Narzissmus de-loaded

4. März 2012

What my friends think I do

Wem ist in den letzten Wochen nicht auch eines der Schaubilder per Mail oder Facebook-Post auf den Bildschirm gepoppt, in dem – auf schwarzem Untergrund – mit lustigen Bildchen die disperse Perzeption verschiedener Jobs illustriert wird: Was denken meine Freunde, was ich in meinem Job tue? Was meint Mami? Was die Gesellschaft? Was mein Boss? Wie sehe ich mich selbst? Und als entlarvender Schlussgag dann: Das tue ich wirklich im Moment. (Eine wilde Mischung an Beispielen findet man etwa auf der Site „What My Friends Think I Do“ oder einfach als Bildersuchbegriff „What People think I do“ bei Google eingeben.)

Ein bezeichnendes Meme, das sich da im Netz ausbreitet. Wir scherzen mit den Images, Erwartungen und Projektionen, die unser Umfeld über unseren Berufsstand kultiviert. Das Fremdbild, das unser Berufsumfeld geschaffen hat, wird gütig karikiert. Aber am spannendsten ist die Selbsteinschätzung, mit der in den letzten beiden Bildern gescherzt wird. Was ich zu tun meine (What I think I do) versus: Was ich wirklich tue. (What I really do.) Wir nehmen uns in unserer überzogenen Selbsteinschätzung auf den Arm.

Der ganz normale Narzissmus

Eine übertriebene Selbsteinschätzung, weil der Kontakt zum eigenen Ich verloren gegangen ist, das ist das prägende Symptom des Narzissmus.  In einer Welt, in der das Ich so viele verschiedene Rollen zu spielen hat, ist das eine relativ logische Entwicklung, dass das Ich den Kontakt zur Realität verliert. Noch dazu, wenn man als Kind Eltern erlebt hat, die selbst schon auf narzisstoide Weise das eigene Ich überbewertet haben. Noch dazu, wenn Vorbilder einer Selbstüberhöhung durch die Massenmedien reihenweise geliefert werden, etwa durch überzogene Projektionsoptionen: Models, Filmheroen, Medienstars etc. Und wenn sowohl Ich-Findung als auch die Selbst-Vervollkomnung in Filmen oder Games als kinderleicht, weil virtuell erlebt werden können.

Wir sind, keine Frage, eine Gesellschaft von Narzissten geworden. Und wir sind eine narzisstische Gesellschaft geworden, die eben auch den Kontakt zu ihrem Kern verloren hat und sich – deswegen – selbst überschätzt und glorifiziert. Und längst haben wir uns auch vorbildhafte Plattformen für gepflegte Nabelschau geschaffen – und en masse bevölkert: Facebook, Google+, Twitter & Co. Mit den Pendants in China sind schätzungsweise zu Anfang 2012 wohl locker 1,5 Milliarden Menschen in Sozialen Netzwerken aktiv.

Die Kultur des Narzissmus

Schon 1979 hat der amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch mit seinem Werk „The Culture of Narzissim“ (deutsch: „Das Zeitalter des Narzissmus“) einen Bestseller geschrieben. Er beschwor damals einen Niedergang einer heilen (amerikanischen) Gesellschaft. Seine mit den Jahren immer konservativeren Ansichten verhinderten eine breite Aufnahme seiner Thesen. Seitdem sind immer wieder Publikationen zum Thema Narzissmus erschienen, wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und schmalspurpsychologische. Sie alle verbindet das Schicksal ausgeprägter Erfolgslosigkeit.

Mich fasziniert das Thema Narzissmus schon ewig lange. Kein Wunder, habe ich in einer der wohl narzisstischsten Zünfte gearbeitet, die es bisher gab, dem Journalismus. Wie anders konnte man da überleben, ohne sich selbst, seine Meinung und seine Gedanken (zu) wichtig zu nehmen. Das wird in diesem Metier mit der Zeit gerne auch chronisch – man bedenke, früher gab es kaum ernst zu nehmendes Leserecho als Korrektiv. Ich habe lange geglaubt, dass Narzissmus als Thema keine Chance hat, weil die Gesellschaft längst zu narzisstisch geworden ist und dieses Manko als blinden Fleck gesellschaftlich erfolgreich ausgeblendet hat. (So falsch mag diese These auch gar nicht sein.)

Narzissmus als Überlebenshilfe

Die Wahrheit ist aber wohl eher, dass unser Leidensdruck persönlich und als Gesellschaft narzisstisch zu sein, sehr schwach ausgeprägt ist – und kontinuierlich nachlässt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist eine narzisstische Ausprägung gar nicht so negativ. Psychologen unterscheiden heute schon zwischen positivem und negativem Narzissmus. Die positiven Aspekte sind eine positive Einstellung zu sich selbst, ein starkes Selbstwertgefühl und eine ko-evolutionäre Liebesfähigkeit. (Die christliche Charitas wörtlich interpretiert: „Liebe den Nächsten wie dich selbst!“) – In amerikanischen Veröffentlichungen war sogar davon die Rede, dass für erfolgreiche Führungspersönlichkeiten stets ein gesundes Maß an Narzissmus zur mentalen Grundausstattung gehören sollte.

Aber auch ohne den Narzissmus positiv umwerten zu wollen, ist die forcierte Beschäftigung mit sich selbst heutzutage eine Selbstverständlichkeit. In dem Vielerlei an Rollen, Aufgaben, Optionen und Persönlichkeits-Aspekten, die heute jedem intelligenten Menschen zur Verfügung stehen und die ausprobiert und bespielt werden müssen, ist ein ausgiebiges Kreisen um sich selbst unausweichlich. Und in einer Welt, die sich so rasch wandelt wie nie zuvor, die komplex und chaotisch ist, muss man sich geflissentlich um sich selbst und seine eigene Weiterentwicklung kümmern. Das Vorbild ist längst nicht mehr eine in Granit gemeißelte fixe Persönlichkeit, sondern ein fluides Ich, das sich kontinuierlich weiterentwickeln kann. Das setzt dann doch reichlich Beschäftigung mit sich und seinem Ich voraus, sozusagen einen konstruktiven Narzissmus.

Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen

Eine ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dann schmerzhaft und schwer aushaltbar, wenn Menschen damit beispielsweise Untergebene oder emotional abhängige Menschen drangsalieren und ihren Launen und Machtspielchen aussetzen. In einer Zeit mit immer flacheren Hierarchien und zeitlich immer begrenzteren Machtübertragungen sind diese misslichen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen eines krankhaften Narzissmus im Arbeitsumfeld immer leichter zu vermeiden oder auch auszuhalten. In einer Informationsgesellschaft sind institutionelle Machtpositionen ein Auslaufmodell, und in einer Netzwerkgesellschaft rächt sich jede narzisstische Monomanie unmittelbar. Man verliert umgehend für alle anderen Normal-Narzissten an Attraktivität.

Vor allem aber werden der allzu großen Ich-Liebe zunehmend die soziologischen Grundlagen entzogen. Narzissmus ist die logische (Negativ-)Folge des Individualismus. Je mehr ich an der Unverwechselbarkeit und Unikatmäßigkeit meines Ichs arbeiten muss, wie das in hoch ausindividualisierten Gesellschaften unausweichlich der Fall ist, ist Narzissmus sozusagen system-immanent und eine logische Folgeerscheinung. In unserer digitalen Gesellschaft mit seiner fundamentalen Transparenz und schwindenden Rückzugsmöglichkeiten in ein individuelles Solitär-Dasein ist das Ende des Individualismus, wie ihn das 20. Jahrhundert geprägt hat, absehbar. Und mit ihm hat das, was wir bisher als Narzissmus kennen- und zu fürchten gelernt haben, wohl bald ausgedient.

Wie dann aber etwa ein neuer, digitaler Narzissmus aussehen kann, darüber mag spekuliert werden: Wenn etwa mangelnde Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu verzweifelter Inszenierung des digitalen Ich führt. Eine frühe Vorform hat sich als Kim-Schmitz-Syndrom manifestiert, mit tragischen Symptomen wie etwa Auto-Nummernschildern mit der Buchstabenfolge: „GOD“… – das wäre dann eher Narrzissmus…

One Response to “Narzissmus de-loaded”


  1. […] So gesehen ist jede Veröffentlichung, jedes Öffentlichmachen eines Textes ein sehr narzisstischer Akt. Ohne die Trennung des Selbstbewusstseins vom Selbstzweifel, ohne eine Art notorischer Selbstüberschätzung, eine gewisse Selbstverliebtheit und ein Sendungsbewusstsein ist eine journalistische Arbeit kaum denkbar. – Es gibt eben nicht nur negative Seiten des Narzissmus. (Siehe dazu auch: “Narzissmus de-loaded“.) […]


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