Träume sind aus

15. Juli 2012

Vergangenheit und Zukunft 

Mich haben als Jugendlicher vor allem zwei Dinge fasziniert.

  1. Die Vergangenheit in Form von Geschichte, Historie. Vor allem die Urgeschichte interessierte mich brennend: Wo kommen wir her? Wie entwickelten sich Kultur? Und wie entstanden die ersten Gesellschaften.
  2. Die Zukunft in der Form von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung: Jules Vernes und seine Nachfolger. Also Science Fiction nicht als Wolkenkuckucksheim à la Perry Rhodan, sondern wie sieht eine Gesellschaft mit ganz anderen technischen Bedingungen und sozialen Bedingungen aus. Also etwa im Sinn von Aldous Huxley, George Orwell oder Stanislaw Lem.

Kurios genug. Während Ende der 60er-Jahre die Gegenwart in Deutschland so selten spannend wie kaum sonst war, interessierte ich mich für die Zeit davor – und danach. Aus heutiger Sicht retour war das aber nicht so widersinnig wie das aussieht. Zum einen war ich zu jung um zur 68er-Generation zu gehören und noch viel zu sehr damit beschäftigt, meine Pubertät irgendwie in die Reihe zu bringen. – Zum anderen gelangte die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit kaum in die behütete, abgeschottete Welt der kleinbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Münchner Vorort.

Sehnsucht nach Veränderung

Aber die Sehnsucht nach Veränderung, nach einer anderen als der betulich braven katholischen Welt, die war eben doch irgendwie spürbar, selbst in Berg am Laim im Münchner Osten. Das war zum einen der Pubertät und dem daraus resultierenden Unfrieden mit der Welt geschuldet. Aber vor allem war es der Mehltau der Verdrängung (3. Reich, Nazis), die Bräsigkeit der Wohlstandswelt und die Rigidität des damals herrschenden Werte- und Moralkanons, die nach Veränderung sehnen ließ.

So etabliert und systemkonform meine Schule, das Humanistische Wilhelmsgymnasium damals auch war. Es gab dort etliche Lehrer, die ohne jeden Verdacht, links zu sein, uns auf subtile Art halfen, jenseits der ausgetretenen Wege zu denken – und in denkbare andere Welten abzuschweifen. Unser Lateinlehrer etwa nahm uns, die wir uns damit abmühten, Altgriechisch zu lernen, das Versprechen ab, erst dann nach Griechenland zu reisen, wenn die Junta abgesetzt ist und wieder Demokratie herrscht. – Ich habe mich daran peinlichst gehalten.

Meine Stunde mit Nofretete

Vor allem aber haben wir bei ihm eine neue Sicht auf die Welt vermittelt bekommen, als er ein Jahr aushilfsweise bei uns Geschichte gab. Er fand es langweilig, uns ein weiteres Mal die Geschichte der Antike zu vermitteln. Er interpretierte den Lehrplan sehr eigenwillig, der die Zeit vom Ursprung der Menschheit bis zum Untergang des Römischen Reichs vorsah. Er lehrte uns ausgiebig die Frühgeschichte der Menschheit inklusive Anthropologie. Er lehrte uns ausgiebig die Kultur Mesopotamiens, die Wiege der Menschheit und der indogermanischen, sprich europäischen Kultur und die Kultur und Politik Ägyptens. Die Geschichte des alten Griechenlands feierte er in der vorletzten Stunde ab, die des Römischen Reichs in der letzten Stunde.

Auch hier nahm er uns ein Versprechen ab. Wenn wir in Berlin sind, müssten wir die Büste der Nofretete besuchen – und mindestens eine Stunde vor ihr verharren, um ihre Schönheit zu verstehen (und das in der Pubertät!) und die Geschichte hinter dieser Frau zu erahnen. Auch dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es war eine der schönsten und Phantasie angereichertsten Stunden meines Lebens. Am Schluss begann sich Nofretete, also die Büste, gar zu bewegen  und mir zuzuflüstern.

Es gab an dem ehrwürdigen Gymnasium mehrere solcher anarchischen Lehrer. (Keine Sorge, auch genug andere.) Ihnen war es wichtiger, uns mit neuen, anderen Denkweisen zu irritieren, anstatt uns geistig stromlinienförmig  in die Welt zu schicken. So lasen wir im Englischunterricht nicht nur das obligatorische „Lord of the Flies“ von William Golding, sondern eben auch „1984“ von George Orwell und uns wurde auch „Brave New World“ von Aldous Huxley ans Herz gelegt. In Geschichte sahen wir dazu die Comic-Verfilmung von „Farm der Tiere“. Und im Religionsunterricht wurde das mit einer profunden Ausbildung in Philosophie und einer ideologiefreien Einführung in alle wichtigen Weltreligionen (auch den asiatischen) abgerundet.

