Prokrastination vs. Evolution

5. Januar 2013

Das Ende des Produktivitätszeitalters

Will die Arbeit heute nicht recht von der Hand gehen? Zu viel Zeit bei Facebook verplempert? Waren irgendwelche Sites im weiten, weltweiten Netz wieder mal so viel interessanter als die Aufgaben direkt vor der eigenen Nase? War heute wieder mal so ein Tag, wo die Muse anderswo tätig war – und sie nicht zu Besuch in den eigenen vier Wänden gekommen ist? Kurz: Heute wieder nichts zum Bruttosozialprodukt beigetragen? – Kein Problem: Kevin Kelly, Gegenwartsanalytiker und talentierter Zukunfts-Spürhund (und Ex-Chefredakteur von „WIRED“) hat gerade  auf seiner Website „The Technium“ das Ende des Produktivitäts-Zeitalters ausgerufen.

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Alexei Gregorjewitsch Stachanow, der russische Held der Arbeitsproduktivität. Übererfüllte sein Arbeitssoll als Bergmann 1935 um 1.457 %.

Die Herleitung dieser ebenso mutigen wie inspirierenden These ist ein wenig gewagt: Warum wählen Menschen in Armutsregionen, vor die Wahl gestellt, ob sie lieber eine Toilette mit Wasserspülung oder ein Handy wollen, stets lieber das Mobil-Telefon mit seinen Möglichkeiten der Vernetzung zu seinen Nächsten und dem Internet. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass eine Toilette ohne zugehöriger Kanalisation wenig Sinn macht. – Aber dieses Fakt mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Ein Kommunikationsnetzwerk macht erst mal sicher mehr Sinn als ein Netzwerk von Abwasserrohren. Die Nutzungsoptionen und das Momentum sind so viel größer, ebenso die Nutzungsdauer…

„Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen“

Erfrischend ist die These allemal als Gegenpol zum Sofortvollzugs-Mantra, das mir meine Mutter jedenfalls von frühesten Jahren an mit auf den Weg gab: „Was du heute kannst besorgen – das verschiebe nicht auf morgen!“ Wie wacklig dieses Arbeitsbewältigungs-Prinzip ist, erlebt jeder, wenn er erst mal längere Zeit am Stück in Urlaub gewesen ist. So viele Anfragen, Projekte und Probleme erledigen sich von selbst, geht erst ein wenig Zeit ins Land. Gerade die dringlichst formulierten Dinge scheinen die geringste Halbwertszeit zu haben. Ein „Das-kann-warten“ ist nicht die schlechteste Art, Prioritäten zu setzen.

Prokrastination nennt man heutzutage gerne das planmäßige Verschieben von Arbeit. Wie jedes chronische Leiden hat es seinen Wortursprung im Lateinischen. „Pro“ = für und „cras“ = morgen. So gesehen ist Prokrastination also eine (krankhafte?) Vermorgentlichung, auch „Verschieberitis“ genannt. Ich selbst war in meinen Studentenzeiten sehr gut darin, diese Malaise zu pflegen und zu hegen. Vor allem in der sich mit Betriebsamkeit tarnenden Variante, immer unwichtigere, angenehmere Dinge in der Prioritätenliste nach vorne zu schieben und die unangenehmeren – oder weniger lukrativeren Jobs, wenn es ums Geld verdienen ging, hintan zu stellen.

Selbstmitleid mit (Liebes-)Entzugserscheinungen

Ich habe diese Krankheit zunächst recht wirksam damit geheilt, dass ich mir derart stressige Jobs mit solch unverrückbaren Deadlines gesetzt habe, dass ich gar keine Zeit – und Gelegenheit – mehr hatte, der Prokrastination zu frönen. Aber natürlich war sie stets latent präsent, stets bereit bei geeigneter (seltener!) Gelegenheit wieder auszubrechen. Wie schlapp und mies man sich nach einem massiven Ausbruch dieser Krankheit mit den sich häufenden Unerledigungen fühlt, kennt jeder, der sich je auf der faulen Haut wund gelegen hat, um hier mal den berühmten Müßiggang-Analytiker „Dr.“ Mehmet Scholl zu zitieren.

Ich wurde von dieser seit Jahrzehnten immer weiter grassierenden Volkskrankheit recht schnell und nachhaltig geheilt, als mir klar gemacht wurde, dass die Ansteckungsherde der Prokrastination Selbstmitleid und absurde Liebessehnsucht nach dem Kuss der Muse sind. Beides kann man ganz schnell in den Griff bekommen: Bei Selbstmitleid hilft sehr gut ein Blick in den Spiegel. Selbstmitleid ist zum Kotzen – und wer will das schon im Angesicht des eigenen Angesichts. Gegen Liebessehnsucht nach Küssen der Muse helfen vor allem zwei Dinge: 1. Recherche – und 2. einfach anfangen und der Kraft und dem Überraschungseffekt des Schreibprozesses als solchem vertrauen. (Wie man auch an diesem Beispiel hier sehen kann.)

