Die Effizienz-Evolution

4. Juni 2012

Die perfekten Anpassler

„Survival of the Fittest.“ So hat Darwin einst das Evolutionsprinzip definiert. Er zitierte dabei den britischen Sozialphilosophen und Begründer der Evolutionstheorie Herbert Spencer. „The fittest“, das sind im evolutionären Spiel nicht die Stärksten. Es sind nicht die Intelligentesten. Diejenigen sind die „fittest“, die sich am besten und schnellsten neuen Bedingungen anpassen können. Sieger der Evolution ist, wer schnell und richtig mit neuen Gegebenheiten umgehen kann.

Die Floskel: „Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? – Hat doch auch irgendwie funktioniert.“ ist eine geflügelte Phrase geworden, wenn sich ältere Semester einer 20 oder 30 Jahre zurück liegenden Arbeits- oder Lebenswirklichkeit erinnern. Kinder/Jugendliche verdrehen dann entnervt die Augen nach oben. Zu oft haben sie erzählt bekommen, wie einst in den Prä-Internetzeiten per Fax kommuniziert wurde. Oder per Telex. Oder wie kompliziert es war, von unterwegs zu telefonieren, als es noch keine Handys gab. Oder wie einst mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier geschrieben wurde.

Schreibwaren-Nostalgie

Ich besitze aus Nostalgiegründen noch immer ca. 20 Blatt Kohlepapier. Gibt es die überhaupt noch zu kaufen? – Google beruhigt: Gibt es noch, ein 10er-Pack kostet etwa bei Staples 4,99 Euro. – Aber wer im Himmel benutzt das heute noch? Und wofür? Für das Ausfüllen von Formularen? – Noch solch ein aussterbendes „Kommunikationsformat“. Einst bei der Münchner Stadtzeitung war unsere mit Abstand beste Setzerin im Hauptberuf „Formularsetzerin“. Für die Stadtzeitung arbeitete Dagmar, weil sie es satt hatte, immer nur sinnentleerte Arbeit zu leisten. – Aber kurioserweise war sie als Setzerin so gut, so fehlerfrei und schnell, weil sie die Texte, die sie setzte, nicht las, sondern ohne Kenntnis des Inhalts einfach die Buchstaben eines Manuskripts 1 zu 1 per Kugelkopfschreibmaschine auf die Satzmatrize hackte.

Wir bewunderten ihre Fähigkeiten damals immens. Wir waren aber in unserer Eitelkeit auch ein wenig gekränkt, weil unsere so tollen Inhalte an ihr wirkungslos vorüber zogen. Wir ahnten damals in den Vor-Computer-Zeiten Anfang der 70er-Jahre noch nicht, wie „digital-mäßig“ Dagmar zu dieser Zeit schon arbeitete. – Aber sie wusste es ja selbst nicht.

Auf eBay etwa gibt es heute noch Kugelkopfschreibmaschinen (gebraucht) zu kaufen, und Farbbänder dafür gibt es auch noch. Für eine Unzahl von Modellen. So viel zum Thema Veränderung – und Beharrungsvermögen. Es muss noch heute Menschen geben, die beharrlich die Neuzeit und ihre Errungenschaften verweigern – und lieber wie gewohnt mit Schreibmaschine und Farbband Texte schreiben. Und ja, Tipp-Ex gibt es auch immer noch.

Sehnsucht nach Depperltätigkeiten

Es gibt zwei Haltungen, mit denen man solch einen nostalgischen Ausflug in die Vergangenheit , als es noch „Schreibwaren“ gab und Apps noch Apparate oder Apparaturen waren, unternehmen kann. Die eine ist die des „Früher-war-alles-besser“ inklusive einer Verklärung der Ungelenkheit und Langsamkeit früherer Prozesse – und eine Absage an das Prinzip der Evolution. Die andere ist das erwähnte „Wir-haben-das früher-doch auch-super-hingekriegt“. Unser angeborener Verdrängungsmechanismus hat längst den vielen Ärger und den vielen Frust verdrängt, den uns umständliche Depperltätigkeiten massenhaft bereitet haben. Und warum waren wir bereit, all die neuen Dinge und Technologien zu akzeptieren, mit denen wir alle so viel effektiver geworden sind, wenn das damals alles so prima gewesen ist?

