Wir sind die Europäer!

17. Juli 2011

Toleranz, Neugier & Europa

Mein Vater hat mir nicht allzu viel bewusst für mein Leben mitgeben können, dazu ist er zu früh gestorben. Außerdem war er zweimal in der falschen Partei, vor 1945 und – meiner Meinung nach – auch nach 1945. Aber drei ganz große Interessen hat er mir dann doch beigebracht, indem er es einfach vorlebte: Toleranz, Neugier – und eine ungeheure Liebe zu Europa. Es ist kein Zufall, dass diese drei Dinge direkt miteinander zusammenhängen, sich sozusagen gegenseitig bedingen. Sie waren aber die Quintessenz des Lebens meines Vaters.

Ausbildung zum Europäer - ca. 1960

Geboren in Ostpreußen, war sein Vorname italienisch: Bruno. Nach 1918 wurde er vertrieben und erlebte seine Jugendjahre in Herne – samt Mitgliedschaft bei Westphalia Herne und lebenslangem Interesse für diesen Verein. Seine ersten Berufsjahre und lange Junggesellenjahre verbrachte er in Berlin. Zunächst im weltoffenen, lebenslustigen Berlin der späten 20er-Jahre. Da verkehrte er auch gerne in den Künstlerkreisen seines jüngeren Bruders Hans. Dann im immer rigider werdenden Berlin der Nazis.

Aussöhnung mit Frankreich

Im Krieg wurde er nach Frankreich abkommandiert, in die Etappe, in die Justizverwaltung. Er sprach ganz gut französisch, das machte Sinn. Dort überlebte er nur knapp – und mit schweren Brandverletzungen – ein Bombenattentat der Résistance. Langen Jahren im Lazarett folgten die Kriegsgefangenschaft und eine tiefe Depression nach dem Krieg. Das alles eigentlich nicht die optimale Vorbedingung, ein überzeugter Europäer zu werden.

Aber im Gegenteil, er war glühender Anhänger der Aussöhnung mit Frankreich. Er ging jede Woche einmal eine Stunde früher ins Büro im Deutschen Patentamt, um dort mit etlichen Kollegen eine Stunde lange zum Üben die Geschäfte in Französisch zu führen. Abends ging er zweimal die Woche ins italienische Kulturinstitut, bis er fließend italienisch sprach. Und zum Üben musste man dafür natürlich nach Italien fahren, das erste Mal 1953 nach Gabicce Mare (Marken!) mitsamt schwangerer Gattin. So gesehen habe ich Italien schon vor der Muttermilch in mir aufgesogen.

Einmal rund um Europa

Von da an ging es regelmäßig zum Urlaub nach Italien, vorzugsweise an die Adria. Das Leben in der Fremde, die andere Kultur, das andere – tolle! – Essen – und die Unterhaltungen in einer fremden Sprache, das war Freude und Selbstverständlichkeit. Vor meiner Einschulung sollte ich dann mal ganz Europa kennen lernen. Von Rijeka aus sollte es mit einem Frachter mit Passagierkabinen quer durchs Mittelmeer und dann die Westküste Europas entlang bis nach Hamburg gehen – alle wichtigen Häfen unterwegs inklusive. Leider ging das Schiff knapp vor der Fahrt kaputt – und statt vier Wochen auf See wurden daraus eine Woche Rijeka und drei Wochen Elba.

Meine erste große Liebe war dann auch eine Italienerin: Patrizia. Wir verständigten uns in einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Italienisch und Latein (!). Na ja, natürlich auch mit anderen Kommunikationsmitteln: Hände, Augen etc. (Nein, etc. eher weniger, wir waren gerade mal 14.) Meine und Patrizias Eltern freute diese grenzüberschreitende Beziehung. Sie freundeten sich auch miteinander an. Patrizias Vater, ein Ingenieur aus Mailand, der gut Deutsch (!) sprach, und mein Vater unternahmen lange Strandspaziergänge und diskutierten über Politik und das Leben. Ja sie stritten sogar darüber, wer den Faschismus erfunden hätte, wir oder die Italiener. (Eine müßige Debatte angesichts der Taten des deutschen Faschismus.)

Begeisterung für Europa

Einig aber waren sich beide Väter in der Begeisterung für Europa, über alle Grenzen und alle politischen Einstellungen hinweg. So wurde ich mit der gesamten Verwandschaft in der Emilia Romagna bekannt gemacht. Frischen Parmaschinken aus dem Schinkenkeller (voller reifender Schweinekeulen) plus frisch gebackenes Pizzabrot, das war meine Einführung in die delikaten Genüsse der cucina povera. Und ein paar Tage später ging es ins Fischrestaurant, wo ich ein und für alle Mal lernte, alle möglichen komisch aussehende Meeresgetier haptisch zu beherrschen und kulinarisch zu genießen.

