Europe Online – Digitales Tagebuch 3-1996

25. Januar 2016

Der dritte und letzte Teil meines Digitalen Tagebuchs auf Europe Online von 1996.

Europe_OnlineColors

mak@muc060.96.12:32

Heute ist offiziell der Start des neuesten Magazins auf Europe Online terminlich festgelegt worden. Rechtzeitig zur CeBit wird am 14. März die Online-Ausgabe von „Colors“, dem Kultmagazin von Benetton online gehen.

Colors online ist eine Konzeption von Europe Online und wird von Christian Mießner (mee-z‘) in engster Kooperation mit der Redaktion von „Colors“ in Paris erstellt. (mee-z‘ wird so zum Weltenbummler zwischen Paris, Treviso und München!)

Die erste Ausgabe wird in Englisch und Deutsch erscheinen und ist ein Schnellschuß. Die zweite, ausgefeiltere Ausgabe startet im Mai und wird dann in den fünf Sprachen ins Netz gehen, in denen auch das Print-Magazin erscheint: englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch.

Hilarys Hair

mak@muc061.96.16:05

Eine haarige Angelegenheit. Da die amerikanische First Lady alle Nase lang ihren Haarschnitt ändert, kam dem Online-Manager Mike Miller (Vanguard Technology Group) die Idee, dazu eine eigene Web-Site zu kreieren. Dort sind sämtliche verfügbaren Frisuren von Hilary Rodham Clinton dokumentiert und man kann über die jeweils beste und schlechteste Haartracht abstimmen.

Die Site hat tolle Hits: Pro Woche zählt sie 10.000 und mehr Hits. – Und jetzt werden es wahrscheinlich noch mehr werden. Denn jeder geneigte Leser dieser Kolumne wird doch nun schnellstens auf http://www.hillaryshair.com linken. – Tschüß!

Internet-Muffel

mak@muc062.96.17:18

„Die Woche“ folgert aus der Verbreitung von Internet-Usern und der jeweiligen Bevölkerungsdichte, daß das Internet nur etwas für Kontaktarme ist. Die größte Verbreitung pro Einwohner hat das Net nämlich in Finnland (42 User pro tausend Einwohner), gefolgt von den USA, Norwegen, Australien, Schweden, Neuseeland und Kanada.

In Industriestaaten mit höchster Bevölkerungsdichte wie etwa Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder Japan ist die Verbreitung weit geringer: 10 Anschlüsse pro 1000 Einwohner.

„Die Woche“, bekannt für ihre Internet-Allergie, schließt daraus, daß urbane Länder genug Alternativen für Live-Kontakte und Live-Unterhaltung bieten und so das Internet nicht brauchen (und lieben). Nur vereinsamte, weit voneinander wohnende Seelen wertschätzen demnach das Net.

Wie Statistiken immer wieder täuschen können: Ein Blick auf die Telefon-Technik und vor allem auf die -Tarife in den entsprechenden Ländern hätte schnell erklärt, warum in den verschiedenen Ländern verschiedene User-Dichte existiert.

Und wie erklären sich die Abertausende von Internet-Usern und Internet-Freaks an den wohl urbansten Stellen der westlichen Welt, wo unendlich viele Kontaktmöglichkeiten bestehen: in New York etwa, oder in Los Angeles etc.?

Hardware-Effekt

mak@muc063.96.22:42

Letzter Ausläufer des Umzugsstresses vom Anfang des Jahres. Endlich ist das Bücherregal geliefert und ist jetzt über das Wochenende mit der über die Jahre gesammelten Hardware bestückt worden. Der Muskelkater ist unausweichlich.

Immer wieder, bei jedem neuen Buch, jedem neuen Magazin, jedem neuen Paper, das peu a peu seinen Platz findet, beschleicht einen das Gefühl von Verstaubtheit. Und damit ist nicht der Staub gemeint, der die Bücher ziert…

Schon bald wird man sich über Hardware-Ansammlungen wie Bücherregale (und deren ökologische Bedenklichkeit) nur noch wundern, wo man sich doch genauso gut die Werke, wenn man sie nachlesen will, online als Hypertext ins Haus holen kann. Und nur so kann man mit entwickelten Search-Tools wirklich effektiv nach bestimmten Textstellen suchen. Heute gehen dazu noch ganze Sonntag-Nachmittage drauf.

