirken fast schon antiquiert. (siehe z.B.: http://www.multimedia.de!) [Stimmt kurioserweise bis heute!]

Heute wählt, wer auf sich hält, lieber die etwas weniger verbrauchten Begriffe „New Media“ oder „Interactive Media“. Vor allem Letzterer bringt das Definitionsproblem auf den Punkt. Die schlichte Mixtur aus den verschiedenen Medien (Multimedia) muß noch lange nicht interessant und interaktiv sein. Bilderbücher mit Ton sind eben auch schon multimedial.

Den wahren Kick, die wahre Medienrevolution bringt eher der interaktive Gebrauch von Medien. Den können die heutigen CD-ROMs mit ihrer beschränkten Speicherkapazität nur simulieren. Man kann dort nur in einem begenzten Raum interaktiv sein. Mich erinnert das an die Beschränktheit des Sandkastens. Dort spielen zu sollen, hat mich schon damals fürchterlich genervt. Ich wollte überall aktiv sein, im Garten, im Park, auf den Feldern (gab’s einstmals noch in München!).

Interaktivität ohne Grenzen garantiert auf Dauer nur der unbegrenzte Raum des Internet. Noch sind hier die multimedialen Möglichkeiten begrenzt. Aber sicher nicht mehr lange. Das Jahr 1996 wird das Jahr sein, in dem das Internet multimedial wird, in dem es (Realtime-)Töne lernt, in dem Slideshows, Morphing- und Frame-Sequenzen durch Applets möglich werden, vielleicht sogar Realtime-Video.

Und das Wort des Jahres 1996? Ich denke, es könnte der Begriff „Internet“ werden.

Stimmrecht in der UNO

mak@muc.356.95.23:55

Das Internet war bis Anfang dieses Jahres eine relativ unberührter Freiraum. Dafür sorgten nicht zuletzt hakelige Browser und grottenlangsame Modems. Die Community war klein, man war unter sich und genoß stolz eine Art Außenseiter- und „Gesetzlosen-„Appeal. In der medialen Windstille als Nischenmedium keimte in der Community die Hoffnung, in diesem neuen, elektronischen „Cyber-„Raum eine bessere, endlich heile Welt schaffen zu können. Oder doch zumindest die böse, harte, kommerzielle und laute, „normale“ Welt ganz weit außen vor lassen zu können.

Das Jahr 1995 änderte dann alles. Die ganze Welt entdeckte das Internet, oder um korrekt zu sein: das WWW. Millionen von neuen Usern eroberten das Netz, sehr zur Frustration der ursprünglichen Community. Das ganz normale Leben, samt Normalität, Massen von neuen Usern, von Abgründe (Verbrechen, Porno) und des von Ihnen so verhaßten Kommerz hatte sie wieder.

Um so verbiesterter ist speziell in Deutschland die Reaktion eines Teils der ursprünglichen Community auf die Ausweitung – und damit die Demokratisierung des WWW. Auf der „Interfiction“, einem Treffen früher Internet-User in Kassel, kursierten in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen doch tatsächlich Forderungen nach Kontrolle, Zensur und netweiter Abstimmung über Datenübertragungsprotokolle, Netiquette, Netzmanagement.

Im Gegensatz zu den USA, wo man das Netz gerade deswegen liebt, weil es so offen für das unendliche Spiel unterschiedlichster Kräfte ist, will mancher hierzulande die „gute alte Internet-Zeit“ oder die Utopie einer Idylle mit Gesetzen und Regeln ereichen.

Schade. Mit solchen Forderungen desavouirt man auf solchen Veranstaltungen so manch anderen, guten, konstruktiven Vorschlag: zum Beispiel der vollen Mitgliedschaft des Cyberspace als eigener Staat und mit vollem Stimmrecht in der UNO.

Eine wirklich witzige Idee – und ein Schritt zur Demokratisierung dieser kaputtinstitutionalisierten Behörde.

Cyber-X-mas

mak@muc.357.95.15:22

Ein Vormittag im Weihnachts-Einkauf-Trubel. Ein allzutiefes Eintauchen in die analoge Welt. Jetzt nachmittags die Umsetzung von Weihnachten im digitalen Online-Medium. Ist da Weihnachten anders? Moderner, hipper, ausgeflippter, moderner?

Die Idee eines Cyber-X-mas – gräßlich. Schon viel zu viele schöne Dinge sind seelenlos vercybert worden und kaputt-modernisiert worden. Wir haben uns entschieden, einen eigenen Beitrag, zu einer friedvollen Weihnacht (online) zu liefern und volkskundlich und psychologisch fundierte Tips zu geben, wie man Weihnachten im Kreise der Familie feiern kann – ohne den obligatorischen Krach.

Kurzum: Wir wünschen allen Usern eine wirklich friedvolle und harmonische Weihnacht!

Homeshopping?

mak@muc.358.95.07:12

Warum funktioniert das Homeshopping hierzulande noch nicht? So hätte ich diesen Tag frei, hätte ausschlafen können und Heilig Abend in gebührender Ruhe (und Coolness) entgegensehen können. Stattdessen geht es Hals über Kopf in die Geschäfte, um die letzten Geschenke und die nötigen (Über-)Lebensmittel einzukaufen.

Spätestens nächstes Weihnachten muß unser Service-Bereich meinen Weihnachtsstreß erheblich lindern können…

Reality Check an Heiligabend

mak@muc.359.95.18:12

Heiligabend macht erst richtig klar, wie weit in der medialen Zukunft Online-User bereits sind. Keiner in der großen, bunt gewürfelten Runde der Weihnachtsfeier kann mit dem Begriff Online etwas anfangen. Hier ist noch viel Aufklärungsbedarf. Und das nach einem Jahr, in dem „Internet“; in Magazinen und Zeitungen eines der häufigst gebrauchtesten Begriffe war!

Immerhin konnte einer der Gäste mit dem Begriff Modem etwas anfangen, ein Arzt. Er hat Computer und Modem seit Monaten, um seine Abrechnungs-Daten zur Buchhaltungsfirma durchzugeben. Daß man Modems auch für andere Zwecke nutzen kann, daß man gar Browser damit fahren kann, das ist ihm völlig neu. So neu wie der Begriff „Browser“;.