Patrizia und Familie besuchten uns dann sogar in München, sie wollten auch mal die nördlichste Stadt Italiens kennen lernen – ausgerechnet im kalten November. Kurz darauf starb mein Vater, der Europäer. Die Beziehung zu Patrizia brachte schließlich die italienische Post zum Einschlafen. Eine Brieffreundschaft, bei der Briefe erst mit einem halben Jahr Verspätung ankommen, kann nicht funktionieren. (Ein Kuriosum – heute in den Zeiten der Realtime-Kommunikation per Facebook…)

Gelernter Europäer

So gesehen bin ich gelernter Europäer. Wenn ich das gelbe Stadtschild von München auf dem Weg nach Süden hinter mir lasse, überkommt mich ein kleiner wohliger Schauer. Wenn ich aber an den ehemaligen Grenzstationen etwa in Kiefersfelden oder am Brenner vorbeifahre, dann freue ich mich noch immer wie ein kleines Kind. Das mag naiv sein, ist aber den langen Wartezeiten und langen Staus geschuldet. Und ich muss gestehen, die Freude, diese Grenze ohne Kontrollen zu passieren ist – klammheimlich – ein wenig größer als wenn ich die innerdeutschen ehemaligen Grenzanlagen hinter mir lasse.

Ich jedenfalls bin froh, ein Europäer zu sein, und das jetzt in Italien auch aktiv (mit allen Sonnen- und Schattenseiten) leben zu dürfen. Meine Liebe zu Europa und seiner kulturellen Vielfalt ist mir bei meinen Reisen in andere Kontinente – vor allem durch meine Aufenthalte in den USA bewusst geworden. So schön es dort sein kann (Seattle, L.A., New Orleans, Miami…), wenn man kurz darauf durch Europa reist, spürt man den Unterschied, dann kann man die Kraft und das Potential, das Europa hat, schier mit Händen greifen. Das Problem ist nur, dass dieses Potential nur in einem geeinten Europa genutzt werden kann.

Gut-Wetter-Europäer

Und wenn man jahrzehntelang Geld innerhalb der EU verleiht und so Schuldenabhängigkeiten schafft, damit dort die Güter und Dienstleistungen der Exportweltmeister aus Deutschland gekauft werden können, dann gehört wohl auch dazu, dass man diese Schuldenabhängigkeit im Notfall verringert oder tilgt. Es ist doch kein Zufall, dass alle Experten, wenn in Deutschland europakritische Stimmen zu hören waren, immer beflissentlich den Finger auf die Lippen gelegt haben und: „Pssst! Wir sind doch die eigentlichen Nutznießer des Euro!“ geflüstert haben. Europa ist aber eben keine Gut-Wetter-Veranstaltung.

Europa ist kulturell und ideell eine Win-Win-Konstellation. Wirtschaftlich gibt es solche Konstellationen, bei denen jeder etwas davon hat, eher sehr selten. Daher geht es hier um den gerechten und sinnvollen Austausch von Interessen. Und da müssen die, die Vorteile haben, denen, denen es schlecht geht, eben helfen. Das ist das Grundprinzip unseres Gemeinwesens. Und das muss eben genauso europaweit gelten. Das haben aber viel zu viele Politiker noch nicht verstanden. Zu leicht sind vermeintlich Stimmen zu gewinnen, indem man über Europa herzieht.

Europa-Fremdlinge

Und da sind wir am Ende beim Kern des aktuellen Problems: Angela Merkel. Es ist bitter, wenn man jetzt sogar Helmut Kohl recht geben muss, wenn der feststellt: „Die macht mir mein Europa kaputt!“ Besser, komplexer und emotionaler hat das Hendryk M. Broder In Welt online formuliert: „Warum Europas Bürger den Politikern voraus sind.“ Wir sind eben in der Mehrzahl gelernte Europäer – wie ich in meinem Fall oben beschrieben habe. Angela Merkel, die ihre Sozialisation ohne die intime und intensive Kenntnis der europäischen Kernländer erlebt hat, ist definitiv keine gelernte Europäerin. Sie hat dazu keine emotionale Bindung aufbauen können wie ich etwa, sie fremdelt erkennbar. Da ist ein Bekenntnis zu Europa bestenfalls ein Kalkül, aber eben keine Herzensangelegenheit.

Unter den Politikern – bis hinauf in die Regierung – sollte es eigentlich genug gelernte Europäer geben, die einmal politisches Kalkül beiseite stellen und eine Lanze für Europa gerade in Krisenzeiten brechen. Wo ist hier eigentlich der Außenminister, der doch auch für Europa zuständig wäre? Und wer setzt heute die Tradition der großen Europäer in CDU (Adenauer) und CSU (Strauß) fort? Es kann doch nicht sein, dass vor lauter vermeintlicher Angst vor Wählerverlusten Europa die Befürworter ausgehen. Dann müssen halt wie in Stuttgart und anderswo wir Bürger ran. Statt „Wir sind das Volk!“ muss es dann halt heißen: „Wir sind die Europäer!“ – Ich bin’s.

Advertisements

One Response to “Wir sind die Europäer!”

  1. Corinna Says:

    Es dürfte für viele Deutsche schwierig sein, zu sagen: „Wir sind die Europäer.“ Dazu müssten sie zunächst geistig über die Grenzen ihres Heimatortes hinauswachsen. Manche haben noch nicht einmal bemerkt, wie groß Deutschland inzwischen geworden ist.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: