Angst & Keime

17. Oktober 2011

Don’t touch Sagrotan 

Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Firma wirklich ihre Kunden versteht, ihre geheimen Ängste, ihre verborgenen Wünsche. Und was brauchen zwanghafte Menschen, die sich von Herzen vor Keimen und Bakterien fürchten, dringender als eine Automatik, die ihnen keimtötende Substanzen auf die Hände sprüht, ohne dass sie dafür einen Hebel bedienen müssen? Schließlich könnten ja gerade dabei neue Keime auf die Hand kommen. Dass diese Sekunden später durch genau die aufgetragene, Keim vernichtende Substanz abgetötet werden, kümmert einen konsequent zwanghaften Menschen ja nicht.

Zwang ist nun mal nicht mit Ratio in Griff zu bekommen. Und das weiß Reckitt Bensicker, die sich auf aggressive Reinigungsprodukte spezialisiert haben. Ihre 17 Keim- & Schmutzvernichter vermarktet die Firma sinnigerweise unter dem Motto „Keep Customers Delighted“. Beispielsweise eben mit „No Touch Sagrotan“.

Es lohnt sich auch das Video anzusehen, mit welch unsubtilen Mitteln der Zielgruppe das neue Produkt nahe gebracht wird. Es ist so gesehen dann schon wieder Realsatire. Natürlich sind die Helden des Werbespots Kinder. Die wilden Racker neigen ja dazu, Schmutz und Keime in die so sorgsam steril gehaltenen Küchen zu bringen. Zum Beispiel, in dem sie dort mit (seltsam sauberen) Kröten spielen. Das macht die Patsch-Händchen ganz keimverseucht. (Das wird mit roten Stäbchen auf seltsam krötenfarbenem Untergrund symbolisiert.) Und Mami kocht und fasst rohes Fleisch an – igittigitt – und Papi fasst in den Müll – igittigittigittigitt!

Das Leben endet meistens tödlich

Es ist so leicht, sich über zwanghafte Menschen lustig zu machen, die Angst vor der Wirkung von Keimen und Bakterien haben. Und kein Business ist so leicht und ersprießlich wie das Geschäft mit der Angst. Hier sind Wirkung und Ertrag fast garantiert, weil die Ratio als Kontroll-Element keine Chance hat. Dass die Werbung das so oft und gerne ausnutzt, ist traurig, aber logisch. Schade ist nur, dass ausgerechnet die Medien, denen bislang eigentlich die Rolle der Aufklärung und so der einzig wirksamen rationellen Kontrolle zukamen, jetzt in ihrer selbst verordneten Existenzangst auch lieber auf Ängste als auf deren Abbau setzen. Keine Woche, in der nicht eine Meldung über neue, ganz schlimme Keime durch die Medien geistern. Eine ganz sichere Sache das, denn das Leben endet nun mal meistens tödlich…

Erreger in Lebensmitteln und die Schuldenkrise sind dann auch die beiden größten Ängste der Nation, wie eine Studie feststellt. Entsprechend vergeht kein Tag mit neuen Untergangs-Szenarien des Euro, mit neuen Angstmachereien vor einer Wirtschaftsreform und einer Weltrezession. Nicht umsonst kritisiert die einzig funktionierende deutsche Reflexions-Institution Helmut Schmidt im aktuellen Interview der Zeit mit Giovanni di Lorenzo die Angstmache der Medien vor dem Verlust der Ersparnisse der Deutschen: „Wenn es Deutsche gibt, die Angst haben, dann ist ihnen die Angst gemacht worden. Zum Beispiel durch dicke Überschriften im Spiegel oder in der Bild-Zeitung. Dabei wurde die Bankenkrise des Jahres 2008 noch sehr vernünftig zurückhaltend kommentiert. Aber das ist vorbei. Jetzt machen fast alle in Angst – selbst in der Süddeutschen Zeitung habe ich schon gelesen, dass wir es mit einer Euro-Krise zu tun hätten. Aber das stimmt nicht. Wir haben es mit einer Krise der europäischen Institutionen zu tun.“

Die Wirtschaftspresse, die die erste Bankenkrise in ihrer Wachstumseuphorie so gar nicht hatte kommen sehen, will nicht noch mal auf dem falschen Fuß erwischt werden. Um so energischer und drastischer werden jetzt gebetsmühlenartig Untergangs- und Verarmungs-Szenarien gemalt. Mit dieser Haltung weiß man sich auf der sicheren Seite. Sollte es nun doch nicht so schlimm kommen, wird einem das im Nachhinein keiner übel nehmen.