Solch „analoge“ Tage wie Weihnachten sind heilsam. Sie geben einem das Gefühl für die Wirklichkeit der (nondigitalen) Normalität zurück.

Weihnachtsruhe

mak@muc.360.95.15:38

Nach zwei Tagen Weihnachtsruhe geht es in der Redaktion weiter. Die Erde steht an Feiertagen nicht still. Aber sie scheint sich zu verlangsamen. Viel weniger News kommen über die Ticker. Liegt es daran, daß die Verursacher von Nachrichten in Urlaub sind, oder weil die Nachrichtenagenturen dünner besetzt sind?

Ich denke, auch hier gilt das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Und der (Nachrichten-)Konsument verlangt eben an solchen Tagen nach weniger News…

Aufbruch in neue Gefilde

mak@muc.361.95.09:09

Wie sehr hat Online unser Leben verändert? Das der Redaktion und aller Mitarbeiter eine ganze Menge. Und damit sind nicht die vielen Feiertags-Schichten gemeint, die jetzt zu leisten sind. Es ist zum einen die Mischung aus täglicher News-Arbeit und längerfristiger (Online-)Magazin-Produktion, aus Kommunikation (demnächst) und Service, die eine völlig neue journalistische Herausforderung schafft.

Die digitale Welt verändert zudem die tägliche Arbeit spürbar. Jeder der Journalisten, die in unserer Redaktion arbeiten, hat den Wechsel ins Online-Medium als eine Art „Befreiung“ erlebt. Es ist ein Aufbruch in eine neue, offenere, zugegeben auch ungewissere Medienwelt. Das schafft Freiräume – aber auch ganz neue Arten und ganz andere Qualitäten von Streß. Digitalen Streß eben.

Wie sehr die Online-Welt das Leben vieler Menschen verändert hat, will ein sehr ehrgeiziges Projekt dokumentieren: „24 Hours in Cyberspace“. 100 Topfotografen sollen am 8. Februar 1996 weltweit in Bildern das Leben in der Online-Welt dokumentieren.

Die Ergebnisse des Projektes sollen ab März in einer kontinuierlich aktualisierten Website und in einem Bildband mit CD-ROM zu sehen sein.

Eine andere, gute Möglichkeit, die Veränderung der Online-Welt – noch dazu live – mitzuerleben: Europe Online.

Jahresrückblick

mak@muc.362.95.08:42

Man merkt überdeutlich, daß das Jahr zu Ende geht. Untrügliches Zeichen: In der Redaktion ist das Was-war-1995-noch-so-los-Fieber ausgebrochen. Eifrig wird debattiert, wer nun Absteiger des Jahres war und wer Aufsteiger– Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind ab sofort in dem Extra: Jahresrückblick in der News-Sektion zu sehen – und zu debattieren.

Ein interessantes Phänomen ist dabei zu beobachten. Zunächst wächst kontinuierlich die Menge der „unverzichtbaren“ Namen, Events und Informationen, nur ungenügend von der Frage eingedämmt: war das ‘95 oder doch noch ‘94? Nach jeder neuen Diskussionsrunde schwindet dieses Überangebot aber rapide. Es gibt, bei näherem Hinsehen und Nachfragen doch nicht allzuviele wirklich wichtige und einschneidende Ereignisse in einem Jahr.

Der zeitliche und emotionale Abstand hilft aufgebauschte Wichtigkeiten auf das richtige Maß schrumpfen und eigentlich leise Langzeitentwicklungen wichtiger erscheinen.

Ich glaube, es war Karl Kraus, der den Satz prägte, es sei so schmerzlich, wenn ein Traum zur Wirklichkeit schrumpft. Wenn das Hypes passiert, ist das eher angenehm.

24 Stunden im 21. Jahrhundert

mak@muc.363.95.10:28

Die Städte sind leer, die Nächte lang, die Anrufe im Büro seltener. Typisch für die Zeit zwischen den Jahren. Endlich, nach all dem Start-Streß von Europe Online bleibt etwas Zeit, wenigstens die Bücher zu lesen, die unter die Rubrik – unbedingt lesen! – fallen. Ganz oben lag Peter Glasers „24 Stunden im 21. Jahrhundert – Onlinesein. Zu Besuch in der neuesten Welt“ (Zweitausendeins).

Erster Eindruck: Das kompetenteste und beste Buch über die Online- und Internet-Welt in deutscher Sprache. – Kein Wunder: Peter Glaser ist ein erstklassiger Autor, dazu Mailbox- und Internet-User der ersten Stunde sowie der erste Journalist in Deutschland, der über diese Welt kompetent zu schreiben wußte – und sie intelligent reflektierte.

Ein Buch, das jedem Online-Freak ein paar News und Kuriosa, vor allem aber eine Menge neuer net-philosophischer Überlegungen und Gedanken bringt.

Das Buch ist natürlich auch für Online-Anfänger gedacht. Es bringt alle wichtigen Grundinformationen und eine Menge Tips und URLs. Trotzdem könnte das Buch gerade Neueinsteiger in die Internet-Welt leise verunsichern. Glaser ist so lange und so tief in der Materie, seine Begeisterung für die Online-Welt ist so abgeklärt, daß seine Erzählhaltung für Newcomer fast altklug und distanziert wirkt.

Auch bei ihm schwingt ein bißchen Wehmut mit, daß 1995 aus der kleinen, verschworenen Online-Gemeinde ein Massenphänomen wurde, daß aus einer Nische ein Boom wurde. – Klar: Trendsetter leiden immer, wenn sie ihrer wissend-wohligen Nestwärme und ihrer innovativen Exklusivität verlustig gehen.

Ein immer wiederkehrendes Kulturphänomen. Demokratisierungsprozesse kränken unausweichlich die Initiatoren von wirklich neuen und innovativen Prozessen. Früher hieß der Spruch dazu: Die Revolution frißt ihre Kinder. Das Pendant dazu heute könnte heißen: Trends fressen ihre Setter.