Was ist produktiv in der Netzwerkgesellschaft?

Aber zurück zu Kevin Kelly und seiner These von der Ende des Produktivitäts-Prinzips in der Wirtschaft (der Zukunft). Für ihn ist Produktivität das Elementar-Element der ersten und zweiten industriellen Revolution. (1. Revolution = Dampfkraft und Eisenbahnen; 2. Revolution = Chemie, Elektrizität & Motorkraft.) Die dritte industrielle Revolution, deren Beginn Kevin Kelly mit der Vernetzung der Computer (ca. 1990) datiert, ist dagegen der Beginn der Netzwerk-Ökonomie. In ihr spielt Produktivität nicht mehr die zentrale Rolle bei der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Denn von nun an wird die Produktivität durch automatisierte Arbeit, durch Roboter und Bots gesteigert, nicht mehr durch uns (arbeitende) Menschen.

Wir sind, so argumentiert Kelly, in der Netzwerk-Ökonomie dafür zuständig, wieder Arbeit zu erfinden, und zwar jenseits industrieller Arbeit, in solch „unproduktivitäten“ Sphären wie Herumspielen, Kreativität und Forschung. Hier wird der Mehrwert der Zukunft geschaffen, nicht in der Optimierung vorhandener Produktionsmethoden (und Ausbeutung knapp werdender Ressourcen). Denn die wesentliche Errungenschaft der 3. Industrialisierung ist die Vernetzung von Dingen, von verschiedener Intelligenz und aller unserer Gehirne. Ihr Kerneffekt ist nicht Produktivität, sondern es sind Erfindergeist und Sinnverfeinerung (Kelly erfindet dafür die Begriffe „consumptity“ und „generativity“.)

Die Evolution der Evolution 

Ein einleuchtendes Argument, dass die Fixierung auf Produktivität in der Wirtschaftswelt der Zukunft keine vorrangige Rolle spielen wird, ist deren Linearität. Produktivität wird weiter Gültigkeit haben, sie wird wachsen, schön linear, aber das wird eben an Maschinenintelligenz delegiert. Um aber Wachstum auf Dauer zu erzeugen, reicht ein Mehr, Größer, Schneller nicht mehr aus. Damit wird man die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können. Kelly zählt hierzu auf:

  • Immer höhere Komplexität
  • Zunehmende Interdependenzen (Globalisierung!)
  • Steigende Allgegenwart der Finanzwirtschaft und des Geldwesens
  • Die schwindende Bedeutung von Besitz (Sharing-Projekte etc.)
  • u v a.

Diesen – und all den noch (unerkannt?) ins Haus stehenden – Problemen der Zukunft, die eine Netzwerkökonomie entwickeln wird, wenn sie immer reifer wird, werden wir mit linearen Mitteln nicht Herr werden. So Kevin Kelly. Dazu müssen wir uns und unsere Wirtschaft evolutionär entwickeln. Immer weiter zunehmende Komplexität, exponentiell wachsende Interaktion aller mit allen, das Verstehen  dynamischer Netzwerkeffekte und ihre Beherrschung kann sicher nicht mit alten (linearen) Methoden funktionieren. Dafür müssen wir neue Ideen, neue Konzepte entwickeln. Es braucht Visionen – und den Mut, vielerlei auszuprobieren. Und in solchen Phasen verbietet sich (zumindest erst einmal) jede Fixierung auf Produktivität.

Die Welt nach der Produktivität

Das Ende der Produktivität ist dann eben doch keine gute Nachricht für alle Slacker und Prokrastinatoren. Wenn auch das alte Mantra manischer Effektivität kaputt geht, so braucht die Zukunft (des Business) keine Däumchendreher. Es sei denn, sie träumen beim Drehen ihrer Daumen von neuen evolutionären Ideen, sie netzwerken und interagieren dabei miteinander, um die Herausforderungen der Zukunft kreativ anzugehen. – Bis dahin werden Kinect & Co. auch drehende Daumen als Info-Input zu deuten wissen…

2 Responses to “Prokrastination vs. Evolution”

  1. Corinna Says:

    Also die Süditaliener haben die Prokrastination definitiv erfunden… und wie ich jetzt gelernt habe, sind sie damit sogar zukunftsfähig.😉


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