Wies’n-Special: Rausch als The Difference

30. September 2011

Fremdeln in Tracht

Woran erkennt auch der medienscheueste Münchner, wenn Wiesn-Zeit ist? Richtig, plötzlich trifft man überall in der Stadt Menschen in Tracht. Vor allem sind dabei sehr viele Menschen, die Dirndl und Lederhosen sichtlich das erste Mal in ihrem Leben tragen. Das merkt man nicht nur, wenn sächsische, schwäbische oder andere fremdsprachige Laute aus Lederbuxen und/oder Rüschendekolletees tönen. Denn merke: Je fremder und unwohler man sich in bayerischer Traditionskleidung fühlt, desto mehr und  lauter spreche ich.

Monty Python: Ministry of Silly Walks

Das verräterischste Merkmal eines ungeübten Trachtenträgers sind neben völlig unzulässigen Kombinationen von Accessoires seltsame Bewegungs-Anomalien. Mädels von auswärts in Dirndln nesteln am Dekolletee und versuchen – vergeblich – zu kurze Rücke nach unten zu verlängern. Die Buben und Herren in ungewohnten Lederhosen haben einen seltsam gestelzten Gang, als seien sie in ein zu steifes, zwickendes Lederfutteral gesteckt worden. Und genau so ist es.

Ministry of Silly Walks

Was aber im Stadtbild noch mehr auffällt – etwa ab 14:00 Uhr jeden Tag – sind Menschen, die direkt aus dem „Ministry of Silly Walks“ (aus dem legendären Sketch von Monthy Python) entsandt zu sein scheinen. Es gibt nichts Erheiterndes als den Versuch von Menschen, die konzentriert versuchen, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass sie am hellichten Tag schon zuviel Bier erwischt haben. Besonders absurd wird das natürlich, wenn solche Personen kurze Lederhosen mit Brustgeschirr und karierte Hemden tragen. Jeder Schritt ist zu groß oder zu klein, zu langsam, zu bemüht und natürlich unstet. Und je mehr versucht wird, das mit einem breiten, nicht sehr intelligenten Grinsen zu kaschieren, um so schlimmer wird es.

Je später der Abend, desto verrückter werden die Geh-Deformationen – und die Bemühungen, sie zu kaschieren tendieren gegen Null. Die Burschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, das Ziel mit großen Umwegen zu erreichen und dabei das Gleichgewicht zu halten, als dass noch auf Wirkung nach außen geachtet werden kann. Gäbe es das „Ministry of Silly Walks“ heute noch, es müsste zu Recherchezwecken unbedingt eine Webcam aufstellen, die Menschen auf dem Weg vom Bierzelt zum Pissoir aufzeichnet. Ich denke, dass die U-Bahn-Angestellten, die die Monitore der Überwachungskameras an den Wies’n-Haltestellen überwachen, alle zwei Stunden wegen akuter Zwerchfellerschöpfung ausgetauscht werden müssen.

Theorie des Suri

Wer mit einem analytischen Auge und hoher Toleranzschwelle das Oktoberfest besucht, und dann nicht zu viel Bier erwischt, der kann  sehr gut die verschiedenen Stadien der Betrunkenheit feststellen. Es ist bezeichnend, dass die bayerische Sprache dafür auch unterschiedliche Begriffe geprägt hat, die es so im Hochdeutschen – und anderen Weltsprachen – nicht gibt. Der schönste Begriff in diesem Zusammenhang ist der „Suri“. Das ist der Zustand, der sich so langsam nach einer zügig getrunkenen Maß Oktoberfestbier einstellt, vor allem wenn einem dabei die Sonne voll aufs Hirn scheint.

„Suri“ wird in den einschlägigen Wörterbüchern mit „Rausch“ oder „Schwips“ übersetzt. Beides ist grundfalsch. Der „Suri“ ist eben (noch) kein Rausch. Es ist der Zustand, in dem man den Rausch erahnen kann, der die Welt um einen seltsam wattig aber zugleich sehr schön und angenehm wirken lässt. Er ist das bayerisch zurückgenommene Äquivalent zur Euphorie und ist dem Gefühl nahe, mit der weichen Seite der Faust einen liebevollen, aber veritablen Schlag auf die Stirn bekommen zu haben. Das Schöne am Suri ist, dass er keine negativen Folgeerscheiningen (Unwohlsein, Kater etc.) nach sich zieht. Er ist sozusagen die wohlseitige Variante des Rausches. Und es ist der Zustand, in dem die Kontrolle über die Gehmotorik langsam verloren geht.

Die Nebenwirkungen der Süffigkeit

Es ist ja auch bezeichnend, dass als Beschreibung für das Wiesnbier der Begriff „süffig“ erfunden wurde, der sich von „saufen“ ableitet. Einen Begriff, den andere Sprachen gar nicht kennen oder anders interpretieren. „Quaffable“ im Englischen meint, dass man ein Gebräu sehr gut in großen Schlucken vertilgen kann, also die Vorbedingung zum „binge drinking“ erfüllt. Das Italienische kennt das Wort beverino, was aber eher gut trinkbar meint und eher Weinqualität beschreibt.

Wenn man im Zustand des Suri nicht das Trinken langsam ausschleicht, ist der Weg zum Rausch nicht weit. Und das ist auf der Wiesn nur das Zwischenstadium zum „Fetzen Rausch“, dessen Nachwirkungen man dann am späten Abend in den verschiedenen Fahrzeugen des Öffentlichen Nahverkehrs in aller deprimierenden Deutlichkeit des Neonlichtes begutachten darf, wenn auch die letzte lederhosen-bedingte Steifheit völliger Erschlaffung gewichen ist.

Die Kultur des Rausches

Nein, wir schließen uns an dieser Stelle nicht dem üblichen Lamento an, dass das Oktoberfest doch nur ein widerliches Massenbesäufnis ist, eine staatlich sanktionierte und touristisch hoch willkommene Massen-Drogen-Darreichung. Der Rausch, vor allem der gemeinsam vollzogene Rausch, ist ein hohes und sehr altes Kulturgut. In allen Kulturen seit der Steinzeit wurde dem Rausch gefrönt, seien es Bier, Met, halluzinogene Pilze, Cannabis oder sonstige Rauschmittel gewesen. Selbst in der Bibel wird der maßvolle Rausch (Suri!) als positiv, weil fröhlich machend gesehen. Und noch in den indogensten Stämmen des Amazonas ist der Rausch Teil der Kultur und des Soziallebens.

Zwei steile Thesen gibt es, warum wir Menschen berauschende Momente dringend benötigen. Die erste, religiöse Variante ist, dass uns kulturhistorisch der Rausch aus unserem lapidaren Menschsein für Stunden befreit und uns den Göttern näher bringt. Die zweite, psychologische Interpretation ist, dass uns der Rausch dabei hilft, das stets verdrängte Bewusstsein, dass wir alle einmal sterben müssen, auszuhalten. Es bringt uns für Stunden dem Tode (je nach Dosis) sehr nah – wir springen ihm aber am nächsten Tag wieder vom Schippchen.

Es ist daher sehr faszinierend zu sehen, welche meiner Freunde fast jeden Tag diese Nähe zu Tod und Gott suchen. Facebook, Foursquare & Co. enttarnen die notorischen Wiesnbesucher.

Prost – samma wieda guad!

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