Neue Spielregeln

23. Oktober 2011

Finanzhaie mit Torschlusspanik 

Ich stelle mir das Leben der Finanzjongleure und -spekulanten heute nicht leicht vor. Da haben sie geackert und gebuckelt, Stress ohne Ende, jahrelang, um endlich auch an die Position oben zu kommen, in der man selbst Entscheidungen treffen kann. Vor allem aber, wo man Provisionen bekommt – oder noch besser – über sie entscheiden kann. Kurz: Wo man so richtig absahnen und „nachhaltig“ reich werden kann.

In all den Jahren haben diese Menschen ihre Vorgänger und Vorvorgänger und Vorvorvorgänger mit Millionen und Abermillionen an Provisionen und Abfindungen etc. in das vermeintliche Nirwana des unkaputtbaren Reichtums abwandern sehen. Sie haben aber warten müssen, bis sie selbst dran waren. Und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten, soll das nicht mehr funktionieren? Eine wirklich fatale Situation für eine Kaste, der Gier genetisch eingepflanzt zu sein scheint.  (Warum sonst haben sie diesen Beruf gewählt?) Diese Menschen haben nie auch nur im (Alp-)Traum daran gedacht, vielleicht ein Leben lang zu arbeiten – oder gar bei der Arbeit Glück und Befriedigung erleben zu können oder zu sollen.

Spieler & Dealer

Diese Menschen sind Spieler, und wie jeder Spieler, der zu lange dabei ist, ist er von dem alltäglichen Thrill, den vielen kleinen Siegen (und dem damit verbundenen Reibach) längst trunken. Diese Menschen sind süchtig nach diesem großen Spiel. Deshalb kommen sie auf immer neue Ideen, Geld durch Wetten zu verdienen. Viel Geld! Sie wetten auf Firmen, Märkte, Bodenschätze, auf Lebensmittel, Geld, Währungen und Gold, aber ebenso auf Pleiten, kaputt gehende Märkte und Konkurs gehende Staaten. Und das stets mit geliehenem Geld. Geliehen von Anlegern oder neuerdings gleich vom Staat und seinen Kreditinstituten bis hinauf zu den Zentralbanken. Der Staat drängt den Süchtigen ihren Stoff noch regelrecht auf.

Soll man von solchen Menschen Einsicht erwarten? Darf man da auf die „Selbstheilungskräfte“ eines Marktes hoffen? Soll man nicht! Darf man nicht! Darf man dann den freien Finanzmärkten ihre Freiheit lassen? Darf man auf keinen Fall, weil Freiheit immer nur mit Verantwortung funktioniert. Und Verantwortung kann nicht funktionieren, wenn es darum geht, (viele, viele!) Millionen zu kassieren – und die Zeit drängt, an diese noch herankommen zu können! So edel, rein und korruptionsimmun kann kein Mensch sein. Schon gar nicht einer mit dem Gier-Gen.

Entzugs-Therapie

Fragt sich, ob die Politik die Situation in dieser Weise schon kapiert hat? Es geht nicht mehr darum, ob man diesem Treiben Einhalt gebieten muss. Das muss man ganz dringend! Es geht nur noch darum, ob man sich noch eine Entzugs-Therapie leisten kann – sowohl finanziell, vor allem aber zeitlich. Oder ist es nicht längst so weit, dass nur noch der kalte Entzug funktioniert? Einfach absetzen der Droge – mit all den absehbaren Folgen: Schweißausbrüchen, Torschlusspanik, Aggression, Verzweiflung, Zerstörung – Cold Turkey.

Das klingt jetzt vielleicht „brutal“. Aber es geht um eine Wertabschätzung. Auf der einen Seite das Bedürfnis weniger, doch noch auf einen Schlag (schöner Begriff) reich werden zu dürfen. Am besten hyperreich, dass es auch über Krisen und Staatsbankrotte hinüber reicht. Auf der anderen Seite das Bedürfnis der ganz vielen, ihr Leben in vergleichsweise geordneten Bahnen weiter leben zu können und nicht dafür verarscht zu werden, dass sie gespart und Geld beiseite gelegt haben. – Eigentlich müsste der Politik die Entscheidung leicht fallen.

Training für Perma-Instabilität

Und während diejenigen, die wähnen, die Macht zu haben – die Politik, oder doch das Geld – über die Zukunft der Finanzsysteme verhandeln, üben wir Normalbürger uns in Gelassenheit. Ganz nach dem Motto: Es ist Krise, aber keiner geht hin. Oder: Unser Geld geht den Bach runter – aber wir haben schon längst unser Badezeug an. Wie immer, wenn Hiobsbotschaften und Panikmeldungen in Überintensitäten auf uns einprasseln, entwickeln wir nahezu traumwandlerisch (!) eine Sorgen-Imprägnierung, eine Krisenallergie, eine – um im Bild zu bleiben – Krokodillederhaut gegen die täglichen Beängstigungen. Wir wissen, das 21. Jahrhundert ist eines der Transition in die Perma-Instabilität. Und wir üben jetzt schon mal dafür, die richtige Mentalität zu entwickeln. Gelassenheit, Gleichmut, aber mit MUT in Versalien: GleichMUT.

