Macht doch was!

4. Juni 2014

Wie Machtinteressen unsere Zukunft bestimmen

Ich bin in einer Kleinfamilie aufgewachsen, in der die Machtfrage geklärt war. Papa verdiente das Geld, war politisch tätig. Er war intelligent und war extrem gut darin, die Welt mit viel Wissen und Toleranz zu erklären. (Das habe ich von ihm geerbt. – – – Das mit dem Erklären, meine ich…) Aber er war total unpraktisch – und an Macht offensichtlich wenig interessiert.

BonnEntsprechend hatte bei uns zuhause Mama das Sagen. In Sachen Finanzen und Organisation allemal. Zu Auseinandersetzungen kam es eher selten. Meine Mutter war klug genug – und liebte ihren um 17 Jahre älteren Mann genug, um ihn nach außen immer gut aussehen zu lassen. Bella Figura war wichtig. Nicht nur, weil meine Eltern schwer italophil waren, sondern auch katholisch. Und da war es bei aller Sündvermeidung doch auch sehr wichtig, das auch nach außen zu zeigen. Bis hin zum Pharisäertum.

Kein Weg nach Bonn

Nur einmal in dem von mir beobachteten Leben stellte mein Vater die Machtfrage. Er war gefragt worden, ob er nicht auf der Liste der CSU (sic!) für die Bundestagswahl kandidieren wolle. Auf einem Listenplatz ganz weit unten. Aber bei den Wahlergebnissen der CSU in den 60er-Jahren befürchtete meine Mutter das Schlimmste: nämlich einen Bundestagsabgeordneten im Haus – oder schlimmer: in Bonn.

Da ging es eine Zeit lang bei uns zuhause hoch her. Irgendwann drohte meine Mutter sogar mit Scheidung. Eine für Katholiken wirklich ultimative (und eigentlich unmögliche) Drohung. Irgendwie hatte Bonn wohl damals keinen besonders guten Ruf. Bald nach dieser Drohung versandeten jedenfalls die politischen Ambitionen meines Vaters.

Da mein Vater früh starb, blieb ich das einzige und zentrale Opfer der Machtselbstverständlichkeit meiner Mutter (die sie von ihrer dominanten Mutter geerbt haben musste). Entsprechend hoch, konfliktgeladen und leider auch sehr lieblos ging es dann für mehrere Jahre zwischen uns her, als ich mit 17, 18, 19 aufbegehrte. (Das geschah einst später als heute. Volljährig war man ja auch erst mit 21.)

Die Machtfrage haben wir zwischen uns nie klären können. Ein schwerer Schlaganfall machte diese Frage schließlich irrelevant. Dann war nicht mehr Konflikt angesagt, sondern möglichst liebevolle Pflege.

Hierarchien müssen gepflegt werden

Entsprechend wenig machtbegabt bin ich gewesen. Das hat mich im Beruf so manche Karrierechance gekostet, dafür habe ich aber meist in gutem Arbeitsklima arbeiten können. Kooperation und Respekt bringen halt mehr zustande als Aggression und Hahnenkämpfe. Aber das sieht halt nicht jeder so. Als wir kurz vor dem Start von Europe Online jeder 12 bis 14 Stunden arbeiteten und unsere Büros bis in die tiefe Nacht hell erleuchtet blieben, bekam ich von höchster Stelle den dringenden Hinweis: „Sie müssen Ihre Leute härter anpacken.“

Ich verstand diesen Wink damals einfach nicht. Aber in einem Machtsystem, das auf formellen Hierarchien aufgebaut ist, darf keiner aus der Reihe tanzen. – Genau das ist bis heute das Problem der etablierten Medienhäuser – egal wie modern und digital sie sich geben. Sie meinen, ihre hierarchischen Methoden und ihre Machtpositionen nicht aufgeben zu dürfen. Wahrscheinlich können Sie es auch nicht. Vor allem aber wollen sie es nicht. Es ist viel von einem Menschen verlangt, der sich in solch einem System mühsam nach oben gekämpft hat, oben angelangt dann freiwillig auf alle Privilegien verzichten zu sollen.

Jede Veränderung ist ein Risiko

Und Machtmenschen wollen ihre Macht auch gar nicht abgeben. Dazu ist sie wohl zu schön. (Habe ich mir sagen lassen.) Die Kleingeister unter den Mächtigen klammern sich an die Macht und ihre Privilegien – irgendwie wollen sie es unbeschadet bis in die Verrentung schaffen. Dass sie ein System dabei offenen Auges gegen die Wand fahren, ist ihnen egal. Hauptsache sie springen vor der Klippe vom in den Abgrund rasenden Wagen noch rechtzeitig ab. Was nach ihrem Abgang passiert, interessiert sie nicht. James Dean lässt grüßen.