Aber jetzt denken wir mal weitere 20 oder 30 Jahre nach vorne. (Dank Innovation hat sich unsere Lebenserwartung ja entsprechend gesteigert.) Dann werden wir auf heute zurückschauen und uns beömmeln, wie gestrig, wie ineffektiv und wie sperrig das alles war, was wir heute als Selbstverständlichkeit erleben. Beispiel Auto: selber Auto fahren, Gangschaltung, tanken, sich verfahren, Auto kaufen. Beispiel Behörden: Steuererklärungen machen. Monatlich! Quittungen geben lassen, aufheben, sortieren, verbuchen, einreichen. Mehrwertsteuer herausrechnen etc. Beispiel Schreiben: Texte tippen, Tasten drücken, vertippen, korrigieren, gegenlesen. – Amelie Fried sinnierte vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite: „Schaue aufs Meer und denke über mein neues Buch nach. Gibt es eigentlich schon Apparate, die Gedanken direkt in den Computer übertragen? Ich finde, das würde eine Menge Arbeit sparen.“ Nicht ausgeschlossen, dass das in 25 Jahren möglich ist.

Plateau oder exponential

Man muss eigentlich nur mal innehalten und nachdenken, womit man im Alltag am meisten Zeit verplempert – und was einen davon eigentlich im Grunde ärgert. Ich nehme Wetten an, dass die meisten dieser Vorgänge in 25 Jahren der Vergangenheit angehören. Technisch ist dann alles machbar – man bedenke nur, was bis dahin Computerchips für gigantische Rechnerleistung bieten, wenn Moore’s Law nur halbwegs weiter gilt. Für alles, was unfreiwillig Zeit verbrennt und Mühsal bereitet, wird es bis dahin eine technische Lösung geben.

Fragt sich, wie wir Menschen mit solch einer Explosion an Effizienz – und Beschleunigung – umzugehen lernen. Es gibt dazu drei Denkschulen, wie die technologische Entwicklung weitergehen wird. Die eine meint, dass wir nach der Effizienz-Explosion des Internet ein neues Plateau erreichen werden, auf dem sich die Dinge nach vielen Disruptionen, Umwälzungen und Machtwechseln wieder mit weniger Tempo entwickeln werden. Jeff Jarvis denkt in etwa so, wenn ich ihn in richtig verstehe. („Gutenberg, the Geek„)

Pessimisten und Optimisten

Die andere Denkschule erwartet, dass sich die Entwicklung nicht abflachen und weiter exponentiell in die Höhe schießen wird. Unaufhaltsam. Hier scheiden sich die Geister. Die Pessimisten befürchten, dass wir uns damit überfordern und unsere Psyche (und Physis) das nicht aushalten wird und eine Gesellschaft von Depressiven und chronisch Hyperaktiven entsteht, die sich in ihre Bestandteile auflösen wird. Die Optimisten vertrauen darauf, dass sich die Menschheit noch jeder evolutionären Herausforderung gewachsen gezeigt hat und auch weitere Effizienzsteigerungen und Beschleunigungen aushalten wird. Die Esoteriker unter ihnen träumen sogar von einer neuen Wirklichkeitsstufe, die so zu erreichen wäre. („Die Prophezeiungen von Celestine„)

Meine Vermutung ist, dass die menschliche Psyche viel zu stabil ist, als dass sie echt gefährdet wäre. Noch jede Effizienzsteigerung hat auch zu mehr Freizeit und Freiraum geführt. Noch jede Übersteigerung und Übertreibung hat sich nivelliert. Gerade das Phänomen Google und unsere Fähigkeit binnen kürzester Zeit unnützes Wissen – weil jederzeit per Google verfügbar – los zu werden, belegt diese These. Unsere Gehirne werden nicht rasch wachsen können. Aber wir werden unsere Fähigkeit, entlernen zu können, immens optimieren müssen. So wird auch unser Gehirn effizienter – und wird befreit von allem überflüssigen Detailwissen, allem unnützen Ballast und störenden Verkrustungen. Unsere Setzerin Dagmar damals hat es uns quasi schon damals vorgelebt.

So könnte der Weg zu einem Leben in einem stark beschleunigten Flow frei werden, in dem man sich behände in einem beschleunigten Stream der Veränderungen bewegt, wie ein Fisch in einem reißenden Gewässer. Und der weiß nicht nur klug Stromschnellen zu nehmen, sondern findet immer auch wieder ruhige Buchten zum Innehalten. Und das tut er sehr effizient.

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2 Responses to “Die Effizienz-Evolution”

  1. Eva Herold Says:

    Meine Schwiegermutter (87) benutzt eine Kugelkopf. Mit einem Computer käme sie nicht zurecht. Aber hey, Hauptsache, sie schreibt noch!


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