Machbarkeit der Machbarkeit

Wir ahnten damals kaum, welches Glück wir so hatten. Wie viele Gedankenwelten uns nebenbei geöffnet wurden, während wir uns mit dem Pflichtstoff quälten, mit Grammatik, Formeln, Lernstoff, mit Schulaufgaben, Exen und Referaten. Wir wurden nicht zur Machbarheit der Machbarkeit getrimmt. Sondern wir durften Flausen haben, Phantasie und wirre Ideen. Das wurde subtil gefördert. Es wurden Ideale, Modelle, Utopien – und drohende Dystopien skizziert – und es wurde massiv Neugier geweckt. Auf das konkrete (Berufs-)Leben wurden wir so gut wie gar nicht vorbereitet. Aber wir hatten Träume, Hoffnungen und waghalsige Ideen. Genug für ein ganzes Leben. Das gab Kraft, Zuversicht und Lust auf ein Leben voller Ziele.

Eigentlich.

Aber wo sind wir heute? Irgendwie sind wir heute jenseits aller Träume von damals angekommen. Nicht dass sich alle Träume erfüllt hätten. Schlimmer: Wir haben mehr erreicht und mehr bekommen als wir zu träumen je hätten wagen können. Wir können überall alle Musik der Welt hören, Spotify macht’s möglich. Wir haben ein Wissensarchiv jederzeit gratis zur Hand – über Google, Wikipedia & Konsorten. Wir bauen Gebäude, die undenkbar waren. Wir reisen an Orte, deren Existenz in Erdkunde nie auch nur erwähnt wurde. Wir können mit Milliarden von Menschen problemlos kommunizieren. Wir verstehen unseren Körper und unseren Kosmos wie nie zuvor. Die Medizin erspart uns Krankheit, Schmerzen und Tod in unerahntem Ausmaß. Und wir haben so wenig Kriegstote und Morde wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn uns unsere Medienwirklichkeit das Gegenteil zu vermitteln scheint. – Und diese Liste ließe sich beliebig erweitern. (Stoff dafür liefert beispielsweise Matt Ridley in seinem Buch „The Rational Optimist“ – HarperCollins, das leider in der deutschen Fassung den dämlichen Titel trägt: „Wenn Ideen Sex haben“ – DVA.)

Leben in der Hypertopie

Ein komisches Gefühl. Sozusagen die Schallmauer der Träume durchbrochen zu haben und jenseits aller Traum-Realitäten angekommen zu sein. Das irritiert. Das macht seltsam ziellos. Ja, es gibt nicht mal einen Begriff für so etwas. Wir leben nicht in einer Utopie, weil sie existiert. Ob die Wirklichkeit dystopisch empfunden wird, hängt von der psychischen Stabilität und mentalen Grundeinstellung des Einzelnen ab. Irgendwie sind wir in einer Hypertopie, einer Wirklichkeit vielerorts jenseits aller unserer Träume und Erwartungen. Auf alle Fälle was den technischen und kommunikativen Aspekt unseres Lebens betrifft.

Und wie geht es jetzt weiter? Sind uns jetzt die Träume ausgegangen? Aktuelle Untersuchungen bei Jugendlichen schüren diesen Verdacht. Noch keine Generation zuvor hatte so wenig Erwartungen an die Zukunft. Und wenn man sich mit dieser Generation auseinandersetzt und mit ihr intensiv spricht, ist wirklich ein frappierender Pragmatismus und Realitätssinn festzustellen. Wenig Flausen, bescheidene, machbare Träume. Irgendwie verständlich. Lieber nahe liegende Ziele setzen. Denn um selbst bei großen Zukunftsvisionen nicht von der sich unbeirrt beschleunigenden Wirklichkeit allzu schnell überholt zu werden, empfehlen sich lieber Ziele auf Zeit.

Ich habe mir von Piloten versichern lassen, nachdem man die Schallmauer durchbrochen hat, geht es mit dem Fliegen ganz normal weiter. Nur eben sehr viel schneller.

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