Ein Hauch von Zukunft

26. Juli 2012

Did you have fun today?

Es gibt so Tage, da sitzt man am Abend im Arbeitssessel und staunt. Denn man hat rein zufällig einen Blick in eine Zukunft getan, die man so bisher nicht zu sehen oder zu denken gewagt hat. Ende 2010 ist mir so etwas passiert als ich Zoe in der U-Bahn in Berlin kennen gelernt habe und die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweijährige ihren iPod bediente. Heute war es – nennen wir sie –  Martha, die mir in der Münchner S-Bahn gegenüber saß. Ein fröhliches, staunendes Kind, das mit ihrem Papa, hörbar ein Amerikaner, deutsch sprach, der antwortete Englisch. Und während der Zeit las sie in Kinderbüchern ihm vor, in hebräisch. Martha war noch keine vier Jahre alt.

Ich mag Väter nicht, die ihre Kinder schon so jung mit Lesen, Schreiben, Lernen triezen. Aber der Charme, die Unbekümmertheit, die Neugier und der Wissenseifer der Kleinen vertrieb so ziemlich alle Skepsis. Pappi fragte dann auch brav: „Did you have fun today, my dear?“ – Martha konnte nicht antworten, denn am Gleis gegenüber fuhr gerade ein Güterzug langsam nebenher, das war natürlich superinteressant. Aber Pappi ließ nicht locker: „Did you have your fun today? A little bit?“ – Martha hatte Mitleid mit ihrem besorgten Vater. Sie nahm ihn, so gut sie es mit ihren kleinen Ärmchen konnte, in den Arm, strich ihm über den Kopf und tröstete ihn: „Oh, Papa!“ Zweimal mit ganz langem Aaaa. Subtext: „Was fragst du denn für einen Quatsch!“

Digitales Sütterlin

Schnellvorlauf ins Jahr 2032. Wie soll ich mir Martha dann vorstellen? Oder Zoe? Sie sind garantiert menschliche Wesen mit all ihren Macken und Talenten. Sie sind keine Cyborgs. Aber wie soll ich mir ihr Denken dann vorstellen? Wie weit werden sie sich in diesen Jahren von unserer heutigen Normalität entfernt haben? Wie geduldig oder wie genervt werden sie reagieren, wenn etwa Digitalverweigerer oder Dys-Nostalgiker alten Zeiten nachtrauern. Als es noch Zeitungen, noch Fernsehen, noch Bücher gab. Oder wird es Menschen geben, die Windows oder Laptops nachtrauern? Welche Kluft wird sich da auftun? Dramatischer auf alle Fälle als wir sie je erlebten, als wir uns mühten, die Postkarten der Großmutter zu entziffern, die sie unbeirrt in Sütterlin-Schrift geschrieben hatte.

Als die ersten Home-Computer aufkamen, war einer meiner Freunde uns allen weit voraus. Er hatte einen Commodore, einen CBM oder PET. Eines dieser Geräte, das optisch irgendwo zwischen Star Trek-Kommandostand und Registrierkasse balanzierte. Es war eine wahre Kunst dieses Gerät zu bedienen. Der Monitor klein mit den ominösen grünen Grob-Pixel-Buchstaben – und natürlich haufenweise kryptische Kürzel und Kommandos, die es zu beherrschen galt. Immer wieder muckte das Gerät, wenn es drucken sollte, aber es machte schwer Eindruck auf mich vordigitalen Menschen, der bisher nur Lochkarten-Computer kennengelernt hatte.

Old-School-Internet

Die Pointe der Geschichte ist, dass dieser Freund zwischendurch fast komplett die Arbeit mit Computern aufgegeben hatte. Er fand Mäuse und vor allem Betriebssysteme, bei denen man ohne kryptische Kommandos auskam, schlicht blöd und unsexy. Erst sehr spät legte er sich dann einen PC zu und beharrte lange darauf, noch ein Betriebssystem zu haben, das man irgendwie noch mit Tastatur-Kommandos bedienen konnte. Entsprechend spät machte er seinen Frieden mit dem Internet – und nutzt es heute für Recherchen. Aber Liebe sieht anders aus.

Habe ich hier – schon sehr früh – eine Ahnung erleben dürfen, wie es uns in 20, 30 Jahren ergehen wird, auch wenn wir uns noch so mühen auf der Höhe der digitalen Zeit zu bleiben. Oder wird es gnädigerweise Old School-Nischen im Internet geben – das dann längst nicht mehr so heißt, weil dies ein Ausdruck einer längst vergangenen digitalen Zeit ist, die ähnliches Staunen und Stirnrunzeln erzeugt wie steinzeitliche Höhlenmalereien es heute tun? Und wie sehr nervt dann erst das Gejammer von aus der Zeit Gefallenen, dass früher alles so viel besser war. Das wir können doch schon heute nicht ab. Wie schlimm wird das erst einst in ferner Zukunft?

