Die Physiker(in)

16. März 2011

Die etwas schlimmere Kettenreaktion

Der Spruch ist so banal wie treffend: „Chemie ist, wenn es kracht und stinkt; Physik ist, wenn es nicht gelingt.“ Heute erlebt Japan die schlimmstmögliche Bestätigung dieses Schüler-Juxes. In Fukushima ist live mitzuerleben, wie die Hybris von Physikern, die Kernspaltung für beherrschbar hielten, eine Katastrophe noch in seine Eskalation treiben.

Selbst der einfachst denkende Mensch käme nicht auf die Idee, einen Reaktor neben den anderen zu setzen, am besten gleich sechs davon. Atomphysik funktioniert nach dem Prinzip der Kettenreaktion, eine radioaktive Katastrophe genauso: Wenn man sechs Reaktoren nebeneinander baut, schaffen die Probleme eines Reaktors Probleme in den daneben liegenden. Wenn einer durchbrennt, müssen die anderen in Mitleidenschaft gezogen sein, etwa durch Explosionen – und effektive Gegenmaßnahmen können dann logischerweise weder hier noch dort mehr durchgeführt werden. Fukushima beweist das tragisch eindrucksvoll.

Wahrscheinlich waren es nicht Physiker, die auf den Irrwitz gekommen sind, sechs Kernkraftwerke in Reihe zu bauen, das werden wohl eher die Business-Developer und Rendite-Rechner der Betreiber gewesen seien. Physiker hätten allerdings dagegen Einspruch erheben müssen. Keine Chance jedoch dazu im konsenssüchtigen Japan. Aber bei uns haben sie ja genauso mehrere Atomkraftwerke in trauter Nachbarschaft gebaut: drei Stück in Grundremmingen, zwei in Biblis, Ohu, Neckarwestheim, Philippsburg und in Greifswald waren es derer sogar fünf. Auch hier kein Einspruch von Seiten der Atomphysiker.

Brennstab auf dem Dach

Oder die Idee, die alten Brennstoffe in unmittelbarer Nähe zum Reaktor in Abklingbecken aufzubewahren. In Fukushima ausgerechnet über dem Reaktor. Wenn der explodiert, müssen die Brennstäbe unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen werden – und setzen radioaktive Strahlung frei – und liefern dann noch Nachschub für die drohende Kernschmelze. Natürlich ist solch eine reaktornahe Lagerung den physikalischen Bedürfnissen geschuldet. Schließlich müssen die alten, noch lange heißen Brennelemente jederzeit mit Wasser gekühlt werden. Da bietet es sich an, dass man da die Transportwege kurz hält. Vor allem, weil ja nichts passieren kann.

Das ist das Dilemma der Physik – und der Physiker. Sie versuchen die Welt zu erklären, sie versuchen die Welt in Formeln zu erfassen und sie berechenbar zu machen. Dumm nur, dass die Natur hier nicht so recht mitspielt. Anders als in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen, in denen reflektierende Wissenschaftler die Tatsache nicht leugnen, dass mit jeder neuen Erkenntnis der Forschung klar wird, wie viel mehr noch nicht bekannt ist, glaubt ein Großteil der Physiker noch, die Welt immer besser erklären – und beherrschen zu können. – Wie fatal.

Physik als Politik

Die Ironie der Geschichte – Geschichte hier im Sinne Historie – ist es, dass in der Bundesrepublik ausgerechnet eine Physikerin die Atompolitik verantwortet. Eine Physikerin, die 1978 ihre Diplomarbeit am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR schrieb. Titel der Arbeit: „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“. Für die Arbeit bekam sie die Note Eins: „sehr gut“. Später war sie, passend zu ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, von 1994 bis 1998 im Kabinett von Helmut Kohl „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ (sic!).

Es ist schwer vorstellbar, wie Angela Merkel als Physikerin mit dem Desaster und dem drohenden multiplen Super-GAU in Fukushima zurecht kommt. Hier muss eine lebenslange Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar ist, die sie jenseits jeder fachlichen Naivität gelebt hat, mit einem Mal geborsten sein. Eine Illusion, die sie vor einem halben Jahr vielleicht dazu gebracht hat, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern – will man ihr keine unlauteren Motive unterstellen.

Kernschmelze einer Illusion

Um so verwunderlicher ist es, wie Angela Merkel sich windet und in halbgare Floskeln flüchtet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie nur die Entscheidungskraft für ein „Moratorium“ aufbringt. Als würde in drei Monaten die Welt wieder heiler aussehen – und als sei bis dahin die Illusion der Beherrschbarkeit der Kernkraft irgendwie wieder herstellbar.

Das Entsetzen darüber, sich hier als Physikerin ein ganzes wissenschaftliches und berufliches Leben lang grundlegend getäuscht zu haben, ist anscheinend so krass, dass sie ihren politischen Instinkt, der sonst so ausgeprägt war, verloren hat. Diese Kernschmelze einer Illusion muss unheimlich weh tun. Und das ist ein Problem, wenn man als Physikerin Bundeskanzlerin ist. Das ist das Problem, wenn sich Deutschland eine Physikerin als Bundeskanzlerin leistet.

Ideelle Schockstarre

Peinlich, wenn selbst halbseidene Politiker wie der bayerische Umweltminister Markus Söder glaubwürdiger und konsequenter rüberkommen als die Kanzlerin. Peinlich, wenn ein Kernkraft-Junkie wie Stefan Mappus deutlichere Worte findet und zu härteren Maßnahmen bereit ist als Angela Merkel, die er einst in die desaströse Laufzeitverlängerung getrieben hat. Nahezu tragisch ist es, wenn sich eine Atomlobby-Partei wie die FDP unter Guido Westerwelle schneller und konsequenter von der Atompolitik lösen kann als die Chefin der schwarz-gelben Koalition. Das scheint die logische Folge einer ideellen Schockstarre bei der Physikerin Angela Merkel zu sein.

Die Welt hat uns Deutsche dafür beneidet, dass wir eine Wissenschaftlerin als Regierungschefin haben und nicht einen der üblichen Berufspolitiker. Eine Frau, die es gelernt hat, rational zu denken und kühl abzuwägen. Eine Frau des Geistes und des Wissens, die nicht Kalkül mit Intrige verwechselt, sondern weiß, dass damit Geistesleistung gemeint ist. – Die Welt kann wohl damit aufhören, uns für Angela Merkel zu beneiden.

2 Responses to “Die Physiker(in)”

  1. Eva Herold Says:

    Schön, Michael! Hab den Beitrag in Facebook gestellt, hatte gleich 3 Likes. Bist Du eigentlich bei Gesichtsbuch? Grüße,
    Eva


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