Die Kartelle der Angst

Pavel Mayer, einer der Piraten, die in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, beschreibt in einer Replik auf faz.net gut die „Kartelle der Angst“, die ihre Besitzstände zu verteidigen suchen: „Da sind die „Kartelle der Angst“, die sich dem Wandel entgegen stemmen. Es sind mehr oder weniger mächtige Interessengruppen, die Angst vor Veränderung haben. Sie glauben, dass ihre bisherigen wirtschaftlichen und politischen Erfolge sie moralisch dazu berechtigen, die Regeln der neuen Welt bestimmen zu können. Sie wollen weiter erfolgreich und mächtig sein, ohne sich so radikal ändern zu müssen, wie es die neuen Umstände der digitalen Welt erfordern.“ Was Pavel Mayer vergisst – oder übersieht – sind die Mittel, die diese Kartelle zur Verteidigung ihrer Besitzstände nutzen: Angst, blanke Angst. Ein Mittel, das in Deutschland schon immer funktioniert hat. Und in den USA sowieso.

Man erinnere sich nur an die Vision eines Unterdrückungsstaates, wie ihn George Orwell einst mit „1984“ beschrieben hat. Wer dieses Werk nur als Warnung vor Faschismus und/oder Stalinismus interpretieren mag, der greift zu kurz. Bei mir hat schon damals, als wir den Roman in der Schule (!) behandelt haben, vor allem die kontinuierliche Angstmache mittels Terrorismus, Krieg und anderen Katastrophen Beklommenheit ausgelöst. Schaut man heute Tag für Tag Nachrichten, sind wir so weit davon nicht entfernt. Einziger Unterschied ist, dass es uns im Gegensatz zu „1984“ wirtschaftlich gut geht. Umso besser funktioniert das Schreckgespenst, dass es damit schon bald vorbei sein könnte.

Die Stimme der Optimisten

Umso willkommener sind in diesen Zeiten die Stimmen von Gelassenheit und Optimismus. Matthias Horx, der nun wirklich nicht im Rufe eines Euphorikers steht, predigt in einem mehr als lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau auf überzeugende Weise Gelassenheit: „Angst ist ein Geschäft. Das muss man wissen, wenn man Krisen begreifen will. In einer durchgängig vernetzten Medienwelt bildet sich eine eigene Erregungs-Ökonomie, mit eigenen Gesetzen und neuen Stars. Aber auch hier gilt: Die Karawane wird weiterziehen. Was gestern die Islam-Angst war, ist heute Euro-Hysterie. Sich diesem Zirkus zu verweigern, das Spiel nicht mitzuspielen, ist eine Form mentalen Widerstands.“

Die Steigerung von Gelassenheit ist aktiver Optimismus – oder sogar der Glaube an das Gute – oder gar an die positive Absicht der Evolution. Der beste Protagonist dafür ist Matt Ridley. Sein Vortrag „When Ideas Have Sex“ auf der TED-Konferenz ist auf alle Fälle als Mutmacher und Kraftgeber immer wieder sehenswert. Inzwischen ist sein Buch „Wenn Ideen Sex haben“ auch in Deutschland erschienen. Andrian Kreye hat es sehr gut und ausführlich in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung bewertet.  Es tut einfach gut, auch aus wissenschaftlicher Sicht positive Nachrichten zu bekommen.

Schule zu Lebensmut

Ich bin einst als 16-Jähriger sehr nachhaltig von Zukunftsangst und Miesepetrigkeit geheilt worden (von einigen Rückfällen abgesehen). Es war ein alter, blinder Mann, der mir das ausgetrieben hat. Mein Vater hatte zu seinen Junggesellenzeiten im Berlin der Vorkriegszeit ein möbliertes Zimmer bei der Familie Kleina. Nach dem Tod meines Vaters besuchten wir noch einmal Hannes Kleina und seine Frau. Er war damals über 70, seit Jahren blind, er hatte Krebs und wusste, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hatte.

Ich hatte aber noch nie zuvor (und ganz selten danach) einen Menschen mit solcher Lebenslust und solchem Lebensmut getroffen. Er genoss jeden Tag, war politisch informiert (per Radio & vorgelesener Zeitung), er ging ins Fußballstadion zu Hertha. Er sprühte vor Ideen, Begeisterung und war sich für sexuelle Scherze nicht zu schade. – Ich weiß noch, wie ich nach dem Besuch im Treppenhaus auf dem Weg nach unten geflennt habe. Seine positive Art war damals zuviel für mich gewesen. Sein Motto: „Ich habe nicht mehr lange zu leben, warum soll ich mir da auch nur eine einzige Stunde vermiesen lassen.“ Das beste Gegenmittel gegen Angstmache und ihre Folgen: LebensMUT!

2 Responses to “Angst & Keime”

  1. hubertus von lobenstein Says:

    Sagrotan und die Bankenkrise – auf den Vergleich muß man erst mal kommen….Großer Spaß beim Lesen. Und am Ende Zustimmung. Danke!


  2. […] durch den Kampf gegen Osama bin Laden und seine Terrorkommandos jetzt ein neuer Schauplatz von Angst und Schrecken mit viel Potential für „nachhaltige“ Krisenkultur entstanden ist. Angela Merkel schätzt schon mal, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis […]


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