Dafür haben wir schon gut und lange geübt. Ob Nachrüstung, Viren, Lebensmittelgifte, radioaktive Verseuchung oder Untergang des Abendlandes. Wir haben aus der Überdosis von Sorgen und Bedrohungen gelernt, lieber mal ganz ruhig zu bleiben. Manchmal zu ruhig. Das hat dann andere ermutigt, einfach so weiter zu machen wie bisher. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Lektionen gelernt: Wir bleiben gelassen und lassen alle Panik an uns vorüber ziehen – aber wir machen nun endlich den Verantwortlichen klar, dass unsere Geduld am Ende ist. Wenn wir lieb sind, zeigen wir das an Wahlurnen und geben Denkzettel ab. Aber wenn wir richtig sauer sind, gehen wir jetzt auch mal auf die Straße – oder per Internet.

Netzwerke der kalten Wut

Eine gute Idee: Wir organisieren uns ausgerechnet da, wo die Mächtigen, seien sie Politiker oder Besitzende, sich am allerwenigsten auskennen: im Internet. Gerade die wirklich Mächtigen haben ihre eigenen Netzwerke. Aber dieses Wissen hilft ihnen nicht weiter im großen Netzwerk des Internet . Deshalb reagieren sie ja so panisch bis peinlich auf alles, was sich da an Kraft und Gegen-Macht entwickelt.

Es ist sehr schwierig, ein System zu ändern, das lange ungestört gelaufen ist und das für einige so eindeutige Vorteile von solch riesigen Dimensionen hat. Das schafft mehr als massive Gegenkräfte. (Das ist jetzt täglich real zu erleben.) Das 20. Jahrhundert mit seinen Millionen von Toten, die aufgrund von (Umsturz-)Ideologien gestorben sind, hat sich an der Idee abgearbeitet, das System mit seinen eigenen Mitteln, also Gewalt, zu ändern.

Im 21. Jahrhundert muss das anders funktionieren. Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, müssten mit einer neuen, digitalen Kompetenz ausgebremst werden. Daher macht es so Sinn mit Instabilitäten umzugehen zu lernen und wie man durch Netzwerk-Intelligenz alerter und schneller wird. Die Idee ist ganz einfach. Man muss „nur“ die Spielregeln ändern, dann gewinnt es sich am leichtesten.

Na ja, ein bisschen Wut wäre auch nicht schlecht. – Kalte Wut. Die wirkt am besten. Weil sie nicht blind macht.

3 Responses to “Neue Spielregeln”

  1. Claus Says:

    Super Artikel! Dazu passt ganz gut der Hinweis von Herrn Pelzig in der einzigen, noch ernst zu nehmenden Satiresendung „Neues aus der Anstalt“, dass der Koksverbrauch im Londoner Bankenviertel in der Themse nachweisbar ist. Die Wirkung können wir in Wikipedia nachlesen: „Kokain bewirkt im Zentralnervensystem eine Stimmungsaufhellung, Euphorie, ein Gefühl gesteigerter Leistungsfähigkeit und Aktivität sowie das Verschwinden von Hunger- und Müdigkeitsgefühlen.“

    Deinen Optimismus hinsichtlich der Selbstorganisation im Web hoffe ich in einer Woche teilen zu können. Bis zum 30.Oktober gibt es noch die Möglichkeit, im Internet die Petition zur Einführung der Finanztransaktionssteuer zu unterstützen. Für meine Freunde bei der evangelischen Landeskirche in Bayern habe ich vorgestern eine Facebookseite gebastelt. Bisher haben wir ohne jegliche Aktivität schon über 60 Freunde.

    Morgen soll es so richtig losgehen – und dann hoffen wir auf die Macht der digitalen Lawine. Vielleicht schaffen wir gemeinsam tatsächlich das, was Du so schön beim Namen nennst: „Die Finanzspekulanten, die Nutznießer von wirtschaftlichen Ungleichgewichten und Instabilitäten, (…) mit einer neuen, digitalen Kompetenz“ auszubremsen.

    Ach so, beinahe hätte ich es vergessen, hier ist der Link:

    http://www.facebook.com/pages/Ja-zur-Finanztransaktionssteuer/175462579204332?sk=app_208140539205539

    • konitzer Says:

      Hallo Claus,

      danke für den guten Tipp. Ich habe schon unterzeichnet – und werde es überall weiterposten! Einen schöneren Beweis meiner These am Ende kann es kaum geben.

  2. [dieter] Says:

    Auch erhellend: Ich sprach unlängst mit einem Bankmenschen und fragte ihn, ob er tatsächlich davon ausgehe, dass Deutschland die über 200 Milliarden Euro Bürgschaft zahlen werde, wenn sie denn fällig würden.
    Völliges Unverständnis seinerseits – da wird nicht einen Moment lang in Erwägung gezogen, dass das, was sich in den Parlamenten gerade mit allenfalls dünner formaler Legitimation abspielt, auch schnell wieder revidiert werden könnte ..


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