Eine Ahnung jenseits des Kapitalismus

Als ich Martha gegenüber saß, versuchte ich gerade einen Text auf meinem Kindle zu lesen, den ich mir aus dem Internet heruntergeladen hatte. [Ist der Name Kindle eigentlich Programm: der erste ernst zu nehmende eReader heißt ausgerechnet wie ein Kinderspielzeug? Heißt die kommende Gerätegeneration dann Teenle und Twenle? Egal.] Mich faszinierte Martha so sehr, dass ich in dem Text nicht so recht weiter kam. Als sie dann am Stadtrand mit Papa, den sie an der Hand nahm, ausstieg, kam ich endlich dazu den Text zu lesen, einen Artikel mit dem sperrigen Titel: „Crowdfunding is just the beginning of the horizontal funding of creativity“ von Ian MacKenzie. Ein Artikel im Umfeld der Idee von „OpenMoney„.

Der Artikel beschreibt sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen einem Projekt, das um Geld bettelt, weil es unterfinanziert ist und einem, das auf Crowdfunding setzt. Beim ersten hilft man aus, wird das aber nur begrenzt oft tun. Schnell ist man es leid, immer wieder aushelfen zu können. Alle Unterstützer der „taz“ wissen, wie schal sich das anfühlt, immer wieder retten zu dürfen. Crowdfunding ist anders. Hier ist man im Normalfall Teil des Projektes, bleibt auch nach einer Geldinvestition eingebunden, bekommt Updates, Erinnerungsstücke – vor allem aber ist man erlebbar ein Teil einer Fördercommunity, die eine Sache, die einem am Herzen liegt, fördert. Dieser evolutionäre Aspekt, dieses möglich Machen von etwas Unmöglichem, ist der besondere Effekt. Unmöglich ist es, weil es den gängigen kommerziellen Gesetzen widerspricht. Möglich wird es, weil es Menschen wichtig ist, ein schönes, hilfreiches, verrücktes, gutes, unkonventionelles oder kreatives Projekt Wirklichkeit werden zu lassen und so erlebbar Teil eines Schaffensprozesses zu sein.

Nicht-hierarchische Kultur

Ian MacKenzie nennt das ein Horizontales Funding, weil es quer über eine Community abseits aller Gewinn- oder Verlusterwartungen (vertikal!) Projekte finanziert. Aus ihr kann eine kreative Kultur entstehen, die nicht mehr nach hierarchischen Mustern verläuft wie bisher, wo der Staat, Institutionen, Medienhäuser oder auch Mäzene oder Sponsoren Kreativleistungen finanzierten. Immer von oben herab, immer hierarchisch, immer in klarer Machtverteilung: Ich oben, ich Macht, ich Geld. Du unten, du arm, du um Geld betteln.

Ein wunderschönes Bild: das möglich Machen jenseits aller hierarchischen Muster. Wer je ein Projekt bei Kickstarter aus purer Begeisterung für die Idee mitfinanziert hat, wer je wirklich selbstlos ein Projekt mit unbezahlter Arbeit gefördert hat, der hat die Befreiung aus der üblichen Hierarchie einer Finanzierung oder einer  Ideenverwirklichung leibhaft erlebt. Eine Manifestation von Freiheit der ganz besonderen Art. Im kleinen kann man das selbst jeden Tag üben, wenn man Straßenmusikern nicht Geld in den Gitarrenkasten wirft, weil sie betteln, sondern um mit seinem Euro eine Kulturleistung aktiv zu fördern. – Einfach mal ausprobieren.

Vor allem aber gibt solch eine Erfahrung eine winzig kleine Ahnung, wie viel Freiheit in einer Welt möglich sein könnte, in der möglichst viel horizontal finanziert wird, statt wie bisher vertikal, hierarchisch. Solche Erfahrungen lassen für einen Moment eine mögliche Welt erahnen, die entstehen könnte, wenn sich der – hierarchische, vertikale – Kapitalismus selbst ad absurdum führen würde, wie es zur Zeit den Anschein hat. Ist der Post-Kapitalismus dann etwa horizontal?

Und: Schaut so die Welt von Martha und Zoe aus?

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