Scheiternde Neubauten

12. Januar 2013

Desaster passieren überall

Ein gängiger Bauherrenscherz geht so:
„Baue dein erstes Haus für deinen Feind. 
Baue dein zweites Haus für einen Freund. 
Baue erst das dritte Haus für dich.“

Fragt sich, wer der Feind von Wowereit ist…

Es ist wirklich leicht, sich über das Desaster am neuen Flughafen BER aka Willy Brandt Airport lustig zu machen (das hat Willy wirklich nicht verdient!). Häme-Artikel und Beschuldigungen schreiben sich hier wie von selbst. Vor allem, weil Wowereit wirklich ein solch vorbildlicher Sündenbock ist. Uneinsichtig. Ohne einen Deut von Bedauern. Ohne jedes Gran an Selbstkritik.

800px-BER_Terminal_innen_2011

Wer kennt sie nicht, die vielen unbekannten Desaster der Berufswelt. Nicht jede Baustelle wird so prominent wie der Flughafen Berlin Brandenburg

Aber mal ehrlich, erinnert das Desaster nicht haarklein an Projekte, deren Desaster man selbst mal miterleben durfte. Mit all der Systematik des Scheiterns und der Planmäßigkeit des Irrsinns, die man jetzt aus den Prüfberichten in Berlin erfährt. (Und da wird noch viel folgen, da bin ich sicher.) Nur ging es in diesen Fällen glücklicherweise nicht um Abermilliarden von Steuergeldern, sondern um kleiner dimensionierte, privat finanzierte Projekte, deren Scheitern man unter den Teppich kehren konnte, weil es ja die Karrieren der Beteiligten zu schonen galt.

Erstens kommt es anders…

Ich weiß von großen Bauvorhaben von Weltunternehmen, in denen die Baukosten auch völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Ich kenne ein berühmtes Gebäude aus privater Hand, in dem mittendrin tragende Wände  herausgerissen werden mussten, weil sie völlig falsch platziert waren. Aber davon erfuhr keiner – und danach gewann der Bau reihenweise Preise und wird hochgelobt. Dass er an etlichen Stellen immer wieder leckt, fällt da nicht ins Gewicht.

Wer jemals selbst gebaut hat, weiß, dass es den perfekten Bau nicht geben kann. Es gibt unausweichlich Fehler, Missverständnisse, miese Laune, Inkompetenz und sonderbare Eigendynamiken, die zu kuriosen Ergebnissen führen. Und dann natürlich gibt es einfach Pfusch. Dass ein Bau am Schluss so ausschaut, wie es sich ein Bauherr anfangs ausgedacht hat, ist definitiv ausgeschlossen.

Jeder, der selbst einmal größere Projekte gemanagt hat, weiß nur zu gut, wie so etwas aus dem Ruder laufen kann: Man hat vielleicht zunächst einen schönen Plan, im besten Fall ohne allzu viele faule Kompromisse. Aber kaum ist dieser verabschiedet und das Projekt kommt ins Laufen, gibt es neue Anforderungen, neue Ideen – und spätestens nach einem halben Jahr massive Änderungswünsche. Es kommen neue Manager mit anderen Vorstellungen, Budgets werden kleiner und die Ansprüche größer. Und der schlimmste Effekt von allen: Wenn der Traum zur Wirklichkeit schrumpft. (Zitat: Karl Kraus)

Einflüsterungen von oben

Solche Entwicklungen passieren immer und überall, wenn man nicht aufpasst. Nicht nur beim Bau von Flughäfen, Bahnhöfen oder (Elb-)Philharmonien. Das passiert auch bei IT-Projekten, bei Software-Programmierungen, bei Produktentwicklungen und Web-Projekten. Überall dort, wo oben schlecht gemanagt wird. Wo Eitelkeiten über Sachverstand und Anspruchsdenken über Rationalität siegen.

Aber was tun, wenn ein eigentlich gut geplantes Projekt auf dem langen Weg zur Umsetzung immer größer, immer widersprüchlicher und immer absurder wird? Dann beginnt im schlimmsten Fall die Zeit der Anpassler, die jeden Irrsinn irgendwie umsetzen, bis sie ein Projekt bis zur Dysfunktionalität treiben. (Von den explodierenden Kosten ganz zu schweigen.) Ich habe erlebt, wie große Webprojekte nach Fertigstellung wieder eingestampft wurden, weil sie hohen Herren, die sie einst beschlossen hatten, nicht mehr gefallen haben. (Weil ihnen von „Beratern“ im Projektverlauf unrealistische Erwartungen eingeimpft worden waren.) Ich habe in Projekten über lange Monate hinweg teuer Funktionalität vortäuschen müssen, weil Entscheidungen über notwendige Software nicht richtlinienkonform (EU!) getroffen worden waren und Ausschreibungen wiederholt werden mussten.

Die ganz normale Obstruktion

Die Kostenfrage ist ein weiteres Feld möglicher Desaster. Es ist doch inzwischen (fast) überall so, dass nicht der beauftragt wird, der einen Job am besten (und wahrscheinlich effektivsten) bewältigen kann, sondern wer am günstigsten anbietet. Seriöse Firmen müssen dafür Kompromisse eingehen, die von Anfang an Bauchschmerzen bereiten und schlussendlich eine optimale Bauabwicklung (finanziell und baulich) verhindern. Weniger seriöse Firmen bieten ohne Rücksicht auf Verluste billig an und holen ihr Geld dann bei den Kosten für Material und Arbeitskräfte wieder herein. Das führt unweigerlich zu Pfusch. Durch mieses Material, durch bedingt kompetente Arbeiter, vor allem aber eine durchgängig miese Stimmung der Ausführenden. Das führt zu passivem Widerstand (Minimum), exzessiver Wurstigkeit bis hin zu gezielter Obstruktion.

Am Ende sind es meist die ganz einfachen Arbeiter, die angeheuerten Programmierer, ja Hilfskräfte, die den Planungsirrsinn und das Managementversagen ausbaden müssen. Von ihnen wird verlangt, dass jetzt endlich was vorwärts geht. Und dann wird halt der sündteure schwarze Stein, der eigentlich fürs repräsentative Foyer geplant war, als Pflastersteine in der Garagenabfahrt verlegt. (Wie in einem Nobelprojekt in München passiert.) Aber der beanstandete Steinhaufen ist erst mal weg. Und in ähnlicher Logik dürften in Berlin Hunderte von Bäumen sinnfrei irgendwohin verpflanzt worden sein, weil sie sonst eingegangen wären. Und so wird in einer eigentlich gelungenen Website der Log in oder der Buy Button, über den keiner im Management so recht nachgedacht hatte, am Ende so schlecht programmiert, dass die Site gar nicht funktionieren kann.

Viele kleine Wowereits

Ich persönlich hatte in den meisten Fällen das Glück, entweder so wenig Zeit bei der Umsetzung von neuen Projekten  – Münchner Stadtzeitung – WIENER – Europe Online – zu haben, dass gar kein Umweg gegangen werden konnte und Wunschextravaganzen sich aufgrund von Zeitnot verboten hatten. Und ich hatte das Glück, mit diesen Projekten so sehr Neuland zu betreten, dass stets die paradoxe Situation herrschte, dass unausweichlich Fehler passieren mussten aber nicht als solche wahrgenommen wurden, weil es noch keinerlei Erfahrungswerte gab. Ich habe es im Fall der Münchner Stadtzeitung mal so formuliert: Wir haben alle Fehler gemacht, die wir machen konnten. Aber immer zur genau richtigen Zeit. Und wir haben daraus gelernt. Unsere Leser liebten uns dafür, weil sie sahen und erlebten, wie etwas entstand, mit ihnen zusammen.

Solch Freiräume gibt es nur selten. Beim Bau von Großprojekten schon gar nicht. Aber dennoch gilt hier – wie überall: Je weniger authentisch etwas ist, desto eher wird es scheitern. Ein Projekt, und sei es ein Flughafen, dessen Kosten unehrlich kleingerechnet werden, weil man ihn nur so durchzusetzen zu können meint, ist eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Ein Projekt, das nicht im offenen, ehrlichen Dialog mit allen Beteiligten durchgeführt wird, kann nicht gelingen.

Abgehobene Vorstände, die hierarchisch apodiktisch Projekte zur Selbstbeweihräucherung aufsetzen; eitle Manager, die Produkte selbstverliebt am Markt vorbei entwickeln; Marketeers, die Kunden für dumm verkaufen, sie alle sollten nicht über Berlin Brandenburg schimpfen. Sie alle sind auch kleine Wowereits. – Nur fallen sie nicht so für alle sichtbar auf die Schnauze. Aber Einsicht, Bedauern, Selbstkritk? Selten bis nie.

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