Freudiges Ereignis

mak@muc.364.95.14:55

Minuten vorher hatte sich Kay Bieler, News- und Wirtschaftsreakteur von Europe Online, noch eine Menge Arbeit in der morgendlichen Themenkonferenz aufgeladen, plötzlich stand er in der Tür, deutlich mitgenommen. Gerade hatte seine Frau angerufen und ihm mitgeteilt, sie sei schon auf dem Weg ins Krankenhaus zur Entbindung ihres dritten Kindes. Das freudige Ereignis war eigentlich erst eine Woche später erwartet worden.

Kay war zwar in blitzschnell aus der Tür, trotzdem kam er 10 Minuten zu spät zur Geburt seiner Tochter Hannah: sieben Pfund schwer und kerngesund.

Wir beglückwünschen auf diesem Wege Kay und seine Frau allerherzlichst. Und der kleinen Hannah wünschen wir alles Gute für ihr junges Leben.

Es fällt in solch einem Moment auf, wie unabsehbar die Lebensnormalität eines Erdenbürgers ist, der im Jahr 1995 geboren wird, digital hin oder her. Aber das ging unseren Eltern zu analogen Zeiten auch nicht viel besser.

Sendepause

mak@muc.365.95.11:07

Jahresendstreß. Endlich, dank Feiertag, habe ich genug Zeit, meinen Umzug in die eigene Wohnung in Minimalumfang durchzuziehen. Da muß das Tagebuch zurückstehen.

Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 1-1996.

Digital native products

26. August 2014


Indianer von links, Indianer von rechts…

Es gibt Texte, da wird man als Journalist blass um die Nase, wenn man sie liest. Blass vor Neid, weil sie so gut sind. Ein Text, der sich mir in fast traumatischer Manier ins Gedächtnis eingefräst hat, erschien in der vierten Ausgabe des deutschen WIENER (August 1986). Dort beschrieb auf drei Druckseiten die österreichische Motor-Journalisten-Legende Herbert Völker in unnachahmlicher Art die Überführungsfahrt eines Ferrari GTO von Italien nach Salzburg. Am Steuer Niki Lauda, der neue Besitzer dieses GTO, den er für seine Verdienste für den italienischen Rennstall damals geschenkt bekommen hatte.

Eine Passage aus dem Artikel kann ich fast auswendig. Völker beschreibt die Geräuschkulisse des Ferrari bei Tempo 280. Zitat: „Als Schreiber ist man an dieser Stelle zu einem Wortbild verpflichtet, das Ihnen alle Urgewalt, Dröhnkraft, Nuancierung und Musikalität eines 400-PS-Ferrari nahe bringt. Wegen der beiden Turbos ist die Sache kompliziert. Man muss sich das so vorstellen: Indianer von links, Indianer von rechts, dazwischen siebentausend fliehende Büffel, hintendran sechzehn Coyoten, die hecheln und pfeifen. Der Rest geht im Lärm unter.“

Mit 421 PS in die Zukunft

Es hat dann genau 28 Jahre gedauert, bis ich selbst am Steuer eines Autos gesessen bin, das 400 PS hat, genauer gesagt 421 PS (310 kW). Und es beschleunigt in 4,4, Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ein in des Wortes Bedeutung „atemberaubendes“ Erlebnis, wenn ein Auto so rücksichtslos mit der Körpersensorik umgeht wie dieses und einen bei Vollgas unbarmherzig in die Sitze presst. Und leicht traumatisch, wenn es auch jenseits der 100 km/h damit nicht aufhört.

Der große Unterschied dabei: die Lärmkulisse. Keine Indianer, keine Büffel und keine Coyoten, nix. Nur das Atmen der Mitfahrer ist hörbar. Und damit auch die Beschleunigung der Atemfrequenz der Wageninsassen mit zunehmender Geschwindigkeit. Kein Wunder, denn die 421 PS entstanden hier nicht in acht oder zwölf hektisch explodierenden Verbrennungskammern, sondern sie kamen aus vier Elektromotoren, je einer für jeden Reifen. Denn ich hatte das Vergnügen einen Tesla S fahren zu dürfen. (Danke, Muck!)

Der Genuss des elektrischen Fahrens

Man kann sehr ins Schwärmen kommen, wenn man das Fahren mit einem Tesla beschreibt. Vorausgesetzt, man ist nicht motorgeräusch-abhängig. Ich habe jedenfalls reichlich Kontra bekommen, als ich meinen auto-affinen Freunden vom Tesla vorgeschwärmt habe. Diese Liebhaber von Porsches, schnellen Mercedes und Audi waren gleich mit heftiger Kritik und haufenweise Gegenargumenten unterwegs, warum man Tesla kein vollwertiges Auto ist. Die Reaktion erinnert mich an das starrsinnige Festhalten vieler meiner Generationsgenossen und Freunde an der Vorstellung, dass nur vollwertige Medien sind, wenn sie auf Papier gedruckt sind oder per Funksignal auf dem TV erscheinen.

Ein Auto ohne Krach, Gestank und Ölverbrauch ist für viele Menschen – noch? – nicht vorstellbar. Mich befiel nach knapp 10 Minuten Probefahrt mit dem Tesla das Gefühl – nein, ich war mir sicher, das in spätestens zehn Jahren das Fahren mit Benzin verbrauchenden, lärmenden und Kohlenwasserstoff und Gifte ausstoßenden Vehikeln ebenso verpönt, bäh und unkorrekt sein wird, wie heute im Auto eines Nichtrauchers eine Zigarre anzuzünden – oder im Kreise von Veganern ein blutiges Steak zu verzehren. Und man wird sich wundern, warum die Menschheit so lange gebraucht hat drauf zu kommen, dass es viel sinnvollere und nötigere Verwendungszwecke von Öl und Benzin gibt, als das man diesen Stoff verbrennt, um von A nach B zu kommen. Vor allem, weil es so viel angenehmer, smarter und bequemer ist, elektrisch zu fahren.

