Digitale Assimilanten

27. Mai 2011

Die andere Gnade der späten Geburt

Ich habe mich einst eine zeitlang geärgert, knapp zu spät geboren worden zu sein, um zu den  68-ern zu gehören. Nix war’s mit „Summer of Love“ und so. Im Hippiesommer ’68 war ich gerade mal 14 Jahre alt und trug brav jede Woche die Katholische Kirchenzeitung im Münchner Osten aus. Als Woodstock stattfand, war ich 15 und Komparse in „Herzblatt“, einem Pennäler-Film mit Mascha Gonska und Georg Thomalla. Da Mascha in dem Film mit blankem Busen zu sehen war, war der Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben – ich habe ihn deshalb nie selbst zu sehen bekommen. So war das mit dem Jugendschutz damals.

Später habe ich die Tatsache, etwas „zu spät“ für große Zeitenwenden gekommen zu sein, nicht mehr bereut. Im Gegenteil. Sie schuf die Möglichkeit, kritischen Abstand zu den schlimmsten Auswüchsen des Zeitgeistes zu bewahren. Als etwa in der Schülermitverwaltung am Gymnasium ausgerechnet der bei weitem fetteste und hässlichste Mitschüler (vier Jahre älter) mit viel Verve ein Sex-Zimmer in der Schule forderte – in einem reinen Knabengymnasium wohlgemerkt – fand ich das sehr, sehr strange. Immerhin haben wir damals die Einrichtung eines Raucherzimmers durchgesetzt. (Für solche „Freiheiten“ wurde damals gekämpft!) Oder wenn sich Konstantin Wecker (fünf Jahre älter) mit seinen Freunden im Musiksaal austobte, dann klang das toll, aber irgendwie altmodisch. Rock klang anders: rauher, weniger poetisch, so wie Cream oder Jimi Hendrix.

Kelly vs. Ditfurth vs. Fischer

Als 1980 die Grünen gegründet wurden waren es wieder die 68er, die  maßgeblich daran beteiligt waren. Ich war ein sympathisierender Beobachter, bis ich eine Versammlung des Ortsvereins der Grünen in München-Haidhausen besuchte. Ich ahnte eigentlich sofort als ich rein kam, dass ich hier falsch war (viele Jahre zu jung und Meilen zu unideologisch). Nach einer Stunde genervten Zuhörens war ich fortan nur mehr interessierter journalistischer Begleiter. Nur mit diesem Abstand konnte ich intensive Interviews mit Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Joschka Fischer führen, obwohl sie sich gegenseitig so wenig leiden konnten, dass sie schnell mal sauer waren, wenn ein „Parteifreund“ interviewt wurde.

Ich bin seitdem recht glücklich damit, ein Post-68er zu sein. Biografisch nah genug, um die Idee zu verstehen, weit genug, um sich ideologisch nicht anzustecken. Nah genug, um den Freiheitsdrang zu verstehen, weit genug, um ihn für sich anders und weiter definieren zu können. Außerdem kann man – sozusagen von außen – die Situation besser analysieren und reflektieren – und man kann auch als Mittler zwischen den Generationen oder Ideologien agieren. Das tröstet ganz gut darüber hinweg, scheinbar etwas „verpasst“ zu haben.

Wir glücklichen Prä-Digitalisten

Die Distanz funktioniert biografisch nicht nur altersmäßig rückwärts, sondern auch umgekehrt, sozusagen nach vorne.  So finde ich es nicht schlecht, ein Prä-95er zu sein, ein Prä-Digitalist, ein Mensch, der weit vor dem Internet geboren und sozialisiert worden ist. So analog, literal und bildungsbürgerlich, wie am altehrwürdigen Wilhelmsgymnasium in München (*1559), einem humanistischen Gymnasium, kann man kaum anderswo ausgebildet werden. Hier haben wir nicht nur Latein und Altgriechisch gelernt, sondern sogar altägyptische Hieroglyphen. Bis heute kann ich, wenn ich bildungs-angeberisch gelaunt bin, einfache Sätze und etliche Pharaonen-Namen auf Stelen oder Obelisken etc. entziffern.

Genau diese Literalität über etliche Kulturen hinweg hat es mir vergleichsweise leicht gemacht, mich in immer neue Logiken hinein zu arbeiten, ob das HTML-Code, komplexe Excel-Sheets oder die Logik von Algorithmen waren. Nie vergesse ich während meines Linguistik-Studiums meinen Kampf mit einem Fachbuch eines Finnen, in dem er (auf Englisch!) die Entwicklung von Lautverschiebungen in indogermanischen Sprachen in Relation zum Wachstumsalgorithmus von Farnen interpretierte. Auf Seite 200 oder so war ich sprichwörtlich „mit meinem Latein am Ende“ und wandte mich hilfesuchend an meinen Dozenten. Der schaute mich irritiert an: „So weit sind Sie gekommen? Toll. Ich bin schon bei Seite 100 ausgestiegen.“ Das machte mich nicht stolz – sondern erschütterte nachhaltig meinen Glauben an den Wissenschaftsbetrieb.

Kritische Assimilation

Ich bin also definitiv kein Digital Native. Und das ist gut so. Gerade aus der Distanz kann man – bei richtiger Einstellung Neuem gegenüber – die Entwicklungen in die digitale Welt gleichzeitig euphorisch und kritisch begleiten. Euphorisch, weil man die immensen Vorteile dieses weltumspannenden, interaktiven und unhierarchischen Kommunikations-Tools, dieses – wenn man so will  – Über-Mediums täglich erlebt und genießt (zum Beispiel in und mit diesem Blog). Kritisch, weil man mögliche misslichen Entwicklungen beobachten bzw. absehen kann. Damit meine ich aber nicht das Internet-Bashing und digitale Katastrophen-Management, das so viele meiner Journalistenkollegen pflegen.

Ich finde es absurd, wie in den etablierten Medien das Internet fast reflexhaft als Feind und Übel behandelt wird, von den Menschen, denen man die größte Kompetenz im Umgang mit Medien zubilligen möchte. Ausgerechnet die verweigern in großer Mehrzahl den Umgang mit dem neuen Hypermedium Internet. Zugegeben, man muss hier einiges neu erlernen und sich von manch Liebgewonnenem verabschieden. Wer aber einfach nur motzt, dass das Internet ein einziger Haufen Mist sei (wenn es nicht noch drastischer formuliert ist), der übersieht, dass solch eine Einschätzung in einem Medium, in dem der User selbst sein eigener Programmgestalter ist, gegen einen selbst spricht, wie es Martin Oetting in seinem Vortrag bei Scholz & Friends sehr schön beschrieben hat.

Gerade Menschen mit hoher Medien-Kompetenz könnten so nützlich sein, die neue Welt der digitalen Kommunikation möglichst qualitativ, innovativ und vor allem frei zu gestalten. Denn auch wenn das Internet viele Paradigmen umgestürzt hat, so ist der „Faktor Mensch“ derselbe geblieben. Die User wollen weiterhin professionell gestaltete Inhalte (obwohl sie nun selbst die Definitionshoheit haben, was „gut“ ist). Auch im Internet funktionieren gut erzählte Geschichten am besten, und gerade hier wird Authentizität besonders hoch geschätzt.

So spielen wir Digitalen Assimilanten, die wir aus den analogen Medien kommen und deren Grenzen kennengelernt und/oder erlitten haben, eine interessante Rolle. Wir haben begierig, eifrig und vielleicht auch effizient die neue Welt der digitalen Medien erlernt, viel mit Try & Error. Und wir haben sie intensiv reflektiert. Das mag für Digital Natives manchmal komisch altmodisch, vielleicht auch nervig sein. Hilfreich ist Reflexion allemal. Ein schönes Beispiel dazu ist das gerade veröffentlichte Video von Harald Taglinger, der etliche deutsche Onliner der ersten Stunde in Interviewform porträtiert hat. (Unter anderem auch meine Wenigkeit.)

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