Konzeption

mak@dus064.96.12:02

Und weiter geht die Präsentations-Tour von Europe Online. In Düsseldorf erwartet uns ein besonders interessiertes, technologisch wie kaufmännisch sehr versiertes Publikum. Vor allem aus den Werbeagenturen kommen sehr kompetente Werbefachleute, die zu unserem neuen (Online-)Medium eine Menge Fragen stellen. Es macht Spaß, den Dienst und das eigene Konzept auch gegen harte Fragen gut und locker verteidigen zu können.

So wenig Zeit wir Ende letzten Jahres hatten, das deutsche Internet-Konzept von Europe Online zu entwickeln, so sehr stellt es sich jetzt als Vorteil heraus, damals keine Zeit für jedwelche Verkomplizierung zu haben. Die Konzentration auf die vier wesentlichen Vorzüge der Online-Kommunikation als Basis-Säulen von Europe Online Deutschland bewährt sich:

1. Services Hier wird in nicht allzu ferner Zukunft viel Dienstleistungs-Convenience geboten sein. Online-Banking, -Shopping, -Transaction, Home-Ticketing, Home-Brokering, Home-Booking von Reisen etc. werden dann möglich sein. So interessant das klingt wird aber wahrscheinlich die Chance, bürokratische und verwaltungstechnische Unsäglichkeiten wie Formularbestellungen, Ummeldungen, Bestellungen, Terminvereinbarung etc. per Modem die ganz große Killerapplikation der Online-Services.

2. Kommunikation Online ist das erste Medium, das sein Publikum aus der Passivität des Medienkonsums entläßt und die Möglichkeit bietet, in Chats und Foren selbst aktiv zu werden. Das ist auch der Grund, warum Online-User so wenig fernsehen – aber viel lesen. Lesen ist stets ein aktiver Vorgang, der mindestens die Investition der eigenen Phantasie bedarf. Fernsehen dagegen ist unweigerlich Passivität. Die Fernbedienung simuliert nur Pseudoaktivität, denn per Zapping kann man nur zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Passivität wählen.

3. Aktualität Die dritte besondere Qualität der Online-Kommunikation ist die Aktualität. Die überdurchschnittlichen Zuwachsraten der Hitraten in der News-Sektion beweist, daß die Nachrichten-Aktualität einen ganz besonderen Reiz für viele User ausmacht. Online ist heute in der Aktualität Radio und Fernsehen zwar noch knapp unterlegen, aber dafür hat man die freie Wahl des Moments der Aktualität, man muß nicht auf bestimmte Nachrichten-Zeitpunkte warten, sondern bekommt minutenaktuelle Aktualität in dem Moment geliefert, in der man selbst online geht. (Reload z.B. bei unserem News-Ticker nicht vergessen, sonst drohen im Cache abgelegte – überholte – alte Nachrichten!)

4. Magazine Die Entertainment-Qualität der Online-Welt gilt es hierzulande noch zu entdecken – da ist man in den USA schon viel weiter. Das Konzept, auch online auf Magazine zu setzen, bewährt sich. Die Vertrautheit eines im Print wie im TV gleich erfolgreichen Formats macht den Usern den Zugang leicht. Seit dem Umbau der Magazin-Homepage und dem Teasen des jeweils aktuellen Magazins steigen auch hier die Hitzahlen exponentiell. – Später einmal wird man zu Magazinen vielleicht Websites sagen. Vielleicht wird es aber auch anders herum sein.

Direct Marketing

mak@bon065.96.15:05

Heute macht die „Roadshow“, die Präsentations-Show von Europe Online, Traxxx und Uni-Online Stop in Bonn. Das Interesse der ansässigen Behörden hält sich in frustrierend engen Grenzen.

Immer mal wieder werden Zweifel an unserem Preismodell von Online-Werbung auf. Dabei sind wir selbst im Vergleich mit den im Print üblichen Kontakt-Tausender-Preisen absolut günstig. Zudem sind die Kontakte per Userprotokolle konkret nachweisbar und jeder Kontakt ist freiwillig, d.h. der User steuert seine Seiten selbst aktiv an – und geht nicht raus zum Bierholen, wenn Werbung kommt.

Online-Werbung gleich in seiner Art dem Direct-Marketing. Entsprechend auch die Preis-Struktur. Jeder User hat die Möglichkeit, sich per Hyperlink zu Inhalten des Kunden weiter zu klicken, wo Image, Marke und Produkte optimal dargestellt werden können

Zugegeben: noch linken nicht sehr viele User direkt auf die Inhalte der Online-Werbetreibenden. Das liegt aber in erster Linie an der bislang üblichen, wenig attraktiven Werbung in Online-Diensten. Meist fehlt es schon an der Qualität der Grafik. Es fehlt an intelligenten, kreativen Werbekonzepten (und -Inhalten). Meist wird sogar vergessen, die Werbung möglichst oft grafisch zu wechseln, um wenigstens so Aufmerksamkeit zu erzeugen. – Hier gibt es noch viel zu tun…

Go sports

mak@muc066.96.14:37

Endlich ist in den Wirren der letzten Tage auch unser neues Sport-Magazin online gegangen: „Go Sports“. Tanja Leuschner, unsere Sportredakteurin hat ein wirklich attraktives Start-Angebot an Informationen und Gimmicks zu den Themen Fußball, Tennis, Formel 1 und US-Sports geschaffen.

Web-Designer Harald Taglinger, der für Konzeption, Programmierung und Grafik verantwortlich zeichnet, hat in Go Sports erste, witzige Hot Java-Applikationen implementiert. Schade, daß bisher nur User von Windows 95 in den Genuß der neuen Programmiertechnik kommen. Alle anderen sehen nur die statischen Elemente ausgesperrt.

ISDN (1)

mak@muc067.96.21:54

Man glaubt es kaum. Nach über sechs Wochen Wartezeit (angekündigt waren „höchstens 10 Tage!“) schafft es die Telekom, endlich einen ISDN-Anschluß in meine neue Wohnung zu legen. Aber deswegen kann ich noch lange nicht telefonieren – oder gar online gehen. Es ist kein Telefon mitgeliefert. Der Techniker staunt nicht schlecht, als er auf seinen Papieren die Notiz findet, daß er das Gerät eigentlich selbst hätte mitbringen müssen.

Es wäre auch allzu überraschend gewesen, wenn bei der Telekom mal gleich beim ersten Mal etwas einwandfrei geklappt hätte.

Übrigens: Nett war er, der Techniker von der Telekom, immerhin!

ISDN (2)

mak@muc068.96.19:56

Zwei Stunden sei er quer durch die Stadt geirrt, bis er ein ISDN-Telefon aufgetrieben habe, berichtet der Telekom-Techniker stolz, als er mittags endlich ein Telefon bringt. Es ist natürlich nicht das Gerät, das bestellt ist: ohne Funkeinheit und Anrufbeantworter, aber man kann nun wenigsten wieder telefonieren. Die Zeit der Überraschungsbesuche ist vorbei, wo unsere Freunde schlicht wie in alten Zeiten vorbeikommen mußten, wenn sie uns treffen wollten.

Am Abend stellen wir dann fest, daß nur einer der gewünschten ISDN-Buchsen wirklich funktioniert. In der zweiten Buchse hängen die Kabel wirr herum. – Telekom-Service wie man ihn kennt und fürchtet.

ISDN (3)

mak@muc069.96.17:46

Am Abend werden wir stutzig. Endlich ist das Telefon da, alle Freunde sind angerufen und über die neue Telefon-Nummer informiert – aber keiner ruft uns an. Das macht vor allem am Wochenende stutzig, wenn Zeit für die sozialen Kontakte am Hörer sind. Wir bitten schließlich Freunde, mal eben schnell zurückzurufen, um die Funktionalität des Apparats zu testen. – Sie erleben nur ein Besetztzeichen, sonst nichts. – Tiefster Frust.

Nach intensiver Lektüre der Bedienungsanleitung findet sich am Ende der Broschüre nach der wortreichen Anpreisung der verschiedenster Features der Hinweis, daß man seinem ISDN-Gerät erst einmal die neue Telefon-Nummer einprogrammieren muß, bevor das Gerät funktioniert.

Ich bin nun wirklich kein Freund von Nostalgie. Aber bisher war ich es gewohnt, daß der installierende Telefon-Techniker nach der Montage des Anschlusses einen Kollegen in der Zentrale anruft und sich von ihm zurückrufen läßt, um die Funktionalität von Gerät und Verbindung zu testen. Das scheint heute nicht mehr üblich zu sein. Von wegen Dienstleistungsoffensive der Telekom!

Dr. Faustroll

mak@tzg070.96.22:07

Von Aufarbeiten alter Zeitungsausgaben lese ich vom Tode von Jan Biczycki. Er starb 64-jährig an Krebs.

Jan Biczycki war nicht wirklich berühmt. Er hat etliche tolle (Neben-)Rollen in Filmen gespielt und einige hervorragende Inszenierungen (Theater, Operette) hingelegt. Der ganz große Durchbruch ist ihm, dem Schwager von Roman Polanski leider nie gelungen.

Mich erschüttert sein Tod, weil er einer der prägenden Menschen in meinem Leben gewesen ist. Er leitete die Regie-Klasse während meines Theaterwissenschafts-Studiums. Mit ihm schrieben und inszenierten eine Gruppe von 25 Studenten über zweieinhalb Jahre hinweg eine dreistündige Revue über das Fin de siecle. Konzipiert war die Inszenierung als großes Fest samt Essen und Trinken – und das Jahrzehnte vor der Erfindung des Gastro-Theaters ala „Panem & Circenses“. (Das Stück erlebte nur die Generalprobe und die Premiere, wurde dann wegen blasphemischer Anklänge abgesetzt. Am Premieren-Abend damals war zum unpassendsten Moment der Münchner Kardinal Döpfner gestorben.)

Jan Bizcycki hat uns Studenten damals mit unbeugsamer Geduld, wahnsinnig viel Temperament und unendlicher Energie gelehrt an uns selber, unsere Talente zu glauben und er hat unendlich viele, tief verschüttete Talente in uns freigelegt: Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn je zum Autoren geworden wäre. Auf jeden Fall habe ich es ihm zu verdanken, daß ich seitdem keine Scheu habe, öffentlich aufzutreten.

Danke Jan! Und um mit den Worten unseres Lieblingsautors Alfred Jarry zu sprechen: „Schreiße! Bei meinem grünen Kerzenständer!“ Und danke, daß mir ausgerechnet diesen Autor so nahe gebracht hast. Seine Anarchie, sein Chaos und seine hybride Wissenschaftlichkeit haben mich auf alle Fälle fit für diese Welt – und diesen Job – gemacht.

Ich zitiere aus Alfred Jarry „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker.“ (Zweitausendeins): „Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte, wie sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.“ – Man lasse diesen herrlich absurden Sätze auf der Zunge zergehen: Assoziationen zu unserer Welt, seinem Chaos oder auch soziologischen Analysen des Internet drängen sich auf. Geschrieben wurden diese Zeilen vor knapp 100 Jahren, ganz knapp vor dem letzten Jahrhundertwechsel…

Zu Tode informiert

mak@muc071.96.14:29

Der Spiegel titelt heute, passend zur Cebit mit einem Internet-Titel: „D@s Netz“. 42 (Anzeigen-)starke Seiten lang wird das Internet kompetent und für Spiegel-Verhältnisse ideologie- und vorbehalts-arm abgehandelt. (Die Online-Dienste Europe Online, Compuserve oder AOL werden namentlich kaum erwähnt, warum?)

Am Schluß des Sonderteils kommt dann doch der unvermeidliche Bedenkenträger zu Wort. Einmal mehr ist es der 74-jährige Science-Fiction-Papst Stanislaw Lem, der sich neuerdings gerne als Zukunfts- und vor allem als Internet-Pessimist geriert. Ohne je schlüssig in seiner Argumentation zu sein, kommt er zu dem Schluß: „Im 21. Jahrhundert können wir uns zu Tode informieren, und den Hauptverstärker haben wir bereits im Internet entdeckt. Es ist Mamas Liebling für das große Kapital.“

Alle Klischees unsachgemäßer Angstmache und linker Medienallergie in zwei kurzen Sätzen!

Wer hat Angst vor‘m Internet?

mak@han072.96.08:57

Meine Replik auf solch Internet-Angstmache und Online-Allergie habe ich schon vor ein paar Wochen in einem Artikel formuliert, der heute in der Cebit-Beilage der „Frankfurter Allgemeinen“ unter dem Titel „Wer hat Angst vorm Internet?“ erschienen ist:

1995 war das große Jahr es Internet-Booms. Die Steigerungsraten explodierten, die Medien berichteten, alle waren begeistert. – Als Gegentrend unken jetzt in Deutschland die Bedenkenträger. Sie mäkeln am Internet herum und finden seine Bedeutung überschätzt. 1996, das Jahr der Internet-Skepsis, der Internet-Angst? – Sehr zum Nutzen der Online-Welt. Sie wird sich im lebendigen Für und Gegen endgültig als Medium etablieren.

Die Schätzungen gehen auseinander. Die eine Studie errechnet 5,2 Millionen tägliche User des Internet, eine andere 6,5 regelmäßige User. Andere Untersuchungen sprechen von 26 Millionen gelegentlichen oder 45 Millionen möglichen Usern.

Welcher Zahl man letztlich glauben will, der Boom des Internet ist unbestritten. Die Steigerungsraten variieren zwischen 100 und 1000 Prozent. Zudem ist das Internet ein Medienphänomen. Keine Zeitschrift, kein TV-Magazin, das nicht ausführlich darüber berichtet hätte. Das Internet ist der Trend der Jahre 1995/96, vielleicht auch ein Hype.

Wie jeder wirklich starke Trend, der unsere Alltagswirklichkeit (bzw. Medienwirklichkeit) nachhaltig zu verändern droht, ruft er Widerstand auf den Plan. Journalisten, die anscheinend um ihre Jobs fürchten, schreiben ein ums andere Mal Artikel über Ekligkeiten wie Kinderpornos und Rechtsradikale im Netz. Gerade so, als gäbe es das in Magazinen, die auf Papier gedruckt sind, nicht auch. Politiker glauben sich mit Rufen nach Zensur im Internet profilieren zu können. Abgesehen davon, daß sie solch eine Forderung gegenüber der Presse nie wagen würden, wissen sie sicher nicht, wie wenig eine Zensur im Internet funktionieren kann (und soll!!!).

Pädagogen warnen vor Internet-Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Psychologen warnen vor einer drohenden Vereinsamung vor dem Computer-Screen. Sie übersehen dabei, daß Internet-User überdurchschnittlich wenig fernsehen und überdurchschnittlich viel lesen. Und nach einer Untersuchung in den USA (Quelle: USA today) gelten Internet-User als besonders familienorientiert.

Marketing-Fachleute warnen davor, daß erst in vielen Jahren Geld im Netz zu verdienen sein wird. Sie raten daher zu Zurückhaltung. – Sicher sind dieses und nächstes Jahr im Internet noch keine Reichtümer zu verdienen. Wenn aber schon bald digitales Geld und sichere Geldtransaktionen möglich sind, wird sich dieser – globale – Markt unglaublich schnell entwickeln. Dann ist es sehr fatal, wenn man bis dahin keine Online-Kompetenz aufgebaut hat. Denn dann sind die Claims längst abgesteckt.

Keines dieser Bedenken gegen das Internet ist total falsch oder aus der Luft gegriffen. Aber meist fehlt diesen Vorbehalten die nötige inhaltliche und technische Kompetenz. Sie stammen fast durchweg von Internet-Illiteraten, die weder das Netz noch seine Prozesse, Gesetzmäßigkeiten oder sein Potential kennen oder verstanden haben. Daher sind solche Warnungen vor dem Internet eher von Angst denn von Wissen um die Materie geprägt.

Diese Internet-Outsider haben die (berechtigte) Angst, daß sich mit dem Internet eine Welt entwickelt, die sich ihrem Verständnis, ihrem Einfluß und ihrer Kontrolle entzieht. Das Internet macht völlig neue, schnelle Karrieren möglich. Viele Online-Spezialisten, die früher als Technik-Freaks belächelt wurden, sind heute in Firmen hochangesehen und bekommen immer mehr Kompetenzen (und finanzielle Zuwendungen). Das weckt nicht zuletzt Neid.

Vor allem aber haben sehr viele der Bedenkenträger – wohl intuitiv – bemerkt, daß viele der alten, „bewährten“ Strukturen, überkommene Abläufe und vor allem viele der üblichen Macht-Riten in der Welt globaler Vernetzung nicht mehr funktionieren werden. Das Internet mit seiner urdemokratischen Form (jeder hat die gleiche Chance) und seiner ungeheuren Beschleunigung des Informationsflusses und der -geschwindigkeit sprengt all diese Raster. Das kann Menschen, die sich in althergebrachten Systemen wohlig eingerichtet haben, nicht gefallen.

Diese Klientel wird dafür sorgen, daß 1996 dem Internet-Trend ein Internet-Haß-Trend entgegenstehen wird. Den werden Journalisten und Manager dann genüßlich auskosten – und es wird das Internet und seine Verbreitung nicht aufhalten. Im Gegenteil, es wird helfen, das Internet endgültig zu etablieren. So wie bei der Einführung der Bahn körperliche Schäden durch die Geschwindigkeit prognostiziert wurden, beim Telefon (wie jetzt beim Handy) elektronische Bestrahlung befürchtet wurde oder mit der Einführung des Fernsehens der (kulturelle) Untergang des Abendlandes beschworen wurde. Wenn sich – meist sehr schnell – herausstellt, daß all diese Befürchtungen null und nichtig waren, stärkt das nur den Trend an sich und etabliert ihn fest im gesellschaftlichen Alltag.

Daß das Internet schon sehr bald, schneller, als alle denken, normaler Alltag sein wird, dafür sorgt nicht zuletzt die junge Generation, der die interaktive und individuelle Qualität dieses Mediums perfekt entgegenkommt. Dafür sorgen auch Menschen, die der Passivität des Medienkonsums per TV und Print entkommen wollen. Dafür sorgt die einfache Handhabung des Internet von zu Hause aus. Dafür sorgen eine immer bessere, einfacher zu bedienende Technik und immer interessantere Features (Ton, Bewegung, Animation etc.) im Internet.

Angst vor dem Internet muß wirklich nicht sein. Wer sich darauf nur halbwegs offen einläßt, entdeckt sehr schnell die Vorteile und Freuden, entdeckt die Faszination globaler Vernetzung. Und wer erst einmal die kommunikativen Möglichkeiten des Internet kennengelernt hat, ist fast immer zum „Netizen“, zum Netz-Bürger, bekehrt. Wir bei „Europe Online“ nennen unsere Präsentationen intern mit gutem Grund: „Infizierung“.

Hoher Besuch

mak@muc073.96.16:45

Bundespräsident Roman Herzog besucht das Haus Burda. Ein Gespräch mit den Chefredakteuren der verschiedenen Magazinen, Online-Dienste und TV-Sendungen des Hauses Burda geben die Möglichkeit, die besondere Qualität und vor allem den offenen Horizont, die beeindruckende Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit unseres Staatsoberhauptes real zu erleben.

Es gibt zu denken, einen Menschen und seine Gedankenwelt kennenzulernen, der im tiefsten Herzen positiv an das System der repräsentativen Demokratie glaubt – und das nicht aus trockener Systemgläubigkkeit, sondern aus einer sehr realistischen Menschenkenntnis heraus.

Herzog macht in seiner Tischrede beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen Mut für die vielfältigen Online-Aktivitäten des Hauses Burda. Er hält aber nicht mit seiner Skepsis hinter dem Berg, daß seiner Meinung nach ein Mehr an Informationen noch lange nicht bessere Informationen seien.

Ich verstehe solch kritische Anregungen als hilfreiches Argument für die journalistische Ausrichtung von Europe Online. Wir müllen unsere User eben nicht mit einem ungefilterten Mehr an Informationen zu, sondern wir wählen aus, werten und unterfüttern alle News mit passenden Zusatzinformationen (aus dem Net). Wir verstehen uns so als Navigatoren in der Informationsflut. Der Newsbereich bietet dabei tagesaktuelle Navigation, die Magazine themenaktuelle Navigation.

Dienst&Leistung/ISDN (4)

mak@muc074.96.23:57

Schon beim Besuch des Bundespräsidenten war die Titelstory der aktuellen Newsweek-Ausgabe Thema: „The German Disease“. Die Beschreibung unserer wirtschaftlichen Krise mündet hier in eine wenig schmeichelhafte Analyse grundsätzlicher, gesellschaftlicher Unzulänglichkeiten des deutschen Industrie- und Wirtschafts-Systems. Am Ende des Industriezeitalters drohen wir ins Abseits zu geraten, weil wir unfähig oder unwillig sind, technologisch innovativ zu sein und/oder eine funktionierende Dienstleistungsgesellschaft zu etablieren.

Hört ein Deutscher den Begriff „Dienstleistung“ denkt er unwillkürlich an „ausländische Mitbürger“. Vielleicht ist es schon allein der Begriff „dienen“, der die Akzeptanz von „Dienstleistung“ in Deutschland so schwierig macht.

„Newsweek“ zitiert genüßlich einige besonders herbe Fälle typisch deutscher Dienstleistungs-Verhinderung wie etwa die Ladenschlußgesetze, die für amerikanische Verhältnisse wirklich der reinste Horror sind. „Newsweek“ prangert auch individuelle Beispiele aktiver Kundenfeindlichkeit an. Krassestes Beispiel: eine Verkäuferin eines mondänen Modeshops wirft eine (amerikanische) Kundin aus dem Laden, weil sie nicht brav „Guten Tag“ gesagt hatte.

Apropos Kundenfreundlichkeit: das versprochene Telefon von der Post ist immer noch nicht da, der Monteur ist auch nicht mehr aufgetaucht und hat seine Arbeit immer noch nicht zu Ende gebracht. Er ist weder telefonisch erreichbar noch reagiert er auf Faxe, in denen er an die Mängel erinnert wird. (Eine Fortsetzung der never ending story namens „Telekom“ folgt garantiert)

Bye, bye Liz!

mak@muc075.96.11:12

Unsere Redaktionssekretärin Liz Dirgins hat Ihren letzten Arbeitstag. Sie zieht es in Ihre zweite Heimat, nach Amerika, genauer gesagt nach Washington. – Schön für sie, schade für uns.

Ihre stets prächtige Laune und ihre effektive und unaufwendige Art Probleme aus dem Weg zu räumen oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, hat uns in der harten, stressigen Startphase extrem geholfen.

Egoistisch besehen: für uns ein Stück Lebensqualität weniger. Altruistisch gedacht: Viel Glück Liz, und alles Gute! – See ya, hear ya, mail ya…

Diskurs-Techno

mak@muc076.96.01:54

Die taz hat in der gestrigen Ausgabe einen völlig neuen Begriff geprägt: „Diskurs-Techno“. Anlaß waren zwei CDs mit Techno- und Ambient-Klängen mit und zur Ehre des im letzten Jahr verstorbenen Philosophen Gilles Deleuze.

Der Begriff klingt fürchterlich, bringt aber die Entwicklung digitaler Sampling-Musik in der Erbverwaltung von Techno ganz gut auf den Punkt. Von einer reinen, sehr repetitiven Tanz-Animation hat sie sich längst zu einem weit ausdifferenzierten Musik-Genre ausgewachsen, das auch weites, komplexe musikalische Erzählstrukturen wagt.

So entstand ein Genre, das noch auf einen passenden Terminus wartet. Die Begriffsverwirrung dokumentiert sich sehr eindrucksvoll in den Plattenläden. Jeder subsummiert die einschlägigen Platten unter verschiedenen Begriffen. Die einen katalogisieren ihre Cds unter Techno, andere unter Dance oder unter House, unter Ambient, unter Black & Dance oder Elektronik. Ich habe auch schon unter New Age, Jazz oder (besser!) Ambient Jazz CDs mit (reichlich un-jazzigen) digitalen Sounds gefunden.

Mein Vorschlag: der Begriff „Sampling“. Unter ihm passen alle digital produzierten Musikwerke, von härtesten Tanzrhythmen bis zu meditativen Klanglandschaften.

Aktueller Anlaß dieses Tagebucheintrages sind meine dieses Wochenende bevorzugten CDs. Die neuesten Releases von „System 7“, von „Bionaut“ und „Underworld“.

Colors Online

mak@muc077.96.08:57

Und wieder geht ein neues Online-Magazin von Europe Online Deutschland auf’s Netz: „Colors Online“. Die Online-Version des von Oliviero Toscani für Benetton konzipierten Magazins, ist im ersten, schnellen Entwurf in zwei Sprachen umgesetzt: Deutsch und Englisch. Die nächste Ausgabe (im Mai) wird auch in Italienisch sein. (Französisch und Spanisch folgen später.) Colors Online ist nicht nur deshalb ein wahrhaft europäisches Produkt. Produziert wird es als Magazin in Paris und Treviso (Italien), online gebracht von Christian Mießner in München.

Thema der ersten Ausgabe: „War/Krieg“. Kein leichter Stoff. Colors hat zu dem Thema eine Menge eindringlicher Dokumente und Fotos zusammengetragen und wirklich starke Stories und Ideen zu dem Thema entwickelt. Es war nicht leicht, die optische Kraft online adäquat umzusetzen. Wir haben uns für einen Mittelweg von optimaler Wirkung und aushaltbaren Ladezeiten entscheiden.

Die erste Ausgabe ist weitgehend eine 1:1-Umsetzung des Print-Magazins. Wir haben noch einige Stories ergänzt, bringen aktuelle „Kriegs-Nachrichten“ von den verschiedenen Krisenherden und Kriegsschauplätzen dieser Welt und haben einen eigenen Chatraum für Colors-User eingerichtet. Er soll möglichst bald ein internationaler Treffpunkt junger, engagierter Menschen werden.

Für die nächsten Ausgaben werden eigene Online-Stories entwickelt werden, die dann die gedruckte Ausgabe optimal ergänzen.

Wir sind sehr stolz, solch ein hochqualitatives und attraktives Magazin online bringen zu dürfen. – Just click for Colors!

Internet-Kosten

mak@muc078.96.10:22

Das Internet kostet Geld. Die User ebenso wie die Produzenten von Websites. Forester Research in Cambridge (Mass.) haben die durchschnittlichen Preise für Websites in den USA ermittelt. Eine normale Website für Promotionszwecke kostete 1995 demnach durchschnittlich 206.000 $ im Jahr. Eine Site mit Content, also zum Beispiel Magazine, News-Sites etc. kam auf ca. 893.000 $ pro Jahr. Am teuersten war es, wenn man im Web Transactions, also Shopping, Banking oder Pay per Click bieten wollte. Dafür mußte man 1995 2,8 Millionen $ pro Jahr rechnen.

Forester Research rechnet aufgrund der steigenden Nachfrage nach Websites und des steigenden Verkehrs im Internet mit rapide steigenden Kosten. Promotion-Sites werden sich nach Schätzungen von Forester Research bis 1997 im Preis rund verdreifachen, auf ca. 681.000 $ pro Site und Jahr. Content-Sites werden 1997 rund doppelt so teuer sein wie 1995: 1,8 Millionen $ pro Jahr. Transaction-Sites werden sich pro Site und Jahr auf 4,2 Millionen $ steigern.

Diesen fulminant steigenden Kosten stehen natürlich 1997 auch erheblich höhere mögliche Einkünfte gegenüber. Bis dann wird es e-cash geben, wird das Internet sicher für Geldverkehr werden und bis dahin dürfte auch genug intelligente Software entwickelt sein, die brauchbare Einkünfte aus Content-Providing und Werbung möglich machen.

Internet-TV

mak@muc079.96.14:47

In den Vereinigten Staaten startet im April die erste TV-Serie zum Thema „Internet“, Titel: „Live in the Internet“. In 13 aufeinanderfolgenden Dokumentarfilmen wird gezeigt, wie das Internet von verschiedenen Menschen genutzt wird und wie sich ihr Leben dadurch verändert (hat). Gesendet wird die Filmreihe im Public Broadcasting System, Sponsor der Serie ist Sun-Microsystems.

Mal sehen, wann sich eine TV-Anstalt in Deutschland bequemt, diese Sendung zu übernehmen oder etwas Ähnliches selbst zu entwickeln.

Wir warten inzwischen auf die Idee einer ersten Reality-Soap-Opera zum Thema Internet. Arbeitstitel in Deutschland: „Gute Zeiten, digitale Zeiten…“.

2 Responses to “Europe Online – Digitales Tagebuch 3-1996”


  1. […] Weiter geht es mit dem Digitalen Tagebuch 3-1996. […]


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