Digital native Produkte

Der Grund meiner Begeisterung für Tesla ist dabei gar nicht so sehr der ökologische Faktor. Es ist der umfassende Komfort dieses Autos. Das fängt bei der Fahrleistung und der Geräusch-Schonung an und reicht weiter über die Service-Leistungen bis hin zum Bedienungskomfort. Der Tesla ist nämlich in Wahrheit ein wunderschön großes, einfach zu bedienendes Tablet, das die Mittelkonsole dominiert, mit einem Lenkrad zur Linken und vier Rädern unten dran. Zugegeben, eine schön designte und mit vielen intelligenten Features angereicherte Karosserie drumherum.

Der Tesla ist, und das steht im Kern meiner Begeisterung, ein digital natives Produkt. Es stammt aus der digitalen Gegenwart und ist für unsere digitale Zukunft gebaut. All die anderen Autos stammen aus der industriellen Vergangenheit und sind mit Computern und digitalen Assistenzsystemen angereichert. Dafür müssen Keilriemen und Antriebswellen Elektrizität erzeugen und weitere analoge Systeme deren Befehle wieder mechanisch umsetzen. Das hat der Tesla eben nicht nötig. Daher gibt es dort keine störenden Tunnel im Fahrgastraum, daher gibt es keinen Ölwechsel, keine platzenden Kühlwasserschläuche und andere Unsäglichkeiten. Er ist ein Auto, das zu allererst von Programmierern konzipiert und dann ingenieurisch umgesetzt worden ist. Bei den konventionellen Autos ist es umgekehrt, da steht der Ingenieur im Mittelpunkt und Programmierer werden nur notgedrungen geduldet, wenn es denn sein muss.

Digitale Business-Modelle

Das ist der Vorteil aller digital native Produkte. Sie sind originär und zentral für das digitale Zeitalter konzipiert und nicht mühsam und ungenügend und mit viel Kompromissen an die digitale Neuzeit nachgerüstet. Daher funktionieren mit ihnen ganz andere Businessmodelle und daher sind ganz andere Service-Optionen möglich. Das gilt für viele digital native Produkte und Services – und deswegen tun sie allesamt den etablierten Produkten und Services weh, egal wie sehr sie sich um digitales Aufhübschen bemühen. Und deshalb sind die Wächter des Undigitalen, vorneweg die Politik und die Verwaltung immer schnell dabei, den Startvorteil der digital nativen Angebote durch Verbote zu behindern oder zu verunmöglichen.

Chris Dixon, Partner des Hedge Fonds Andreessen Horwitz und Investor in Buzzfeed, bringt die besondere Qualität solcher Firmen in seinem Blog auf den Punkt: „BuzzFeed is a media company in the same sense that Tesla is a car company, Uber is a taxi company, or Netflix is a streaming movie company.“ Sie alle sind es in dem Sinne, dass sie digital native sind und keine Kompromisse mit überkommenen Ideen und Konzepten vornehmen (müssen). Und sie sind es nicht, wenn man sie an den etablierten Erwartungen der jeweiligen Produktkategorien misst. Denn sie bieten so viel mehr als die „analogen“ Vorgänger.

Die Vorteile der Digital Natives

Tesla ist nicht nur ein Tablet auf Rädern, sondern auch ein Netzwerk von Ladestationen, Fahrern und Afficionados. Netflix ist nicht nur ein Streaming Service, sondern die größte Abstimmungsplattform von Filmen mit einer grandiosen Empfehlungsqualität. Buzzfeed ist der wohl radikalste Ansatz eines populären Mediums, zugleich populistisch und anspruchsvoll, das User auf wirksame Weise einbindet und die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion neu definiert. Uber ist ein persönlicher Mobilitätsservice und zugleich ein Bewertungs-Netzwerk von Mobilitäts-Service. (Das sollten mal Taxivereinigungen hinkriegen, dass man die Fahrer und Autos und deren Service bewerten kann!)

Die Liste ließe sich locker fortsetzen. Airbnb ist keine Zimmer-Vermittlung, sondern mit seinem Netzwerk von Empfehlungen und Bewertungen ein echter City- & Fremdheitsintegrator von Reisenden. Wikipedia ist eben kein elektronisches Lexikon, sondern eine Plattform, auf der die verschiedenen Wahrheits- und Wissensvarianten von Themen einvernehmlich integriert werden (oder nicht, wie beim Beispiel Scientology). Facebook ist kein elektronischer Freundeskreis-Organisator, sondern für viele junge Menschen deren vornehmlicher Erfahrungskosmos im Internet. Und Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern der weltgrößte private Datensammler und die größte Keyword-Versteigerungsplattform.

Die Deployment-Phase

Chris Dixon beschreibt ganz richtig die heutige Zeit als die Deployment Phase des Computers, die Zeit der vielfältigen Anwendung, die auf die Installationsphase folgt. Und in dieser Phase gewinnen die Produkte, die originär die Vorteile der digitalen Zeit nutzen, gegenüber denen der industriellen Vorzeit, egal wie sehr sie und wie gut sie digital erweitert sind. Das genau erlebt man sogar rein physisch, wenn man einen Tesla fährt.

Herbert Völker schrieb damals vor fast 30 Jahren, würde nicht der Motor acht Zentimeter hinter seinen Ohren so laut arbeiten (Mittelmotor!), wäre es in dem so genial designten Ferrari so „still wie in einer geräumigen Kathedrale“. Er hat schon vor knapp 30 vorausgeahnt, wie ein Tesla klingt. Dass er ebenso gut fährt, konnte er kaum ahnen.


Visitenkarten-Fetischismus

Es gibt Firmen, die legen sehr großen Wert auf ihre Visitenkarten. Sehr, sehr großen Wert. Dafür werden gerne seltsam aufwändige Rituale getrieben. Welcher Mitarbeiter bekommt welches Design? Marke und Konzern werden sorgsam in der Logogestaltung getrennt. Und am wichtigsten ist natürlich, welchen Titel bekommt der jeweilige Mitarbeiter? Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Titel nicht etwa beim Kunden, wo die Visitenkarte (nomen est omen!) ja letztlich ankommen soll, eher abschreckt als Eindruck macht. Visitenkarten sind nach der Höhe des Honorars der zweite große Fetisch einer (konventionellen) Karriere.

Ein ähnliches Schicksal erahne ich für die klassische Website, die Firmen heutzutage ins Web stellen. Nachdem heute auch der letzte Firmenchef oder Manager kapiert hat, dass ein Unternehmen im Internet stattfinden muss, will es überhaupt wahrgenommen – und respektiert – werden, wird etliche Mühe in die Gestaltung von „Homepages“ von Firmen gesteckt. Dabei wird oft gar nicht mal wenig Geld in die Hand genommen. Zum einen, weil noch zu oft der Irrtum vorherrscht, je aufwändiger ein Relaunch ist, desto länger brauche man nichts mehr an der Website zu tun. Zum anderen, weil man die Website als eine Art elektronische Visitenkarte der Firma (miss-)versteht (siehe oben).

Interaktion und Kommunikation

Das zentrale Problem der meisten Firmen-Websites ist, dass nicht wirklich verstanden wird, dass das Internet eine Kommunikations- und Interaktionsplattform ist. Und Firmen, die ihre Produkte nicht online verkaufen, realisieren oft nicht, dass sie beginnen müssen, auch ohne ein Shopangebot, aktiv zu kommunizieren und zu interagieren, wollen sie in Zukunft noch wahrgenommen werden. Und das in einer Weise, die von ihnen bestimmt ist und nicht von außen via Social Media etc. Es mag stimmen, dass bei einem Blick von oben auf das Gewimmel eines belebten Platzes derjenige, der starr und stumm verharrt, relativ bald auffällt. Aber nur weil man sich Gedanken macht, ob er nichts Besseres zu tun hat oder ob er etwas im Schilde führt.

Wer aber interagiert und lebhaft (und bitte authentisch) kommunizieren will, wird meist schnell feststellen, dass die klassische Homepage dazu oft zu sperrig, zu langsam (egal welches CMS genutzt wird) und zu wenig effektiv ist. Und je mehr die Website visitenkarten-mäßig angelegt sind, um so mehr. Denn Interaktion und Kommunikation machen schnell die schönste Website (optisch) kaputt, weil sie so aufdringlich und unruhig ist. Aber beides macht sie lebendig – so wie die vielen Menschen auf dem oben beschriebenen belebten Platz, die herumwuseln, die gestikulierend miteinander reden oder irgendetwas zum Besten geben.

Die mobile Evolution

Diese Menschen, die da auf Plätzen stehen, in Zügen fahren, auf Flugplätzen warten – oder in Meetings sitzen, sie alle sind heute längst kontunuierlich online. Das Smartphone ist stets angeschaltet – und wird unablässig genutzt, es versorgt unaufhörlich mit Online-Informationen. Vorrangig über Apps, nur ganz selten über (mobile) Homepages. Wie Hubertus von Lobenstein gerade in seinem Blogpost „Die letzten Tage des Internets“ ausführte, verbringen heute Menschen im Schnitt mehr Zeit mit mobilen Apps als im Internet. Über die Hälfte aller „Computer“, sind heute mobile Geräte (Smartphones, Tablets & Co.). Und das Verhältnis ändert sich rapide: Die Zahl mobiler Endgeräte wächst doppelt so schnell wie die der PCs.

Oder anders herum betrachtet. Mehr als die Hälfte des Traffics einer normal vernetzten Website kommt heute nicht mehr über die Homepage, sondern über die verschiedensten anderen Kanäle wie Google, Facebook, Twitter, über mobile Zugriffe und natürlich (Online-)Marketingmaßnahmen. Auf High-Traffic-Sites sind es manchmal nur mehr ca. 30 Prozent der Zugriffe, die die Homepage anlaufen (Pareto rules!). Die große Überzahl der User steuern die Inhalte direkt an und strafen die Homepage konsequent mit Nichtbeachtung.

Big Data Web

Und das ist erst der Anfang. Absehbar ist längst eine Entwicklung, die statische und „schicke“ Websites, wie sie heute üblich sind, vollkommen obsolet machen wird. Absehbar ist, dass Rechnerkraft  sich weiter alle 15 Monate verdoppeln wird (Moores Law). Und das heute auf  sehr hohem Niveau. Zugleich werden die Bandbreiten weiter wachsen, jährlich um ca. 50 Prozent (Nielsen’s Law). Und die Netzwerk-Effekte explodieren zugleich in bisher noch nie gekannter Weise (Metcalfe’s Law, Reed’s Law). Noch nie kannte die Menschheit jenseits biologischer Systeme Netzwerke von über einer Milliarde Teilhabern. (Diese Zahl wird Facebook wohl dieses Jahr erreichen.) Und von ihnen werden Datenmengen in ungeheuren Größen produziert.

In solch einer voll-digitalen Welt mit monströsen Rechnerleistungen, völlig neuen Potentialen für Algorithmen und Softwarelösungen, mit einer nie gekannten Vernetzungsgeschwindigkeit und Teilnehmer-Milliarden und Yottabytes an Datenmassen (Big Data) sind Homepages, wie wir sie heute kennen, kuriose Anachronismen. Sie wirken wie versprengte Papierschnitzel (zerrissener Visitenkarten) in einem pulsierenden digitalen Kosmos. Sie erinnern an alte, verwitterte Wegweiser in einer voll vernetzten, GPS-navigierten, komplett digital erfassten Welt.

Intelligentes Web-Environment

Mal ganz ehrlich, eine Homepage, vor allem in ihrem Visitenkarten-Appeal, ist eine Institution aus einer vergangenen Ära.  Dahinter steckt noch das hierarchische Denken von Firmen, die davon ausgehen, dass ihre Kunden gefälligst zu ihnen zu kommen haben. Sie halten Informationen für Menschen bereit, die müssen sich dafür aber gefälligst herbei bemühen. Kommunikation und Interaktion auf Augenhöhe ist das nicht. Die Frage ist, ob in der oben beschriebenen 360°-Digitalität der Zukunft die Augenhöhe noch das gültige Paradigma ist – oder sich zumindest im Internet und den dort vorhandenen Informations-Yottas die Machtverhältnisse zuungunsten der Anbieter, sprich Firmen und Unternehmen verschieben.

