Mysterium Bleistift

16. April 2011

Duft & Geräusch von Holz und Graphit

Man kann heute mit sehr einfachen Dingen Menschen zum Staunen bringen. Vorausgesetzt, man benutzt nicht moderne Technologie, sondern archaische Tools. Man muss nur etwa in der S-Bahn seine Gedanken mit einem Bleistift zu Papier bringen. Wenn man das lange genug macht, muss der Stift nachgespitzt werden. Das ist ein fast kulinarisches Vergnügen. Man dreht den Stift im Spitzer, das leise Schabegeräusch vermischt sich mit diesem speziellen Geruch aus dünn gespleißtem Holz und Graphit – und Sekunden später hat man wieder einen spitzen, schreibbereiten Stift.

Da staunen die umsitzenden Mitfahrer in der S-Bahn. Das macht mehr Eindruck als jedes Herumspielen am noch so neuen und noch so intelligenten Smartphone. Es ist vor allem ein neidfreies Vergnügen. Es hilft, dass man so wie ein wenig aus der Zeit heraus gefallen scheint. Wer mit Bleistift auf Papier notiert, der outet sich als Wesen aus einer analogen, linearen (sic!) Zeit. So gesehen ist der Bleistift zum geschriebenen Wort was das Vinyl zur Musik ist. Ein Nostalgikum mit Stil – nein mit Stilus (lateinisch für „Griffel“)…

Ideen im Zug zu Papier zu bringen, das war mir schon immer ein besonderes Vergnügen. Nicht zwangsweise mit dem Bleistift, wenn genug Platz ist auch gerne per Tastatur. Aber irgendwie passt der Ausdruck im Amerikanischen, wenn man auf eine Gedankenreise (sic!) geht: „Train of Thought“. Wenn man sein Denken erst einmal auf ein Gleis gebracht hat, kommen die Gedanken wie von selbst und ziehen am inneren Auge wie eine im Moment erschaffene Imaginations-Landschaft an einem vorbei. Dann gilt es, diese so schnell wie möglich festzuhalten. Und wenig eignet sich dazu besser, als ein Skizzen-Monitor aus Papier und Stift.

Analoges Schreiben im Digitalen Zeitalter

Das Schreiben mit einem Stift ist zunächst ein rein analoger Prozess. Aber dank der Option zu Anmerkungen, Korrekturen und Einschüben – und im Notfall unter Einsatz des am Stiftende angebrachten Radiergummis – dennoch relativ offen, sozusagen prä-digital oder archao-digital. Man kann die Prozesshaftigkeit des Schreibens gut und genüsslich auskosten. Man fängt an zu denken – und gerät schnell irgendwohin, wo man nie gedacht hätte, jemals hinkommen zu können. Schreiben ist so stets ein Reisebericht aus einer selbst erdachten, immer gerade neu erlebten, neu eingerichteten Gedankenwelt.

Einst musste man sich, wollte man professionell schreiben , seinen Artikel zu Anfang klar zurecht legen, wollte man nicht seine Tage mit dem Abtippen immer derselben Texte verbringen. Nach vorher festgelegtem Plan wurden die Artikel dann verfasst. Ein relativ unfreies Unterfangen – und wehe, man kam zu sehr vom vorher erdachten Plan ab, dann konnte man, vor allem bei Reportagen von 20.000 oder mehr Zeichen (ja, das gab es einst in der Zeitschriftenlandschaft), schwer verunglücken.

Die Befreiung des Schreibens durch den PC

Die Erfindung des Personal Computers, an dem man seine Texte unbekümmert in die Tastatur hämmern konnte, ohne Rücksicht darauf, sie später noch mal abtippen zu müssen, erlebte ich Ende der 80er-Jahre als echte Befreiung. Endlich konnte man seinen Gedanken freien Lauf lassen, konnte mühelos löschen und korrigieren, ergänzen und modifizieren. Das Schreiben war nicht mehr ein linearer Vorgang, sondern immer mehr ein offener Prozess. Man konnte peu à peu lernen, Schreiben in seiner Prozesshaftigkeit genießen zu lernen.

Das hieß, man konnte das Risiko eingehen, das Schreiben offen zu gestalten und sich selbst damit zu überraschen, wo man am Ende eines Textes hin geriet. – Ein schönes Faszinosum, das nur leider nicht immer von Chefredakteuren und Auftraggebern entsprechend wertgeschätzt wurde. Artikel waren eben keine ergebnisoffenen Kunstwerke, sondern doch klar definierte Aufgaben. Vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbusiness waren sie Produkte, die im besten Fall auf definierte Zielgruppen ausgerichtet waren, wollten sie erfolgreich sein.

Texte auf Reisen ins Unbekannte

Erst die Blogosphere gab wieder die Freiheit, Texte auf Reisen zu schicken. Auf Reisen ins Unbekannte – oder ins Erahnte. Oder auf Reisen zu sich selbst. Die Befreiung von klar umrissenen publizistischen Vorgaben und strengen Formatvorgaben justierte das Schreiben und die Texte neu. Wenn man sieht, wie viele gute Texte heutzutage täglich – abseits der professionellen journalistischen Domänen – entstehen, erlebt man, wie sehr diese Befreiung des Schreibens Früchte trägt. – Und seit die kleinen Formen der Schreibens, die Tweets oder die Facebook-Einträge, ausgiebig (aus-)geübt werden, erleben noch viel mehr – auch illiterale – Menschen das befreite Schreiben.

Es gibt heute im Internet so viele Texte zu lesen, die geschrieben werden mussten, die geschrieben werden wollten – und die diejenigen, die sie geschrieben haben, wohl am Ende selbst erstaunt haben. Denn wer hätte gedacht, wohin einen der freie „Train of Thought“, der freie Prozess des Schreibens, wie er in Blogs (und Tweets und Miniblogs) üblich ist, schlussendlich bringt. – Und derselbe Prozess, wie er hier am Beispiel des Schreibens beschrieben worden ist, gilt gleichermaßen auch für Fotos oder Videos. Auch hier haben die digitale Technik und die Freiheit der Blogs und Sozialen Netze Unmengen an staunenswerten Bildern und Filmen geschaffen.

Perlen im Ozean der Phantasie

Unwidersprochen, das Internet und die Sozialen Netze sind auch (über-)voll von Banalitäten, Kalamitäten, Gemeinplätzen und Gemeinheiten, von Unsinn und Irrsinn. Aber das ist der Lauf der Evolution. Sie lebt von Irrtum und Irrwegen, von Try und gerade auch „Error“. Kreation ist nicht eine Massenproduktion von Perlen, Kreativität nicht Exzellenz am Fließband. Es geht in einer digitalen Kultur nicht mehr um den Geniestreich eines Einzelnen, sondern um den freien Austausch frei geborener Ideen. Wunderbar bringt diese Erkenntnis der britische Autor Matt Ridley („The Rational Optimist“) in seinem Vortrag bei TED mit dem Titel „When ideas have sex“ auf den Punkt.

Als ein gutes Beispiel, wie wichtig es für uns Menschheit war – und in Zukunft noch viel mehr sein wird, dass wir unsere Gedanken miteinander austauschen und so die Evolution und unser Fortleben (sogar mit mehr Wohlstand und in besserer Gesundheit) garantieren, dient Ridley das Beispiel des Bleistifts. Er zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Leonard Read, der bereits in den 50er-Jahren exemplifiziert hat, dass eigentlich kein Mensch weiß, wie ein Bleistift hergestellt wird. Nicht der Fabrikbesitzer, nicht der Ingenieur und nicht der Arbeiter in der Fabrik.

Denn keiner von ihnen weiß, wie Graphit geschürft wird, wie der zu einer Mine wird, wie die Bäume für den Stift gefällt werden – und schon gar nicht, wie die Mine ins Holz kommt. (Das weiß bestenfalls die Maus aus der „Sendung mit der Maus“ – und natürlich Faber Castell.) Muss man auch nicht. Denn es kommt darauf an, dass wir – arbeitsteilig – unsere Gedanken und Ideen austauschen und weiterentwickeln. Ganz frei – global vernetzt – und immer mehr davon – und immer schneller…

2 Responses to “Mysterium Bleistift”

  1. mee-z Says:

    Mein spezieller Freund ist der STAEDTLER® Noris Club® jumbo
    http://www.staedtler.de/Noris_Club_triplus_jumbo.Staedtler
    „Dicker Schreiblernbleistift in ergonomischer Dreikantform“ und „Besonders bruchfeste Mine“


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