Diejenigen aber, die wirklich mächtig sind, nutzen ihre Macht skrupellos, vorrangig dazu, um ihre Macht für sich und Ihresgleichen zu erhalten und zu zementieren. Das heißt für sie, möglichst viel Veränderung und Innovation zu fordern und zugleich dafür zu sorgen, dass möglichst wenig davon Realität wird. Denn jede Veränderung, jede Innovation, jeder Evolutionssprung ist für sie eine reelle Bedrohung. Denn danach könnten die Karten (der Macht) ja neu gemischt und man selbst nicht unter den Gewinnern sein.

Die Gefahr der digitalen Macht-Erosion

Wer sich heute wundert, was in unserer Welt gerade los ist, ob in Russland, in China, in den USA oder hierzulande. Wer sich über die skrupellose Ignoranz beim Thema NSA, Überwachung und Bürgerrechte wundert. Wer sich fragt, wie plötzlich in Ost wie West die alten Militarisierungsreflexe wieder ausbrechen können. Wer sich fragt, was denn auf einmal mit der Freiheit und Mitsprache versprechenden digitalen Welt passiert. Sie alle haben nicht verstanden, dass gerade mit allen, wirklich allen Mitteln versucht wird, das überkommene Machtverhältnis zu erhalten bzw. wieder herzustellen.

Die politische Klasse hat inzwischen überall in der Welt realisiert, wie sehr neue basisdemokratische und partizipatorische Optionen, die das Internet samt Social Media bietet, ihre Macht zu erodieren drohen. Daher sind die Herren Politiker nur allzu sehr bereit, dem wahren Mächtigen, der auch um seine Macht Sorge hat, brav zu Diensten zu sein: dem großen Geld. Den großen Besitzenden der Welt sind die Newcomer einer neuen Weltordnung längst ein Dorn im Auge: Google, Facebook & Co.

Freiräume werden kleiner – und virtuell

Daher die Angriffe auf diese Newcomer im Bund der Mächtigen. Das sind Drohungen, die dafür sorgen sollen, dass sie im Orchester der Macht brav mitzuspielen beginnen – und nicht auf die Idee kommen, die Macht nach unten verteilen zu wollen. Fast hat man den Eindruck, dass diese Drohungen in Richtung der Newcomer schon gefruchtet haben.

Wie gesagt, ich habe von Macht nur beschränkt Ahnung. Aber wenn man am eigenen Leib spürt, wie Freiräume kleiner werden und eher nur noch virtuell sind, wenn man realisiert, wie Freiheiten beschnitten werden, dann kann das nicht von ungefähr kommen. „Cui bono“ habe ich einst im Lateinunterricht gelernt: Wer hat davon einen Vorteil? Und es ist ziemlich klar, dass das nicht wir kleinen Allerwelts-User des Internets sind. – Wie gesagt: Wenn ich etwas von meinem Vater gelernt habe, dann das Talent, die Welt zu erklären. Jetzt müsste ich nur noch lernen, Macht gegen die Mächtigen zu organisieren…

Advertisements

3 Responses to “Macht doch was!”

  1. alphachamber Says:

    Für einen Menschen mit guter Karriere und background vertreten Sie eine erschreckend perzeptive gesellschaftliche Denkweise:
    Ist der niedrigste gemeinsame Nenner für Sie der Standard einer ethischen Gemeinschaft? Gibt es nur eine „schlechte“ Macht und eine „gute“ Mittelmäßigkeit?

    „…Denn jede Veränderung, jede Innovation, jeder Evolutionssprung ist für sie eine reelle Bedrohung…“ Dieser Satz ergibt weder philosophisch noch logisch einen Sinn.

    Wer, denken Sie hat denn die Menschen aus Ihren Höhlen gezogen und auf immer höhere kulturelle und industrielle Ebenen gehoben; wer waren denn die Demütigen, Bescheidenen, Gefühlvollen, Mitläufer und „Team-player“ denen wir unsere menschlichen Fortschritte verdanken?:-)

    • konitzer Says:

      Es waren sicher nicht die Mächtigen, die die Evolution voran getrieben haben. Im Gegenteil.

      • alphachamber Says:

        Für die ‚Evolution‘ sorgt die Natur (oder Gott, wenn Sie Gläubiger sind), jedenfalls nicht der Mensch – soweit ich die Wissenschaft begriffen habe. Den ‚Fortschritt‘ jedoch betreiben Menschen – und welche, das haben Sie immer noch nicht beantwortet.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: