Das Ende der Homepage

4. Mai 2012

Visitenkarten-Fetischismus

Es gibt Firmen, die legen sehr großen Wert auf ihre Visitenkarten. Sehr, sehr großen Wert. Dafür werden gerne seltsam aufwändige Rituale getrieben. Welcher Mitarbeiter bekommt welches Design? Marke und Konzern werden sorgsam in der Logogestaltung getrennt. Und am wichtigsten ist natürlich, welchen Titel bekommt der jeweilige Mitarbeiter? Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Titel nicht etwa beim Kunden, wo die Visitenkarte (nomen est omen!) ja letztlich ankommen soll, eher abschreckt als Eindruck macht. Visitenkarten sind nach der Höhe des Honorars der zweite große Fetisch einer (konventionellen) Karriere.

Ein ähnliches Schicksal erahne ich für die klassische Website, die Firmen heutzutage ins Web stellen. Nachdem heute auch der letzte Firmenchef oder Manager kapiert hat, dass ein Unternehmen im Internet stattfinden muss, will es überhaupt wahrgenommen – und respektiert – werden, wird etliche Mühe in die Gestaltung von „Homepages“ von Firmen gesteckt. Dabei wird oft gar nicht mal wenig Geld in die Hand genommen. Zum einen, weil noch zu oft der Irrtum vorherrscht, je aufwändiger ein Relaunch ist, desto länger brauche man nichts mehr an der Website zu tun. Zum anderen, weil man die Website als eine Art elektronische Visitenkarte der Firma (miss-)versteht (siehe oben).

Interaktion und Kommunikation

Das zentrale Problem der meisten Firmen-Websites ist, dass nicht wirklich verstanden wird, dass das Internet eine Kommunikations- und Interaktionsplattform ist. Und Firmen, die ihre Produkte nicht online verkaufen, realisieren oft nicht, dass sie beginnen müssen, auch ohne ein Shopangebot, aktiv zu kommunizieren und zu interagieren, wollen sie in Zukunft noch wahrgenommen werden. Und das in einer Weise, die von ihnen bestimmt ist und nicht von außen via Social Media etc. Es mag stimmen, dass bei einem Blick von oben auf das Gewimmel eines belebten Platzes derjenige, der starr und stumm verharrt, relativ bald auffällt. Aber nur weil man sich Gedanken macht, ob er nichts Besseres zu tun hat oder ob er etwas im Schilde führt.

Wer aber interagiert und lebhaft (und bitte authentisch) kommunizieren will, wird meist schnell feststellen, dass die klassische Homepage dazu oft zu sperrig, zu langsam (egal welches CMS genutzt wird) und zu wenig effektiv ist. Und je mehr die Website visitenkarten-mäßig angelegt sind, um so mehr. Denn Interaktion und Kommunikation machen schnell die schönste Website (optisch) kaputt, weil sie so aufdringlich und unruhig ist. Aber beides macht sie lebendig – so wie die vielen Menschen auf dem oben beschriebenen belebten Platz, die herumwuseln, die gestikulierend miteinander reden oder irgendetwas zum Besten geben.

Die mobile Evolution

Diese Menschen, die da auf Plätzen stehen, in Zügen fahren, auf Flugplätzen warten – oder in Meetings sitzen, sie alle sind heute längst kontunuierlich online. Das Smartphone ist stets angeschaltet – und wird unablässig genutzt, es versorgt unaufhörlich mit Online-Informationen. Vorrangig über Apps, nur ganz selten über (mobile) Homepages. Wie Hubertus von Lobenstein gerade in seinem Blogpost „Die letzten Tage des Internets“ ausführte, verbringen heute Menschen im Schnitt mehr Zeit mit mobilen Apps als im Internet. Über die Hälfte aller „Computer“, sind heute mobile Geräte (Smartphones, Tablets & Co.). Und das Verhältnis ändert sich rapide: Die Zahl mobiler Endgeräte wächst doppelt so schnell wie die der PCs.

Oder anders herum betrachtet. Mehr als die Hälfte des Traffics einer normal vernetzten Website kommt heute nicht mehr über die Homepage, sondern über die verschiedensten anderen Kanäle wie Google, Facebook, Twitter, über mobile Zugriffe und natürlich (Online-)Marketingmaßnahmen. Auf High-Traffic-Sites sind es manchmal nur mehr ca. 30 Prozent der Zugriffe, die die Homepage anlaufen (Pareto rules!). Die große Überzahl der User steuern die Inhalte direkt an und strafen die Homepage konsequent mit Nichtbeachtung.

Big Data Web

Und das ist erst der Anfang. Absehbar ist längst eine Entwicklung, die statische und „schicke“ Websites, wie sie heute üblich sind, vollkommen obsolet machen wird. Absehbar ist, dass Rechnerkraft  sich weiter alle 15 Monate verdoppeln wird (Moores Law). Und das heute auf  sehr hohem Niveau. Zugleich werden die Bandbreiten weiter wachsen, jährlich um ca. 50 Prozent (Nielsen’s Law). Und die Netzwerk-Effekte explodieren zugleich in bisher noch nie gekannter Weise (Metcalfe’s Law, Reed’s Law). Noch nie kannte die Menschheit jenseits biologischer Systeme Netzwerke von über einer Milliarde Teilhabern. (Diese Zahl wird Facebook wohl dieses Jahr erreichen.) Und von ihnen werden Datenmengen in ungeheuren Größen produziert.

In solch einer voll-digitalen Welt mit monströsen Rechnerleistungen, völlig neuen Potentialen für Algorithmen und Softwarelösungen, mit einer nie gekannten Vernetzungsgeschwindigkeit und Teilnehmer-Milliarden und Yottabytes an Datenmassen (Big Data) sind Homepages, wie wir sie heute kennen, kuriose Anachronismen. Sie wirken wie versprengte Papierschnitzel (zerrissener Visitenkarten) in einem pulsierenden digitalen Kosmos. Sie erinnern an alte, verwitterte Wegweiser in einer voll vernetzten, GPS-navigierten, komplett digital erfassten Welt.

Intelligentes Web-Environment

Mal ganz ehrlich, eine Homepage, vor allem in ihrem Visitenkarten-Appeal, ist eine Institution aus einer vergangenen Ära.  Dahinter steckt noch das hierarchische Denken von Firmen, die davon ausgehen, dass ihre Kunden gefälligst zu ihnen zu kommen haben. Sie halten Informationen für Menschen bereit, die müssen sich dafür aber gefälligst herbei bemühen. Kommunikation und Interaktion auf Augenhöhe ist das nicht. Die Frage ist, ob in der oben beschriebenen 360°-Digitalität der Zukunft die Augenhöhe noch das gültige Paradigma ist – oder sich zumindest im Internet und den dort vorhandenen Informations-Yottas die Machtverhältnisse zuungunsten der Anbieter, sprich Firmen und Unternehmen verschieben.

Sie müssen in Zukunft alles tun, um es den Usern so leicht und convenient wie möglich zu machen, an Informationen, Angebote und Interaktions-Optionen zu kommen. Da reicht eine passive, schicke, aber tumbe Homepage sicher nicht. Stattdessen sollte ein hochintelligentes Web-Environment jenseits des heute aufkommenden responsive Webdesigns geschaffen werden, das im optimalen Fall – und bei Einwilligung des Users – weiß, wer der User ist, welches Gerät er gerade nutzt, wo er ist (location based services) und was er vermutlich gerade will oder benötigt. Dazu sind viel Wissen über den User nötig und dafür viel sensible soziale Kommunikation und kluge Algorithmen, die die Daten zu deuten wissen.

Dazu müssten CMS-Systeme entwickelt werden, die so etwas leisten können. Dazu muss alles Wissen, müssen alle Datenbanken eines Unternehmens wirklich konsolidiert und intelligent verknüpft werden. Und man müsste wissen, womit man seine Kunden begeistern könnte. Dazu braucht es mehr (digitales) Wissen, mehr Know how, mehr Strategie und mehr Entschlusskraft als für eine Gestaltung einer Pixel-Visitenkarte. Die Alternative dazu wäre, sich als Unternehmen künftig völlig in die Hand der großen Internet-Plattformen zu begeben, die längst konkret an solch einer Zukunft jenseits von Homepages arbeiten: Google, Amazon, Apple, Facebook – und eventuell noch Microsoft.

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