Sächsische Stimmungen

16. Januar 2015

Pegida und die Folgen: Entrüstung und Ratlosigkeit

Jeden Montag protestieren mehr Menschen in Dresden gegen die Islamisierung Deutschlands. Ebenso absurd wie verwerflich, sich dabei mit den schmutzigen Randgestalten des rechten Sumpfs gemein (in des Wortes Bedeutung) zu machen. Die Entrüstung darüber ist ebenso richtig wie angebracht. Ebenso die Gegendemonstrationen, die glaubwürdig zeigen, dass die große Mehrheit der politisch aktiven Deutschen anders denkt.

CSUnixAber damit ist es nicht getan. Denn Pegida ist mehr. An der sonderlichen Thematik der vermeintlichen Islamisierung hat sich ein generelles Unwohlsein von unpolitischen Menschen herauskristallisiert. Man muss sich nur die ebenso konfusen wie diffusen Slogans der Protestplakate ansehen und die Aussagen der mehrheitlich brav bürgerlichen Demonstranten anhören, um zu ahnen, dass es hier um eine krude Mischung aus Frust, Ohnmacht, Selbstmitleid und missverstandener Politik handelt.

Der Protest der Nichtwähler

Mal die kleine Gruppe der Pegida-Trittbrettfahrer, der NPDler, dem anderen rechten Gesocks, der AfDler und anderer Weltverschwörungs-Dilettanten außer acht gelassen. Mich treibt die breite Masse der Demonstranten um, die jeden Montag die Zahl der Teilnehmer um weitere Tausende vergrößert. Das sieht mir in seiner Ungelenkheit und Verstocktheit wie die erste große (Polit-)Demo non Nichtwählern aus. Sie sehen in der Pegida – endlich – die Möglichkeit, ihrem Frust und ihren Ängsten öffentlichkeitswirksam Ausdruck zu geben. Sie wollen auch mal samt ihren unbeholfenen bis kruden Meinungen wahrgenommen werden. Und dafür nehmen sie sogar den unsinnigen Themenrahmen der Islamisierung in Kauf.

Und je mehr Zulauf Pegida hat, umso mehr wird das zu einem Kameradschaftstreffen der besonderen Art. Man fühlt sich in der Masse wohl. Man fühlt sich in seinem Unwohlsein nicht mehr allein, sondern aufgehoben in einer riesigen, angenehm diffusen Wolke des Dagegenseins. In ihr wird Selbstmitleid zur stolzen Haltung. Wird Ohnmacht zu Macht. Wird Frust zum Triumph des kleinen Mannes. Und jeder Gegendemonstrant, jede hämische Kritik in der Presse, jedes Widerwort stärkt den eigenen verstockten Stolz.

Die APO des 21. Jahrhunderts

Wer erinnert sich heute noch wirklich an die – heute so glorifizierten – 60er-Jahre und ihre Studentenproteste? Und wer ist heute ehrlich genug zuzugeben, dass ein Teil des Erfolges dieser Demos auch eine ähnliche Verschworenheit des Dagegenseins war? Ich erinnere mich, dass ich mich immer sehr wunderte, wer da alles irgendwann auf den Demos mitlief. Kommilitonen, von denen man noch nie eine politische Äußerung gehört hatte. Schulfreunde, die eher politisch wurstig waren, demonstrieren aber geil und schick fanden. (Auch wegen der Mädels.)

Der große Unterschied war, dass damals das große Ziel die Demokratisierung der Bundesrepublik war – und das Ende der verschwörerischen Macht der alten braunen Seilschaften. – Ich könnte mir vorzustellen, dass sich die Pegida-Kohorte auch stolz als Speerspitze gegen Seilschaften fühlt, seien sie rote, grüne, pinke oder regenbogenfarbene Seilschaften. Nur fehlt ihnen jedes seriöse und nachvollziehbar politische Ziel. Das lässt einen so ratlos vor diesem Phänomen – und macht so wütend.

Die Vorhut einer großen Unwohlsein-Bewegung

Ich denke nicht, dass Pegida & Co. eine große Zukunft haben. Zu eindeutig beziehen vernünftige Menschen dagegen Stellung. Aber ich habe die Befürchtung, dass das nur die Vorhut ist. Es gibt einfach zu viele Menschen, die angesichts einer sich unbarmherzig beschleunigenden Welt und einer immer weiter diffundierenden Gesellschaft eine tiefe Ratlosigkeit, Perspektivlosigkeit und Desorientierung spüren. Was ist, wenn es bei denen zu einer Art politischen Übersprungshandlung kommt?

Ich denke da an die Väter, die die Kränkung des Autoritätsverlustes verdauen müssen, wenn sie sich von ihren Kindern das Handy konfigurieren lassen zu müssen. Ich denke an die überbetreuenden Mütter, die bald an der lauthalsen Undankbarkeit ihrer Kinder werden knabbern müssen. Ich denke an die vielen Menschen, die schon heute im Zuge von Digitalisierung und Rentabilität Angst um ihren vermeintlich sicheren Job haben. Ich denke an die vielen Jugendlichen, die ihre übergroßen, unrealistischen Träume von Ruhm, Geld und Anerkennung schmerzhaft verlieren werden. Ich denke an die vielen älteren Menschen, die beim Rentenkollaps unversehens Armut  erleben werden, und wenn es nur eine gefühlte Armut ist.

Ein unendliches Arsenal an Frustbewegten

Das Arsenal an möglichen Frustbewegten ist ebenso absehbar wie riesengroß. Denken wir an die Opfer unserer narzisstischen Gesellschaft, die jedes eigene Versagen auf alle Fälle der bösen Gesellschaft und/oder der Politik in die Schuhe schieben werden. Denken wir an die Menschen, die nach dem Verlust aller Orientierungspunkte, die die Gesellschaft uns bisher gab: Familie, Werte, Regeln, Religionen, Autoritäten – in einer diffusen, sich kontinuierlich selbst verstärkenden Leere herumirren. Denken wir an die schwer verbitterten Opfer von Depressionen, die keine Hilfe und kein Verständnis erleben. – Die Liste ließe sich beliebig verlängern…

Diese unangenehme Vision lässt mich unbehaglich werden, wenn ich auf den Gegendemonstrationen gegen Pegida Ansätze von Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit entdecke. Wenn ich in den sozialen Netzwerken starke Meinungskraft aber wenig Nachdenklichkeit erlebe. Wenn ich erlebe, dass man das Frustproblem anderer mit seiner eigenen stolzen Haltung zu widerlegen glaubt. Es ist zu einfach, sich über die Einfaltigkeit und ja, auch Dummheit der Pegida-Demonstranten zu entrüsten – oder sogar darüber abzulachen. Es geht keinesfalls darum, Verständnis zu zeigen für deren schmollende Entrüstung und deren unsensiblen Umgang mit rechtem Gedankengut und rechten Parolen. Aber die Problemlage wird dadurch nicht entschärft.

Politik ist mehr als schicke Veranstaltungen

Politik ist mehr als nur mal auf eine Demo zu gehen. Es geht darum, die Ursachen für die absehbare Frustration breiter Teile der Gesellschaft abzustellen. Bei einigen Themen wäre das vergleichsweise einfach. Aber welche Partei bietet – bitteschön – ein Rentenkonzept, das den demographischen Realitäten der Zukunft wirklich Rechnung (in des Wortes Bedeutung) trägt. Wo sind die Konzepte, den Jugendlichen faire Chancen für einen Weg in eine Berufswelt zu geben, die sowieso sehr lange dauern wird und unendlich viele Wendungen erfahren wird. (Und wie sieht eine Schulbildung dafür aus?)

Wo ist ein sinnvolles Konzept, unsere Gesellschaft fit zu machen für die Disruptionen unserer digitalen Welt? Wie sieht eine sinnvolle Agenda gegen die neue Volkskrankheit „Depression“ aus? Wo sind die Menschen, es müssen ja keine Politiker sein, die Orientierung und einen Wertekanon glaubhaft vorleben? Ein Gauck alleine reicht da nicht. – Und warum werden so sinnvolle Ideen wie eine Grundrente, die viele der Probleme der Existenzangst, der sozialen Kränkung und der Behördenwillkür lindern könnten, einfach negiert?

Wir brauchen Politiker, die wirklich effektiv handeln. Bürgerzentriert und lobbyimmun. Wir brauchen den Mut zu neuen Konzepten statt der üblichen Rücksichtnahme auf vermeintliche Wählerwünsche. Denn so wird das Gros der Nichtwähler immer größer – und zurecht. Und wehe wenn diese die Mehrheit haben. Da ist Pegida nur der Vorgeschmack. In Liliput-Format.

Und wir brauchen eine Medienlandschaft, die auch mal Mut gibt. Die nicht nur Panik schürt und Hysterien befeuert. So dumm wie der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist. Wäre da Panik-Presse oder Hysterie-Medien auf den Protestplakaten gestanden, wer hätte da dagegen argumentieren können?

Und wir brauchen eine stolze Gelassenheit. Nur so können wir entspannt und konzentriert Probleme angehen. Wie dies aussehen könnte, habe ich ja erst vor Kurzem beschrieben in meinem Artikel zur „Adriatischen Stimmung“.

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