Sie müssen in Zukunft alles tun, um es den Usern so leicht und convenient wie möglich zu machen, an Informationen, Angebote und Interaktions-Optionen zu kommen. Da reicht eine passive, schicke, aber tumbe Homepage sicher nicht. Stattdessen sollte ein hochintelligentes Web-Environment jenseits des heute aufkommenden responsive Webdesigns geschaffen werden, das im optimalen Fall – und bei Einwilligung des Users – weiß, wer der User ist, welches Gerät er gerade nutzt, wo er ist (location based services) und was er vermutlich gerade will oder benötigt. Dazu sind viel Wissen über den User nötig und dafür viel sensible soziale Kommunikation und kluge Algorithmen, die die Daten zu deuten wissen.

Dazu müssten CMS-Systeme entwickelt werden, die so etwas leisten können. Dazu muss alles Wissen, müssen alle Datenbanken eines Unternehmens wirklich konsolidiert und intelligent verknüpft werden. Und man müsste wissen, womit man seine Kunden begeistern könnte. Dazu braucht es mehr (digitales) Wissen, mehr Know how, mehr Strategie und mehr Entschlusskraft als für eine Gestaltung einer Pixel-Visitenkarte. Die Alternative dazu wäre, sich als Unternehmen künftig völlig in die Hand der großen Internet-Plattformen zu begeben, die längst konkret an solch einer Zukunft jenseits von Homepages arbeiten: Google, Amazon, Apple, Facebook – und eventuell noch Microsoft.


Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…


Steve Jobs über Lebensplanung, Liebe und Tod

Mal vorweg, ich bin kein Apple-Fan. Mein erster Computer war ein Atari, ein Apple-Klon, mein zweiter Computer war ein Apple SE30, das war es aber dann schon mit Geräten aus Cupertino. Anschließend war es bereits dem Web geschuldet, dass ich Windows-Geräte benutze, danach unter anderem, dass ich ein paar Jahre für MSN (Microsoft Network) arbeitete. Nichtsdestoweniger habe ich großen Respekt für Steve Jobs. Mehr als alle seine grandiosen Leistungen (Apple, neXT, Pixar) in den Bereichen Produkt-Idee, Business, Design und Marketing hat mich seine 15-minütige Rede beeindruckt, die er 2005 vor den Alumni der Stanford University gehalten hat, die man auf der Website der Universität oder auch auf TED.com oder YouTube sehen kann. Hier hat ein Mensch wirklich tief über sein Leben nachgedacht.

Die beste Zusammenfassung dieses atemberaubenden ehrlichen, mutigen wie menschlich bewegenden Vortrags kann man nun auf FAZ.NET lesen, ausgerechnet in einem langen, intelligenten und irritierend menschlichen Artikel von Volker Zastrow über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Guttenberg-Causa. Er schildert perfekt, wie Steve Jobs  seinen jungen Zuhörern drei Themen mit auf den Weg ins (Berufs-)Leben gibt.

1. Connecting the dots

Die erste These Jobs‘ ist, dass man sein Leben nicht planen kann, man aber möglichst viel Projekte wagen und dabei Erfahrungen sammeln sollte. Motto: „Stay hungry, stay foolish!“ Mit ein bisschen Glück ergeben all diese Lebensstationen in der Rückschau einen sinnvollen Lebensweg: „You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Wenn Jobs etwa nach seinem abgebrochenen Studium ausgerechnet Kalligraphie gelernt hat, so half ihm das viel später, als es darum ging, den Apple II zu designen – und alle anderen Geräte von Apple. Das Verständnis für die Komplexität, die hinter jedem Konzept von Simplicity steht, hat er hier gelernt.

2. Love and loss

Als Jobs 1985 aus seinem eigenen Unternehmen hinausgeworfen wurde, war das für ihn die schlimmstmögliche Kränkung. So schlimm das damals für ihn war, so wichtig war diese Negativerfahrung für seine persönliche Entwicklung. Motto hier: „Don’t settle!“ Ihm half an diesem Punkt, dass er seine Arbeit liebte, also machte er weiter, er gründete die Computerfirma neXT und die digitale Filmproduktionsfirma Pixar – und war mit beiden erfolgreich. Das war er, weil er gut war. Und gut war er, weil er seine Arbeit liebte: „The only way to do a great work is to love what you do.“ Schließlich kaufte Apple neXT und Jobs wurde später wieder Chef der Firma.

3. Prepare to die

Der dritte Punkt, den Jobs in seiner Rede hervorhebt, ist das Bewusstsein, dass alles endlich ist, dass die einzige große Gemeinsamkeit aller Menschen der Tod ist. Das begann in seinem Leben mit der Binse: „Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.“ Das hat er ein Leben lang so gehalten – und wenn er zwei Tage das Gefühl hatte, so ein Tag sollte nicht der Letzte sein, wusste er, dass er etwas verändern musste. Das war für Jobs ein nettes, intellektuelles Spiel, bis bei ihm ein Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, der unheilbar schien. Seitdem ist sein Verhältnis zum Tod noch einmal anders, Motto: „Death is very likely the single best invention in life.“ Denn für ihn ist der Tod der „life‘ change agent“, der verhindert, dass man seine Lebenszeit vergeudet. Seine Aufforderung an seine junge Zuhörerschaft: „Don’t waste time living someones else life!“

Karl-Theodor zu Guttenberg und das geglückte Leben

Auf den Punkt gebracht sind die Empfehlungen Steve Jobs‘ eine Anleitung für ein gelungenes Leben:
1. Sei neugierig und gebe nie auf – und mit ein bisschen Glück wird daraus in der Rückschau ein geglücktes Leben.
2. Liebe ist der Schlüssel zu allem, zu Energie, Sinn und Enthusiasmus.
3. Der Tod gibt immer wieder Neuem Raum, das ist unsere Bestimmung aus der Evolution.

Fragt sich nun, warum Volker Zastrow seinen sensiblen Beobachtungen zu KTG und seinem wirklich ingeniösen Szenario, warum Karl-Theodor zu Guttenberg so gehandelt haben mag, wie er es getan hat, die Rede von Steve Jobs vorangestellt hat. Denn er nimmt diesen Faden später in seinem (wirklich langen) Artikel nicht mehr auf – bis auf den krampfhaften Verweis am Schluss, dass die Schwarmintelligenz die trügerische Doktorarbeit entlarvt hat.

Dabei wäre der logische Schluss so nah gelegen. Ich wage es, ihn hier kurz zu skizzieren:
1. Connecting the dots: Karl-Theodor zu Guttenberg hat versucht, seine Dots zu planen und zu inszenieren, daher hat er unbedingt einen Doktor im Namen führen wollen, obwohl sein Examen das eigentlich gar nicht zuließ. Und vielleicht hat er noch viele andere Punkte geplant (Kanzler?), anstatt zu leben, Dinge zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln.
2. Love & loss. Nie war spürbar, wofür KTG steht, was er liebt, wofür er brennt, was er wirklich will. Liebe zu seinem Amt oder seinem Beruf war nie echt erkennbar, Liebe zu sich selbst, zu Beifall und Zuneigung dafür schon. Dafür hat er die  Höchststrafe erhalten: ein sehr, sehr großer „Loss“.
3. Bei allem zur Schau gestellten Hedonismus und aller Selbstzufriedenheit hatte man nie das Gefühl, dass Karl-Theodor zu Guttenberg etwas bewegen wollte. Nie war klar, wofür er denn Politik machen wollte, was sein Beitrag zu einer besseren Politik, einem besseren Deutschland oder einer besseren Welt (Evolution!) hätte sein können.

Fehler abseits des Drehbuchs

Solch eine Analyse von (weit!) außen ist eigentlich vermessen. Ich habe sie mir lange verkniffen. Ich versuche sie, seit ich aus einer verlässlichen Quelle die Geschichte eines engen Mitarbeiters von Karl-Theodor von Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium erzählt bekommen habe. Der Mitarbeiter, ein gestandener Fachmann, war zunächst begeistert von dem jungen zu Guttenberg. Er packte an, er machte Nägel mit Köpfen, kommunizierte gut, hörte zu – und vor allem hatte er ein perfektes Auftreten und hielt begeisternde Reden.

Mit der Zeit aber schrumpfte die Begeisterung. Die Reden waren immer dieselben – oder in sich ähnlich. Die lässige Haltung entpuppte sich als Manierismus und eingeübt. Am schlimmsten aber wurde es, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg spontan sein wollte, oder – noch schlimmer – witzig. Das endete, so der Insider, stets  in arger Peinlichkeit. Seine Witze verletzten, Verfehlten ihr Ziel oder trafen mitten ins Fettnäpfchen. Je länger er im Amt war, desto mehr fürchteten seine Mitarbeiter seine Improvisationen, wenn er das festgelegte Drehbuch beiseite ließ.

Ein Bild, das zu passen scheint. Hier hatte sich jemand eine Drehbuch für sein Leben geschrieben (oder schreiben lassen?) – das hatte er dann auch ganz gut drauf. (Siehe hier auch The Difference: Drehbuch des eigenen Lebens.) Aber wehe, wenn das einmal nicht passte, wenn Dinge passierten, für die keine Handlungsanleitung da war – oder wenn aus Lust und Laune improvisiert wurde. Genauso wie die Doktorarbeit. Entweder wurde hier das Drehbuch auch von jemand anderem verfasst – oder aber hier wurde genauso improvisiert.

Unkartiertes Neuland

17. Januar 2011


Projekte wagen, die (noch) nicht möglich sind

Vor ein paar Jahren sah ich bei Freunden an der Wand eines Büros ein riesig dimensioniertes Modell eines großen Sportstadions hängen. Es stellte sich heraus, dass der Vater der Freundin bei der Ausschreibung für das Stadion für die Olympischen Spiele 1972 in München teilgenommen hatte. Das Modell an der Wand war sein Entwurf gewesen. Aus Höflichkeit nur so viel. Wir dürfen froh sein, dass nicht dieser Entwurf genommen wurde, sondern der mutige Zeltdachentwurf von Frei Otto.

Olympiastadion München - Die Realisierung

Ich habe mir später auch andere Entwürfe von damals angesehen, zum Beispiel das Modell, mit dem sich München 1966 (erfolgreich!) beworben hatte -langweilig und uninspiriert (siehe Foto). – Was haben wir damals in München für mutige, ja tollkühne Entscheider gehabt! Sie haben sich für die schönste, aber optisch und technisch riskanteste Lösung entschieden. Noch nie zuvor war eine Zeltdachkonstruktion aus Stahlseilen und Acrylplatten in dieser Dimension gewagt worden. Von diesem Mut profitiert München noch heute. Der Olympiapark ist weltbekannt und im Gegensatz zu anderen großen Sportstadien eine städtebauliche Attraktion, auch 40 Jahre nach seiner Eröffnung.

Planen mit nicht vorhandenem Material

Ähnlich viel Mut wurde beim Bau der Allianz Arena bewiesen, dem neuen, allabendlich weithin leuchtenden Wahrzeichen des Münchner Nordens. Als dieses Stadion in seinem speziellen Design beschlossen wurde, gab es die luminiszierenden, pneumatisch vorgespannten Kissen aus EFTE-Folie, die heute die Außenhaut der Arena bilden, noch nicht. Das Prinzip wurde erst im Laufe des Baus entwickelt.

Wenn es um Bauten geht, um mechanische Geräte oder um Maschinen (speziell Autos), dann sind wir mutig in Deutschland. Auch wenn es um kreative Nutzung von Elektrizität oder Chemie geht – bis hin zur Fahrlässigkeit. Nur wenn es um nicht greifbare, nicht haptisch fassbare Dinge geht, verlässt uns der Mut so schnell und so komplett. Deswegen spielt Deutschland im Bereich der Computer und der Software längst keine wichtige Rolle mehr. Und im Internet und seinem Business ebensowenig.

Olympiastadion München - Entwurf 1966

Fluchtpunkt Physikalität

Unser Fluchtpunkt, wenn es um nicht handfeste Dinge geht, also um Software, um digitale Produkte oder gar virtuelle, ist immer die Flucht ins Physikalische, zum realen Produkt: Da werden Onlinehandelsplätze zu Piazzas – oder es wird gar die altgriechische Agora als Metapher für einen Marktplatz bemüht. Da werden Datenspeicher zu Tresoren oder Bildspeicher zu Fotoalben. Oder neueste Peinlichkeit: Eine Löschfunktion für Bilder wird zum „digitalen Radiergummi“.

[Kleiner Exkurs hier. Dem Erfinder Prof. Michael Backes aus Saarbrücken gehört ein Ehrenplatz bei der nächsten Documenta. Die Idee, dafür Geld zahlen zu müssen, dass sich ins Internet gestellte Bilder irgendwann selbst löschen (wenn es denn funktioniert), zeugt von seltener Ignoranz – oder großer künstlerischen Chuzpe. Kunst, die sich selbst zerstört, war eine der provokativen Ideen des Dadaismus. Das jetzt kommerziell zu vermarkten, könnte interessant und witzig sein, wenn es nicht bierernst gemeint wäre. So ist es nur peinlich und traurig.]

Begreifen und Bedenken

Was treibt uns, dass wir Dinge unbedingt „begreifen“ wollen. Und wenn das nicht möglich ist, dass uns gleich „Bedenken“ kommen. Was ist das für eine risikoarme Kultur, eine Zöger- und Hader-Kultur, die solange nicht aktiv wird, bis die letzten Wagnisse ausgeräumt sind? Die Neuland nur dann zu betreten wagt, wenn sich zuvor schon Massen anderer hinein gewagt haben. Und dann wundert man sich, dass diese längst Claims abgesteckt und das neue Areal unter sich aufgeteilt haben. Und zwar zu ihren Bedingungen.

Ich hatte in meinem Leben mehrmals die „wundersame“ – und wunderschöne – Gelegenheit, etwas völlig Neues schaffen zu dürfen/können. Meist ohne ein Vorbild, das man hätte nachahmen können und immer unter extremem Zeitdruck.

Neues wagen

Die Münchner Stadtzeitung etwa, die post-ideologisch die Interessen einer jungen Stadtbevölkerung reflektierte. Wir haben sie im Team mit wunderbaren Kollegen und einem tollkühnen Verleger (Arno Hess) einfach „gemacht“, ohne vorher viel zu planen oder gar Marktstudien zu betreiben. Dafür war weder Geld noch Zeit da. Und weil wir es wagten, wurde sie erfolgreich, wuchs zusammen mit ihren Lesern und unserem (meist autodidaktisch durch Try & Error erworbenen) Können. – Dasselbe dann auch beim WIENER. Auch hier wurde – nicht zuletzt dank Chefredakteur Wolfgang Maier – gewagt und nicht gezaudert.

Noch extremer war das Projekt Europe Online: ein Onlinedienst in Deutschland, der nicht ein amerikanisches Vorbild kopieren sollte. Als die Entscheidung gefallen war, dass wir statt auf eine proprietäre Software und ein geschlossenes System a là AOL auf die offene Internet-Platform von HTML und offen zugängliche Inhalte setzten, waren gerade noch sechs Wochen Zeit, alles neu von Null an aufzusetzen, technisch wie inhaltlich. Keiner wusste, wie das gehen sollte. Es gab genug, die hielten das für unmöglich – und handelten danach. Und trotzdem waren wir pünktlich fertig und online – zu Weihnachten 1995.

Evolution schafft Neues

Das alles funktionierte nur mit einer Zuversicht, die sich aus der Erfahrung nährte, dass sich Wege finden, wenn man nur wagt. Es gibt eben auch positive Selffulfilling-Prozesse. Wenn man an etwas glaubt, dann kann man, zumal wenn man zuvor ein wenig nachgedacht hat, viel bewirken. Man muss es dann nur machen. Warum ist Facebook so erfolgreich und das deutsche Copycat StudiVZ nicht? Weil Mark Zuckerberg & Co. eine Idee hatten und im Prozess des Schaffens davon profitiert und so kontinuierlich dazugelernt haben. Das passiert denen, die wagen, aber nicht denen, die nur kopieren. Diese erleben nie das Momentum des Wagenden, diese kommen nie in den Schaffens-Flow dessen, der Risiken eingeht und loslegt.

Man kapiert in Deutschland – oder auch Europa – eben nicht, wie man ein neues Projekt starten kann, ohne einen nach allen Seiten abgesicherten Businessplan zu haben. Der ergibt sich aber aus dem Erfolg, der Verbreitung und den im Prozess des Schaffens gemachten Ideen und Erfahrungen. Außerdem sind nur Projekte, in denen etwas Neues gewagt wird, für wirklich kreative, innovativ denkende Menschen attraktiv. Sie sorgen dann mit ihrer Ingenuität schon dafür, dass solche wagnisreichen Projekte auch wirtschaftlich erfolgreich werden. (Dieser Effekt fehlt Kopisten völlig.)

Evolution funktioniert nun mal grundsätzlich so, dass dabei absolut Neues entsteht. Etwas, was daher noch nicht erforscht und kartiert sein kann. Man kann sich also dabei nicht absichern. Man kann nur „machen“, man kann nur wagen. Und das Neue entsteht eben nur, weil man es wagt. – Mir hat folgendes Bild sehr geholfen, Evolution zu verstehen: Man steht an einer Klippe (Edge) und geht in Richtung des Nichts – und nur indem man geht und wagt, entsteht etwas Neues – und man tritt so doch wieder auf festen Boden.

Diese Art zu Gehen sollten wir wieder lernen, irgendwie. Und möglichst schnell…

%d Bloggern gefällt das: