Willkommen Krise – wenn es denn sein muss

30. November 2011

Änderungsprozesse sind nie gemütlich

Wenn man einmal in einer wissenschaftlichen Animation gesehen hat, wie sich ein System in ein anderes transformiert, sei es ein Bakterienstamm oder ein soziales System, dann ist das eindrucksvoll: Ein stabiles System arbeitet zunächst brav in einem funktionierenden Schema. Alles ist ruhig und „normal“. Dann erscheint irgendwo ein kleiner Störfaktor. Normalerweise wird er von dem System absorbiert. Ist aber das System dazu nicht mehr in der Lage, vielleicht weil es in Teilen heimlich schon dysfunktional ist, dann verbreitet sich dieser kleine Störfaktor immer mehr. Zunächst minimal und fast unscheinbar, dann aber immer mehr und mit wachsender Dynamik.

Rosette Nebula - Galaktische Evolution

Ab einem kritischen Punkt wird nun das System immer unruhiger, es gerät immer mehr in Unordnung, wird immer hektischer und chaotischer. Man nennt diesen Vorgang dann nicht zu unrecht Krise. κρίσις (krísis) stammt aus dem Griechischen (!) und bedeutet in etwa „Zuspitzung“ oder auch Wendepunkt. Er beschreibt den Zustand des Wechsels von einem stabilen Zustand in einen anderen. Und solch ein Wechsel ist unweigerlich mit einem sehr unruhigen, turbulenten, chaotischen Moment verbunden bis sich das neue System, das einmal als kleiner Störfaktor begonnen hat, durchgesetzt hat. Nun erst beruhigt sich das System in der dann neuen Funktionsweise. So funktioniert  Evolution.

Schaut man sich um, liest und sieht die Nachrichten, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir uns gerade in solch einer turbulenten, hitzigen Wechselphase befinden. Und das Wort „Krise“ liest und hört man sowieso allenthalben. Fragt sich nur, wohin der Wechsel gehen soll. Welche unserer gewohnten, aber vielleicht doch etwas überholten Systeme stehen denn zur Abwahl an? Da fällt uns recht viel ein, ohne auch nur ansatzweise in die Esoterik abgleiten zu müssen:

1. Das Banken- & Glückspielsystem

Da ist als erstes sicher das Bankensystem, das nach seiner Liberalisierung zu großen Teilen – vor allem denen, wo am meisten Umsatz und Profit gemacht wird – zu einem Wettbüro degeneriert ist. Heute muss schon jeder Lottobetreiber darauf aufmerksam machen, dass Glücksspiel süchtig macht. Warum müssen das die Investmentbanker, Derivate-Händler & Konsorten nicht? Und wäre es nicht ein willkommener Effekt der Krise, wenn damit in Zukunft erst einmal Schluss wäre?

2. Das kapitalistische System

Nur einen kleinen Gedanken-Fußbreit weiter gedacht: Vielleicht hat nach dem sozialistischen System auch der Kapitalismus in seiner Reinkultur ausgedient. Sein naiver Glauben an unaufhörliches Wachstum als Heilmittel hat sich überholt. Und wie sich der Sozialismus heute in sonderbare kapitalisteske Mutationen manifestiert, beispielsweise in China, und damit wirtschaftlich nicht schlecht fährt, so muss sich vielleicht der Kapitalismus neu erfinden, um noch im 21. Jahrhundert lebensfähig zu bleiben. Er muss möglicherweise sozialer werden – ohne seine Grundidee des Wettbewerbs aufgeben zu müssen.

3. Das Sozialsystem

Apropos sozial. Unser viel gelobtes Sozialsystem, das so viel auf sich hält, muss schätzungsweise auch möglichst bald von seinen Lebenslügen geheilt werden. Es braucht wahrscheinlich eine grundlegende Runderneuerung, um den vorhersehbaren Katastrophen wie Rentenpleite, marodem Gesundheitssystem und System-Arbeitslosigkeit irgendwie noch zu entgehen.

Braucht es erst eine Verelendung auf breiter Front mit begleitenden Unruhen und Aufständen, bis sich vernünftige Ideen wie eine Grundrente – oder positiver formuliert: Bürgereinkommen – durchsetzen können? So etwas wäre ein dermaßen grundlegender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der viele andere anstehende Probleme leichter lösbar machen würde: Leistungsschutz, Nutzungsrechte, Versorgungsbürokratie etc. Wie anders als durch eine Krisensituation soll sich solch eine Idee, die grundlegende Paradigmen berührt, durchsetzen?

4. Konsum-System

Es fällt auf, wo in dieser Welt welcher Luxus gelebt wird. Einerseits der laute, protzige Glam-Luxus als Reichtums-Peep Show. Das findet vorzugsweise dort statt, wo es besonders viel Wohlstands-Nachholbedarf gibt und zugleich noch sehr feudale Strukturen überlebt haben, etwa in Russland oder auf der arabischen Halbinsel. Anders in Indien oder China. Auch hier gibt es reichlich Nachholbedarf und genug feudalistische Reste, und Reichtum wird stolz gezeigt, aber es gibt längst nicht solch prosperitäts-exhibitionistische Exzesse. Es fällt auf, dass ausgerechnet dort Luxus am dekadentesten gelebt wird, wo am wenigsten produktiver Reichtum aus neuen Ideen und innovativer Produktion entsteht, sondern Geldüberflüsse nur durch Förderung von Rohstoffen erzielt werden.

Bei uns im Westen, wo wir seit langem Reichtum und Prosperität gelernt haben, wird offensive Zurschaustellung von Luxus längst als peinlich empfunden. Vielleicht sind wir jetzt so weit, neue Wertesysteme des Luxus zu entwickeln . Die haben weniger mit Insignien des Reichtums zu tun, als vielmehr mit Lifestyle, neuen Optionen und gelebter Erfahrung und gelebtem Wissen. Genuss wird hier anders zelebriert. Durch neue Geschmackserlebnisse, durch neue Freiheits-Optionen, durch neue Perspektiven.

5. Die Welt der Arbeit

Es ist heute sehr gut absehbar, dass die Arbeitswelt schon mitten dabei ist, sich massiv zu verändern. Das kann man ganz brav und uninspiriert darstellen wie etwa aktuell in der Süddeutschen Zeitung, oder aber man bezieht den Paradigmenwechsel in eine digitale Netzgesellschaft mit ein, wie es Jeanne C. Meister und Karie Willyerd in ihrem Buch „The 2020 Workplace“ entwerfen. Dankenswerterweise hat Karen Heidl die Grundthesen des Buchs in ihrem Blog kurz zusammengefasst. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Talente und Könner damit zu ködern, dass sie ihre Marke (Employee Brand) weiter entwickeln können und dass sie sich kontinuierlich weiterentwickeln können. Beruflich, fachlich, menschlich, sozial etc.

6. Steuersystem

Wie will man übrigens bei einem Arbeitssystem, das auf neue Freiheit, Flexibilität und gleichzeitig auf extreme Effektivität ausgerichtet ist, noch darauf hoffen, darauf sein Steuersystem aufbauen zu können. Es braucht deutlich andere Bewertungsgrundlagen: etwa Effektivität, Wertschöpfung, Maschinenleistung etc. Genug intelligente Ideen dazu gibt es längst. Den Mut, hier einen Schnitt zu machen, können Politiker, die immer die nächste Wahl vor Augen haben, nicht aufbringen. Das ist nur aus einer massiven Krisensituation heraus durchzusetzen.

7. Digitales Denken und Leben

Realistisch gesehen wird die Ablösung unseres Denkens aus den Limitationen des analogen Systems auf breiter Basis noch Zeit brauchen. Aber analoges Denken wird sich, gerade weil es bei uns in Deutschland (Dichter & Denker?) so tief verankert und mit seltsamer Nostalgie und Wehleidigkeit aufgeladen ist, nur in krisenhaften Situationen durchsetzen können. Nur wenn es gar nicht mehr weitergehen mag, ist man wohl bereit, sich an eine Digitale Intelligenz samt Netzwerk-Denken mit ihren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu gewöhnen. Und sie dann ganz schnell genießen zu lernen. Nur so lässt sich die weitere unausweichliche Beschleunigung unserer Welt, unseres Wissens und unseres neuen, fluiden Wertesystems überhaupt aushalten.

Oder kurz zusammengefasst: Es wird höchste Zeit, dass wir endlich im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend ankommen. Kann sein, dass wir dafür ein weiteres Mal, wie schon bei so vielen Fin de siècles, eine Krisensituation brauchen. Schade! … Aber wenn es denn sein muss…

One Response to “Willkommen Krise – wenn es denn sein muss”


  1. Oder um es mit Douglas Adams (1999) zu beschreiben:

    1) everything that’s already in the world when you’re born is just normal;

    2) anything that gets invented between then and before you turn thirty is incredibly exciting and creative and with any luck you can make a career out of it;

    3) anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it until it’s been around for about ten years when it gradually turns out to be alright really.

    Apply this list to movies, rock music, word processors and mobile phones to work out how old you are.


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